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Armie Nystad würde alles dafür tun, um sich nach drei Jahren Funkstille mit seiner kleinen Schwester zu versöhnen. Doch Rita sieht in ihm nichts weiter als eine Kopie ihres herrischen Vaters und ihr wortkarger Mitbewohner zeigt ihm die kälteste Schulter seit Anbeginn der Eiszeit. Blöd nur, dass der unscheinbare Kerl es zugleich wie kein anderer versteht, Armies widerwillige Blicke an sich zu fesseln. Als wäre das nicht schon schlimm genug, ist da auch noch dieser einfühlsame, offenherzige Typ auf Instagram, mit dem sogar nächtelange Chats noch zu kurz scheinen. Wie lange können Armies sorgsam errichtete Schutzmauern dem Ansturm an Gefühlen noch standhalten?
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Veröffentlichungsjahr: 2023
LOVING MR. SO DAMN FINE
Tharah Meester
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Playlists
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Epilog
Nachwort
Danksagung
Über die Autorin
Impressum
Für all jene, die schon mal die Geduld aufgebracht haben,
einer kalten Schulter beim Schmelzen zuzusehen.
Playlists
Bullshit Shovel
*click*
Down In A Hole – Alice In Chains
After Dark x Sweater Weather (sped up)
I Took A Pill In Ibiza – Mike Posner
Tattoo – Loreen
u love u – blackbear feat. Tate McRae
American Wheeze – 16 Horsepower
Georgia – Vance Joy
All Eyes On Me – Bo Burnham
Heart Beats Slow – Angus & Julia Stone
All Time Low – Jon Bellion
Pining Over Him
*click*
Half Hearted – We Three
War Of Hearts – Ruelle
追梦赤子心 – Gala
Trustfall – Pink
Tu Vas Me Manquer – Maître Gims
Breathless – Yearling
Underwear – Papo Pav
Who Knew – Youssef Qassab
My Blood – Ellie Goulding
Don’t Break The Heart – Tom Grennan
Kapitel 1
Er parkte den Wagen und stellte den Motor aus. Sein Herz raste. Die Musik lief weiter, doch er hörte nicht hin. Mit bebender Hand griff er nach der Zeitung, an deren Rand die alte Dame eine Adresse gekritzelt hatte, und verglich sie mit der, die über dem Eingang des nicht allzu hohen Betonbunkers stand.
Drei Jungs dribbelten einen Basketball auf dem Parkplatz umher. Besser gesagt, taten sie so, als ob. In Wahrheit begutachteten sie seinen frisch durch die Waschstraße gelaufenen RAM-Truck, der die alten, teils angeschlagenen Limousinen um ihn herum mühelos überragte und natürlich in den Schatten stellte.
Die Waschstraße hatte er gebraucht. Er, nicht das Auto. Er hatte sich für ein paar Momente der Außenwelt entziehen wollen, um die Angst niederzuringen.
Vor zwei Stunden hatte er in einem hübschen Vorort schon einmal an eine Tür geklopft und erwartet, jeden Moment seiner verloren geglaubten Schwester gegenüberzustehen. Doch sein Klopfen war unbeantwortet geblieben.
Eine alte Dame von der Veranda gegenüber hatte ihn angesprochen und ihm mitgeteilt, dass Rita nicht mehr in dem Haus wohnte, an dessen Schwelle er so vergeblich hoffnungsvoll stand. Die Lady hatte ihm Limonade serviert, die er im Stehen getrunken hatte, ihm von der gescheiterten Beziehung zwischen Rita und einem Navy-Soldaten namens Sean erzählt und ihm eine Adresse notiert.
»Hat Rita Ihnen die gegeben?«
»Nein, aber ich weiß ja, wo der Junge wohnt, zu dem sie ziehen wollte.«
Er hatte nicht weiter nachgefragt, weil ihm die Worte seines Vaters in den Kopf geschossen waren. Deine Schwester ist ein Flittchen, Armand! Jedem zweiten Kerl hier hat sie sich schon an den Hals geworfen. Irgendwann wird einer dieser nichtsnutzigen Volltrottel sie schwängern, kapierst du das?! Wenn das so weitergeht, muss ich …
Ein Klopfen an der Fensterscheibe riss ihn aus seinen düsteren Gedanken. Ein groß gewachsener Schwarzer mit grauen Locken stand neben dem Wagen und deutete ihm mit einer Kurbelbewegung an, das Fenster runterzulassen. Eine Kurbelbewegung. Sein Ernst? War der im letzten Jahrhundert hängengeblieben?
Nach einem trockenen Schlucken drückte Armie auf den Knopf und das schützende Glas wanderte surrend nach unten. »Kann ich Ihnen helfen?«
»Ich helf dir gleich aus deinem Monstertruck, wenn du mir frech kommst, Bursche. Starrst du die Jungs an, huh? Bist du’n Perverser?«
Die Kinder standen mittlerweile näher am Auto und gaben nicht länger vor, mit dem Ball zu spielen. Stattdessen machten sie so große Augen, als erhofften sie sich eine Schlägerei.
Armie versuchte, Ruhe zu bewahren. »Ein klares Nein auf beide Fragen.«
»Was dann?«, fragte der Kerl weiter und strich sich über die unrasierte Wange. Er trug einen blauen Overall und ein Namensschild, das ihn als Bill vorstellte. »Ne Wohnung will sich einer wie du hier ja sicher nicht ansehen, oder?«
Armie verkniff sich den Hinweis, dass er einem Fremden keine Rechenschaft schuldig war. Bill schien nämlich über ein paar schlagkräftige Argumente zu verfügen – zwei Fäuste, die auf dem Autodach ruhten.
»Ich besuche meine Schwester«, antwortete er wahrheitsgemäß.
»Name?«
»Rita Nystad.«
Dunkle Augen wurden schmal. »Harris, meinst du wohl.«
»Harris?«, wiederholte Armie perplex. Sie hatte geheiratet? Ohne ihm ein Wort zu sagen? Ohne ihn einzuladen? Ohne ihm den Mann vorzustellen?
Irgendetwas in seiner Miene besänftigte zumindest sein Gegenüber. »Na dann, schönen Kaffeeklatsch. Aber ich behalt’ dich im Auge, damit das klar ist.«
»Tun Sie, was Sie nicht lassen können«, antwortete Armie patzig, aber so leise, dass dieser Bill ihn nicht hören konnte. Dann ließ er das Fenster hochfahren, um noch einmal tief durchzuatmen, den Schlüssel aus der Zündung zu ziehen und auszusteigen. Er ignorierte die Kinder, an denen er vorbeihastete, und die alte Frau, die ihm die Tür zum Aufzug aufhielt, als sie ihn kommen sah. Stattdessen nahm er die Treppe und lauschte seinen Schritten auf dem blank geputzten Boden. Sie hallten nicht halb so laut in seinen Ohren, wie sein Herzschlag es tat.
Drei Jahre hatten sie sich nicht gesehen. Drei Jahre waren eine lange Zeit.
Furchtbar und unerträglich lang, wenn man jemanden so sehr vermisste.
Atemlos kam er in der obersten Etage an. Zwei Türen lagen über eine Ecke nebeneinander. 6B hatte ihm die Limonaden-Lady auf die Zeitung gekritzelt.
Er hob die Faust und klopfte. Das Herz rutschte ihm in die Magengrube hinab, als das Geräusch die dahinterliegende Wohnung erfüllte. Wieder antwortete ihm bloß Stille, die er kaum noch ertrug. Stille, immer nur Stille um ihn herum.
Er klopfte erneut. Beharrlicher diesmal.
Ein paar Sekunden später wurde die Tür aufgemacht. Von einem Kerl in grauen Sweatpants und weißem Tank Top. Unscheinbar und völlig vergessenswert, aber auffallend durch die dunklen Ringe unter den Augen, die eingefallenen Wangen und die unnatürliche Blässe. Zudem gab es an seinen sehnigen Armen keinen Flecken Haut, der nicht von Tattoos bedeckt war. »Ja?«
»Ich will Rita sprechen«, verlangte Armie und sah den Typen, der so gar nicht in das Beuteschema seiner Schwester zu passen schien, absichtlich nicht an, sondern über dessen linke Schulter hinweg in die Loftwohnung hinein.
»Du bist aber kein Kunde, oder?«
Kunde? Sein Entsetzen wuchs mit jeder Sekunde. Welche Kundschaft kam zu jemandem ins Haus? Fuck, nein, lass das nicht wahr sein.
Mühsam schüttelte Armie den Kopf. »Familie.«
Nach einem Schnauben trat der Kerl zur Seite und ließ ihn den riesigen Raum betreten, der Küche und Wohnzimmer zugleich war.
»Rita!«, rief der Tätowierte. »Ich fürchte, dein Bruder ist hier.«
Fürchten? Was gab es da zu fürchten? Armie warf dem Arschloch einen bösen Blick zu, der übersehen oder ignoriert wurde. Dann blickte er sich um und fragte sich mit einem ekelhaften Klumpen Hitze im Magen, wo zum Teufel Rita hier bloß gelandet war. Es herrschte blankes Chaos. Kisten stapelten sich auf dem Boden, Klamotten bedeckten die Couch und die Küchentheke war mit Türmen aus Illustrierten gepflastert.
Irgendwo ging eine Tür auf und dann hörte er ihre Stimme, die ihm die Luft abschnürte. »Was hast du gesagt, Toddy? Ich hab dich n-«
Als sie ihn bemerkte, blieb sie wie angewurzelt stehen und starrte ihn an.
Armie starrte wie ein Vollidiot zurück. Er versuchte sich an einem Lächeln und scheiterte. Alle Farbe wich spürbar aus seinem Gesicht, als er begriff, dass seine kleine Schwester mindestens im siebten Monat schwanger war.
Sie war ein Mädchen gewesen, als sie sich zuletzt gesehen hatten. Jetzt war sie eine erwachsene Frau in einem Leben, von dem er kein Teil mehr war.
Ihre dunklen Augen nahmen einen feuchten Glanz an und ihre Hände, von denen wie früher kein Finger ohne Ring auskam, ballten sich um den Stoff ihres bunt gemusterten Umstandskleides. »Was willst du hier?«
»Mich mit dir aussöhnen«, würgte Armie hervor und sah sofort, dass sie davon eher weniger hielt.
»Woher hast du meine Adresse?«
»Dads Sekretärin hat mir deine vorherige gegeben.«
»Seine Sekretärin? Hat er etwa einen Privatdetektiv auf mich angesetzt?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht, aber es spielt auch keine Rolle. Rita, hast du mich gehört? Ich will mich mit dir vertragen. Es wiedergutmachen.«
»Da gäbe es aber ganz schön viel, das du wiedergutmachen müsstest, Armand. Vielleicht zu viel, um es hinzukriegen.«
Ihre Drohung jagte ihm einen Stich durch den Magen. »Ich wollte immer nur das Beste für dich.«
Die Falten auf ihrer Stirn, das Zucken ihrer Mundwinkel, der schmale Blick – alles in ihrem Gesicht schleuderte ihm pure Verachtung entgegen. »Und was das Beste für mich ist, bestimmen natürlich Dad und du, ja?«
»Na ja, das hier ist es sicher nicht«, gab er zornig zurück, wies mit den Händen auf die wenig heimelige Umgebung hin und schoss einen Blick in Richtung des tätowierten Junkies, der mit vor der Brust verschränkten Armen vor der Küchentheke mit den muffigen alten Zeitungen stand.
Rita stieß abfällig Luft aus und ließ ihr Kleid los, um die Hände stattdessen über ihren Bauch zu legen, als müsste sie ihr ungeborenes Kind vor ihm schützen. »Du hast dir ja ziemlich schnell ein Urteil gebildet. Wie immer. Wie Dad.«
»Ich bin nicht w-«
»Du bist haargenau wie er«, unterbrach sie ihn mit einer solchen Ruhe, die in keinem Verhältnis zu der Wucht stand, mit der die Worte sein Herz zerschossen. »Du kommst hier rein in all dieser Selbstgefälligkeit, die auch Dad immer umgibt, und bist der festen Überzeugung, über mich urteilen zu können. Dabei hast du keine Ahnung von mir oder meinem Leben. Und du fragst auch nicht danach. Es interessiert dich doch einen Scheißdreck!«
»Wenn es mich nicht interessieren würde, wäre ich nicht hier!«
Sie erhob anklagend den Zeigefinger gegen ihn und wurde laut: »Du bist hier, weil du mich zurück auf euren Weg zerren willst, als sei das der einzig richtige!«
»Rita«, ermahnte der Kerl namens Todd unerwartet sanft und sie nahm einen tiefen Atemzug.
Danach fuhr sie etwas gefasster fort: »Aber euer sogenannter Weg ist bloß ein Käfig, in dem Dad seine Spielzeuge im Kreis laufen lässt. Ich brauche und will keinen Dompteur, wie ich dir schon hundertmal gesagt habe.«
Armie erstickte fast an dem Geständnis, dass ihr Vater nie wieder den Dompteur für irgendjemanden geben würde, und schluckte es trotzdem hinunter.
»Bitte geh«, flüsterte Rita und presste die Finger an ihren Bauch. »Ich kann das jetzt nicht. Die Kleine will nicht, dass ich mich aufrege.«
Ein Mädchen. Er wurde also Onkel einer Nichte. Ob er sie jemals zu Gesicht bekommen würde? Abermals würgte er an seinem Speichel. Keine Silbe wollte sich mehr über seine Lippen zwingen lassen. So zog er bloß eine Visitenkarte aus der Innentasche seines Jacketts und legte sie auf die Kücheninsel.
Dann kehrte er ihnen den Rücken und verließ das Apartment.
*
Ein Klopfen riss ihn aus dem unruhigen, wenig erholsamen Schlaf, in dem er die Nacht hinter sich gebracht hatte. Verwirrt rappelte er sich hoch und spürte am ganzen Körper, warum man das Bett vor dem Auto erfunden hatte.
Draußen vor dem Wagen stand im nebligen Morgengrauen dieser verdammte Junkie, der seine kleine Schwester geschwängert hatte, und bedeutete ihm mit einer Kopfbewegung, aus dem Auto zu steigen.
Widerwillig kam Armie der Aufforderung nach und ließ die Tür hinter sich offen stehen. Die Kälte ließ ihn schaudern, während er sein zerknittertes Hemd glattstrich und sich durchs zerzauste Haar fuhr.
In dem dunkelgrauen Hoodie, dessen lange Ärmel die Tattoos verdeckten, sah dieser Todd noch unscheinbarer aus als gestern. Was fand Rita bloß an so einem? Seine Haut war blass, sein Haar und seine immer noch dunkel umringten Augen in nichtssagende Nuancen von Braun getaucht, Wangen und Kinn voller Bartstoppeln. »Rita will dir eine Chance geben«, verkündete er, die Hände tief in den Taschen des Kapuzenpullis vergraben.
Ein eiliger Atemzug der Erleichterung füllte Armies Lungen. Hatte also offensichtlich Wirkung erzielt, dass er nicht in ein Hotel gefahren, sondern genau hier geblieben war. Dass er Rita keine Chance für ein Aus den Augen, aus dem Sinn gegeben hatte. Dafür hatte sich diese furchtbare Nacht gelohnt. Er nickte knapp.
»Nimmst du dein Zeug mit hoch?«, fragte Todd und Armie schnappte sich die Reisetasche vom Rücksitz, bevor er die Tür zuwarf.
Hinter Mr. Unsichtbar ging er auf das Haus zu, das sich in seinem Grau kaum von der Umgebung abhob. Was, wenn dieser Kerl gar nicht der Vater des Kindes war? Was, wenn es stattdessen der Navy-Soldat war? Auf die Frage, wann Rita ausgezogen sei, hatte die alte Dame nur vage von ein paar Monaten gesprochen. Somit stiegen die Chancen, dass Armie dem ein Ende setzen und Rita hier rausholen konnte, rasant an, nicht wahr?
An der Haustür angekommen, drückte er ohne hinzusehen auf die Fernbedienung, die den Truck abschloss. Der vertraute Ton hallte hinter ihm über den Parkplatz und Todd wandte sich danach um. Während er die Tür mit der Schulter aufschob, hing sein Blick unverwandt auf dem Wagen. Neidisch, hm? Genugtuung tropfte Armie wie teurer Kaffee angenehm warm die Kehle hinunter.
Den ganzen Weg die Treppen hoch bemühte er sich darum, dem Junkie nicht auf den Hintern zu starren, und bestürmte sich zur Ablenkung mit Fragen.
Woran mochte Ritas vorherige Beziehung gescheitert sein? Dass sie sofort hierhergezogen war, legte einen Verdacht nahe, der ihm allerdings ziemlich lachhaft erschien. Wer würde einen Soldaten verlassen – dem Klischee nach groß, muskulös und hot, um mit diesem schmächtigen, farblosen Kerl zusammen zu sein?
Vermutlich standen die Aussichten, die beiden auseinanderzubringen, tatsächlich gar nicht schlecht. Er durfte es bloß nicht versauen. Dann konnte er vielleicht bald hier rausspazieren und seine Schwester nach Hause bringen. Eine mokante Stimme in seinem Inneren fragte ihn, wo genau denn sein verdammtes Zuhause sein sollte, doch er brachte sie zum Schweigen.
Todd hielt ihm auch die nächste Tür auf und Armie betrat das Apartment. Ihm war kein Stück weniger mulmig als gestern. Rita war nirgends zu sehen.
»Das Bad ist hinter der zweiten Tür«, erklärte Todd leise.
Ohne ein Wort verschwand Armie in dem besagten Raum. Er schloss die Tür hinter sich, warf die Tasche auf den Boden und atmete tief durch. Im Gegensatz zu dem Chaos draußen herrschte hier drinnen eine penible Ordnung. Alles schien seinen Platz zu haben. Die Fliesen waren dunkelgrau, die Deko golden und einige Pflanzen sorgten für grüne Farbtupfer. Die Wände der Duschkabine waren beschlagen, Dampf hing in der Luft. Dampf und der Duft eines Männer-Deodorants oder Parfums, der ihm gegen seinen Willen gefiel.
Er kramte in der Tasche nach seinem Zeug, um sich die Zähne zu putzen und sein Haar in Form zu bringen. Die Rasur verschob er auf später.
Als er wieder in den Wohnraum hinaustrat, pochte ihm das Herz bis zum Hals. Rita saß am einzig freigeräumten Ende des mit Kisten und Kleinkram vollgestellten Esstisches vor einem kleinen Frühstück. »Morgen«, grüßte sie ihn kühl und schob mit dem Fuß den Stuhl neben sich vom Tisch weg, um ihn einzuladen.
Noch bevor er sich gesetzt hatte, schenkte sie ihm dampfenden, verführerisch duftenden Kaffee ein. Ein großer Servierteller voll mit Pancakes stand vor ihnen, auf einem kleineren hatte Rita bereits einen Stapel davon aufgehäuft, um sie in Ahornsirup zu ertränken. Also immer noch ihr Lieblingsfrühstück. Immer noch seine Schwester, auch wenn der stark gewölbte Babybauch so gar nicht zu dieser Feststellung passen wollte.
Todd stand an der Küchentheke, füllte eine Müslischale mit Cheerios und griff blind in den Kühlschrank, um eine Glaskanne herauszuholen, während er auf seinem Handy herumtippte. Dann goss der Typ ernsthaft Kaffee über seine Cheerios und schaufelte das Zeug gleich dort im Stehen in sich hinein.
Nach großer Beziehungsidylle sah das alles irgendwie nicht aus.
»Möchtest du auch?«, fragte Rita und hob die Gabel mit aufgespießtem Pancakefetzen, doch Armie schüttelte den Kopf und hielt sich an seiner Kaffeetasse fest. Deren Hitze jagte ihm die Kälte der vergangenen Nacht aus den Knochen.
Rita spülte ihre Pancakes mit einem Schluck hellbrauner Kaffeemilch hinunter. »Ich dachte, wenn du schon mal hier bist, kannst du mir ein bisschen unter die Arme greifen. Wie ein großer Bruder eben.«
Misstrauisch geworden brachte Armie ein halbes Nicken zustande.
»Ich habe heute zwei Shootings und du darfst meinen Chauffeur spielen. Zu schleppen gibt es auch einiges. Ein Glück, dass ich meine Freundin dank dir vom Haken lassen konnte.«
»Shootings?«
»Ich bin Fotografin.«
Ein wehmütiges Lächeln huschte über seine Lippen, als er an die vielen Schuhkartons dachte, die Rita in ihrer Kindheit mit einer irren Menge an Fotos gefüllt hatte. Sie war nie ohne Kamera unterwegs gewesen, bis Jungs und Partys interessanter geworden waren.
Todd hatte seine Schüssel geleert und stellte sie in die Spüle. Der Hahn wurde aufgedreht und Wasser sprudelte hörbar in irgendein Gefäß, das gleich darauf wie ein Cocktailshaker geschüttelt wurde. Mit einer Trinkflasche in der Hand trat er aus der Kücheninsel heraus und schob sich einen Oreo in den Mund. Sah nach einem richtig ausgewogenen Frühstück aus … Dachte der Kerl, der nur eine Tasse schwarzen Kaffees trank, ja ja.
Im Vorübergehen stellte Todd die Flasche vor Rita, die die Augen verdrehte und murrte: »Ich hatte wirklich gehofft, du würdest diese blöden Vitamine heute vergessen.«
»Vitamine sind lieb, nicht blöd«, erwiderte Todd mit vollem Mund und kramte in den Klamotten auf der Couch, um ein Portemonnaie aus dunklem Leder zu bergen. »Ich muss los.« Gleich darauf war er auch schon verschwunden.
Armie starrte kurz auf die Tür, die leise in die Angeln fiel, dann warf er seiner Schwester einen fragenden Blick zu. »Kein Abschiedskuss?«
»Todd und ich sind nicht zusammen.«
»Dann ist er … nicht der Vater?«
»Ist er nicht, nein.«
Die Worte, die ihm auf der Zunge lagen, konnte er runterschlucken, aber nicht den Seufzer der Erleichterung. Der entfuhr ihm recht hörbar.
»Wenn du einen Funken Menschenkenntnis hättest, wärst du darüber nicht so erleichtert«, wies Rita ihn zurecht und wurde mit jeder folgenden Silbe leiser: »Aber ich darf mich wohl nicht beschweren, weil mir diese Kenntnis bedauerlicherweise auch gefehlt hat.« Sie zerstach einen halben Pancake auf ihrem Teller und stocherte lustlos darin herum.
»Wie meinst du das?«
»Geht dich nichts an.«
»Gestern wirfst du mir vor, nicht nachzufragen, und heute bekomme ich solche Antworten?«
»Wenn du die falschen Fragen stellst, dann ja.«
Er nahm einen Schluck Kaffee und dachte nach, bevor er den nächsten Vorstoß wagte. »Ist der Navy-Soldat, bei dem du vorher gewohnt hast, der Vater?«
Ihr Blick wanderte ins Leere, ihre Hand an ihren Bauch. »Ja.«
»Und mit dem bist du verheiratet?«
»Geschieden.«
»Warum hast du nicht wieder deinen Mädchennamen angenommen?«
»Weil der mir sogar noch verhasster ist als Seans Name.«
Vermutlich sollte er sich angegriffen fühlen. Doch er fühlte nichts.
Es war vielleicht eine dumme Frage, nachdem sie ja bereits geschieden waren, doch sie lag ihm des ungeborenen Kindes wegen zu schwer auf der Zunge, um sie nicht zu stellen: »Dann besteht keine Chance mehr auf eine Versöhnung?«
Ritas Kieferpartie geriet unter Spannung und in ihre Augen trat ein flüchtiger Glanz. Sie legte das Besteck etwas zu heftig zurück auf den Teller und stand auf. »Die schwarzen Koffer neben der Tür gehören in deinen Truck geladen.«
Sie verschwand im Badezimmer und sperrte ihn aus.
Er seufzte in seinen Kaffee. Das lief ja hervorragend.
Kapitel 2
Die Oberfläche des Sees glitzerte silbern im Sonnenlicht, während die Blätter an den Bäumen ringsum in Goldschimmer getaucht schienen, obwohl sie in Wahrheit sattgrün leuchteten. Schon beim Aussteigen aus dem Wagen hatte er begriffen, warum Rita ihre Kunden hierher beordert hatte. Dieser Ort war einfach außerordentlich schön. Das erste Shooting hatte sie bereits hinter sich. Ein frisch verheiratetes Pärchen, das sich zu einer »trash the dress«-Session durchgerungen hatte. Nach anfänglicher Zurückhaltung war die Braut letzten Endes ganz im See gelandet und hatte so befreit gelacht, als müsste sie den ganzen Bundesstaat wissen lassen, dass ihr Hochzeitskleid ruiniert war. Das Paar war vor einer Stunde in trockener Ersatzkleidung und mit einem Leuchten in den Augen wieder abgerauscht und nach einer langen Mittagspause im Café hatte Rita jetzt eine kleine Familie vor der Linse, die in der Idylle ringsum wie frisch aus einer Werbung gefallen wirkte.
Armie saß auf der Ladefläche seines Trucks, zog an seiner Vape und tippte auf dem Handy herum. Er war auf der Suche nach etwas. Nach jemandem, genauer gesagt. Bislang war er allerdings noch nicht fündig geworden.
Auf der Fahrt hierher hatte er tatsächlich das Gefühl gehabt, Rita und er kämen sich wieder ein bisschen näher. Er hatte sie darüber ausfragen dürfen, wie sie zurück zur Fotografie gekommen war, und sie hatte ihm bereitwillig Rede und Antwort gestanden; war sogar richtig aufgetaut und hatte sich in seiner Gegenwart entspannt. Als er aber im Café versucht hatte, mehr über die letzten Jahre in Erfahrung zu bringen, hatte sie abgeblockt. Sie wollte weder über den Vater ihres Kindes reden noch darüber, wie sie bei Mr. Junkie-Boy Todd gelandet war.
Seufzend schloss er Facebook und öffnete stattdessen Instagram. Dort wechselte er von seinem offiziellen Account, über den er bis vor Kurzem alles Berufliche abgewickelt und mit dem er Ritas Fotoseite abonniert hatte, auf sein ganz privates Konto, das niemand kannte. War klüger, wenn man spionieren wollte.
Sean Harris war aber auch unter Uniformträgern ein zu geläufiger Name, um den Navy-Soldaten seiner Schwester ausfindig machen zu können.
Er nahm einen Zug und strich sich nachdenklich über die Unterlippe. Ein paar Meter weiter Richtung See animierte Rita den Knirps der Familie gerade dazu, auf sie und die Kamera zuzulaufen. Begeistert quietschend tat der Kleine, was von ihm erwartet wurde. Seine Eltern grinsten breit und Rita lobte ihn lachend.
Armie lächelte und wandte sich erneut seinem Smartphone zu.
Auf dem Türschild, dem er eher zufällig als mit Absicht Beachtung geschenkt hatte, als er nach dem Verstauen der zweiten Ladung Equipment wieder nach oben gekommen war, hatte Lasky/Harris gestanden.
Die Suche nach Todd Lasky spuckte nur fünf Ergebnisse aus. Vier Kerle, die Mr. Unscheinbar nicht im Geringsten ähnlich sahen, und ein Profilbild, das nur ein Logo zeigte. Zwei kunstvoll ineinander verschlungene Initialen. Er tippte es an, in der Hoffnung, doch noch den Richtigen gefunden zu haben, doch sie löste sich sofort in Luft auf, als er auf der Seite eines Künstlers landete. Keine Chance, dass dieser nichtssagende Typ in Sweatpants ein Künstler war.
Todd Lasky|Bildhauer und Maler
»Kunst ist dazu da, den Staub des Alltags von der Seele zu waschen.«
(»Art washes away from the soul the dust of everyday life.«)
- Pablo Picasso
Rochester, New York
Sollte er noch leise Zweifel gehabt haben, zerstreuten sie sich spätestens bei der letzten Zeile. New York war immerhin auf der anderen Seite der Staaten.
Mit einem Seufzen wollte er den Typen wegklicken, doch sein Blick blieb an den Porträts hängen, die in dunklen Stein graviert schienen. Unweigerlich zogen sie ihn in ihren Bann und er öffnete den jüngsten Post, um kontinuierlich nach unten zu scrollen und eifrig zu liken. Ernste, alte Männer und das ein oder andere Ehepaar wurden ohne erkennbares Muster von jüngeren Kerlen, eleganten Frauen, grinsenden Burschen, Zunge zeigenden Mädchen und zahnlos lachenden Babys abgelöst. Dazwischen blickten ihm immer wieder mal diverse Hundegesichter meist hechelnd und stets freundlich entgegen. Alles in dezentem Weiß auf dunklem, steinernem Untergrund, der an Marmor erinnerte. Wie genau wurde das gemacht? Es war auf jeden Fall ziemlich beeindruckend und als er zu den Landschaften kam, war es restlos um ihn geschehen. »Wow.« Dass er das laut ausgesprochen hatte, bemerkte er erst, als ihm die Vape fast aus dem Mund fiel. Er nahm einen letzten Zug, ehe er das Ding in der Innentasche seines Jacketts verstaute, um sich ganz dem Austeilen von Herzchen zu widmen.
Und es wurden viele Herzen, die er auf diesem Profil hinterließ, denn sobald er bei den Tuschezeichnungen ankam, gab es kein Halten mehr. Achttausend Follower? War das ein schlechter Scherz? Es müssten acht Millionen sein.
*
Er setzte den Blinker und bog nach rechts ab, um wieder zu beschleunigen. Auf dem Beifahrersitz tippte Rita eifrig eine Nachricht in ihr Handy.
»Sollen wir uns noch irgendwo was zu essen holen? Was habt ihr in der Nähe so?«, fragte er und rieb sich die müden Augen. Eine Nacht auf dem Rücksitz war eben nicht dafür gemacht, jemanden erholt in den Tag starten zu lassen.
»Todd kümmert sich ums Abendessen«, gab seine Schwester zurück, ohne ihm auch nur einen flüchtigen Blick zu schenken.
»Sorry, aber auf TV dinner aus der Mikrowelle hab ich so gar keinen Bock.«
»Daddy hat seine Vorurteile ja richtig schön in dein Hirn reingehämmert, was?«
»Lass den Mist und sag einfach, ob es in der Nähe irgendein Restaurant gibt, in dem man sich was mitnehmen kann.«
Schnaubend warf sie das Smartphone in ihren Schoß und sprühte aus dunklen Augen ein paar Funken zu ihm rüber. »Weißt du, wenn’s nur um dich ginge, würde ich genau das tun und dich eiskalt auflaufen lassen. Aber die Welt dreht sich nun mal nicht um dich allein, Armand.«
»Hör auf, mich ständig so zu nennen, okay?!«
»Wieso? Dad ist es doch immer so schrecklich wichtig, dass nur ja keiner die Verniedlichung benutzt. Könnte ja eine Memme aus dir werden. Oder ist die Gefahr inzwischen gebannt? Hat er dir schon jegliches Zartgefühl ausgetrieben?«
Armie schloss die Finger fester um das Lenkrad, um zu verhindern, dass er mit den Fäusten darauf eindrosch. Seine Stimme glich einem Knurren. »Die Kurzfassung der sinnbefreiten Diskussion: Ich darf mir nichts zu essen holen?«
»Hast du ernsthaft so wenig Anstand, dass du kein Problem darin siehst, Essen mitzubringen, wenn jemand für dich mitgekocht hat?«
»Ich kenne den Typen nicht, Rita! Mir ist dieser Todd scheißegal!«
»Mir aber nicht!«, schrie sie zurück und wischte sich gleich darauf Tränen von den Wangen. Tränen, von denen er keine Ahnung hatte, woher sie so plötzlich kamen. »Mir ist er alles andere als egal und ich lasse nicht zu, dass du ihn kränkst. Hast du kapiert?« Mit schmerzverzerrter Miene krümmte sie sich über ihren Bauch und murmelte: »Fuck, warum tu ich mir das an? Ich hätte dich zum Teufel jagen sollen.«
Armie schluckte schwer. »Warum hast du’s nicht getan?«
»Weil Todd darauf bestanden hat, dass ich dir eine Chance gebe. Für mich und die Kleine. Familie und so. Er kennt dich nur leider nicht so gut wie ich.«
Beinahe flehend würgte er ihren Namen hervor, doch sie schüttelte den Kopf und beendete den Streit mit eisigem Schweigen. Oder führte ihn im Stillen fort. War das zwischen ihnen überhaupt noch zu retten? Oder machte er sich mit der Hoffnung auf eine Versöhnung bloß selbst etwas vor?
Rita zupfte ein Taschentuch aus der Rocktasche ihres Kleides und klappte die Sonnenblende herunter, um sich im Spiegel zu betrachten. Während Armie den Truck auf den Parkplatz lenkte, verwischte sie penibel die Spuren ihres Gefühlsausbruchs. Zwei der Jungs von gestern lungerten irgendwie verdächtig vor dem Eingang herum. Der Größere hatte sich den Basketball unter den Arm geklemmt, während sie heimlichtuerisch mit irgendetwas Kleinem hantierten. Dealten diese Kinder etwa mit Drogen?
Armie parkte zwischen einem Nissan und einem Toyota – beides Winzlinge im Vergleich zu seinem RAM – und stellte den Motor ab.
Rita sprang aus dem Auto, als wollte sie so schnell wie möglich von ihm weg. »DeAndre, Tyrone, könnt ihr hier mal bitte kurz mit anpacken?«
Die Kinder nickten eifrig und setzten sich sofort in Bewegung.
Armie warf die Fahrertür hinter sich zu und einen skeptischen Blick auf das Equipment auf dem Rücksitz. »Bist du sicher? Nicht, dass sie was fallen lassen.«
»Muss ein großes Mysterium für dich sein, wie ich es die letzten Jahre ohne dich geschafft habe.« Dann standen die Jungs auch schon neben ihr und sie reichte ihnen jeweils ein Teil zum Tragen, das ihrer Größe entsprach.
Armie schnappte sich den schwersten Koffer, der übrig geblieben war, und trottete hinter den anderen her. Rita und der größere Junge unterhielten sich auf dem Weg über den Parkplatz, der kleinere Bursche – vielleicht sieben oder acht Jahre alt – mühte sich mit der Tasche ab, weil er die zweite Hand nicht dazunehmen konnte. In der hielt er nämlich das Zeug, das ihm der Größere so verstohlen zugesteckt hatte.
»Hey Junge«, sprach Armie ihn mit gesenkter Stimme an, um seine Schwester nicht darauf aufmerksam zu machen. »Was versteckst du da?«
Der Kleine machte große Augen und stolperte fast über seine eigenen Füße in schmutzigen Turnschuhen.
»Na los, zeig schon«, verlangte Armie ungeduldig.
Wieder diese umherhuschenden Seitenblicke, als könnte hinter jedem Auto die DEA lungern. »Sie dürfen’s aber nicht meiner Mom sagen.« Zögerlich öffnete der Bursche die kleinen Finger und präsentierte ihm … ein paar Sour Patch Kids.
Wegen fünf halb zermatschter Süßigkeiten drehte er hier am Rad. Echt stark. Er wischte sich übers Gesicht und kam sich wie ein Trottel vor.
»Sie sagen’s nicht weiter, ja?«, hakte Tyrone noch einmal nach und sah bittend zu ihm hoch. »Mom sieht es nicht gern, wenn wir vor dem Dinner naschen, aber Miss Fisher hat uns die gegeben und da wäre es doch auch unhöflich gewesen, Nein zu sagen, meinen Sie nicht?«
»Auf jeden Fall«, murmelte Armie. »Von mir erfährt deine Ma nichts.«
Der Bursche stopfte sich kichernd eine Süßigkeit in den Mund. »Ma«, wiederholte er amüsiert, während sie die Treppe nach oben stapften. Es ging langsam voran, weil nebenbei das Beweismaterial eines unerlaubten Naschereibesitzes vernichtet werden musste. »Mögen Sie eins?«
Armie verzog das Gesicht nur ein kleines bisschen. »Behalt sie ruhig.«
Rita und der andere Junge hatten offenbar den Aufzug genommen. Ganz oben hörte er Schritte und Stimmen. Etwas Schweres wurde über den Boden gezogen, eine Tür wurde geöffnet.
»Ihr Auto ist übrigens ziemlich abgefahren cool.«
»Danke. Es war auch ziemlich abgefahren teuer, klar? Wenn ich also dich oder deine Freunde dabei erwische, wie ihr daran rumtatscht oder den Ball dagegendonnert, dann setzt’s was.«
Der Kleine musterte ihn von der Seite und kniff nachdenklich die Augen zusammen. »Sie mögen keine Kinder, oder?«
»Ich … äh …« Tja, gute Frage. Er kannte die Antwort eigentlich selbst nicht. »… habe nicht besonders viel Erfahrung im Umgang mit ihnen.«
»Man kann alles lernen, wenn man will, sagt Mom«, kam neunmalklug zurück. »Sie sagt übrigens auch, dass sie uns die Köpfe von den Hälsen reißt, wenn wir eins der Autos beschädigen. Also würde ich meinen, dass Ihr Auto hier so sicher ist, wie ein Auto nur sein kann.«
»Gut zu wissen.«
Die Tür zum Apartment stand offen, als sie oben ankamen, und ein köstlicher Duft schlug ihm entgegen, noch bevor er die Wohnung betrat. Sein Magen knurrte, sein Mund wurde wässrig und er leckte sich automatisch die Lippen.
Todd stand mit dem Rücken zu ihm zwischen Herd und Kücheninsel und rührte vorsichtig in einer Schüssel, während Rita ein Glas Wasser exte. Ihrer Hingabe nach zu urteilen war sie kurz vor dem Verdursten gewesen.
Tyrone stellte die Tasche mit einem Seufzen ab und zupfte am Ärmel seines Bruders. »Andy, wenn der Mister uns mit seinem Truck in die Schule fahren würde, würde sich Justin gar nie wieder über mich lustig machen, oder?«
»Vermutlich nicht. Aber du weißt ja, was Mom sagt«, kam verschmitzt zurück und ein herausfordernder Blick streifte Armie, während sich die Kinder an ihm vorbei drängten. »So große Autos brauchen nur Männer mit richtig kleinen Händen.«
Rita grunzte in ihr Glas, das sie noch einmal aufgefüllt hatte, und Todd gab ein amüsiertes Schnauben von sich, mit dem sich seine Schultern kurz hoben. Als er sich umdrehte, um etwas auf die Kücheninsel zu stellen, hatte er sich das Grinsen bereits aus dem Gesicht gewischt, aber der Rest Erheiterung, der noch seine Augen und seinen Mund umspielte, stand ihm besser als er sollte.
Armie erholte sich halbwegs von dem Schlag unter die Gürtellinie und rief den Jungs nach: »Eure Mom scheint ziemlich viel zu sagen, wenn der Tag lang ist.«
»Das sagen Sie ihr besser nicht ins Gesicht, Mister«, hörte er dumpf von unten, bevor er die Tür zumachte, um die frechen Biester auszusperren.
Rita lachte. »Die würde dir die Ohren lang ziehen.« Sie trug drei Teller zum Tisch hinüber, an dem nur ein Fleckchen mehr Platz gemacht worden war, als er noch am Morgen geboten hatte.
Dafür war die Couch nun abgeräumt und verriet ihm endlich, dass sie dunkelgrau war. Seine Schwester bemerkte es zeitgleich mit ihm und verharrte mitten in der Bewegung. »Wo sind denn meine …?« Eilig wurde sie das Geschirr los und verschwand außer Sicht. Irgendwo ging eine Tür auf und Rita quietschte vor Freude. »Mein neuer Schrank!«
Ein Schmunzeln huschte flüchtig über Todds Gesicht, bevor er ging, um den Tisch fertig zu decken. Armie machte ein paar Schritte Richtung Kücheninsel und warf einen neugierigen Blick in den Backofen. Darin stand eine weiße Auflaufform, in der etwas mit Käse überbacken wurde. Gott, er war am Verhungern.
Rita kam zurück und warf sich Todd ohne Umschweife seitlich an den Hals. »Wann hast du das denn gemacht?«
»Mittagspause«, gab Todd zurück und tätschelte ihr den Rücken.
Ihre Nase stupste gegen seine Wange. »Danke, Bester.«
»War keine große Sache.«
Selten hatte Armie sich so fehl am Platz gefühlt wie in diesem Moment. Das war recht erstaunlich, weil er sich eigentlich ziemlich oft fehl am Platz fühlte. Er stand unnütz herum, die Hände in den Hosentaschen vergraben, während Rita Sodawasser samt Gläsern auftischte und Todd das Essen servierte.
Erst als seine Schwester den Vorsitz übernahm, konnte Armie sich rühren und an ihrer Seite Platz nehmen. Es gab sogar Salat. Knackig grüne Blätter mit geachtelten Tomaten, Oliven, Gurkenstücken, Fetawürfeln und Ranch Dressing. Mittlerweile war ihm, als würde ihm sein verzweifeltes Magenknurren schon durch den Schädel hallen.
Todd setzte sich schließlich als Letzter. Stuhlbeine schrammten leise über den Boden. »Hab die Couch in deinem Studio zum Bett umfunktioniert.«
»Falls mein Bruder nicht lieber in seiner Schwanzverlängerung schläft«, meinte Rita provokant grinsend, während sie jedem von ihnen eine Portion auftat.
»Ha ha.« Armie schnitt pflichtbewusst eine Grimasse, starrte aber auf die Auflaufform und deren Inhalt. Unter der perfekt gebackenen Käseschicht befanden sich Makkaroni und Gemüse in cremiger Sauce. Tapfer schluckte er das Wasser hinunter, das ihm im Mund zusammenlief. Sobald Rita das Servierbesteck in die Form gleiten ließ, damit es dort am Rand lehnen und auf den nächsten Einsatz warten konnte, stopfte er sich den ersten Bissen in den Mund. Zweitrangig, dass er sich daran die Zunge verbrannte. Er konnte sich gerade noch so daran hindern, angetan zu seufzen. Unfassbar, wie gut das schmeckte. TV dinner, my ass!
Er und seine Vorurteile. Eine Enzyklopädie in neunundachtzig Bänden. Hätte Rita nicht eingegriffen, säße er jetzt peinlich berührt mit irgendeinem Restaurantfraß hier am Tisch. Als hätte sie seine Gedanken gelesen, warf sie ihm ein merkwürdiges Lächeln und einen mokanten Blick unter gehobenen Brauen zu.
»Wie liefen die Shootings?«, fragte Todd, während er sich dem Essen wesentlich zurückhaltender widmete. Er sah müde aus und seine Bartstoppeln hatten in den letzten Stunden sicher einen Millimeter an Länge gewonnen.
Bereitwillig, aber mit dauerhaft vollem Mund fasste Rita den Tag zusammen und schien kein noch so winziges Detail auslassen zu wollen. Besonders keine Einzelheit zu der Familie mit dem Kleinkind. Immer wieder wanderte ihre Hand dabei nach unten an ihren Babybauch.
Heute Mittag über Croissants und Kaffee hatte sie behauptet, sich noch nicht für einen Namen entschieden zu haben. Sollte es eine Lüge gewesen sein, war er sich ziemlich sicher, dass Todd den Namen bereits kannte.
Ritas unermüdlicher Redeschwall war die Tischmusik zu diesem perfekten Abendessen und machte ihm noch einmal nachdrücklich bewusst, wie sehr er sie vermisst hatte. Mit seinem Vater zu essen hatte immer nur Stille bedeutet. Dezentes Besteckgeklapper und das Rascheln einer Zeitung, das ihm inmitten all des Schweigens meist unerträglich laut und nervtötend vorgekommen war.
Ohne zu fragen tat Rita ihm eine zweite Portion auf – die Frau konnte ein wahrer Engel sein. Armie schob sich ein paar Gabeln voll Salat in den Mund, um die lange Wartezeit zu überbrücken, und bedankte sich mit einem Nicken.
Sein Gegenüber hatte noch nicht mal Portion Nummer Eins aufgegessen. Auch der nächste Bissen landete nicht in Todds Mund, da es an der Tür klingelte und er mit einem gemurmelten »Ich geh schon« aufstand.
»Das ist sicher Miss Fisher. Wegen der Kisten«, meinte Rita und wischte sich Dressing von den Lippen. »Sag ihr, du erledigst es nach dem Dinner.«
Auf dem Weg zur Tür schüttelte Todd den Kopf und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Heute ist ihr Bingo-Abend.«
Rita seufzte schwer und unzufrieden. Auf ihrer Stirn erschienen Falten und sie machte einen ebenso besorgten wie resignierten Eindruck.
An der halb offenen Tür unterhielt sich Todd kurz mit einer sonoren, freundlich klingenden Altdamenstimme. Während dann draußen die Spitze einer Gehhilfe gemächlich Stufe für Stufe nach unten abklopfte, schnappte Todd sich eine der Kisten. »Ich mach das schnell, dann sind wir das Zeug endlich los.« Damit war er auch schon aus der Tür.
»Die Kartons gehören gar nicht euch?«, fragte Armie mit belegter Stimme.
»Miss Fisher hatte einen Restaurator da, der ihre Möbel aufgebessert hat. Aber mit all den Kisten im Weg hätte sie in ihrer kleinen Bude und dem Stock keinen Schritt mehr tun können. Die Zeitschriften gehören auch ihr. Alte Sammlung von keine Ahnung was. Schnittmustern vielleicht?« Nachdenklich betrachtete sie die Berge von Illustrierten, die ihr von der Seite betrachtet natürlich keine Antwort liefern würden.
Todd kam zurück, stemmte die nächste Kiste in die Höhe und verschwand wieder. Seinem kalt werdenden Dinner oder ihnen schenkte er keine Beachtung.
Unter dem Tisch traf Armie ein kleiner Tritt gegens Schienbein und Rita strafte ihn zusätzlich mit einem strengen Blick. »Stehst du dann auf und hilfst ihm?«
Nickend kam er in die Höhe und nahm einen Karton von dem Tisch, auf dem er schweren Herzens sein Essen zurücklassen musste. Dieser Abschiedsschmerz traf ihn fast härter als … Er verkniff es sich, den makaberen Gedanken zu Ende zu bringen.
»Ist gleich die Wohnung unter uns«, rief Rita ihm nach, als er bereits im Hausflur war. Er verdrehte die Augen. Als ob er eine Anweisung bräuchte, um eine offene Tür zu finden.
Auf halbem Weg die Treppe hinunter kam ihm Todd schon wieder entgegen. Der Kerl war schnell, musste man ihm lassen. Sie sahen einander kaum an.
In der tatsächlich sehr beengten Wohnung der alten Miss Fisher angekommen, ließ er sich von einer überraschten Dame per Handwink den Weg zum Abstellort der Kiste weisen. Die aufgedonnerte Lady in ihren Siebzigern hielt den Hörer eines altmodischen Telefons ans Ohr gepresst und legte jetzt eine Hand auf die Sprechmuschel. »Ein neuer Freund?«, fragte sie ihn flüsternd und mit neugierig geweiteten Augen, aus denen sie ihn von oben bis unten musterte.
»Ritas Bruder«, antwortete er leise und sie entließ ihn, indem sie mit einem damenhaften Lächeln auf rot geschminkten Lippen nickte und sich wieder dem anderen Ende der Leitung widmete. Es ging offenbar gerade darum, wer den Kartoffelsalat für den bevorstehenden Bingo-Abend hätte zubereiten sollen. Wie es aussah, musste die Runde heute Abend ohne Kartoffelsalat auskommen.
Als er nach ein paar Minuten mit Kiste Nummer Fünf zurückkehrte, diskutierten die Frauen hitzig darüber, ob die Zeit bis zum Treffen ausreichte, um noch schnell bei KFC anzuhalten. Irgendwie musste der fehlende Kartoffelsalat ja nun ersetzt werden. Was wäre da besser geeignet als fettige Hühnerteile?
Eine Weile später ging es um den Fauxpas, den sich eine gewisse Mildred letzte Woche geleistet hatte. Armie hörte nicht heraus, worin der bestand, doch es war scheinbar alles mehr als empörend gewesen und in einem früheren Zeitalter wäre sie für diesen Frevel auf dem Schafott gelandet.
Er zog die Augenbrauen hoch und schob die letzte Schachtel an die Wand. Gab doch nichts Reizenderes als alte Damen.
Draußen im Flur fragte Todd: »Soll ich die Zeitschriften wieder an ihren Platz räumen, Elsie?«
»Ach nein, leg sie einfach rein. Ich mach das morgen in Ruhe«, wehrte Miss Fisher ab. »Ihr habt genug getan, Jungs. Vielen vielen Dank.«
Das hieß wohl: Sidequest erfolgreich abgeschlossen.
Armie wollte das vollgestellte Zimmer gerade verlassen, als Todd mit den letzten Illustrierten im Arm hereinkam, sodass sie sich im Türrahmen dicht aneinander vorbeidrängen mussten. Er sah seinem Gegenüber bei diesem unangenehm linkischen Manöver absichtlich nicht ins Gesicht, konnte aber nicht verhindern, den Duft von Todds Klamotten in die Nase zu bekommen. Sie verströmten den verlockenden Geruch von frisch gereinigter Wäsche, der nicht zu einem Jogginganzug passte. Ein angenehmes Ziehen fuhr ihm durch den Magen. Fuck. Zwischen seinen Schulterblättern prickelte es. Fuck!
Er murmelte der noch immer am Hörer klebenden Miss Fisher einen Gruß zu, als er an ihr vorübereilte, um sich draußen im Stiegenhaus strafend durch die Haare zu fahren und an den Strähnen zu ziehen.
Oben im Apartment angekommen traf er auf eine den Tisch abwischende Rita und stellte seinen halb vollen Teller in die Mikrowelle.
Todd kam nach oben und schloss die Tür hinter sich. Armie wollte nicht hinsehen und tat es trotzdem. Die Schlepperei hatte dem Mann einen Hauch Farbe ins sonst so blasse Gesicht gezaubert, was Armie nun zum ersten Mal auf die Narbe an seiner Schläfe aufmerksam machte. Es war, als wäre sie soeben erst erschienen. Lang und fahl verlief sie knapp unter seinem Haaransatz und zog sich fast bis zu seinem Ohr hinab. »Rita, lass, ich mach das schon.«
»Ich bin schwanger, Todd, nicht sterbenskrank«, erwiderte Rita und wischte unbeirrt weiter. »Den Putzlappen kann ich gerade noch halten. Gott, bin ich froh, dass das erledigt ist. Endlich haben wir unsere Wohnung zurück.«
»Mhm, bin auch froh«, gab Todd zurück und aß die letzten Bissen seines kalt gewordenen Dinners im Stehen, bevor er den Teller in die Spülmaschine stellte. Sein flüchtiger Blick aus dunklen Augen streifte Armie, der ihm mehr als genug Platz zum Vorbeigehen machte, um ja nichts zu riskieren. »Danke fürs Helfen.«
»Lob ihn nicht zu sehr«, mahnte Rita neckisch, bevor Armie auch nur ein Wort sagen konnte. »Ich musste es ihm befehlen.«
Todd warf ihr ein Schmunzeln zu. »Ich bleib dabei. Gute Nacht.« Anschließend legte er einen derart schnellen Abgang hin, dass seine Zimmertür schon sachte ins Schloss gefallen war, ehe die Mikrowelle ihr Ding von sich gegeben hatte.
Gute Nacht? Ernsthaft? Es war gerade mal halb sieben.
Während Armie an der Kücheninsel den Rest seiner frisch aufgewärmten zweiten Portion verspeiste und auch noch die letzten Salatblätter aus der Schüssel fischte, begutachtete er die Einrichtung, die sich ihm erst jetzt ohne störendes Kartonchaos richtig offenbarte. Extravagant und geschmackvoll, sich dabei aber im preiswerten Segment bewegend. Er musste es wissen. Berufserfahrung.
Er dachte daran, was die alte Veranda-Lady gesagt hatte. Der Junge, zu dem sie ziehen wollte. Die Einrichtung war also vermutlich Todds Werk. Wenn man ehrlich war, entsprach das Interieur mit den klaren Linien und gedeckten Farben auch eher weniger Ritas Geschmack. Viel mehr bediente es überraschenderweise den seinen. Höchstwahrscheinlich war die Wohnung beim Einzug bereits möbliert gewesen und Todd hatte nicht das Geringste damit zu tun.
Noch kauend verstaute er das benutzte Geschirr in der Spülmaschine.
Rita warf ihm einen triumphierenden Blick zu, verkniff sich aber jeglichen Kommentar zu seiner sichtlichen Begeisterung für das Essen. Stattdessen wedelte sie mit einer Tüte Doritos. »Ich muss jetzt mal die Füße hochlegen. Sollen wir uns irgendeine Serie einschalten und dieses Gefahrengut hier vernichten?«
»Unbedingt. Sowas kann man nicht offen rumliegen lassen.«
Nach einer halben Stunde Unentschlossenheit und Trailerbeschau einigten sie sich auf etwas, mit dem man sich berieseln lassen konnte. Das funktionierte so gut, dass ihm immer wieder die Augen zufielen, während sein Kopf fortwährend mit der Sofalehne kuscheln wollte, und er irgendwann tatsächlich eindöste.
Die Stimme seiner Schwester riss ihn aus dem unbeabsichtigten Schlummer. »Bye. Lass dich nicht überfallen.«
Verwirrt blinzelnd erhaschte er gerade noch einen Blick auf Todd, der ganz in Schwarz aus der Tür verschwand und sie leise hinter sich in die Angeln zog.
Seine Armbanduhr verriet ihm, dass es kaum vier Stunden her war, seit dieser Mann ihnen eine gute Nacht gewünscht hatte. »Bisschen spät für eine Verabredung«, murmelte er und verscheuchte die Heiserkeit mit einem Räuspern.
Rita konnte sich kaum vom Fernseher abwenden und schob sich eine Praline in den Mund. »Keine Verabredung. Nebenjob.«
Das erklärte, weshalb er vorhin so hastig in sein Zimmer verschwunden war. Allzu viel Zeit zum Ausruhen hatte er allerdings trotzdem nicht gehabt.
In Gedanken ging er ein paar Jobs durch, bei denen man nachts arbeitete. In keinem davon konnte er sich Todd vorstellen. Mit einem Seufzen verschränkte er die Arme vor der Brust und drückte sich tiefer in die Sofakissen. Keine Ahnung, warum er sich jetzt mies fühlte.
*
Todd
Gegen Mitternacht schenkte er sich eine weitere Tasse Kaffee ein und ging damit wieder nach vorne in den Verkaufsraum der Tankstelle. Er setzte sich hinter den Tresen auf den unbequemen Metallhocker und drehte das Radio lauter. Draußen flackerte die Leuchtreklame kaum merklich vor sich hin. Wenn ihn seine müden Augen nicht täuschten, nieselte es. Er nahm einen tiefen Schluck, schwarz und ungesüßt, und zog sein Handy aus der Hosentasche.
Mit einem Schmunzeln sah er, dass die Jungs ihm von DeAndres Nummer aus ein paar Spongebob-Memes auf WhatsApp geschickt hatten. Er scrollte durch die Flut an Bildchen und musste bei einem laut lachen. Eines, das sich um große Autos drehte und das Ritas arroganter Bruder besser niemals zu Gesicht bekam.
Schwanzverlängerung oder nicht, der Truck war natürlich trotzdem der Hammer. Hier vielleicht etwas fehl am Platz, aber in Montana – wohin er dem Nummernschild nach gehörte – sicher mehr als nützlich.
Rita hatte ihm nie verraten, woher sie eigentlich kam. Alles vor Sean war ein Tabuthema. Der Wagen ihres Bruders hatte eines ihrer Geheimnisse gelüftet. Sie hatte es später an diesem Abend im Gespräch mit ihm sogar unbewusst selbst gestanden. Wundert mich, dass er tatsächlich den Willen aufgebracht hat, sich mehr als eine Armlänge von Daddy wegzubewegen.
Er nahm einen weiteren Schluck Kaffee und fischte einen Keks aus dem Becher mit den Mini-Oreos, den er mitgebracht hatte. Kauend öffnete er Instagram und wurde von einer Flut an Benachrichtigungen überrascht. Jemand hatte über den Tag verteilt alle seine Fotos geherzt. Bei fast fünfhundert Bildern eine ziemliche Leistung. Einige Kommentare hatte just_an_average_guy auch abgegeben. Hauptsächlich Emojis, aber unter der Tuschezeichnung der Golden Gate Bridge fand er folgenden Kommentar: Gut möglich, dass ich das hier jetzt zehn Minuten lang angestarrt habe und mir immer noch die Worte fehlen.
Todd lächelte und beschloss, sich persönlich zu bedanken. Bei so viel Einsatz verlangte das ja wohl der Anstand. Er klickte sich auf das Profil des selbsternannten Durchschnittstypen, das auf den ersten kurzen Blick bloß mit Landschaftsaufnahmen aus Arizona gefüllt zu sein schien. Sein Profilbild zeigte den Grand Canyon und er hatte kaum Follower oder Abos. Todd schrieb ihm eine private Nachricht. Danke für die Likes. Hab mich sehr darüber gefreut.
Anschließend scrollte er ein bisschen durch Insta und verteilte das eine oder andere Like für diverse Kunstwerke, bis zu seiner Überraschung eine Nachricht oben aufpoppte.
Gern geschehen. Mehr als verdient. Ich müsste eigentlich noch neun Fake-Accounts erstellen, um meine Begeisterung wirklich zum Ausdruck bringen zu können. Aber das fändest du sicher bedenklich :P
Nach einem amüsierten Glucksen schob Todd sich einen Keks in den Mund und tippte eine Antwort. Ein bisschen vielleicht. Aber ich würde mich natürlich schon auch geschmeichelt fühlen. Überwiegend geschmeichelt vermutlich.
Okay, warte. Das dauert ein bisschen ;)
Lass nur, ich stelle mir die neun zusätzlichen Herzen für jedes Bild einfach vor und du sparst dir die Arbeit.
Während er auf eine Antwort wartete, besah er sich nun doch den Feed des Durchschnittstypen. Tatsächlich fand er nur Landschaftsaufnahmen – eindeutig mit dem Handy gemacht, aber hübsch. Nur eines der Bilder stach heraus, da es die Hände eines Mannes zeigte. Deren Besitzer stützte die Ellbogen auf die Knie. Jeans, weißes Shirt mit umgeschlagenen Ärmeln, ein paar Ringe an den Fingern. Todd zog sich das Bild gerade größer, als eine Nachricht eintraf und ihn sich seltsam ertappt fühlen ließ.
Ziemlich großzügig für jemanden, der sich jede Großspurigkeit leisten könnte. Darf ich fragen, wie du das mit den Steinen machst?
Die Bilder auf Serpentinit? Mit einem Ritzstift. Schlichter Stift mit Diamantspitze.
Wie lange dauert so etwas, wenn ich fragen darf?
Kommt auf das Motiv an. Generell kannst du davon ausgehen, dass mindestens zwanzig Stunden reine Arbeitszeit drinstecken.
Wow. Beeindruckend. Wie übrigens absolut alles auf deiner Seite.
Todd fühlte, wie seine Wangen idiotischerweise etwas Farbe bekamen. Danke. Da er mit Komplimenten nicht umgehen konnte, schickte er sofort eine zweite Nachricht hinterher, um das Thema zu wechseln. Ich mag deine Fotos. Roadtrip mit Freunden?
Diesmal ließ die Antwort länger auf sich warten. Dennoch kam schließlich nur ein einsames Wort zurück – als hätte der Schreiber sich nach einigem Überlegen kein weiteres mehr abringen können. Allein.
Nur wenige Buchstaben, doch selbst hinter wenigen Buchstaben konnte viel Bedeutung stecken. Meist verbarg sich die größte Bedeutung sogar hinter den kleinsten, unscheinbarsten Wörtern. Nachdenklich kaute Todd auf seiner Unterlippe herum. Ziemlich mutig, schrieb er vorsichtig zurück.
Du überschätzt mich. War eher notgedrungen.
Wie das?
Mein Dad ist vor ein paar Wochen gestorben. Ich musste den Kopf freibekommen.
Fuck, warum hatte er nachgehakt? Das tut mir leid.
Wieder verging eine Weile und erneut kam nur ein Wort zurück. Danke. Offenbar lagen dem Durchschnittstypen eine ganze Menge Dinge auf dem Herzen, die er einem Fremden anvertrauen und auch wieder nicht anvertrauen wollte.
Hat der Trip denn zumindest ein wenig geholfen?
Hat er. Mir ist auf jeden Fall einiges klar geworden. Ich hatte ja auch jede Menge Zeit zum Nachdenken und es war keinerlei Ablenkung in Sicht. Dafür viel Natur, die einem zeitweise echt den Atem raubt, um einen dann erst so richtig atmen zu lassen.
Kann ich mir vorstellen. Arizona steht auf meiner Bucket List.
Ich kann’s nur empfehlen. Auch ohne Trauerfall in der Familie. Und lass dir den Lake Mead nicht entgehen. Fand ich besonders schön.
Todd wollte etwas antworten, doch hielt inne und wartete, weil Insta ihm verriet, dass sein Gesprächspartner noch am Tippen war. Draußen fuhren ein paar Autos vorbei, aber keines hielt an.
Nimm auf jeden Fall eine gute Kamera und ein Stativ mit, solltest du zu diesem Punkt auf deiner Liste kommen. Nicht mal unbedingt für den Canyon oder die anderen Sehenswürdigkeiten, sondern für den Sternenhimmel. Der hat mich nämlich fühlen lassen, als hätte ich nie zuvor Sterne gesehen. Ehrlich, das war einmalig schön. Ich wünschte, ich hätte ein kleines Andenken daran. Aber alles, was mein Handy zustande gebracht hat, waren Bilder, die ich genauso gut in einem geschlossenen Schrank hätte schießen können. Nichts als Schwarz und eine verschwommene Lichtquelle, die der Mond sein könnte. Oder auch eine nackte Glühbirne, die von der Decke baumelt.
Todd schmunzelte. Gut, dass du es nicht gepostet hast. Niemand hätte mit Sicherheit sagen können, ob du gerade den Himmel betrachtest oder entführt worden bist und gefesselt in jemandes Werkzeughütte steckst.
Den Unterschied hätte definitiv niemand bemerkt.
Ich werd’s mir merken und mich dementsprechend ausstatten.
Vielleicht bist du sogar so gnädig und schickst dem Idioten, der jede Nacht sehnsüchtig an diesen Sternenhimmel zurückdenkt, dann ein Foto davon. Das ist ja dann fast wie ein Andenken, weil ich dir den Tipp gegeben habe. Zumindest besser als irgendein Foto, das ich von Google heruntergeladen habe.
Kann ich machen, schrieb Todd lächelnd zurück und klickte erneut auf das Profil des Durchschnittstypen, um ihm zu folgen.
Ein Follow? Wow. Das betrachte ich mal als Versprechen. Ein Zwinkersmiley nahm dieser Verkündung den Ernst. Bist du immer so leicht weichzuklopfen?
Leider ja. Nur von Durchschnittstypen mit überdurchschnittlich schönen Händen.
Die Nachricht blieb auf gelesen stehen und Todd fragte sich, ob er zu weit gegangen war. Er tippte gerade an einer kleinen Entschuldigung herum, als auch der andere zu schreiben begann. Abwartend hielt er inne.
Sorry, musste kurz die Kamera mit dem Finger abdecken, damit die Hacker vom CIA nicht sehen, wie ich rot werde. Während Todd noch mit Grinsen beschäftigt war, traf eine zweite Nachricht ein. Leider sind meine Hände nicht halb so begabt wie deine. Hast du noch mehr Fotos von deinen Zeichnungen? Die haben’s mir echt angetan.
Wenn du im Gegenzug mehr von deinem Roadtrip erzählst, schicke ich dir sogar Zeitraffervideos, die den Anschein erwecken, ich bräuchte nur eine Minute für Bilder, die in Wahrheit mehrere Tage dauern.
Betrachte mich als Wachs in deinen Händen. Und dabei habe ich die noch nicht mal gesehen ;)
Glucksend schob Todd sich einen Keks in den Mund und ließ den Kaffee kalt werden. Irgendwie war er gerade auch ohne Kaffee ziemlich wach.
Kapitel 3
Das Geräusch von zerberstendem Glas riss ihn aus dem Schlaf. Im ersten Augenblick wusste er nicht mal, wo er war. Dann blinzelte er dem Equipment seiner Schwester entgegen. Müde rieb er sich die Augen und fuhr sich durchs Haar. Die frisch duftende Bettdecke raschelte. Als er sich halb erhob, rutschte ihm das Handy von der Brust. Ein Schmunzeln eroberte seine Lippen und er ließ das Display aufleuchten. Instagram war offen. Nach seiner letzten Nachricht waren noch zwei weitere im Abstand von jeweils ein paar Minuten eingetroffen.
Noch da?
Hm. Schätze, du bist eingeschlafen … oder steckst gefesselt und geknebelt in jemandes Wandschrank. So oder so wünsch ich dir schöne Träume, Durchschnittstyp ;)
Ein leises Lachen, auf dem noch die Heiserkeit des Morgens lag, sprudelte aus ihm hervor und er wischte sich mit beiden Händen übers Gesicht. Bartstoppeln schrammten über seine Finger. Offenbar war er gegen drei Uhr morgens – nachdem er so ziemlich jedes Detail seines Roadtrips offenbart und zur Belohnung unzählige Bilder und Videos geschickt bekommen hatte – mitten im Gespräch eingeschlafen. Schon jetzt vermutete er stark, dass ihm die Sache mit den schönen Händen heute nicht mehr aus dem Kopf gehen würde. Weder das Kompliment an ihn noch die Hände des anderen, die er auf den Videos gesehen hatte. Elegante Hände mit feingliedrigen Fingern und Tuscheflecken, die in ihm den Gedanken entzündeten, dass er rein gar nichts gegen Tuscheflecken auf seinem Körper einzuwenden hätte. Nicht, wenn diese Hände sie dort hinterließen … Das hatte er für sich behalten. Sein Mut – und Anstand – hatte nur für ein Du hast übrigens auch sehr schöne Hände gereicht, zu dem er nun zurückscrollte, um die lässige Antwort noch einmal zu lesen.
Vorsicht, Mann. Nicht dass der CIA-Agent, der uns überwacht, auf der Schleimspur zwischen uns ausrutscht. Könnte teuer werden. Trotzdem danke ;)
Würde sich das dämliche Grinsen irgendwann mal wieder aus seinem Gesicht wischen lassen? Zweifelhaft.
Während er noch überlegte, ob er gleich Guten Morgen schreiben durfte, ohne aufdringlich oder bedürftig rüberzukommen, erinnerte ihn der Blick auf die Uhr – erst knapp nach halb acht, drei Stunden später in New York – an das Geräusch, das ihn geweckt hatte. Er beschloss, die Nachricht auf später zu verschieben, und wälzte sich aus dem Bett, um nachzusehen, was Rita angestellt hatte. Es konnte schließlich nur seine Schwester sein, die draußen Geschirr zerschlug, denn Todd würde nach seiner Nachtschicht im Bett liegen und Schlaf nachholen.
Doch als er mit einem halben Gähnen aus dem Zimmer trat, war es Todd, der neben der Kücheninsel weiße Scherben zusammenfegte. Er trug wieder einen Jogginganzug, hellgrau diesmal, und sah nur flüchtig zu ihm auf. »Sorry, wollte dich nicht wecken.«
»Schon okay.«
»Kaffee?«
»Wenn’s keine Umstände macht.«
Ein Kopfschütteln, bevor er aus Armies Sichtfeld verschwand, um Scherben in den Mülleimer rieseln zu lassen. »Ist schon fertig.«
Armie huschte ins Bad. Die Wände der Duschkabine waren wieder beschlagen. Er begann seine morgendliche Routine – wusch sich das Gesicht, putzte sich die Zähne, bürstete sich etwas nachlässig das Haar – und verschob dann die weitere Pflege kurzerhand auf später, weil ihm der Kaffee gerade um einiges erstrebenswerter erschien. Darüber hinaus wollte er sich dem maskulinen Duft entziehen, der in der Luft hing und ihn viel zu heftig für sich einzunehmen gedachte.
Völlig automatisch kontrollierte er noch mal schnell sein Handy auf eine Nachricht. Als er gestern diese Posts geherzt hatte, wäre ihm nicht im Traum eingefallen, der Mann könnte ihm antworten. Geschweige denn die Vorstellung, dass sie sich bis spät in die Nacht unterhalten würden. So ungezwungen, als würden sie sich schon ewig kennen.
Kaum trat er aus der Tür, kamen ihm bekannte Stimmen entgegen, die er nicht sofort einzuordnen wusste. Todd saß am kurzen Ende der Kücheninsel, löffelte seine in Kaffee getränkten Cheerios und sah in sein Handy, das an einer Flasche Wasser lehnte. Armie hob überrascht die Brauen. Rhett und Link waren es, die er an der Stimme erkannt hatte. Der Typ schaute wahrhaftig Good Mythical Morning.
Zwei sympathische Kerle, die früher einfach fünfzehn Minuten lang in die Kamera gequatscht hatten und inzwischen hauptsächlich in diverse Spiele verpackt Essen verkosteten. Kurz gesagt: Die beste Morningshow der Welt, für die er irgendwann keine Zeit mehr gehabt hatte. Ausgerechnet jetzt und hier wieder darauf zu stoßen, traf ihn ziemlich unerwartet.
»Als ich das zum letzten Mal gesehen habe, haben sie die Frisuren noch umgekehrt getragen«, meinte er, während er Todd gegenüber Platz nahm und feststellte, dass der Mann glatt rasiert und sein Haar feucht war. Armies Zungenspitze schnellte hervor, noch bevor er ihr seine Zähne in den Weg stellen konnte.
»Ist schon ’ne Weile her«, murmelte Todd dem Bildschirm zugewandt.
»Paar Jahre.« Schwer schluckend schenkte Armie sich Kaffee ein.
Nach einem Blick in sein gewiss verräterisch müdes Gesicht fragte Todd: »Mit dem Bett alles in Ordnung? Brauchst du andere Kissen? Andere Decke?«
»Alles bestens.« Wäre da nicht dieser schlagfertige, humorvolle Typ gewesen, hätte er ja schon viel früher geschlafen. Er räusperte sich unangenehm berührt.
»Cheerios?« Todd klopfte mit dem Fingerknöchel gegen die Schachtel.
»Wenn ich sie nicht mit kaltem Kaffee essen muss wie so ein Verrückter«, gab Armie neckisch zurück, wurde jedoch mit keinem noch so kleinen Zeichen der Erheiterung belohnt.
Ohne ihn überhaupt anzusehen, schob Todd ihm die Milch entgegen.
Armie bediente sich und löffelte schweigend sein Frühstück. Er wünschte, er könnte sich auf GMM konzentrieren, von dem er trotz seiner mangelnden Aufmerksamkeit bemerkte, es vermisst zu haben. Doch sein Blick wanderte immer wieder zu Todd hinüber und ließ sich aus unerfindlichen Gründen nicht davon abbringen. Ob Rita mit ihm im Bett gewesen war? War vor der Freundschaft etwas anderes gewesen? Oder war es eine Freundschaft mit Vorzügen? Eine Vorstellung, die er ganz und gar nicht leiden konnte. Natürlich nicht. Immerhin ging es hier um seine kleine Schwester.
Todd gluckste mit vollem Mund über etwas in der Show und auf seinen glattrasierten Wangen erschienen sehr reizvolle Grübchen. Eilig wandte Armie den Blick ab. Darin war er geübt. Darin, sich abzuwenden, wenn ihm etwas an einem Mann gefiel, um jegliche Regung sofort im Keim zu ersticken. Er versuchte, das unerwünschte Flattern in der Magengegend in Milch und Cheerios zu ersäufen, und könnte genauso gut Styropor kauen, ohne einen Unterschied zu bemerken.
Lange vor ihm leerte Todd seine Schüssel und stand auf, um sie in die Spüle zu stellen. Die Show fand ihr Ende, während Todd etwas aus dem Schrank holte.
Verwirrt sah Armie auf, als ihm ein Röhrchen mit Brausetabletten vor die Nase gestellt wurde.
»Heute hast du Vitamindienst«, erklärte Todd und warf einen hastigen Blick auf seine Armbanduhr. »Ich muss zur Arbeit.«
Zur Arbeit? Nach nicht mal vier Stunden Schlaf gestern Abend und einer Nachtschicht?
Er suchte nach Worten und wusste doch, dass er sowieso nichts sagen würde, weil ihn das nichts anging.
Todd schnappte sich sein Handy und einen Schlüsselbund, schlüpfte in seine Schuhe und dann mit einem leisen Bis später aus der Tür.
Armie ließ den Löffel sinken und starrte in seinen Kaffee. Wieder mal hatte er wie sein Vater gedacht. Junkie. Versager. Loser. Er hatte nicht mehr als einen Blick gebraucht, um sein Gegenüber zu verurteilen. Warum tat er das immer wieder? Und warum hatte er es nicht bis zum bitteren Ende fortgesetzt? Sich darin verbissen wie ein Pitbull? Weshalb hatte er Todd gestern Abend nicht als Zuhälter, Drogendealer oder Türsteher einer zwielichtigen Disco vor sich gesehen? Warum rechtfertigte er dessen zwei Jobs nicht mit irgendeiner Sucht, die es zu finanzieren galt? Ganz einfach. Weil er es besser wusste.
Weil er nicht sein Vater war.
*
Todd
