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Der stadtbekannte Pläsierer Liam Young ist fassungslos, als ihm ein neuer Freier gegenübersteht. Denn Galen Sinclair wird für seine Kälte und Gesetzestreue gleichermaßen respektiert wie gefürchtet. Dass er darüber hinaus der Gemahl eines Kunden ist, bringt Liam in eine missliche Bedrängnis, die ihn zur Zurückweisung zwingt. Doch der Colonel mit den strengen Zügen und dem matten Blick stellt ihn vor eine Herausforderung, die der Meister der Erotik nicht ablehnen kann. Er gesteht dem verschlossenen Offizier zehn Nächte in seinem Bett zu, aber schon bald ist es nicht nur dessen prekäres Problem, das ihn reizt ...
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Veröffentlichungsjahr: 2023
St. Garner
Eine undenkbare Affaire
Tharah Meester
Für all jene, die glauben, keinen Platz
in dieser Welt zu haben. Denn es gibt ihn eben doch.
Auch für euch.
Inhaltsverzeichnis
Venice, du meine Liebe!
Danksagung
Die Stadt
Personenverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Epilog
Über die Autorin
Impressum
Ich drück dich fest an meine Brust
und dann säusle ich dir ins Ohr:
»Mein Herz schlägt für dich.
Mon cœur bat pour toi.
Il mio cuore batte per te.«
Zuallererst möchte ich meinem Mann für die absolut wundervolle Karte und die unzähligen Stunden der Beratung danken, ohne die das Buch nur halb so gut geworden wäre. Danke dir, Baby! Nur das mit dem Plappermaul trag ich dir ein bisschen nach. Ich fürchte nur, die Leser werden ihn erkennen, sobald er auftaucht ...
Ein Dankeschön geht an meine Testleser, die mit Rat und Tat an meiner Seite standen und mir die Wartezeit zur Veröffentlichung verkürzt haben. Leute, ihr wart klasse. Eine bessere Gruppe hätte sich nicht zusammenfinden können!
Im Speziellen nun jeweils eine Umarmung an: Corinna Blei, Franziska Stapf, Jennyfer Jager, Jenny Kümmel, Liam Caruso, Lisa Hennig, Mandy Pitulle, Marie-Jeanne Geschke, Nabuka, Nadin Werner, Natasha Doyle, Nina Rupp, Sabrina Uhl, Sabrina Pommer und Yuura Chan. Ihr seid TOP!
Ein weiterer Dank geht an Jessica, die sich trotz all ihrem Stress die Zeit genommen hat, meine einmillionste Version des Klappentextes durchzusehen und sie perfekt zu machen. Ganz zu schweigen davon, dass sie sich stets geduldig mein Gemecker anhört und mich motiviert, wenn ich es nötig habe.
Galen Sinclair, Lord St. Garner, Marquis de Reuvaliér – Colonel, Oberbefehlshaber des 1. Schützenregiments der königlichen Armee
Liam Young – Pläsierer aus Vermont
Caleb Tuttle – Galens Offiziersbursche
Sebastian »Bash« Grimwalde – Daguerreotypist
Hippolyte Talbottè – Daguerreotypist
Jaques-René Sinclair – Galens Ehemann
Gaétan – Galens Butler
Henri de la Valette – Maréchal de Venice, Oberbefehlshaber der königlichen Armee
Lennard Dupree – Amiral de Venice, Oberbefehlshaber der königlichen Marine
Louis-Charles Rousseau – Capitaine, Dichter und Militärchirurg
Gaspard & Ciceron – Rousseaus Hunde
Maxime Epernée – Colonel, Veteran im inaktiven Dienst
Clément Robespierre – Major
Gaston »Gus« Lacroix – Freund von Rousseau und Epernée
Pierre Duval – Arier
Pascal Savache – Arzt
Odette – Savaches Empfangsdame
Dereham – Schäfer
James McDermott – Jäger
Jerremine McDermott – dessen jüngerer Bruder
Vittorio Phillippe Bastiano Emilio de Montmarcé – König von Venice
Armand Archambault – Capitaine in Galens Regiment
Henry Rivers – Rekrut, Sohn des Baron d'Argenteau
Pascale Charpentier – Rekrut
Richard Warwick – Rekrut
Mansvelt – Fährmann
Mr Abbott – Schiffskapitän der SNM Potere Guerra
Behutsam ließ er die Nadel auf die Platte niedersinken. Kratzig klingende Musik füllte den Raum. Der Plattenspieler war nicht der beste. Liam war es nach all den Monaten gewohnt, dass die Tonqualität darunter litt, was nicht bedeutete, dass es ihn nicht immer noch ärgerte.
Nach einem Stirnrunzeln richtete er den Blick aus dem offenen Fenster und nahm einen tiefen Atemzug von der kühlen Nachtluft. Wehmütig sah er zum Strand hinab, der so weit von ihm entfernt schien. Von seinem Turmzimmer aus hatte er eine hervorragende Aussicht auf alles, wonach er sich schmerzlich sehnte. War das nicht eine Boshaftigkeit des Schicksals?
Das schwere Parfum eines anderen Mannes schien in der Luft zu hängen. Es musste Einbildung sein, da er seit einer halben Stunde Fenster und Tür weit aufgerissen hatte, um den Geruch zu vertreiben und sein kleines Reich wieder zu dem seinen zu machen. Er umfasste sich mit den Armen, um sich zu wärmen, und lehnte sich gegen den Fensterrahmen aus dunklem Holz.
Über der Stadt lag ein samtig schwarzer Himmel, der von Sternen gesprenkelt war. Der Mond hing voll über dem Meer und spiegelte sich im Wasser, das in leichtem Wellengang schaukelte. Die Maste der Schiffe würden die Wolken kitzeln, wenn sich welche über ihnen befänden. Sie ragten mit den Dächern der Häuser um die Wette in den Himmel hinauf und lockten ihn mit stummen Rufen, vor denen er das Herz verschließen musste. Dennoch starrte er auf die schmale Linie, an der das Meer und der Horizont sich trafen, und fragte sich, ob ihm je gestattet sein würde, sie zu berühren.
»Liam Young?«, forderte eine düstere Stimme zu wissen und ließ ihn herumfahren.
Ein Fremder stand unter dem Türsturz und drückte den Rücken durch, als müsse er vor dem Maréchal persönlich antreten. Sein hellbraunes Haar war kurz geschnitten und mit Brillantine zum Glänzen gebracht. Sein Gesicht war ernst, der Bereich zwischen seinen Augenbrauen stand durch seine Miene vor und ließ den Ausdruck in seinen Augen noch leidender wirken. Er trug hautenge Breeches in Senfgelb, eine dunkelblaue Weste und einen Frack in derselben Farbe. Seine langen Beine steckten fast bis zu den Knien in schwarz polierten Reitstiefeln. Mit den Händen hielt er einen Spazierstock umklammert. Er wirkte ansehnlich, durch seine Haltung jedoch verstockt und zu seriös, um jemandes Begehren zu wecken.
Liam würde nicht viel Mühe mit ihm haben. Männer dieser Wesensart waren meist zu prüde, um auf ein langes Vorspiel oder gar einen Nachhall ihres körperlichen Zusammentreffens zu bestehen. Nicht viel Mühe also, dafür umso mehr Langeweile. Noch mehr öde Stunden, die er mit einem Lächeln hinter sich bringen musste.
Er setzte ein Schmunzeln auf, um sich seinen Missmut nicht anmerken zu lassen. »Sehr wohl, der Herr. Womit kann ich Euch dienen?« Seiner sanften Einladung wurde nicht Folge geleistet. »Tretet ruhig ein. Ich bin nicht bissig. Außer Euch gelüstet danach.«
Sein Gegenüber reagierte nicht auf die kokette Anspielung. Weder errötete der Mann vor Scham noch grinste er amüsiert. Sein Gesichtsausdruck blieb gestreng. Schließlich ergriff er das Wort: »Ihr seid der Geliebte meines Ehemannes.«
Liam stockte der Atem. Er spannte die Schultern an und wappnete sich gegen einen Angriff. In Gedanken rechnete er sich die Chancen aus, die ihm blieben, sollte der Kerl eine Pistole ziehen und auf ihn schießen. Seine eigene Waffe ruhte unter der Matratze und war unerreichbar. »Ich bin ein Pläsierer, Sir. Niemandes Geliebter.«
Augen, die den Farbton einer Sepiafotografie hatten, hefteten sich auf ihn. Ihr Besitzer wirkte nicht, als würde er auf ihn losgehen, um Rache für den Ehebruch zu verüben. »Man sagt, Ihr seid der beliebteste Prostituierte der Stadt.«
Liam grinste unwillkürlich, weil er sich geschmeichelt fühlte, und zuckte mit der rechten Schulter. Seine Lider wurden schwer und senkten sich wie von selbst. »Das behaupten manche. Ich erlaube mir kein Urteil über die Qualität meiner Arbeit.«
Der Kiefer seines Gegenübers bewegte sich eigenartig. »Die Leute sagen, Ihr befindet Euch in einer Position, in der Ihr Euch Eure Freier aussuchen könnt.«
Liam war von dem merkwürdigen Gespräch gleichermaßen fasziniert und beunruhigt. Was wollte der Kerl von ihm? Wollte er darauf hinaus, dass er einen verheirateten Mann hätte ablehnen müssen? »Ich entscheide, mit wem ich das Bett teile. Das ist richtig«, antwortete er vorsichtig. Er fühlte sich wie ein Kaninchen, das in einen Fuchsbau gelockt wurde.
Der Fremde sah ihm auf die Brust, wohl um seinen Blick zu meiden. »Seid Ihr an einem weiteren Kunden interessiert?« Der Griff um seinen Stock war dermaßen fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten.
»Was für ein Spiel treibt Ihr da, Sir?«
»Keines. Ich möchte Euer Freier werden.«
»Wollt Ihr es Eurem Ehemann heimzahlen, dass er zu mir kommt?« Wenn er doch bloß endlich wüsste, wessen Gemahl er vor sich hatte. Er hatte bei Gott zu viele verheiratete Männer in seinem Bett, als dass er sich auch noch für deren Partner interessieren könnte.
»Ich bin kein rachsüchtiger Mensch. Und ich werde Euch keine Szene machen, weil es niemandes Problem lösen würde. Ihr habt nichts zu befürchten, Mr Young. Ich würde mich benehmen, wie Ihr es von einem Gentleman erwartet«, beteuerte der Mann, der so dringlich sein Kunde zu sein begehrte.
Liam musterte ihn misstrauisch. Es würde ihm nichts ausmachen, mit dem Fremden zu schlafen, doch er hatte keine Lust darauf, sich während des Beischlafes von hinten erschießen zu lassen. »Warum wollt Ihr unbedingt unter die Laken jenes Pläsierers, den Euer Ehemann gewählt hat?«
Ein ausgeprägter Adamsapfel bewegte sich in einem Schlucken. »Weil ich jemanden suche, der sein Handwerk versteht. Den Gerüchten nach trifft das auf Euch zu.«
»Worum genau bittet Ihr mich?« Liam schüttelte irritiert den Kopf, hob aber gleich darauf die Hände in einer abwehrenden Geste. »Bevor Ihr ein weiteres Wort sagt, will ich wissen, wen ich vor mir habe.«
Ein Zögern folgte. Dann ein raues Murmeln: »St. Garner.«
Liam schwankte zwischen Entsetzen und der Hoffnung, man erlaube sich einen Scherz mit ihm. »Galen Sinclair? Lord St. Garner? Der Colonel?«
Der andere nickte schwach und erkannte, was in Liam vorging. »Bin ich derart unglaubwürdig als ich selbst?«
»Ich hatte mir Euch bloß ... Respekt einflößender vorgestellt.«
»Ich hatte mir Euch weniger dandyhaft vorgestellt«, konterte St. Garner und hob die Augenbrauen in einer Geste der Überlegenheit.
Liam lachte nicht, obgleich er sich für gewöhnlich darüber amüsiert hätte. Nun, da er den Namen des Mannes kannte, verspürte er eine größere Furcht, wie zu jenem Zeitpunkt, als er noch dachte, der Kerl wäre gekommen, ihn hinzurichten. Jetzt war er gänzlich auf der Hut, doch es schien zu spät. Er war in den Fuchsbau gefallen. Die einzige Erleichterung stellte die Tatsache dar, dass St. Garner ihn wohl eher nicht im Bett hinrichten würde. Den Gerüchten nach war dieser Mann der beste Scharfschütze der venicischen Armee. Er würde ihm nicht so nahe kommen müssen, um ihn zu erschießen. Außer er wollte es dramatisch machen ...
»Ihr fragtet mich, ob ich mir etwas aus einem weiteren Kunden mache. Habe ich denn eine Wahl?«
»Ihr sucht Euch Eure Kunden selbst aus, Mr Young. Ich werde meine Position nicht dazu nutzen, Euch zu drängen.«
Liam verzog das Gesicht und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Pläsierer besaßen in dieser Stadt kaum Rechte. Falls sie es irgendwo anders taten. In Venice jedenfalls könnte es ihm schnell zum Verhängnis werden, einen Mann in St. Garners hochdekorierter Position zu verärgern. Er sollte ihn fortschicken, solange der Colonel ihm versicherte, er habe das Recht dazu. Irgendetwas in ihm, vermutlich seine verdammte Neugier oder der Drang nach Nervenkitzel, hielt ihn davon ab. »Bevor ich eine Entscheidung treffe, möchte ich hören, was Ihr von mir erwartet.«
St. Garners Haltung verlor einen Teil ihrer Würde. »Hat mein Ehemann nicht mit Euch darüber gesprochen? Ihr dürft es mir sagen, wenn es so ist.«
»Ich halte meine Kunden dazu an, in diesem Raum nicht über ihre Gatten zu sprechen.« So würde er es auch mit St. Garner halten müssen, wie ihm schien.
»Ich brauche jemanden, der aus mir wieder einen richtigen Mann zu machen vermag«, würgte St. Garner hervor.
Liams Lippen öffneten sich vor Verwunderung. Er hatte alles Mögliche, aber das nicht erwartet. In seinen Augen wirkte der Colonel durchaus wie ein richtiger Mann. »Was meint Ihr damit?« Sein Interesse war unbestreitbar geweckt. »Kommt doch endlich herein. Oder müssen wir das zwischen Tür und Angel besprechen?«
Der Colonel tat, wie ihm geheißen, und schloss die Tür hinter sich. Seine Bewegungen waren abgehackt und mechanisch, ganz wie die eines Militärs. St. Garner war, wie sein Beiname verriet, einer der ranghöchsten Offiziere der königlichen Armee.
Man sagte über ihn, dass sein Amt alles darstellte, was ihn ausmachte. Die Leute erklärten bissig, er habe keinen Charakter und kein Wesen. Jene, die ihn persönlich getroffen hatten, erzählten, dass sich in seinen Augen kein Leben spiegelte. Wahrhaftig erschien ihm sein Blick matt und leer, wirkte fast tot. Er wanderte nicht umher, obgleich St. Garner die Umgebung fremd war.
Der König hielt große Stücke auf ihn, was einige munkeln ließ, der Regent hätte sich den Colonel aus Lehm geformt und ihn mit Magie zu einem lebenden Toten gemacht. Geistesschwache Geschichten, die man sich nach dem dritten Krug Wein in der Schenke erzählte.
»Was habt Ihr gemeint?«, wiederholte Liam, weil St. Garner nicht das Wort erhob, um sein Anliegen zu erklären.
»Ich habe Schwierigkeiten, eine Erektion zu bekommen«, gestand der Colonel leise.
Liam hoffte, seine Miene unter Kontrolle zu haben. Zum Teufel, mit seinen neunundzwanzig Jahren war der Colonel noch nicht alt genug, um sich erlauben zu können, keinen hochzukriegen. Er konnte verstehen, warum es ihn beschämte, würde sich jedoch hüten, ein Wort darüber verlauten zu lassen. Sofort kam ihm sein Gegenüber weniger männlich vor. Da half es auch nicht, dass er sich für den Respektsverlust anwiderte.
St. Garner fuhr fort: »Noch erheblichere Probleme habe ich damit, sie während des Aktes beizubehalten. Gewiss versteht Ihr jetzt, weshalb ich meinem Gemahl keinen Vorwurf daraus mache, dass er sich einem anderen zuwendet.«
»Verständlich«, pflichtete Liam ihm unbedacht bei und biss sich auf die Zunge.
St. Garner schien sich jedoch nicht daran zu stören. Zumindest ließ er sich nichts anmerken. »Ich möchte es mit jemandem versuchen, der mir nichts bedeutet. Mit jemandem, den ich nicht enttäuschen kann und der mich nicht unter Druck setzt. Mit jemandem, dem es gleichgültig ist, ob wir den Beischlaf vollziehen oder nicht.«
Liam blinzelte und befeuchtete sich die Lippen. St. Garner stellte eine Herausforderung dar, eine Abwechslung von seiner eintönigen Tätigkeit. Er war es gewohnt, dass man vor Begehren verrückt nach ihm war. Die Impotenz dieses verschlossenen Mannes übte einen merkwürdigen Reiz auf ihn aus, doch St. Garners Reputation und gesellschaftliche Stellung hielten ihn davon ab, den Colonel sofort in sein Bett zu ziehen. »Was, wenn ich es nicht vollbringe, Euch Euer Stehvermögen zurückzugeben? Sieht Euer Plan eine Strafe für mich vor? Wärt Ihr wütend auf mich?«
»Derartiges könnte mir nicht ferner liegen, Mr Young«, erwiderte St. Garner. Er sah ihm unverwandt in die Augen und obwohl er wirkte, als würde er es ehrlich meinen, konnte Liam sich nicht zu einer Entscheidung durchringen.
»Wie lange habt Ihr dieses Problem bereits?«, fragte er stattdessen.
»Seit einigen Jahren«, kam heiser zurück.
Liam machte sich eine vage Vorstellung davon, wie frustriert ein Mann sein musste, der nie zum Schuss kam. Dass ein derart lange andauerndes Unvermögen an jemandes Selbstbewusstsein zehren konnte, verwunderte ihn nicht. Die Würde, mit der St. Garner sein Schicksal trug, mutete so verbissen an, dass er ihm für einen Moment leidtat. Und es war eben dieser Augenblick, in dem er schwach wurde. »Ich will es versuchen«, hörte er sich murmeln.
St. Garner stieß Luft aus und wirkte erleichtert. Selbst seine Miene wurde für einen Herzschlag weich. Seine Lippen öffneten sich, als wolle er etwas sagen, doch er schwieg. Anstatt zu sprechen, tat er etwas, das Liam in Staunen versetzte. Er musterte ihn von oben bis unten und wirkte nicht desinteressiert. Seine Pupillen konnten sich also doch bewegen. Dann konnte es so schlimm nicht sein. Nicht dass er die Geschichten geglaubt hätte, doch es beruhigte ihn, eine menschliche Regung an seinem neuen Freier wahrzunehmen.
»Was sind Eure Bedingungen, Mylord?«, wollte Liam wissen, während sachte Aufregung in ihm hochkam. Würden sie es sofort versuchen? Jetzt gleich?
»St. Garner ist ausreichend«, korrigierte der Colonel, ehe er eine Antwort gab: »Fünf Treffen im Laufe von zehn Tagen. Ich bezahle im Voraus und wünsche, in dieser Zeit Euer einziger Kunde zu sein.«
»Mein einziger Kunde? Wie stellt Ihr Euch das vor? Ich muss für meinen Lebensunterhalt aufkommen.«
Erst jetzt ließ der Colonel von seinem Gehstock ab, um in die Innentasche seines Frackrockes zu greifen und einen Scheck hervorzuziehen. In einer ruckartigen Geste streckte er ihm das Papier entgegen.
Liam machte zwei Schritte auf ihn zu, aber anstatt den Scheck an sich zu nehmen, betrachtete er St. Garner aus der Nähe. Der Mann überragte ihn um kaum eine Kopflänge und duftete nach herbem Rasierwasser. Seine Haut an Wangen und Kinn wirkte so glatt, als hätte er sich eben erst unters Messer eines Barbiers gelegt. Seine Nase hatte eine auffallend elegante, gerade Form, seine Lippen waren voll. Er war vielleicht keine Schönheit und seine Strenge raubte ihm die Begehrlichkeit, dennoch war etwas an ihm, das Liam gefiel.
St. Garners Adamsapfel bewegte sich. »Ist etwas an mir, das Euch stört?«, fragte er heiser und Liam gewahrte, wie unangenehm dem Colonel die Musterung war. Sein Blick zeigte stur in Richtung Fenster, als müsse er vor einem ranghöheren Offizier antreten. Was in seinem Falle bedeuten würde, der Maréchal de Venice persönlich würde ihm gegenüberstehen. Als Colonel zählte man in Venice zu den wichtigsten Männern des Königs.
Liam erwiderte nichts, sondern griff nach dem Scheck, um die Summe zu prüfen. Er zuckte vor den Zahlen zurück, als wollten sie ihn anfallen. »Das ist viel Geld, St. Garner. Sehr viel Geld«, brachte er kaum hörbar hervor.
»Ihr werdet es wert sein. Wenn nicht, dann habt Ihr es Euch für Eure Mühen zumindest redlich verdient.«
»Unter diesen Umständen kann ich Euch das Privileg, das Ihr begehrt, zusichern«, murmelte Liam, schob den Scheck ein und legte St. Garner die Hände ans Revers. »Meinetwegen können wir gleich anfangen.« Sein Flüstern war verheißungsvoll, erzielte jedoch nicht die erhoffte Wirkung.
St. Garner starrte ihn bloß an. Er rührte sich nicht und sagte nichts. Offenbar war ihm heute Nacht nicht nach dem ersten Versuch.
Die Platte sprang mitten im Lied und Liam stieß einen Fluch zwischen den Zähnen hervor, weil das Teufelsding wieder jene Stelle ausließ, die ihm an diesem Stück am besten gefiel. Er gab St. Garner frei und stierte seinen Plattenspieler erbost an. »Das macht er immer«, knurrte er und machte eine resignierende Geste mit den Händen, während die Platte endgültig hängen blieb und kratzig stets drei Worte des Sängers wiederholte. »Ich kann den Fehler einfach nicht finden. Das Scheißteil wird mich noch in den Wahnsinn treiben.«
»Wo habt Ihr ihn gekauft?«
»Ach ja, jetzt fällt es mir wieder ein: Da liegt der Fehler. Ich habe ihn aus Whistles Laden. Verdammter Gauner, der Kerl.«
St. Garner sah ihn verständnislos an.
»Ein alter Mann, der mehr pfeift, als dass er spricht. Er ist dafür bekannt, seinen Kunden Dreck zu verkaufen«, murrte Liam und verschränkte die Arme vor der Brust. »Von solchen Menschen habt Ihr keine Ahnung. Euch würde man nie aufs Kreuz legen.« Er dachte kurz nach und fügte hinzu: »Also ich werde Euch aufs Kreuz legen, aber wie mir scheint, wird das nicht heute Nacht geschehen.«
St. Garners Miene zeigte Verwunderung. »Ich möchte nicht aufs Kreuz gelegt werden, Mr Young. Es ist nicht mein Anliegen, dass Ihr mich penetriert. Ihr sollt mich zum Stehen bringen.«
»Was nicht heißt, dass ich nicht oben liegen kann«, konterte Liam und forschte in St. Garners Gesicht nach einem Zeichen, ob ihm das zusagen oder ihn abstoßen würde. Er fand keine Regung in den strengen Zügen, aber der Adamsapfel bewegte sich erneut in einem schweren Schlucken.
»Es könnte an der Platte selbst liegen«, meinte der Colonel, ganz offensichtlich um das Thema zu wechseln.
»Kaum vorstellbar. Er macht das bei jeder einzelnen Platte meiner Sammlung. Mir scheint, auf dem Ding lastet ein Fluch, der mich ärgern soll.«
»Darf ich es mir ansehen?«
Auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, wie der Colonel das Problem lösen wollte, zuckte Liam mit den Schultern. »Nur zu.« Misstrauisch beobachtete er St. Garner, der seinen Spazierstock an die Kommode lehnte, die Nadel anhob und so die Musik zum Verstummen brachte, bevor er in die Hocke ging und den Plattenspieler begutachtete. Unwillkürlich wanderte Liams Blick zu St. Garners Hinterteil. Die Frackschöße hatten sich geteilt und gaben die Sicht auf zwei wohlgeformte, von engem Stoff umschlossene Hinterbacken frei. Zu schade, dass ihm nicht erlaubt war, sich dazwischen zu versenken. Seine Zungenspitze schnellte hervor und er musste sich räuspern, weil ihm der Hals mit einem Mal eng wurde. »Gebt Euch keine Mühe. Da ist nichts zu machen.«
Noch ehe er den Satz zu Ende gebracht hatte, erhob sich der Colonel und der Raum wurde mit Musik beschallt. Das Kratzen, mit dem Liam sich schon lange abgefunden hatte, war nicht mehr so aufdringlich und Creature of the night setzte kurz vor jener Stelle ein, an der Eugène Sartollis Part begann. Alles in ihm spannte sich an. Er hatte den Sänger nur wenige Male zuvor in einem Plattenladen aus dem Lautsprecher gehört. In seinen eigenen vier Wänden war jene Einlage stets übersprungen worden. Er machte sich keine Illusionen, dass es diesmal anders sein würde.
Mathéo Machiavelli verstummte, die Geigen wurden leiser und dann setzte Sartolli ein. Liam öffnete den Mund und seine Augen weiteten sich, während er dem Gesang lauschte, der ihm die Seele vibrieren ließ. Ein Lächeln eroberte seine Lippen und er sah St. Garner an. Der Mann hatte seinen Plattenspieler repariert.
»Der Arm war falsch eingestellt und ließ die Nadel zu wenig Druck ausüben«, erklärte der Colonel kaum hörbar und stockend. »So lässt sie sich leichter von Staubkörnern und Kratzern irritieren. Der Fehler sollte jetzt behoben sein.«
»Ich danke Euch«, brachte Liam hervor. Ihn verwirrte, wie gerührt er war.
St. Garner nickte militärisch knapp. »Gern geschehen«, murmelte er in einem Tonfall, der in seiner Sanftheit nicht zu seinem Gebaren und der erhabenen Haltung passte. »Darf ich Euch morgen Abend gegen neun Uhr aufsuchen?«
Liam ertappte sich bei dem Wunsch, St. Garner möge noch ein Weilchen bleiben. »Zehn Tage bin ich Euer. Ihr dürft mich aufsuchen, wann es Euch beliebt.«
Sein Gegenüber zögerte, griff nach dem Stock, um die Finger ebenso fest darum zu schließen wie zuvor. »Gute Nacht, Mr Young.« Er bedachte ihn mit einem letzten Blick und ließ ihn allein. Die Tür hinter ihm blieb offen.
Liam sah ihm nach, bis er hinter der Einfassung der steinernen Wendeltreppe verschwand. Dann betrachtete er seinen Plattenspieler und lauschte den Klängen, auf die er bis jetzt hatte verzichten müssen.
*
Seine Quiche wurde kalt, während er sich lustlos der Zeitung widmete. Da ihm seit dem Aufstehen am Morgen übel war, hatte er keinen Appetit auf sein Mittagessen. Der bevorstehende Abend machte ihn nervös und seinen Magen flau. Als er einen Absatz über das politische Geschehen in Bagneux zum zehnten Mal las und immer noch nicht dessen Sinn erfassen konnte, legte er das Tagesblatt aus der Hand. Der hölzerne Zeitungshalter landete klappernd auf dem Tisch aus Marmor.
Er sah sich um. Der Klub war an diesem Tag nicht gut besucht. Chamberlains Platz am Fenster war leer geblieben. Wie stets, seit der Mann eine Apoplexie erlitten hatte. Sein Bruder erzählte, dass er seine Räumlichkeiten kaum verließ und jeglichen Lebensmut verloren hatte. Galen hatte ein einziges Mal versucht, dem Freund seine Aufwartung zu machen, war jedoch fortgeschickt worden und hatte keinen zweiten Anlauf gewagt. Er zweifelte daran, dass er die richtigen Worte fände.
Er griff nach dem Silberbesteck und nahm einen Bissen von seiner Mahlzeit. Starker Lorbeergeschmack füllte ihm den Mund und überdeckte alles andere.
Der Spiegel über dem Kamin aus weißem Stein zeigte ihm, dass Épernée zusammen mit einem zeitunglesenden Rousseau an seinem üblichen Platz saß. Die Lehne seines Rollstuhls ragte über seinen Kopf und ließ ihn kleiner wirken, als er war. Seine Miene war zu einer griesgrämigen Grimasse verzogen, die von seinem kohlrabenschwarzen Haar noch betont wurde. Die Ringe unter seinen Augen schienen dunkler als sonst. Ein Tumbler mit Whiskey stand anstelle eines Tellers vor ihm.
Galen verspürte nun seinerseits das Sehnen nach einem Gläschen Rotwein, aber das konnte er sich nicht erlauben. Immerhin war er wieder im Dienst, sobald der Zeiger auf ein Uhr stand.
Robespierre kam mit Elan zur gläsernen Drehtür herein und eilte an dem Jungen vorbei, der den Gästen die Mäntel abnahm. Er hastete an Épernées und Rousseaus Tisch und ließ sich in voller Montur auf einen freien Stuhl fallen. »Habt ihr schon das Neueste gehört?«
Rousseau, ein Mann mit einer beachtlichen Leibesfülle senkte das Tagesblatt und offenbarte, dass er während des Lesens Kuchen genascht hatte. Er zog die reich verzierte Gabel aus dem Mund und hob die Augenbrauen.
»Interessiert mich nicht«, knurrte Épernée und versuchte, Robespierre mit einem Handwink fortzuscheuchen.
Der Mann blieb. »Mr Young hat alle Verabredungen für zehn Tage abgesagt.«
Galen senkte den Blick und widmete sich seiner Quiche. Sie war inzwischen völlig ausgekühlt und schmeckte grauenhaft, doch er stopfte sich einen Bissen nach dem anderen in den Mund. Mr Young hatte seinem Wunsch also entsprochen. Demnach musste auch Jackie bereits erfahren haben, dass er seinen Pläsierer eine Weile nicht aufsuchen konnte. Soweit Galen wusste, gab es allerdings mehrere Männer, die sich der Aufmerksamkeit seines Gatten erfreuten.
»Tatsächlich?«, fragte Rosseau und legte die Zeitung beiseite. »Weiß man, wer ihn für sich allein haben möchte?«
»Die Leute haben keine Ahnung. Es muss ein sehr wichtiger und vermutlich wohlhabender Kerl sein, da Mr Young angeblich nie jemandem zuvor dieses Privileg zugestanden hat«, erwiderte Robespierre. Die Aufregung war ihm anzuhören. Er liebte Klatschgeschichten. Es war allerdings das erste Mal, dass Galen darin vorkam – wenn auch bloß als geheimnisvoller Unbekannter.
Épernée ergriff das Wort: »Da wird es künftig ein paar äußerst unzufriedene Offiziere in den Reihen der Armee geben.« Er erhob die Stimme. »Ist Euer Ehemann nicht ebenfalls Kunde dieses Pläsierers, St. Garner?«
»Maxime«, brummte Rousseau warnend.
Galen hob den Blick und begegnete jenem, den Épernées Spiegelbild ihm zuwarf.
Épernée fletschte die Zähne. »Bin ich keine Antwort wert, Colonel?«
»Er will Euch nicht brüskieren, St. Garner«, murmelte Rousseau und versuchte sich an einem Lächeln, das Galen beschwichtigen sollte.
»Oh doch, eigentlich will ich genau das, Louis-Charles«, stellte Épernée richtig.
Robespierre hatte nach dessen Whiskeyglas gegriffen und beobachtete die Szene mit sichtlich wachsender Spannung. Er schien etwas Spektakuläres zu erwarten.
Galen wandte sich schweigend seiner Quiche zu. Jeder Muskel in ihm war auf Zug.
»Abgestumpfter Mistkerl«, murmelte Épernée beleidigt.
»Maxime«, raunte Rousseau abermals und bemühte sich, das Thema zu wechseln: »Clément, hast du noch andere Neuigkeiten?«
Robespierre antwortete mit vollem Mund. Da er nichts bestellt hatte, kam Galen zu dem Schluss, dass der junge Major sich etwas von Rousseaus Dessert stibitzt haben musste. »Nichts, was die Gassen so schnell erobert hätte, wie das, was ich euch gerade erzählt habe.«
Angespannt wartete Galen, bis die Standuhr in der Ecke die volle Stunde schlug, weil er es stets auf diese Weise hielt und Épernée nicht den Triumph lassen wollte, ihn gekränkt zu haben. Als es soweit war, erhob er sich und verließ den Klub, ohne noch einmal in den Spiegel gesehen oder sich gar umgedreht zu haben.
*
»Darf man fragen, wie es dazu kam, dass du jemandem zehn Tage zugebilligt hast?« Sebastian 'Bash' Grimwalde, der einen mit dem Bajonett seiner Muskete töten würde, sollte man ihn Sebastian nennen, sah von seiner Tätigkeit auf. Gleich darauf widmete er sich wieder dem Arrangieren von Decken auf einer Récamiere, auf der sich alsbald sein nächstes Modell räkeln würde.
Liam fuhr sich durchs Haar und behielt die Uhr im Blick. Es war noch genug Zeit, um sie hier in Bashs und Hippolytes Refugium zu vertrödeln und danach ein ausgiebiges Bad zu nehmen. »Er hat mich gefragt und ich habe zugesagt. So kam es.«
Bash schenkte ihm einen Blick unter hochgezogenen Augenbrauen. »Er hat dich gefragt? Nicht überredet?«
»Nein, er hat tatsächlich sehr höflich darum gebeten.«
»Gewiss war er nicht der erste Mann, der darum gebeten, gebettelt und gefleht hat. Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Warum hast du Ja gesagt? Was ist so besonders an dem Kerl?«
»Er ist eine Herausforderung. Mehr werde ich dazu nicht sagen.« Seine Klienten mussten nicht fürchten, dass er ihre Identitäten oder Geheimnisse ausplauderte. Bei St. Garner würde er sich doppelt hüten, jemandem etwas über ihn preiszugeben. Nicht bloß, weil er um seine eigene Zukunft bangte, sondern St. Garners wegen.
Bash grunzte und schüttelte ein Kissen zurecht. »Glaubst du, du kannst aus dem Colonel einen temperamentvollen, leidenschaftlichen Liebhaber machen?«
Liam erstarrte zusammen mit seinem Herzschlag und sah seinen Freund an, der die Lippen unter dem schwarzen Oberlippenbärtchen zu einem Grinsen verzog.
»Hippolyte hat ihn letzte Nacht von hier fortreiten sehen und nach den Neuigkeiten, die heute die Stadt in Atem halten, mussten wir nur kombinieren«, erklärte Bash.
»Ich verlasse mich darauf, dass ihr den Mund haltet. Es ist wichtig.«
»Du weißt, dass du dich auf Hippolyte und mich verlassen kannst. Wir haben noch nie eines deiner Geheimnisse verraten. Ich kann mir denken, dass diesmal viel auf dem Spiel steht.« Seine Miene wurde ernst. »St. Garner könnte dich mit einem Fingerschnippen ruinieren.«
»Das ist mir bewusst«, erwiderte Liam heiser. »Deshalb werde ich mir größte Mühe geben, seine Erwartungen zu erfüllen.« Wäre doch gelacht, wenn er es nicht vollbringen könnte, St. Garner ungeahntes Stehvermögen zu verleihen. Ein Kinderspiel.
»Wollen wir hoffen, dass sie nicht zu hoch sind, um erfüllt zu werden«, sagte Bash und runzelte die Stirn in offenkundiger Besorgnis.
Liam wandte sich dem Fenster zu. Das Atelier Grimwalde & Talbotté befand sich direkt unter seinen Räumlichkeiten und lag immer noch hoch über den Dächern der Stadt. Das Meer hielt seinen Blick gefangen. Ein Schiff lief in den Hafen ein und er beobachtete, wie es auf den Wellen schaukelte.
Mit einem Ruck ging die Tür auf und er fuhr herum. Sie war einen Spalt offen und man konnte hören, wie jemand sich davor mit einer Kiste abmühte. Liam stand auf, um sich nützlich zu machen.
Hippolyte schenkte ihm ein Lächeln. Der Mann war siebzig Jahre alt, trug einen Vollbart unter einer gewaltigen Nase und hatte das freundlichste Gesicht, das Liam je an einem Menschen gesehen hatte. Es wurde von widerspenstigem, grauem Haar eingefasst, das immer irgendwo abstand, wo es nicht sollte.
»Danke dir, Junge«, meinte Hippolyte, als Liam die Holztruhe aufhob und in das Zimmer trug, um sie neben dem Apparat abzustellen, mit dem Bash arbeitete.
»Was ist da drin? Ziegelsteine?«, fragte er und rieb sich die schmerzenden Hände. Wie hatte der alte Mann das Zeug die elendig lange Treppe heraufbekommen?
»Ein paar neue Requisiten«, antwortete Bash geistesabwesend und rückte eine Vase auf dem Beistelltisch zurecht. Darin befanden sich Blumen aus schwarzem Seidenpapier. »Hast du alles gefunden, Hippo?«
»Der Schädel eines Hundes war bedauerlicherweise nicht zu bekommen. Obenauf in der Truhe liegt die Schachtel mit den Silberplaquen. Sie sollten für ein paar Tage reichen«, sagte Hippolyte und tupfte sich mit einem Taschentuch die Stirn, bevor er kraftvoll hineinhustete. Sein Auswurf war dem Geräusch nach zu urteilen von schleimiger Konsistenz. Wie lange würden seine Lungen noch mitmachen, dass er sie für die Versilberung der Kupferplatten und die Entwicklung der Daguerreotypien Giften wie Jod- und Quecksilberdampf oder Zyankali aussetzte?
»Warum tut ihr euch das an? Könnt ihr nicht endlich auf gewöhnliche Fotografie umsteigen?«, fragte Liam und kam sich wie eine alte Drehleier vor, die sich ständig wiederholte. Eine Drehleier oder eben eine springende Platte, womit er dank St. Garner nicht länger zu kämpfen hatte.
»Wie oft muss man dir das noch erklären, Youngster?«, seufzte Bash und benutzte mit Absicht die Verschandelung seines Nachnamens, die ihn als Neuling abkanzelte. »Daguerreotypien sind unserem Geschäft zuträglicher. Sie sind einzigartig, stilvoll und man kann die Bilder betrachten, selbst wenn jemand neben einem steht, ohne dass der andere sofort erkennt, was man sich ansieht.«
»Was bei der Art unserer Bilder den größten Vorteil darstellt«, lachte Hippo und musste erneut husten. Diesmal lauter und gequälter als zuvor.
»Wer sieht sich Aktbilder an, wenn jemand dabeisteht?«, wollte Liam wissen, während er dem alten Mann den Rücken tätschelte.
Bash verlor die Geduld. »Meine Güte, Liam! Die Leute wollen etwas Altmodisches, Besonderes, Aufregendes! Daguerreotypien sind den Herrschaften gerade edel genug, um ihre nackten Körper darauf abbilden zu lassen.«
»Gestorben für die Lust. Dahingesiecht für die Erotik«, warf Hippolyte theatralisch ein und schrieb die Worte mit der Rechten in die Luft. »Das soll eines Tages auf meinem Grabstein stehen.«
Bash trat von seinem Werk zurück und verzog spöttisch das Gesicht in Hippolytes Richtung. »Alter Lustmolch. Das werde ich einmeißeln lassen.«
»Ihr seid Idioten«, stellte Liam fest und auch das sagte er nicht zum ersten Mal.
»Pass du lieber auf, dass St. Garner sich dir gegenüber wie ein Gentleman verhält«, ermahnte ihn Bash wie ein überbesorgter Vormund, obwohl der Mann lediglich fünf Jahre älter war als er.
Liam erwiderte nichts, doch war sich sicher, dass der Colonel das tun würde. »Ich geh mich jetzt fertig machen. Frohes daguerreotypiesieren, Gentlemen.«
Als er die Stufen zu seinem Turmzimmer hinaufschritt, hörte er im Rücken leises Gekicher. Er schaute neugierig über die Brüstung und erkannte ein nicht mehr ganz junges Pärchen, das die Treppe heraufschlenderte, um sich bei Grimwalde & Talbotté der Kleider zu entledigen und zu posieren. Der alte Mann hob den Kopf und offenbarte ihm seine geröteten Wangen, als ihre Blicke sich für einen Moment trafen. Liam grinste in sich hinein.
*
»Guten Abend«, murmelte St. Garner, als er nach einem sachten Klopfen und Liams Einladung eintrat und die Tür hinter sich schloss. Seine Stimme hatte ein Kratzen an sich, das gestern Abend noch nicht dort gewesen war.
Liam warf ihm einen Blick über die Schulter zu, der gründlicher ausfiel, als er es geplant hatte. Des Colonels Haltung war nicht so entschlossen wie gestern, ganz im Gegenteil wirkte er sogar verdammt unsicher.
»Soll ich die Musik ausmachen?«, fragte Liam und leckte sich die Lippen, nachdem er sich abgewandt hatte. Sein Freier war nervös und es wäre an ihm, dafür zu sorgen, dass er sich wohlfühlte. Dummerweise war er genauso aufgeregt.
»Sie stört mich nicht«, gab St. Garner kaum hörbar zurück. Trotz seiner Größe bemerkte man ihn kaum. Er hatte keine Präsenz, strahlte nichts aus. Der lebende Tote des Königs.
»Möchtet Ihr etwas trinken?«
»Nein, vielen Dank.«
Liam betrachtete die Reflexion des Mannes im Fensterglas und ballte die Hände zu Fäusten, als er deren Zittern gewahrte. »Wollt Ihr dort stehen bleiben, Colonel?«
»St. Garner«, wurde er korrigiert.
»Wollt Ihr dort stehen bleiben, St. Garner? Setzt Euch auf mein Bett. Ich bin gleich bei Euch.«
Sein Kunde leistete der Aufforderung Folge und nahm zögerlich Platz. Zu Liams Verwunderung wählte er die rechte Bettseite und wandte ihm somit den Rücken zu, während er seine Stiefel auszog. Vielleicht würde die Angelegenheit doch nicht ganz so einfach werden, wie er sich das vorgestellt hatte.
Er überwand die Distanz zwischen ihnen und kniete sich auf die Matratze, um St. Garner die Hände an die Schultern zu legen. Der Mann zuckte nicht zurück, verspannte sich jedoch merklich, was seine Muskeln betonte. Liam spürte Wärme unter dem Stoff des Frackrockes und echauffierte sich über das Flattern in seiner Magengrube. Die Herausforderung, vor die St. Garner ihn stellte, wühlte ihn mehr auf, als gut für ihn war.
Langsam streifte er dem Colonel die Überbekleidung ab und warf sie über das Fußteil seines Bettes zu Boden. »Was mögt Ihr im Bett?«
Er hörte den anderen schlucken. »Ich habe keine besonderen Präferenzen.«
»Jeder Mann hat etwas, das ihn wild macht«, flüsterte Liam rau und strich über St. Garners Brust, während er sich von hinten an ihn drückte. Der frische, saubere Duft von Brillantine vernebelte ihm zusammen mit einem unaufdringlichen Parfum die Sinne.
Der Colonel antwortete leise: »Wenn dem so ist, habe ich diesen Faktor bedauerlicherweise noch nicht entdeckt.«
»Ich werde mir Mühe geben, das für Euch zu übernehmen.«
»Ich danke Euch, Mr Young.«
Liam schmunzelte und machte sich an goldenen Knöpfen zu schaffen, um St. Garner des Gilets zu entledigen. »In Anbetracht der gegenwärtigen Situation wäre es angemessener, meinen Vornamen zu benutzen.«
»Liam«, wisperte St. Garner und jagte ihm damit einen heißen Schauer übers Rückgrat, der ihn unvorbereitet erbeben ließ.
Er beugte sich vor und küsste den Colonel unter dem Ohrläppchen. Dieser keuchte überrascht, ließ die Zärtlichkeit aber über sich ergehen. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn er bog sich ihm weder entgegen noch rückte er von ihm ab. Er reagierte kaum darauf. Gefiel es ihm nicht oder war es Prüderie, die ihn lähmte?
Liams Lippen drückten sich an warme, straffe Haut und wanderten einen schön geschwungenen Hals entlang, um schließlich ein paar Küsse auf eine kräftige Schulter zu hauchen. Im Stillen fragte er sich, weshalb er trotz des Colonels Zurückhaltung dermaßen erregt war.
Seine Finger öffneten kleine, weiße Hemdknöpfe und er schob die linke Hand unter den Stoff, um St. Garners Brust zu berühren. Mit der Rechten liebkoste er einen markanten Kiefer, befühlte glatt rasierte Wangen.
Sein Atem ging schneller, doch der Colonel schien gänzlich unbeeindruckt. War es je zuvor passiert, dass er erregter war als sein Freier? Gewiss nicht. Dennoch presste sich bloß seine eigene Männlichkeit gegen seine Hosen, wie er bemerkte, als er verstohlen an St. Garner hinabsah. Es machte ihn unsicher, was ihn deftig beunruhigte. Für gewöhnlich war er im Bett alles andere als zweifelnd.
Er fasste St. Garner zwischen die Beine. Dieser zuckte trotz der Behutsamkeit der Berührung zurück. Es machte gar den Anschein, als müsse er dem Impuls widerstehen, die Hand fortzuschlagen, die sein Gemächt umschloss.
Liam gab die schlaffe Männlichkeit frei und umfasste einen muskulösen Oberarm, um St. Garner zu bedeuten, er solle sich mit dem Rücken ans Kopfende des Bettes lehnen. Offenbar brauchte er noch ein wenig Zeit, um sich zu entspannen.
Liam setzte sich auf ihn und erwartete, dass man ihm an die Taille fassen würde. Letztendlich musste er jedoch selbst nach den langgliedrigen Fingern des Colonels greifen, um sie sich an die Hüften zu legen. Sie zitterten nicht, aber es hätte ihn nicht verwundert, wenn sie es getan hätten.
Die festen Oberschenkel unter ihm erregten ihn weiter und er erkannte, dass er einen durchaus schönen Mann vor sich hatte. St. Garners Miene war aufgrund all der Verunsicherung und Scham nicht so streng und hart wie sonst.
Für einen Moment überlegte er, ob er den Colonel dazu bringen sollte, seinen Schwanz anzufassen. Vielleicht würde es ihm gefallen? Vielleicht würde er es aber auch als Affront auffassen, wenn Liam ihm zeigte, wie hart er im Gegensatz zu ihm war. Wollte er ihn überhaupt berühren? Die Hände an seinen Seiten sprachen eine andere Sprache, denn sie ruhten kaum auf ihm.
St. Garner sah ihn nicht einmal an, sondern blickte durch ihn hindurch. Erst als Liam ihm ans Kinn griff und den Kopf senkte, um ihn zu küssen, zeigte der Colonel, dass er nicht völlig weggetreten war. In einer hastigen Bewegung legte er die Linke über seine Lippen und berührte mit den Fingerspitzen seiner Rechten auch Liams Mund.
Verwirrt von der heftigen Reaktion, rang Liam für den Bruchteil einer Sekunde um Fassung. Er fasste sich und ergriff St. Garners Hand, um mit den Lippen seine Fingerknöchel zu liebkosen. »Warum wollt Ihr Euch nicht von mir küssen lassen?«, flüsterte er an warmer, leicht rauer Haut. »Es würde helfen. Es kann sehr sinnlich sein, wenn man es richtig macht.« Was erzählte er diesem verheirateten Mann? Natürlich wusste St. Garner übers Küssen Bescheid. Hätte Liam sich nicht so gut im Griff, würde er die Augen über sich verdrehen.
»Es kommt mir falsch vor«, murmelte der Colonel. Ihm war anzusehen, wie unwohl er sich fühlte, und Liam verfluchte sich dafür, dass er nicht wusste, was er dagegen unternehmen sollte. Nie zuvor hatte er sich derart unfähig angestellt. Und dabei sagte man, er sei der beste Pläsierer der Stadt. Im Augenblick benahm er sich eher wie ein unerfahrener Frischling.
»Dann werden wir es nicht tun«, versicherte er heiser, um sein Gegenüber wissen zu lassen, dass es ganz nach dessen Willen laufen würde. Seine Hände wanderten in einer beschämenden Hilflosigkeit über einen Körper, der für seine Berührungen unempfänglich war. Er hakte seine Daumen im Hosenbund ein. »Darf ich?«
St. Garner nickte nach einem Zögern und Liam streifte ihm den Stoff ab. Zwei lange Beine kamen zum Vorschein und seine Zungenspitze schnellte hervor, schon bevor er einen Blick auf des Colonels Männlichkeit warf. Er war gut gebaut.
Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie St. Garner sich abwandte. Offenbar war es ihm zuwider, wenn man ihn in seiner Nacktheit betrachtete.
Liam beschloss, das zu ignorieren. Er senkte den Kopf und zog eine Spur aus Küssen über St. Garners Oberkörper. Seine Zunge schob sich zwischen seinen Lippen hervor. Fast hätte er gestöhnt. Er leckte an geschmeidiger Haut über gespannten Muskeln. Und bekam keine noch so winzige Erwiderung.
»Mögt Ihr das nicht?«, wagte er leise zu fragen.
»Doch.« Die Erwiderung war fast nicht zu hören und noch weniger glaubwürdig.
»Ihr wirkt nicht so«, konterte Liam vorsichtig und betrachtete St. Garners Miene, in der keine Spur von Verlangen oder Wonne lag. Liam versuchte sich an einem Lächeln. »Warum macht Ihr es uns denn so schwer? Ich bin gewillt, auf all Eure Begierden einzugehen. Ihr müsst mir nur sagen, was Euch gefällt.«
»Ich ... weiß nicht, was mir gefällt, Mr Young.«
Was zum Teufel hatte der verdammte Jackie mit seinem Ehemann im Bett getrieben, wenn dieser nicht einmal wusste, was ihm dort behagte? Liam zügelte den unerwarteten Zorn und kniete sich zwischen St. Garners Beine. Mit dem Mund zeichnete er den Muskel nach, der an der Innenseite des kräftigen Oberschenkels entlangführte. Wenn man des Colonels gestrenge Züge nicht vor Augen hatte, war er gleich ein ganzes Stück begehrenswerter. Der Mann hatte einen verführerischen Körper. Und sein Geruch erst.
Er küsste weiche, warme Hoden, ignorierte St. Garners Anspannung, und ließ sich Zeit, ehe er einen Schaft entlangleckte, der sich keinen Millimeter für ihn rührte. Selbst als er die Eichel in den Mund nahm und daran saugte, tat sich nichts. Nichts. Wie konnte das sein? Unwillkürlich rückte er ein Stück ab. Die Enttäuschung musste ihm ins Gesicht geschrieben stehen, denn St. Garner reagierte darauf.
»Es tut mir leid«, brachte er hervor und stieg zu Liams Entsetzen aus dem Bett.
»Ihr müsst Euch nicht bei mir entschuldigen.« Er griff nach St. Garners Handgelenk, doch der Mann befreite sich und zog sich mit unübersehbarer Hast an. »Erinnert Euch daran, weshalb Ihr gekommen seid. Keine Erwartungen, kein Druck und ganz sicher keine Reue.«
»Es war eine törichte Idee. Ich hätte Euch nicht aufsuchen dürfen.«
»St. Garner, wartet. Ihr könnt nicht erwarten, dass das Problem nach zehn Minuten aus der Welt geschafft ist.«
»Es wird niemals aus der Welt sein. Ich muss mich damit abfinden, dass ich kein richtiger Mann bin und es nie sein werde, anstatt solche Dummheiten zu begehen wie diese hier.« St. Garner warf sich den Frackrock über. »Bitte vergesst unsere Abmachung und lasst meinen Mann wieder zu Euch kommen. Er soll nicht noch heftiger darunter leiden, dass ich meinen ehelichen Pflichten nicht nachkommen kann.«
Liam fühlte, wie sich sein Mund vor Verwunderung öffnete. »Ihr schlaft nicht mehr mit ihm? Aber ihr könntet doch die Rollen tauschen und ...«
»Mr Young!«, ermahnte St. Garner unwirsch und fiel damit zum ersten Mal aus seiner Rolle als lebender Toter. Er wirkte nicht länger kalt und erhaben, sondern verzweifelt. Ein Seil spannte sich schmerzhaft eng um Liams Kehle und sein Herz. »Meinem Gatten ist mein Zustand unangenehm. Er kommt sich unbegehrt vor und inzwischen fehlt ihm die Lust. Es ...« St. Garner stockte in seiner schmerzvollen Ansprache, um sich im Spiegel zu mustern. »Es ist ja auch kein reizvoller Anblick.« Mit diesen gequälten Worten deutete er auf seine Männlichkeit, die sich erneut hinter Stoff verbarg. »Lebt wohl, Mr Young.«
Noch ehe Liam seinen Schock überwinden konnte, war der Colonel verschwunden.
Wie verletzend und kränkend musste Jackie sich ihm gegenüber verhalten haben, um ihn in einen solchen Gemütszustand zu versetzen? Es tat weh, daran zu denken. Seine Hände waren zu Fäusten geballt und er rührte sich erst wieder, als die Platte ihr Ende erreichte und es still wurde.
Von seinem Bureau aus beobachtete er die Soldaten beim Exerzieren im Hof der Garnison. Sie übten das Aufmarschieren für den Staatsbesuch, der nächste Woche stattfinden würde. Alle nahmen mechanisch ihre Plätze ein, die Musketen wurden gehoben und Schüsse abgefeuert, deren Vielzahl alles in Rauch hüllte.
Galen sah flüchtig hinauf zum Schloss des Königs. Die weiß getünchten Türme ragten über die gepflegten Hecken hinaus. Ein paar Kinder stoben durch das Gebüsch und spielten außerhalb des Gartens Fangen, bis sie von einer braun gekleideten Gouvernante zurückgescheucht wurden.
Er dachte über die steinernen Stufen nach, die im Zuge der letzten Versammlung angesprochen worden waren. Sie sollten den Abhang überbrücken, der die Offiziere und Soldaten zwang, einen Ritt von beinahe zehn Minuten in Kauf zu nehmen, um zu den Toren des Hofes zu gelangen. Im Ernstfall könnte jene Zeitspanne über Leben und Tod des Regenten entscheiden.
Gott, wem machte er hier etwas vor? In Gedanken war er nicht beim König und dessen Sicherheit, sondern in letzter Nacht gefangen. Er fuhr sich durchs Haar und verzog mit einem Knurren das Gesicht, wenn er daran dachte, wie er sich blamiert hatte. Er hätte es kommen sehen müssen. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Er musste völlig von Sinnen gewesen sein, als er zu diesem Turm geritten war.
Nein, er hatte lediglich seine Scham unterschätzt und angenommen, es würde ihm nichts ausmachen, vor einem fremden Mann zu versagen. Dennoch war er dermaßen nervös gewesen, dass sein verfluchter Schwanz sich überhaupt nicht gerührt hatte. Und als Liam verdrossen und ernüchtert zu ihm aufgeblickt hatte, war ihm bewusst geworden, dass er schon wieder jemanden enttäuschte.
Dass ihm das nicht gleichgültig war, verdammt?!
Er führte die Hand zum Mund, um einen seiner Fingernägel mit den Zähnen zu malträtieren, obwohl er das seit Jahren nicht mehr getan hatte.
Ihm kam in den Sinn, wie hingebungsvoll Liam ihn geküsst hatte, obwohl er gar nicht daran denken wollte. Die Härchen an seinen Armen stellten sich unter der Uniform auf und ein Schauer lief ihm zwischen den Schultern den Rücken hinab. Liams Berührungen waren ihm unangenehm gewesen, aber nicht weil sie ihm nicht gefallen hätten, sondern weil er bereits beim Eintreten gewusst hatte, dass er seinen Mann nicht würde stehen können.
War es nun also Wahnsinn, aus einem ihm schleierhaften Grund zu bedauern, dass er den Pläsierer nicht wiedersehen würde?
Ein Klopfen ließ ihn herumfahren. Sein Offiziersbursche Caleb eilte herein und wedelte mit einem blendend weißen Umschlag. »Ein Brief für Euch, Colonel. Ein Junge in Lumpen, den ich noch nie gesehen habe, drückte ihn mir vor der Kaserne in die Hand.«
Galen legte die Stirn in Falten und griff nach dem Schriftstück. Sofort stieg ihm der Duft von Liams Parfum in die Nase und in seiner Magengegend regte sich etwas.
»Soll ich es überprüfen lassen, Mylord? Es könnte ein Gift enthalten, das Euch tötet, sobald Ihr das Papier berührt«, meinte Caleb in seiner misstrauischen Art, die an einem Burschen von fünfzehn Jahren befremdlich wirkte.
»Das wird nicht nötig sein«, wehrte Galen bemüht ruhig ab und versuchte, seine Aufregung niederzuringen. »Vielen Dank. Du darfst dich entfernen.«
Caleb hob die Arme und schnitt eine Grimasse. »Wie Ihr meint. Ich werde später nach Euch sehen, um sicherzugehen, dass Ihr noch atmet.«
»Ja, tu das. Vielen Dank«, sagte Galen und zügelte seine Neugier, bis der Bursche endlich verschwunden war. Dann riss er linkisch den Umschlag auf und zog den Brief hervor. Er zögerte, ehe er das Papier auseinanderfaltete. Schwarze Tinte offenbarte eine hübsche, penibel saubere Handschrift, die ihn überraschte.
Der Brief war ohne Anrede verfasst.
Ich dulde nicht, dass Ihr unsere Abmachung brecht. Ihr habt mir fünf Treffen zugesagt und bezahlt. Also kommt gefälligst her und lasst mich meine Arbeit tun. Ich finde Euren Anblick reizvoll und möchte Euch wieder in meinem Bett haben. Ich erwarte Euch heute Abend pünktlich zum neunten Glockenschlag.
Liam
Galen schluckte ein paar Mal, obwohl sich kein Tropfen Speichel mehr in seinem Mund befand. Der ganze Brief war eine reine Anmaßung, in einem Befehlston verfasst, den man ihm gegenüber noch nie an den Tag gelegt hatte.
Das reizte ihn.
Und dann war da noch dieser eine Satz, an den sich etwas in ihm klammerte und der sein Herz höher schlagen ließ. Ich finde Euren Anblick reizvoll.
Die Vorstellung, dass es jemanden geben könnte, der ihn begehrte, ließ ihm den Atem stocken und das Pergament in seiner Hand zittern. Als die Tür mit einem Ruck aufging, zerknüllte er es reflexartig in seinen Fingern und war bereit, jeden zu töten, der es ihm abnehmen wollte.
Es war Caleb. »Colonel, der Capitaine Eurer dritten Kompanie wünscht eine Unterredung mit Euch.«
Galen kämpfte gegen den erlittenen Schock und wandte sich dem Fenster zu, um Liams Brief glattzustreichen, zusammenzufalten und ihn sorgsam in der Brusttasche seiner Weste verschwinden zu lassen. »Der Capitaine meiner dritten Kompanie«, wiederholte er, um den Jungen von dem Schriftstück abzulenken. »Ich weiß, von wem du sprichst. Aber weißt du es auch?«
»Natürlich weiß ich das.«
»Und?«, fragte Galen, während er nach seiner Uniformjacke griff, die über der Stuhllehne hing. Er schlüpfte hinein und beobachtete seinen errötenden Offiziersburschen dabei, wie er seinen Hals aus der Schlinge zu winden versuchte.
»Na«, murmelte Caleb gedehnt und grinste einseitig. »Männlich, blond und etwa so groß.« Er deutete eine Höhe in die Luft, die ungefähr hinkommen durfte.
»Sein Name ist Armand Archambault. Du solltest ihn dir langsam merken.«
»Sir, ja, Sir«, stieß Caleb hervor und salutierte in spöttischer Manier.
»Lass uns gehen«, seufzte Galen gutmütig und fragte sich, ob er dem Jungen mehr Disziplin angedeihen lassen sollte. Er verwarf den Gedanken.
Caleb schloss die Tür hinter ihnen. »Sehr wohl. Mr Arschampo wartet vor dem sechsten Exerzierplatz auf Euch.«
Galen verkniff sich ein Aufstöhnen und rieb sich die Schläfe. »Vielleicht vergisst du seinen Namen besser wieder.«
»Wie Ihr meint, Sir.« Der Bursche zuckte grinsend mit den Schultern.
Gemeinsam legten sie den Weg zum sechsten Exerzierplatz zurück. Seit sie das kastenförmige Gebäude verlassen hatten, wurden sie von Exerziergesängen begleitet. Die Gefreiten sangen vor, die Rekruten ahmten nach. Ganze Kompanien liefen in Zweierreihen an ihnen vorbei. Die gleichmäßigen, synchronen Schläge ihrer Stiefelsohlen auf Beton gaben den Takt vor und ersetzten die Trommeln der Marschmusikanten.
Galen nahm einen tiefen Atemzug voll salziger Luft, die vom Meer herüberwehte.
Capitaine Dupont schrie seinen Männern Befehle zu. Sie standen in Reih und Glied, rote Kopfbedeckungen, die Finger in weißen Handschuhen, die Körper in dunkelblauer Uniform, die ihnen jegliche Individualität raubte.
Bis auf die Geräusche, die die Gewehre verursachten, wenn sie bewegt wurden, und das Schlagen ihrer Fäuste gegen die Brust, ging völlige Stille von ihnen aus. Wie eine einzige Einheit führten sie aus, was der Capitaine begehrte.
Inmitten all jener Gleichheit fühlte Galen sich wohl. Man sagte ihm nach, er habe keinen Charakter. Das Fehlen eines solchen machte ihn hier jedoch nicht zu einem Außenseiter, dessen Nähe man mied, sondern zu einem Mitglied der Unität. Er hatte jenen Wesenszug, den andere als befremdlich ansahen, trainiert und bis zur Perfektion gebracht, als er bemerkt hatte, dass er ihm im Soldatenleben nützlich war. Gelegentlich gab es Momente, in denen er es bereute.
»Da vorne steht er, der gute Capitaine Eurer dritten Kompanie«, sagte Caleb und salutierte, um sich zu verabschieden.
Galen entließ ihn mit einem Nicken und gesellte sich zu Archambault, der mit durchgedrücktem Rücken am Rande des Platzes stand, auf dem seine Untergebenen Liegestütze ausführten. »Ihr wolltet mich sprechen.«
Der Capitaine erwies ihm mit einer Verbeugung die Ehre und legte die Stirn in Falten. Sein Blick huschte über Galens Körper, ehe er sich den Soldaten zuwandte. »Eine unangenehme Angelegenheit«, sagte Archambault. In der Tat schien er nervös und indigniert. »Mir wurde zugetragen, zwei meiner Rekruten hätten sich der Fleischeslust hingegeben. Im gemeinschaftlichen Schlafsaal.«
Für einen Herzschlag neidete er den jungen Männern ihre Potenz und stellte sich vor, dass er letzte Nacht mit Liam hätte schlafen können, wenn er nicht so ein verdammter Versager wäre. Er klärte seine Kehle und bemühte sich um einen ruhigen Tonfall. »Ein Verstoß gegen die Regeln, aber nicht einer, der noch nie vorgekommen wäre.«
»In der Tat. Dennoch beunruhigt er mich«, erwiderte Archambault und strich sich eine Strähne seines blonden Haares hinters Ohr, die der dunkelblauen Schleife aus Samt entwischt war. »Diese Kompanie ist nicht wie meine letzte.«
»Ihr habt die meisten Eurer Soldaten in der Schlacht um Chantecoq verloren. Es ist nicht verwunderlich, dass Ihr Schwierigkeiten habt, Euch an Eure neue Truppe zu gewöhnen.« Auch er hatte mit seinen Erinnerungen und den Auswirkungen jenes Gemetzels zu kämpfen.
»Das ist es nicht, Colonel«, widersprach der Capitaine, wobei er sich kurz abwandte und sich über die Narbe strich, die seine linke Gesichtshälfte seit jener Schlacht zierte. »Der Verlust schmerzt mich, aber ich würde nie gestatten, dass der Schmerz mein Urteilsvermögen trübt. Es ist nur ... Der Zusammenhalt lässt zu wünschen übrig. Die Chemie zwischen den Männern stimmt nicht.«
»Zwischen zwei bestimmten scheint sie nächtens gestimmt zu haben.« Unwillkürlich befühlte er mit den Fingerspitzen seiner Rechten den Brief, der in seiner Brusttasche verweilte. Er schien in Flammen zu stehen.
Archambault lachte leise. »Da habt Ihr recht.«
»Soll ich mich der Missetäter annehmen?«
»Ich bitte darum«, stieß der Capitaine zusammen mit einem Keuchen hervor und bestätigte, dass ihm die Affäre nahe ging.
Verständlich. Niemand wollte einer Kompanie oder einem Regiment vorstehen, das nicht einwandfrei funktionierte. Und da das betreffende Regiment ihm unterstand, war ihm daran gelegen, den Sachverhalt hinreichend zu klären und das Vorkommnis zu einem lehrreichen Abschluss zu bringen.
Archambault ließ drei Männer aus der Einheit heraustreten. Während zwei davon nach dem Salutieren stramm standen und den Eindruck entstehen ließen, sie hätten Angst vor Galen, war der Dritte im Bunde wenig beeindruckt und musterte ihn aus kühlen Augen.
»Rühren und vorstellen«, befahl Galen und heftete den Blick auf den Burschen ganz links.
Der kränklich aussehende junge Bursche mit dem Haarschopf in der Farbe von Kohlen, leistete Gehorsam: »Sir, Pascale Charpentier, Colonel.«
Galen nickte und wandte sich dem Mittleren zu, der aus dem Augenwinkel soeben noch Charpentier beobachtet hatte. Es war ein blonder Rekrut mit aristokratischen Zügen und einer langen Nase. »Sir, Henry Rivers, Colonel. Sohn des Baron d'Argenteau.«
»Eure Herkunft ist hier nicht von Bedeutung, Rivers. Erwähnt sie nicht mehr«, wies Galen scharf an und erntete einen entsetzten Blick seines Gegenübers.
»Ich dachte nur, weil Ihr doch der Marquis de-«
»Auch mein Adelstitel bedeutet auf militärischem Boden nichts und ich würde es bevorzugen, wenn Ihr meine Anweisungen stillschweigend befolgt, anstatt mich belehren zu wollen.«
»Sir, ja, Sir«, nickte Rivers nach einem respektlosen Zögern und senkte das Haupt, wobei ein Funke des Unwillens und gekränkten Stolzes in seinem Gesicht aufglomm.
Galen richtete das Augenmerk auf den Kerl mit dem gedrungenen Körperbau und den kalten Augen. Dieser trat vor und spannte den massiven Kiefer an, während er die Nase rümpfte. Es wirkte, als wolle er Galen vor die Stiefelspitzen spucken. »Sir, Richard Warwick, Colonel«, brachte er in einem streitbaren Tonfall vor, der nicht angemessen war, aber zu seinem Äußeren passte.
»Der Capitaine sagte, jemand von Euch hätte sich letzte Nacht unrühmlich verhalten«, sagte Galen mit dunkler Stimme. »Ich fordere eine Erklärung.«
Warwick meldete sich zu Wort. »Sir, ich habe mitbekommen, wie Rivers und Charpentier den Beischlaf vollzogen.«
»Eine Lüge«, zischte Rivers. »Er hat mir bloß den Schwanz gelutscht.«
Galen blieb keine Zeit, um sich der Fassungslosigkeit über diese Frechheit hinzugeben, denn eine Sekunde später wälzten Rivers und Warwick sich prügelnd am Boden. Der junge Charpentier wich mit einem Keuchen zurück und schlug die Hand vor den Mund.
Archambault gab ebenfalls einen Laut des Entsetzens von sich und wollte zwischen seine Rekruten gehen.
»Stillgestanden, Capitaine«, stieß Galen hervor und hatte seine liebe Not damit, den Zorn aus seiner Stimme zu vertreiben. Seit man ihm den Dienstgrad eines Colonels verliehen hatte, war man ihm nicht derart despektierlich gegenübergetreten, wie es diese beiden wichtigtuerischen Dummköpfe taten.
Das Augenmerk aller Anwesenden ruhte auf ihm, auch wenn niemand den Fehler machte, seine Tätigkeit zu unterbrechen und dieser Sache mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als sie verdiente.
Galen machte sich nicht die Mühe, das Wort an die Raufbolde zu richten. Es wäre vergebens. Die vermessenen Neulinge brauchten eine Lektion. Mit ruhiger Hand zog er seinen Revolver. Drei Mal durchschnitt ein Schuss die Stille, die sich wie ein Nebel über die Garnison gelegt hatte. Niemand schien sich mehr zu bewegen, die Welt hielt inne. »Erhebt euch«, knurrte Galen.
Rivers und Warwick kamen in die Höhe, und während Warwick einen mitleidigen, weichen Blick auf den inzwischen in Tränen ausgebrochenen Charpentier warf, hatte Rivers Galen im Blick. In seiner Miene lag eine unmissverständliche Regung – Abscheu. Offenbar dachte er, die Maßregelung sei unter seiner Würde, wo er doch der Sohn des verdammten Baron d'Argenteau war.
»Capitaine Archambault, Ihr werdet diese beiden Männer strafexerzieren lassen bis der Morgen graut«, wies Galen an und starrte in Rivers braune Augen, ohne ein einziges Mal zu blinzeln.
Rivers war weder klug genug, das Haupt zu senken, noch dazu, den Mund zu halten und die Strafe wie ein Mann zu erdulden. »Bis der Morgen graut? Das kann nicht Euer Ernst sein«, brach es aus seinen aufgeworfenen Lippen hervor.
Galen trat einen Schritt näher, sodass Rivers den Kopf heben musste, um ihm ins Gesicht sehen zu können. »Ihr hängt an meinem Gängelband, Rivers. Ich dulde in meinem Regiment keine Männer, die mich oder meine Entscheidungen in Frage stellen. Solltet Ihr mich also weiter provozieren, anstatt mir den nötigen Respekt entgegenzubringen, werde ich das Band durchschneiden. Vermutlich würdet Ihr das bedauern, sobald Ihr Zeit hattet, darüber nachzudenken und Euren Vater über die Geschehnisse zu unterrichten.«
Rivers schluckte hart, wie man an den Muskeln an seinem überdehnten Hals erkennen konnte. Die Vorstellung, nicht mehr zu Galens Eliteregiment zu gehören, schien ihm nicht zu behagen. Gewiss wäre auch sein Vater, der ehrenwerte Baron, alles andere als begeistert. Vielleicht konnte die Warnung Rivers dazu ermuntern, sein Verhalten zu überdenken und anschließend zu korrigieren.
»Haben wir uns verstanden?«, fragte Galen drohend leise.
»Sir, ja, Colonel«, nickte Rivers knapp und salutierte. Vielleicht nicht lediglich, um seinen Respekt zu bekunden, sondern um Abstand zwischen sie und sich selbst in Sicherheit zu bringen.
»Zurücktreten.«
Die Rekruten taten, wie ihnen geheißen. Rivers schien darauf bedacht, schnell zu seinem Trupp zurückzukehren, um in der Menge zu verschwinden. Er stolperte fast über seine eigenen Füße, wie Galen mit einem gewissen Maß an Genugtuung beobachtete, was man ihm angesichts der Situation zugestehen konnte.
»Colonel, es bringt mich in tiefste Verlegenheit, wie sich dieser Rüpel Euch gegenüber verhalten hat. Ihr müsst einen schlechten Eindruck von meiner Führung haben«, murmelte Archambault geknickt.
»Euch trifft keine Schuld. Die Jungen sind neu und einige überschätzen ihre Wichtigkeit.« Galen knirschte mit den Zähnen. »Sollte es allerdings noch einmal vorkommen, dass Rivers seine Position verkennt, muss sein Vater statt der Angelobung seines Sohnes dessen unehrenhafter Entlassung beiwohnen. »
Archaumbault verneigte sich von ihm. »Semper fidelis, Colonel.«
»Semper imperio, Capitaine«, murmelte Galen und wandte dem sechsten Exerzierplatz den Rücken zu. Zu seiner Überraschung verflog sein Zorn, als seine Gedanken an jenen Punkt zurückkehrten, an dem sie unterbrochen worden waren. Liam Young. Sofort meldete sich seine Aufgewühltheit zurück. Seine Finger wanderten zu seiner Brusttasche und tippten gegen das Pergament. Er büßte etwas von seiner würdevollen Haltung ein, als er sich fragte, ob er in den Turm zurückkehren sollte, um Mr Young seine »Arbeit machen zu lassen«, wie dieser es ausdrücken würde.
Er fand keine Antwort.
*
»Es macht dir doch nichts aus, oder?«, fragte Jackie in liebenswertem Tonfall und schloss die Türen des Kleiderschrankes, der eine volle Wand ihres Schlafgemaches einnahm.
»Natürlich nicht«, murmelte Galen und malträtierte seine Hände zwischen seinen Knien. Er saß auf dem Bett und wandte seinem Ehemann den Rücken zu, während dieser sich zum Ausgehen zurechtmachte. Da Jacques-René mit seinen dunkelbraunen Locken und den charmanten Gesichtszügen von Natur aus ein gutaussehender Mann war, bedurfte es keines großen Aufwandes.
Jackie warf sich den royalblauen Gehrock über und trat neben ihn, um sich im Spiegel über dem Waschtisch zu begutachten und sich übers breite Kinn zu streichen. »Warte nicht auf mich, es wird vermutlich spät. Ach, was sag ich da? Es wird ganz sicher spät. Lizzies Abende scheinen nie ein Ende zu finden. Und bestimmt komme ich vollkommen betrunken nach Hause.«
Galen versuchte sich an einem Schmunzeln. »Tust du das nicht immer?«
Sein Gemahl, der seine Vergnügungen wieder einmal außerhalb Galens Gegenwart suchen und finden würde, lächelte und fasste ihm an die Schulter. Die erste Berührung seit Wochen. »Ich wünsche dem gestrengen Colonel eine geruhsame Nacht. Bleib nicht zu lange auf.«
Nach einem weiteren Lächeln, das Galen mit aller Mühe erwiderte, war Jackie verschwunden. Wenig später hörte er den Verschlag einer Kutsche vor dem Haus in die Angeln fallen, das Knirschen von Hufen auf Kies und das Anrattern von Rädern. Die Geräusche wurden allmählich leiser und verstummten schließlich.
Die Einsamkeit sank wie ein düsterer Nebel auf ihn hernieder. Flüchtig musterte er sein Spiegelbild. Er war noch nicht einmal dazu gekommen, sich seiner Uniform zu entledigen. Nach dem Nachhausekommen hatte er Jackie gesucht, weil er ihm von dem beunruhigenden Zwischenfall in der Garnison erzählen wollte. Eine lächerliche Anwandlung. Das letzte Mal, dass Jackie ihm zugehört hatte, war eine Ewigkeit her. Seinen Ehemann interessierte nicht mehr, was sich in Galens Leben abspielte. Warum hätte es ausgerechnet heute anders sein sollen?
Mit beiden Händen fuhr er sich durchs Haar und hielt inne, als er seinen Nacken erreichte. Er erinnerte sich daran, wie Liam ihn dort geküsst hatte. Ein Prickeln breitete sich zwischen seinen Schulterblättern aus. Eilig nahm er die Finger von jener Stelle und versuchte sich mit einem Räuspern zur Vernunft zu rufen.
Es war jedoch nicht Vernunft, sondern purer Wahnsinn, der ihn den Brief hervorziehen ließ. Das Papier raschelte leise in all der erdrückenden Stille, an die er gewöhnt sein müsste und es doch nicht war. Sein Herz schlug schneller, als er der Handschrift ansichtig wurde, und es beschleunigte sich um einen weiteren Takt, als seine Augen an jenem Satz hängen blieben. Ich finde Euren Anblick reizvoll.
Nur ein paar Worte, ein paar wenige Silben mit schwarzer Tinte auf cremefarbenem Pergament. Eine Bagatelle. Nicht ernstzunehmende Schmeicheleien eines Mannes, dessen Beruf es mit sich brachte, jederzeit derartige Nettigkeiten flüstern zu können. Er meinte sie nicht. Das könnte er gar nicht. Und wenn sie nicht aufrichtig gesprochen wurden, welche Bedeutung hatten sie dann?
»Keine«, wisperte er und fragte sich, weshalb er das Papier dann nicht längst losgeworden war, sondern nach dem Erhalt für den Rest des Tages nahe an seinem Herzen getragen hatte. Warum hatte er ständig daran gedacht? Und daran, wie Liam ihm mit seinen vollen Lippen die Fingerknöchel geküsst hatte?
Hitze breitete sich in seiner Brust aus, wärmte von dort aus den Rest seines Körpers und verursachte ihm ein Brennen in der Leistengegend. Wenn es ihm nämlich auch massiv an Stehkraft mangelte, so doch nicht an Verlangen.
Zum zweiten Mal an diesem Tag fühlte er sich gezwungen, an seinem Fingernagel zu kauen, obwohl er um die Unschicklichkeit jenes Verhaltens wusste.
Entschlossen stand er auf. »Genug davon. Ich gehe hin.«
Er eilte aus dem Raum, um ihn eine Sekunde später erneut zu betreten, zwischen Bett und Waschtisch auf und ab zu gehen und sich die Schläfen zu massieren.
Nein, er konnte nicht. Er sollte nicht. Aber er wollte.
Allerdings war er darin geübt, sein Wollen zu unterdrücken. So würde auch diese Sehnsucht vorübergehen, wenn er ihrem Ende nur lange genug harrte.
»Auch davon hab ich genug«, knurrte er seinem Verstand zu und hastete ein weiteres Mal aus dem Schlafzimmer, um ein allerletztes Mal zurückzukehren, weil ihm bewusst wurde, dass es zu früh für einen Besuch bei Mr Young war und es außerdem eines Bades zur Vorbereitung bedurfte.
*
Seine Hand zitterte kein bisschen, als er sie hob, um anzuklopfen. In dieser Hinsicht hatte er sich stets unter Kontrolle. Dafür drückte er in seiner Anspannung die Zunge derart heftig gegen den Gaumen, dass ihm übel wurde. Er versuchte vergeblich, sie zu lockern.
»Herein«, kam dumpf von drinnen.
Gehemmt trat er in das wedgewoodblau gestrichene, nobel eingerichtete Turmzimmer. Liam stand am Fenster – offenbar sein liebster Platz – und schenkte ihm ein hinreißendes Lächeln, das sogar seine blassblauen Augen erreichte und Galen wissen ließ, dass er sein Erscheinen nicht bereuen würde. Hatte sein Herz soeben einen Schlag ausgesetzt? Warum sank es jetzt in seine Magengrube?
»Ich war mir nicht sicher, ob Ihr kommen würdet«, murmelte Liam und schien wahrhaftig erfreut. Wann hatte sich zum letzten Mal jemand gefreut, ihn zu sehen?
»Ihr habt es gewissermaßen befohlen«, brachte Galen hervor.
»Das ist wahr, aber Euer Gehorsam mir gegenüber stand noch in Frage.«
Galen legte die Stirn in Falten und seine Lippen teilten sich.
»Ihr habt richtig gehört, St. Garner. Hier drinnen werden unsere Rollen vertauscht sein. Ihr müsst Eure Befehlsgewalt abgeben, sobald Ihr über meine Schwelle tretet, und Ihr müsst mir vertrauen, wenn ich Euch helfen soll.«
Misstrauisch musterte er den schlanken Mann mit dem gescheitelten Haar, das an der linken Seite dicht an seinem Kopf lag und sich an der rechten zu einer seidigen Masse aus dunkelblonden Wellen bauschte. Sein Gesicht war schmal und doch maskulin geschnitten, ohne den kleinsten Makel. Es war kein Wunder, dass ihm die halbe Stadt zu Füßen lag. Er war schön. Außergewöhnlich schön.
Und nun zog er die Brauen zusammen und schnitt eine spöttisch-tadelnde Grimasse. »Was seht Ihr mich so skeptisch an? Seid Ihr Euch nicht sicher, ob Ihr mir trauen könnt, oder echauffiert Ihr Euch im Stillen bloß wieder über mein dandyhaftes Äußeres?«
»Letzteres käme mir nicht in den Sinn.«
»Darüber hinaus steht Ihr wieder da wie der alternde Kammerdiener der Königsfamilie«, schimpfte Liam. »Oder eben wie ein Colonel.«
»Verzeiht.« Galen bemühte sich um eine legere Körperhaltung, die der Situation angemessener wäre, ihm aber nicht gelingen wollte.
Liam brach in wohlklingendes Gelächter aus und bestätigte die Vermutung, dass er an diesem Abend sehr viel ausgelassener war als bei ihrem vorherigen Zusammentreffen. Wenn er lachte, wirkte er überraschend jungenhaft. Er beruhigte sich, schmunzelte und meinte: »Mir scheint, das Thema mit dem Abgeben Eurer Autorität hätten wir geklärt. Ihr macht den Eindruck, als wolltet Ihr Euch zumindest bemühen. Ich verspreche, Euch nicht zu viel abzuverlangen.« Er kam auf ihn zu, lockerte ihm die Krawatte und legte die Finger an sein Revers, um zu ihm aufzusehen. »Ich bin froh, dass Ihr gekommen seid.« Ein Wispern so weich wie der Flügelschlag einer Lerche.
»Tatsächlich?« Galen atmete Liams Duft ein und schluckte mühsam. Er konnte dem Blick seines Gegenübers nicht standhalten, weil er zu kräftig strahlte.
»Tatsächlich«, versicherte Liam und beraubte ihn seines Atems, indem er ihm den Hals küsste.
Galens Lider senkten sich und ein Schauer ließ ihn erzittern. Er genoss die Liebkosung mehr als er sollte. Beinahe hätte er dem Drang nachgegeben, Liam an sich zu ziehen, um seinen Körper zu spüren und nicht bloß die Wärme, die von ihm ausging. »Ihr werdet an mir verzweifeln«, flüsterte er in der irrigen Annahme, er könne das hier noch aufhalten.
