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Seit Henri sich gegenüber dem unverschämt attraktiven Dozenten, der sein Herz höher schlagen lässt, wie ein großkotziger Halbstarker benommen hat, kämpft er ebenso verbissen wie erfolglos um dessen Vergebung. Als er eine weitere Niederlage einstecken muss, will er den Beweis seiner unerwiderten Zuneigung im Meer versenken. Doch eine resolute alte Dame legt Einspruch ein und zwingt ihn, die Weihnacht ihre Wunder wirken zu lassen. Aber können funkelnde Lichter, der Duft von Tannennadeln und ein Mistelzweig über seinem Kopf ihm wirklich die Liebe seines Angebeteten verschaffen?
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Ein Soldat
unter dem Mistelzweig
Tharah Meester
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Venicische Weihnachtsmagie
Die Stadt
Sondierung der Lage
Infiltration
Kapitulation
Epilog
Alles begann …
Nachwort
Danksagung
Leseprobe – Dieser gottverdammte Weihnachtsblues
Über die Autorin
Impressum
Für all jene, denen es schwer fällt, zu vergeben.
Und für alle, die gerade um jemandes Vergebung kämpfen.
Liebe Leserin, lieber Leser!
Endlich ist es so weit! *jubel* Bestimmt fragst du dich, was es mit dieser Formulierung auf sich hat. Leider darf ich darüber kein Wort tippen, ehe du nicht die Geschichte gelesen hast. Schließlich will ich dir die Überraschung nicht verderben. Also los, lies! Wir sprechen uns dann im Nachwort.
Hab viel Freude im weihnachtlich-zauberhaften Venice!
Deine Tharah
Wenn in Venice die Weihnacht naht
mit Schnee und Rauschen immer zart
ein jedes Herz dann höher schlägt
in glühend heißer Liebe vergeht.
So strahlend die Lichter
leuchtend die Gesichter
der Mond liegt schön und schwer
über dunkelschwarzem Meer.
Wer einmal dich so bei Nachte sieht
deiner Pracht zu Füßen kniet.
Zarte Schneeflocken wirbelten durch die Luft und landeten geschmeidig auf den Wellen. Für jemanden, der nicht am Meer wohnte, ein Spektakel, dessen Faszination sich nicht einmal eine so lebenserfahrene Dame wie Miss Beth entziehen konnte. Darüber hinaus herrschte hier draußen eine Stille, die es in einem Haus, in dem sich eine Familie zum Weihnachtsfest versammelte, naturgemäß nicht geben konnte. Die kühle Luft und eine Zigarette im Spitz genießend saß sie auf einer Parkbank am Straßenrand und ließ ihren Hut und die Mantelschultern weiß werden. Auf ihrem Schoß ruhte eine Einkaufstasche, in der sich ein paar Kleinigkeiten befanden, die den bereits gekauften Geschenken den letzten Schliff verleihen würden. Der Baum zu ihrer Rechten bog sich unter der Last des Schnees. Den Zigarettenspitz zwischen die Lippen geklemmt, zog sie an einem der tiefliegenden Äste und ließ ihn zurückschnalzen. Schnee platschte dumpf zu Boden und gesellte sich dort zu mehr Schnee. Nun war die Sicht auf den jungen Mann wieder frei, der zwei Bänke weiter mit sich selbst kämpfte. Nervös wanderte er stetig drei Schritt weit auf und ab. Er trug die penibel saubere Uniform eines Soldaten und ein Päckchen unter dem Arm. Sein dunkelblondes Haar war vom vielen Raufen zerzaust, das Deckhaar dicht und leicht gewellt.
Als ein paar Meter weiter vorne hinter einer Kutsche und ein paar Schulmädchen, die der friedvollen Stille ein Ende machten, ein weiterer junger Mann um die Ecke in die Straße einbog, stieß der Soldat so heftig Luft aus, dass sogar Miss Beth es hören konnte. Mit militärischer Vehemenz zupfte er sich das Revers zurecht und hätte dabei fast das in dunkelblaues Samtpapier gewickelte Geschenk fallen gelassen. Ohne Zweifel versetzte ihn der Anblick des anderen in Aufruhr, wenn nicht gar in Panik.
Die Kutsche fuhr vorbei. Miss Beth zog an ihrem Zigarettenspitz und blies den Qualm Richtung Meer, um sich davon nicht die Sicht vernebeln zu lassen. Nicht ausgerechnet jetzt, wo es spannend zu werden versprach!
Der neu hinzugekommene Bursche im schwarzen Wintermantel überholte die Mädchen, die es offenbar nicht eilig hatten und hinter ihm eine Schneeballschlacht vom Zaun brachen. Den Blick starr nach vorne gerichtet schob der junge Mann sich den Riemen seiner Umhängetasche auf der Schulter zurecht und griff sich an die schwarz gerahmte Hornbrille, die zu seinem ernsten Gesicht und dem streng gescheitelten Haar passte. Erst nachdem er einen Schlüsselbund aus der Manteltasche gezogen hatte, bemerkte er, dass ihm aufgelauert worden war. Ruckartig wandte er sich von dem Soldaten ab, der ihn auf dem Gehweg abzufangen versuchte. Seine Wangen unter den Brillengläsern waren plötzlich in rosa Farbe getaucht und er zog die Schultern hoch, während er sich an dem Uniformierten vorbeidrängte und dabei jeglichen Augenkontakt vermied, obwohl es seinen Blick sehr wohl in Richtung des Soldaten zu ziehen schien. Kaum verwunderlich bei dieser Augenweide. Doch jener wollte er sich offenkundig gänzlich verschließen, wie auch den unbeholfenen Annäherungsversuchen und dem sorgsam verpackten Geschenk, das er nicht entgegennahm, obgleich man es ihm mit leise gestammelten Bitten aufzudrängen versuchte.
Eilig nahm der Bursche ein paar Stufen nach oben, um dem Soldaten gleich darauf ein schmales Gartentor mit einem daran prangenden S aus Schmiedeeisen vor der Nase zuzuknallen und den Kiesweg zur mit Säulen geschmückten Eingangstür entlangzuhasten. In einem der oberen Fenster zog ein kleines Mädchen scheinbar wütend den Vorhang vor. Nach einigen Sekunden fiel die Haustür ins Schloss und verursachte dabei ein Geräusch, auf das eine drückende Stille hätte folgen müssen, wenn sich das Leben nach dem Leid einzelner richten würde. Doch das tat es bekanntermaßen nicht. So war es stattdessen das ausgelassene Lachen der Schulmädchen, welches die Verzweiflung des Soldaten untermalte, der sich grob übers Gesicht wischte und die Finger ein paar Sekunden zu lange vor den Augen verweilen ließ, um sich nicht verdächtig zu machen.
Plötzlich machte er kehrt und kam auf den mit Bänken gesäumten Spazierweg zurück. Zielstrebig steuerte er die steinerne Brüstung an und holte aus, um das verschmähte Geschenk in hohem Bogen ins Meer zu werfen.
»Veto!« Ihr Ruf ließ den Soldaten innehalten und verwirrt in ihre Richtung blicken. »Vielleicht gebt Ihr dem Präsent eine zweite Chance?«
Dunkle Wimpern senkten sich gequält über tiefblaue Augen. »Es hatte schon wesentlich mehr als zwei Chancen, Ma’am.«
»Sollen wir darüber sprechen, ehe Ihr etwas tut, das Ihr später vielleicht bereut?«, schlug sie vor und wurde den Zigarettenstummel los, um den Spitz in ihre Tasche zu werfen.
»Sinnlos, darüber zu reden. Er wird’s nie annehmen und ich kann es ihm nicht vor die Tür legen, weil seine ältere Schwester mir glaubhaft angedroht hat, es ungeöffnet in den Kamin zu werfen.«
»Es kann sich also zwischen den Fluten und den Flammen entscheiden. Möchtet Ihr mich wenigstens einen Blick hineinwerfen lassen, damit es nicht gänzlich ohne Wertschätzung aus diesem Dasein scheidet?« Sie rückte ein Stück zur Seite und tätschelte auffordernd den frei gewordenen Platz neben sich.
Zögerlich kam der Soldat näher und setzte sich zu ihr. Ein Seufzen entrang sich ihm und er reichte ihr das Geschenk.
»Darf ich?«, fragte sie und zog nach seinem Nicken die Masche auf, um einen in liebevoller Kleinarbeit verzierten Holzkasten aus dem Papier zu wickeln. Als sie ihn an der goldenen Schnalle seitlich öffnete und aufklappte, begriff sie mit einigem Staunen, dass sie das schönste Backgammon-Spiel, das sie je gesehen hatte, in den Händen hielt. »Das ist … Wo habt Ihr das her?«
»Ich habe es selbst angefertigt«, gestand der Soldat mit roten Ohren und leckte sich die Lippen. »Mein Onkel hat mir dabei geholfen, aber es ist dennoch nicht so perfekt geworden, wie ich mir das erhofft hatte. Hier, seht.« Er deutete mit dem Finger auf einen angeblichen Makel, den sie beim besten Willen nicht ausmachen konnte. »Da hab ich die Hinterglasmalerei verpatzt und die Ecke da ist unsauber. Und ein paar der Spielsteine haben kleine Risse, weil ich das Material nicht korrekt bearbeitet habe.« Er stieß Luft aus. »Wisst Ihr, wenn ich so darüber nachdenke, ist der Meeresgrund vielleicht genau der richtige Ort dafür.«
Miss Beth ließ sich das Spiel nicht aus der Hand nehmen, sondern schlug die Finger fort, die danach greifen wollten. »Untersteht Euch, Eure Arbeit derart geringzuschätzen. Das hier ist wunderschön und verdient einen Ehrenplatz an jemandes Spieltisch. Ganz sicher nicht eine Verbannung auf den Meeresboden.«
Der Bursche senkte das Haupt und rieb sich verstohlen die Hände, die er zwischen leicht gespreizten Knien von sich gestreckt hielt. »Wie ich Euch bereits erklärt habe, wird es allerdings nie an jemandes Spieltisch landen. Der, für den es bestimmt ist, will es nicht haben. Und ein anderer bekommt es nicht.«
Auf die Spielsteine hinabblickend, die in Gold und Silber gehalten und mit edlen Vogelmotiven verziert waren, fragte Miss Beth: »Möchtet Ihr mir erzählen, weshalb man Euer Geschenk nicht annehmen will?«
»Es war als Entschuldigung gedacht. Aber die ist unerwünscht und wird es auch für immer bleiben.«
»Das könnt Ihr nicht wissen.«
»Sie ist ihm seit sechs Monaten unwillkommen. Jeden Monat komme ich trotzdem her und versuche es aufs Neue. Sagt mir, wie ich nach einem halben Jahr nicht die Hoffnung verlieren soll!«
»Verratet mir, was Ihr verbrochen habt, und ich finde vielleicht eine Antwort.«
»Also, er … er ist … Dozent an der medizinischen Universität und ich …«, begann der Soldat stammelnd, ehe er eine Pause machte und sich unwirsch das Haar raufte. »Wir hatten da diesen Lehrgang. Ein Seminar, das uns beibringen sollte, wie wir den Feldärzten zur Hand gehen können.«
»Ja?«
»Dabei habe ich mich nicht mit Ruhm bekleckert.«
»Was habt Ihr angestellt?«
»Ich hab … ich wollte … mit ihm schäkern«, kam unter hochroten Wangen geflüstert zurück. »Hab ihn aufgezogen und bin zu weit gegangen, sodass ich ihn mit meinen anzüglichen Kommentaren letzten Endes vor allen Leuten bloßgestellt habe. Die anderen haben über ihn gelacht und ich hab … nichts dagegen unternommen. Ich hätte ihnen sagen müssen, sie sollen gefälligst die Klappe halten. Und wenn ich gewusst hätte, wie sehr ich ihn kränke, hätte ich die meine erst recht gehalten. Aber ich verdammter Trottel musste es ja unbedingt auf die Spitze treiben. Daraufhin ist er aus dem Saal verschwunden und hat die Garnison seither nicht wieder betreten.«
»Und seither versucht Ihr, Euch zu entschuldigen?«
Der Junge nickte und blickte nach oben, weil der Schneefall ein so plötzliches Ende fand, als hätte jemand einen Schirm über ihnen aufgespannt.
»Ihr seid äußerst hartnäckig«, stellte Miss Beth fest. »Warum?«
Die Röte seiner Wangen vertiefte sich. »Weil er mir gefällt und ich nicht will, dass er so von mir denkt, wie er’s nach meinem schändlichen Verhalten zwangsläufig tun muss. Er hasst mich und … diese Vorstellung raubt mir den Schlaf, so dämlich es klingen mag.«
»In meinen Ohren klingt es ganz und gar nicht dämlich, mein Lieber«, erwiderte sie und streckte ihm ihre behandschuhten Finger entgegen. »Miss Beth.«
Eine schlanke Hand ergriff die ihre. »Sehr erfreut, Ma’am. Henri Merciér.«
»Darf ich fragen, wie Ihr auf dieses Geschenk gekommen seid, wenn Ihr den Mann doch offensichtlich nicht näher zu kennen scheint?«
»Ich habe seine kleine Schwester bestochen. Sie war erst höchst skeptisch. Verständlich. Seine Familie hält nicht allzu viel von mir. Würde ich auch nicht, wenn ich sie wäre.«
»Wie konntet Ihr das Mädchen auf Eure Seite ziehen?«
»Sie sagte, wenn ich ihr die schönste und edelste Spieldose bringe, die es in der Stadt zu kaufen gibt, denkt sie darüber nach, mir zu helfen. Ich habe ganze acht Anläufe gebraucht, um ihren Geschmack zu treffen. Ich hatte schon befürchtet, man würde mich verhaften, ehe sie Gnade mit mir walten lässt. Ein Kerl, der vor einer Schule für kleine Mädchen herumlungert und einem Kind Geschenke zusteckt, sollte sich nicht wundern, wenn man ihn in Handschellen abführt.«
»Ein durchaus reale Bedrohung«, grinste Miss Beth. »Zum Glück konntet Ihr diesem Schicksal entgehen.«
»Ich war ebenfalls heilfroh, das kann ich Euch sagen«, pflichtete Henri ihr bei und zum ersten Mal huschte so etwas wie ein Lächeln über sein Gesicht. Eines, das seine Züge ganz weich machte. »Es war ein Modell aus Silber mit einem kleinen Vogel unter dem Deckel, das Miss Jemima schließlich erweichen konnte. Sie teilt die Schwäche ihres Bruders für Singvögel. Deshalb die Spielsteine.« Er deutete darauf. »Angesichts ihrer neuen Errungenschaft wurde sie dann recht redselig. Hat mir erzählt, wie sehr ihr Bruder das Backgammon-Spiel liebt. Dass er seinen vollen Vornamen hasst und sich daher Vinnie nennen lässt. Eine Abkürzung, für die siehöchstselbst verantwortlich ist, wie sie mir drei Mal erklärt hat. Dann noch, dass er der jüngste Dozent in der Geschichte der medizinischen Universität des Landes ist und allerhand privaterer Dinge. Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu reden, als sie einmal damit angefangen hatte. Sie ist verdammt stolz auf ihren Bruder. Völlig zu Recht.«
»Ihr scheint ihn ebenfalls zu bewundern.«
»Wer würde das nicht?«, kam selbstverständlich zurück. »Ich wünschte bloß, ich hätte mich dementsprechend verhalten, als ich die Gelegenheit dazu hatte.«
Miss Beth atmete tief aus, klappte das Spielbrett zu und ließ es auf ihrem Schoß verweilen, während sie nachdenklich aufs Meer hinausblickte. Ein Lächeln ruhte auf ihren Lippen und in ihrem Herzen. »Wo wohnt Ihr, Henri?«
»Äh, ich … habe ein Zimmer in der Nähe der Kaserne. 513 Clearence Avenue.«
»Habt Ihr über die Feiertage vielen Verpflichtungen gegenüber Freunden oder Familie nachzugehen?«
Der junge Soldat leckte sich die Lippen und schüttelte den Kopf, während er immer noch seine Finger knetete. »Gar keine.«
Das war nun ein etwas merkwürdiges Geständnis. »Wie kann das sein, wenn Ihr mir die Nachfrage erlaubt?«
»Na ja, mein Onkel hält nichts von Weihnachten und … Eltern hab ich keine.«
»Es tut mir leid, das zu hören. Was ist mit Freunden?«
»Ach, die meisten meiner Kameraden können mich ganz gut leiden und ich sie auch, aber … da reicht nichts so tief, als dass man die Feiertage zusammen verbringen würde, wenn Ihr versteht, was ich meine.«
»Durchaus, mein Lieber. Durchaus.«
Verlegen stieß er Luft aus und rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht. »Ich komme hier gerade ziemlich erbärmlich rüber, was?«
»Nicht im Geringsten«, versicherte sie ihm mit einer fast mütterlichen Zuneigung in der Brust. »Ich habe eine Bitte an Euch, Henri. Auch wenn es Euch schwerfallen mag, möchte ich, dass Ihr dem berühmt-berüchtigten Weihnachtswunder eine Chance gebt und Euer Meisterwerk noch für eine Weile behaltet.« Sie reichte ihm den Kasten und begegnete seinem skeptischen Blick mit einem ermutigenden. »Vertraut einer alten Dame, die etwas davon versteht. Tut mir den Gefallen, Henri, es kostet Euch ja nichts.«
Der Junge haderte mit sich. Schließlich nickte er. »Ich weiß zwar nicht, wozu das gut sein soll, aber meinetwegen.«
Mit einem Nicken drückte sie sich ihre Einkaufstasche an die Brust und stand auf. »Dann wünsche ich Euch ein schönes Fest, mein Lieber. Und lasst den Kopf nicht hängen.«
»Euch ebenfalls ein besinnliches Fest, Ma’am. Ich werde mir Mühe geben.« Wieder versuchte er sich an einem Lächeln, welches ihm nur halb gelang.
Unter ihren Sohlen knirschte der Schnee, während sie die Straße überquerte.
Als sie das Gartentor mit dem protzigen S daran öffnete, warf sie einen Blick über die Schulter und musste sich ein Lachen verkneifen. Der schockierte Gesichtsausdruck des schwer verliebten Burschen war göttlich. Sie zwinkerte ihm zu und marschierte den Kiesweg entlang, um das Haus zu betreten, in welchem ihr Neffe kurz zuvor verschwunden war.
*
Der Duft von Bratäpfeln stieg ihr in die Nase, schon bevor sie die Küche betrat, in der ihre älteste Nichte Philomena vor sich hin schimpfte.
Beths Schwester Beatrice stand vor dem Herd, schnitt Obst für den Punsch und nickte unbestimmt vor sich hin, während Vinnie von der Damenfront abgewandt vor den Fenstern stand, die den Blick auf den weitläufigen Garten freigaben. Er trug immer noch Mantel, Schal und Schuhe. Nur die Tasche hatte er abgestellt.
Niemand nahm von Beth Notiz, als sie sich in den Türrahmen stellte.
Philomena saß bei Tisch und rollte Teig aus – mit einer Gewalt, als müsse sie ihm erst das Leben aus dem Leib pressen, bevor sie ihn zu Plätzchen verarbeiten konnte. »Dass er gar nicht mehr aufgeben will, zeigt eindrücklich, wie recht ich von Anfang an hatte. Entweder will er sein Ego aufpolieren, indem er dich zur Kapitulation zwingt, oder er hat mit seinen Kameraden eine schmähliche Wette abgeschlossen, wie es solche Kerle gerne tun.«
Aus dem Augenwinkel erhaschte Beth einen Blick auf Jemima, die unbemerkt von den anderen in ihrem weißen Lieblingskleid auf der Treppe saß und lauschte – eine silberne Spieluhr auf dem Schoß und tiefe Zornesfalten auf der Stirn.
Philomenas Redefluss war ungebrochen. »Einem Soldaten kann man ohnehin nicht trauen. Glaub mir, ich wollte es auch nicht wahrhaben, bis ich Cervante mit einer anderen im Bett erwischt habe. Merciér ist genauso ein Schönling, der es gewohnt ist, sich nicht anstrengen zu müssen. Solche Männer denken, sie könnten sich alles erlauben und ungestraft mit den Gefühlen anderer spielen. Du solltest ihm drohen, die Blauröcke zu rufen, wenn er nicht aufhört, dich zu bedrängen.«
Vinnies Regungslosigkeit bewies, dass er diese Tirade bereits des Öfteren über sich hatte ergehen lassen. Er schien jedes Wort auswendig zu kennen.
»Hast du mich gehört, Vinnie?«, fragte die Schwester und starrte den Bruder an, der keine Antwort gab, sondern wortlos durch die Terrassentür nach draußen trat und seinen Lieblingsplatz unter der Tanne ansteuerte. Philomena seufzte tief aus der Brust heraus und schüttelte den Kopf, ehe sie Beth bemerkte und ihre sorgenvolle Miene sich aufhellte. »Tante Beth, du bist schon zurück. Soll ich dir eine heiße Schokolade machen? Mit den Plätzchen, die du so magst?«
Beatrice tat ihrer Tochter den Seufzer nach und nickte Beth zu, ehe sie sich wieder dem Obst widmete, obwohl es gerade Wichtigeres zu geben schien. Aber das war typisch Beatrice. Das Einzige, für das sie jemals gekämpft hatte, waren die Namen ihrer Kinder – den Erstgeborenen ausgenommen – und ihr Familienname. Es wäre ja nicht auszudenken gewesen, plötzlich keine Stanhope mehr zu sein, nur weil man einem Mann seine Hand gab.
Davon abgesehen zeigte Beatrice sich stets zurückhaltend, stets duldsam. Bloß nirgendwo einmischen, sondern darauf warten, dass sich die Dinge von selbst regeln. Ein Ansatz, dem Beth so gar nichts abgewinnen konnte.
Sie setzte ein Lächeln auf, schüttelte aber zugleich den Kopf. »Danke für das Angebot, Schätzchen, aber ich möchte erst mit deinem Bruder sprechen.«
»Hast du das mit dem aufdringlichen Soldaten mitbekommen?«, fragte Philomena, die Miene wieder ein einziger Schatten aus Besorgnis.
»Ich bin dem Jungen zufällig vor der Tür begegnet, ja.«
»Vielleicht kannst du Vinnie davon überzeugen, dass er diesem Taugenichts gegenüber das nächste Mal deutlicher werden muss. Ich würde mir den Nichtsnutz selbst zur Brust nehmen, aber ich fürchte, damit würde ich Vinnie nur noch weiter vorführen.«
Laut Henri hatte sie sich ihn bereits hart genug zur Brust genommen. So nachdrücklich, dass er es nicht wagte, sein Geschenk vor der Tür stehen zu lassen.
Beth ließ das Anliegen ihrer Nichte unkommentiert und trat auf die Veranda hinaus, um sich ein weiteres Mal durch Schnee zu kämpfen. Mit um den Oberkörper geschlungenen Armen folgte sie Vinnies Spuren bis zu der grün gestrichenen Holzbank, von der aus man die Vogelhäuschen im Blick hatte. Ein paar Blaumeisen bedienten sich an den Nüssen und verteilten dabei die weniger beliebten Haferflocken auf der dicken Schneedecke unter ihnen.
Vinnie saß auf der Bank und hatte gerade keine Augen für die Vögel.
»Darf ich mich setzen?«, fragte sie den jungen Mann, der unsicher zu ihr aufsah und schließlich ein schwaches Nicken zur Antwort gab.
Sie nahm neben ihm Platz und ließ ein paar Minuten in Stille vergehen.
»Der beharrliche Bursche hat dich also bloßgestellt, ja?«, begann sie vorsichtig.
»Er hat mich vor einem ganzen Saal voller Soldaten bis auf die Knochen blamiert«, gab Vinnie gepresst zurück und starrte stur geradeaus. Wie Henri zuvor rieb auch er seine blassen Hände aneinander. Seine Schultern und seine Kieferpartie waren angespannt. Er war es gewohnt, dass ihn seine Kommilitonen mit Respekt behandelten; dass Professoren und Ärzte ihn hofierten; dass eine ganze Schar Medizinstudenten ehrfürchtig lauschend an seinen Lippen hing. Mit dem rüpelhaften Verhalten eines unbeholfen flirtenden Soldaten, der in seinem Eifer weit übers Ziel hinausschoss, war er gewiss noch nie konfrontiert worden. Kein Wunder, dass er nicht damit umzugehen gewusst hatte.
»Und das kannst du ihm auch nach all den Monaten nicht vergeben?«, hakte sie behutsam nach.
Mit einem Lippenlecken wandte Vinnie sich von ihr ab, um tief Luft zu holen und der Frage schließlich auszuweichen. »Philomena hat dir doch sicher gesagt, was sie von ihm hält.«
»Deine Schwester ist verletzt und enttäuscht. Ihr Herz ist gebrochen und muss erst noch heilen. Das ist alles nachvollziehbar und dennoch bleibt es unfair, dass sie Cervantes schlechten Charakter auf deinen Soldaten projiziert.«
»Er ist nicht mein Soldat«, protestierte Vinnie, doch seine geröteten Wangen übertönten seine Widerworte und beantworteten die Frage, ob hier nicht doch noch ein Funken Hoffnung auf ein Happy End zu finden war.
»Es scheint mir aber, er wäre es gern«, erwiderte Beth schmunzelnd. »So hartnäckig, wie er sich um deine Vergebung bemüht.«
»Diese Hartnäckigkeit ist einer der Gründe, warum ich Philomenas Theorien nicht von der Hand weisen kann. Die ersten beiden Male habe ich ihn aus Wut und Trotz fortgeschickt. Als er zum dritten Mal gekommen ist und auch noch ein Geschenk dabei hatte, blieb nur noch Misstrauen übrig. Warum sollte ihm die Sache so wichtig sein? Weshalb akzeptiert er nicht einfach, dass ich seine Entschuldigung nicht annehmen möchte?«
»Vielleicht liegt ihm etwas daran, dich kennenzulernen?«
»Die Offiziere nennen ihn Rapscallion, seine Kameraden den Ungezügelten, während sie mich als Muttersöhnchen bezeichnen. Ich wüsste nicht, was ihn an mir reizen könnte, außer der Herausforderung.«
»Du bist kein Muttersöhnchen, Vinnie. Du bist ein junger Mann, der sich seiner Vorzüge augenscheinlich noch nicht ganz bewusst ist. Die Leute, die so etwas behaupten, irren sich in dir und vielleicht irren sie sich auch in Merciér.«
»Ich kann nicht riskieren, herauszufinden, ob das wahr ist.«
»Warum nicht?«
»Weil ich bei Philomena gesehen habe, wie es enden kann, und weil er … weil er mir gefährlich werden könnte.« Er schluckte sichtbar. »Schon bevor ich den Saal betreten habe, war es Merciér, der meine Blicke auf sich gezogen hat. Noch gänzlich ohne sein Zutun.« Seine Zungenspitze schnellte hervor, um seine ausgekühlten, sich bereits bläulich färbenden Lippen zu befeuchten. »Es gefällt mir, wenn er herkommt. Schlimmer noch, es ist der beste Tag des ganzen Monats, nur weil er fünfzehn Schritte neben mir hergeht. Er hat mich aufs Schlimmste gedemütigt und dennoch klopft mein Herz schneller, jedes Mal, wenn ich ihn sehe. Ein unleugbarer Beweis dafür, dass ich auf ihn reinfallen würde, sollte er es nicht ehrlich meinen. Was ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann. Es würde jeder Statistik widersprechen.«
»Es ist mir neu, dass Ärzte Statistiken dieser Art aufstellen.«
Vinnie ging nicht darauf ein. »Merciér ist außerdem ein Großmaul. Ein höchst wortgewandtes Exemplar. Er hat mich einmal übervorteilt und könnte es jederzeit wieder tun, wenn ihm der Sinn danach steht.«
»Du wirst dir niemals über seine wahren Absichten im Klaren werden, wenn du es nicht auf einen Versuch ankommen lässt. So läuft das nun mal, Vinnie. Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit, ob jemand dein Vertrauen wert ist.«
»Philomena sagt, dass …«
»Philomena meint es gut mit dir, daran hege ich nicht den geringsten Zweifel. In den ersten drei Jahren deines Lebens ist sie dir nicht von der Seite gewichen. Ich werde nie vergessen, wie dieses damals sieben oder acht Jahre alte Mädchen eine betagte Dame auf dem Marktplatz zur Schnecke gemacht hat, weil sie einen Blick in den Kinderwagen werfen wollte. Niemand durfte dir zu nahe kommen. Schon gar keine Fremden. Mir scheint, es ist an der Z-«
Beatrice öffnete die Terrassentür und winkte ihnen mit einem blauen Geschirrtuch. »Marcus ist jetzt da! Kommt rein und begrüßt ihn und seine Lieben!«
»Wir sind sofort da, Schwesterherz!«, rief Beth zurück und wartete, bis die Tür wieder in den Rahmen gedrückt wurde. »Deine Schwester will dich beschützen, wie sie das seit jeher getan hat. Aber in diesem Fall musst du dir selbst ein Urteil bilden und das kannst du nur, indem du dem Jungen eine Chance einräumst.«
Sie strich ihr Kleid über den Oberschenkeln glatt und erhob sich. Das Seufzen ihres Neffen drang ihr ans Ohr und sie drehte sich zu ihm um. »Und wenn du mein Urteil hören möchtest, sage ich nur so viel: Cervante hätte nach dem ersten lieblosen Versuch einer Entschuldigung aufgegeben, seinen wahllos aus einem Wasserkübel auf dem Markt gefischten Blumenstrauß vor die Tür geworfen und mit der Sache abgeschlossen.«
Vinnie blickte aus braunen Augen zu ihr auf. Unsicherheit und Zweifel beschatteten sein Gesicht, doch hinter der Dunkelheit lauerte eine Sehnsucht, von der sie zu wissen glaubte, wem sie galt.
Kopfschüttelnd fuhr sie fort. »Cervante wäre kein zweites Mal, geschweige denn ein drittes, viertes oder fünftes Mal gekommen. Nicht für eine Wette, nicht für sein Ego und schon gar nicht aus Zuneigung. Wollen wir Merciér also bitte nicht vorwerfen, sich nicht anzustrengen.« Sie legte die Stirn in Falten. »Irgendwann wird er jedoch den Mut verlieren und aufgeben. Bevor es so weit ist, solltest du dir darüber klar werden, ob das wirklich das ist, was du möchtest.« Nach einem kleinen Lächeln marschierte sie durch den Garten und trat sich die Schuhe ab, bevor sie ins Haus ging. Ein Blick über die Schulter zeigte ihr Vinnie, der gedankenverloren in den Schnee zu seinen Füßen starrte.
*
Beatrice schleppte ein Tablett voller Bratäpfel aus der Küche, um ihren Ältesten zu verwöhnen, der auch gleich freudig strahlend die erste und größte Portion an sich riss. Seine Gattin Lucia zeigte derweil dem in ein rosafarbenes Tuch gepuckten Säugling den aufgeputzten Weihnachtsbaum, der das Wohnzimmer mit Tannenduft beseelte. Die kleine Amara würdigte die Aussicht mit gebrabbelten Lauten, bei denen ihr Schaumbläschen aus dem Mund kamen.
Philomena kam die Treppe herunter und raunte ihrer Mutter ein paar Worte zu. »Sie hat sich in ihrem Zimmer eingeschlossen. Ich habe nicht die geringste Ahnung, welche Laus ihr wieder über die Leber gelaufen ist, und sie will mich auch nicht erhellen. Sie will ihren Bruder jetzt nicht begrüßen, sondern einfach nur ihre, ich zitiere, gottverdammte Ruhe.«
»Hach, du meine Güte, wo sie nur immer diese schrecklichen Fluchwörter her hat«, echauffierte sich Beatrice, die offenkundig noch nie ein wirklich schlimmes Fluchwort gehört hatte, und verschwand in der Küche, während Philomena sich zu den anderen gesellte.
»Die Kleine ist richtig goldig«, lobte sie und verwickelte Lucia in ein Gespräch, welches Beth dazu nutzte, um zwei Windringe vom Baum zu stibitzen und sich die Treppe hinaufzustehlen.
Auf der obersten Stufe angekommen hörte sie unten die Terrassentür zugehen und kurz darauf Marcus’ erfreuten Ausruf: »Da ist ja mein verboten intelligenter Bruder. Komm her und lass dich umarmen, Herr Doktor.«
Beth folgte dem dunkelgrauen Läufer und klopfte an die letzte Tür im Flur.
»Wie oft muss ich es noch sagen?!«, kam dumpf, aber zornig von drinnen.
»Ich habe hier einen Windkringel, den du vielleicht in deiner gottverdammten Ruhe naschen möchtest. So ein Windkringel ist ja eher wortkarg.«
Jemima gab ein gedämpftes Kichern von sich. »Welche Farbe hat der?«
»Oh, ist das denn wichtig?«
»Du weißt, wie wichtig das ist, Tante Beth!«
»Hmmm, vielleicht«, gestand Beth schmunzelnd. »Aber wenn du es wirklich wissen willst, musst du schon selbst nachsehen, meine Liebe.«
Es folgte ein langes Zögern, dann drehte sich ein Schlüssel im Schloss und die Tür ging einen Spaltbreit auf. Jemima spähte mit honigfarbenen Augen heraus. Augen, die eine Nuance heller wurden, als sie zwei weiße Windringe mit bunten Zuckerstreuseln darauf erblickten. Wenn es nach Jemima ging, müsste die ganze Welt weiß sein. Mehr als einmal hatte sie versucht, ihr dunkles Haar mit weißer Kreide zu färben. Erst, als Philomena gedroht hatte, ihr Zimmer rosa zu streichen, hatte das aufgehört.
»Darf ich reinkommen?«, fragte Beth und wackelte mit den Windringen.
Das bestechliche Kindchen zog die Tür noch weiter auf und ließ sie in ihr Reich eintreten, um hinter ihr sorgfältig abzuschließen. Um der gottverdammten Ruhe willen natürlich.
Der ganze Raum erstrahlte in makellosem Weiß. Die Wände, das Bett mit der reich bestickten Tagesdecke darauf, die unzähligen Kissen, unter denen man den Ertrag eines erfolgreichen Bankraubes begraben könnte, die Stofftiere, Schränke, Bilderrahmen, Vorhänge erstrahlten in verschiedensten Weißtönen. Einzig und allein die Bücher in den Regalen sorgten für etwas Farbe.
Beth nahm auf der gepolsterten Bank im Erkerfenster Platz und wartete, bis Jemima sich mit der Spieldose in der Hand zu ihr gesellte. Die Kleine platzierte das schöne Stück, das eindeutig aus einem Antiquitätenladen stammte, auf ihrem Schoß und ließ mit kummervoller Miene ihre Fingerspitzen über den mit Ornamenten verzierten Deckel gleiten.
Dennoch wollte Beth das Thema nicht anschneiden, bevor die Süßigkeiten vertilgt waren. Daher reichte sie Jemima einen der Windkringel und brach den ihren entzwei, um ein Stückchen davon zu naschen.
Jemima tat es ihr mit einem verschmitzten Grinsen gleich, welches eine Lücke neben den Schneidezähnen offenbarte. »Eigentlich dürfen wir die noch gar nicht essen.«
»Ich weiß«, antwortete Beth in einem verschwörerischen Flüstern. »Deshalb schmecken sie heute ganz besonders gut.«
Sie lachten zusammen, aßen dann in einvernehmlicher Stille und blickten aus dem Fenster den erneut fallenden Schneeflocken hinterher.
»Köstlich«, murmelte Jemima und zog beim letzten Bissen mit geschlossenen Augen und gerecktem Kinn eine genießerische Miene. Mit einem Seufzen kehrte sie ein paar Brösel von ihrem Kleid und der Spieluhr.
»Kannst du sie für mich spielen lassen?«, fragte Beth.
Nickend griff Jemima nach dem Aufziehschlüssel, um einen Hebel an der Seite zu betätigen. Die runde Platte am Deckel sprang auf und ein Vögelchen tanzte fröhlich zwitschernd auf einer goldfarbenen Messingplatte.
Es war das feine, präzise Werk eines Uhrmachers, das den Sold eines verzweifelten Soldaten ziemlich erschöpft haben musste.
Wertschätzend lächelnd berührte Beth den Vogel, nachdem er verstummt war. »Die ist etwas Besonderes. Die musst du gut in Ehren halten.«
Jemima machte eine ernste Miene. »Ich weiß. Das werd ich.«
»Was denkt deine Mutter, von wem du die hast?«
Die Kleine war klug. Sie begriff sofort, was die Frage implizierte. Ertappt sog sie die Lippen in den Mund und hüllte sich in Schweigen, weil sie das Glatteis unter den Füßen spürte.
Beth lächelte milde. »Ich habe vorhin mit Henri gesprochen. Unter dem Baum dort.« Sie deutete mit ausgestrecktem Finger auf die Bank und besagten Baum. »Du darfst mir ruhig die Wahrheit sagen.«
Kleine Zähne zerkauten eine Unterlippe, bis Jemima eine Entscheidung getroffen hatte. »Ich hab Mama erzählt, ich hätte sie in der Schule beim Buchstabierwettbewerb gewonnen.«
»Ganz schön gewieft.«
Schmale Schultern zuckten hoch nach oben. »Henri würde Ärger bekommen. Noch mehr. Es sind ohnehin alle wütend auf ihn. Total doof. Alle sind gemein zu ihm, obwohl er sich doch entschuldigen will. Dabei sagt Mama, man kann jeden Fehler wiedergutmachen, wenn man sich bloß dafür entschuldigt und es aufrichtig meint. Ich hab immer gedacht, das würde stimmen. Im Sommer habe ich Lizzie mal eine blöde Kuh genannt und ihr ein Bonbon ins Haar geklebt, weil sie behauptet hat, meine Geistergeschichten wären nicht gruselig genug. Am nächsten Tag hab ich neue Bonbons mitgebracht und Lizzie gesagt, dass es mir leidtut. Dann hat sie sich auch entschuldigt, wir haben uns umarmt und alles war wieder in Ordnung.« Sie schnaubte entnervt. »Aber anscheinend gelten für die Erwachsenen mal wieder andere Regeln als für uns Kinder.«
»Erwachsene machen sich meist zu viele Gedanken, als dass sie ihren Gram so einfach beiseitelassen könnten. Sie haben zu viel Angst davor, verletzt zu werden.«
»Aber Henri meint es ehrlich.
