Ein Soldat unter dem Mistelzweig - Tharah Meester - E-Book

Ein Soldat unter dem Mistelzweig E-Book

Tharah Meester

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Beschreibung

Seit Henri sich gegenüber dem unverschämt attraktiven Dozenten, der sein Herz höher schlagen lässt, wie ein großkotziger Halbstarker benommen hat, kämpft er ebenso verbissen wie erfolglos um dessen Vergebung. Als er eine weitere Niederlage einstecken muss, will er den Beweis seiner unerwiderten Zuneigung im Meer versenken. Doch eine resolute alte Dame legt Einspruch ein und zwingt ihn, die Weihnacht ihre Wunder wirken zu lassen. Aber können funkelnde Lichter, der Duft von Tannennadeln und ein Mistelzweig über seinem Kopf ihm wirklich die Liebe seines Angebeteten verschaffen?

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ein Sol­dat

un­ter dem Mi­stel­zweig

 

 

Tha­rah Mees­ter

 

In­halts­ver­zeich­nis

 

In­halts­ver­zeich­nis

Vor­wort

Ve­ni­ci­sche Weih­nachts­ma­gie

Die Stadt

Son­die­rung der Lage

In­fil­tra­ti­on

Ka­pi­tu­la­ti­on

Epi­log

Al­les be­gann …

Nach­wort

Dank­sa­gung

Le­se­pro­be – Die­ser gott­ver­damm­te Weih­nachts­blues

Über die Au­to­rin

Im­pres­s­um

 

 

 

 

 

Für all jene, de­nen es schwer fällt, zu ver­ge­ben.

Und für alle, die ge­ra­de um je­man­des Ver­ge­bung kämp­fen.

 

Vor­wort

 

Lie­be Le­se­rin, lie­ber Le­ser!

 

End­lich ist es so weit! *ju­bel* Be­stimmt fragst du dich, was es mit die­ser For­mu­lie­rung auf sich hat. Lei­der darf ich dar­über kein Wort tip­pen, ehe du nicht die Ge­schich­te ge­le­sen hast. Schließ­lich will ich dir die Über­ra­schung nicht ver­der­ben. Also los, lies! Wir spre­chen uns dann im Nach­wort.

 

Hab viel Freu­de im weih­nacht­lich-zau­ber­haf­ten Ve­ni­ce!

 

Dei­ne Tha­rah

 

Ve­ni­ci­sche Weih­nachts­ma­gie

 

Wenn in Ve­ni­ce die Weih­nacht naht

mit Schnee und Rau­schen im­mer zart

ein je­des Herz dann hö­her schlägt

in glü­hend hei­ßer Lie­be ver­geht.

 

So strah­lend die Lich­ter

leuch­tend die Ge­sich­ter

der Mond liegt schön und schwer

über dun­kel­schwa­r­zem Meer.

 

Wer ein­mal dich so bei Nach­te sieht

dei­ner Pracht zu Fü­ßen kniet.

 

Die Stadt

 

 

Son­die­rung der Lage

 

Zar­te Schnee­flo­cken wir­bel­ten durch die Luft und lan­de­ten ge­schmei­dig auf den Wel­len. Für je­man­den, der nicht am Meer wohn­te, ein Spek­ta­kel, des­sen Fas­zi­na­ti­on sich nicht ein­mal eine so le­bens­er­fah­re­ne Dame wie Miss Beth ent­zie­hen konn­te. Dar­über hin­aus herrsch­te hier drau­ßen eine Stil­le, die es in ei­nem Haus, in dem sich eine Fa­mi­lie zum Weih­nachts­fest ver­sam­mel­te, na­tur­ge­mäß nicht ge­ben konn­te. Die küh­le Luft und eine Zi­ga­ret­te im Spitz ge­ni­e­ßend saß sie auf ei­ner Park­bank am Stra­ßen­rand und ließ ih­ren Hut und die Man­tel­schul­tern weiß wer­den. Auf ih­rem Schoß ruh­te eine Ein­kaufs­ta­sche, in der sich ein paar Klei­nig­kei­ten be­fan­den, die den be­reits ge­kauf­ten Ge­schen­ken den letz­ten Schliff ver­lei­hen wür­den. Der Baum zu ih­rer Rech­ten bog sich un­ter der Last des Schnees. Den Zi­ga­ret­ten­spitz zwi­schen die Lip­pen ge­klemmt, zog sie an ei­nem der tief­lie­gen­den Äste und ließ ihn zu­rück­schna­l­zen. Schnee platsch­te dumpf zu Bo­den und ge­sell­te sich dort zu mehr Schnee. Nun war die Sicht auf den jun­gen Mann wie­der frei, der zwei Bän­ke wei­ter mit sich selbst kämpf­te. Ner­vös wan­der­te er ste­tig drei Schritt weit auf und ab. Er trug die pe­ni­bel sau­be­re Uni­form ei­nes Sol­da­ten und ein Päck­chen un­ter dem Arm. Sein dun­kel­blon­des Haar war vom vie­len Rau­fen zer­zaust, das Deck­haar dicht und leicht ge­wellt.

Als ein paar Me­ter wei­ter vor­ne hin­ter ei­ner Kut­sche und ein paar Schul­mäd­chen, die der fried­vol­len Stil­le ein Ende mach­ten, ein wei­te­rer jun­ger Mann um die Ecke in die Stra­ße ein­bog, stieß der Sol­dat so hef­tig Luft aus, dass so­gar Miss Beth es hö­ren konn­te. Mit mi­li­tä­ri­scher Ve­he­menz zupf­te er sich das Re­vers zu­recht und hät­te da­bei fast das in dun­kel­blau­es Samt­pa­pier ge­wi­ckel­te Ge­schenk fal­len ge­las­sen. Ohne Zwei­fel ver­setz­te ihn der An­blick des an­de­ren in Auf­ruhr, wenn nicht gar in Pa­nik.

Die Kut­sche fuhr vor­bei. Miss Beth zog an ih­rem Zi­ga­ret­ten­spitz und blies den Qualm Rich­tung Meer, um sich da­von nicht die Sicht ver­ne­beln zu las­sen. Nicht aus­ge­rech­net jetzt, wo es span­nend zu wer­den ver­sprach!

Der neu hin­zu­ge­kom­me­ne Bur­sche im schwa­r­zen Win­ter­man­tel über­hol­te die Mäd­chen, die es of­fen­bar nicht ei­lig hat­ten und hin­ter ihm eine Schnee­ball­schlacht vom Zaun bra­chen. Den Blick starr nach vor­ne ge­rich­tet schob der jun­ge Mann sich den Rie­men sei­ner Um­hän­ge­ta­sche auf der Schul­ter zu­recht und griff sich an die schwa­rz ge­rahm­te Horn­bril­le, die zu sei­nem erns­ten Ge­sicht und dem streng ge­schei­tel­ten Haar pass­te. Erst nach­dem er einen Schlüs­sel­bund aus der Man­tel­ta­sche ge­zo­gen hat­te, be­merk­te er, dass ihm auf­ge­lau­ert wor­den war. Ruck­ar­tig wand­te er sich von dem Sol­da­ten ab, der ihn auf dem Geh­weg ab­zu­fan­gen ver­such­te. Sei­ne Wan­gen un­ter den Bril­len­glä­sern wa­ren plötz­lich in rosa Fa­r­be ge­taucht und er zog die Schul­tern hoch, wäh­rend er sich an dem Uni­for­mier­ten vor­bei­dräng­te und da­bei jeg­li­chen Au­gen­kon­takt ver­mied, ob­wohl es sei­nen Blick sehr wohl in Rich­tung des Sol­da­ten zu zie­hen schien. Kaum ver­wun­der­lich bei die­ser Au­gen­wei­de. Doch je­ner woll­te er sich of­fen­kun­dig gänz­lich ver­schlie­ßen, wie auch den un­be­hol­fe­nen An­nä­he­rungs­ver­su­chen und dem sorg­sam ver­pack­ten Ge­schenk, das er nicht ent­ge­gen­nahm, ob­gleich man es ihm mit lei­se ge­stam­mel­ten Bit­ten auf­zu­drän­gen ver­such­te.

Ei­lig nahm der Bur­sche ein paar Stu­fen nach oben, um dem Sol­da­ten gleich dar­auf ein schma­les Gar­ten­tor mit ei­nem dar­an pran­gen­den S aus Schmie­de­ei­sen vor der Nase zu­zu­knal­len und den Kies­weg zur mit Säu­len ge­schmück­ten Ein­gangs­tür ent­lang­zu­has­ten. In ei­nem der obe­ren Fens­ter zog ein klei­nes Mäd­chen schein­bar wü­tend den Vor­hang vor. Nach ei­ni­gen Se­kun­den fiel die Haus­tür ins Schloss und ver­ur­sach­te da­bei ein Ge­räusch, auf das eine drü­cken­de Stil­le hät­te fol­gen müs­sen, wenn sich das Le­ben nach dem Leid ein­zel­ner rich­ten wür­de. Doch das tat es be­kann­ter­ma­ßen nicht. So war es statt­des­sen das aus­ge­las­se­ne La­chen der Schul­mäd­chen, wel­ches die Ver­zweif­lung des Sol­da­ten un­ter­mal­te, der sich grob übers Ge­sicht wisch­te und die Fin­ger ein paar Se­kun­den zu lan­ge vor den Au­gen ver­wei­len ließ, um sich nicht ver­däch­tig zu ma­chen.

Plötz­lich mach­te er kehrt und kam auf den mit Bän­ken ge­säum­ten Spa­zier­weg zu­rück. Ziel­stre­big steu­er­te er die stei­ner­ne Brüs­tung an und hol­te aus, um das ver­schmäh­te Ge­schenk in ho­hem Bo­gen ins Meer zu wer­fen.

»Veto!« Ihr Ruf ließ den Sol­da­ten in­ne­hal­ten und ver­wirrt in ihre Rich­tung bli­cken. »Viel­leicht gebt Ihr dem Prä­sent eine zwei­te Chan­ce?«

Dunk­le Wim­pern senk­ten sich ge­quält über tief­blaue Au­gen. »Es hat­te schon we­sent­lich mehr als zwei Chan­cen, Ma’am.«

»Sol­len wir dar­über spre­chen, ehe Ihr et­was tut, das Ihr spä­ter viel­leicht be­reut?«, schlug sie vor und wur­de den Zi­ga­ret­ten­stum­mel los, um den Spitz in ihre Ta­sche zu wer­fen.

»Sinn­los, dar­über zu re­den. Er wird’s nie an­neh­men und ich kann es ihm nicht vor die Tür le­gen, weil sei­ne äl­te­re Schwes­ter mir glaub­haft an­ge­droht hat, es un­ge­öff­net in den Ka­min zu wer­fen.«

»Es kann sich also zwi­schen den Flu­ten und den Flam­men ent­schei­den. Möch­tet Ihr mich we­nigs­tens einen Blick hin­ein­wer­fen las­sen, da­mit es nicht gänz­lich ohne Wert­schät­zung aus die­sem Da­sein schei­det?« Sie rück­te ein Stück zur Sei­te und tät­schel­te auf­for­dernd den frei ge­wor­de­nen Platz ne­ben sich.

Zö­ger­lich kam der Sol­dat nä­her und setz­te sich zu ihr. Ein Seuf­zen ent­rang sich ihm und er reich­te ihr das Ge­schenk.

»Darf ich?«, frag­te sie und zog nach sei­nem Ni­cken die Ma­sche auf, um einen in lie­be­vol­ler Klein­ar­beit ver­zier­ten Holz­kas­ten aus dem Pa­pier zu wi­ckeln. Als sie ihn an der gol­de­nen Schnal­le seit­lich öff­ne­te und auf­klapp­te, be­griff sie mit ei­ni­gem Stau­nen, dass sie das schöns­te Back­gam­mon-Spiel, das sie je ge­se­hen hat­te, in den Hän­den hielt. »Das ist … Wo habt Ihr das her?«

»Ich habe es selbst an­ge­fer­tigt«, ge­stand der Sol­dat mit ro­ten Oh­ren und leck­te sich die Lip­pen. »Mein On­kel hat mir da­bei ge­hol­fen, aber es ist den­noch nicht so per­fekt ge­wor­den, wie ich mir das er­hofft hat­te. Hier, seht.« Er deu­te­te mit dem Fin­ger auf einen an­geb­li­chen Ma­kel, den sie beim bes­ten Wil­len nicht aus­ma­chen konn­te. »Da hab ich die Hin­ter­glas­ma­le­rei ver­patzt und die Ecke da ist un­sau­ber. Und ein paar der Spiel­stei­ne ha­ben klei­ne Ris­se, weil ich das Ma­te­ri­al nicht kor­rekt be­a­r­bei­tet habe.« Er stieß Luft aus. »Wisst Ihr, wenn ich so dar­über nach­den­ke, ist der Mee­res­grund viel­leicht ge­nau der rich­ti­ge Ort da­für.«

Miss Beth ließ sich das Spiel nicht aus der Hand neh­men, son­dern schlug die Fin­ger fort, die da­nach grei­fen woll­ten. »Un­ter­steht Euch, Eure Ar­beit der­art ge­ring­zu­schät­zen. Das hier ist wun­der­schön und ver­dient einen Eh­ren­platz an je­man­des Spiel­tisch. Ganz si­cher nicht eine Ver­ban­nung auf den Mee­res­bo­den.«

Der Bur­sche senk­te das Haupt und rieb sich ver­stoh­len die Hän­de, die er zwi­schen leicht ge­spreiz­ten Kni­en von sich ge­streckt hielt. »Wie ich Euch be­reits er­klärt habe, wird es al­ler­dings nie an je­man­des Spiel­tisch lan­den. Der, für den es be­stimmt ist, will es nicht ha­ben. Und ein an­de­rer be­kommt es nicht.«

Auf die Spiel­stei­ne hin­abbli­ckend, die in Gold und Sil­ber ge­hal­ten und mit ed­len Vo­gel­mo­ti­ven ver­ziert wa­ren, frag­te Miss Beth: »Möch­tet Ihr mir er­zäh­len, wes­halb man Euer Ge­schenk nicht an­neh­men will?«

»Es war als Ent­schul­di­gung ge­dacht. Aber die ist un­er­wünscht und wird es auch für im­mer blei­ben.«

»Das könnt Ihr nicht wis­sen.«

»Sie ist ihm seit sechs Mo­na­ten un­will­kom­men. Je­den Mo­nat kom­me ich trotz­dem her und ver­su­che es aufs Neue. Sagt mir, wie ich nach ei­nem hal­b­en Jahr nicht die Hoff­nung ver­lie­ren soll!«

»Ver­ra­tet mir, was Ihr ver­bro­chen habt, und ich fin­de viel­leicht eine Ant­wort.«

»Also, er … er ist … Do­zent an der me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät und ich …«, be­gann der Sol­dat stam­melnd, ehe er eine Pau­se mach­te und sich un­wirsch das Haar rauf­te. »Wir hat­ten da die­sen Lehr­gang. Ein Se­mi­nar, das uns bei­brin­gen soll­te, wie wir den Fel­dä­rz­ten zur Hand ge­hen kön­nen.«

»Ja?«

»Da­bei habe ich mich nicht mit Ruhm be­kle­ckert.«

»Was habt Ihr an­ge­stellt?«

»Ich hab … ich woll­te … mit ihm schä­kern«, kam un­ter hoch­ro­ten Wan­gen ge­flüs­tert zu­rück. »Hab ihn auf­ge­zo­gen und bin zu weit ge­gan­gen, so­dass ich ihn mit mei­nen an­züg­li­chen Kom­men­ta­ren letz­ten En­des vor al­len Leu­ten bloß­ge­stellt habe. Die an­de­ren ha­ben über ihn ge­lacht und ich hab … nichts da­ge­gen un­ter­nom­men. Ich hät­te ih­nen sa­gen müs­sen, sie sol­len ge­fäl­ligst die Klap­pe hal­ten. Und wenn ich ge­wusst hät­te, wie sehr ich ihn krän­ke, hät­te ich die mei­ne erst recht ge­hal­ten. Aber ich ver­damm­ter Trot­tel muss­te es ja un­be­dingt auf die Spit­ze trei­ben. Dar­auf­hin ist er aus dem Saal ver­schwun­den und hat die Gar­ni­son seit­her nicht wie­der be­tre­ten.«

»Und seit­her ver­sucht Ihr, Euch zu ent­schul­di­gen?«

Der Jun­ge nick­te und blick­te nach oben, weil der Schnee­fall ein so plötz­li­ches Ende fand, als hät­te je­mand einen Schirm über ih­nen auf­ge­spannt.

»Ihr seid äu­ßerst hart­nä­ckig«, stell­te Miss Beth fest. »War­um?«

Die Röte sei­ner Wan­gen ver­tief­te sich. »Weil er mir ge­fällt und ich nicht will, dass er so von mir denkt, wie er’s nach mei­nem schänd­li­chen Ver­hal­ten zwangs­läu­fig tun muss. Er hasst mich und … die­se Vor­stel­lung raubt mir den Schlaf, so däm­lich es klin­gen mag.«

»In mei­nen Oh­ren klingt es ganz und gar nicht däm­lich, mein Lie­ber«, er­wi­der­te sie und streck­te ihm ihre be­hand­schuh­ten Fin­ger ent­ge­gen. »Miss Beth.«

Eine schlan­ke Hand er­griff die ihre. »Sehr er­freut, Ma’am. Hen­ri Mer­ciér.«

»Darf ich fra­gen, wie Ihr auf die­ses Ge­schenk ge­kom­men seid, wenn Ihr den Mann doch of­fen­sicht­lich nicht nä­her zu ken­nen scheint?«

»Ich habe sei­ne klei­ne Schwes­ter be­sto­chen. Sie war erst höchst skep­tisch. Ver­ständ­lich. Sei­ne Fa­mi­lie hält nicht all­zu viel von mir. Wür­de ich auch nicht, wenn ich sie wäre.«

»Wie konn­tet Ihr das Mäd­chen auf Eure Sei­te zie­hen?«

»Sie sag­te, wenn ich ihr die schöns­te und edels­te Spiel­do­se brin­ge, die es in der Stadt zu kau­fen gibt, denkt sie dar­über nach, mir zu hel­fen. Ich habe gan­ze acht An­läu­fe ge­braucht, um ih­ren Ge­schmack zu tref­fen. Ich hat­te schon be­fürch­tet, man wür­de mich ver­haf­ten, ehe sie Gna­de mit mir wal­ten lässt. Ein Kerl, der vor ei­ner Schu­le für klei­ne Mäd­chen her­um­lun­gert und ei­nem Kind Ge­schen­ke zu­steckt, soll­te sich nicht wun­dern, wenn man ihn in Hand­schel­len ab­führt.«

»Ein durch­aus re­a­le Be­dro­hung«, grins­te Miss Beth. »Zum Glück konn­tet Ihr die­sem Schick­sal ent­ge­hen.«

»Ich war eben­falls heil­froh, das kann ich Euch sa­gen«, pflich­te­te Hen­ri ihr bei und zum ers­ten Mal husch­te so et­was wie ein Lä­cheln über sein Ge­sicht. Ei­nes, das sei­ne Züge ganz weich mach­te. »Es war ein Mo­dell aus Sil­ber mit ei­nem klei­nen Vo­gel un­ter dem De­ckel, das Miss Je­mi­ma schließ­lich er­wei­chen konn­te. Sie teilt die Schwä­che ih­res Bru­ders für Sing­vö­gel. Des­halb die Spiel­stei­ne.« Er deu­te­te dar­auf. »An­ge­sichts ih­rer neu­en Er­run­gen­schaft wur­de sie dann recht red­se­lig. Hat mir er­zählt, wie sehr ihr Bru­der das Back­gam­mon-Spiel liebt. Dass er sei­nen vol­len Vor­na­men hasst und sich da­her Vin­nie nen­nen lässt. Eine Ab­kür­zung, für die siehöchst­selbst ver­ant­wort­lich ist, wie sie mir drei Mal er­klärt hat. Dann noch, dass er der jüngs­te Do­zent in der Ge­schich­te der me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät des Lan­des ist und al­ler­hand pri­va­te­rer Din­ge. Sie konn­te gar nicht mehr auf­hö­ren zu re­den, als sie ein­mal da­mit an­ge­fan­gen hat­te. Sie ist ver­dammt stolz auf ih­ren Bru­der. Völ­lig zu Recht.«

»Ihr scheint ihn eben­falls zu be­wun­dern.«

»Wer wür­de das nicht?«, kam selbst­ver­ständ­lich zu­rück. »Ich wünsch­te bloß, ich hät­te mich dem­ent­spre­chend ver­hal­ten, als ich die Ge­le­gen­heit dazu hat­te.«

Miss Beth at­me­te tief aus, klapp­te das Spiel­brett zu und ließ es auf ih­rem Schoß ver­wei­len, wäh­rend sie nach­denk­lich aufs Meer hin­aus­blick­te. Ein Lä­cheln ruh­te auf ih­ren Lip­pen und in ih­rem Her­zen. »Wo wohnt Ihr, Hen­ri?«

»Äh, ich … habe ein Zim­mer in der Nähe der Ka­ser­ne. 513 Clea­rence Ave­nue.«

»Habt Ihr über die Fei­er­ta­ge vie­len Ver­pflich­tun­gen ge­gen­über Freun­den oder Fa­mi­lie nach­zu­ge­hen?«

Der jun­ge Sol­dat leck­te sich die Lip­pen und schüt­tel­te den Kopf, wäh­rend er im­mer noch sei­ne Fin­ger kne­te­te. »Gar kei­ne.«

Das war nun ein et­was merk­wür­di­ges Ge­ständ­nis. »Wie kann das sein, wenn Ihr mir die Nach­fra­ge er­laubt?«

»Na ja, mein On­kel hält nichts von Weih­nach­ten und … El­tern hab ich kei­ne.«

»Es tut mir leid, das zu hö­ren. Was ist mit Freun­den?«

»Ach, die meis­ten mei­ner Ka­me­ra­den kön­nen mich ganz gut lei­den und ich sie auch, aber … da reicht nichts so tief, als dass man die Fei­er­ta­ge zu­sam­men ver­brin­gen wür­de, wenn Ihr ver­steht, was ich mei­ne.«

»Durch­aus, mein Lie­ber. Durch­aus.«

Ver­le­gen stieß er Luft aus und rieb sich mit bei­den Hän­den übers Ge­sicht. »Ich kom­me hier ge­ra­de ziem­lich er­bärm­lich rü­ber, was?«

»Nicht im Ge­rings­ten«, ver­si­cher­te sie ihm mit ei­ner fast müt­te­r­li­chen Zu­nei­gung in der Brust. »Ich habe eine Bit­te an Euch, Hen­ri. Auch wenn es Euch schwer­fal­len mag, möch­te ich, dass Ihr dem be­rühmt-be­rüch­tig­ten Weih­nachts­wun­der eine Chan­ce gebt und Euer Meis­ter­werk noch für eine Wei­le be­hal­tet.« Sie reich­te ihm den Kas­ten und be­geg­ne­te sei­nem skep­ti­schen Blick mit ei­nem er­mu­ti­gen­den. »Ver­traut ei­ner al­ten Dame, die et­was da­von ver­steht. Tut mir den Ge­fal­len, Hen­ri, es kos­tet Euch ja nichts.«

Der Jun­ge ha­der­te mit sich. Schließ­lich nick­te er. »Ich weiß zwar nicht, wozu das gut sein soll, aber mei­net­we­gen.«

Mit ei­nem Ni­cken drück­te sie sich ihre Ein­kaufs­ta­sche an die Brust und stand auf. »Dann wün­sche ich Euch ein schö­nes Fest, mein Lie­ber. Und lasst den Kopf nicht hän­gen.«

»Euch eben­falls ein be­sinn­li­ches Fest, Ma’am. Ich wer­de mir Mühe ge­ben.« Wie­der ver­such­te er sich an ei­nem Lä­cheln, wel­ches ihm nur halb ge­lang.

Un­ter ih­ren Soh­len knirsch­te der Schnee, wäh­rend sie die Stra­ße über­quer­te.

Als sie das Gar­ten­tor mit dem prot­zi­gen S dar­an öff­ne­te, warf sie einen Blick über die Schul­ter und muss­te sich ein La­chen ver­knei­fen. Der scho­ckier­te Ge­sichts­aus­druck des schwer ver­lieb­ten Bur­schen war gött­lich. Sie zwin­ker­te ihm zu und mar­schier­te den Kies­weg ent­lang, um das Haus zu be­tre­ten, in wel­chem ihr Nef­fe kurz zu­vor ver­schwun­den war.

 

*

 

Der Duft von Bra­t­äp­feln stieg ihr in die Nase, schon be­vor sie die Kü­che be­trat, in der ihre äl­tes­te Nich­te Phi­lo­me­na vor sich hin schimpf­te.

Beths Schwes­ter Bea­trice stand vor dem Herd, schnitt Obst für den Punsch und nick­te un­be­stimmt vor sich hin, wäh­rend Vin­nie von der Da­men­front ab­ge­wandt vor den Fens­tern stand, die den Blick auf den weit­läu­fi­gen Gar­ten frei­ga­ben. Er trug im­mer noch Man­tel, Schal und Schu­he. Nur die Ta­sche hat­te er ab­ge­stellt.

Nie­mand nahm von Beth No­tiz, als sie sich in den Tür­rah­men stell­te.

Phi­lo­me­na saß bei Tisch und roll­te Teig aus – mit ei­ner Ge­walt, als müs­se sie ihm erst das Le­ben aus dem Leib pres­sen, be­vor sie ihn zu Plätz­chen ver­a­r­bei­ten konn­te. »Dass er gar nicht mehr auf­ge­ben will, zeigt ein­drü­ck­lich, wie recht ich von An­fang an hat­te. Ent­we­der will er sein Ego auf­po­lie­ren, in­dem er dich zur Ka­pi­tu­la­ti­on zwingt, oder er hat mit sei­nen Ka­me­ra­den eine schmäh­li­che Wet­te ab­ge­schlos­sen, wie es sol­che Ker­le ger­ne tun.«

Aus dem Au­gen­win­kel er­hasch­te Beth einen Blick auf Je­mi­ma, die un­be­merkt von den an­de­ren in ih­rem wei­ßen Lieb­lings­kleid auf der Trep­pe saß und lausch­te – eine sil­ber­ne Spiel­uhr auf dem Schoß und tie­fe Zor­nes­fal­ten auf der Stirn.

Phi­lo­me­n­as Re­de­fluss war un­ge­bro­chen. »Ei­nem Sol­da­ten kann man oh­ne­hin nicht trau­en. Glaub mir, ich woll­te es auch nicht wahr­ha­ben, bis ich Cer­van­te mit ei­ner an­de­ren im Bett er­wi­scht habe. Mer­ciér ist ge­nau­so ein Schön­ling, der es ge­wohnt ist, sich nicht an­stren­gen zu müs­sen. Sol­che Män­ner den­ken, sie könn­ten sich al­les er­lau­ben und un­ge­straft mit den Ge­füh­len an­de­rer spie­len. Du soll­test ihm dro­hen, die Blau­rö­cke zu ru­fen, wenn er nicht auf­hört, dich zu be­drän­gen.«

Vin­nies Re­gungs­lo­sig­keit be­wies, dass er die­se Ti­ra­de be­reits des Öf­te­ren über sich hat­te er­ge­hen las­sen. Er schien je­des Wort aus­wen­dig zu ken­nen.

»Hast du mich ge­hört, Vin­nie?«, frag­te die Schwes­ter und starr­te den Bru­der an, der kei­ne Ant­wort gab, son­dern wort­los durch die Ter­ras­sen­tür nach drau­ßen trat und sei­nen Lieb­lings­platz un­ter der Tan­ne an­steu­er­te. Phi­lo­me­na seufz­te tief aus der Brust her­aus und schüt­tel­te den Kopf, ehe sie Beth be­merk­te und ihre sor­gen­vol­le Mie­ne sich auf­hell­te. »Tan­te Beth, du bist schon zu­rück. Soll ich dir eine hei­ße Scho­ko­la­de ma­chen? Mit den Plätz­chen, die du so magst?«

Bea­trice tat ih­rer Toch­ter den Seuf­zer nach und nick­te Beth zu, ehe sie sich wie­der dem Obst wid­me­te, ob­wohl es ge­ra­de Wich­ti­ge­res zu ge­ben schien. Aber das war ty­pisch Bea­trice. Das Ein­zi­ge, für das sie je­mals ge­kämpft hat­te, wa­ren die Na­men ih­rer Kin­der – den Erst­ge­bo­re­nen aus­ge­nom­men – und ihr Fa­mi­li­enna­me. Es wäre ja nicht aus­zu­den­ken ge­we­sen, plötz­lich kei­ne Stan­ho­pe mehr zu sein, nur weil man ei­nem Mann sei­ne Hand gab.

Da­von ab­ge­se­hen zeig­te Bea­trice sich stets zu­rück­hal­tend, stets duld­sam. Bloß nir­gend­wo ein­mi­schen, son­dern dar­auf war­ten, dass sich die Din­ge von selbst re­geln. Ein An­satz, dem Beth so gar nichts ab­ge­win­nen konn­te.

Sie setz­te ein Lä­cheln auf, schüt­tel­te aber zu­gleich den Kopf. »Dan­ke für das An­ge­bot, Schätz­chen, aber ich möch­te erst mit dei­nem Bru­der spre­chen.«

»Hast du das mit dem auf­dring­li­chen Sol­da­ten mit­be­kom­men?«, frag­te Phi­lo­me­na, die Mie­ne wie­der ein ein­zi­ger Schat­ten aus Be­sorg­nis.

»Ich bin dem Jun­gen zu­fäl­lig vor der Tür be­geg­net, ja.«

»Viel­leicht kannst du Vin­nie da­von über­zeu­gen, dass er die­sem Tau­ge­n­ichts ge­gen­über das nächs­te Mal deut­li­cher wer­den muss. Ich wür­de mir den Nichts­nutz selbst zur Brust neh­men, aber ich fürch­te, da­mit wür­de ich Vin­nie nur noch wei­ter vor­füh­ren.«

Laut Hen­ri hat­te sie sich ihn be­reits hart ge­nug zur Brust ge­nom­men. So nach­drü­ck­lich, dass er es nicht wag­te, sein Ge­schenk vor der Tür ste­hen zu las­sen.

Beth ließ das An­lie­gen ih­rer Nich­te un­kom­men­tiert und trat auf die Ve­ran­da hin­aus, um sich ein wei­te­res Mal durch Schnee zu kämp­fen. Mit um den Ober­kör­per ge­schlun­ge­nen Ar­men folg­te sie Vin­nies Spu­ren bis zu der grün ge­stri­che­nen Holz­bank, von der aus man die Vo­gel­häus­chen im Blick hat­te. Ein paar Blau­mei­sen be­dien­ten sich an den Nüs­sen und ver­teil­ten da­bei die we­ni­ger be­lieb­ten Ha­fer­flo­cken auf der di­cken Schnee­de­cke un­ter ih­nen.

Vin­nie saß auf der Bank und hat­te ge­ra­de kei­ne Au­gen für die Vö­gel.

»Darf ich mich set­zen?«, frag­te sie den jun­gen Mann, der un­si­cher zu ihr auf­sah und schließ­lich ein schwa­ches Ni­cken zur Ant­wort gab.

Sie nahm ne­ben ihm Platz und ließ ein paar Mi­nu­ten in Stil­le ver­ge­hen.

»Der be­harr­li­che Bur­sche hat dich also bloß­ge­stellt, ja?«, be­gann sie vor­sich­tig.

»Er hat mich vor ei­nem gan­zen Saal vol­ler Sol­da­ten bis auf die Kno­chen bla­miert«, gab Vin­nie ge­presst zu­rück und starr­te stur ge­ra­deaus. Wie Hen­ri zu­vor rieb auch er sei­ne blas­sen Hän­de an­ein­an­der. Sei­ne Schul­tern und sei­ne Kie­fer­par­tie wa­ren an­ge­spannt. Er war es ge­wohnt, dass ihn sei­ne Kom­mi­li­to­nen mit Re­spekt be­han­del­ten; dass Pro­fes­so­ren und Ärz­te ihn ho­fier­ten; dass eine gan­ze Schar Me­di­zin­stu­den­ten ehr­fürch­tig lau­schend an sei­nen Lip­pen hing. Mit dem rü­pel­haf­ten Ver­hal­ten ei­nes un­be­hol­fen flir­ten­den Sol­da­ten, der in sei­nem Ei­fer weit übers Ziel hin­aus­schoss, war er ge­wiss noch nie kon­fron­tiert wor­den. Kein Wun­der, dass er nicht da­mit um­zu­ge­hen ge­wusst hat­te.

»Und das kannst du ihm auch nach all den Mo­na­ten nicht ver­ge­ben?«, hak­te sie be­hut­sam nach.

Mit ei­nem Lip­pen­le­cken wand­te Vin­nie sich von ihr ab, um tief Luft zu ho­len und der Fra­ge schließ­lich aus­zu­wei­chen. »Phi­lo­me­na hat dir doch si­cher ge­sagt, was sie von ihm hält.«

»Dei­ne Schwes­ter ist ver­letzt und ent­täuscht. Ihr Herz ist ge­bro­chen und muss erst noch hei­len. Das ist al­les nach­voll­zieh­bar und den­noch bleibt es un­fair, dass sie Cer­van­tes schlech­ten Cha­rak­ter auf dei­nen Sol­da­ten pro­ji­ziert.«

»Er ist nicht mein Sol­dat«, pro­tes­tier­te Vin­nie, doch sei­ne ge­röte­ten Wan­gen über­tön­ten sei­ne Wi­der­wor­te und be­ant­wor­te­ten die Fra­ge, ob hier nicht doch noch ein Fun­ken Hoff­nung auf ein Hap­py End zu fin­den war.

»Es scheint mir aber, er wäre es gern«, er­wi­der­te Beth schmun­zelnd. »So hart­nä­ckig, wie er sich um dei­ne Ver­ge­bung be­müht.«

»Die­se Hart­nä­ckig­keit ist ei­ner der Grün­de, war­um ich Phi­lo­me­n­as The­o­ri­en nicht von der Hand wei­sen kann. Die ers­ten bei­den Male habe ich ihn aus Wut und Trotz fort­ge­schickt. Als er zum drit­ten Mal ge­kom­men ist und auch noch ein Ge­schenk da­bei hat­te, blieb nur noch Miss­trau­en üb­rig. War­um soll­te ihm die Sa­che so wich­tig sein? Wes­halb ak­zep­tiert er nicht ein­fach, dass ich sei­ne Ent­schul­di­gung nicht an­neh­men möch­te?«

»Viel­leicht liegt ihm et­was dar­an, dich ken­nen­zu­ler­nen?«

»Die Of­fi­zie­re nen­nen ihn Raps­cal­li­on, sei­ne Ka­me­ra­den den Un­ge­zü­gel­ten, wäh­rend sie mich als Mut­ter­söhn­chen be­zeich­nen. Ich wüss­te nicht, was ihn an mir rei­zen könn­te, au­ßer der Her­aus­for­de­rung.«

»Du bist kein Mut­ter­söhn­chen, Vin­nie. Du bist ein jun­ger Mann, der sich sei­ner Vor­zü­ge au­gen­schein­lich noch nicht ganz be­wusst ist. Die Leu­te, die so et­was be­haup­ten, ir­ren sich in dir und viel­leicht ir­ren sie sich auch in Mer­ciér.«

»Ich kann nicht ris­kie­ren, her­aus­zu­fin­den, ob das wahr ist.«

»War­um nicht?«

»Weil ich bei Phi­lo­me­na ge­se­hen habe, wie es en­den kann, und weil er … weil er mir ge­fähr­lich wer­den könn­te.« Er schluck­te sicht­bar. »Schon be­vor ich den Saal be­tre­ten habe, war es Mer­ciér, der mei­ne Bli­cke auf sich ge­zo­gen hat. Noch gänz­lich ohne sein Zu­tun.« Sei­ne Zun­gen­spit­ze schnell­te her­vor, um sei­ne aus­ge­kühl­ten, sich be­reits bläu­lich fär­ben­den Lip­pen zu be­feuch­ten. »Es ge­fällt mir, wenn er her­kommt. Schlim­mer noch, es ist der bes­te Tag des gan­zen Mo­nats, nur weil er fünf­zehn Schrit­te ne­ben mir her­geht. Er hat mich aufs Schlimms­te ge­de­mü­tigt und den­noch klopft mein Herz schnel­ler, je­des Mal, wenn ich ihn sehe. Ein un­leug­ba­rer Be­weis da­für, dass ich auf ihn rein­fal­len wür­de, soll­te er es nicht ehr­lich mei­nen. Was ich mir beim bes­ten Wil­len nicht vor­stel­len kann. Es wür­de je­der Sta­tis­tik wi­der­spre­chen.«

»Es ist mir neu, dass Ärz­te Sta­tis­ti­ken die­ser Art auf­stel­len.«

Vin­nie ging nicht dar­auf ein. »Mer­ciér ist au­ßer­dem ein Groß­maul. Ein höchst wort­ge­wand­tes Ex­em­plar. Er hat mich ein­mal über­vor­teilt und könn­te es je­der­zeit wie­der tun, wenn ihm der Sinn da­nach steht.«

»Du wirst dir nie­mals über sei­ne wah­ren Ab­sich­ten im Kla­ren wer­den, wenn du es nicht auf einen Ver­such an­kom­men lässt. So läuft das nun mal, Vin­nie. Es gibt kei­ne hun­dert­pro­zen­ti­ge Si­cher­heit, ob je­mand dein Ver­trau­en wert ist.«

»Phi­lo­me­na sagt, dass …«

»Phi­lo­me­na meint es gut mit dir, dar­an hege ich nicht den ge­rings­ten Zwei­fel. In den ers­ten drei Jah­ren dei­nes Le­bens ist sie dir nicht von der Sei­te ge­wi­chen. Ich wer­de nie ver­ges­sen, wie die­ses da­mals sie­ben oder acht Jah­re alte Mäd­chen eine be­tag­te Dame auf dem Markt­platz zur Schne­cke ge­macht hat, weil sie einen Blick in den Kin­der­wa­gen wer­fen woll­te. Nie­mand durf­te dir zu nahe kom­men. Schon gar kei­ne Frem­den. Mir scheint, es ist an der Z-«

Bea­trice öff­ne­te die Ter­ras­sen­tür und wink­te ih­nen mit ei­nem blau­en Ge­schirr­tuch. »Ma­r­cus ist jetzt da! Kommt rein und be­grüßt ihn und sei­ne Lie­ben!«

»Wir sind so­fort da, Schwes­ter­herz!«, rief Beth zu­rück und war­te­te, bis die Tür wie­der in den Rah­men ge­drückt wur­de. »Dei­ne Schwes­ter will dich be­schüt­zen, wie sie das seit je­her ge­tan hat. Aber in die­sem Fall musst du dir selbst ein Ur­teil bil­den und das kannst du nur, in­dem du dem Jun­gen eine Chan­ce ein­räumst.«

Sie strich ihr Kleid über den Ober­schen­keln glatt und er­hob sich. Das Seuf­zen ih­res Nef­fen drang ihr ans Ohr und sie dreh­te sich zu ihm um. »Und wenn du mein Ur­teil hö­ren möch­test, sage ich nur so viel: Cer­van­te hät­te nach dem ers­ten lieb­lo­sen Ver­such ei­ner Ent­schul­di­gung auf­ge­ge­ben, sei­nen wahl­los aus ei­nem Was­ser­kü­bel auf dem Markt ge­fisch­ten Blu­men­s­trauß vor die Tür ge­wor­fen und mit der Sa­che ab­ge­schlos­sen.«

Vin­nie blick­te aus brau­nen Au­gen zu ihr auf. Un­si­cher­heit und Zwei­fel be­schat­te­ten sein Ge­sicht, doch hin­ter der Dun­kel­heit lau­er­te eine Sehn­sucht, von der sie zu wis­sen glaub­te, wem sie galt.

Kopf­schüt­telnd fuhr sie fort. »Cer­van­te wäre kein zwei­tes Mal, ge­schwei­ge denn ein drit­tes, vier­tes oder fünf­tes Mal ge­kom­men. Nicht für eine Wet­te, nicht für sein Ego und schon gar nicht aus Zu­nei­gung. Wol­len wir Mer­ciér also bit­te nicht vor­wer­fen, sich nicht an­zu­stren­gen.« Sie leg­te die Stirn in Fal­ten. »Ir­gend­wann wird er je­doch den Mut ver­lie­ren und auf­ge­ben. Be­vor es so weit ist, soll­test du dir dar­über klar wer­den, ob das wirk­lich das ist, was du möch­test.« Nach ei­nem klei­nen Lä­cheln mar­schier­te sie durch den Gar­ten und trat sich die Schu­he ab, be­vor sie ins Haus ging. Ein Blick über die Schul­ter zeig­te ihr Vin­nie, der ge­dan­ken­ver­lo­ren in den Schnee zu sei­nen Fü­ßen starr­te.

 

*

 

Bea­trice schlepp­te ein Ta­blett vol­ler Bra­t­äp­fel aus der Kü­che, um ih­ren Äl­tes­ten zu ver­wöh­nen, der auch gleich freu­dig strah­lend die ers­te und größ­te Por­ti­on an sich riss. Sei­ne Gat­tin Lu­cia zeig­te der­weil dem in ein ro­sa­fa­r­be­nes Tuch gepuck­ten Säug­ling den auf­ge­putz­ten Weih­nachts­baum, der das Wohn­zim­mer mit Tan­nen­duft be­seel­te. Die klei­ne Ama­ra wür­dig­te die Aus­sicht mit ge­brab­bel­ten Lau­ten, bei de­nen ihr Schaum­bläs­chen aus dem Mund ka­men.

Phi­lo­me­na kam die Trep­pe her­un­ter und raun­te ih­rer Mut­ter ein paar Wor­te zu. »Sie hat sich in ih­rem Zim­mer ein­ge­schlos­sen. Ich habe nicht die ge­rings­te Ah­nung, wel­che Laus ihr wie­der über die Le­ber ge­lau­fen ist, und sie will mich auch nicht er­hel­len. Sie will ih­ren Bru­der jetzt nicht be­grü­ßen, son­dern ein­fach nur ihre, ich zi­tie­re, gott­ver­damm­te Ruhe.«

»Hach, du mei­ne Güte, wo sie nur im­mer die­se schreck­li­chen Fluch­wör­ter her hat«, echauf­fier­te sich Bea­trice, die of­fen­kun­dig noch nie ein wirk­lich schlim­mes Fluch­wort ge­hört hat­te, und ver­schwand in der Kü­che, wäh­rend Phi­lo­me­na sich zu den an­de­ren ge­sell­te.

»Die Klei­ne ist rich­tig gol­dig«, lob­te sie und ver­wi­ckel­te Lu­cia in ein Ge­spräch, wel­ches Beth dazu nutz­te, um zwei Wind­rin­ge vom Baum zu sti­bit­zen und sich die Trep­pe hin­auf­zu­steh­len.

Auf der obers­ten Stu­fe an­ge­kom­men hör­te sie un­ten die Ter­ras­sen­tür zu­ge­hen und kurz dar­auf Ma­r­cus’ er­freu­ten Aus­ruf: »Da ist ja mein ver­bo­ten in­tel­li­gen­ter Bru­der. Komm her und lass dich um­ar­men, Herr Dok­tor.«

Beth folg­te dem dun­kel­grau­en Läu­fer und klopf­te an die letz­te Tür im Flur.

»Wie oft muss ich es noch sa­gen?!«, kam dumpf, aber zor­nig von drin­nen.

»Ich habe hier einen Wind­krin­gel, den du viel­leicht in dei­ner gott­ver­damm­ten Ruhe na­schen möch­test. So ein Wind­krin­gel ist ja eher wort­karg.«

Je­mi­ma gab ein ge­dämpf­tes Ki­chern von sich. »Wel­che Fa­r­be hat der?«

»Oh, ist das denn wich­tig?«

»Du weißt, wie wich­tig das ist, Tan­te Beth!«

»Hmmm, viel­leicht«, ge­stand Beth schmun­zelnd. »Aber wenn du es wirk­lich wis­sen willst, musst du schon selbst nach­se­hen, mei­ne Lie­be.«

Es folg­te ein lan­ges Zö­gern, dann dreh­te sich ein Schlüs­sel im Schloss und die Tür ging einen Spalt­breit auf. Je­mi­ma späh­te mit ho­nig­fa­r­be­nen Au­gen her­aus. Au­gen, die eine Nu­an­ce hel­ler wur­den, als sie zwei wei­ße Wind­rin­ge mit bun­ten Zu­cker­streu­seln dar­auf er­blick­ten. Wenn es nach Je­mi­ma ging, müss­te die gan­ze Welt weiß sein. Mehr als ein­mal hat­te sie ver­sucht, ihr dunk­les Haar mit wei­ßer Krei­de zu fär­ben. Erst, als Phi­lo­me­na ge­droht hat­te, ihr Zim­mer rosa zu strei­chen, hat­te das auf­ge­hört.

»Darf ich rein­kom­men?«, frag­te Beth und wa­ckel­te mit den Wind­rin­gen.

Das be­stech­li­che Kind­chen zog die Tür noch wei­ter auf und ließ sie in ihr Reich ein­tre­ten, um hin­ter ihr sorg­fäl­tig ab­zu­schlie­ßen. Um der gott­ver­damm­ten Ruhe wil­len na­tür­lich.

Der gan­ze Raum er­strahl­te in ma­kel­lo­sem Weiß. Die Wän­de, das Bett mit der reich be­stick­ten Ta­ges­de­cke dar­auf, die un­zäh­li­gen Kis­sen, un­ter de­nen man den Er­trag ei­nes er­folg­rei­chen Bank­rau­bes be­gra­ben könn­te, die Stoff­tie­re, Schrän­ke, Bil­der­rah­men, Vor­hän­ge er­strahl­ten in ver­schie­dens­ten Weiß­tö­nen. Ein­zig und al­lein die Bü­cher in den Re­ga­len sorg­ten für et­was Fa­r­be.

Beth nahm auf der ge­pols­ter­ten Bank im Er­ker­fens­ter Platz und war­te­te, bis Je­mi­ma sich mit der Spiel­do­se in der Hand zu ihr ge­sell­te. Die Klei­ne plat­zier­te das schö­ne Stück, das ein­deu­tig aus ei­nem An­ti­qui­tä­ten­la­den stamm­te, auf ih­rem Schoß und ließ mit kum­mer­vol­ler Mie­ne ihre Fin­ger­spit­zen über den mit Or­na­men­ten ver­zier­ten De­ckel glei­ten.

Den­noch woll­te Beth das The­ma nicht an­schnei­den, be­vor die Sü­ßig­kei­ten ver­tilgt wa­ren. Da­her reich­te sie Je­mi­ma einen der Wind­krin­gel und brach den ih­ren ent­zwei, um ein Stü­ck­chen da­von zu na­schen.

Je­mi­ma tat es ihr mit ei­nem ver­schmitz­ten Grin­sen gleich, wel­ches eine Lü­cke ne­ben den Schnei­de­zäh­nen of­fen­bar­te. »Ei­gent­lich dür­fen wir die noch gar nicht es­sen.«

»Ich weiß«, ant­wor­te­te Beth in ei­nem ver­schwö­re­ri­schen Flüs­tern. »Des­halb schme­cken sie heu­te ganz be­son­ders gut.«

Sie lach­ten zu­sam­men, aßen dann in ein­ver­nehm­li­cher Stil­le und blick­ten aus dem Fens­ter den er­neut fal­len­den Schnee­flo­cken hin­ter­her.

»Köst­lich«, mur­mel­te Je­mi­ma und zog beim letz­ten Bis­sen mit ge­schlos­se­nen Au­gen und ge­r­eck­tem Kinn eine ge­ni­e­ße­ri­sche Mie­ne. Mit ei­nem Seuf­zen kehr­te sie ein paar Brö­sel von ih­rem Kleid und der Spiel­uhr.

»Kannst du sie für mich spie­len las­sen?«, frag­te Beth.

Ni­ckend griff Je­mi­ma nach dem Auf­zieh­sch­lüs­sel, um einen He­bel an der Sei­te zu be­tä­ti­gen. Die run­de Plat­te am De­ckel sprang auf und ein Vö­gel­chen tanz­te fröh­lich zwit­schernd auf ei­ner gold­fa­r­be­nen Mes­sing­plat­te.

Es war das fei­ne, prä­zi­se Werk ei­nes Uhr­ma­chers, das den Sold ei­nes ver­zwei­fel­ten Sol­da­ten ziem­lich er­schöpft ha­ben muss­te.

Wert­schät­zend lä­chelnd be­rühr­te Beth den Vo­gel, nach­dem er ver­stummt war. »Die ist et­was Be­son­de­res. Die musst du gut in Eh­ren hal­ten.«

Je­mi­ma mach­te eine erns­te Mie­ne. »Ich weiß. Das werd ich.«

»Was denkt dei­ne Mut­ter, von wem du die hast?«

Die Klei­ne war klug. Sie be­griff so­fort, was die Fra­ge im­pli­zier­te. Er­tappt sog sie die Lip­pen in den Mund und hüll­te sich in Schwei­gen, weil sie das Glatt­eis un­ter den Fü­ßen spür­te.

Beth lä­chel­te mil­de. »Ich habe vor­hin mit Hen­ri ge­spro­chen. Un­ter dem Baum dort.« Sie deu­te­te mit aus­ge­streck­tem Fin­ger auf die Bank und be­sag­ten Baum. »Du darfst mir ru­hig die Wahr­heit sa­gen.«

Klei­ne Zäh­ne zer­kau­ten eine Un­ter­lip­pe, bis Je­mi­ma eine Ent­schei­dung ge­trof­fen hat­te. »Ich hab Mama er­zählt, ich hät­te sie in der Schu­le beim Buch­sta­bier­wett­be­werb ge­won­nen.«

»Ganz schön ge­wieft.«

Schma­le Schul­tern zuck­ten hoch nach oben. »Hen­ri wür­de Är­ger be­kom­men. Noch mehr. Es sind oh­ne­hin alle wü­tend auf ihn. To­tal doof. Alle sind ge­mein zu ihm, ob­wohl er sich doch ent­schul­di­gen will. Da­bei sagt Mama, man kann je­den Feh­ler wie­der­gut­ma­chen, wenn man sich bloß da­für ent­schul­digt und es auf­rich­tig meint. Ich hab im­mer ge­dacht, das wür­de stim­men. Im Som­mer habe ich Liz­zie mal eine blö­de Kuh ge­nannt und ihr ein Bon­bon ins Haar ge­klebt, weil sie be­haup­tet hat, mei­ne Geis­ter­ge­schich­ten wä­ren nicht gru­se­lig ge­nug. Am nächs­ten Tag hab ich neue Bon­bons mit­ge­bracht und Liz­zie ge­sagt, dass es mir leid­tut. Dann hat sie sich auch ent­schul­digt, wir ha­ben uns um­armt und al­les war wie­der in Ord­nung.« Sie schnaub­te ent­nervt. »Aber an­schei­nend gel­ten für die Er­wach­se­nen mal wie­der an­de­re Re­geln als für uns Kin­der.«

»Er­wach­se­ne ma­chen sich meist zu vie­le Ge­dan­ken, als dass sie ih­ren Gram so ein­fach bei­sei­te­las­sen könn­ten. Sie ha­ben zu viel Angst da­vor, ver­letzt zu wer­den.«

»Aber Hen­ri meint es ehr­lich.

---ENDE DER LESEPROBE---