Castor Pollux 2.Staffel - Michael Schauer - E-Book

Castor Pollux 2.Staffel E-Book

Michael Schauer

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Beschreibung

Der Sage nach wurde das herrliche Rom von den Brüdern Romulus und Remus gegründet. Damit sie dereinst seinen Thron nicht gefährden könnten, ließ König Amulius die beiden Neugeborenen in einem Weidenkorb auf dem Tiber aussetzen. Der Korb strandete am Ufer, eine Wölfin fand die Zwillinge, nahm sich ihrer an, säugte sie und rettete ihnen damit das Leben. Romulus und Remus gelangten zu unsterblichem Ruhm, und der Wölfin zu Ehren errichteten sie eine Statue, die später auf dem Kapitolinischen Hügel aufgestellt wurde. Seitdem wacht sie von dort aus über die Stadt. Ihr Name lautet Murana. Doch das ist nicht die wahre Geschichte ...

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Seitenzahl: 155

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

Titelseite

WIE WAR´S WIRKLICH?

Wolfsnächte

… UND IM NÄCHSTEN ROMAN LESEN SIE:

Fußnoten

Impressum

Wolfsnächte

von Michael Schauer

Der Sage nach wurde das herrliche Rom von den Brüdern Romulus und Remus gegründet. Damit sie dereinst seinen Thron nicht gefährden könnten, ließ König Amulius die beiden Neugeborenen in einem Weidenkorb auf dem Tiber aussetzen. Der Korb strandete am Ufer, eine Wölfin fand die Zwillinge, nahm sich ihrer an, säugte sie und rettete ihnen damit das Leben. Romulus und Remus gelangten zu unsterblichem Ruhm, und der Wölfin zu Ehren errichteten sie eine Statue, die später auf dem Kapitolinischen Hügel aufgestellt wurde. Seitdem wacht sie von dort aus über die Stadt. Ihr Name lautet Murana.

Doch das ist nicht die wahre Geschichte …

WIE WAR´S WIRKLICH?

Der Legende nach wurde die ewige Stadt Rom von den beiden Brüdern Romulus und Remus gegründet. Ihre Mutter war Rhea Silvia, die Tochter von König Numitor, der über die Stadt Alba Longa herrschte. Dieser wurde jedoch eines Tages von seinem jüngeren Bruder Amulius vom Thron gestoßen. Damit seine Schwägerin keinen rechtmäßigen Erben auf die Welt bringen konnte, machte der Fiesling sie kurzerhand zur Priesterin.

Sein ausgeklügelter Plan wurde ausgerechnet vom Kriegsgott Mars durchkreuzt, der Rhea Silvia verführte und schwängerte, woraufhin sie die Zwillinge zur Welt brachte. Amulius dachte jedoch gar nicht daran, deswegen aufzustecken. Er ließ die Mutter töten und ihre Kinder in einem Weidenkorb auf dem Tiber aussetzen. Zu seinem Pech führte der Fluss gerade Hochwasser, weswegen der Korb ans Ufer getrieben wurde. Dort fand eine Wölfin die Zwillinge und kümmerte sich um sie, bis sich ein Schweinehirt namens Faustulus ihrer annahm.

Als junge Männer rächten sich Romulus und Remus an Amulius und sorgten dafür, dass Numitor wieder auf seinem Thron Platz nehmen konnte. Als Dank erhielten sie die Erlaubnis, am Fuße des Hügels Palatin eine Stadt zu gründen, das spätere Rom. Dies soll 753 v. Chr. geschehen sein, was allgemein als das tatsächliche Gründungsjahr Roms vermutet wird.

Allerdings gerieten die Brüder in einen heftigen Streit, in dessen Verlauf Romulus seinen Zwilling erschlug. Offenbar hatte ihnen die Fehde zwischen Amulius und Numitor nicht als abschreckendes Beispiel gedient. Da Romulus im Gegensatz zu Amulius immerhin endgültige Fakten geschaffen hatte, herrschte er von da an siebenunddreißig Jahre lang über die Stadt, bevor er zu einem Gott avancierte oder von Senatoren ermordet wurde, so ganz sicher ist man sich da nicht.

So weit die Mythologie. Die im Roman beschriebene Statue der sogenannten Kapitolinischen Wölfin hingegen gibt es tatsächlich. Das lebensgroße Bronzeabbild soll früher auf dem Kapitol, dem religiösen Zentrum der Stadt, aufgestellt gewesen sein und ist heute in den Kapitolinischen Museen zu bewundern. Zu verdanken ist ihre Existenz den Etruskern, von denen sie im fünften Jahrhundert v. Chr. geschaffen wurde.

Der Name »Murana« allerdings ist eine Erfindung meinerseits. Tatsächlich wurde der Wölfin trotz ihrer bedeutenden Rolle in der Entstehungsgeschichte Roms nie ein eigener Name zugestanden.

Michael Schauer

Rom, 68 n. Chr.

Aquilinus Maverus rümpfte die Nase. Der Gestank nach menschlichen Ausscheidungen, altem Schweiß und verfaultem Obst war ihm beinahe unerträglich. Der Geruch passte zu dem Pöbel, der sich an ihm vorbeidrängte. Zerlumpte Gestalten, Männer wie Weiber, nicht wenige hohlwangig und ausgezehrt. Bettler am Straßenrand streckten gierig ihre schmutzigen Hände nach ihm aus – sofern sie noch welche besaßen.

Seit jeher mied er die Subura, denn er hatte das Viertel schon immer gehasst. Heute allerdings blieb ihm keine andere Wahl, als tief in die heruntergekommenen Gassen und Straßen einzutauchen.

Mit jedem Schritt schien sein Herz stärker zu schlagen. Nach all den Monaten hatte er die Hoffnung fast aufgegeben, seine Tochter noch einmal lebend zu sehen. Den Hinweis, dass sich Milia in einem Bordell verdingte, hatte er von seinem Geschäftsfreund Paulus Beda erhalten. Die Frage, wie dieser auf sie aufmerksam geworden war, hatte sich Aquilinus verkniffen. Er hoffte nur, dass Paulus genug Anstand besessen hatte, die Finger von ihr zu lassen.

Natürlich hätte Aquilinus seinen Leibwächter Crupo schicken können, um Milia aus diesem Elend herauszuholen. Wäre ihm die Angelegenheit nicht zu peinlich gewesen, selbst vor Crupo. Niemand durfte je die Wahrheit erfahren, ansonsten war er gesellschaftlich erledigt. Seine Mitsenatoren und nicht zuletzt seine Geschäftspartner würden sich die Mäuler über ihn zerreißen. Paulus’ Schweigen hatte er sich mit einem großzügig gefüllten Geldbeutel gesichert.

Eigentlich hätte ihm egal sein müssen, was andere dachten oder ob sie über ihn spotteten. Schließlich konnte er heilfroh sein, Milia bald wieder in die Arme zu schließen. Nächtelang hatte er zu Murana gebetet und ihr Opfer gebracht, damit sie sein einziges Kind beschützte.

Aber er konnte eben nicht aus seiner Haut. Um den Schein zu wahren, hatte er nach dem Verschwinden seiner Tochter behauptet, sie wäre nach Sizilien gegangen, um sich um eine kranke Tante zu kümmern. Die selbstredend nicht existierte.

Er war nicht sicher, ob ihm Konstantin Juvus die Geschichte abgekauft hatte. So oder so, inzwischen hatte er eine andere Frau geheiratet, womit sich die Sache erledigt hatte.

Je länger die Schatten wurden und vom Ende des Tages kündeten, desto mulmiger wurde ihm. Vielleicht hatte er einen Fehler begangen, zu dieser späten Stunde aufzubrechen, anstatt den nächsten Morgen abzuwarten. Jedoch hätte er kein Auge zugetan bei dem Gedanken, in welcher Umgebung – und in welcher Gesellschaft – sich Milia befand.

Seine Hand glitt unter seinen Umhang und ertastete den Griff des Dolchs, der in einer fein gearbeiteten Lederscheide an seinem Gürtel steckte. Raptores1 trieben überall in Rom ihr Unwesen, doch in der Subura war die Gefahr, einer der Banden über den Weg zu laufen, besonders groß. Nachts kamen sie aus ihren Löchern, gingen auf die Jagd nach Opfern, raubten sie aus und töteten sie nicht selten auch. Bei dem Gedanken krampfte sich ihm der Magen zusammen.

Er kam an einer Taverne vorbei, aus deren Fenstern Johlen und Lachen zu hören war. Drinnen stand ein junges Weib, das sich aus einem Tonkrug Rotwein über die blanken Brüste goss. Ein kahlköpfiger Hüne leckte ihr mit sichtlichem Genuss den Wein von der Haut, was die Umsitzenden mit Beifall und Anfeuerungen quittierten.

Der Anblick versetzte Aquilinus einen Stich. Die Frau war in Milias Alter und hatte wie sie langes, schwarzes Haar, das ihr in sanften Wellen über die Schultern fiel.

Kopfschüttelnd setzte er seinen Weg fort. Weit konnte es nicht mehr sein.

Zwei Kreuzungen später erreichte er ein mehrstöckiges Gebäude, das auf Paulus’ Beschreibung passte. Zur offenen Pforte stand wahrscheinlich gewollt zweideutig und in ungelenker Schrift verfasst auf einem Schild über dem Eingang. Drei junge Männer kamen soeben heraus. Das Gesicht des einen war gerötet, und er strahlte über beide Backen, als wäre ihm gerade etwas vollkommen Wunderbares widerfahren. Seine Begleiter lachten und klopften ihm auf die Schultern. Nicht ausgeschlossen, dass der Bursche in dem Freudenhaus seine Unschuld zurückgelassen hatte, überlegte Aquilinus.

Er betrat das Bordell und fand sich in einem Treppenhaus wieder, dessen Wände mit erotischen Darstellungen bemalt waren. Entschlossen stapfte er die Stufen in den ersten Stock hinauf und gelangte in einen schmalen Korridor. Auf der rechten Seite befanden sich mit Stoffen verhängte Öffnungen in der Wand. An Haken befestigte Ölfackeln sorgten für flackerndes Licht. Die Luft war stickig und roch nach Rauch. Gedämpftes Stöhnen drang an seine Ohren.

Vor einem der Vorhänge stand eine Frau in einem eng anliegenden Kleid, das ihr gerade mal bis zum Knie reichte, und lächelte ihm zu. Er schätzte, dass sie an die fünfzig Jahre alt sein mochte. Das Leben hatte ihr tiefe Falten in das hagere Gesicht gezeichnet. Ihr Haar war blond gefärbt, aber so nachlässig, dass zahlreiche dunkle und graue Strähnen darin zu sehen waren.

»Na, mein Großer, wonach steht dir der Sinn?«, sprach sie ihn mit kehliger Stimme an.

Ihre Schmeichelei war offenkundig. Aquilinus war eher klein gewachsen und kaum größer als sie. Dafür hatte sein Bauch umso gewaltigere Ausmaße angenommen. Zu viel Wein und gutes Essen hatten ihre Spuren hinterlassen. Seitdem er das vierzigste Lebensjahr hinter sich gelassen hatte, legte er Monat für Monat ein wenig Gewicht zu.

»Ich suche nach einer Frau namens Milia«, antwortete er.

Ein Schatten der Enttäuschung glitt über ihr verbrauchtes Antlitz.

»Möchtest du es nicht lieber mit mir versuchen? Diese jungen Dinger haben keine Ahnung, wie man das Pferd am besten reitet, wenn du verstehst, was ich meine. Du wirst es nicht bereuen, das verspreche ich dir.«

Sie ist meine Tochter, wäre es ihm um ein Haar herausgerutscht. Es gelang ihm gerade noch, seine Zunge im Zaum zu halten. Das ging niemanden etwas an, und diese Hure schon gar nicht.

»Weißt du, wo ich sie finden kann?«, ignorierte er ihr Angebot.

»Dritter Stock«, beschied sie ihn knapp. Ihr Lächeln verschwand, und sie bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick.

Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und kehrte zur Treppe zurück. Auf dem Weg nach oben kamen ihm zwei Männer seines Alters entgegen. Einer der beiden schwitzte wie ein Schwein und leckte sich über die wulstigen Lippen. Aquilinus schickte ein Stoßgebet zu den Göttern, dass der Kerl nicht ausgerechnet Milia einen Besuch abgestattet hatte.

Oben angekommen sah er erneut einen Korridor vor sich. Diesmal war niemand zu sehen, allerdings drang auch hier lustvolles Stöhnen aus einem der Zimmer hervor. Er trat an die erste Tür heran, zog den Vorhang ein Stück zur Seite und lugte durch den Spalt. Die winzige Kammer dahinter war bis auf das aus Stein gemauerte Bett mit der leichten Erhebung am Kopfende leer.

Er schlich zum nächsten Zimmer. Diesmal schaute er auf den nackten Hintern eines Mannes, der auf einer ebenfalls unbekleideten Frau lag. Aquilinus zog den muffig riechenden Stoff ein wenig weiter zurück, um einen Blick auf ihr Gesicht erhaschen zu können. Zu seiner Erleichterung handelte es sich nicht um Milia.

Kurz bevor er das dritte Zimmer erreichte, wurde der Vorhang aufgerissen, und ein dürrer Knabe kam heraus, huschte an ihm vorbei und eilte Richtung Treppenhaus. Gleich darauf waren seine polternden Schritte auf den Stufen zu hören.

Aquilinus lugte in die Kammer. Eine nackte Frau stand neben dem Steinbett und streifte sich gerade ein fleckiges Kleid über. Obwohl sie ihm den Rücken zuwandte, erkannte er sie sofort.

»Milia!«, entfuhr es ihm barscher als beabsichtigt.

Seine monatelange Sorge um sie schlug in Groll um. Wie hatte sie ihm das nur antun können? Hatte er sie nicht vom Tag ihrer Geburt an aufs Innigste geliebt und ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen? Ein einziges Mal hatte er sie um einen Dienst gebeten, und ihre Antwort hatte darin bestanden, sich einfach aus dem Staub zu machen. Was sie sogar angekündigt hatte, jedoch hatte er dem keinen Glauben geschenkt. Er hätte es besser wissen müssen. Ihre Dickköpfigkeit hatte sie von ihrer verstorbenen Mutter geerbt.

Sie fuhr herum. Ihre Augen weiteten sich vor Überraschung.

»Du bist es, Vater. Wie … wie hast du mich gefunden?«

»Das tut jetzt nichts zur Sache. Wieso …« Mit beiden Händen beschrieb er eine hilflose Geste. »… muss ich dich ausgerechnet in einem solchen Haus finden? Was hast du dir bloß dabei gedacht?«

Sie senkte den Blick. »In jener Nacht war ich wie von Sinnen. Der Gedanke, diesen Widerling Konstantin zum Mann nehmen zu müssen, hat mich fortgetrieben. Ich lief immer weiter, ohne auf den Weg zu achten. Plötzlich waren sie da. Drei Männer. Sie packten und verschleppten mich. Nachdem … sie sich an mir vergangen hatten, zwangen sie mich, für sie zu arbeiten. Mir blieb keine Wahl.«

Aquilinus fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Ein gequältes Stöhnen entrang sich seiner Brust. Seine Knie wurden weich, und er musste sich am Türrahmen abstützen, um nicht ins Wanken zu geraten.

»Warum … warum bist du nicht geflohen?«, hauchte er.

»Sie drohten mir, mich umzubringen, falls ich es auch nur versuchen sollte. Geh jetzt lieber, Vater. Falls sie hier auftauchen und herausfinden, wer du bist, werden sie dir etwas antun. Und mir auch.«

»Gehen? Wie könnte ich gehen und dich zurücklassen?«

Ihre Augen hatten einen feuchten Glanz angenommen.

»Versteh doch, ich bin entehrt. Seitdem ich in ihre Gewalt geriet, habe ich jeden Tag unaussprechliche Dinge getan. Wie sollte ich jemals wieder unter deinem Dach leben?«

»Keiner muss davon erfahren.«

»Und Paulus? Egal, was du ihm für sein Schweigen bezahlt hast, früher oder später wird er es weitererzählen. Nachdem er mich erkannt hatte, flehte ich ihn an, es für sich zu behalten. Er schwor es, im Gegenzug musste ich ihm ohne Bezahlung zu Willen sein. Daran erkennst du, was von seinen Versprechungen zu halten ist.«

»Vergiss das jetzt. Wir werden schon eine Lösung finden.«

Er unterdrückte seinen Zorn auf Paulus, machte einen Schritt auf sie zu und wollte nach ihr greifen. Mit einer geschickten Drehung entwand sie sich ihm und hielt im nächsten Moment wie aus dem Nichts einen Dolch in der Hand. Die dünne Matratze auf dem Bett war verrutscht. Offenbar hatte sie die Waffe darunter deponiert.

Erschrocken wich er vor ihr zurück. Was hatte sie vor?

»Milia«, sagte er sanft. »Leg den Dolch weg, ich bitte dich.«

Eine einzelne Träne rann ihre Wange herab.

»Den haben sie mir gegeben, falls mir ein Freier etwas antun will. Ich habe darüber nachgedacht, ihn gegen sie zu richten, aber das hätte nichts gebracht. Sie hätten mich überwältigt und bestraft. Dann wollte ich mich selbst umbringen, doch ich hatte solche Angst. Ich danke dir, dass du nach mir gesucht hast, Vater. Denn durch dich habe ich endlich den Mut gefunden, das zu tun, was ich längst hätte machen sollen. So findet meine Schande endlich ihr Ende. Leb wohl.«

Später dachte er oft darüber nach, ob er es hätte verhindern können. Wahrscheinlich nicht, es ging einfach zu schnell. Bevor er reagieren konnte, drehte sie den Dolch um und richtete die Spitze gegen sich selbst. Mit beiden Händen umklammerte sie das Heft und rammte sich die Klinge in die Brust.

Aquilinus riss den Mund zu einem stummen Schrei auf. Hilflos musste er zusehen, wie seine Tochter auf die Knie fiel, die Augen verdrehte, zur Seite kippte und reglos liegen blieb.

Eine ganze Weile stand er wie gelähmt in der Tür. Dann trat er neben sie, zog den Dolch aus ihrem leblosen Körper und warf ihn aufs Bett. Ihm fiel ein, dass sie ihm die Namen ihrer Peiniger nicht genannt hatte. Sofern er ihrer jemals habhaft wurde, würde er ihnen bei lebendigem Leib die Haut abziehen lassen.

Leise schluchzend nahm er Milia auf die Arme, trug sie die Treppe hinunter und verließ das Bordell. Auf der Straße warfen ihm die Leute neugierige Blicke zu, aber niemand machte Anstalten, ihn aufzuhalten. Anfangs spürte er das Gewicht der Leiche kaum, klein und zierlich, wie sie war. Nach einer Weile jedoch begannen seine Arme zu schmerzen, und er musste eine Pause einlegen. Sacht ließ er seine tote Tochter auf den Boden gleiten und hockte sich neben sie. Ihr Blut hatte seine Tunika besudelt, was ihn nicht kümmerte.

Nachdem er sich ausgeruht hatte, warf er sie sich über die Schulter, weil er sie auf diese Weise leichter tragen konnte.

Als er zu Hause ankam, war es längst dunkel. Er ignorierte die fragenden Blicke der herbeigeeilten Sklaven, brachte Milia in ihr Zimmer und legte sie aufs Bett, wie er es oft getan hatte, als sie noch ein Kind und es Zeit zum Schlafengehen war. Auf einem Stuhl nahm er Platz und verbrachte die folgenden Stunden damit, sie schweigend anzustarren. Dabei kam es ihm vor, als würde er neben sich stehen und sich selbst beobachten.

Das alles wäre nie passiert, hätte er sie nicht zwingen wollen, Konstantin zu heiraten.

Bei diesem Gedanken schüttelte er den Kopf. Nein, es war nicht seine Schuld, auf keinen Fall. Das durfte er sich nicht einreden. Wie hätte er damit weiterleben sollen?

In Wahrheit war die Subura dafür verantwortlich, dass er sein einziges Kind verloren hatte. Ja, das war die Antwort. In den stinkenden Straßen und Gassen fristete nichts als skrupelloser Abschaum sein nutzloses Leben. War Milia nicht der beste Beweis? Sie war gezwungen worden, ihren Körper zu verkaufen, und niemand hatte ihr geholfen. Keiner hatte sich um sie geschert.

Ein paar Tage nach ihrer Beerdigung stand er kurz davor, den Verstand zu verlieren. Er trank zu viel, aß kaum etwas, schlief wenig und fühlte sich elend. Im Senat begann er, gegen die Subura und ihre Bewohner zu wettern. Dabei ignorierte er die anfangs erstaunten und bald darauf genervten Blicke seiner Mitsenatoren. Sie hinderten ihn nicht an seinen Reden und den immer neuen Vorschlägen, wie man diesen Dorn im Fleisch der Stadt herausziehen könnte. Allerdings machten sie auch keine Anstalten, darauf einzugehen, was seinen Zorn nur noch steigerte.

Eines Abends beschloss er, Murana um Hilfe zu bitten. Seit jeher gehörte er zu den Verehrern der Wölfin, ohne die Rom nie existiert hätte.

Ohne genau zu wissen, was er sich davon versprach, machte er sich in dieser regnerischen Nacht schwer angetrunken auf den Weg zum Kapitol, wo man ihr zu Ehren eine lebensgroße Statue aus schwarzem Marmor auf einen Sockel neben einem der Tempel aufgestellt hatte. Als er den Platz erreichte, klebte ihm seine Tunika nass am Körper. Der kühle Wind ließ ihn frösteln.

Aquilinus war allein. Zu dieser Stunde und bei diesem Wetter hielt sich niemand auf der Straße auf.

Neben der Statue blieb er stehen. »Murana«, hauchte er und sah der Wölfin in die toten, schwarzen Augen. Sie stand auf allen vier Pfoten und hatte den Kopf leicht nach links gedreht, als würde sie nach etwas Ausschau halten. Deutlich waren die Zitzen zu sehen, an denen Romulus und Remus getrunken hatten.

Tränen rannen über Aquilinus’ Wangen und vermischten sich mit den Regentropfen auf seiner Haut.

»Hilf mir, meine Tochter zu rächen, Murana«, flehte er. »Dafür bin ich bereit, dir jedes Opfer zu bringen. Ihr Tod darf nicht ungesühnt bleiben.«

Ohne den Blick von dem Wolfsschädel abzuwenden, zog er seinen Dolch und schnitt mit der scharfen Klinge in seine linke Handfläche. Sofort quoll Blut aus der Wunde. Die Hand presste er auf eine der Tatzen. Den brennenden Schmerz spürte er kaum.

»Dies ist mein Blut, das ich für dich vergieße«, rief er mit lauter Stimme. »Dein untertäniger Diener erbittet deine Hilfe. Die Subura muss brennen.«

Einen Monat später

Mit jedem Schritt fiel es ihm schwerer, sich auf den Beinen zu halten. Manchmal begann sich vor seinen Augen alles zu drehen. Dann musste er eine Weile innehalten und tief durchatmen. Hätte er bloß nicht so viel Wein getrunken.

Eine Welle der Übelkeit überkam ihn. Er blieb stehen, stützte sich mit einer Hand an der Wand ab, beugte sich vor und erbrach sich. Dabei war er geistesgegenwärtig genug, die Beine zu spreizen, um sich nicht auf die Stiefel zu kotzen. Nach dem ersten Schwall hielt er keuchend inne, sein Brustkorb hob und senkte sich in rascher Folge. Der Gestank seines eigenen Erbrochenen stieg ihm in die Nase, woraufhin er sich ein zweites Mal übergeben musste.