Wie eine Flamme im Wind - Carolin Grahl - E-Book

Wie eine Flamme im Wind E-Book

Carolin Grahl

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Beschreibung

Er kommt aus Gran Canaria und ist der Sohn von Dr. Daniel Nordens Cousin Michael und dessen spanischer Frau Sofia. Alexander kennt nur ein Ziel: Er will Arzt werden und in die riesigen Fußstapfen seines berühmten Onkels, des Chefarztes Dr. Daniel Norden, treten. Er will beweisen, welche Talente in ihm schlummern. Dr. Norden ist gern bereit, Alexanders Mentor zu sein, ihm zu helfen, ihn zu fördern. Alexander Norden ist ein charismatischer, unglaublich attraktiver junger Mann. Die Frauenherzen erobert er, manchmal auch unfreiwillig, im Sturm. Seine spannende Studentenzeit wird jede Leserin, jeden Leser begeistern! »Komm, Alex, wir müssen los. Unser erster Einsatz heute«, sagte Dr. Rudolf, während er mit einer Hand das Funkgerät zurück in die Gesäßtasche seiner Jeans steckte und mit der anderen den erst zur Hälfte geleerten Teller mit den Spaghetti zurückschob. Alex runzelte die Stirn. »Jetzt schon? Ich dachte, wir hätten noch Zeit zum Essen«, gab er kauend zurück und warf einen entgeisterten Blick auf seine Armbanduhr. »Jetzt. Sofort. Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe?«, knurrte Lars Rudolf. »Wir können unsere Spaghetti später fertigessen, wenn wir nach unserer achtstündigen Schicht hierher in die Rote-Kreuz-Station zurückkommen. Kalte Spaghetti mit ebenso kalter Tomatensoße sind eine Delikatesse, oder wusstest du das etwa nicht?« Alex bedachte Dr. Rudolf mit einem vielsagenden Blick, ließ aber von einer Sekunde auf die andere seine dick mit Nudeln umwickelte Gabel sinken und sprang auf. »Und wohin geht es?«, wollte er wissen. »Ballettschule ›Dancing Queen‹. Eine offenbar hochgradig lampenfiebrige Ballettelevin ist beim Vortanzen vor einem Casting-Team vom Film gestürzt.«

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Seitenzahl: 134

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Der junge Norden – 23 –Wie eine Flamme im Wind

Erst der Unfall, dann die Krankheit: Maritas Leidensweg nimmt kein Ende

Carolin Grahl

»Komm, Alex, wir müssen los. Unser erster Einsatz heute«, sagte Dr. Rudolf, während er mit einer Hand das Funkgerät zurück in die Gesäßtasche seiner Jeans steckte und mit der anderen den erst zur Hälfte geleerten Teller mit den Spaghetti zurückschob.

Alex runzelte die Stirn. »Jetzt schon? Ich dachte, wir hätten noch Zeit zum Essen«, gab er kauend zurück und warf einen entgeisterten Blick auf seine Armbanduhr.

»Jetzt. Sofort. Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe?«, knurrte Lars Rudolf. »Wir können unsere Spaghetti später fertigessen, wenn wir nach unserer achtstündigen Schicht hierher in die Rote-Kreuz-Station zurückkommen. Kalte Spaghetti mit ebenso kalter Tomatensoße sind eine Delikatesse, oder wusstest du das etwa nicht?«

Alex bedachte Dr. Rudolf mit einem vielsagenden Blick, ließ aber von einer Sekunde auf die andere seine dick mit Nudeln umwickelte Gabel sinken und sprang auf. »Und wohin geht es?«, wollte er wissen.

»Ballettschule ›Dancing Queen‹. Eine offenbar hochgradig lampenfiebrige Ballettelevin ist beim Vortanzen vor einem Casting-Team vom Film gestürzt.« In aller Eile zog Dr. Rudolf seinen weißen Arztkittel über. »Du hast hoffentlich, ehe du die Spaghetti gekocht hast, den Sanitätswagen vorschriftsmäßig durchgecheckt, Alex?«

»Klar doch«, erwiderte Alex. »Keine Sorge. Es ist alles im grünen Bereich.«

Dr. Rudolf nickte Alex anerkennend zu. »Gut gemacht, aber das habe ich von dir auch nicht anders erwartet.«

Zufrieden grinsend setzte Alex sich hinters Steuer des Sanitätswagens. »Und wohin bringen wir die kleine Ballettratte?«, erkundigte er sich bei Dr. Rudolf, der sich fast zeitgleich in den Beifahrersitz warf und die Tür hinter sich zuschlug.

»In die Behnisch-Klinik. Sie haben dort, wie man mir gesagt hat, in der Notaufnahme im Moment noch Kapazitäten frei.« Er gab Alex einen leichten Schubs mit dem Ellbogen. »Du kannst dich also, falls nötig, während deiner Praktikumsschichten weiter um die kleine Patientin und ihre Angehörigen kümmern. Und auf diese Weise wieder einmal deinen allseits geschätzten Beitrag zur Rettung der Welt leisten.«

Alex zog eine Grimasse und schaltete das Blaulicht ein.

»Martinshorn brauchen wir nicht«, erklärte Dr. Rudolf mit leicht spöttisch verzogenen Mundwinkeln. »Es handelt sich nämlich mit großer Wahrscheinlichkeit nur um einen verstauchten Knöchel. Was für die kleine Ballettratte ein Riesendrama ist, ist für uns eine Lappalie. Die Gewichtung von Ereignissen ist eben immer sehr stark subjektiv geprägt.«

»Der Knöchel könnte genauso gut gebrochen sein. Es könnte sich sogar um einen komplizierten Bruch handeln, der operativ versorgt werden muss«, hielt Alex dagegen.

Dr. Rudolf hob die Augenbrauen. »Mein Mitleid hält sich dennoch in Grenzen«, konstatierte er kühl. »Für diese kleinen Hupfdohlen, die systematisch lernen, ihre Bänder zu überdehnen und ihre Gelenke zu verdrehen, sodass ihr Bewegungsapparat später, wenn sie dreißig oder vierzig sind, Abnutzungserscheinungen aufweist wie bei einer alten Frau, kann ich, offen gestanden nur in sehr geringem Maße Verständnis aufbringen. Wenn ein junges Mädchen seine Gesundheit mutwillig zugrunde richtet oder sich von seiner Möchtegern-Starmutter dazu drängen lässt, kann es nicht auch noch erwarten, dass man ihm eine ganze Wagenladung voll Empathie entgegenbringt.«

»Wie bitte? Soll das etwa heißen, dass …«

Dr. Rudolf fing an zu lachen. »Nein, das heißt es natürlich nicht«, gab er zurück. »Um ehrlich zu sein, wollte ich dich mit meiner Äußerung nur provozieren, mein lieber Alex. Deine Gutmenschen-Entrüstung entzückt mich in solchen Fällen nämlich immer wieder aufs Neue. Ich kann gar nicht genug davon kriegen.«

Alex verdrehte die Augen, sagte aber nichts, weil er hinreichend damit beschäftigt war, den Sanitätswagen sicher über einen belebten Platz zu steuern.

»Abgesehen davon kann ich mich für den künstlerischen Tanz einfach nicht sonderlich begeistern«, fuhr Dr. Rudolf fort. »Ganz im Gegensatz zu meiner überaus gebildeten verflossenen Freundin. Sie hat mich, wenn ich zufällig einmal einen freien Abend hatte und mich ausruhen wollte, immer wieder in die Staatsoper abgeschleppt, weil sie als kulturbegeisterte Frau dort ein halbes Dutzend Abos hatte. Auf diese Weise bin ich eher unfreiwillig in den Genuss verschiedener Ballettaufführungen gekommen, die ich im Grunde aber nicht als Genuss empfunden habe. Diese unnatürlichen Verrenkungen …«

Nur mit Mühe verkniff Alex sich ein Schmunzeln. »Auch ich bin nicht unbedingt der große Ballettfan«, pflichtete er Lars Rudolf dennoch bei. »Aber vielleicht liegt das ganz einfach daran, dass ich zu wenig von dieser Kunst verstehe. Sina hat mir einmal erzählt, dass sie als Schulmädchen ein paar Jahre lang die Ballettschule ›Dancing Queen‹ besucht hat. Die Schule war damals noch nicht lange gegründet, hatte aber bereits einen ausgezeichneten Ruf.«

»Deine Sina als Ballettmädchen?«, prustete Dr. Rudolf los. »Ich glaube es nicht. Hat sie früher etwa von einer Bühnenkarriere geträumt?«

Alex schüttelte den Kopf. »Nein, keineswegs«, gab er zurück. »Ihre Eltern haben sie zwar in die Ballettschule geschickt, aber nicht, um einen Star aus ihr zu machen, sondern nur, damit sie lernen sollte, sich anmutig und geschmeidig zu bewegen. Allerdings hat sich Sinas Begeisterung fürs Ballett, als der Reiz des Neuen vorüber war, in Grenzen gehalten, und so ist das Ganze rasch wieder im Sande verlaufen.«

»Zum Glück. Ein Medizinstudium ist schließlich eine Sache, die Hand und Fuß hat, während endlose Dehnübungen an den Stangen und diese seltsamen Tutus …«

Dr. Rudolf verstummte abrupt, als Alex den Blinker setzte und in den kleinen Parkplatz vor der Ballettschule »Dancing Queen« einbog.

Wenige Minuten später standen die beiden im großen Trainingssaal der Ballettschule, in dem ein ganzer Pulk von Ballettschülerinnen ratlos die verletzte Kollegin umringte. Halb entsetzt und halb mitleidig starrten die Mädchen sie an, versäumten aber trotzdem nicht, immer wieder neugierige Blicke auf das Filmteam zu werfen und dabei eifrig zu wispern und zu tuscheln.

Alex musste für sich und für Dr. Rudolf erst einmal einen Weg durch die aufgeregte Mädchenschar bahnen, um zu der verletzten Tänzerin zu gelangen.

Sie saß in Tränen aufgelöst auf dem Boden. Ihr rechter Fußknöchel war mit einem mit kaltem Wasser getränkten Handtuch umwickelt, um die Schwellung möglichst gering zu halten.

Neben der weinenden Ballettelevin kauerte händeringend und jammernd eine überaus zierliche, beinahe magersüchtig wirkende Frau in mittleren Jahren, die die verletzte Ballettelevin als Marita Seidel und sich selbst als Ballettmeisterin Helene Subklev vorstellte.

Voller Hoffnung richtete die Tanzlehrerin ihre Blicke auf Alex, als er sich ihrer jungen Schülerin näherte.

Dr. Rudolf blieb währenddessen in einigem Abstand stehen und sah zu, wie Alex das Handtuch entfernte und den Knöchel vorsichtig untersuchte. »Und?«, fragte der Notarzt schließlich. »Was wäre dann also deine Diagnose, Alex?«

»Der Knöchel ist wohl gebrochen«, antwortete Alex und fügte dann, an Marita Seidel gewandt hinzu: »Um das endgültig und sicher abzuklären, muss dein Fuß allerdings geröntgt werden, Marita. Wir nehmen dich dafür am besten mit in die Behnisch-Klinik.«

Marita nickte und schaute dann aus ihren verquollenen, verweinten Augen Alex an, als wäre es an ihm, über Leben und Tod zu entscheiden. »Wenn der Knöchel wirklich gebrochen ist … wie lange wird es dauern, bis ich wieder tanzen kann?«, wollte sie wissen.

Alex überlegte.

Er wollte die mit einem neuerlichen Tränenstrom kämpfende Marita nicht unnötig beunruhigen, ihr aber andererseits auch keine Versprechungen machen, die sich später möglicherweise als unerfüllbar herausstellten.

»Ich … ich weiß es nicht«, sagte er schließlich ehrlich. »Das hängt von dem Ergebnis der Röntgenuntersuchung ab. Falls der Knöchel wirklich gebrochen ist, es sich aber nur um einen einfachen, glatten Bruch handelt, bekommst du einen Leichtgips und kannst die Behnisch-Klinik gleich wieder verlassen. Den Gips musst du, je nach Verlauf des Heilungsprozesses, circa vier bis sechs Wochen tragen. Anschließend wird dein Fuß mit Krankengymnastik auf Vordermann gebracht. In einem Vierteljahr etwa kannst du dann Schritt für Schritt wieder mit dem Balletttraining beginnen.«

»In … in einem Vierteljahr?«, vergewisserte sich Marita mit vor Entsetzen geweiteten Augen. »Erst in einem Vierteljahr?«

Alex wusste nicht, was er darauf antworten sollte.

Er hatte seine Worte für eine durchaus hoffnungsvolle Botschaft gehalten. Dass Marita so negativ darauf reagierte, konnte er beim besten Willen nicht verstehen.

Dr. Rudolf, der Alex‘ Unsicherheit bemerkte, beendete mit einer entschlossenen Handbewegung das Schweigen, das nach Maritas Frage in der Luft hing. »Ich würde vorschlagen, dass wir erst einmal eine Trage holen und unsere kleine Ballettratte darauf legen, was uns bei ihrem Fliegengewicht nicht schwerfallen dürfte«, sagte er mit einem aufmunternden Schmunzeln in Maritas Richtung. »Dann fahren wir schnurstracks in die Behnisch-Klinik. Je schneller die Röntgenuntersuchung erfolgt, desto schneller können wir eine verbindliche Auskunft über die Dauer der Genesung und den voraussichtlichen Wiederbeginn des Trainings machen.«

Während Marita allem Anschein nach gar nicht zuhörte und stattdessen mit abgewandtem Gesicht ins Leere schaute, kam mit einem Mal Leben in Helene Subklev.

»Danke, dass Sie Marita in die Behnisch-Klinik bringen«, sagte sie, wobei ihre Blicke einen Moment lang unsicher zwischen Alex und Dr. Rudolf hin und her wanderten. »Ich habe nämlich schon viel von der Behnisch-Klinik gehört. Dieses Krankenhaus hat einen ausgezeichneten Ruf. Ich bin mir sicher, dass Marita dort bestmöglich versorgt wird.«

»Aber natürlich wird sie das«, bekräftigte Dr. Rudolf sofort.

Wieder schaute Helene Subklev zuerst zu Alex, dann zu Dr. Rudolf und schließlich erneut zu Alex. Gleichzeitig griff sie nach Maritas Hand und nahm sie schützend zwischen ihre beiden Hände. »Ich … ich hätte noch eine Bitte, Herr Doktor«, wandte sie sich dann an Alex. »Darf ich mitkommen in die Behnisch-Klinik? Darf ich Marita begleiten? Ich bin zwar nur Maritas Tanzlehrerin und keine Angehörige, aber Maritas Mutter ist um diese Zeit in der Arbeit, und ich konnte sie deshalb leider telefonisch nicht erreichen.«

Alex warf Dr. Rudolf einen fragenden Blick zu.

»Das kann ich nicht entscheiden«, sagte er, als von Dr. Rudolf nichts weiter als ein hämisches Grinsen kam. »In diesem Fall müssen Sie Dr. Rudolf fragen. Er ist nämlich der behandelnde Notarzt. Ich selbst bin nur Sanitäter. Und Medizinstudent im zweiten Semester.«

»Sie … sind noch Student?«, hakte Helene Subklev völlig überrascht nach, während sie Alex mit gerunzelter Stirn einer eingehenden Musterung unterzog.

Erst bei dieser Gelegenheit fiel ihr auf, wie jung Alex noch war.

In ihrer Aufregung hatte sie das überhaupt nicht bemerkt. Zumal er auf sie sehr sicher und kompetent gewirkt hatte. Und so vertrauenerweckend, wie man sich einen guten Arzt vorstellte.

Als Alex Madame Subklevs Frage mit einem Kopfnicken beantwortete, wandte sie sich mit einem beinahe flehentlichen Gesichtsausdruck an Dr. Rudolf. »Dann … dann muss ich also Sie um die Erlaubnis bitten, Marita ins Krankenhaus begleiten zu dürfen.«

»Sie dürfen Ihre Schülerin natürlich begleiten«, stimmte Lars Rudolf mit einer großzügigen Geste zu. »Und wenn Sie uns die Rufnummer von Maritas Mutter geben, wird Alex versuchen, die Dame in den nächsten Stunden zu erreichen und von dem Unfall ihrer Tochter in Kenntnis zu setzen.«

»Das … das würden Sie für mich tun, Alex?«, fragte Helene Subklev dankbar. »Ich … ich darf Sie doch auch Alex nennen, oder?«

»Natürlich«, nickte Alex.

»Das ist sehr, sehr nett von Ihnen. Sie sind ein so sympathischer junger Mann. Aber ich … ich hätte da noch eine Bitte«, erwiderte die Ballettmeisterin.

»Wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann, Frau Subklev, mache ich das selbstverständlich gerne«, gab Alex sofort zurück.

Die Ballettmeisterin ließ Maritas Hand los und klammerte sich stattdessen mit beiden Händen an Alex‘ Arm. »Ich kann jetzt nicht Auto fahren, Alex. Dazu bin ich viel zu aufgeregt. Und wenn ich öffentliche Verkehrsmittel benutze und dabei dauernd an U-Bahn- und Busstationen warten muss, brauche ich eine kleine Ewigkeit, bis ich bei Marita in der Behnisch-Klinik bin. Bis dahin ist sie wahrscheinlich schon wieder entlassen und …«

Der Druck von Helene Subklevs Fingern auf Alex‘ Arm wurde stärker.

»Und wie kann ich Ihnen in dieser Situation helfen?«, erkundigte sich Alex, der nicht begriff, worauf die Ballettmeisterin hinauswollte.

»Bitte lassen Sie mich mit Marita im Sanitätswagen mitfahren. Bitte, bitte, Alex«, flehte Helene Subklev.

»Natürlich können Sie im Sanitätswagen mitfahren«, versicherte Alex. »Normalerweise ist so etwas zwar nicht erlaubt, aber schließlich ist Marita nicht schwer erkrankt und braucht keine medizinischen Hilfeleistungen, die Sie behindern könnten. Ich sehe also keinen Grund …«

Ein dumpfes Räuspern aus Dr. Rudolfs Kehle unterbrach Alex und brachte ihm umgehend wieder zu bewusstsein, dass nicht er es war, der hier die Entscheidungen zu treffen hatte.

»Wenn … wenn Dr. Rudolf es Ihnen ausnahmsweise erlaubt, wovon ich mit Sicherheit ausgehe, sehe ich wirklich keinen Grund …«

Ein neuerliches Räuspern war zu vernehmen, wurde diesmal jedoch von einem kurzen, meckernden Lachen verdrängt. »Ich erlaube es. Ausnahmsweise. Aber wirklich nur ausnahmsweise«, sagte der Notarzt dann so streng wie möglich.

»Danke. Vielen Dank. Ich stehe tief in Ihrer Schuld, ich …« Helene Subklev brach ab als Dr. Rudolf sich, ohne weiter auf die Ballettmeisterin zu achten, aufmachte, um eine Trage für Marita zu holen, sodass Alex ihm notgedrungen folgen musste.

*

»Wie konnte dieser Unfall überhaupt passieren, Marita?«, wollte Helene Subklev wissen, als sie im Krankenwagen neben ihrer Schülerin saß und deren Hand hielt. »Erzähl mir doch endlich, wie es geschehen konnte, dass du so böse ausgeglitten bist.«

Alex hockte neben den beiden, das Gesicht Marita Seidel zugewandt.

Dr. Rudolf hatte ihm, da die Patientin fürs Erste keine weitere notärztliche Versorgung brauchte, erlaubt, an seiner Stelle bei ihr und Helene Subklev zu bleiben.

Das Steuer des Sanitätswagens hatte stattdessen er selbst übernommen.

»Ich habe dich gefragt, wie es zu diesem Unfall kommen konnte. Warum bist du bei der Pirouette gestürzt? Das ist dir im Training kein einziges Mal passiert«, beharrte die Ballettmeisterin, als Marita auf ihre Frage nur mit Schweigen antwortete.

»Mir … mir ist einen Moment lang schwindlig geworden«, ließ sich Marita nach weiteren Minuten des Schweigens endlich zu einer Antwort herbei. »Ich bekam plötzlich keine Luft mehr. Und dann hat sich für kurze Zeit alles vor meinen Augen gedreht. Es muss die Aufregung gewesen sein, das Lampenfieber …«

Helene Subklev seufzte.

Wie sehr erinnerte Marita sie an ihre eigene Jugend, an die Zeit, in der sie selbst Ballettelevin gewesen war!

Sie war genauso ehrgeizig gewesen wie Marita und genauso wild entschlossen, Karriere zu machen und berühmt zu werden.

Mit knapp zwanzig Jahren war sie fast am Ziel gewesen. Ihr Name war immer öfter im Kulturteil namhafter Zeitungen aufgetaucht, und dann hatte sie sogar ein Angebot als Primaballerina am Stuttgarter Opernhaus erhalten.

Ihre Zukunft war wie ein offenes Buch vor ihr gelegen, in das sie sich hineingeträumt hatte und dessen Bilder ihr in besonders schillernden Farben entgegengeleuchtet hatten.

Bis Manuel gekommen war.

Wie ein Komet war er in ihrem Leben aufgetaucht, hatte es für eine kurze Zeitspanne mit seiner Liebe und seiner glühenden Leidenschaft umstrahlt – und sie dann ausgebrannt, leer und völlig verzweifelt zurückgelassen.

»Ach, Madame Subklev, ich könnte nur noch weinen«, riss Marita die Ballettmeisterin nach einer Weile in die Wirklichkeit zurück. »Ich habe mir solche Hoffnungen gemacht, die Rolle der jungen Tänzerin in diesem Ballettfilm zu bekommen. Und nun ist alles aus. Aus und vorbei. Wenn ich nicht mehr tanzen kann, hat mein Leben seinen Sinn verloren. Wozu bin ich dann noch auf der Welt?«

Helene Subklev schluckte, weil sie plötzlich das Gefühl hatte, in ihrem Hals säße ein dicker Kloß. »Wer redet davon, dass du nie mehr tanzen kannst, Marita?«, hielt sie ihrer jungen Schülerin entgegen. »Ein gebrochener Knöchel bedeutet vielleicht eine Verzögerung, aber nie und nimmer ein Ende deiner Karriere, mein Kind. Nichts ist aus, gar nichts. Dein Leben ist nicht sinnlos geworden. An so etwas Schreckliches darfst du nicht einmal ansatzweise denken.«

»Und wenn sich herausstellt, dass es ein komplizierter Bruch ist?«, jammerte Marita. »Wenn ich vielleicht operiert werden muss und monatelang nicht mehr trainieren kann? Oder wenn bei der Operation irgendetwas schiefgeht, und mein Fuß nie mehr den Belastungen einer Tanzkarriere gewachsen ist?«

»Von einer Operation war vorerst noch mit keinem einzigen Wort die Rede«, widersprach Helene Subklev. »Mach dich doch nicht schon wieder mit irgendwelchen Befürchtungen verrückt, die vielleicht nie und nimmer Wirklichkeit werden, Kleines.«

»Sehr richtig. Das sehe ich genauso. In diesem Punkt kann ich Frau … Madame Subklev nur zustimmen«, meldete sich nun auch Alex zu Wort. »Über die genaue Behandlung des Knöchelbruchs kann erst nach dem Röntgen entschieden werden. Und selbst wenn eine Operation notwendig werden sollte, heißt das noch lange nicht, dass du deshalb nie wieder professionell tanzen kannst, Marita. Wir haben an der Behnisch-Klinik ausgezeichnete Chirurgen, die dir mit Sicherheit trotz allem eine Fortsetzung deiner tänzerischen Ausbildung und deiner Karriere ermöglichen würden.«