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Als der zynische Söldner Kendrick McLaughlin auf seinen nächsten Auftraggeber trifft, ist er entsetzt. Für gewöhnlich begegnet man ihm - dem Teufel von Redport - mit Angst und Abneigung, doch der junge Pfarrer Lafayette zeigt keinerlei Scheu und treibt ihn nicht nur mit seiner zänkischen Art zur Weißglut, sondern führt ihn auch mit seinem Liebreiz in Versuchung. Mit aller Gewalt stemmt Kendrick sich gegen die Verlockung, doch wie lange kann er der Anziehungskraft des kleinen Mannes mit dem großen Mundwerk widerstehen?
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Tharah Meester
Die Verführung des Teufels
Farefyr Lovers
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Epilog
Bonuskapitel
Danksagung
Leseprobe – Der Schurke des Gentleman
Über die Autorin
Impressum
Ein kühler Windstoß fuhr ihm durchs Haar und zerzauste es auf angenehme Weise. Es war allerdings das einzig flüchtig Angenehme an seiner aktuellen Lage. Grimmig starrte er auf das hölzerne Schild, das ihn unnötigerweise darauf aufmerksam machte, wo er sich befand. Falkenhain.
Das kleine Dorf, durch das ein reger Bach floss, lag am Fuße eines Berges und war wohl das, was man als idyllisch bezeichnete. Er hasste dieses Wort, denn er fand es verlogen. Seiner Meinung nach existierte so etwas wie Idylle nicht. Schon gar nicht in so einem abgelegenen Örtchen, in dem man ihn mit furchtvollen Blicken bedenken würde, weil man alles, was fremd war, verabscheute und sich davor ängstigte. Rick war daran gewohnt, wie man ihn ansah, daher beschäftigte es ihn nicht weiter. Nur ärgern würde er sich wie immer darüber.
Als hätte er in Gedanken die Zukunft weisgesagt, holten die ersten Mütter ihre Kinder in die Häuser, während er festen Schrittes daran vorüberging.
Einige Männer, die vor dem Wirtshaus standen und sich unterhielten, stockten in ihren Gesprächen, als Rick zielsicher die Schlafende Hyäne betrat. Auch drinnen wurden die Leute mit seinem Eintreten still und gar das Geklapper von Besteck auf Geschirr verstummte. Man vernahm nur noch seine Stiefelsohlen, die den Boden traktierten.
Durch genügend Übung war er durchaus in der Lage, sich lautlos wie eine Raubkatze fortzubewegen, doch daran hatte er im Augenblick überhaupt kein Interesse. Das Aufsehen erregte er ohnehin, da konnte er auf zurückhaltendes Benehmen auch gleich verzichten und sich nicht unnötig die Mühe machen.
Ohne Umschweife steuerte er die Theke an. Dahinter stand ein Kerl, der ihn misstrauisch beäugte, während er unsauber den Tresen wischte. Rick stellte sich neben den Mann, der an der Bar saß und wie der Trunkenbold des Dorfes aussah. Es war nur so ein Gefühl …
Ohne einen Gruß auszusprechen, fragte Rick unfreundlich, was er wissen wollte: »Isaac Lafayette. Wo finde ich den?«
Der Wirt hielt in seiner sinnlosen Wischerei inne und starrte ihn feindselig, wenn nicht gar angriffslustig an. »Was wollt Ihr von ihm?«
»Das geht Euch nichts an.« Er hasste es, wenn jemand zu viele Fragen stellte. Dass die Leute immer dachten, sie hätten ein Recht darauf, Dinge zu erfahren, um die sie sich in Wahrheit einen Dreck zu scheren hatten, war eine sehr ungute Sache. »Sagt mir, wo ich ihn finden kann, sonst suche ich ihn selbst«, kündigte er an, obwohl es ihm lieber wäre, er müsste den Mann, der ihm diesen seltsamen Brief zukommen hatte lassen, nicht eine Ewigkeit suchen. Er wollte die Angelegenheit schnell hinter sich bringen und sich seinen Lohn abholen, damit er von hier verschwinden konnte. Ohne große Komplikationen oder unangenehme Zwischenfälle, denen er noch weniger abgewinnen konnte, wie die meisten anderen Menschen es taten.
»Was kann er schon von der Engelsstimme wollen, Gottlieb?«, lallte der Kerl auf dem Hocker neben Rick. Seine Menschenkenntnis ließ ihn eben selten im Stich. »Die Beichte wird er ablegen wollen«, lachte der Säufer laut auf.
Verwundert wandte Rick sich dem betrunkenen Blonden zu und legte in einer unbewussten Geste die Stirn in Falten, was ihn – wie ihm klar war – noch grimmiger aussehen ließ. »Was soll das heißen? Die Beichte ablegen?« War das irgendein dummer Spruch hier oben im Osten, den er nicht kannte? Jemandem eine rote Krawatte verpassen war ihm wohlbekannt, doch von einer Beichte wusste er nichts.
»Was wird das heißen, hm?«, mischte sich der mürrische Wirt ein, den er gar nicht danach gefragt hatte. »Father Isaac ist unser Dorfpfarrer.«
Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Irgendein alter, von Gott faselnder Mann, der verrückt geworden war. Die geschriebenen Zeilen ließen zumindest darauf schließen, dass der Alte sie nicht mehr alle beisammen hatte. Rick musste es wissen, denn er hatte den Brief an die fünfzig Mal gelesen. »Gebt mir einen Doppelten«, knurrte er und warf eine Münze auf den Tresen. Er würde jeden Schluck Whiskey brauchen, um ruhig zu bleiben, wenn er erfuhr, dass er umsonst den weiten Weg auf sich genommen hatte. Sonst könnte es passieren, dass er dem alten Sack dort oben in seiner Kirche den Hals umdrehte. Zumindest wusste er jetzt, wo er langzugehen hatte, da er das Türmchen der Kapelle auf der Anhöhe bereits bemerkt hatte.
Als er sich gegen seinen Willen immer wieder in den Worten des Schreibens verloren hatte, war er – ebenso widerwillig – gespannt gewesen. Auf den Mann, der sie verfasst hatte. Jetzt wurde ihm bewusst, dass sie nur von einem schrulligen Pfarrer kamen, dem offenbar langweilig war. Das konnte er ihm nicht verdenken, immerhin würde ihm gewiss ebenfalls fade werden, wenn er den ganzen Tag vor einem Tisch knien und zu irgendwelchen Statuen beten würde. Allerdings ärgerte er sich darüber, dass der Verrückte ausgerechnet ihn damit behelligte. Zugleich fragte er sich, ob er überhaupt zur Kirche raufgehen oder gleich den Rückweg antreten sollte. Er leerte das Glas, das der Wirt ihm vor die Nase stellte, in einem Zug und entschied, den Gottesmann kurz in Augenschein zu nehmen. Vielleicht tat er ihm Unrecht und der Dorfpfarrer war gar nicht verrückt – zumindest eine kleine Möglichkeit bestand. Dann könnte Rick den Auftrag erledigen, um entlohnt zu werden.
»Da wird doch der Stier im Stall wild. Jetzt seh ich’s erst!«, rief der Betrunkene.
Rick würde ihm gern eine aufs Maul geben, um ihn daran zu hindern, ihm noch mal ins Ohr zu brüllen. Er ließ es aus Höflichkeit bleiben.
»Redet Ihr mit mir?«, fragte er stattdessen unwillig.
»Ihr seid ein dunkler Gefährte!«, grinste der Mann an seiner Seite und deutete auf den Aufnäher an Ricks Schulter, der ihn verraten hatte.
Zur Antwort zuckte er mit den Schultern.
»Was könnte jemand wie Ihr von Father Isaac wollen?«, forderte der Wirt zu wissen und riss die Augen auf, als stünde der Leibhaftige vor ihm.
»Keine Sorge, ich lasse Euren Pfarrer heil«, konterte Rick und wandte sich zum Gehen. »Zumindest solange er mich nicht provoziert.« Mit diesen Worten, die für allgemeines Aufkeuchen vor Entsetzen sorgten, trat er ins Freie und machte sich auf den Weg zur Kapelle hinauf.
Die vielen Stufen waren schmal und für Leute mit kurzen Beinen gemacht, so nahm er immer zwei auf einmal, um die Sache zu beschleunigen. Die winzige Kirche schien sich an den Berg zu lehnen, der in ihrem Rücken stand. Die vielen Fenster waren aus leuchtend buntem Glas und zeigten Bilder, deren Aussage er nichts abgewinnen konnte. Er glaubte nicht an eine höhere Macht.
Kurz bevor er den Eingang erreichte, der weit offen stand, um auch keine gläubige Schwester und keinen gläubigen Bruder auszusperren, hielt er inne. Die klare Männerstimme, die er vernahm, zwang ihn dazu. Jemand spielte eine seltsam abgehackte Melodie am Klavier oder an der Orgel – oder wie auch immer man dieses Instrument zu nennen pflegte – und sang dazu. Es gefiel ihm, was er da hörte, auch wenn er es auf Nachfrage nie zugeben würde. Seine Mutter hatte ihn oft genug in die Kirche geschleppt, um ihn den Text des Liedes erkennen zu lassen, aber der Rhythmus war ein völlig anderer. Frischer und mitreißender. Doch allein diese Stimme, so hell und kraftvoll, zog ihn in ihren Bann. Er nutzte sein Können, sich lautlos fortzubewegen, um sich in die Kapelle zu stehlen und nachzusehen, wer sie von sich gab. Seine Neugier wurde nicht gänzlich gestillt, da der Sänger mit dem schmalen Rücken zu ihm saß, während er die Finger geübt und fehlerlos über die Tasten fliegen ließ.
All for a sudden, I feel this strange kind of love!
I don’t know what this feeling is about?
Can you tell me, why my heart’s pounding?
Can you tell me, why I am sweating?
Can you tell me, why I feel my hands shaking?
Das Sonnenlicht fiel – wie ein Heiligenschein – direkt auf den Mann am Klavier und brachte dessen modisch kurz geschnittenes, ordentlich gekämmtes Haar in vielen verschiedenen Brauntönen zum Glänzen.
Rick wollte noch eine Weile zuhören, doch etwas in ihm bestand darauf, den Bann zu brechen, in dem er gefangen war. So klopfte er hart an den rechten Flügel der Tür und unterbrach den Gesang sowie das begleitende Spiel.
»Wie kann ich helfen?«, fragte der Mann mit der sanften Stimme, ohne sich zu ihm umzudrehen, was Rick seltsam vorkam. Sah man nicht für gewöhnlich nach, wer eingetreten war?
»Ich suche den Pfarrer«, gab er zurück und bemerkte, dass er heiser war, was ihm nicht behagte. Ein Räuspern klärte seine Kehle, war jedoch hallend in der ganzen Kapelle zu hören. Peinlich berührt räusperte er sich gleich noch mal, was die Situation nicht erleichterte.
Der Junge an der Orgel hakte erneut nach, anstatt ihn endlich zu erlösen und zu sagen, was er hören wollte. »Wer sucht den Pfarrer?«
»McLaughlin.«
Ein erleichtert klingendes Stöhnen war zu vernehmen und der Mann erhob sich mit einem Ruck. »Wie gut, dass Ihr endlich hier seid!« Er wandte sich um und beraubte Rick seines Atems mit gleich mehreren Dingen.
Zum Ersten ereilte ihn die Erkenntnis, dass er den Dorfpfarrer bereits vor sich hatte. Der weiße Stehkragen und die knöchellange, schwarze Soutane waren ihm Beweis genug für diese Theorie. Zum Zweiten verstand er jetzt, warum der Mann sich nicht umgedreht hatte, um nachzusehen, wer gekommen war. Aus dem einen Grund, weil er ihn gar nicht sehen konnte. Seine blauen Augen waren milchig weiß getrübt. Nun, vielleicht war es besser, dass der Junge ihn nicht sehen konnte. Immerhin gab er keinen ansehnlichen Anblick ab, mit den Narben im Gesicht und seiner Größe, die die meisten Leute als abschreckend empfanden. Er trug seinen unehrenhaften Beinamen, der Teufel von Redport, nicht umsonst.
Zum Dritten blieb ihm nicht verborgen, dass Isaac Lafayette ein wenig zu jung und ein wenig zu schön war, um Father genannt zu werden. Seine Züge waren ungewöhnlich fein und seine rosigen Lippen voll. Die Art, wie sein Haar sein jugendliches Gesicht umspielte, war reizend und seine schmale Statur wirkte irgendwie anziehend. Die tailliert geschnittene Priesterrobe brachte seine Zierlichkeit sehr gut zur Geltung. Ein wenig zu gut, um noch züchtig zu wirken.
»Ich habe eine Ewigkeit auf Euch gewartet. Konntet Ihr Euch nicht etwas mehr beeilen? Ich dachte, mein Brief würde darauf schließen lassen, wie dringend es ist«, fuhr Lafayette vorwurfsvoll fort und Rick war überrascht. Für gewöhnlich schlug man ihm gegenüber nicht einen derartigen Ton an. Schon gar nicht, wenn man ein solch fragiles Wesen war wie der Pfarrer – in einem solchen Fall machte man einen großen Bogen um ihn. »Nun, jetzt seid Ihr ja hier und wir können endlich aufbrechen. Ich hole nur schnell meine Reisetasche. Wir können alles Weitere auf dem Weg besprechen. Immerhin dürfen wir keine Zeit verlieren.«
Nun stand ihm vor Verwunderung der Mund offen. »Verzeihung, ich habe mich wohl verhört. Wir?«
Er holte den jungen Mann ein, der sich in der Kirche bewegte, als könne er sehen, wohin er trat. Zielstrebig ging er neben den Sitzreihen her, um vor einer niedrigen Tür anzuhalten und einzutreten. Um ihm folgen zu können, musste Rick sich bücken.
Erst als sie in der Schlafkammer des Pfarrers angekommen waren, gab dieser ihm eine Antwort: »Ihr habt Euch nicht verhört, mein Sohn. Ich werde Euch natürlich begleiten.« Eifrig nahm er eine Umhängetasche an sich, um sich den Riemen über die schmale Schulter zu legen und noch etwas Kleines aus einer der Schubladen seines Schranks zu nehmen. Dann setzte er sich einen ovalen, schwarzen Hut auf den Kopf, der ihm ausgesprochen gut stand.
Rick fühlte den aufkommenden Unmut. »Mein Sohn? Seid Ihr noch ganz bei Sinnen? Ich bin doppelt so groß und beinah doppelt so alt wie Ihr!« Es war gewiss eine Übertreibung, doch sie schien ihm angebracht, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen.
Schmale, braune Augenbrauen hoben sich in einer eleganten Bewegung. »Ich erwarte etwas mehr Respekt, Mister McLaughlin. Oder sprecht Ihr immer auf diese Weise mit Euren Auftraggebern?«
»Ich habe Euren Auftrag noch nicht angenommen, Lafayette«, entgegnete er knurrend, um den Mann an diesen Umstand zu erinnern.
Der Pfarrer verschränkte die schlanken Arme vor der Brust. »Nun, dann sagt mir, ob Ihr mein Geld wollt oder nicht?«
»Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass ich Euch helfen kann.« Rick bemerkte die aufflackernde Enttäuschung in der Miene des anderen.
»Dann nehmt meinen Brief und gebt ihn an einen Eurer Gefährten weiter. Ich erwarte ihn hier. Vielen Dank für nichts«, murrte Lafayette und es war kaum zu übersehen, dass er zornig war. Er zügelte die Wut und schlug mit den Fingern ein Kreuz in die Luft. »Gott schütze Euch dennoch.«
Ohne ein Wort zu sagen, stürmte Rick aus dem Gebäude und wollte sich auf den Rückweg machen. Leise vor sich hinfluchend nahm er die Treppen, die ihn zurück ins Dorf führen würden. Er wusste nicht, wie er dorthin gekommen war, doch plötzlich hielt er den Brief in den Händen. Jenes Schreiben, das er an einen der Gefährten weitergeben sollte.
Unvermittelt hielt er inne.
Wusste dieser störrische Pfarrer eigentlich, was für ein Haufen von Schurken die Bruderschaft war? War ihm klar, worauf er sich einließ, wenn er mit jener Sorte von Männern verkehrte? Gewiss war es das nicht und Rick konnte nicht zulassen, dass er es am eigenen Leib erfuhr. Unwirsch raufte er sich das Haar und machte auf dem Absatz kehrt. Trotz seiner Wut waren seine Schritte nicht zu hören. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! In welch eine Misere war er hier geraten? Warum suchte er nicht längst das Weite?
Lafayette saß in seiner Kammer auf dem schmalen Bett, die Tasche immer noch umgehängt und den Kopf in die Hände gestützt.
»Ich werde Euch helfen«, stieß Rick hervor und der Pfarrer fuhr hoch, um sich ihm zuzuwenden.
Statt einem Dank, den Rick eigentlich erwartet hatte, nickte Lafayette knapp und meinte in hochnäsigem Tonfall: »Ihr seid also zur Vernunft gekommen. Gut. Dann können wir ja jetzt endlich gehen.«
»Nein, wir können nicht gehen! Ich erledige die Sache, aber ohne Euch! Denkt Ihr, ich habe die Zeit dazu, einen Blinden durchs Land zu führen und mich um ihn zu kümmern? So eine Sache ist verdammt gefährlich!«
»Firlefanz!«, widersprach Lafayette vehement und brachte Rick mit diesem ›Fluchwort‹ beinahe zum Lachen. Dass ihn etwas amüsierte, passierte wahrlich selten – genau genommen nie. Er konnte sich zurückhalten und räusperte sich unterdrückt, während der Pfarrer aufgebracht fortfuhr: »Ihr braucht mich bei dieser Mission, McLaughlin. Ich kann die Täter nicht beschreiben, aber ich kenne ihre Stimmen. Demnach sind wir darauf angewiesen, dass ich Euch begleite!« Somit scheuchte er ihn aus der Kammer, um abzuschließen.
»Ich nehme Euch aber nicht mit! Habt Ihr gehört? Ich weigere mich, Euch mitzunehmen!«, kündigte Rick wütend an, während er Richtung Ausgang eilte. Bei einem Blick über die Schulter bemerkte er zu seinem Erstaunen, dass der andere ihm keinerlei Beachtung schenkte, sondern vor dem Altar kniete und lautlos ein Gebet sprach. Er küsste ein Kreuz, das an einer Perlenkette baumelte, um das Schmuckstück wieder in die Tasche zu schieben und sich zu erheben.
»Mir ist gleich, was Ihr sagt. Ich werde Euch begleiten.« Lafayette verschloss schließlich die große Flügeltür, die in die Kirche führte.
»Herrgott, ich könnte Euch den Hals umdrehen«, brachte Rick hervor und hörte, dass er fast verzweifelt klang. Zu allem Überfluss bemerkte er den kalten Schweiß, der ihm auf der Stirn stand.
»Lästert Gott nicht in meiner Gegenwart, McLaughlin«, tadelte der Pfarrer ihn sachte und fügte unbekümmert hinzu: »Ich scheue Euch nicht. Spart Euch also die Bemühungen, mir Angst einzujagen.«
»Ihr würdet anders sprechen, wenn Ihr mich sehen könntet.«
»Wenn das so ist, dann lasst Euch ansehen«, sagte Lafayette und streckte beide Hände nach seinem Gesicht aus.
Noch ehe er ihn berühren konnte, griff Rick nach den zarten Handgelenken. Zu seiner Überraschung zuckte der Pfarrer nicht erschrocken zurück. Für einen Moment hatte Rick Angst, ihn zu grob anzufassen und ihm wehzutun, so zerbrechlich wirkte er. Unbewusst musterte er die feingliedrigen Finger mit den kurzen, gepflegten Nägeln, ehe er ihn freigab. »Untersteht Euch, das noch mal zu tun.«
»Wie Ihr meint«, gab der Pfarrer entnervt zurück und ging los.
Rick blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen, doch er gab nicht auf. »Was wollt Ihr tun, wenn die Männer uns bedrohen oder gefangen nehmen? Wollt Ihr sie mit Eurem Gesang in die Flucht schlagen?«
»Seid Ihr immer so zynisch?«, hakte Lafayette unbeeindruckt nach.
»Ja, das bin ich! Ich versichere Euch, ich bin keine angenehme Gesellschaft und vielleicht bin ich sogar vom Teufel besessen!«, konterte er aufgebracht, da ihn das ungute Gefühl beschlich, die Schlacht zu verlieren. Vor allem wohl aus dem Grund, weil der widerspenstige Pfarrer zielstrebig in jene Richtung marschierte, die aus dem Dorf hinausführte.
»Dann ist es nur gut, dass ich Euch begleite. Vielleicht können wir ihn Euch austreiben«, kam leichthin zurück und Rick glaubte, ein Lächeln aus der Stimme des Priesters zu vernehmen, was ihn schockierte. Eindeutig unterschätzte Lafayette einige Dinge – ihn, die Mission, die Widerstandskraft seines Geduldsfadens …
Unbewusst hielt er kurz inne, um ihm nachzusehen. Dieser kleine Mann mit dem großen Mundwerk würde ihm gewiss den letzten Nerv rauben. Das war ihm jetzt schon klar.
Erneut holte er den übermütigen Pfarrer ein, um hinter ihm den schmalen Weg zu nehmen, und fuhr damit fort, ihm ins Gewissen zu reden: »Wenn Ihr mich begleitet, werdet Ihr nach meinen Regeln spielen, ist das klar? Ihr werdet mir gehorchen.« Sein Tonfall würde den Mann zur Vernunft bringen. So dachte er zumindest, bis er dessen Lachen vernahm.
»Die Wege des Herrn sind unergründlich«, erwiderte Lafayette neckisch. »Ob Gott vorsieht, dass ich nach Eurer Pfeife tanze, ist mir momentan noch ein Rätsel. Wir werden ja sehen, wie sich die Dinge entwickeln.«
Das war herzlich wenig zufriedenstellend. »Ich meine das ernst, Lafayette. Diese Mission ist gefährlich. Nun sagt endlich, was man Euch entwendet hat.«
»Darüber kann ich noch nicht mit Euch sprechen. Ihr müsst nur wissen, dass es mir gestohlen wurde und dass ich es unbedingt zurückhaben muss.«
Geheimniskrämerei konnte er ebenso wenig leiden wie neugierige Leute.
»Ihr sagt, Ihr kennt die Stimmen der Diebe. Hattet Ihr Euch versteckt, als sie ihr Unwesen trieben?«
»Mich versteckt?«, konterte Lafayette patzig und hielt abrupt inne, um sich zu ihm umzudrehen. »Haltet Ihr mich für einen Feigling? Ich habe natürlich um mein Eigentum und das Eigentum meiner Kirche gekämpft!«
Rick konnte nicht glauben, was er da hörte und starrte dem Mann fassungslos in die trüben Augen. »Ihr habt was?!«
»Einem von ihnen konnte ich einen wertvollen Kelch entreißen, doch dann hat man mich niedergeschlagen und ich war bedauerlicherweise nicht mehr dazu in der Lage, die Habseligkeiten zu verteidigen. So kam es zu jener leidigen Angelegenheit, der wir gerade ins Auge sehen müssen.«
Meinte der Pfarrer damit, dass er Abschaum wie ihn anheuern hatte müssen?
Nach einem trockenen Schlucken konnte Rick sprechen: »Man hat Euch niedergeschlagen?« Was für eine Art Mensch musste man sein, um sich an einem solch wehrlosen Wesen zu vergreifen?
»Ja, mit einem Kerzenleuchter, den sie dann auch noch gestohlen haben. Hier wurde ich getroffen.« Er nahm den Hut ab, deutete auf seine linke Schläfe und fragte hoffnungsvoll: »Kann man noch etwas sehen?«
»Euer Haar ist davor«, murmelte Rick heiser und hob unwillkürlich die Hand, um die seidig weiche Strähne zur Seite zu streichen und die fast verheilte Wunde zu erblicken. Die Haut war in einen blaustichigen Lilaton getaucht. Schon wieder musste er hart schlucken.
Lafayette überraschte ihn mit einem Lächeln. »Mein Kirchendiener meinte, die Narbe verleiht mir einen Hauch von Verwegenheit.«
Darauf wusste Rick keine Antwort, doch er wusste etwas anderes zu sagen: »Ihr werdet diese Männer mir überlassen, Lafayette, und Euch nicht einmischen, um Euch noch mehr Verwegenheit anzueignen. Haben wir uns verstanden?« Er sprach bedrohlich leise und erwartete, sein Gegenüber damit einzuschüchtern.
»Hört endlich auf, mich verunsichern zu wollen. Eure plumpen Methoden haben keinerlei Wirkung auf mich. Lasst Euch etwas anderes einfallen oder akzeptiert, dass ich nicht klein beigebe«, verkündete der sture Pfarrer und wandte sich von ihm ab, um den Weg bestimmten Schrittes fortzusetzen.
Rick knirschte mit den Zähnen und schwor sich im Stillen, alsbald einen Weg zu finden, um diesen Mann zur Raison zu bringen. Für den Moment musste er es wohl gut sein lassen, da nichts zu helfen schien. Er brauchte einen Plan …
»Ich habe mich etwas umgehört und glaube zu wissen, wo wir diese Halunken finden können«, ergriff Lafayette nach einigen Metern erneut das Wort.
Überrascht bemerkte Rick, dass der Mann ihn unter solchen Stress setzte, sodass er noch nicht einmal hinterfragt hatte, wohin sie überhaupt gingen.
»Ja?«, forderte er den anderen zum Weitersprechen auf.
Der Pfarrer nickte eifrig und es machte den Anschein, als sei er furchtbar stolz auf sich und die Ergebnisse seiner Nachforschungen. Rick war nicht zu weit von der Wahrheit entfernt gewesen, als er vermutet hatte, einen gelangweilten Pfarrer anzutreffen. Tatsächlich schien Lafayette das Gefühl zu haben, das alles sei ein großes Abenteuer.
»Ich habe herausgefunden, dass nach dem Vorfall hier in Falkenhain noch einige andere Kirchen ausgeraubt wurden. Zumindest wissen wir dadurch, in welche Richtung sie ziehen, denn sie hinterlassen eine überraschend geradlinige Spur der Verwüstung.«
Das klang nach einer ungeschickten Vorgehensweise. Entweder wollten die Diebe aus irgendeinem Grund, dass man sie schnappte, oder sie waren nicht besonders hell. Rick hoffte auf Letzteres, weil es die – ohnehin schon sehr komplizierte – Sache ein klein wenig unkomplizierter machen würde.
»Ich schlage vor, wir nächtigen drüben in Rabenhorst. Das können wir erreichen, ehe die Dunkelheit hereinbricht«, sprach Lafayette munter weiter, als befänden sie sich auf einem simplen Ausflug.
Rick biss sich auf die Zunge und sagte nichts. Würde er jetzt den Mund aufmachen, würde er ausrasten – so viel war klar. Wie lange war er jetzt in der Gesellschaft dieses Mannes? Zehn Minuten? Bereits nach so kurzer Zeit hatte Isaac Lafayette ihn also an den Rande des Wahnsinns getrieben. Man konnte ihm wahrlich nur gratulieren. Freilich nur im Stillen, um ihn nicht weiter herauszufordern, was für Ricks Nerven fatal enden würde.
»Erzählt mir etwas über Euch, McLaughlin.« Der fordernde Tonfall verriet, dass Lafayette tatsächlich glaubte, es stünde ihm zu, etwas über ihn in Erfahrung zu bringen. Der Kerl war doch einfach nicht zu fassen. »Ihr seid aus Farefyr.«
Rick verdrehte spöttisch die Augen. »Sonst hätte mich Euer Brief wohl kaum erreicht, nachdem Ihr ihn nach Redport, Farefyr geschickt habt.«
»Seid Ihr dort geboren?«, fragte der Pfarrer, während Rick bewunderte, mit welcher Geschwindigkeit der Blinde sich fortbewegte. Er schien diesen Weg auswendig zu kennen.
»Ja«, gab er wortkarg zurück und hoffte, dass das Gespräch alsbald ein Ende finden würde, da er absolut keine Lust darauf hatte. Im Allgemeinen hatte er selten Interesse an Unterhaltungen.
»Ich bin ebenfalls in Farefyr geboren, müsst Ihr wissen«, erzählte Lafayette und Rick fragte sich, ob er das denn wirklich wissen musste und wozu. »Irgendwann verschlug es mich hierher ins Ossreich. Wusstet Ihr, dass dieser Landstrich vor über zweihundert Jahren zu Farefyr gehörte? Allerdings hat man beinah jegliche Erinnerung daran vertrieben. Nun, man hat es zumindest versucht. Falkenhain zum Beispiel hieß vor langer Zeit Hawk’s Grove. Die Ortsnamen wurden geändert, um die Sprache Farefyrs zu verbannen. Was nicht sonderlich gut funktioniert hat, wie wir hören.« Lafayette lachte wieder leise auf.
Rick bemerkte zu seiner Demütigung erst jetzt, dass er zwar in einem anderen Land war, doch dass man immer noch seine Sprache redete. Zu seiner Verteidigung konnte man vorbringen, dass er seit seinem Aufbruch lediglich mit den Leuten in dem Gasthaus unten im Dorf gesprochen hatte. Wann also hätte es ihm auffallen sollen? Außer eben dort …
Der Pfarrer forderte mehr zu wissen und wurde gar etwas privater: »Wie seid Ihr ein dunkler Gefährte geworden? Wart Ihr schon vor Eurem Eintritt in die Bruderschaft ein Söldner?«
»Nein. Ich war sehr jung, als ich meine Ausbildung begann. Mein Vater war einst selbst ein Gefährte. Es war sein Wunsch, dass ich in seine Fußstapfen trete.«
»Ist er … verstorben?« Lafayette schlug einen mitleidigen Ton an, der nicht angebracht war.
»Mein alter Herr hat zwei Beine weniger, erfreut sich ansonsten jedoch bester Gesundheit. Als Gefährtenveteran ist er unter seinesgleichen hoch angesehen und das gefällt ihm natürlich ausgesprochen gut.« Ein wenig zu gut vielleicht. Der Mann suhlte sich in dem Ruhm, den es ihm einbrachte, während der Erfüllung seiner Söldnerpflichten seine Beine verloren zu haben. Rick fand sein Benehmen meist lächerlich und gelegentlich gar peinlich.
»Das freut mich zu hören«, gab Lafayette zurück und klang ehrlich. »Auf seine Beine kann man verzichten, auf sein Leben jedoch schwerlich.«
»Das ist Eure Meinung. Ich würde lieber ehrenhaft sterben, als ein Krüppel zu sein und für mein Umfeld eine solche Last darzustellen«, konterte er patzig.
Erst als Lafayette scheinbar unbewusst die schmalen Schultern straffte und sein Schritt vehementer wurde, bemerkte Rick, dass er gerade sehr taktlos gewesen war. Zwar bereute er seine harschen Worte, doch er war kein Mann für große Entschuldigungen und er würde das jetzt nicht ändern. Stattdessen nahm er sich vor, in Zukunft auf seine Wortwahl zu achten, um den Pfarrer nicht erneut zu kränken. Immerhin war das nicht seine Absicht. Er gab ein Räuspern von sich und wartete auf weitere Fragen, die ausblieben.
Angenehme Wärme und vielerlei Gerüche schlugen Isaac entgegen, als er das Gasthaus in Rabenhorst betrat. Im ‚Schlafenden Jägersmann’ gab es einen herrlichen Eintopf und nach dem langen Marsch freute er sich auf ein reichhaltiges Abendessen. Sein Magen knurrte zustimmend.
Während man sich rechts von ihm laut unterhielt und ebenso laut mit dem Besteck klimperte, war es links stiller. Dort würden sie gewiss ein Plätzchen zum Sitzen finden. Dreizehn Schritte vor ihm befand sich die Theke, von welcher aus ihm der Wirt ein freundliches ‚Guten Abend, Father’ zurief, während er hörbar mit Gläsern und Flaschen hantierte. Isaac grüßte lächelnd zurück und tat fünf Schritte, um nach links in den schmalen Gang zwischen den Tischen abzubiegen. Zu seiner Rechten murmelte jemand, um sich bei seinem Gesprächspartner über die viel zu teuren Preise in der Schneiderei nebenan zu beschweren. Er vernahm das leise Hecheln, das vom Boden her kam, und hielt inne, um mit dem Fuß vorzufühlen. Ganz sachte berührte er das Hinterteil des Hundes und das Tier verstummte, um den Kopf zu heben. Vermutlich sah es ihn erwartungsvoll an. Es war der Hund des Wirtes, dessen war es sich nun sicher. Dieser war es nämlich gewohnt, dass man über ihn stieg und er sich nicht zu erheben hatte, wenn jemand vorbeiwollte.
»Bleib nur liegen, guter Junge«, meinte Isaac mit einem Schmunzeln und machte einen vorsichtigen Schritt über den Hund, um ihm nicht wehzutun. Sicher an der anderen Seite des großen, wuschligen Hindernisses angekommen tat er zwei Schritte nach links, um die Hand nach dem Stuhl auszustrecken, der an dem Tisch am Fenster stand. Er bekam das spröde Holz zu fassen und setzte sich, um sich den Riemen der Tasche von der Schulter zu streifen und ihn über die Lehne zu legen. Den Hut hängte er über die vorstehende Ecke.
McLaughlin nahm ihm gegenüber Platz. Dieser Mann war der einzige Mensch, den er kannte, dessen Schritte er nicht hören konnte. Der Söldner bewegte sich so lautlos wie ein Tiger in der levonischen Steppe. Eine Eigenschaft, die er sich vermutlich während seiner Ausbildung bei den dunklen Gefährten angeeignet hatte und die ihm gewiss oft dabei half, seine Aufträge zu erledigen.
»Ihr seid öfter hier?«, fragte McLaughlin und legte seine Waffe ab. Es gab ein dumpfes Geräusch, als er sie gegen die Wand lehnte.
»Gelegentlich.« Es waren die ersten Worte, die sie seit Stunden miteinander wechselten. »Tragt Ihr Euer Schwert an der Hüfte?«
»Ihr unterschätzt offenbar die Länge meines Schwertes. Wie sollte ich eine Bastardklinge an der Hüfte tragen und dennoch durchs Gelände wandern?«, kam in spöttischem Tonfall zurück, wovon Isaac sich nicht aus der Ruhe bringen ließ. Immerhin wollte er seine Neugier stillen und davon würde ihn der Sarkasmus des anderen nicht abbringen.
»Ein Anderthalbhänder«, murmelte er anerkennend, um seinem Gegenüber zu vermitteln, dass er sehr wohl wusste, was eine Bastardklinge war. »Dann tragt Ihr das Schwert auf dem Rücken?« Er wollte sich ein möglichst genaues Bild von seinem Begleiter machen. Wenn er schon dessen Gesicht nicht ansehen durfte, wollte er zumindest einige andere Details wissen.
»In der Tat.« Der Mann sah ihn nicht an, das fühlte er. Er sprach nicht direkt in seine Richtung, sondern mehr in den Raum hinein.
»Habt Ihr noch andere Waffen bei Euch?«, forschte Isaac nach, ohne sich von der Unwilligkeit McLaughlins beeindrucken zu lassen.
»Vielleicht sollten wir nicht über all die Waffen sprechen, die ich bei mir trage, wenn das halbe Gasthaus mich im Blick hat.«
»Die Leute fragen sich, mit wem ich hier bin. Das dürft Ihr nicht persönlich nehmen«, konterte er beschwichtigend, was mit einem Knurren abgetan wurde. Ein tiefes, kehliges Geräusch, das er interessant fand, denn er hatte es noch nie aus dem Mund eines Mannes außer McLaughlins gehört.
In der Küche ging etwas zu Bruch und die Köchin schimpfte mit jemandem.
»Ich werde immer angestarrt, Lafayette. So etwas nehme ich schon lange nicht mehr persönlich«, klärte sein Begleiter ihn auf und trommelte ein paar Mal ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch.
»Ihr fühlt Euch dennoch unwohl, wenn die Leute es tun«, stellte Isaac leise fest, da er die Angespanntheit des anderen bis hier drüben fühlen konnte.
»Es ärgert mich lediglich.« McLaughlin betrachtete die Diskussion somit als beendet und Isaac untersagte sich, ihn weiter zu bedrängen, obwohl er gern wüsste, warum die Menschen ihn so neugierig beäugten. Allerdings war jetzt ein schlechter Zeitpunkt, um das Thema zu vertiefen. Das spürte er ganz deutlich und aus diesem Grund schwieg er.
Der freundliche Wirt Moritz eilte an den Tisch. »Guten Abend, die Herren. Verzeihung, hier ist heute wieder der Teufel los. Oh, ich meine natürlich nicht den richtigen Teufel, den würde ich niemals einlassen, Father! Ich wollte nur sagen, dass wir alle Hände voll zu tun haben und ich deshalb …«
»Ich habe schon verstanden.« Isaac verbiss sich ein Schmunzeln. »Wir hätten gerne eine Kanne gekühltes Quellwasser und zwei Teller von Eurem Eintopf. Darüber hinaus bitte ich Euch, uns zwei Zimmer für die Nacht zu richten.«
»Sehr wohl, Father«, beeilte sich der Wirt zu sagen und war gleich darauf verschwunden. Vermutlich mit hochrotem Kopf, weil er das Gefühl hatte, sich blamiert zu haben. Manche Menschen verhielten sich seltsam, wenn sie einem Mann mit Kollar begegneten. Als wäre man etwas Besonderes, nur weil man Pfarrer war.
»Herzlichen Dank, dass Ihr schon die Entscheidung über mein Abendessen fällt«, zischte McLaughlin. »Ist das eine weitere Bedingung, die der Auftrag mit sich bringt? Dass ich nur essen darf, was Euch genehm ist?«
Isaac schüttelte den Kopf. »Ihr werdet mir ehrlich danken, wenn Ihr einen Bissen davon gekostet habt. Ich habe solchen Hunger, ich kann es kaum erwarten. Ich könnte eine ganze Wagenladung Eintopf verspeisen.«
»So seht Ihr nicht aus«, kam trocken zurück und Isaac erkannte die Spitze gegen seine unmännlich zierliche Figur, die er geflissentlich ignorierte.
Tapsende Schrittchen auf dem Holzboden kündigten an, dass Boris seine Meinung geändert hatte und nun doch Interesse an ihnen zu zeigen gedachte. Kurz darauf platzierte der Hund sein Hinterteil neben Isaac und legte ihm den schweren Kopf in den Schoß.
»Hast du etwas zu beichten, Boris? Hast du etwa die Hühner gejagt?«, fragte er scherzend, während er das Tier zwischen den Schlappohren kraulte. Ein kleines Grummeln kam zurück, von dem er nie wusste, ob es eine Verneinung oder eine Bejahung war. Er musste lachen.
»Seid Ihr jetzt auch noch Hundeflüsterer, Lafayette?«, forderte McLaughlin zu wissen und Isaac stellte sich vor, wie er in Ironie die Brauen hob. Was nicht leicht war, weil er doch nicht wusste, wie sein Gegenüber aussah.
»Gewiss. Was wünscht Ihr, dass ich ihm sage? Was für ein unleidiger Geselle Ihr sein könnt? Das hat er sicher auch selbst schon bemerkt«, konterte er neckisch, was McLaughlin wieder zu einem knurrenden Laut verführte. Er mochte das gegen seinen Willen. Es ging ihm durch und durch.
»Ihr wolltet Euch mir anschließen. Ich habe Euch nicht gezwungen, ja nicht einmal darum gebeten, dass Ihr in meiner Nähe verweilt. Vergesst das nicht, wenn Ihr mit dem Hund über mich schimpft.«
»Jetzt haben wir ihn wütend gemacht«, verkündete Isaac mit Schmollmund und der Hund gab ein seltsames Geräusch von sich, das wie ein bedauerndes Brummen klang und ihn erneut zum Lachen brachte.
»Betet zu Gott, dass Ihr mich niemals erleben müsst, wenn ich wirklich zornig bin«, warnte McLaughlin in dem gesenkten Tonfall, der ihm Angst einjagen sollte, doch seine Wirkung verfehlte. Stattdessen amüsierte es ihn aus irgendeinem Grund, dem Mann auf die Nerven zu fallen. Das war sonst nicht seine Art. Das konnten viele, die ihn kannten, beschwören.
»Ja, ja, ich weiß. Ihr seid vom Teufel besessen. Ihr vergesst allerdings, dass es mein Beruf ist, den Teufel zu bezwingen.«
McLaughlin kam nicht dazu, ihm eine Antwort zu geben, da in diesem Moment das Essen aufgetragen wurde. Der Duft der Mahlzeit stieg ihm in die Nase und brachte seinen Magen noch einmal zum Knurren. Wie gut, dass er ihn gleich füttern konnte. Es wurde auch wirklich Zeit.
Moritz wünschte ihnen einen guten Appetit und der brave Boris legte sich auf den Boden, um Isaac in Ruhe essen zu lassen. Durstig griff er nach der Kanne und nahm seinen Becher an sich, um den Daumen hineinzuhalten und sich einzuschenken. Als er das Wasser an der Haut fühlte, hielt er inne und stellte den Krug zurück auf den Tisch, um einen Schluck zu trinken. Ehe er den Löffel an sich nahm, faltete er die Hände und sprach ein kurzes Dankesgebet.
»Mahlzeit«, lächelte er McLaughlin zu, der nichts erwiderte.
Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, doch bevor er den ersten Bissen kosten konnte, wurden sie unterbrochen.
»Father Isaac, dürfte ich Euch kurz behelligen?«, fragte ein dünnes Stimmchen direkt neben ihm und er legte das Besteck beiseite, um der jungen Elisa freundlich zuzunicken.
»Gewiss doch. Wie kann ich helfen?« Er ließ sich von der Dame den Siegelring küssen. Ihr Atem war heiß, aber ihre Hände waren kalt, was ihm verriet, dass sie von draußen gekommen war.
»Würdet Ihr die Gnade besitzen, mein kleines Mädchen zu segnen?«, bat sie verweint. »Vater Ilfrett weigert sich, ihr den Segen Gottes aufzuzeichnen, weil er der festen Überzeugung ist, mein Mann habe sich versündigt und sie habe die Strafe dafür zu tragen.«
Isaac war entsetzt, doch nicht sonderlich überrascht. Der alte Ilfrett war ein versteifter, altmodischer Pfarrer. Es kam des Öfteren vor, dass man Isaacs Hilfe suchte, wenn der Priester Rabenhorsts verwehrte, was die Menschen erbaten. »Der Segen Gottes steht allen zu, meine Tochter.«
Er vernahm gerührt das leise Schmatzen des Kindes, das im Schlaf die Lippen bewegte, und streckte vorsichtig die Arme aus, um das Baby entgegenzunehmen, welches ihm mit geschluchztem Dank überreicht wurde. Das winzige Mädchen atmete ruhig und gleichmäßig, während er ein unsichtbares Kreuz auf seine Stirn malte. »Gott beschütze dich auf all deinen Wegen, die du gehen magst. Der Herr möge dich durch die Dunkelheit geleiten und dir jene Kraft geben, die du benötigst. In seinen Armen wirst du stets Zuflucht finden. Ich segne dich im Namen des Allmächtigen.«
Die Bauerstochter Elisa überschüttete ihn mit Dankesworten, während sie ihm das Baby abnahm und das Gasthaus verließ.
»McLaughlin, sagt mir bitte, ob ein Mann in roter Soutane am Tresen sitzt«, bat Isaac seinen Begleiter und fürchtete, man würde die Frage bejahen.
»Nein.« Für einen kurzen Moment war er erleichtert, ehe McLaughlin fortfuhr: »Der kommt zielstrebig auf uns zu und macht kein freundliches Gesicht.«
»Das kann ich mir vorstellen«, murmelte Isaac und eine Sekunde später fühlte er, wie Ilfrett an ihrem Tisch innehielt.
»Ihr mischt Euch wieder in Angelegenheiten ein, die Euch nichts angehen, wie ich sehe«, kam vorwurfsvoll von dem alten Priester. »Milo teilte mir auf Nachfrage hin mit, Ihr würdet auf Reisen gehen. Vielleicht sollte ich Eure Kirche für diese Zeit übernehmen, damit die Schäfchen Falkenhains nicht vom rechten Weg abkommen.«
»Vielen Dank für das Angebot, aber ich denke, meine Gemeinde kommt eine Weile ohne Pfarrer zurecht. Gott wird sie leiten.«
Ilfrett lachte kratzig und wenig erfreut. »Habt Ihr Angst, ich könnte Euch den Ruf als Engelsstimme abspenstig machen? Keine Sorge, Bruder, das wird nicht passieren. Allerdings könnte ich nicht dafür garantieren, dass Eure Schäfchen nicht meinem Orgelspiel verfallen. Das Eure kann man immerhin kaum als solches bezeichnen. Ihr seid tollpatschig und viel zu unkonventionell.«
Diese Beleidigung und andere bekam er öfter von dem alten Herrn zu hören. Aus dem Grund würde er sie ignorieren. Allerdings kam er nicht dazu, in irgendeiner Weise darauf zu reagieren, da McLaughlin ihm zuvorkam: »Schert Euch zum Teufel! Seht Ihr nicht, dass wir hier zu Abend essen?«
»McLaughlin, zügelt Euch«, warnte Isaac scharf.
Der Priester schnappte fassungslos nach Luft. »Wer seid Ihr, so mit mir zu sprechen?«
»Ich werde gleich zu Eurem schlimmsten Albtraum, wenn Ihr jetzt nicht eiligst das Weite sucht«, knurrte McLaughlin stur zurück.
»Ich sehe schon«, erwiderte Ilfrett gedehnt. »Euer abscheuliches Gesicht ist die Strafe des Herrn. Er hat erkannt, dass Ihr in Eurem Inneren ein Monster seid und dann hat er Euch zu eben diesem gemacht, damit alle die Schwärze Eurer Seele gleich von außen sehen und sich wappnen.«
McLaughlin erhob sich im Bruchteil einer Sekunde und Isaac war ebenfalls mit einem Ruck auf den Beinen, um sich zwischen die Männer zu drängen und das Schlimmste zu verhindern. »Um Himmels willen«, stieß er heiser hervor.
»Ha! Diese Bestie will sich an einem Mann Gottes vergreifen!«, rief Ilfrett und wirkte zutiefst befriedigt. Er war einen Schritt zurückgewichen.
Im Gasthaus war es plötzlich still geworden. Gewiss waren alle Augenpaare auf die kleine Szene gerichtet. Niemand wollte sich ein derartiges Schauspiel entgehen lassen. In diesen abgelegenen Dörfern hier passierte sonst ja auch nichts Aufregendes. Wer konnte es den Leuten verdenken, dass sie neugierig die Hälse reckten?
»Ich bitte Euch inständig, die Ehrverletzung zu ignorieren, McLaughlin.« Isaac streckte die Hände nach dem stattlichen Mann aus und legte sie ihm in einer hoffentlich besänftigenden Geste an die Brust, die sich hart und muskulös anfühlte. Er vermutete, dass McLaughlin ihn ansah, denn er gewahrte seinen heißen Atem im Gesicht. Er spürte auch den schnell gehenden Herzschlag, der trotz der warmen, weichen Stoffschicht kräftig gegen seine Finger pochte. »Ich möchte keinen Ärger. Bitte.«
»Lasst es nur kommen. Lasst es auf mich losgehen, dieses Ungeheuer!«, rief der Priester dazwischen, der den Titel Vater nicht verdiente.
»Hört auf, ihn so zu nennen! Und jetzt lasst uns in Frieden«, forderte Isaac und wandte sich zu Ilfrett um, als er die aufkommende Wut spürte, die man nur selten in ihm hervorrufen konnte. Für gewöhnlich besaß er die Gutmütigkeit eines alten Ochsen, doch irgendetwas ließ ihn diese jetzt beiseiteschieben. Vermutlich war es der Hunger, der ihn quälte. Er machte einen unbewussten Schritt auf den Priester zu, wollte noch etwas sagen, fühlte jedoch ein weiches Hindernis vor seinen Beinen. Unvermittelt wurde er von hinten gepackt und fürchtete für eine Sekunde, zu Boden gestoßen zu werden. Muskulöse Arme hielten ihn umfangen und er wurde mit dem Rücken an einen stählernen Körper gedrückt. Eisenharte Schenkel pressten sich an sein Hinterteil und er hielt unwillkürlich die Luft an.
Ilfrett keuchte erschrocken auf und Isaac hörte, wie die Tür aufgerissen wurde und gleich darauf in die Angeln fiel.
»Ihr wärt fast über den Hund gestolpert«, knurrte McLaughlin in einem merkwürdigen Tonfall und gab ihn frei, um sich wieder zu setzen.
Isaac tat es ihm nach einem leisen Räuspern gleich. Seine Wangen brannten heiß und er hoffte, dass er nicht errötete. Zur Sicherheit senkte er das Haupt und kümmerte sich um seinen Eintopf, der ein wenig ausgekühlt war.
»Ihr dürft diesen Mann nicht provozieren. Es gefällt ihm, wenn jemand Streit mit ihm anzettelt«, gab er nach einer Weile zu bedenken.
»Dachte ich mir schon, dass ich wieder der Böse bin«, konterte McLaughlin und es war nicht zu überhören, dass er wütend war. »Falls es Euch entgangen sein sollte, hat dieser Mann angefangen, nicht ich.«
»Ich wollte Euch keine Schuld zuweisen. Dennoch habt Ihr den Streit begonnen, indem Ihr ihn beleidigt habt. Erst danach nahm er überhaupt Notiz von Euch«, stellte Isaac richtig, nachdem er den ersten Bissen von seinem Abendmahl zu sich genommen hatte und sich sein Magen sogleich beruhigte.
»Zuallererst hat er Euch beleidigt, falls Euch das nicht aufgefallen ist«, gab sein Begleiter missmutig zurück und sein Zorn schien sich zu steigern.
»Lasst uns nicht weiter darüber streiten«, lenkte Isaac ein, um die leidige Sache zu vergessen. »Vater Ilfrett ist ein verrückter, alter Mann, der es liebt, Zwietracht zu sähen. Es soll ihm in diesem Fall nicht gelingen.«
»Wie Ihr meint«, seufzte McLaughlin und gab sich geschlagen, wie Isaac mit Zufriedenheit bemerkte.
Dann lächelte er. »Ihr scheint mir etwas hitzköpfig. Wie alt seid Ihr?«
»Achtundzwanzig«, kam unwillig zurück, was Isaac noch mehr erheiterte.
»Und Ihr denkt, ich bin vierzehn?« Er hob die Augenbrauen und hielt inne.
»Was?« McLaughlin hatte offenbar keine Ahnung, worauf er anspielte.
»Ihr hattet behauptet, Ihr wärt doppelt so alt wie ich. Dabei trennen uns lediglich acht Jahre.«
»Ich habe absichtlich übertrieben, Lafayette. Das macht man manchmal, wenn man etwas verdeutlichen will«, erwiderte sein Gegenüber feindselig.
Isaac lachte nur leise in seinen Eintopf und machte sich den Mund voll, um zu genießen, worauf er eine Weile verzichten musste. Diese Mission würde eine Weile in Anspruch nehmen und wer wusste schon, ob es irgendwo sonst einen solch köstlichen Eintopf gab.
»Warum nennt man diesen Verrückten Vater, betitelt Euch aber mit Father?«, fragte McLaughlin nach einer Minute des Schweigens.
»Ihr habt Euch die Antwort schon selbst gegeben. Es ist ein Titel, der sich nach der Sprache des Landes, in dem man ihn erhalten hat, richtet und ich habe den meinigen in Farefyr erworben.«
Wieder kehrte Stille ein. Zumindest an ihrem Tisch. Isaac kratzte den letzten Rest aus der Schüssel und legte den Löffel beiseite, um sich mit der Serviette den Mund abzutupfen und noch einen Schluck zu trinken.
»Seid Ihr schon seit Eurer Geburt so?«, fragte sein Begleiter mit gesenkter Stimme und verwirrte Isaac mit der unzureichend definierten Frage.
Wie war er denn? Vorlaut? Unerschrocken? Enervierend?
»Was meint Ihr?«
McLaughlin räusperte sich trocken. »Blind.«
»Oh.« Das hätte er sich denken können. Der Mann wollte nur wissen, ob er seit jeher ein Krüppel war oder erst im Laufe der Zeit zu einem wurde. Er straffte die Schultern und schob den Teller von sich. »Nein, ich bin nicht von Geburt an blind. Ich habe mein Augenlicht verloren, als ich ein Junge war.« Das war alles, was er in dem Moment zu diesem Thema preisgeben würde.
Offensichtlich spürte McLaughlin das, denn er hakte nicht weiter nach. Stattdessen setzte er überraschenderweise zu einer anderen Frage an: »Wo genau in Farefyr seid Ihr geboren?«
»Farefyr Stadt.« Isaac wusste plötzlich nicht, wohin mit seinen Händen. Er legte sie schließlich in den Schoß, um die Finger miteinander zu verschränken.
McLaughlin stellte seinen Becher zurück auf den Tisch. »Seid Ihr dort aufgewachsen?«
»Nein. Mein Vater nahm mich mit sich.« Das Gespräch wurde ihm stetig unangenehmer und er fragte sich irritiert, woher das Interesse rührte, das McLaughlin mit einem Mal an ihm zeigte.
»Und Eure Mutter?«
Die Glocke in einiger Entfernung schlug zehn Uhr.
»Blieb in Farefyr Stadt, bis sie nach Levona ging. Es ist spät. Wir sollten uns zur Ruhe begeben, um etwas Schlaf zu bekommen. Ich möchte gleich im Morgengrauen aufbrechen, wenn es Euch nichts ausmacht.«
»Wohin werden wir gehen? Könnt Ihr mich zumindest in diese Angelegenheit einweihen oder muss das auch ein Geheimnis bleiben?«
Isaac erhob sich und nahm seine Tasche an sich. »Wir werden die Grenze nach Farefyr überqueren. Wenn meine Quellen sich nicht irren, haben die Räuber ebenfalls diesen Weg genommen. Ich wünsche Euch eine geruhsame Nacht, McLaughlin.« Damit ließ er den Mann sitzen, wo er war, um den Gastraum zu durchqueren, sich von der Wirtin den Schlüssel abzuholen und die Treppe hinauf zu nehmen. Es waren einundzwanzig Stufen und dreißig Schritte bis zum Ende des Ganges, an dessen rechter Seite die Tür zu der Schlafkammer lag, die er während seines Aufenthaltes hier stets bewohnte.
Als er hinter sich abgeschlossen hatte, atmete er tief durch und gestand sich im Geheimen ein, dass dieser Tag aufregender gewesen war, als er sich anmerken lassen wollte. Die Zeit war seit dem Überfall so schrecklich langsam verstrichen und irgendwie hatte er geglaubt, Kendrick McLaughlin würde nie in Falkenhain erscheinen.
Gewiss hatte er all die Dringlichkeit der Mission in seinem Schreiben erläutert, doch er hatte nicht wissen können, dass der berühmt berüchtigte Teufel von Redport wahrhaftig den weiten Weg auf sich nehmen würde. Nun war er jedoch hier und Isaac könnte nicht heftiger erleichtert sein.
Endlich bekam er den Beistand, den er brauchte, um der Diebesbande in ihren Stützpunkt zu folgen. Es ging ihm nicht um Gestohlenes, das er zurückholen wollte. Viel mehr war es eine offene Rechnung, die es zu begleichen galt. Doch das musste McLaughlin nicht erfahren. Sein Wissen darum würde die Dinge lediglich verkomplizieren und alles aufs Spiel setzen. Das konnte er nicht riskieren. Nicht, nachdem die klaren Gewässer seiner Vergangenheit erneut getrübt worden waren, weil jemand im Schlamm gestochert und samt diesem alte Gefühle aufgewirbelt hatte.
Nach so langer Zeit wollte er Antworten auf die Fragen, die ihn nächtelang gequält hatten. Isaac hegte keinen Zweifel daran, dass sie ihm zustanden. Der Mann, der die Schurken anführte, war ihm eine Erklärung schuldig und die würde er sich holen, um die Sache ein für alle Mal ruhen zu lassen. Das würde ihm erst gelingen, wenn er gehört hatte, was er hören musste.
McLaughlin sollte ihm helfen, die Männer aufzuspüren, und dann wollte Isaac sich davonschleichen, um zu reden. So einfach war der Plan. Jetzt musste er ihn nur noch in die Tat umsetzen, ohne dass ihm etwas dazwischenkam.
*
Nachdem er einige Male an Lafayettes Zimmertür geklopft und keine Antwort erhalten hatte, ging er nach unten und hielt unwillkürlich an der letzten Stufe inne, als er den Mann erblickte. Der Pfarrer saß an dem Tisch, an dem sie auch gestern Platz genommen hatten und hatte den Kopf der Sonne zugewandt. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, seine Augen waren geschlossen.
Der weiße, zerzauste Hund saß an seiner Seite und schmiegte ihm den Kopf in den Schoß, um gestreichelt zu werden. Lafayette kam dieser Bitte in sanften, gleichmäßigen Bewegungen nach. Seine zarten Finger verschwanden im Fell des Tieres. Rick schluckte trocken, weil seine Kehle plötzlich eng wurde.
Vor dem Einschlafen hatte er lange darüber nachgedacht, was Lafayette ihm erzählt hatte. Über seinen Vater, seine Mutter und das nächste Ziel. Darüber würden sie sprechen müssen. Also über die Reise, nicht über Lafayettes private Angelegenheiten. Die gingen ihn nichts an. Er wusste nicht einmal, warum er nachgefragt hatte. Das tat er doch sonst bei niemandem, weil es ihn schlichtweg nicht interessierte. Das verhielt sich mit dem Pfarrer irgendwie anders, auch wenn es Rick nicht passte.
Mühsam setzte er sich in Bewegung und gesellte sich zu seinem Auftraggeber. »Guten Morgen«, meinte er tonlos.
»Einen wunderschönen guten Morgen. Habt Ihr gut geschlafen? Ich habe mit dem Frühstück auf Euch gewartet. Moritz hat es bereits aufgetragen. Na, was rede ich da, Ihr seht es ja selbst.« Er lächelte sanft.
Ohne auf die Frage nach seinem Schlaf einzugehen, griff Rick nach der Kanne mit Kaffee und schenkte sich ein. »Ich habe das ungute Gefühl, Euch ist nicht klar, wie hart die Reise wird, die Ihr Euch da vorgenommen habt.«
Die Miene seines Gegenübers verdüsterte sich und seine hellen, blauen Augen wurden schmal. »Firlefanz«, tat Lafayette mit einem Handwink ab und schnitt gekonnt ein noch dampfendes Brötchen in der Mitte entzwei, um es mit Butter zu bestreichen.
Diesmal brachte der Fluch ihn nicht zum Lachen, viel mehr ärgerte ihn die Uneinsichtigkeit des Mannes. »Lafayette, ist Euch klar, dass uns mindestens eine Nacht im Freien bevorsteht, ehe wir das Grenzdorf erreichen?«
»Na und? Wird uns eine Nacht unter freiem Himmel umbringen?«, zuckte Lafayette unbekümmert mit den schmalen Schultern und biss in sein Gebäck.
»Da draußen sind wilde Tiere, zum Teufel«, konterte Rick in dem verzweifelten Versuch, die Gefährlichkeit dieser Reise zu verdeutlichen.
Lafayette schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck aus seiner Tasse. »Ihr immer mit Eurem Teufel, McLaughlin. Das ermüdet mich langsam. Ihr habt den Weg ebenfalls hinter Euch gebracht und seid heil angekommen.«
Er war aber auch nicht blind, verdammt noch mal! Er griff sich an die Schläfe und verbiss sich diesen Kommentar. »Dann sagt mir, was Ihr tun werdet, wenn ein Wolf angreift oder ein Bär oder eine Gruppe von Banditen!«
»Darauf vertrauen, dass Ihr mich beschützt«, kam so schlicht und ehrlich zurück, dass es Rick die Sprache verschlug.
Mit leicht geöffneten Lippen starrte er den jungen Mann an, dessen Haar im Sonnenschein glänzte. Es wühlte ihn auf, dass dessen Leben in seinen Händen zu liegen schien.
Schlimmer noch, dass es ihm anvertraut wurde.
»Wenn Ihr mich sehen könntet, würdet Ihr nicht von Vertrauen sprechen«, brachte er heiser hervor und bemerkte das flüchtige Zittern seiner Finger, das Lafayette zum Glück verborgen bleiben würde – wie sein Gesicht.
»Solange Ihr mir nicht erlaubt, Euch anzusehen, braucht Ihr das nicht mehr zu erwähnen. Mir ist nämlich gleichgültig, wie Ihr ausseht. Ich höre die Leute in Eurer Gegenwart reden und kenne Euren Beinamen. Er war einer der Gründe, weshalb mein Brief an Euch adressiert war und keinen anderen.«
»Dann kommt es Euch also gerade recht, dass ich ein Monster bin?«, fragte er knurrend, obgleich er die Worte lieber für sich behalten hätte.
»Ihr seid kein Monster«, erwiderte der Pfarrer stur.
Rick war sich gewiss, dass er gleich etwas von der guten Seite in jedem Menschen faseln würde, so unterbrach er ihn lieber gleich: »Erlaubt Euch kein Urteil, wenn Ihr nicht wisst, wovon Ihr sprecht!«
»Wir werden ja noch sehen, ob ich weiß, wovon ich rede, McLaughlin. Bis ich eines Besseren belehrt werde, beharre ich auf meiner Meinung. Das halte ich immer so und das werde ich jetzt nicht Euretwegen ändern.«
Rick, dem bereits der Schweiß auf der Stirn stand, verlor für einen Moment die Beherrschung. »Ihr seid so verdammt starrsinnig, dass es zum Verrücktwerden ist«, donnerte er und schlug mit der Faust so heftig auf den Tisch, dass alle Gegenstände darauf zum Erbeben gebracht wurden. Lafayette zuckte zusammen und Rick wurde noch zorniger. »Ihr habt also doch Angst vor mir!«, warf er dem Pfarrer vor, dessen Stirn sich in tiefe Falten legte.
»Um Himmels willen, Angst vor Euch? Ich hatte Angst um meinen Kaffee, weiter nichts!«, stieß Lafayette hervor und Rick bemerkte, dass er tatsächlich nicht zurückgewichen war, sondern bloß nach der Tasse gegriffen hatte. »Ich muss mich offenbar wiederholen und Euch erneut mitteilen, dass ich Euch nicht scheue, McLaughlin. Weder bin ich ein Feigling noch lasse ich mich von Vorurteilen leiten wie andere Menschen. Und jetzt lasst uns aufhören zu streiten und lieber darüber reden, was wir alles mitnehmen müssen.«
»Ich streite überhaupt nicht mit Euch! Ich streite niemals mit jemandem!« Es war die Wahrheit, aber der merkwürdige Verdacht, dass er eben doch gerade mit dem Pfarrer zankte, drängte sich ihm auf.
Zu seiner Überraschung lachte sein Gegenüber leise. »Ihr seid unmöglich, McLaughlin, aber ich beginne Euch zu mögen«, meinte Lafayette sanft und brachte ihn damit völlig aus dem Konzept. Zum Glück sprach der Pfarrer gleich weiter: »Ich habe Moritz aufgetragen, uns etwas zum Mitnehmen einzupacken, damit wir versorgt sind. Werden wir noch etwas Spezielles brauchen, das mir gerade nicht einfällt?«
So unterdrückt wie möglich räusperte Rick sich, ehe er antwortete: »Wenn Ihr es gewohnt seid, in einem warmen Bett zu nächtigen, sollten wir eine weitere Decke mit uns nehmen. Ich führe eine mit mir, doch sie ist mehr Unterlage als Kälteschutz.«
»Ich bin nicht zimperlich. Diesen Ballast können wir uns also sparen. Sonst noch etwas?«
»Wir sollten zurechtkommen«, gab Rick sich geschlagen und spülte die letzten Widerworte mit einem Schluck Kaffee hinunter. Lafayette würde sie ohnehin mit einem ‚Firlefanz!’ abtun, da konnte er auch gleich den Mund halten.
»Wie schön.« Der junge Pfarrer lächelte zufrieden. »Bevor wir weiterziehen, müssen wir allerdings noch bei meinem alten Freund Gero vorbeischauen. Ich brauche ein paar Dinge von ihm. Allerdings müsst Ihr draußen warten, weil ich mich im Vertrauen mit ihm besprechen muss.«
»Wie Ihr meint.« Selbst wenn er nicht bei diesem Freund vorbeischauen und wie ein Hund vor den Türen warten wollte, würde er es müssen, denn Lafayette ließ sich ohnehin von nichts abbringen. Zumindest nicht von ihm. Solange der Mann sich nicht in Gefahr brachte, sollte er sich also den Atem sparen und nicht protestieren.
»Wie seid Ihr eigentlich auf mich gekommen?«, fragte er.
»Ich habe mich umgehört und als Euer Name fiel, gab Gott mir ein Zeichen.«
Rick hob die Brauen, was dem anderen verborgen blieb, obwohl dessen trübe, blaue Augen auf ihn gerichtet waren. »Was soll das nun wieder heißen?«
Sein zierliches Gegenüber schmunzelte mit vollem Mund und aß hinunter, ehe es erwiderte: »Ich habe es einfach gespürt, McLaughlin. Ich hörte Euren Namen und wusste, Ihr seid derjenige, an den ich mich wenden muss.«
»Das klingt unsinnig«, konterte Rick und nahm sich ebenfalls ein Brötchen, da er Kraft brauchte, um Lafayette die Stirn zu bieten.
»Nur in Euren Ohren, Ungläubiger«, meinte der Mann und grinste ihn frech an, wobei er ihm seine strahlend weißen Zähne zeigte.
»Für einen Pfarrer benehmt Ihr Euch recht ungeniert. Zumindest wenn es darum geht, mich zu ärgern.«
»Ja, daran finde ich tatsächlich großen Gefallen. Das gebe ich offen zu, um Euch die Möglichkeit zu geben, Euch darauf einzustellen.«
Unbewusst verzog er das Gesicht zu einer spöttischen Miene. »Vielen Dank für die Warnung, Lafayette.«
Der Pfarrer nickte ihm in einer scherzhaften Geste zu und hob die Tasse in seine Richtung. »Stets zu Diensten, McLaughlin.«
In diesem Moment war er noch erleichterter als sonst darüber, dass Lafayette ihn nicht sehen konnte, da sich Ricks Mundwinkel unwillkürlich zu einem Lächeln hoben, während er sachte den Kopf über sein Gegenüber schüttelte, welches unbekümmert einen weiteren Bissen von seinem Frühstück nahm.
*
Die Mittagssonne stand am Himmel, als sie Halt machten. Zwar konnte er sie nicht sehen, doch er spürte ihre warmen, kräftigen Strahlen auf der Haut. Gero und er hatten sich kurz ausgetauscht, ehe Isaac dem alten Mann, der ebenfalls ohne sein Augenlicht auskommen musste, allerlei Sachen abgekauft hatte. Ein paar Fläschchen hiervon, ein paar Ampullen davon … Man konnte nie wissen, wann jemand Isaacs Können in Anspruch nehmen musste oder wollte. So war es am besten, stets vorbereitet zu sein. Das war er. Ja, seine Tasche war ein beachtliches Stück schwerer geworden. Er legte sie nun ab.
McLaughlin hatte angeboten, ihren Proviant zu tragen, und Isaac hatte das freundliche Angebot nicht abgelehnt. Auf einem großen Stein sitzend lauschte er dem Mann, wie er ihr Mittagessen hervorholte und ihm gleich darauf zwei Scheiben Brot mit Käse dazwischen reichte. »Vielen Dank.«
»Ihr scheint dieses Gelände gut zu kennen.«
»Ich gehe viel wandern«, erklärte Isaac und genoss die Natur um ihn herum. Seine Augen zeigten ihm nur Schwärze, doch er wusste, dass er von einer herrlich bunten Pracht umgeben war. Früher hatte er sich die Farben vorgestellt und sich krampfhaft daran zu erinnern versucht, wie alles war. Auch jetzt hatte er ein Bild im Kopf, doch irgendwann hatte er den Umstand, dass er nicht mehr sehen konnte, akzeptiert und ganz bewusst damit begonnen, seine anderen Sinne zu schärfen. Sein Gehör war ausgezeichnet und er konnte sich darauf verlassen, beinahe jede Blume, die in der Umgebung wuchs, am Geruch zu erkennen. Er spürte intensiv die angenehme Wärme des Steins unter sich und den Luftzug, der sein Gesicht streifte und sein Haar zerzauste.
»Alleine?«, hakte McLaughlin nach und klang verwundert.
Wieder einmal ging es also darum, dass dieser Mann ihm keinerlei Selbstständigkeit zutraute. Das war er langsam leid, obwohl er öfter mit solchen Vorurteilen zu kämpfen hatte. Er war daran gewöhnt und es machte ihm meist nichts mehr aus, doch McLaughlins Einstellung störte ihn.
»Manchmal allein, manchmal in Gesellschaft. Das kommt darauf an, wonach mir der Sinn steht. Ich brauche keinen, der mich an die Hand nimmt und den Weg entlangführt.«
»Das habe ich auch nicht behauptet«, konterte sein Begleiter verärgert.
»Ihr impliziert es mit Eurem Tonfall«, gab Isaac patzig zurück.
»Ich meine ja nur, weil es in den Bergen recht gefährlich werden kann.«
»Firlefanz«, tat Isaac ab und biss in sein Brot, um sich abzureagieren.
McLaughlin seufzte im Brustton auf und klang seltsam dumpf, als er erneut das Wort ergriff: »Warum habe ich das kommen sehen?«
»Lasst mich endlich mit Eurer Gefahr in Ruhe. Habt Ihr nichts anderes zu tun, als in jedem Grashalm das Gesicht des Teufels zu suchen?«
»Ich will Euch nicht angreifen, aber es scheint mir unvernünftig, dass Ihr hier draußen ohne Begleitung herumstreift. Was wäre, wenn Ihr stürzt?«
Der sturköpfige Kerl wollte das Thema nicht auf sich beruhen lassen, sondern weiter mit ihm streiten. Gut, das sollte er haben.
»Warum sollte ich stürzen? Ich bin kein Kleinkind, das noch nicht laufen kann! Selbst wenn ich hinfallen sollte, stehe ich auf und gehe nach Hause. Punkt.« Er bemerkte, dass er lauter wurde, was gar nicht zu ihm passte. So zügelte er sich und nahm sich vor, wieder zur Ruhe zu kommen.
McLaughlin hingegen hob nun seinerseits die dunkle Stimme. »Und wenn Ihr dazu nicht mehr in der Lage seid, weil Ihr Euch ein Bein gebrochen habt?«
»Ihr messt meiner Blindheit ein wenig zu viel Bedeutung bei, Mister«, konterte er in einem schnippischen Tonfall, der keine Widerworte zuließ.
Tatsächlich entgegnete McLaughlin nur noch ein beleidigtes Schnauben und Isaac widmete sich erneut seiner Mahlzeit. Schon nach ein paar Bissen tat ihm leid, dass er seinen Begleiter angefahren hatte. Er räusperte sich leise.
»Möchtet Ihr ein wenig Karten spielen, während wir uns ausruhen?«, fragte er murmelnd und wischte sich die Hände an einer Serviette ab.
»Karten spielen?«, kam verwirrt zurück und er gewahrte, dass McLaughlin sich ihm zuwandte. Die Frage, die sich dem Gefährten aufdrängte, lautete gewiss eher: Wie könnt Ihr denn Karten spielen?’.
Isaac nahm ihm seine Unwissenheit nicht übel, sondern zog das schmale Päckchen und eine Spielkarte daraus hervor, um sie McLaughlin zu zeigen. »In der unteren linken Ecke sind Erhebungen eingestanzt, die mich wissen lassen, ob ich ein gutes Blatt in den Händen halte«, erklärte er, während der andere den dünnen Karton befühlte, um sich selbst davon zu überzeugen.
»Hm. Spielt Ihr gut oder kann ich mich darauf einstellen zu gewinnen?«
Isaac erkannte den ungewohnt neckischen Tonfall und schmunzelte, während er mit den Schultern zuckte. »Das müsst Ihr schon selbst herausfinden.«
»In Ordnung«, meinte McLaughlin zu seiner Freude.
Isaac reichte ihm die Packung. »Ich bin ein schlechter Mischer.« Zumindest wenn es um Spielkarten ging. Er grinste still in sich hinein.
»Das fängt ja schon mal gut an«, scherzte sein Gegenüber und machte sich geschickt ans Werk, wie man hören konnte.
»Freut Euch nicht zu früh.« Isaac lächelte und war gespannt darauf, was McLaughlin zu bieten hatte.
*
Inzwischen war die Sonne beinah gänzlich verschwunden und der Mond stand seit einer Weile dort oben zwischen den Wolken. Rick warf einen Blick über die Schulter zu Lafayette hinüber. Dieser hatte ihn beim Kartenspiel sehr demütigend geschlagen. Der Mann beraubte ihn also nicht nur seiner Nerven, sondern auch noch seines Spielerstolzes. Zu seiner Verwunderung hatte es ihm nichts ausgemacht und er freute sich sogar auf die Revanche, die man ihm zugesichert hatte.
»Es wird langsam dunkel, wir sollten uns einen Platz zum Schlafen suchen. In einiger Entfernung sehe ich einen kleinen Unterschlupf in der Nähe einer Felswand. Wir sollten ihn nutzen«, schlug er vor und bemerkte, dass er nervös war. Ihm behagte nicht, wie schmal der Weg schien und wie klein Lafayettes Schritte geworden waren. Der Pfarrer war eindeutig erschöpft und wollte sich das nicht anmerken lassen. Zuvor hatte er stundenlang von irgendwelchen Leuten seiner Gemeinde getratscht und Rick hatte ihm überraschend gerne zugehört, doch seit einer Weile war er sehr still.
»Das soll mir recht sein«, kam müde, aber von einem Schmunzeln begleitet zurück. Lafayette fühlte mit der Schuhspitze vor und hob mit einer Hand den Rock seiner Soutane an, um die Stufen aus porösem Stein zu erklimmen.
Knapp neben ihm ging es einige Meter in die Tiefe. Rick hielt inne und wählte seine Worte mit Bedacht. »Ihr wirkt schläfrig. Darf ich Euch helfen?«
Wie erwartet schüttelte Lafayette das Haupt. »Es geht schon. Danke.«
Seine aufkommende Besorgnis war nicht zu unterdrücken, während er darauf wartete, dass der Mann sich an seine Seite gesellte.
Unvermittelt und aus unerfindlichem Grund schreckten einige Vögel von den Bäumen zu ihrer Rechten hoch und Lafayette zuckte zusammen, um gleich darauf über seine eigenen Beine zu stolpern. Im Fall streckte er den Arm nach ihm aus und Rick war mit einem Satz an seiner Seite. Eine zarte Hand rutschte an seiner Hüfte ab und streifte seine Männlichkeit, während Rick – scharf Luft einziehend – die Finger unnachgiebig um den schmalen Oberarm des Pfarrers schlang, um ihn aufzufangen und zu stützen.
»Ihr habt mir gerade an den Schwanz gegriffen, Father«, murmelte er spöttisch, um seine Verlegenheit und diese … dieses andere Gefühl zu überspielen.
Lafayettes Wangen röteten sich auf heftige Weise und er räusperte sich. »Ich habe es bemerkt. Verzeihung.«
Rick ließ ihn nicht los, ehe er die letzten paar Stufen bewältigt hatte und sie sich wieder auf ebenem Weg befanden. Als er ihn dann eilig freigab, bemerkte er, dass Lafayette grinsend zu ihm aufsah. »Jetzt habe ich zwar ein Bild von Eurer Männlichkeit im Kopf, aber noch immer keines von Eurem Gesicht.«
Zu seinem Unmut spürte Rick, wie sich nun seine eigenen Wangen erhitzten und ihm ein langsamer, heißer Schauer übers Rückgrat lief. »Dann vertreibt dieses Bild ganz schnell wieder aus Euren Gedanken«, gab er knurrend zurück und wandte sich ab, um die letzten Meter zu überwinden.
»Weil es Euch peinlich ist?«, hakte Lafayette amüsiert nach und drehte den Spieß um. Vor wenigen Momenten war es immerhin noch er gewesen, der vor Verlegenheit rote Ohren bekam.
»Vielleicht weil Ihr ein Pfarrer seid«, konterte Rick hilflos.
»Ich habe deswegen kein Keuschheitsgelübde abgelegt, McLaughlin«, neckte Lafayette ihn weiter und lachte leise. »Wir leben doch nicht im Stakreich, dass ich in Sittsamkeit leben müsste. Ihr seht, ich kann an Eure Männlichkeit denken, wann immer ich möchte.«
Wovon sprach der Mann denn da? War er betrunken? »Findet Ihr das witzig, Lafayette?«
Wieder lachte der junge Pfarrer, der für Ricks Geschmack gerade ein wenig zu übermütig wurde, hell auf. »Ist es nicht offensichtlich, dass mich die Situation erheitert?«
Darauf gab Rick keine Antwort, weil es ihm unnötig schien. Natürlich war das offensichtlich. Immerhin lachte er die ganze Zeit oder grinste ihn frech an.
»Ihr müsst Euch nicht schämen, McLaughlin. Ich kann Euch versichern, dazu gibt es absolut keinen Grund«, fuhr Lafayette in gesenktem Tonfall fort und wie verführerisch er dabei klang, war mehr als anrüchig.
Machte dieser unglaublich unschuldig wirkende Dorfpfarrer ihm gerade Komplimente? Schmeicheleien, die seine Männlichkeit betrafen? Rick zwickte sich einmal kräftig in den Oberarm, um zu prüfen, ob er auch sicher nicht träumte. Tat er nicht und er wusste nicht, was er davon halten sollte.
»Im Dorf sprachen sie von Eurer Engelsstimme, vom Mundwerk des Teufels war nicht die Rede.« Er wollte missbilligend klingen, da der andere ihn offenbar aufs Korn nahm. Es gelang ihm nicht so recht.
»Ich muss Euch um Verzeihung bitten. Es muss die Müdigkeit sein, die mich so unschicklich sprechen lässt«, lächelte Lafayette und leckte sich flüchtig die vollen Lippen.
Rick wandte sich hastig von ihm ab und warf sein Gepäck samt Proviant und Schwert geräuschvoll zu Boden. Er zog die dünne Decke aus seiner Tasche und breitete sie auf der Erde aus, damit Lafayette sich setzen konnte. Was dieser etwas zögerlich tat.
»Ich werde Feuerholz suchen. Ihr wartet hier auf mich«, wies er den jungen Mann an, der ausnahmsweise keine Widerworte parat hatte, sondern zu seiner Erleichterung gehorsam nickte. »Ruft mich, wenn Ihr mich braucht. Ich bin nicht weit weg.«
Ein ehrliches Lächeln, das nichts mit Neckerei oder Erheiterung zu tun hatte, umspielte den Mund seines Gegenübers. »Vielen Dank, McLaughlin.«
Darauf wusste er nichts zu sagen, weil man sich für gewöhnlich nicht bei ihm bedankte, und so entfernte er sich wortlos von ihrem Nachtlager, um Äste zu sammeln. Dabei versuchte er, an gar nichts zu denken, um sein aufgewühltes und erhitztes Gemüt ein wenig abzukühlen.
Selbst aus der Entfernung behielt er stets den Pfarrer im Blick, um für dessen Sicherheit garantieren zu können.
Lafayette war tatsächlich erschöpft. Nach wenigen Minuten legte er sich hin, faltete die Hände unter der Wange und zog die Beine ein wenig an. Ihm war sichtlich kalt und Rick beeilte sich mit der Suche nach Holz. Als er zurückkehrte und sich daran machte, ein Lagerfeuer zu entzünden, nahm Lafayette keine Notiz von ihm. Seine Augen waren geschlossen und er atmete so ruhig und gleichmäßig, dass Rick den Verdacht hegte, er sei bereits eingeschlafen. Um ihn nicht zu wecken, ging er leise vor und seufzte lediglich auf, als die Flammen loderten. Er war ebenfalls müde, fragte sich jedoch, ob es klug war, sich schlafen zu legen. Vermutlich sollte er lieber Wache halten, um nichts zu riskieren. Allerdings schien die Umgebung ruhig. Keine Tiere waren zu hören. Keine anderen Feuer waren in der Ferne oder in der Nähe zu erkennen. Vielleicht könnte er sich ein paar Stunden Schlaf gewähren, um für den nächsten Tag ausgeruht zu sein.
Nachdenklich musterte er die feinen Züge des Mannes, der sein weißes Kollar abgelegt hatte. Eine Strähne seines Haares fiel ihm in die Stirn und es juckte Rick in den Fingern, sie ihm fortzustreichen. Natürlich würde er nichts dergleichen tun und seine Hände nicht an den Pfarrer legen! Nein. Er strich sich über die Stirn und wollte das Kratzen im Hals verscheuchen, was ihm nicht gelang, da es zu hartnäckig war.
»Ihr seid zurück«, meinte Lafayette schläfrig und wandte sich ihm zu, um Rick in seine Augen sehen zu lassen. »Und Ihr habt bereits Feuer gemacht.« Er streckte eine Hand danach aus, um sich zu wärmen. Trotzdem fröstelte ihn.
