Wohin führt dein Weg? - Carolin Grahl - E-Book

Wohin führt dein Weg? E-Book

Carolin Grahl

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Beschreibung

Er kommt aus Gran Canaria und ist der Sohn von Dr. Daniel Nordens Cousin Michael und dessen spanischer Frau Sofia. Alexander kennt nur ein Ziel: Er will Arzt werden und in die riesigen Fußstapfen seines berühmten Onkels, des Chefarztes Dr. Daniel Norden, treten. Er will beweisen, welche Talente in ihm schlummern. Dr. Norden ist gern bereit, Alexanders Mentor zu sein, ihm zu helfen, ihn zu fördern. Alexander Norden ist ein charismatischer, unglaublich attraktiver junger Mann. Die Frauenherzen erobert er, manchmal auch unfreiwillig, im Sturm. Seine spannende Studentenzeit wird jede Leserin, jeden Leser begeistern! »Nach München? Ich soll nach München verlegt werden?« Greta richtete ihre Augen fragend auf den Arzt, der sich nach einem Moment des Zögerns geräuschvoll einen Stuhl neben ihr Krankenbett zog und darauf Platz nahm. »Ja, Frau Steinmann. Ich habe mir noch einmal zusammen mit einem Kollegen Ihre Röntgenbilder angesehen. Wir haben uns beraten, und auch der Kollege meinte, dass es das Beste wäre, Sie in der Münchner Behnisch-Klinik weiter zu behandeln.« »Behnisch-Klinik«, wiederholte Greta Steinmann stirnrunzelnd. »Den Namen habe ich noch nie gehört. Muss diese Verlegung denn sein? Ich meine, was können die Ärzte in dieser Behnisch-Klinik für mich tun, was hier in Garmisch nicht für mich getan werden kann? Ich habe Vertrauen zu Ihnen, Herr Dr. Müller. Und deshalb wäre es mir, offen gestanden, lieber, wenn ich …« Greta Steinmann verstummte, als der Arzt den Kopf schüttelte. »Ihr Vertrauen ehrt mich, Frau Steinmann«, erwiderte er. »Aber Sie wollen doch wieder laufen können. Und Herrn Hecker wieder auf seinen Abenteuer-Urlauben begleiten und zusammen mit ihm Mountainbike-Touren unternehmen.« Greta nickte und wischte mit einer raschen Handbewegung die Tränen fort, die ihr aus den Augenwinkeln kullerten.

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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Der junge Norden – 32 –Wohin führt dein Weg?

Unveröffentlichter Roman

Carolin Grahl

»Nach München? Ich soll nach München verlegt werden?« Greta richtete ihre Augen fragend auf den Arzt, der sich nach einem Moment des Zögerns geräuschvoll einen Stuhl neben ihr Krankenbett zog und darauf Platz nahm.

»Ja, Frau Steinmann. Ich habe mir noch einmal zusammen mit einem Kollegen Ihre Röntgenbilder angesehen. Wir haben uns beraten, und auch der Kollege meinte, dass es das Beste wäre, Sie in der Münchner Behnisch-Klinik weiter zu behandeln.«

»Behnisch-Klinik«, wiederholte Greta Steinmann stirnrunzelnd. »Den Namen habe ich noch nie gehört. Muss diese Verlegung denn sein? Ich meine, was können die Ärzte in dieser Behnisch-Klinik für mich tun, was hier in Garmisch nicht für mich getan werden kann? Ich habe Vertrauen zu Ihnen, Herr Dr. Müller. Und deshalb wäre es mir, offen gestanden, lieber, wenn ich …«

Greta Steinmann verstummte, als der Arzt den Kopf schüttelte.

»Ihr Vertrauen ehrt mich, Frau Steinmann«, erwiderte er. »Aber Sie wollen doch wieder laufen können. Und Herrn Hecker wieder auf seinen Abenteuer-Urlauben begleiten und zusammen mit ihm Mountainbike-Touren unternehmen.«

Greta nickte und wischte mit einer raschen Handbewegung die Tränen fort, die ihr aus den Augenwinkeln kullerten. »Ja, natürlich«, antwortete sie mit leiser, erstickter Stimme. Sie war sehr bewegt.

»Sehen Sie, Frau Steinmann«, fuhr Dr. Müller fort, »und genau deshalb ist es enorm wichtig für Sie, dass Sie die bestmögliche Behandlung bekommen.«

Greta Steinmann seufzte. »Und es gibt wirklich keine andere Möglichkeit als diese Bensch … nein, Behnisch-Klinik?«

»Nein«, beharrte Dr. Müller. »In der Behnisch-Klinik können Sie mit allermodernsten Geräten untersucht und von hervorragenden Spezialisten behandelt werden. Ich habe bereits telefonisch mit Herrn Hecker … mit Ihrem Freund Hannes gesprochen. Er hat mir sofort zugestimmt und sich für Ihre Verlegung nach München stark gemacht.«

In Gretas trüben, traurigen Augen leuchtete es bei der Erwähnung von Hannes Hecker auf, wie wenn ein Sonnenstrahl plötzlich durch Wolken bricht. »Sie haben schon mit Hannes telefoniert, Herr Dr. Müller?«, erkundigte sie sich.

»Ja«, erwiderte der Arzt. »Er lässt Sie im Übrigen sehr lieb grüßen und wünscht Ihnen von ganzem Herzen gute Genesung.«

Greta lächelte selig. »Wenn Hannes möchte, dass ich in dieser Behnisch-Klinik weiterbehandelt werde, stimme ich der Verlegung selbstverständlich zu.«

»Wunderbar«, freute sich Dr. Müller. »Das ist eine gute Entscheidung, die Sie mit Sicherheit nicht bereuen werden.«

»Und wie komme ich nach München?«, wollte Greta Steinmann wissen. »Mit dem Rettungswagen?«

»Mit dem Hubschrauber. Die Kosten für den Transport in der Luft übernimmt, da er medizinisch notwendig ist, die Krankenkasse. Ich habe das bereits im Vorfeld abgeklärt.«

»Das beruhigt mich«, bemerkte Greta. »Hannes und ich, wir sind nämlich noch Studenten. Unsere finanziellen Möglichkeiten sind deshalb relativ begrenzt.«

»Verstehe«, erwiderte Dr. Müller. »Ich kann mich noch gut an meine eigene Studienzeit erinnern. Unvorhergesehene Sonderausgaben zu stemmen, stellte damals ein echtes Problem dar.« Er schmunzelte. »Was studieren Sie denn, wenn ich fragen darf?«

»Sport«, erwiderte Greta. »Hannes und ich sind Sportstudenten. Deshalb wäre es der pure Horror für mich, wenn ich … querschnittsgelähmt bleiben würde.«

»Von einer Querschnittslähmung kann vorerst überhaupt nicht die Rede sein«, beschwichtigte der Arzt. »Daran wollen wir nicht einmal denken. Wir haben bei der MRT an der durch den Sturz vom Mountainbike verletzten Stelle Ihres Rückens eine Schwellung im Bereich des Rückenmarks festgestellt, die, wie ich annehme, für die momentane Gefühllosigkeit in Ihren Beinen verantwortlich ist. Genaueres kann natürlich erst festgestellt werden, wenn die Schwellung sich zurückbildet. Das kann noch ein paar Tage dauern. Oder, im schlimmsten Fall, eine bis zwei Wochen.«

»Hoffentlich keine zwei Wochen. Ich glaube, so lange kann ich die Ungewissheit nicht ertragen.« Greta schnaufte heftig. »Sie sagten gestern, es könnte durchaus sein, dass nach dem Rückgang der Schwellung alles von selbst in Ordnung kommt. Oder … oder habe ich da irgendetwas falsch verstanden?«

Dr. Müller zupfte unsicher ein paar nicht vorhandene Flusen von seinem blütenweißen Arztkittel. »Nein, Sie haben mich nicht falsch verstanden«, antwortete er endlich. »Es ist in der Tat möglich, dass ausschließlich die Schwellung bewirkt, dass Sie Ihre Beine nicht fühlen und nicht bewegen können. Aber, wie gesagt, die Untersuchungsmöglichkeiten, die der Behnisch-Klinik in München zur Verfügung stehen, übertreffen die unseren bei Weitem. Und auch die Möglichkeiten, die die Behnisch-Klinik für eine Behandlung von Wirbelsäulenschäden hat, sind mit den unseren nicht vergleichbar.«

»Und wann … werde ich nach München geflogen?«, fragte Greta.

»Morgen Vormittag«, antwortete Dr. Müller. »Sie werden in der Behnisch-Klinik bereits erwartet. Falls … falls wir uns nicht mehr sehen, möchte ich mich deshalb gleich jetzt von Ihnen verabschieden und Ihnen einen angenehmen Hubschrauber-Krankentransport, viel Glück und gute Genesung wünschen.«

»Danke«, sagte Greta leise. »Und danke auch für alles, was Sie seit meinem Unfall für mich getan haben, Herr Dr. Müller.«

»Ich habe nur meine Pflicht getan«, erwiderte der Arzt. Er drückte Gretas Hand zum Abschied warm und herzlich.

Greta schaute ihm nach, als er ihr Krankenzimmer verließ, und griff dann nach ihrem Handy, um Hannes Hecker, ihren Freund und Studienkollegen anzurufen. Sie fühlte sich mit einem Mal schrecklich einsam und verlassen und sehnte sich nach ein paar aufmunternden Worten von Hannes. Sie sehnte sich danach, zu hören, dass Hannes sie liebte. Dass er sich Sorgen um sie machte. Und dass er mit seinen Gedanken immer bei ihr war. Allein schon der vertraute Klang seiner dunklen Stimme würde ihr guttun …

Als Greta anstelle von Hannes‘ Stimme die monotone Computerstimme der Mailbox vernahm, machte sich namenlose Enttäuschung in ihr breit. Am liebsten hätte sie den Anruf sofort beendet, aber sie gab sich einen Ruck. »Hi, Hannes. Hier ist Greta«, sprach sie auf die Mailbox. »Ich würde so gerne ein paar Worte mit dir reden. Kannst … kannst du mich bitte zurückrufen?«

Sie legte das Handy neben sich auf das Nachttischchen und starrte es eine Weile an, als erwarte sie jede Sekunde den heiß ersehnten Klingelton.

Als er ausblieb, wandte sie sich mit einem leisen Seufzer ab.

Vielleicht hatte Hannes an der Uni irgendein wichtiges Training. Oder vielleicht schwitzte er auch gerade im Fitnessstudio. Oder vielleicht war er wieder einmal mit seinem geliebten Fahrrad unterwegs und hatte sein Handy zu Hause liegengelassen. Es gab so viele Möglichkeiten.

Greta dachte daran, dass ihre und Hannes‘ Tage, namentlich während des Semesters, immer von morgens bis abends durchgetaktet gewesen waren. Beide hatten sie so gut wie keine Freizeit gehabt. Und wenn sich doch einmal ein paar Mußestunden ergeben hatten, hatten sie diese eilends mit zusätzlichen Trainerstunden aufgefüllt oder waren zu irgendeinem Fitness-Parcours gefahren, um ihre Kondition noch weiter zu steigern.

Und nun war sie von einem Tag auf den anderen gezwungen, untätig hier herumzuliegen, und wusste nichts mit sich und der schier endlosen Zeit, die ihr mit einem Mal zur Verfügung stand, anzufangen. Wenn ihr noch vor ein paar Tagen jemand prophezeit hätte …

Wieder richtete Greta ihren Blick auf das Handy.

Wann würde es endlich klingeln?

Mit einem Mal fühlte Greta sich schrecklich müde, aber es war keine körperliche Müdigkeit, wie sie sie nach ihren sportlichen Aktivitäten kannte. Es war eher so etwas wie eine bleierne Schwere, eine Müdigkeit des Geistes und der Seele, die wie eine trübe Glocke über ihr hing und sie mit schier unerträglichem Gewicht niederdrückte.

Greta schloss die Augen und versuchte zu schlafen, aber es wollte ihr nicht gelingen.

Stattdessen tauchten plötzlich Bilder vor ihrem geistigen Auge auf, in denen sie sich im Rollstuhl sah, eine Decke über den gelähmten Beinen. Sie sah sich in einem Lehnstuhl am Fenster ihrer Wohnung sitzen und Hannes beobachten, wie er in Jogginganzug und Turnschuhen das Haus verließ, um ohne sie sein morgendliches Lauftraining zu absolvieren.

Greta spürte, wie ihre Augen wieder feucht wurden und sich eine namenlose Angst in ihr breit machte, die ihr die Kehle zuschnürte.

Welchen Sinn hatte ihr Leben noch, wenn sich die Lähmung ihrer Beine nicht mehr zurückbildete? Was in aller Welt sollte sie dann mit sich anfangen?

Natürlich hatte Dr. Müller eine Querschnittlähmung so gut wie ausgeschlossen, aber konnten sich nicht sogar die besten Ärzte irren? Und vielleicht hatte Dr. Müller ihr auch nur Mut machen wollen, war sich seiner Diagnose aber längst nicht so sicher, wie er vorgab?

Je länger Greta nachdachte, desto wahrscheinlicher erschien ihr Letzteres.

Warum sonst lag Dr. Müller so viel daran, dass sie in München noch genauer untersucht und dann weiterbehandelt wurde? Was verschwieg er ihr? Und welche Diagnose würden die Ärzte in dieser Behnisch-Klinik stellen?

Und vor allem - wie würde Hannes reagieren, sollte sich herausstellen, dass sie für den Rest ihres Lebens …

Greta schrak aus ihren trüben Gedanken auf, als es an der Tür ihres Krankenzimmers klopfte und kurz darauf eine Krankenschwester den Raum betrat. Mit einem freundlichen Lächeln trat die Schwester an Gretas Bett. »Können Sie nicht schlafen, Frau Steinmann?«, fragte sie.

»Ja … also nein …« Greta zuckte die Schultern. »Ich … ich erwarte noch einen Anruf, Schwester Erika«, stammelte sie schließlich.

»Ach so.« Die Krankenschwester warf einen Blick auf das Handy auf dem Nachttischchen. »Nach dem Telefonat sollten Sie aber wirklich schlafen, Frau Steinmann. Immerhin haben Sie morgen einen anstrengenden Tag vor sich. Ich habe Ihnen eine Schlaftablette gebracht. Sollten Sie Einschlafschwierigkeiten haben, können Sie die Tablette mit etwas Wasser einnehmen. Sie werden dann tief und fest schlafen wie ein Baby. Und morgen früh werden Sie sich frisch und ausgeruht fühlen.«

»Danke, Schwester Erika«, erwiderte Greta.

»Ach, und noch etwas. Wenn Sie morgen in der Behnisch-Klinik ankommen, Frau Steinmann, können Sie gerne nach Schwester Brigitte fragen und ihr Grüße von mir bestellen. Brigitte und ich waren nämlich zusammen in der Schwesternschule, wissen Sie. Und wir waren beide Lernschwestern in der Behnisch-Klinik. Bis sich nach meiner Hochzeit unsere Wege getrennt haben, weil ich mit meinem Mann hierher nach Garmisch gezogen bin.«

Greta kaute unsicher auf ihrer Unterlippe herum. »Sie kennen die Behnisch-Klinik also, Schwester Erika?«

»Aber ja. Sehr gut sogar«, antwortete die Krankenschwester. »Ich habe wirklich gern dort gearbeitet. Es hat mir an der Behnisch-Klinik sehr gut gefallen. Die Ärzte sind kompetent und obendrein sehr nett und freundlich. Und Dr. Norden, der Klinikchef …« Schwester Erikas Augen bekamen einen beinahe schwärmerischen Ausdruck. »Wenn Dr. Norden noch zu haben und ich mit meinem Otto nicht so unendlich glücklich wäre …«

Greta musste lachen. »Das klingt allerdings vielversprechend«, meinte sie mit einem Augenzwinkern.

»Dieser Dr. Norden ist wirklich ein bemerkenswerter Mensch«, redete die Krankenschwester weiter. »Er hat nicht nur so wundervolle blaue Augen, sondern ist auch ein hervorragender Arzt und dabei unglaublich nett und bescheiden. Selbst als kleine Lernschwester hatte ich immer das Gefühl, auf Augenhöhe mit ihm zu reden. Er hat nie auch nur einen Anflug von Arroganz gezeigt. Und was seine Patienten betrifft, sieht er sie nicht nur als ›medizinische Fälle‹, sondern als Menschen, denen er sowohl körperlich als auch seelisch helfen will.«

»Das hört sich in der Tat wunderbar und irgendwie … ganz besonders an«, pflichtete Greta der Krankenschwester bei. »Ich sehe meiner Verlegung nach München immer zuversichtlicher entgegen.«

»Das dürfen Sie getrost, Frau Steinmann«, erwiderte Schwester Erika. »Übrigens hat Brigitte mir erzählt, dass mittlerweile ein Neffe oder Großneffe – ich weiß es nicht mehr genau – von Dr. Norden ebenfalls an der Behnisch-Klinik arbeitet. Wenn auch vorerst nur als Praktikant. Er ist Medizinstudent im zweiten Semester und heißt Alex, wenn ich mich recht entsinne. Brigitte lobt ihn über den grünen Klee. Sowohl fachlich als auch menschlich.«

»Jetzt haben Sie nicht nur meine letzten Bedenken zerstreut, sondern mir die Behnisch-Klinik sogar ordentlich schmackhaft gemacht, Schwester Erika«, stellte Greta fest.

»Das war meine Absicht«, lachte die Krankenschwester. »Aber trotzdem habe ich nur die reine Wahrheit gesagt. Und nichts dazu erfunden. Morgen können Sie sich selbst davon überzeugen.« Sie ließ ihren Blick in Gretas Krankenzimmer herumschweifen. »Brauchen Sie noch etwas?«, erkundigte sie sich schließlich.

Greta schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Nicht dass ich wüsste.«

»Okay. Dann wünsche ich Ihnen jetzt eine gute Nacht, Frau Steinmann. Und alles, alles Gute. Werden Sie bald wieder ganz gesund.«

»Ihr Wort in Gottes Ohr«, murmelte Greta und fasste, als die Krankenschwester verschwunden war, nach einem kurzen Blick auf ihre Armbanduhr sofort wieder das Handy ins Auge.

Über eine Stunde war inzwischen vergangen, und Hannes hatte immer noch nicht zurückgerufen. Ob … ob sie selbst noch einmal versuchen sollte, Hannes zu erreichen? Während Greta noch überlegte, griff sie bereits nach dem Handy und wählte Hannes‘ Nummer.

Diesmal antwortete die Mailbox nicht. Unwillkürlich schlug Gretas Herz schneller. Diesmal schien sie Glück zu haben, diesmal …

Eine Sekunde später wich Gretas Vorfreude einer herben Enttäuschung. Ihr fiel fast ihr Mobiltelefon aus der Hand, als sie feststellen musste, dass Hannes ihren Anruf wegdrückte.

Das durfte doch nicht wahr sein! Hannes konnte auf dem Display seines Handys ganz deutlich sehen, dass sie, Greta, es war, die mit ihm reden wollte. Wieso war er nicht bereit, ihren Anruf anzunehmen?

War er in Eile?

Sollte sie ihm für später eine Nachricht über die sozialen Medien schicken?

Greta entschied sich dagegen.

Um diese Zeit war Hannes mit Sicherheit zu Hause und hatte keinen Termin mehr. Es gab im Grunde nur eine einzige Möglichkeit, warum Hannes ihren Anruf nicht hatte entgegennehmen können: Sein Handy musste kaputt oder irgendwie gestört sein. Vielleicht war es zu Boden gefallen. Oder gar ins Wasser. Und nun funktionierte es nicht mehr richtig.

Unter diesen Umständen machte es keinen Sinn, weitere Versuche zu unternehmen.

Schweren Herzens schaltete Greta ihr Mobiltelefon ab, griff schließlich nach einem Glas Wasser und nach der Schlaftablette und schluckte sie.

Es dauerte nicht lange, bis sie die Wirkung spürte.

Sie wurde völlig ruhig und fühlte sich mit einem Mal so leicht und frei, als könnte sie schweben. Es war ein wunderbares Gefühl.

Greta stellte sich vor, dass Hannes neben ihr lag, und glaubte fast, seinen gleichmäßigen Atem zu hören und den herben, männlichen Duft seiner Haut zu riechen. Mit einem Seufzer zog sie ihr Kissen gerade und kuschelte sich hinein, als wäre es Hannes‘ Armbeuge.

*

»Ist das der Rettungshubschrauber, Alex, der so einen Höllenlärm macht?« Alberto Manolo streckte seinen Kopf aus dem offenstehenden Fenster seines Krankenzimmers, um seine Neugier zu stillen, hörte aber weiter nur den ohrenbetäubenden Lärm der Rotorblätter, ohne den Hubschrauber selbst zu sehen. Mit fragend hochgezogenen Augenbrauen wandte er sich wieder an Alex. »Ein Unfallopfer? Ein Notfall?«

Alex zuckte die Schultern. »Keine Ahnung. Woher sollte ich das wissen?« Er überlegte einen Moment und setzte dann hinzu: »Warte mal … Chris, der Krankenpfleger, hat gestern irgendetwas von einer jungen Frau gesagt, die nach einem Mountainbike-Unfall kein Gefühl mehr in ihren Beinen hat und vom Unfallkrankenhaus in Garmisch-Partenkirchen, wo sie derzeit liegt, in die Behnisch-Klinik gebracht werden soll. Vielleicht ist sie es, die in dem Hubschrauber transportiert wird.«

»Eine junge Frau, die kein Gefühl mehr in ihren Beinen hat?«, wiederholte Alberto Manolo betroffen. »Eine … eine Querschnittlähmung also? Das ist ja schrecklich. Wenn ich mir vorstelle, dass Sina oder Sonia …«

Bei der Erwähnung von Sonia hellte sich Albertos Miene von einer Sekunde auf die andere auf. Er vergaß die verletzte junge Frau im Hubschrauber. Stattdessen erschien ein verschmitztes Grinsen auf seinen Zügen. »Sonia habe ich übrigens schwer unterschätzt. Ich habe sie für ein unbedarftes, ziemlich unerfahrenes Geschöpf gehalten, aber seit sie mich neulich zusammen mit Silvio besucht hat, habe ich meine Meinung über sie gründlich geändert.«

»Ach ja?«

Alberto nickte. »Silvio und Sonia … sie wollen trotz Sonias ausgebrannter Boutique und dem dadurch entstandenen Schaden weiter beruflich zusammenarbeiten. Silvio ist absolut überzeugt von seinem und Sonias zukünftigem Erfolg. Er hat eine Erbschaft gemacht und will sie in Sonias und sein Business investieren. Und was das Schönste ist - die beiden sind mittlerweile auch privat ein Paar. Aber das ist für dich wohl keine Neuigkeit, Alex. Wahrscheinlich weißt du es schon um einiges länger als ich. Sonia … sie scheint nun wirklich angekommen zu sein, und das macht mich zufrieden und glücklich.«

»Sina und ich finden auch, dass Sonia und Silvio gut zueinander passen«, pflichtete Alex Alberto bei.

»Das tun sie in der Tat. Sie sind ein wunderschönes junges Paar. Und dabei habe ich mir eine Zeit lang wirklich Sorgen um Sonia gemacht«, gestand Alberto.

»Wegen Anthony Walsh?«, fragte Alex.

»Natürlich«, erwiderte Alberto. »Ich war hundertprozentig überzeugt, dass Sonia bis über beide Ohren in ihn verschossen ist. Und ich war mir absolut sicher, dass er nur mit dem Finger zu schnippen braucht, um sie dazu zu bringen, das Bett mit ihm zu teilen. Ich dachte bei Sonias und Silvios Besuch einen Augenblick lang sogar allen Ernstes, dass das Kind, das Sonia erwartet … auch Anthonys Kind ist.«

Alex rutschte unsicher auf seinem Stuhl herum, stand dann auf und trat zu Alberto ans Fenster. »Wirklich?«