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"Grunaxaa! Kom a si darun meres. Zam dee orra lab gatana suko!” Eindringlich hatte der alte Druide die Beschwörungsformel gesprochen und dem jungen Mann dabei fest in die Augen gesehen. "Präge dir diese Worte gut ein, Bedran. Solltest du zu einem der Unseren werden, woran ich keinen Zweifel hege, könntest du sie eines Tages vielleicht brauchen." "Aber Grunaxaa spricht nicht mehr zu uns, Meister." "Das Tor zwischen seiner und unserer Welt wurde geschlossen. Doch irgendwann könnte es erneut aufgestoßen werden." Er senkte den Blick und fügte mit leiser Stimme hinzu. "Falls die Druiden dann noch existieren." Bedran sprach die Formel nach. An jedem der folgenden Tage wiederholte er sie mehrmals, bis sein Meister zufrieden war.
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Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Titelseite
WIE WAR´S WIRKLICH?
Sporus
… UND IM NÄCHSTEN ROMAN LESEN SIE:
Fußnoten
Impressum
Sporus
von Michael Schauer
»Grunaxaa! Kom a si darun meres. Zam dee orra lab gatana suko!« Eindringlich hatte der alte Druide die Beschwörungsformel gesprochen und dem jungen Mann dabei fest in die Augen gesehen. »Präge dir diese Worte gut ein, Bedran. Solltest du zu einem der Unseren werden, woran ich keinen Zweifel hege, könntest du sie vielleicht brauchen.«
»Aber Grunaxaa spricht nicht mehr zu uns, Meister.«
»Das Tor zwischen seiner und unserer Welt wurde geschlossen. Doch irgendwann könnte es erneut aufgestoßen werden.« Er senkte den Blick und fügte mit leiser Stimme hinzu. »Falls die Druiden dann noch existieren.«
Bedran sprach die Formel nach. An jedem der folgenden Tage wiederholte er sie mehrmals, bis sein Meister zufrieden war.
Die beschriebene Schlacht um Mona und der britannische Aufstand haben tatsächlich stattgefunden. Der römische General Gaius Suetonius Paulinus wollte die Insel (die heute den Namen Anglesey trägt) vor der Nordwestküste des heutigen Wales erobern, da sie als Zentrum des keltischen Widerstands und Hort der Druiden galt.
Jedoch musste er seinen Angriff vorzeitig abbrechen und zurück nach Süden marschieren. Dort hatten Aufständische unter der Führung der icenischen Königstochter Boudicca die Veteranenkolonie Camulodunum (das heutige Colchester) sowie die Städte Verulamium (das heutige St. Albans) und Londinium (London) dem Erdboden gleichgemacht. Rund siebzigtausend Römer kamen dabei ums Leben. Obwohl zahlenmäßig weit unterlegen, gelang es Paulinus und seinen Soldaten, den Aufstand niederzuschlagen und Boudiccas Heer zu vernichten. Sie selbst soll sich angesichts der Niederlage mit Gift das Leben genommen haben.
In diesem Band treten zudem zwei Figuren auf, die tatsächlich existiert und in Neros Leben eine größere Rolle gespielt haben.
Der Freigelassene Sporus soll eine so große Ähnlichkeit mit Neros verstorbener Ehefrau Poppaea Sabina gehabt haben, dass dieser ihn kastrieren ließ und ihn während seiner Griechenlandreise heiratete (siehe auch CASTORPOLLUX Staffel 2, Band 1 »Rückkehr aus der Finsternis«). Zu dem Zeitpunkt war Sporus vermutlich zwischen siebzehn und neunzehn Jahre alt. Alle Ähnlichkeit änderte jedoch nichts daran, dass er nun einmal keine Frau war, sondern ein Mann, was gewisse anatomische Einschränkungen mit sich brachte. Tatsächlich soll Nero eine Belohnung für denjenigen ausgesetzt haben, dem es gelänge, diesen Makel zu beseitigen. Es dürfte davon auszugehen sein, dass diese Belohnung niemals ausbezahlt wurde.
Nach Neros Selbstmord im Sommer 68 n. Chr. musste Sporus seiner Ehefrauenrolle treu bleiben, da er von dem Prätorianerpräfekten Nymphidius Sabinus zur Gattin genommen wurde. Nymphidius wurde jedoch noch im selben Jahr ermordet, woraufhin Sporus als bessere Hälfte von Marcus Salvius Otho fungierte, der im sogenannten Vierkaiserjahr 69 n. Chr. als zweiter Herrscher nach Galba den Thron bestieg, sich dort aber nicht lange halten konnte. Im April beging er Selbstmord. Noch im selben Jahr nahm sich auch Sporus das Leben.
Ebenfalls keine Erfindung, sondern eine reale Person ist Calvia Crispinella, von dem römischen Geschichtsschreiber Publius Cornelius Tacitus auch als »Lehrerin der Lüste Neros« bezeichnet. Sie galt als Skandalnudel und fungierte am Hof des Kaisers als eine Art Gouvernante für Sporus. Nach Neros Tod reiste sie nach Nordafrika, wo sie den Legaten Lucius Clodius Macer dazu anstiftete, kein afrikanisches Korn mehr nach Rom liefern zu lassen, um damit die Macht von Kaiser Galba zu schwächen. Der ließ jedoch im Gegenzug Lucius beseitigen. Das Volk wollte auch die Ränkeschmiedin Calvia tot sehen, doch Galbas Nachfolger, der bereits erwähnte Otho, lehnte ihre Hinrichtung ab, ebenso wie Vespasian, der aus den Wirren des Vierkaiserjahrs als Sieger hervorging und zehn Jahre lang herrschte. Die Tatsache, dass er ähnliche Pläne wie Calvia gehegt hatte, dürfte bei seiner Entscheidung, sie zu schonen, eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben. Sie heiratete später einen wohlhabenden Senator und wurde zu einer reichen und einflussreichen Frau. Weder ihr Geburts- noch ihr Todesjahr sind bekannt.
Michael Schauer
Britannien, 60 n. Chr.
Pfeilschnell pflügten die schlanken Schiffe durch die raue See. Der scharfe Wind blähte ihre Segel so stark, dass die Haltetaue ächzten. Trotz der frühen Mittagsstunde war der wolkenverhangene Himmel grau und dunkel, als nähere sich bereits der Abend. Als die Legionäre auf der anderen Seite der Meerenge an Bord gegangen waren, hatte Nieselregen eingesetzt und seitdem nicht mehr aufgehört. Wassertropfen perlten auf ihren Helmen und Schienenpanzern.
Nepta Severus’ rote Militärtunika klebte ihm klamm und kalt am Körper, was er kaum wahrnahm. Seine volle Konzentration galt etwas anderem. Er konnte den Blick nicht abwenden von dem, was ihn und seine Kameraden auf Mona erwartete. Hin und wieder ging ein Stöhnen durch ihre Reihen, woraufhin Rolfos jedes Mal brüllte und wahllos mit seinem Vitis* auf jene Unglücklichen einprügelte, die das Pech hatten, in seiner Nähe zu stehen. Ihr Zenturio duldete es nicht, wenn seine Leute auch nur die geringsten Anzeichen von Angst vor dem Feind erkennen ließen.
Doch Angst hatten sie alle. Nepta konnte die Furcht geradezu riechen. Wie ein unsichtbarer Nebel waberte sie über das Deck und wurde dichter, je näher sie der eine Viertelmeile vom britannischen Festland entfernten Insel kamen. Mona galt als Heimatstätte der Druiden und Zufluchtsort für Aufständische, die dem Zugriff der Besatzer entkommen waren. General Gaius Suetonius Paulinus hatte sich in den Kopf gesetzt, diesem Treiben ein für alle Mal ein Ende zu bereiten. Ihr Ziel lautete deshalb: völlige Vernichtung der Druiden und Eroberung der Insel.
Auf einem der Hügel des kargen Eilands erhob sich deutlich sichtbar eine dunkle Festung gen Himmel. Das musste ihre Zuflucht sein, überlegte Nepta und hoffte, dass es zu keiner langwierigen Belagerung kommen würde. Obwohl sie noch nicht einmal an Land gegangen waren, konnte er es schon jetzt kaum erwarten, hier wieder wegzukommen. Etwas Unheimliches, Bedrohliches ging von diesem Ort aus.
Neben ihm beugte sich ein Kamerad über die Reling und erbrach sich in die grauen Fluten. Nepta beneidete ihn. Seit geraumer Zeit verspürte er einen sauren Geschmack im Mund. Es fühlte sich an, als ob ihm sein Frühstück allmählich die Kehle hinaufwanderte, und er wäre es liebend gerne auf dieselbe Weise losgeworden, hätte er damit nicht Rolfos’ Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Der Zenturio stand hinter dem unglücklichen Legionär und brüllte wütend auf ihn ein. Also beherrschte er sich und beobachtete weiter die geisterhaften Gestalten am Strand. Durch den starken Wind drangen unverständliche Wortfetzen zu den Römern herüber, bei denen es sich nur um Beleidigungen und Flüche handeln konnte.
An die britannischen Barbaren mit ihren langen Haaren und Bärten hatte sich Nepta gewöhnt, schließlich hielt er sich schon seit einigen Jahren in diesem verfluchten Land auf. Der Anblick der Druiden jedoch würde ihn in seinen Träumen verfolgen. Er hatte eine Menge schreckliche Dinge über die religiösen Führer dieses widerborstigen Volks gehört, aber nie zuvor einen von ihnen zu Gesicht bekommen. Eine Erfahrung, auf die er gut und gerne hätte verzichten können.
Sie standen in vorderster Reihe des Empfangskomitees und ähnelten sich beinahe wie ein Ei dem anderen, was das Bild nur noch unheimlicher machte. Alle waren mit schwarzen, weiten Gewändern bekleidet. Ihr graues, schulterlanges und vor Fett glänzendes Haar fiel ihnen über die mageren Schultern. Die struppigen Bärte reichten ihnen bis zur Brust.
Je weiter sich das Schiff dem Ufer näherte, desto mehr Einzelheiten konnte Nepta erkennen. Ihre Gesichter waren unnatürlich bleich, um die Augen herum hatten sie die Haut mit Ruß geschwärzt. In ihren Händen hielten sie lange, schwarze Speere, deren Spitzen sie in einem stummen Rhythmus zum Himmel emporstießen.
Die Frauen waren noch schlimmer. Wie kreischende Furien tobten sie mit weit aufgerissenen Augen über den Strand, wobei sie abwechselnd die Arme in die Luft rissen, als wollten sie ihre dunklen Götter um Beistand bitten, und dann wieder den herannahenden Römern die zu Klauen gespreizten Finger mit den scharfen Nägeln entgegenstreckten. Ihre langen Haare hatten sie mit Kalk weiß gefärbt. Stacheln gleich standen sie von ihren Schädeln ab.
Dagegen boten die gewöhnlichen Krieger einen geradezu beruhigenden Anblick. Mit den flachen Seiten ihrer Schwertklingen hämmerten sie unablässig gegen ihre Schilde, was ein dröhnendes Geräusch erzeugte. Ein auch bei den Römern bewährtes Ritual, um sich Mut zu machen und die Feinde einzuschüchtern.
Eine Bewegung neben ihm lenkte Neptas Blick zur Seite. Wo eben noch sein Kamerad die Fische gefüttert hatte, stand nun Rolfos. Sein kantiger Kiefer mahlte. In der rechten Hand hielt er seinen Rebstock, den er in einem beständigen Rhythmus in seine linke Handfläche klatschen ließ. Selbst er konnte seine Nervosität kaum verbergen, was Nepta ebenso erstaunlich wie beunruhigend fand. Für gewöhnlich rekrutierten sich die Zenturios aus Männern mit Nerven aus Stahl. Was auch notwendig war, denn sie kämpften an vorderster Front und waren durch die quergestellten Federbüsche ihrer Helme nicht nur für die eigenen Leute, sondern auch für den Feind gut zu erkennen und ein besonders beliebtes Angriffsziel.
Rolfos gehörte zu den Härtesten der Harten. Er wich niemals auch nur einen Zoll vor dem Gegner zurück und pflegte es, seine Soldaten in der Schlacht unerbittlich anzutreiben. Wenn also sogar er …
Inzwischen hatten sie den Strand fast erreicht. In den Reihen der Druiden entdeckte Nepta einen, der ihn direkt anzuschauen schien. Sein Gewand war aschgrau statt schwarz, und da war noch etwas an ihm, das ihn von den anderen unterschied. Seine Augen leuchteten blau wie ein Sommerhimmel, während die seiner Gefährten allesamt dunkel waren.
Warum starrte ihn der Bursche bloß so an? Ob er sich Nepta als erstes Opfer ausgesucht hatte, dem er seinen Speer zwischen die Rippen treiben wollte? Unwillkürlich glitt seine Hand zum Heft des Kurzschwerts, das in einer Holzscheide an seinem Gürtel hing. Dabei hatte er ein Wörtchen mitzureden!
Er spürte, wie seine Angst allmählich schwand und einer grimmigen Entschlossenheit Platz machte. So war es immer bei ihm, kurz bevor die Schlacht losging, sich die Klingen kreuzten und das Sterben begann.
Wenig später war es so weit. Es gab einen heftigen Ruck, gefolgt von einem durchdringenden Knirschen, als der Bug des Schiffes auf dem Kieselstrand auflief. Hätten die Männer an Bord nicht so eng gedrängt gestanden, wären sie auf die Planken gestürzt. So aber gaben sie sich gegenseitig Halt. Nepta wurde von seinen Hinterleuten gegen die Reling gepresst, dass ihm fast die Luft wegblieb.
»Auf geht’s, Männer!«, hörte er Rolfos schreien. »Jetzt reißen wir ihnen die haarigen Ärsche auf!«
Er sprang von Bord und watete mit erhobenem Schwert durch das hüfthohe Wasser auf ihre Gegner zu, die beim Anblick eines römischen Offiziers umso lauter zu brüllen begannen. Das Kreischen der Frauen steigerte sich zu einem infernalischen Crescendo. Einige von ihnen hatten ihre Augen so verdreht, dass nur noch das Weiße zu sehen war. Andere fielen auf die Knie, rissen sich die Kleider in Fetzen herunter und entblößten ihre mageren Leiber.
Nepta packte seinen Schild fester, kletterte über die Reling und sprang seinem Anführer hinterher. Das eiskalte Meer war ein Schock, doch er war diszipliniert genug, sich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. In einer fließenden Bewegung zog er den Gladius und eilte Rolfos nach. Ein vielstimmiges Platschen sagte ihm, dass seine Kameraden dicht hinter ihm waren.
Als Nächstes kam es darauf an, an Land zu gehen und so schnell wie möglich eine Formation zu bilden. Unter keinen Umständen durften die Feinde einen Weg zwischen ihre Reihen finden.
Das Wasser stand Rolfos nur noch bis zu den Knöcheln, als ein Druide mit vorgestrecktem Speer auf ihn zustürmte. Der Zenturio wich behände aus, ließ den Angriff ins Leere laufen und versetzte seinem Gegner mit dem Schild einen Stoß in den Rücken, der ihn zu Boden warf. Schon war ein Legionär heran und trieb ihm sein Schwert ins Genick. Das Wasser um den Druiden herum färbte sich rot. Er zuckte noch einmal und rührte sich dann nicht mehr. Die Soldaten, die den kurzen Kampf beobachtet hatten, brachen in lauten Jubel aus.
Nepta warf einen raschen Blick nach links und rechts. Auch die übrigen Schiffe hatten ihr Ziel erreicht. Überall wimmelte es von Legionären.
Die Kampfeslust der Britannier schien durch den schnellen Tod ihres Bruders gedämpft. Jedenfalls brüllten sie nicht mehr so laut, und die Weiber waren beinahe gänzlich verstummt. Statt sich auf den Feind zu stürzen, zögerten sie, was es den Legionären ermöglichte, sich zu formieren und einen Schildwall zu bilden.
Nepta stieß einen verächtlichen Laut aus. Druiden oder nicht, diese Barbaren besaßen einfach keine Disziplin, was ihnen schon in so vielen Schlachten verheerende Niederlagen beschert hatte. So würde es auch heute kommen. Mit einem Knurren nahm er seinen Platz in der zweiten Reihe ihrer Formation ein.
Einer der Druiden reckte seinen Speer gen Himmel und brüllte seinen Leuten unverständliche Worte zu. Das war das Signal zum Angriff. Mit einem Schrei aus hunderten Kehlen stürmte die Meute auf die Römer zu.
Viele Stunden später war die graue Wolkendecke aufgerissen. Der Tag neigte sich dem Ende zu, und die untergehende Sonne färbte den Himmel rot, als Nepta schwer atmend und von den Stiefeln bis zum Helm mit Blut besudelt an den Strand zurückkehrte. Wie erwartet hatten sie die Schlacht gewonnen und die Festung einnehmen können. Deren Verteidigungsanlagen hatten sich als erstaunlich schwach erwiesen und waren dem Ansturm der Legionäre nicht gewachsen gewesen.
Tausende Britannier hatten den Tod gefunden, während sie selbst nur wenige Verluste zu beklagen hatten. Einigen der Feinde war es gelungen, mit kleinen Booten Richtung Festland zu fliehen, aber das waren nur ein paar Tropfen auf dem heißen Stein des römischen Triumphs.
Dennoch hatte der General die Insel nicht vollständig erobert, wie er es vorgehabt hatte. Während der Schlacht hatte ihn die Nachricht von einem gewaltigen Aufstand erreicht, der ihren sofortigen Abzug notwendig machte. Die Veteranenkolonie Camulodunum war von einer Rebellenarmee zerstört und ihre Bewohner niedergemetzelt worden. Seine Truppen mussten so schnell wie möglich nach Süden, was einen mehrtägigen Gewaltmarsch erforderte.
Wieder an Bord des Schiffs musste Nepta an den Druiden mit den himmelblauen Augen denken. In der Schlacht hatte er nach ihm Ausschau gehalten, ihn in der wimmelnden Menge jedoch nicht ausfindig machen können.
Rom, 68 n. Chr.
Neptunia Brussela kochte vor Wut, während sie mit schnellen Schritten durch die abendlichen Straßen Roms eilte. Über ihre Schultern hatte sie einen dicken Mantel geworfen, um sich vor der Kälte zu schützen. In der rechten Hand trug sie den kleinen Beutel mit ihrem Schmuck.
Keinesfalls hatte sie ihn zurücklassen wollen, denn Vatos wäre glatt dazu imstande, die Ketten, Ringe und Armreife bei nächstbester Gelegenheit zu Geld zu machen. Dem Mistkerl traute sie inzwischen alles zu. Schon wieder hatte er sie betrogen, obwohl sie ihm ausdrücklich klargemacht hatte, dass sie ein derartiges Verhalten nicht duldete.
Beim ersten Mal hatte sie ihm noch verziehen. Nach dem zweiten Mal hatte sie eine Spionin namens Mila auf ihn angesetzt, eine von Vatos’ Sklavinnen, mit der sie sich angefreundet hatte. Nur wenige Tage später, nämlich heute, hatte diese Vatos im Haus einer stadtbekannten Edelhure verschwinden sehen. Ganz sicher suchte er sie nicht auf, um mit ihr bei einem Krug Wein über das eisige Wetter zu plaudern, das Rom seit zwei Wochen im Griff hielt.
Neptunia hatte sich Milas Bericht angehört, ihr die versprochenen fünf Denare Belohnung in die Hand gedrückt und anschließend trotz der späten Stunde Vatos’ kleine Villa verlassen. Nun befand sie sich auf dem Weg zu ihrem Elternhaus auf dem Palatin. Ihr Vater Caetano und ihre Mutter Aurelia würden sie mit offenen Armen empfangen, dessen konnte sie sicher sein. Schon seit Längerem hegte Caetano einen Groll gegen seinen Schwiegersohn.
Ihre Heirat war arrangiert worden, um ein Band zwischen den beiden Kaufmannsfamilien zu knüpfen. Eine ebenso übliche wie bewährte Gepflogenheit, wenn sich die Parteien durch eine solche Verbindung finanzielle oder sonstige Vorteile erhofften. Obwohl ihr Ehemann dreißig Jahre älter war, hatte sich die damals siebzehnjährige Neptunia sofort in ihn verliebt. Sie mochte seine grauen Locken und das freundliche Gesicht mit den wasserblauen Augen. In den ersten Tagen ihrer Ehe hätte sie kaum glücklicher sein können.
Bis sie herausfand, dass ihr Gatte zur Trunksucht neigte und von keiner Frau die Finger lassen konnte, die ihm nahe genug kam und nichts dagegen einzuwenden hatte. Die Tage verbrachte er wahlweise in den Thermen oder im Triclinium ihres Hauses, wo er sich auf einem der Speisesofas liegend volllaufen ließ. Seinen Geschäften ging er nur noch sporadisch nach. Er hatte ja jetzt ihre Mitgift.
So hatte sich die selbstbewusste Neptunia ihr Eheleben keinesfalls vorgestellt, und ihr Vater auch nicht, was das anging. Abgesehen davon, dass ihm das Wohl seiner Tochter lieb und teuer war, hatte er sich von seinem Schwiegersohn neue Kontakte und ein paar profitable Handelsgeschäfte erhofft. Bekommen hatte er weder das eine noch das andere. Nach der anstehenden Scheidung würde er von Vatos die Mitgift zurückfordern, was diesem gar nicht schmecken würde.
Pech gehabt, dachte sie grimmig.
Ein Geräusch riss sie aus ihren Gedanken. Ohne anzuhalten, drehte sie den Kopf und spähte in die Richtung, aus der es gekommen war. Links von ihr erhob sich das Pompeiustheater mit seinen Säulengängen, in denen die Huren auf Kundenfang gingen. Selbst ihnen schien es heute Abend zu kalt zu sein. Im fahlen Schein des Halbmonds war nicht einmal ein Schatten zu entdecken.
Das Geräusch wiederholte sich, und es war aus derselben Richtung gekommen. Es hörte sich an, als kratze jemand mit einem harten und spitzen Gegenstand über Stein. Erneut schaute sich Neptunia um. Niemand war zu sehen.
Allmählich wurde ihr unbehaglich. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, zu dieser Stunde ohne Begleitung das Haus zu verlassen. In ihrem Zorn hatte sie jede Vernunft fahren lassen, und nun war es zu spät. Immer wieder hörte man Geschichten über die berüchtigten Raptores, die ihre Opfer erst ausraubten und dann umbrachten. Aber trieben die sich hier auf dem Marsfeld herum?
Neptunia beschleunigte ihre Schritte – um gleich darauf stehenzubleiben.
Wie aus dem Nichts war aus dem Dunkel der Gasse vor ihr eine Gestalt aufgetaucht und blockierte den Weg. Nach dem ersten Schreck atmete Neptunia erleichtert auf. Es war nur ein Kind. Das Gesicht konnte sie nicht erkennen, da es im Schatten einer Hauswand stand, doch den Umrissen nach handelte es sich um einen Jungen.
