Colfax: Der Pflicht unterworfen - Tharah Meester - E-Book

Colfax: Der Pflicht unterworfen E-Book

Tharah Meester

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Beschreibung

Wie könnte man Treue erwarten, wenn dem Herzen untersagt ist, sie einzufordern? Seit nunmehr acht Monaten beugt Albertien de Medici sich pflichtbewusst dem Willen seines Vaters und des Königs, indem er der Öffentlichkeit eine glückliche Ehe vorspielt, obwohl seine Liebe einem anderen Mann gebührt. Nach einer verhängnisvollen Nacht, die für Dante und ihn im Desaster endet, lassen sich jedoch all die sorgsam unterdrückten Gefühle nicht länger seiner eisern geglaubten Selbstbeherrschung unterwerfen. Während Bertie beginnt, gegen die Gitterstäbe seines goldenen Käfigs zu hämmern, bröckelt auch die mühsam aufrechterhaltene Fassade des legendärsten Dandys der Stadt. Kein Wunder, wo sie doch gewaltsam mit Hammer und Meißel bearbeitet wird. Irgendwann ist sogar die Engelsgeduld des Teufels erschöpft. Diese Geschichte sollte nicht ohne Vorkenntnisse aus »St. Sycamore: Eine schicksalhafte Ehe« gelesen werden und endet mit einem Cliffhanger! Für ein vollkommenes Leseerlebnis ist es von Vorteil, auch »St. Garner: Eine undenkbare Affaire« bereits gelesen zu haben.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Colfax

Der Pflicht unterworfen

 

Tharah Meester

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Venice, du meine Liebe!

Die Stadt

Personenverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

NACHWORT

DANKSAGUNG

Über die Autorin

Impressum

 

 

 

Für all jene, die schon einmal ihr Ehrenwort brechen mussten,

weil ihr Herz ihnen keine Wahl gelassen hat.

Vorwort

 

Liebe Leserin, lieber Leser.

 

Ich muss diesem Buch einen Seufzer voranstellen. Du wirst mich verfluchen. Ich weiß, ich weiß. Selbst schuld. Lang und breit habe ich damals im Nachwort des letzten Bandes ein Happy End im nächsten Teil versprochen und sogar mein Ehrenwort darauf gegeben. Tja. Die Jungs haben mich wieder mal eine wertvolle Lektion gelehrt: Nicht zu ambitioniert sein und keine voreiligen Versprechungen geben, wenn es um ihre Geschichte geht. Die erzählen sie nämlich in ihrer Geschwindigkeit (elendig langsam) und Hindernisse legen sie sich in den Weg, so viele sie möchten (einen ganzen Trümmerhaufen). Und überhaupt soll ich gefälligst aufhören, sie zu drängen. Fein, kann ich machen. Dann überlasse ich eben anderen die Arbeit, ihnen bei Bedarf die Sturköpfe zu waschen. Mal sehen, wie ihnen das gefällt ... (Dante schiebt sich hinter mir die Ärmel bis zu den Ellenbogen hinauf und wärmt sich die Finger vor.) Bonne chance, ihr widerspenstigen, gefühlsblinden Idioten. (Ich liebe euch.)

 

Das mit den Tränen und dem Herzblut aus dem letzten Vorwort stimmt immer noch. Zum zweiten Mal lege ich also einen Teil dieser unendlichen Romanze in deine Hände und hoffe, sie kann dich ebenso in den Bann schlagen wie mich.

 

Deine Tharah

 

 

 

 

Venice, du meine Liebe!

Ich drück dich fest an meine Brust

und säusle dir ins Ohr:

»Mein Herz schlägt für dich.

Mon cœur bat pour toi.

Il mio cuore batte per te.«

 

 

Die Stadt

 

 

Personenverzeichnis

 

 

Albertien »Bertie« de Medici – Schriftsteller

 

Jacques-René »Jackie« Escoffier – Maler

 

Dante de Medici, Lord St. Sycamore – Dirigent des königlichen Orchesters

 

Nikolai de Medici – Dantes Vater, Politiker, Kabinettsmitglied

 

George Colfax – Albertiens Vater, Politiker, Kabinettsmitglied

 

Clément Robespierre – Major

 

Vincent Motley – Opernschreiber

 

Josephine »Josy« Motley – dessen Ehefrau, Studentin

 

Richaud Lachapelle – Mörder

 

Frank Waters – Direktor des Fort Faucherre

 

Horace Langley – Henker

 

Seydo – Henkersgehilfe

 

Pritchard – Gefängniswärter

 

Lynette Moreau – Porträtmalerin

 

Alecsandre de Lys – Maxime Épernées Kammerdiener

 

Jean-Pierre Lévesque – Schneider

 

Lance Preston Lombard – Privatdetektiv

 

Ives Rainiér – Lieutenant, Ordonnanzoffizier

 

Galen Sinclair, Lord St. Garner, Marquis de Reuvaliér – Colonel, Leiter des Bureaus für militärinterne Angelegenheiten

 

Vittorio Phillippe Bastiano Emilio de Montmarcé – König von Venice

 

Jean-Jacques Vaudrec de Lille – Aktfotograf und Agent

 

Ira Kingsley – Besitzer eines Herrenclubs

 

Georgie – dessen Begleiter

 

Tom – Stallbursche

 

Teo – Wirt

 

Dario Mancini – ein reisender Magier

 

Mr Waxxler – ein Reisender

 

Mort – ein Reisender

 

Bram – dessen Bruder

 

Edie – dessen Ehefrau

 

Gevatterin – Mort und Brams Mutter

 

Teofila Toscano – Hôtelière

 

Miss Bethany Stanhope – Kurgast

 

Gaia – Albertiens Stute

 

Fabrizio – Jackies Hengst

 

 

Wer nach Rache dürstet, ertrinkt darin ...

 

 

Nur zwei Monate nach seiner Verhaftung wurde über Harvey E. Urteil gesprochen. Der König selbst dürfte auf einen beschleunigten Prozess gepocht haben, da einer seiner Favoriten unmittelbar an den Geschehnissen beteiligt war.

 

Die werten Leser werden sich gewiss daran erinnern, dass ausgerechnet am Abend einer Opernpremiere ein Anschlag auf den Ehemann des Dirigenten Dante de Medici verübt worden ist. Albertien de Medici (né Colfax) saß drei Jahre lang im Fort Faucherre, weil man ihn fälschlicherweise des Dreifachmordes beschuldigte. Besagte Morde, in Wahrheit begangen durch den bereits zum Tode verurteilten Richaud L., forderten nicht nur drei unschuldige Opfer, sondern darüber hinaus das Seelenheil vieler Hinterbliebener. Einen von jenen dürstete es derart quälend nach Rache, dass er sich unerlaubt Zugang zum Palast verschafft, Albertien de Medici unter falschem Vorwand aus der Vorführung gelockt und versucht hat, ihn auf einer Terrasse zu erstechen. Laut Zeugenaussage einer Palastwache musste der Attentäter aufgrund seiner heftigen Gegenwehr durch einen Arzt betäubt werden, ehe man ihn abführen konnte.

 

Heute Morgen wurde Harvey E., der sich vor Gericht geständig und ohne einen Hauch von Reue selbst verteidigte, zu elf Jahren Haft wegen versuchten Mordes unter mildernden Umständen verurteilt. Das Publikum im Gerichtssaal verblieb geteilter Meinung. Einige erachteten der Gerechtigkeit Genüge getan, andere teilten mir während einer kurzen Befragung mit, sie hätten sich eine geringere Strafe für den Angeklagten erhofft.

 

(I.F.)

Prolog

 

Winter

 

Unwillig schritt Bertie seinem Vater voran durch den Flur des Apartments. Der Mann hatte ihn am Treppenabsatz abgefangen und sich ihm aufgedrängt. Nach Monaten des Schweigens, das nicht einmal zu Weihnachten oder Berties Geburtstag gebrochen worden war, wollte George nun offenbar reden. Hatte sein Anliegen mit den Dokumentenmappen zu tun, die er unter dem Arm trug? Die eine war aus schwarzem, die andere aus dunkelrotem Leder. Unweigerlich zogen sie Berties Blick auf sich. Vielleicht nur zu dem Zweck, seinem Vater nicht in die Augen sehen zu müssen.

Unwirsch stieß er die Tür zum Schlafzimmer auf. Gewiss hätte er die Unterhaltung in einen der Salons verlegen können. Es wäre angemessener, doch er führte George aus einem bestimmten Grund in sein Gemach.

»Also, was willst du?«, fragte er unhöflich, während er den Raum durchquerte, um ein frisches Jackett aus dem Schrank zu nehmen. »Mach schnell, ich bin verabredet, wie ich dir schon unten gesagt habe.«

»Ich muss wohl nicht fragen, mit wem«, knurrte George und sah sich, wie von Bertie gewünscht, in dem Zimmer um, das – obwohl es Dante und ihm gehörte – deutlich die Präsenz eines anderen Mannes in seinem Leben ausstrahlte.

Die Wände waren mit Jackies Malereien geschmückt. So konsequent, dass es fast überladen wirkte, aber immer noch vornehm genug, dass Dante sich nicht darüber beschwerte. Eines der Bücherregale hatte Bertie mit einer Tür versehen, um ein weiteres Gemälde unterbringen zu können. Es reichte vom Boden bis zur Decke und zeigte ein Boot an einem Steg mitten in einem sommergrünen Wald. Jackie hatte eine Vorliebe für alle möglichen Grüntöne entwickelt, so schien es unvermeidbar natürlich, dass Wälder zu seinem beliebtesten Motiv geworden waren.

Der Kaminsims stand mit so vielen Fotografien voll, dass er niederzubrechen drohte. Vince hatte Josy eine Kamera geschenkt und jetzt hatten sie alle darunter zu leiden, ständig abgelichtet zu werden. Das war die offizielle Version. In Wahrheit genossen sie es hinter all dem Gejammer, dass ihre schönen Erlebnisse auf Papier festgehalten wurden.

Ein Bild zeigte die gesamte Gruppe zusammen im Schlossgarten, nachdem sie sich am ersten Weihnachtstag eine unerbittliche Schneeballschlacht geliefert hatten. Josys tiefschwarzes Haar stand wirr zu allen Seiten ab und Vince hatte seine Mütze verloren, die wohl bis zur Schneeschmelze nicht mehr auftauchen würde. Shillingford stützte sich mit dem Ellbogen auf der Schulter eines rotwangigen Séraphin ab. Jackies dunkelblauer Mantel war weiß vor Schnee, jener von Bertie sah nicht besser aus. Dante drückte außer Atem wirkend den Knopf des Selbstauslösers. Sie alle grinsten wie Kinder, die kein Unglück kannten.

Ein anderes Foto hatte eingefangen, wie Vince und Clément einen glückseligen Dante im Opernfrack in ihre Mitte nahmen. Ein weiteres den Moment unten am Hafen, in welchem Jackie in Gelächter ausgebrochen war, nachdem Bertie ihm einen idiotischen Zaubertrick vorgeführt und dabei kläglich versagt hatte. Sogar in Schwarzweiß strahlte Jackies Lachen etwas aus, das Berties Herzschlag ins Stolpern geraten ließ. Es gab nur wenige Fotografien, auf denen Jackie nicht zu sehen war, und sie schienen seine Wandlung zu dokumentieren. Sein Haar war eine Spur länger als noch im Herbst und weniger geschniegelt. Er strahlte inzwischen eine Natürlichkeit aus, die ihn nahbarer, aber zugleich noch unwiderstehlicher machte. Wenn sie abends nicht ausgingen, ließ er sich sogar manchmal dazu hinreißen, seine sonst so penible Rasur für ein oder zwei Tage zu vernachlässigen. Unnötig zu erwähnen, dass Bertie jede Variante dieses Mannes teuflisch attraktiv fand. Jede einzelne. Ohne Ausnahme.

Sein allerliebstes Stück der Sammlung in goldenen Rahmen stand jedoch nicht über dem Kamin, sondern auf seinem Arbeitstisch neben der Schreibmaschine. Eine Nahaufnahme, die an seinem Geburtstag entstanden war. Jackie und er, wie sie nebeneinander an der Bar des Torquemada saßen, hinter ihnen ein Schneegestöber vor dem großen Fenster, während Jackie ihm einen Kuss auf die Wange gab. Einen, der es in sich gehabt hatte. Nicht nur, weil er unerwartet kraftvoll ausgefallen war, sondern weil Jackie ihm dabei auch noch die Hand an die andere Wange gelegt hatte, um ihn nicht entkommen zu lassen. Als hätte Bertie das gewollt.

In dem hübsch verpackten Päckchen, das vor ihnen auf der Theke ruhte, hatte sich die rote Schreibfeder befunden, die Jackie ihm geschenkt hatte – unwissend darüber, dass das eigentliche Geschenk in Berties Augen der Kuss gewesen war.

Erst als sein Vater sich lautstark räusperte, bemerkte er, dass er innegehalten hatte, um das Foto anzustarren. Mit einem Blinzeln wandte er sich davon ab und wechselte das Jackett.

»Wo bist du jetzt gerade hergekommen?«, fragte George, anstatt zum Punkt zu kommen. Er platzierte die Mappen auf dem Tisch zwischen den Stühlen vor dem Kamin und setzte sich, um die Beine zu überschlagen.

»Ich wüsste nicht, was es dich angeht, aber ich war bei einer Freundin.«

Josy hatte ihn gebeten, ihr bei der sprachlichen Verfeinerung einer Abhandlung über die Ausgrabungen am anderen Ende der Insel zu helfen. Sie waren den ganzen Vormittag über damit beschäftigt gewesen.

»Bei Motleys Frau?«, hakte George nach und hob die Brauen.

»Was willst du, Vater?«

»Setz dich.«

»Ich habe wirklich nicht viel Zeit«, gab Bertie beharrlich zurück und warf einen demonstrativen Blick auf seine Armbanduhr.

Die Miene seines Vaters verdüsterte sich. »Es geht schneller, wenn du aufhörst, mich wie lästigen Pöbel zu behandeln.«

Widerwillig nahm Bertie Platz und verschränkte die Arme vor der Brust, um seine Ablehnung zu verdeutlichen. Ob dazu Notwendigkeit bestand, war anzuzweifeln.

»Mir gefällt deine Entwicklung nicht«, meinte George grimmig.

»Das überrascht mich nicht«, konterte Bertie trocken. Tyrannen sahen es nicht gern, wenn sich ihre Untergebenen von jenen Ketten befreiten, die sie knechten sollten.

»Spar dir deine Seitenhiebe«, biss George zurück. »Ich bin hier, um dir ein Angebot zu unterbreiten.« Damit griff er nach den Mappen und schlug sie auf, um sie auf dem Tisch zu drapieren wie ein Notar. »Hier in der roten habe ich Unterlagen, mit denen du dir die Hälfte deines Erbes sofort auszahlen lassen kannst.«

Bertie ballte die Hände zu Fäusten und hinderte sich mit aller Macht daran, mit dem Bein zu wippen. »Was ist in der schwarzen?«

Sein Vater überging die Frage. »Sieh her, mein Anwalt hat schon unterschrieben. Du musst nur zu meinem Banquier gehen und die Summe für dich beanspruchen. Du weißt, dass wir hier von einer beachtlichen Menge an Geld sprechen, nicht wahr? Du bist mein einziger Sohn. Die Hälfte deines Erbes bedeutet die Hälfte meines Vermögens, Bertie. Verstehst du das?«

Bertie wollte antworten, dass er nicht zurückgeblieben sei und sehr wohl begriff, doch eben weil er das tat, ließ ihn die Nervosität schweigen. Was würde George als Gegenleistung für die Hälfte seines Reichtums fordern? Eines Reichtums, der jedes gewöhnliche Maß überschritt. Bertie konnte es sich denken.

Die Sehnsucht nach einer Zigarette regte sich in ihm und er drückte sich den Daumennagel in die Kuppe des Zeigefingers.

»Sagst du mir, was sich in der schwarzen Mappe befindet?«, versuchte er es erneut, doch George winkte ab.

»Es wird über euch geredet. Über dich und Escoffier«, sagte er stattdessen mit einem Grimm in der Stimme, welcher das Zusammenziehen seiner Augenbrauen untermalte. »Du machst dich zum Gespött der Leute, Albertien.«

»Wäre mir nicht aufgefallen.«

George stand kurz davor, die Zähne zu fletschen. Sein linkes Augenlid zuckte. »Ich weiß, was du vorhast. Die Art, wie du ihn ansiehst, lässt keinen Zweifel daran. Ich dulde das nicht, Bertie. Du ruinierst dich. Und mich gleich mit dazu.«

»Was habe ich denn deiner Meinung nach vor?«

»Das weißt du selbst am besten«, zischte George. »Denkst du allen Ernstes, er wird dir treu bleiben? Nur, weil er sich in letzter Zeit niemanden in sein Bett geholt hat?«

Jackies plötzliche Keuschheit war eine Tatsache, die die ganze Stadt verwirrte und Bertie nachts ein wenig besser schlafen ließ, obwohl der falsche Mann neben ihm lag. Er hatte das Thema Enthaltsamkeit vorsichtig angesprochen, doch Jackie hatte ihn mit einer ausweichenden Antwort abgefertigt: Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Ich bin nicht wahnsinnig und lege auch keinen Wert darauf, der zu bleiben, der ich war.

Jackies Wandel ging sogar so weit, dass er nicht einmal mehr Modell stand. Er hatte sich ganz und gar der Malerei verschrieben.

»Stimmt es etwa, was die Leute sagen?«, fragte George, als Bertie ihn auch nach einer halben Minute mit keiner Reaktion beehrte.

»Die Leute sagen viel, wenn der Tag lang ist. Was genau meinst du?«

»Dass er sich keinen Liebhaber mehr nimmt, weil er mit einem Ehepaar genug zu tun hat?«

Bertie stieß in einem freudlosen Lachen Luft aus, bevor er den Kopf schüttelte. »Darauf gebe ich ganz sicher keine Antwort.« Ohne es zu wollen, knirschte er mit den Zähnen. Allein der Gedanke, Jackie mit jemandem teilen zu müssen, sprengte ihm fast die Brust vor Eifersucht.

»Bertie, hör zu. Viele glauben weiterhin an deine Schuld. Denk an deinen beschädigten Ruf. Dante ist der perfekte Mann, um dich zu rehabilitieren. Warum willst du das wegwerfen? Dein Verhalten fordert es doch geradezu heraus, dass man derartige Gerüchte über euch schürt!«

»Dieser Vorwurf ist nun wirklich haltlos. Dante und ich geben uns alle Mühe, eine intakte Ehe vorzuspielen.«

»Das mag sein. Deine Freundschaft zu diesem verfluchten Herumtreiber wirft nur leider einen Schatten über eure Bemühungen.«

»Selbst, wenn es so ist, wirst du nichts dagegen tun können, Vater.«

»Ich verstehe das nicht! Herrgott, ja! Du musstest drei Jahre lang auf körperliche Genüsse verzichten und ich sehe durchaus ein, dass Escoffier die niedersten Triebe eines Mannes anspricht, aber du wirst doch wohl noch klar genug denken können, um dir von deiner Begierde nicht die Zukunft verderben zu lassen!«, donnerte George und knallte die Faust auf den Tisch. »Warum beharrst du so darauf, diesen Mann an deiner Seite zu halten?!«

»Weil ich ihn liebe, verdammt!«, brach es aus Bertie hervor, weil er die Worte bereits zu lange in seiner Seele herumtrug, ohne sie aussprechen zu dürfen.

»Bei allen Göttern.« Stöhnend legte sich sein Vater die Hand an die Stirn. »Ich tue so, als hätte ich das nicht gehört.«

»Ich kann es gerne noch einmal für dich wiederholen. Ich liebe Jackie. Ich kann nicht ohne ihn sein, begreifst du das nicht?« Völlig unerwartet stiegen ihm heiße Tränen in die Augen. »Er macht mich so glücklich, wie kein anderer es könnte. Siehst du das nicht, wenn du diese Fotografien von mir anschaust?! Jackie lässt mich Torturen vergessen, die sich in meine Seele gebrannt haben. Er schafft es, die ganze Welt in Farbe zu tauchen, wenn ich mit ihm zusammen bin. Es gibt nicht länger bloß dieses … nichtssagende Grau, in dem ich vor mich hingelebt habe.« Seine Wangen wurden nass und er griff nach Georges Fingern, um sie in den Händen zu halten. All seine Wut und Abneigung schlugen in den Drang um, seinem Vater die Wahrheit zu sagen – ihm die Augen zu öffnen und ihn erkennen zu lassen, was Jackie ihm bedeutete. »Du denkst vielleicht, es wäre nur eine Schwärmerei, aber das ist es nicht. Es ist alles andere als das. Ich kann dir versichern, dass meine Gefühle für ihn mit jedem Tag, den wir uns kennen, intensiver werden. Jackie ist alles, was ich will.«

George starrte ihn an. Seiner Miene war nichts zu entnehmen.

»Vater, Jackie hat mir das Leben gerettet. Und er tut es jeden Tag von Neuem«, fügte Bertie heiser hinzu. Das Herz klopfte ihm im engen Hals.

Es setzte für einen Schlag aus, als George sich ihm entzog. »Der König hat eine sehr geringe Meinung von Escoffier.«

Bertie wischte sich übers Gesicht und sank kraftlos in den Stuhl zurück. Es war vergebens, diesem abgestumpften Mistkerl begreiflich machen zu wollen, wie es um sein Herz stand. Nun schämte er sich für diese jähe Anwandlung, die ihn da heimgesucht hatte. Für das Aufflackern von Vermissen und den Wunsch, sein Vater möge ihm seinen Segen geben, weil er ihn zu sehr liebte, um ihn unglücklich zu machen.

George hingegen, wie immer unerbittlich und vor jeder echten Gefühlsregung gefeit, fuhr fort: »Du weißt, dass St. Garner zu Vittorios Favoriten zählt. Der Ehrentitel sagt alles. Nach allem, was Escoffier seinem Exmann angetan hat, ist es kein Wunder, dass Seine Majestät ihn für Abschaum hält.«

»Es war nicht Jackies alleinige Schuld, wie die Dinge gelaufen sind«, gab Bertie fest zurück. »Aber da diese Sache nicht mehr von Bedeutung ist, brauchen wir nicht weiter darüber zu diskutieren. Was ist in der schwarzen Mappe?«

Schwer seufzend rutschte George näher an die Kante des Stuhles und legte die Fingerkuppen aneinander. »Du versuchst mit aller Hartnäckigkeit, einen Ehemann aus einer Hure zu machen. Wenn du dich nicht von diesem Ziel abbringen lässt, muss ich dich enterben.«

Die Welt stand für einen Moment still. Aus den Angeln gehoben hatte sie aufgehört, sich zu drehen. Nach einer verstrichenen Ewigkeit und einem trockenen Schlucken brachte Bertie endlich den Mund auf. »Dann soll es so sein.«

Die unnatürliche Blässe, die George daraufhin ereilte, verriet unleugbar, dass er damit nicht gerechnet hatte. Was bewies, wie wenig dieser Mann ihn kannte und wie wenig er von wahrer Liebe verstand. Hatte er ernsthaft geglaubt, Bertie würde angesichts einer Enterbung seine Meinung ändern? Was genau wollte er mit dem Ausschluss von einer Erbschaft überhaupt bezwecken? War sie lediglich als Bestrafung angedacht oder baute George darauf, dass Bertie nun bei Dante blieb, um dessen Reichtum für sich zu nutzen, weil er über kein eigenes Vermögen verfügte? Die drohende Mittellosigkeit, die für seinen Vater vermutlich das Ende allen Daseins darstellte, war in Berties Augen nicht mehr als eine Lächerlichkeit, wenn man sie damit verglich, wie es wäre, Jackie zu verlieren.

Energisch zog er einen Stift aus der Innentasche seines Jacketts und griff nach der schwarzen Mappe, um das erste Blatt darin umzudrehen und ein paar Sätze samt seiner Unterschrift auf die leere Seite zu kritzeln. Sein Vater beobachtete ihn mit sichtlicher Irritation. Mit einem Knall ließ Bertie die Mappe zuschnappen und schob sie über den Tisch zu George hinüber, ehe er regungslos in den kalten Kamin starrte. »Wenn du jetzt bitte gehen würdest. Ich bin verabredet.« Seine Stimme klang eisig und fremd. Gar ungerührt, obgleich seine Emotionen ihn zu zerreißen drohten.

George senkte den Blick und ergründete die Untiefen des schwarzen Leders, welche Berties jüngste Entscheidung tintenschwarz auf weiß bargen. Das Ausstoßen seines Atems füllte den Raum mit Schock und Unglaube. »Du verzichtest auf deinen Pflichtteil?«

»Auch das muss ich also wiederholen«, erwiderte Bertie mit einer Resignation, die er in seinen Tonfall zwingen musste. »Jackie ist alles, was ich will. Ich brauche kein Geld von dem Mann, der ihn eine Hure nennt.«

»Das ist …« Sein Vater unterbrach sich für ein abfälliges Schnauben. »Dieser Kerl hat dich deiner Sinne beraubt. Du wirst tief fallen, wenn du dich darauf verlässt, dass er dich hält.« Damit erhob er sich und grabschte nach seinen Papieren. Auch nach denen, die als Bestechung gedacht gewesen waren und doch nicht die geringste Verlockung dargestellt hatten. Mit seinen dämlichen Akten, die genauso gefühllos waren wie er, marschierte er zur Tür. »Ich hoffe, du weißt, was du tust.«

Sobald Bertie alleine war, schloss er die Augen, um den Schwindel zu vertreiben. Sein Hinterkopf sank gegen die gepolsterte Lehne, seine Hände klammerten sich an das kühle Leder. Ein Beben durchwanderte seinen Körper.

Als er die Lider erneut aufschlug, fing eine der Fotografien zielsicher seinen Blick ein. Jackie im Profil, während er auf das Meer hinaus starrte und der Wind ihm das seidige, dunkle Haar zerzauste. Er trug dieselbe dunkelblaue, eng geknöpfte Weste wie an jenem Tag, an dem sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Seine Masche baumelte wie damals gelöst seine Brust hinab.

Soweit Bertie das beurteilen konnte, schwärmte Jackie immer noch für ihn. An manchen Tagen erschien ihm die Anziehungskraft zwischen ihnen so stark, dass es kaum auszuhalten war. Dass es unerträglich schien, ihn nicht zu küssen, ihn nicht zu berühren. Was er seinem Vater gestanden hatte, war die reine Wahrheit. Er liebte Jacques-René mit unerhörter Heftigkeit. Und genau deshalb wagte er es nicht, ihm seine Gefühle zu offenbaren. Was, wenn Jackies übersteigerte Zuneigung zu ihm nur aus einem einzigen Grund anhielt? Was, wenn sie nur der Tatsache entsprang, dass Bertie ihm noch nicht gegeben hatte, was zu bekommen er gewohnt war?

Die Witzeleien darüber, dass Jackie seinen Bettgespielen nie mehr als ein paar Stunden zugestand, hatten sich in seinem Schädel manifestiert. Was, wenn Jackie nach einer Nacht mit ihm zu der Erkenntnis kam, dass Bertie ihm nicht geben konnte, wonach er gerade so offensichtlich suchte.

Schwer atmend wischte er sich übers Gesicht und ließ die Hände dort ruhen, presste sich die Handballen in die Augenhöhlen. Könnte jemand wie er einem Mann wie Jackie gerecht werden? Ihm genügen? Ihn glücklich machen?

Nur Jackie könnte ihm jene Fragen beantworten, doch vielerlei Gründe machten Bertie in dieser Hinsicht stumm. Ein Mangel an Worten, um die er selten verlegen war, wenn es nicht den Mann betraf, nach dem er sich verzehrte. Ein Fehlen von jenem Mut, den es bräuchte. Die Angst, dass Jackie nicht auf ihn warten konnte. Die Furcht, er könnte sich eingeengt oder zu etwas verpflichtet fühlen, sobald Bertie ihm seine Gefühle offenbarte. Die Panik, die der Gedanke ihm einbrachte, Jackie könnte ihn am Ende gar nicht wollen.

All diese Möglichkeiten mündeten in einer schrecklichen Konsequenz: Verlust.

Er würde ihre Freundschaft zerstören und Jackie aus seinem Leben jagen.

Dieser Mann war ihm jedoch unentbehrlich geworden. Es würde ihn schlichtweg umbringen, ihn zu verlieren. Deshalb schwieg er und riskierte dabei Tag für Tag, Nacht für Nacht voller Pein und Beklommenheit, dass Jackie in einem anderen fand, was Bertie für ihn sein wollte.

Als die Tür hinter ihm schwungvoll aufging, trocknete er eilig seine Wangen.

Dante stieß ein angestrengtes Stöhnen aus und warf seine Umhängetasche auf den Boden. »Bei der Verabschiedung hat er sich tapfer gehalten, aber sobald das Schiff nicht mehr zu sehen war, ist er in Tränen ausgebrochen. Er war kaum zu beruhigen. Ich dachte schon, er stirbt mir in den Armen weg. Und das ist leider Gottes keine allzu große Übertreibung.«

Bertie fühlte sich schuldig. »Ich hätte mitkommen sollen.«

»Ich weiß nicht«, meinte Dante abwehrend und ließ sich auf den Stuhl neben ihm fallen. »Es wäre ihm bloß peinlich gewesen, wenn noch mehr Leute das mitangesehen hätten. Bei allen Heiligen, sogar die Hunde haben gewinselt, als sie ihn am Steg zurücklassen mussten.« Er lehnte sich schwer seufzend zurück, um den Kopf in den Nacken zu legen und die Hände vors Gesicht zu nehmen. »Rousseau hat ihm übrigens die Schläfe geküsst, als sie sich zum Abschied umarmt haben. Kann mir keiner mehr erzählen, dass er nicht eine Schwäche für Clément hat.«

»Zweifellos hat er die«, bestätigte Bertie und fummelte an einem losen Faden an der Armlehne herum.

»Sollte Rousseau nicht von diesem verdammten Einsatz zurückkommen, wird Clément das nicht überstehen«, murmelte Dante rau in seine Handflächen und rieb sich die Wangen.

»Er wird zurückkommen.«

»Natürlich wird er das. Es war nur so dahergesagt.« Dante schaffte es, die Bedrücktheit aus seiner Stimme zu vertreiben. Ein Lächeln färbte den Klang seiner nächsten Worte: »Rate, was er Clément zugesteckt hat, bevor er sich dazu hat überreden können, das Schiff zu betreten.«

»Ein Liebespfand?«

»Oh, sehr weise, mein Lieber. Du gibst dir ja richtig viel Mühe mit dem Raten. Liebespfand«, wiederholte Dante mit einem spöttischen Schnauben. »Das ist es unbestreitbar, aber eines, das nicht nur Clément Freude bereiten wird.«

Verwirrt fragte Bertie: »Und was könnte das sein?«

»Seine Autoschlüssel«, grinste Dante der Zimmerdecke zu und dehnte beinahe jede Silbe genüsslich in die Länge. Er schien auf eine Reaktion zu warten, die ausblieb. Schließlich wandte er sich Bertie zu. »Weshalb lässt dich das kalt und warum bist du noch nicht beim Mittagessen?«

Erst nach zwei Herzschlägen und nachdem Dante sorgenvoll seinen Namen in den Raum gemurmelt hatte, konnte Bertie den Blick seines Ehemannes erwidern. Offenbar stand ihm sein Elend ins Gesicht geschrieben.

»Was ist passiert?«, fragte Dante mit unheilvollem Unterton.

»Mein Vater hat mich unten abgefangen, als ich raufkommen wollte, um mich umzuziehen.«

Dantes Miene verzog sich zu einer fast angeekelten Grimasse. »Was wollte er?«

»Mir ein Ultimatum stellen. Entweder Jackie«, brachte Bertie heiser hervor und bemerkte, dass seine Stimme wie immer weich wurde, sobald er diesen Mann erwähnte. Nicht einmal die widrigen Umstände vermochten es, etwas daran zu ändern. »Oder mein Erbe.«

»Der miese Bastard hat dich enterbt?« Dante wirkte perplex. Unter wütend zusammengezogenen Brauen sprühten seine Augen Funken.

Bertie nickte. Wenigstens sein eigener Gatte kannte ihn gut genug, um nicht zu fragen, wie er sich entschieden hatte.

Schließlich zuckte Dante mit den Schultern. »Na und? Was soll’s? Er muss dir zumindest einen Pflichtteil überlassen und der wird bei seinem Vermögen nicht gerade gering ausfallen.«

»Ich habe darauf verzichtet«, stellte Bertie leise klar und knetete seine Hände, denen ein leichtes Zittern nicht zu verbieten war.

»Verzichtet?«

»Ich will sein Geld nicht. Meinetwegen soll er sich damit begraben lassen. Sei’s drum. Vor dir sitzt ein mittelloser Mann.«

»Das ist nicht wahr. Du hast noch etwas von der Entschädigung wegen des falschen Urteils. Außerdem schreibst du hervorragende Geschichten. Dein Feuilletonroman in der Weekly war ein voller Erfolg und bald erscheint dein neues Buch. Und danach das nächste und das übernächste und so weiter und so fort. Du verdienst dein eigenes Geld, du brauchst das seine nicht.«

Bertie fuhr sich mit dem Daumennagel über die Unterlippe. Seine Zehenspitzen hämmerten nervös auf den Teppich ein. Er war froh, dass Dante seine Entscheidung so gut nachvollziehen konnte, dass es keines Nachhakens und keiner Rechtfertigung bedurfte, doch … »Ohne Erbe bin ich eine schlechte Partie.«

»Und ein Dummkopf, wenn du denkst, dass ihn so etwas interessiert.«

Ruckartig hob er den Kopf und sah geradewegs in Dantes Augen. »Kein Wort zu ihm, ich bitte dich.«

Widerwillig hob Dante die Hände, als hätte Bertie ihm eine Pistole an die Brust gesetzt. »Wie du meinst. Aber ich will anmerken, dass ich dein Schweigen als unnötig erachte. Im Übrigen kann ich dir jederzeit unter die Arme greifen, wenn es so kommen sollte, dass du Geld brauchst. Aber ich denke nicht, dass es nötig sein wird. Du bist ein wundervoller Schriftsteller.«

Bertie ließ sich ein wenig beschwichtigen. »Ich könnte zusätzlich ein paar Mal in der Woche als Bereiter arbeiten.«

»Jackie würde sich sicher darüber freuen.«

Das kostete Bertie ein atemloses, verständnislos hervorgestoßenes: »Was?«

»Ich meinte nicht das, was du offenbar denkst!«, lachte Dante. »Ich wollte bloß ganz harmlos darauf anspielen, dass Jackie die Augen kaum von deinem Hintern lassen kann, wenn du Reithosen trägst. Ach nein, warte, das kann er nie.«

Bertie tat das mit einem Schnauben ab, konnte jedoch nicht verhindern, dass ihm die Hitze in die Wangen schoss und seine Mundwinkel nach oben zuckten. »Du bist ein Idiot.«

»In erster Linie bin ich ein toller Freund, der dich zum Schmunzeln gebracht hat, obwohl du gerade noch eine fürchterliche Trauermiene zur Schau gestellt hast.«

Grinsend schüttelte Bertie den Kopf. »Das eine schließt das andere nicht aus.«

Mit einem gespielt empörten Gesichtsausdruck wollte Dante sich verteidigen, da beendete ein Klopfen an der Tür ihr Geplänkel.

John Parker, der treue Majordomus, ergriff draußen im Flur das Wort. »Meine Herren, Mr Escoffier steht höchst niedergeschlagen vor der Tür und murmelt davon, dass er versetzt worden sei.«

»Das ist er nicht!«, gab Bertie eilig zurück und kam in die Höhe. »Verdammte Scheiße, mein Vater schafft es doch immer wieder.«

»Gar nichts schafft er«, widersprach Dante. »Er hat keinerlei Macht mehr über dich und beginnt allmählich, das zu begreifen. Sonst hätte er nicht derartige Geschütze aufgefahren und sein letztes Ass aus dem Ärmel gezogen. Jetzt geh Jackie von seinen Qualen erlösen und denk nicht mehr an deinen Erzeuger.«

Im Vorübergehen griff Bertie ihm an die Schulter, um sie dankbar zu drücken. »Was würde ich bloß ohne dich machen?«

Spöttisch sah Dante zu ihm hoch. »Oh, ich habe da so eine Ahnung.«

Bertie ließ sich für eine Sekunde amüsiert die Hand tätscheln. Dann beeilte er sich, aus dem Apartment zu kommen, um jemanden reuigst um Vergebung zu bitten.

 

Kapitel 1

 

Frühling

 

Unbehaglich saß er auf einem niedrigen Hocker in dem Salon, in welchem er sich wie ein Fremdkörper vorkam, und starrte auf seine frisch manikürten Hände, die er vor Nervosität unaufhörlich aneinander rieb.

Dante hingegen lief Furchen in den Teppich vor der Kommode und schimpfte ihn aus: »Warum zum Teufel hast du ihm den Irrsinn nicht ausgeredet?«

»Es ist ihm wichtig«, gab Jackie flüsternd zurück. Lauter brachte er die Worte aufgrund seiner engen Kehle nicht hervor.

»Ihm ist vieles wichtig, was nicht gut für ihn ist, verdammt noch mal!«

Angesichts dieses Ausbruches erübrigte sich die Frage, weshalb Bertie ihn und nicht Dante gebeten hatte, ihn zu begleiten. Heiser versuchte Jackie, sich zu verteidigen: »Du weißt, wie er ist, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Wie hätte ich ihn davon abbringen sollen?«

»Du bist sein bester Freund und somit der Einzige, der es gekonnt hätte, aber ich wette, du hast es nicht mal versucht! Du schreist ja zu allem, was er sagt, nur Ja und Amen!«

»Das tue ich nicht«, wehrte Jackie sich halbherzig gegen den Vorwurf, der so zutreffend war, dass sein Widerspruch lächerlich wirkte.

Der Blick, den Dante ihm daraufhin zuwarf, fiel dementsprechend spöttisch aus. »Ja, red dir das nur ein. Wir wissen beide, dass es wahr ist.«

Wussten sie. Weshalb Jackie sich in die Ecke getrieben fühlte und zum Gegenangriff ansetzte: »Warum regst du dich überhaupt so auf? Bertie ist ein erwachsener Mann. Wer bist du? Sein verdammter Vater?«

»Sein Ehemann«, knurrte Dante zurück und funkelte ihn böse an.

Aufglimmende Eifersucht brachte jede Faser in Jackies Körper zum Vibrieren. Sie war immer da, hatte sich mit seinem Blut vermischt und mit jeder Fiber verwoben. Unauslöschlich lauerte sie in ihm wie eine Glut, die auf einen Lufthauch wartete, um zu einem wild lodernden Feuer zu erwachen. Mit einem Ruck stand er auf, weil er andernfalls gezwungen wäre, demütig zu Dante aufzusehen, wonach ihm gerade nicht weniger der Sinn stehen könnte. »Glaubst du, mir macht es Freude, einer Hinrichtung beizuwohnen? Dann hast du falsch gedacht! Du kannst dich gern auf mein Wort verlassen, wenn ich sage, dass ich bessere Pläne für den Abend gehabt hätte!«

»Wenn ich dich von etwas abhalte, geh nur.«

Innerlich stöhnte Jackie. Natürlich musste Bertie sich ausgerechnet diesen Moment aussuchen, um aufzutauchen. Er wischte sich über die Augenbraue und wandte sich zu Bertie um, der im Türrahmen stand und ihn grimmig ansah. Acht Monate kannten sie sich bereits und dennoch stellten sich Jackie immer noch die Nackenhaare auf, wenn dieser Mann einen Raum betrat. Er brachte sie mit einem hastigen Streichen über die kühle Haut zur Vernunft. »So war es nicht gemeint«, stellte er mit laut klopfendem Herzen klar.

Mit unwirschen Bewegungen legte Bertie sich die Manschettenknöpfe an, wobei ihm das kupferblonde Haar in seidigen Strähnen ins Gesicht fiel. Das Jackett lag über seinem Unterarm. »Nein nein, schon in Ordnung«, fuhr er mit schlecht verhohlener Feindseligkeit fort. »Du musst mich nicht begleiten, wenn es dir derart zuwider ist.«

»Ich möchte dich aber begleiten«, widersprach Jackie heiser.

Berties Blick traf ihn. Sein schmales Gesicht war blass, doch deswegen keinen Deut weniger schön als sonst. Seine Augen hatten sich derart verdunkelt, dass der grün schillernde Wald nicht zu sehen war, der sie für gewöhnlich bewohnte. »Das hörte sich gerade anders an.«

Dante mischte sich ein: »Sei kein Arschloch, Mann, er ist doch hier. Willst du ihm vorwerfen, dass er lieber auf einen Drink gehen würde, als zu sehen, wie Lachapelle vom Galgen baumelt?«

Berties Mund verzog sich unwillig. »Auf einen Drink? Mit wem?«

»Mit dir, nehme ich mal stark an«, erwiderte Dante mit einem resignierenden Seufzen und verdrehte die Augen.

Über Berties Gesicht huschte ein merkwürdiger Schatten, als er sich Jackie zuwandte. »Warst du verabredet?«, fragte er verwirrt und blinzelte einige Male.

Jackie leckte sich die Lippen und schüttelte den Kopf. »Wenn, dann wäre ich es mit dir oder euch gewesen. Und das weißt du.«

Ärgerlich raufte Bertie sich das Haar und stieß ein kleines Knurren hervor. »Ihr macht mich ganz verrückt mit Eurem Gerede und Gestreite.«

»Ich vermute eher, dass dich die bevorstehende Hinrichtung verrückt macht«, konterte Dante und drehte sich um, damit er die kristallene Kappe von einer Karaffe nehmen und zwei Gläser Brandy einschenken konnte. »Aber ich fürchte, du bist nicht von deinem Entschluss abzubringen.«

»Da fürchtest du richtig«, murmelte Bertie rau und zupfte sich den Krawattenknoten zurecht, ehe er nach dem Glas griff, das ihm angeboten wurde. Er hatte es bereits geleert, als Dante Jackie das zweite in die Hand drückte.

Anders als Bertie konnte Jackie es jedoch nicht einmal zum Mund führen. Kein Tropfen ließe sich jetzt in seinen flauen Magen hinabzwingen. Wegen Lachapelles Exekution, aber vor allem wegen der Art und Weise, in der Bertie ihn nun trotz seiner offenkundigen Wut von oben bis unten musterte, während er das leere Glas lautstark abstellte.

Verunsicherung kroch Jackie die Kehle hoch und machte sie eng. Die meisten Männer konnte er lesen. Bertie sehr oft nicht. In dessen Miene fand er kein Anzeichen dafür, ob ihm gefiel, was er sah, oder ob es ihn kalt ließ. Hätte ein anderer ihn auf diese Weise inspiziert, hätte er gewusst, was es bedeutete – Begierde. Doch Berties versteinertes Gesicht spiegelte nichts dergleichen wieder und passte somit nicht zur Geste seiner Augen.

»Wir sollten los«, murmelte Bertie nach einem Räuspern und schlüpfte in sein Jackett.

Jackie fürchtete, einem Abschiedskuss beiwohnen zu müssen, obwohl sich die beiden noch nie in seiner Gegenwart dazu hatten hinreißen lassen. Sie taten es auch diesmal nicht. Offenbar behielten sie sich Zärtlichkeiten für ihr Ehebett oder zumindest ihr Schlafgemach vor. Bei dem Gedanken daran schluckte er, um die Flammen zu beschwichtigen, ehe er Bertie nach einem leisen Gruß in Dantes Richtung nacheilte.

Schweigend gingen sie hinunter und stiegen in die Kutsche, in der Jackie kurz zuvor hergekommen war. Die Abendluft flimmerte so warm, dass man glauben könnte, sie hätten den Frühling bereits hinter sich gelassen und den Sommer erreicht. Die Pferde setzten sich in Bewegung, die Räder ratterten über den Pflasterstein. Bertie fuhr sich barsch durchs Haar und wischte sich ebenso grob über die Narben. Kleine Gesten, die betonten, wie heftig ihn das Bevorstehende aufwühlte.

Jackie wünschte, er fände ein paar passende Worte, doch kein Satz ließ sich in seinem Schädel formen. Es war nicht gelogen gewesen, als er von besseren Plänen für den Abend gesprochen hatte. In Sanfiascone fand heute eine Straßenausstellung statt, auf die er Bertie gerne geschleppt hätte. Allerdings war dieser ihm mit der Bitte um sein Geleit zu Lachapelles Hinrichtung zuvorgekommen. Letztendlich hatte Jackie keine Silbe über die Freiluftschau verloren, weil sie ihm bedeutungslos und sein Wunsch lächerlich vorgekommen war.

Im Halbdunkel des Wagens starrten sie sich an. Berties Blick durchdrang ihn auf eine Weise, die ihm den Mund austrocknen ließ. Nervös fasste er sich ans Ohrläppchen.

»Ist das neu?«, fragte Bertie.

Jackie musste sich die Lippen lecken, ehe er sie zum Sprechen überreden konnte. »Was?«

»Dein Outfit.«

Eine Erkenntnis ereilte ihn. Deshalb hatte Bertie ihn zuvor so prüfend betrachtet. »Äh, nein, das … das habe ich mir zur Beerdigung meines Vaters anfertigen lassen. Ich dachte, zu einer Hinrichtung könnte ich es noch mal tragen.«

»Hm.«

»Gefällt es dir nicht?« Vor lauter Unsicherheit darüber, er könne auf irgendeine Art Berties Missfallen erregen, rutschte ihm die Frage heraus, ehe er sich auf die Zunge beißen konnte.

Berties Augenbrauen hoben sich flüchtig. Ob lediglich überrascht oder mokant, war nicht auszumachen. »Doch«, gab er fast flüsternd zurück. »Sehr sogar.«

Jackies Herz antwortete mit einem wilden Flattern, das seine Vernunft sogleich niederzuringen versuchte. Bertie hatte nur seinen Kleidungsstil komplimentiert, weil er selbst eine Schwäche für Mode hatte. Dennoch konnte er nichts dagegen unternehmen, dass er jedes kleine Zeichen der Wertschätzung und Zuneigung Berties in sich aufsog wie ein Blatt Zeichenpapier den ersten nassen Pinselstrich.

Einer höheren Macht erschloss sich vielleicht das Bild, das Bertie auf die Leinwand seines Daseins gemalt hatte. Strich für Strich hatte er erst all die hässlichen, schwarzen Schandflecke übermalt, um dann – ein Farbklecks nach dem anderen – ein gänzlich neues Gemälde zu erschaffen. Was zu Jackies Leidwesen jedoch nicht bedeutete, dass die Schandtaten seiner Vergangenheit ausgelöscht waren. Die abfälligen Blicke der Leute und die Gerüchte, die sie in die Welt setzten, bewiesen das recht eindrücklich. Es war ihm unbegreiflich, dass weder Bertie noch Dante trotz all dem Gerede darauf bestanden, ihn aus ihrem Leben zu verbannen.

Zudem fand er es nach wie vor oft befremdlich, dass Bertie ihn gern hatte. Besonders dann, wenn er es zu seltenen Gelegenheiten offenherzig zeigte.

Während Bertie nachdenklich aus dem Fenster sah, starrte Jackie den Mann an, der ihm mit elegant überschlagenen Beinen gegenübersaß. Seit er Bertie zum Freund hatte und jede freie Minute mit ihm verbrachte, war er so glücklich wie nie zuvor. Und zugleich so unglücklich wie nie zuvor, wenn er abends in die Einsamkeit seines Zuhauses zurückkehrte und alleine in das kalte Bett stieg, in das verdammt noch mal Bertie gehörte.

Ohne ihn einzuschlafen, ohne ihn aufzuwachen, ohne ihn zu existieren, war kaum zu ertragen. Es trieb ihn langsam, aber sicher in den Wahnsinn. Manchmal wanderte er stundenlang in seinem Atelier auf und ab, weil er keinen Frieden fand. Und weil er wusste, dass es keine Lösung gab. Der Einzige, der sein geschundenes Herz heilen konnte, war Bertie, doch der gehörte ihm nun mal nicht und würde es auch nie tun.

Das Wissen darum hinderte ihn jedoch nicht daran, zu warten und zu hoffen.

Etwas anderes blieb ihm nicht übrig. Er hatte keinen anderen mehr angefasst, seit er Bertie an der Klippe begegnet war. Eigentlich hatte er auch keinen anderen mehr angesehen. Die eiserne Keuschheit hatte er sich nicht einmal bewusst auferlegen müssen. Es verhielt sich schlichtweg so, dass Bertie inzwischen der Einzige war, bei dem er schwach wurde. Dafür bei ihm so richtig und mit allem, was eine rührselige Romanze von einem Mann verlangte, der für einen anderen Feuer gefangen hatte …

 

 

Die Marterkammer war brechend voll mit angeregt schwatzenden Leuten, die sich ein Vergnügen daraus machten, Lachapelle hängen zu sehen. Für sie war es ein morbides Amüsement, nichts weiter. Verständlich. Sie hatten immerhin nicht drei Jahre wegen dieser kranken Ausgeburt der Hölle hinter Gittern verbracht und nichts weiter als Meer und Himmel gesehen.

Erstaunlich, dass ihm sogar angesichts des Galgens, an dem er so oft zur Probe gehangen hatte, immer noch diese eine Frage auf der Seele brannte: ob Jackie tatsächlich nicht mit einem anderen Mann verabredet gewesen war. Ob sich seine Eifersucht und Verlustangst wieder beruhigen durften, weil sich das Unvermeidliche noch hinauszögern ließ.

Gedankenverloren betrachtete er Jackie, der neben ihm stand. Dessen Aufmachung hatte wie immer etwas Hypnotisierendes an sich. Schwarze Krawatte und schwarzer Anzug, die Weste goldfarben mit dunklen Stickereien. Um seine breiten Schultern hing, am Jackett unter dem Kragen befestigt, ein goldbraunes Cape aus Wollstoff, das die Farbe seines Haares höchst aufreizend akzentuierte. Wie konnte ein Mann bloß so teuflisch attraktiv sein?

Berties Blick huschte über markante Wangenknochen und er gewahrte die ungesunde Blässe dieser makellos rasierten Haut, noch bevor er die in sanfte Falten gelegte Stirn und den verkniffenen Zug um Jackies Mundwinkel bemerkte. Erst jetzt ereilte ihn eine Erkenntnis, die ihm früher hätte kommen können, wenn er nicht so sehr mit seinem eigenen Leiden beschäftigt gewesen wäre.

Als Jackie nun Anstalten machte, sich den Leuten in der Kammer anzuschließen, griff Bertie nach seinem Ellbogen und hielt ihn zurück. Angesichts Jackies weichem, verwirrtem Blick musste er schlucken, ehe er ein Murmeln zuwege brachte: »Jacques, bitte verfluch mich nicht, weil das hier erst so spät kommt.« Er holte tief Luft und gab Jackie wieder frei – widerwillig, doch in seiner üblichen Standhaftigkeit, mit der er sich stets gegen die Anziehungskraft dieses liebenswürdigen Teufels erwehrte. »Es tut mir leid, dass ich dich vorhin angefahren habe. Ich bin dir sehr dankbar dafür, dass du mich herbegleitet hast, aber mir wird gerade klar, dass jeder weitere Schritt zu viel verlangt wäre.«

Jackie schüttelte den Kopf. »Wäre er nicht. Dante war auch mit dir hier.«

Verwirrung schmälerte Bertie den Blick. Was versuchte Jackie damit auszudrücken? Wollte er ihm etwas beweisen? Ihm zeigen, dass er ihm ebenso beistehen konnte, wie Dante es getan hatte? »Das war aber keine Hinrichtung. Außerdem bist du ja mit mir hier. Deshalb ist es nicht nötig, dass du mit reingehst und dir das ansiehst.«

»Doch, ist es«, widersprach Jackie beharrlich.

»Ist es nicht«, konterte Bertie mit derselben Sturheit. »Du hast keine Ahnung, worauf du dich da einlässt. Bei allen Göttern, was habe ich mir dabei gedacht, dich hierher mitzunehmen?« Er griff sich an die Schläfe, um sich für seine Rücksichtslosigkeit zu verfluchen. »Und das, obwohl du mir gesagt hast, dass du heilfroh darüber warst, wie wenig dein Exmann mit dir über den Krieg zu sprechen bereit war.«

Ärgerlich zog Jackie die Brauen zusammen und senkte die Stimme zu einem Fauchen: »Ich habe dir auch gesagt, wie selbstsüchtig das von mir war und dass mir im Nachhinein klar geworden ist, wie sehr es ihm geholfen hätte, wenn ich in der Lage gewesen wäre, mich seiner Welt des Schreckens nur ein klein wenig zu öffnen.«

»Das hast du in meinem Fall schon getan, indem du dir meine Erzählungen angehört und mich hergebracht hast. Das ist völlig ausreichend.«

»Ich lasse dich das nicht allein durchstehen.«

»Tust du doch nicht. Warum sagst du so etwas überh-?«

Jackie hob abwehrend die Hand und brachte ihn damit zum Verstummen. Er beugte sich zu ihm vor, wie er es oft tat, wenn sie miteinander diskutierten. »Du kannst dir weitere Worte sparen. Ich mache denselben Fehler kein zweites Mal. Auch ohne die Annonce bei mir zu tragen nicht.«

»Du bist ein unverbesserlicher Sturschädel.«

»Unverbesserlich? Wenn du das glaubst, hast du mir die letzten Monate wenig Beachtung geschenkt.«

»Oh doch, das habe ich, glaub mir«, konterte Bertie, dem allzu bewusst war, dass all seine Aufmerksamkeit stets auf Jackie ruhte, obwohl sie es nicht sollte. »Meine Anmerkung bezog sich einzig und allein auf deine Sturheit.«

Der verborgene Schmerz, der kurz in Jackies Zügen gestanden hatte, verflüchtigte sich und machte einer undeutbaren Regung Platz, ehe er auch diese verjagte und den Rücken durchdrückte. »Wie auch immer. Du wirst mich nicht los.«

Ein Schmunzeln ergriff von Berties Lippen Besitz. »Nicht einmal, wenn ich dir sage, dass es im Pausenraum der Wärter Zitronentörtchen gibt?«

Ungleiche Schneidezähne präsentierten sich ihm in einem zaghaften, zurückhaltenden Grinsen. »Nicht einmal dann.«

»Weil du weißt, dass ich lüge?«

Jackie zuckte mit der Schulter und verzog spielerisch die Miene, wobei seine mandelförmigen Augen schmal wurden. »Meine Zuckersucht könnte sich durchaus fragen, ob du nicht doch die Wahrheit sagst, aber wir beide wissen, warum ich trotzdem nicht gehen werde.« Noch während des Sprechens war er ernst geworden. Sie starrten sich eine Weile an. Eine Weile, in der Berties Herz wieder einmal austestete, wie schnell und hart es für diesen Mann schlagen konnte.

Schließlich huschte Jackies Zungenspitze hervor, um seine Lippen zu befeuchten. »Wenn du es dir nicht anders überlegt hast, sollten wir jetzt reingehen.«

Bertie nickte schwach und war unendlich erleichtert von der Tatsache, dass Jackie sich nicht ausreden ließ, ihn zu begleiten. So gerne er Jackie das hier auch ersparen würde, so wenig wusste er, wie er die Sache ohne diesen Mann an seiner Seite durchstehen sollte. Ein Glück, dass er nicht gezwungen war, jener Frage auf den Grund zu gehen.

Sie betraten den Raum, den er schon viele Male zuvor aus einer gänzlich anderen Perspektive hatte erleben müssen. Doch heute war er nur ein Besucher. Ein Zuschauer, der sichergehen wollte, dass das Monster seiner Albträume tatsächlich sein bitterböses Leben aushauchte.

Ganz hinten in der letzten Reihe nahmen sie nebeneinander Platz. Bertie suchte den Raum nach bekannten Gesichtern ab.

Pritchard stand mit üblich müder Resignation in den Schultern neben der Tür und nickte ihm zu.

Frank Waters, der Gefängniswärter, belegte seinen Stammplatz direkt vor dem Galgen. Sogar von hinten erkannte man ihn mühelos. Die grau-gelbe Haut im Nacken, das graue Haar mit der fortschreitenden kahlen Stelle am Haarwirbel in der Mitte, die majestätische Haltung, die er sich leisten konnte, weil er im Fort Faucherre die komplette Befehlsgewalt besaß. Die Insel war sein Hoheitsgebiet und deren Bewohner seine Untertanen, die sich bedingungslos seinem Willen zu unterwerfen hatten.

Horace Langley, der Henker, und sein Gehilfe Seydo warteten am Galgen. Der Scharfrichter strahlte eine Eleganz aus, neben welcher der bullige Seydo wie ein Bauerntölpel wirkte. Langleys fein geschnittenes Gesicht schien tot, doch seine Augen straften seine Miene Lügen. All die Trauer dieses Ortes lag in dem hellen Blau. Als dunkle Schatten, die sich in der Farbe festgesetzt hatten.

Schlurfende Schritte und leises Fluchen lenkten die Aufmerksamkeit aller zum Eingang. Fairbanks und Goodwin hatten als dessen Aufseher, wie es die Tradition verlangte, die Aufgabe, Richaud Lachapelle zum Galgen zu führen.

Ein kalter Schauer lief Bertie über den Rücken, als er den Mann erblickte.

Er erkannte ihn kaum wieder. Der groß gewachsene Kerl schien eingelaufen, als hätte man ihn zu heiß gewaschen. Sein Gesicht, immer schon hager, war jetzt grässlich ausgezehrt und gezeichnet von dem grauenhaften Marque du mal, welches auch Bertie trug. Die Narben leuchteten dunkelrot und wirkten entzündet. Ein wirrer Bart bedeckte Lachapelles Wangen und sein spitzes Kinn. Die schmalen Lippen stachen weiß hervor. Die Kälte in seinen Augen, die Bertie gefürchtet hatte, war von einer Leere ersetzt worden, die nicht weniger erschreckend anmutete. Das strähnige, fettige Haar zeigte keinerlei Spuren einer ehemaligen Frisur. Jeder Schritt schien ihm eine Tortur zu sein. Die Wärter trugen ihn mehr, als dass sie ihn gehen ließen. Sie schleppten ihn in der völligen Stille des Publikums nach oben zum Würgegalgen, wo Seydo ihm den Brustgurt anlegte und sich dann nach unten begab, um an dem Seil zu ziehen.

Bertie fühlte eine ihm wohlbekannte Enge in den Lungen, die ihm das Atmen erschwerte und ihm Übelkeit einbrachte. Flüchtig kam ihm ein Moment der Schwäche in den Sinn, dem er wenige Stunden zuvor beinahe nachgegeben hätte. Auf dem Nachhauseweg von seinem Mittagessen mit Jackie war er an einer Apotheke vorbeigekommen und hatte überlegt, ein Fläschchen Laudanum zu kaufen. Eine Ausnahme. Nur für heute. Zu diesem speziellen Anlass. Er hatte es sich jedoch untersagt und sich fest vorgenommen, nicht in alte Gewohnheiten zurückzufallen.

Der Henker stieg die Stufen hinauf und redete leise auf Lachapelle ein, der sich nicht anmerken ließ, ob er auch nur ein Wort verstand. Mit der üblichen Sorgfalt und Vorsicht, die an einen überzärtlichen Liebhaber erinnerte, legte Langley dem weggetreten wirkenden Lachapelle die Schlinge um den Hals. Als der Knoten seinen Platz unter dessen linkem Ohr fand, wurde Bertie von seinem Tic heimgesucht, der ihm so lange Frieden gegönnt hatte. Seine Muskeln verkrampften und er musste das Haupt schräg senken, bis der Schauder nachließ. Seine Hände ruhten zu steif in seinem Schoß, um sie zu heben und seinem Nacken Linderung zu verschaffen.

Er hatte es einzig und allein der Gnade dieser mordenden Bestie zu verdanken, dass sie ihn nicht an dessen Stelle henkten. Nun würde Lachapelle die gerechte Strafe erfahren. Er würde für all die Leben, die er geraubt hatte, büßen. Es sollte ein Trost sein, doch das war es nicht. Lachapelles Tod machte niemanden wieder lebendig, machte nichts ungeschehen. Diese Hinrichtung forderte nur ein weiteres Opfer – eine weitere Seele, so unwürdig sie auch sein mochte.

In dieser Sekunde des angewiderten Zweifels, der sich in Bertie regte, hob Lachapelle den Kopf. Sein dunkler Blick bohrte sich geradewegs in seine Augen und sein Inneres hinab, bis er das dort heftig pochende Herz erreichte, um es mit Dornen zu traktieren und zu versuchen, es zu vergiften. Blutleere Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das keine Wärme in sich barg, dafür aber einen Triumph ausstrahlte, der Bertie eiskalt erfasste. Lachapelle gefiel es, dass er hier war. Es erfüllte ihn mit Befriedigung, dass er gekommen war. Doch aus welchem Grund? Würde es Berties Seele schwärzen, den Mann sterben zu sehen? Hoffte Lachapelle, dass Bertie mit dem ersten verkrampften Atemzug nach dessen Tod seine ausgehauchte Seele einatmete, damit sie sich in ihm manifestieren konnte? Würde er niemals wieder einschlafen können, ohne dass ihn Lachapelles lebloses Gesicht in der Dunkelheit seines eigenen Blinzelns heimsuchte?

Langley blickte regungslos zu Gefängnismajestät Waters hinüber, ohne dessen zustimmendes Nicken hier niemand mit der Unausweichlichkeit seines Schicksals bekannt gemacht wurde. Jeden Moment konnte es so weit sein.

Bertie musste eine Entscheidung treffen, doch sein Körper schien wie gelähmt, seine Füße so schwer, als seien sie in den Boden einbetoniert. Er war wie paralysiert. Nicht länger Herr seiner Bewegungen.

Erst als Jackies Knie in einer behutsamen, scheinbar unabsichtlichen Berührung gegen das seine sank und dort zu verweilen gedachte, erlangte er die Macht über sich selbst zurück. Entschlossen griff er nach Jackies warmer, großer Hand und zog ihn mit sich in die Höhe, um nach draußen zu marschieren wie ein Soldat, der vor der Fahne floh.

Das Rascheln von Stoff ließ ihn erahnen, dass ihnen einige Leute nachblickten, doch es war ihm gleichgültig. Bloß eine Sache zwang ihn fast zum Innehalten.

»Albertien!« Lachapelles Stimme, dröhnend und kratzig, als hätte sich in den letzten Monaten modriger Rost auf seinen Stimmbändern abgelegt. »Sieh zu, wie ich für dich sterbe! Horace, sag es ihm! Befiehl es ihm! Er muss zusehen!«

Ein Gedanke schoss Bertie durch den pochenden Schädel. Vielleicht rührte der Schmerz in Horace Langleys Augen gar nicht daher, dass er Menschen beim Dahinscheiden half, sondern an der fast schon intimen Vertraulichkeit, in der all diese niederträchtigen Verbrecher das Wort an ihn richteten.

»Den Gefallen tust du ihm nicht«, sagte Jackie leise, aber bestimmt, und drückte ihm bestärkend die Finger. »Geh einfach weiter.«

Nur durch ihn fand Bertie die Kraft, die Marterkammer zu verlassen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Pritchard hielt die Tür auf und folgte ihnen in den Gang, der nach feuchtem Stein roch. Das Holz glitt wieder in den Rahmen.

Fluchend gab Bertie die Hand frei, an die er sich für den Rest seines Lebens klammern wollte, und ging haareraufend in dem Erker auf und ab. Das Fensterglas hinter dem Gitter war derart dreckig, dass es kaum Licht durchließ.

Ein Feuerzeug klickte leise und kurz darauf zwang Jackie ihn mit einem flüchtigen Griff an den Oberarm stehen zu bleiben, damit er ihm eine Zigarette zwischen die Lippen stecken konnte. Bertie murmelte einen Dank, schloss den Mund fest um den Filter, den Jackie bereits vor ihm an den Lippen gehabt hatte, und sog Rauch in seine Lungen. Als er ihn nach einigen Sekunden in die Freiheit entließ, stieß er auch ein paar Worte hervor: »Ich bin gekommen, um damit abzuschließen, aber nicht einmal das will mir gelingen.« Bitter starrte er auf die schwarz tätowierten Finger, mit denen er den Glimmstängel hielt.

Jackie wusste offenbar nichts zu sagen. Aus dem Augenwinkel sah Bertie, wie er nervös mit seiner Zigarette spielte.

»Seinen Tod mitzuerleben, hätte Euch nicht geholfen«, meinte Pritchard. »War die richtige Entscheidung, rauszugehen, wenn Ihr mich fragt.«

Bertie zwang sich zu einem Nicken.

Pritchard klopfte sich an den Schlüsselbund an seinem Gürtel. »Nachdem sie Skála schon vor drei Monaten gehenkt haben, liegt das ganze Parterre Drei verlassen da. Ich kann Euch in Eure alte Zelle führen. Dort wäre womöglich ein Abschluss zu finden. Ein letzter Besuch da oben, um sich zu verabschieden. Jetzt, wo die Dämonen nicht mehr atmen.«

Verunsichert sah Bertie von Jackie zu Pritchard, dann zu jener Tür, hinter der Lachapelle seine Seele aushauchte, falls sich eine solche in ihm befunden hatte. Er war Pritchard schließlich dankbar für den auffordernden Ruck mit dem Kopf in Richtung Treppe. Und Jackie dafür, dass er nicht fragte, ob er sich sicher war, dass er das wollte. Das war er nämlich nicht. Aber einen Versuch schien es wert.

Mit schweren, von den Wänden widerhallenden Schritten führte Pritchard sie hinauf in das Parterre, welches Bertie drei Jahre lang lediglich für die Galgenprobe verlassen hatte. Er rauchte die Zigarette bis zum letzten Millimeter und warf sie dann unachtsam auf den Boden, weil die Wärter nichts anderes taten. Jackie, der hinter ihm herging, wurde seinen Stummel erst nach einem Zögern auf dieselbe Weise los, worüber Bertie im Geheimen schmunzelte.

Nach einer ewigen Wanderung durch modriges Halbdunkel und abgestandene Luft standen sie vor der Zelle, in die er sich zuletzt freiwillig begeben hatte, um Lachapelle zu fragen, ob er dessen Gräueltaten hätte verhindern können.

»Ich lasse die Türen offen«, verkündete Pritchard leise. »Geht einfach hinunter, wenn Euch danach ist. Euer Boot wartet ja noch.« Er kratzte sich verlegen hinter dem Ohr. »War ’n langer Tag. Meine Schicht ist gleich zu Ende. Ich nehme an, wir werden uns nicht mehr über den Weg laufen.«

»Das vermute ich ebenso. Vielen Dank für alles«, erwiderte Bertie und streckte seinem Gegenüber die Hand entgegen. Sachte und feucht wurde sie geschüttelt.

»Macht es gut, Sir«, murmelte Pritchard und senkte die Stimme ein weiteres Mal. »Lasst es hinter Euch. Es bringt nichts, sich darüber zu zermartern.« Nachdem er Jackie zugenickt hatte, drehte er sich um und verschwand nach unten.

Bertie schluckte schwer. Wie sehr wünschte er sich, diesen Ratschlag befolgen zu können. Aber es lag nicht in seiner Macht.

Erst nach einem tiefen Atemzug brachte er es fertig, über die Schwelle zu treten. Ihm war, als stiege er in ein Grab hinab. Nichts anderes war diese Zelle. Ein Grab auf Zeit. Kalte Schauer krochen ihm wie Schlangen über die Haut und ließen ihn frösteln.

Auf dem Schreibtisch lagen ein leeres Blatt Papier und die Schreibfeder, die Lachapelle gehört hatte. Einige Bücher – alle mit dem Namen Colfax versehen – standen ordentlich in dem kleinen Regal. Kein Staubkorn verunzierte sie.

Jackie durchschritt den winzigen Raum mit verhaltenen Schritten und schien in sich aufzusaugen, was er sah. Stellte er Vergleiche an? Fand er an diesem Ort dieselbe Düsternis wie in den Abgründen von Berties Seele? Begriff er instinktiv, dass ein Hauch der Finsternis dieser Kammer auf immer an Bertie haften bleiben würde? Brachte ihm der Gedanke kalte Abscheu ein? Schmälerte es gar seine Zuneigung zu ihm?

Bertie wischte sich grob über die Lippen, wollte damit deren Zittern stoppen, doch es war vergebens.

Das schmale Bett unter dem vergitterten Fenster war penibel gemacht. Nur an jener Stelle, an der Lachapelle gerade noch gesessen und auf seine Hinrichtung gewartet hatte, war das vergilbte Laken zerdrückt.

Ein Blick auf das Kopfkissen ließ Bertie den Atem stocken. Dort thronte eine Ausgabe von Confession, fein säuberlich aufgeschlagen, sodass ihm die Widmung ins Auge stach, die er in schwarzer Tinte für Lachapelle verfasst hatte.

Es war zu viel. Ein Schluchzen entrang sich ihm und er schlug die Hand vor den Mund. Heiße Tränen trübten ihm die Sicht, ehe sie seine Wangen benetzten und sich in seinem Bart verloren. Seine Beine gaben unter ihm nach, doch er fiel nicht auf die Knie, weil er so unvermittelt an eine breite Brust gezogen wurde, dass er zusammenzuckte.

Jackie schlang die Arme um ihn, drückte ihn an sich und küsste ihm einige Male den Scheitel. »Es ist vorbei«, flüsterte er mit rauer, leidender Stimme.

Bertie wollte nichts sehnlicher, als sich an diesen Mann drängen und dessen Zärtlichkeiten genießen, doch er machte sich mit einem heftigen Kopfschütteln los. Zumindest versuchte er es, aber seine Rechte schloss sich um Jackies Krawatte und ein wenig Hemdstoff, um ihn auf Abstand und gleichzeitig in der Nähe zu halten. »Es wird niemals vorbei sein. Die Dämonen, die hier hausen, haben sich als Schatten über meine Seele gelegt! Selbst wenn sie eines Tages aufhellen, wird mich das hier nicht vergessen lassen!« Er hob seine schwarze Linke, um sie Jackie zu präsentieren, der hastig blinzelte, was den feuchten Glanz in seinen Augen nicht vertreiben konnte. »Genau wie diese scheußlichen Narben«, stieß Bertie hervor und rieb sich die zerstörte Wange derart heftig, als könnte er die Krater mit Gewalt zum Verschwinden bringen. Seine Haut begann unter seinen traktierenden Fingernägeln zu brennen.

»Hör auf damit!«, herrschte Jackie ihn an und packte ihn am Handgelenk. »Sie sind nicht scheußlich! Willst du wissen, woran ich denke, wenn ich deine Narben ansehe?« Er machte eine Pause, als müsse er Anlauf nehmen, um Bertie mit dem folgenden Argument niederzuringen. »An deine unendliche Stärke. Drei Jahre hier drinnen konnten dich nicht brechen. Gar nichts wird das jemals können.« Er schluckte sichtbar und leckte sich die Lippen, die der Kummer beben ließ. »Gar nichts, hörst du?« Mit spürbarer Unsicherheit tat er einen Schritt auf ihn zu.

Bertie presste die Zähne zusammen. Weitere Tränen tropften seine Wangen hinab. Sein Herz klopfte irrsinnig hart in seiner Brust. Er verlor sich in Jackies dunklem Blick und fand dort etwas, das ihn unerwartet traf. Die Entschlossenheit, mit der Jackie ihn vor alledem hier beschützen wollte. Ihm in dieser Zelle in die Augen zu sehen, war für Bertie mit einem Mal, wie abgeholt zu werden, um die Insel und ihre Bedeutung hinter sich zu lassen. Endgültig.

Jackie war immerhin sein Teufel. Wie könnte ausgerechnet er keine Macht über die Dämonen haben? Er würde sie von ihm fernhalten, wie er das bereits all die Zeit über zuverlässig getan hatte. Weshalb hatte Bertie das auch nur für eine Sekunde bezweifelt? Seine überspannten Nerven mussten Schuld daran tragen.

Behutsam, als erwarte er, auf Widerstand zu stoßen, zog Jackie ihn wieder an sich. Ebenso zögerlich beugte er sich hinab, um die Lippen an Berties vernarbte Wange zu pressen. Einem ersten Kuss folgten viele weitere. Aus der Kälte, die Bertie in die Glieder gekrochen war, wurde flüssige Hitze. Jackies weicher Mund wanderte hingebungsvoll über die Krater, sein warmer Atem auf der Haut ließ Bertie wohlig erbeben und sich dichter an den Mann drängen, der ihm mit seinen Liebkosungen und dem verführerischen Duft alle Sinne benebelte.

Die Erregung, die ihn erfasste, ließ ihn zu seiner Verwunderung triumphieren. Es schien die bösen Geister zu verhöhnen und ihre Macht zu untergraben, dass Jackie ihn hier in dieser Kammer zum Brennen brachte. In jener Kammer, in der er drei Jahre lang nur stumpf existiert hatte.

Er legte den linken Arm um Jackies Taille, während seine Rechte langsam nach oben wanderte. Mit den Fingerkuppen strich er Jackies Hals entlang, befühlte eine wild pochende Ader, glitt über einen markanten Kiefer und knapp hinter einem Ohr vorbei, bis er die Finger in seidigem Haar vergraben konnte. Er schloss die Faust um die weichen Strähnen und benutzte sie dazu, Jackie zu zwingen, seine makellose Wange an die Narben zu drücken. Ohne das geringste Zögern wurde seiner stummen Bitte, seiner verzweifelten Forderung nachgegeben. Kein Hauch von Scheu war zu spüren, während sich Jackies Perfektion und seine eigene Mangelhaftigkeit vereinigten. Es linderte den Schmerz sowie die Trauer und steigerte zugleich die Akzeptanz der Tatsache, dass er dieses Buch nicht ungeschrieben und alles, was es nach sich gezogen hatte, nicht ungeschehen machen konnte.

Jackie hielt ihn derart fest umschlungen, dass er dessen Herzschlag spürte. Er konzentrierte sich völlig auf das kräftige Pochen und erinnerte sich an die Nacht im Jagdschloss, als er seine Hand an eben dieses Herz gelegt und sich auf ewig dessen Takt angepasst hatte.

Man könnte meinen, sie gingen zu weit. Bertie war immer noch mit einem anderen verheiratet. Dennoch gehörte er Jackie. Ganz und gar. Unleugbar.

Hier und jetzt musste es ihm erlaubt sein, dessen Nähe und Wärme für sich zu beanspruchen. Täte er es nicht, würde er vor bitterem Sehnen und stechender Pein vergehen. Mit geschlossenen Augen genoss er, wie ihm der Rücken und der Hinterkopf gestreichelt wurden. Jackie konnte nicht nur mit Pinseln, Kohle und Stiften unvergleichlich meisterhaft umgehen, sondern auch mit ihm. Jede Berührung vollkommen, jede Bewegung an den Rhythmus seines Daseins angepasst.

Irgendwann wurde ihm bewusst, dass sie diese Zelle wieder verlassen mussten. Er hätte nie gedacht, dass ihm das eines Tages zuwider sein könnte.

Widerstrebend gab er Jackie frei und streifte mit den Lippen verstohlen dessen Wange. »Ohne dich wäre ich verloren«, flüsterte er mitgenommen. Er klang rau und sich selbst ein wenig fremd.