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Frisch zum begehrtesten Junggesellen der Stadt erwählt, sehnt sich der gefeierte Dirigent Dante de Medici doch eigentlich nur nach einem Mann fürs Leben. Zu seiner Verwunderung hat sein Herz bereits einen Kandidaten auserkoren. Jean-Jacques Vaudrec de Lille. Einen flegelhaften, ungehobelten, stets übelgelaunten Rüpel, der trotz seiner offensichtlichen Defizite auch einige Vorzüge zu bieten hat. Verboten attraktiv, respektabel erfolgreich und erfrischend schlagfertig weckt der unnahbare Fotograf in Dante den dringlichen Wunsch, einen Blick hinter die Fassade zu werfen. Es gibt nur einen kleinen Haken. Dass sie einander überhaupt nicht leiden können.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Vaudrec
Herzen auf verlorenem Posten
Tharah Meester
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Venice, du meine Liebe!
Die Stadt
Personenverzeichnis
Was bisher geschah
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Epilog
Bonusszene
Nachwort
Danksagung
Über die Autorin
Impressum
Für all jene, die schon einmal vom ersten Blick an wussten, was sie wollten.
Und nicht mehr locker gelassen haben.
Liebe Leserin, lieber Leser.
Wie so oft war die ganze Sache eingangs anders geplant. Allerdings hat mir ein gewisser Stardirigent und Hofkomponist von Seite 1 an einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht. Dante de Medici, der sich nicht immer eines allzu guten Standes bei mir erfreute, hat mich sowas von überrascht. Er hat eine riesige Entwicklung durchgemacht und mir bewiesen, dass seit dem ersten Wort in St. Sycamore alles genauso hat laufen müssen, um dieses einzigartig wundervolle Happy End zu bekommen, wie er es mir und seinem Liebsten beschert hat.
Ich dachte manchmal ernsthaft, niemand könnte nach Bertie & Jackie jemals wieder mein Herz erobern. Ich habe mich geirrt. Es wurde erneut erobert. Und zwar im Sturm …
Also bitte Bühne frei für Dante de Medicis glorreichste Vorstellung!
Ich drück dich fest an meine Brust
und säusle dir ins Ohr:
»Mein Herz schlägt für dich.
Mon cœur bat pour toi.
Il mio cuore batte per te.«
Jean-Jacques Vaudrec de Lille – Aktfotograf und Agent
Dante de Medici, Lord St. Sycamore – Dirigent des königlichen Orchesters, Hofkomponist
Albertien »Bertie« Escoffier – Schriftsteller, Bereiter im königlichen Stall
Jacques-René »Jackie« Escoffier – dessen Ehemann, Maler
Nikolai de Medici – Dantes Vater, Politiker, Kabinettsmitglied
Miss Leylie – eine kluge Freundin
Clément Robespierre – Major
Vincent Motley – Opernschreiber
Josephine »Josy« Motley – dessen Ehefrau, Studentin der Archäologie
Margaux Beaulieu – eine Freundin
Desmond Peters – Literaturkritiker, ein Freund
Séraphin Bourdillon – Violinist des königlichen Orchesters
Jack Shillingford – Schlagwerker des königlichen Orchesters
Alvaro Duarte – ein alter Komponist und Opernschreiber
Ives Rainiér – Lieutenant, Ordonnanzoffizier
Lance Preston Lombard – Privatdetektiv
»Lord Johnse« Johnson Wadegrave – Polizist
Gennaro Emilio Constantino de Montmarcé – Kronprinz von Venice
Gustave – Cléments Leihhund
Reardon – Vaudrecs Assistent
Lord Heynes – ein Freund Nikolai de Medicis
Lord Powell – Dirigent
Marco Renaldo – neuer Tenor des königlichen Orchesters
Madeleine – Malerin
Brown – Fotograf
Gianbattista Cafasso – Fotograf
Matteo Rossi – Fotomodell, bei Vaudrec unter Vertrag
Mr Feinman – Oberkellner im Torquemada
James Thomson – ein unerwünschter Verehrer
Inés – erste Violinistin des königlichen Orchesters
Frédéric – Trompeter im königlichen Orchester
Mirabella Bernardi – Querflötistin im königlichen Orchester
Alain Dumas – Kontrabassist im königlichen Orchester
Donato Saretti – Hofmarschall des Königs
John Parker – Majordomus im Apartment De Medici
Richard Stendon – Reporter beim Herald
Doug Paytlin – Internatslehrer
Alles begann mit einem Mittagessen am Piazza Reale, zu dem sich Jackie, Bertie, Clément und Dante eingefunden hatten, nur um von einem höchst ungehobelten Fotografen mitten in einer Unterhaltung gestört zu werden.
»Hier habt Ihr, wovon Ihr glaubt, es stünde Euch zu.« Drei dunkle, edle Mappen landeten auf dem Tisch. Aus einer davon ergossen sich Fotografien wie zu früh kommendes Herbstlaub über das Holz. Bei deren Anblick prustete Jackie aus purem Entsetzen einen Schwall Soda noir über sein Mittagessen, während eine andere Mappe unglücklich mit Dantes Glas zusammenstieß und ihm den Inhalt über den Teller kippte.
Wutentbrannt starrte Dante zu Vaudrec hoch, der in Anbetracht seines forschen Auftretens einen erstaunlich perplexen Eindruck angesichts der Auswirkungen machte. »Und was seid Ihr für ein verdammter Clown, wenn ich fragen darf?«, knurrte Dante, der den Choleriker in sich wiederzuentdecken schien.
»Clown?«, wiederholte Vaudrec erbost und erholte sich von was auch immer. Er setzte seine gewohnt arrogante Miene auf und hob den heilen Arm, um sich ans Ohr zu deuten. »Wenigstens war ich nie der Elefant in der Manege.«
Für einen Moment erweckte es den Anschein, als würde Dante aufspringen und dem Fotografen im schwarzen Anzug eine aufs Maul geben. Doch er besann sich und begnügte sich mit einem abschätzigen Blick, den er einmal langsam an Vaudrec auf und ab wandern ließ. »Hier mein gutgemeinter Ratschlag. Eignet Euch zumindest einen Hauch von Charme an. Ihr seid bei allen Göttern nicht attraktiv genug, um ein derartiger Scheißkerl zu sein.«
»Kotzbrocken«, grollte Vaudrec in seinen Bart.
»Vollidiot«, fauchte Dante zurück, während er die Reste seines Filets aus einem See Bitter Lemon fischte und sie auf den Salatteller bettete.
Aus dem Augenwinkel bemerkte Jackie, wie Bertie eine der Fotografien studierte. Eine der harmloseren, weil sie ihn nicht in seiner Gesamtheit zeigte. Der Bildausschnitt endete knapp über der Gürtellinie. Wenn er denn einen tragen würde. Trug er nicht. Das einzige Kleidungsstück, das auf dieser Aufnahme eine Rolle spielte, war eine schwarze Krawatte in seinen Fäusten und zwischen seinen Zähnen. Jenes Bild in Berties Fingern vollbrachte es, ihn aus seiner Starre zu befreien. Hastig sammelte er die verdammten Bilder ein und musste Clément gar eines aus der Hand reißen. Bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit wurde der Bursche vor lauter Schüchternheit rot, aber die hielt ihn offenkundig nicht davon ab, sich Jackies Anatomie mit dem Mund voller Leberpastete genauestens einprägen zu wollen.
»Du hast genug gesehen, meinst du nicht?«, zischte Jackie.
»Ich hab schon mehr von dir gesehen«, kam ungerührt zurück. »Also nicht mehr von dir, das wäre schier unmöglich, aber mehr von deinen Akten. Die sind bei einsamen Soldaten sehr beliebt.«
Ja. Genau das hatte er hören wollen, vielen Dank auch. Mit dem Senken seines Hauptes entging er Berties Blick und presste die Mappen samt der herausgefallenen Bilder auf seinen Schoß. Seine Scham brannte so heiß aus ihnen, dass es ihm die Oberschenkel zu versengen schien. Was zur Hölle ging hier eigentlich vor sich?
»Er war mal stolz auf diese Fotografien«, stieß Vaudrec hervor. »Jetzt muss ich sie auf sein Geheiß hin einsammeln, als seien sie Schmutz.«
»Ich habe keine Ahnung, wovon Ihr sprecht«, erwiderte Bertie.
»John, bitte«, flehte Jackie mit einer Mischung aus Anklage und Verlegenheit.
Vaudrec nahm keine Notiz von ihm. Sein dunkler Blick blieb an Bertie haften. Etwas in seiner Brusttasche reflektierte das Sonnenlicht und blendete Jackie für einen Moment. »Ich rede von dem anmaßenden Wahnsinn, dass Ihr einem Künstler seines Kalibers die Auslebung seiner Berufung aus schnöder Eifersucht verbietet.«
»Wie kommt Ihr darauf? Ich habe ihm gar nichts verboten.«
»Vielleicht nicht mit Worten, aber es ist wohl offensichtlich, dass er sich Euretwegen für diese Bilder schämt. Dabei seid Ihr derjenige, der sich schämen sollte, ihn so fühlen zu lassen.«
»Bitte halt einfach die Klappe«, flüsterte Jackie vergebens. Was zum Teufel war bloß in seinen Agenten gefahren?
»Ich …«, begann Bertie, doch Vaudrec gestattete ihm kein weiteres Wort.
»Wisst Ihr eigentlich, wie viele Aktmodelle ich schon vor der Kamera hatte? Zu viele, um sie zu zählen. Doch weder vor noch nach ihm hatte ich jemanden vor der Linse, der so viel Talent und Professionalität bewiesen hätte wie er. Ganz zu schweigen von seiner Fähigkeit, mit dem Betrachter des Bildes zu kommunizieren, als stünde bereits dieser statt dem Fotografen vor ihm.«
Unwillkürlich hob Jackie nun doch den Kopf und starrte Vaudrec an. In all den Jahren ihrer Zusammenarbeit war diesem Mann nie ein Lob über die Lippen gekommen. Er konnte nicht verhindern, sich geschmeichelt zu fühlen.
»Alle Maler, für die er Modell gestanden hat, schwärmen von seiner Disziplin und seinem Körpergefühl. Und Ihr vollbringt es innerhalb weniger Monate, dass er das alles hinschmeißt und am liebsten auch noch die Vergangenheit auslöschen will, um sich in Euren Augen als würdig zu erweisen.«
»Das müsste er nicht«, gab Bertie fest zurück und sah dabei Jackie an. »Aber Ihr habt recht.« Sanft nahm er ihm die Mappen ab, um sie so auf den Tisch zu legen, dass die Fotografien nach oben zeigten. Er fächerte sie gar demonstrativ auf. »Es lag in meiner Verantwortung, ihn wissen zu lassen, dass ich stolz auf ihn bin. Ein Versäumnis, welches ich schleunigst wiedergutzumachen gedenke. Ich kann ihm nicht vorschreiben, was er zu tun hat, aber ich bitte Euch, die Bemühungen um weitere Bilder zu pausieren. Er wird noch einmal über sein Anliegen nachdenken wollen, nachdem wir unter vier Augen gesprochen haben.«
Jackies Herz klopfte schnell, während er Bertie ansah, der wiederum den Fotografen im Blick behielt. Er kam aus dem Staunen nicht heraus. Albie akzeptierte ihn mitsamt seiner Vergangenheit. Mehr noch. Er sehnte sich offenbar nicht nach einer Rückgängigmachung oder einer Vertuschung seines Werdegangs.
»Das ist das Mindeste, das Ihr tun solltet.« Vaudrec nickte mit gequälter Miene. »Vielleicht solltet Ihr auch darüber nachdenken, was es für einen Mann bedeutet, wenn man ihm nach und nach wegnimmt, wofür er wie geschaffen scheint.«
»Das wird er, versprochen«, warf Dante sarkastisch ein. »Und Ihr solltet Euch jetzt verpissen. Nachdem Ihr mein Filet in Bitter gebadet, meinen Ehemann angefaucht und einen meiner Freunde bloßgestellt habt, habe ich genug von Euch. Das sind nämlich alles Dinge, die ich ganz und gar nicht leiden kann. Ihr steht ab heute übrigens auch auf der Liste von Dingen, die ich nicht leiden kann.«
»Ich versichere Euch: Das beruht auf Gegenseitigkeit.«
»Schön, dass wir uns einig sind. Auf Nimmerwiedersehen.« Mit einem Lächeln wie saure Milch scheuchte Dante sein Gegenüber fort.
Vaudrec machte auf dem Absatz kehrt und verschwand in der Menge, von der sie letztlich doch einige Aufmerksamkeit erhielten. Verwirrt blickte Jackie ihm hinterher. Nichts von alledem, was er gerade getan hatte, entsprach seiner Art. Nun, sein Wortgefecht mit Dante vielleicht. Aber der Rest schien so untypisch für ihn, dass Jackie das dumpfe Gefühl in der Magengrube sofort als einen Anflug von Sorge erkannte.
»Was für einen garstigen Ehemann ich doch habe«, murmelte Bertie amüsiert.
»Ich habe nicht ein halbes Vermögen für das Anlegen meiner Segelohren hingeblättert, um mich dann von irgendeinem dahergelaufenen Witzbold einen Elefanten schimpfen zu lassen.«
»Elefanten sind edle Tiere. Ich weiß gar nicht, weshalb du dich so aufregst.«
»Spar dir das«, versetzte Dante mit vollem Mund. »Ich kann dir nicht mal das Sofa androhen, weil du sowieso die meiste Zeit am Schreibtisch einschläfst.«
Bertie gab ein Räuspern von sich und sammelte anschließend die Fotografien ein. »Nachdem die hier keinen Besitzer mehr haben, nehme ich an, ich darf sie behalten?«, fragte er leise und sah Jackie an, der angesichts der Zärtlichkeit in Berties Blick lediglich ein Nicken zustande brachte ...
Seufzend schlüpfte er in sein Jackett und hob die Nadel von der Platte, um die Musik verstummen zu lassen. An der Tür angekommen umfasste er die Klinke und warf noch einen letzten Blick über die Schulter. Es war beängstigend, welch große Lücke ein Mensch in einem Raum hinterlassen konnte – von der Lücke in seinem Herzen ganz zu schweigen.
Die gerahmten Fotografien über dem Kamin waren weniger geworden – die Reihen der Erinnerungen an schöne Momente hatten sich gelichtet wie eine Kompanie unter Beschuss. Jackies Malereien, an denen er zu hängen begonnen hatte, zierten nun die Wände eines anderen Hauses. Berties Bücherregale waren fort und hatten bloß ein einziges zurückgelassen, um die Bände aus seiner Feder zu beherbergen, die Dante inzwischen alle besaß und innig liebte. Der Schreibtisch war verschwunden, der Nachttisch leergeräumt, eine Bettseite verwaist.
Auf dem rabenschwarzen Flügel thronte ein Bild in schwerem Goldrahmen, das seinen Blick unweigerlich gefangen nahm. Bertie hatte ihm den Arm um die Schultern gelegt und grinste gemeinsam mit ihm in die Kamera. Dante trug seinen besten Opernfrack, Bertie seinen Glücksanzug mit den roten Accessoires. Die Opernpremiere war ein voller Erfolg gewesen. Kein einziger Kritiker hatte es gewagt, das Gegenteil zu behaupten, was an sich schon eine Sensation darstellte.
Den ersten paar Vorstellungen hatte Bertie höchstpersönlich beigewohnt, aber seit drei Wochenenden blieb Dantes Loge leer. Flitterwochen waren wichtiger als eine Oper. Wichtiger als der heutige Tag. Verständlich und doch tat es weh.
Schwer schluckend trat er in den Flur hinaus und hastete an der Garderobe vorbei, um das dortige Fehlen schwarzer Jodhpur-Stiefeletten nicht an seinem Herzen rühren zu lassen. Das dumme Ding war angeschlagen genug.
Wie sollte er bloß den Abend überstehen?
Eine Frage, auf die er auch auf dem Weg nach unten keine Antwort fand. Auch nicht, während er die Autotür öffnete und sich auf den Beifahrersitz fallen ließ.
Clément grinste ihn an und lenkte den Wagen, in dem noch ein Hauch von blauem Dunst zu hängen schien, Richtung Stadtmitte.
»Na, wie fühlt es sich an?«, fragte der Rotschopf neckisch.
»Was genau?«
Ohne den Blick von der schmalen Straße zu nehmen, griff Clément nach hinten und grabschte nach etwas auf dem Rücksitz, um es Dante gleich darauf in den Schoß zu werfen. Der Luftzug, der durch die offenen Fenster hereindrang, zerzauste ihnen nicht nur das Haar, sondern brachte die Zeitung auf seinen Schenkeln zum Rascheln. Nach einer flüchtigen Prüfung der Titelseite entrang sich ihm ein Stöhnen. »Putain, lass mich bloß mit diesem Schwachsinn in Ruhe.«
Während er das billige Revolverblatt wieder nach hinten warf, lachte Clément. »Hat der begehrteste Junggeselle der Saison etwa schlechte Laune?«
»Hat er.« Dante verschränkte die Arme vor der Brust und drückte sich tiefer in den mit hellem Leder bezogenen Sitz. »Und wenn die ersten Dummköpfe auf die Idee kommen, dass sie sich diesen dämlichen Artikel mit dem noch dämlicheren Foto als Trophäe an den Bettpfosten nageln wollen, wird meine Laune auf einen rekordverdächtigen Tiefpunkt sinken.«
»Ich finde, dass du auf dem Foto verdammt heiß aussiehst.«
Dante gab ein unbestimmtes Knurren zur Antwort und hüllte sich für den Rest der Fahrt in Schweigen. Mit zurückgelegtem Kopf starrte er aus dem Fenster, vor dem es nicht viel zu sehen gab außer den hohen Mauern der umliegenden Gebäude. In der Stadt ging es immer schrecklich langsam voran. Ständig versperrten einem Passanten, Droschken oder Postkutschen den Weg. Diese eintönige Gondelei durch Straßen, die noch nicht auf die Benutzung durch Automobile ausgelegt waren, konnte sich nicht im Geringsten mit den Ausfahrten messen, die Clément und er auf dem Land unternommen hatten. Jene Fahrten, bei denen einem das Gefühl von Freiheit fast die Brust sprengte, während der Major den Motor an seine Grenzen trieb, um Staub und Kies hinter ihnen aufzuwirbeln. Jene Fahrten, bei denen man durch Alleen raste, in denen einem die hastig zwischen Blätterdächern hervorblitzende Sonne angenehm schwindelig werden ließ.
Gott, er vermisste diese Spritztouren.
»Da wären wir«, meinte Clément lächelnd und parkte so nah wie möglich an der Hauswand, um niemanden zu behindern, der hier vorbeiwollte.
Dante kletterte nach ihm an der Fahrerseite aus dem Wagen und besah sich in der Abenddämmerung die Fußgänger, die in Scharen an ihnen vorbei strömten und das Auto mit neugierigen Blicken bedachten. Sie alle zeigten fröhlichere Gesichter als er. Eine Erkenntnis, die ihn pflichtschuldig eine bemüht heitere Grimasse aufsetzen ließ, sobald er hinter Clément das Restaurant betrat.
Ein Ober im Frack begrüßte sie mit einer Überschwänglichkeit, die er nicht besonders erfolgreich mit vornehmer Steifheit zu überdecken versuchte, und führte sie eine gewundene Treppe hinauf. Dabei drückte er den Rücken so stolz durch, als geleite er den König persönlich in den Thronsaal.
»Wir hoffen, dass der Abend zu Eurer Zufriedenheit sein wird, Lord St. Sycamore«, näselte er mit einem Blick über die Schulter. »Es ist uns eine Freude, Euch an Eurem Ehrentag bewirten zu dürfen.«
Dante rang sich ein Lächeln ab. »Vielen Dank, das ist überaus freundlich.«
»Ganz gewiss wird dieser Abend vollsten Anklang bei unserem teuren Lord finden«, warf Clément ein und zwinkerte ihm zu. »Es soll ihm an nichts fehlen.«
»Dafür werden wir mit akribischer Gewissenhaftigkeit sorgen, Sir«, erwiderte der Ober, während Dante schwermütig den roségoldenen Ring betrachtete, der nicht länger seinen linken, sondern den rechten Ringfinger zierte und symbolisch dafür stand, dass ihm eben doch etwas fehlte.
Ob Bertie den seinen inzwischen abgenommen hatte?
Erneut eine Frage, die unbeantwortet blieb.
Sie wurden in ein Séparée geführt und alle erhoben sich, um ihn zu begrüßen.
Vince, der vor Freude mehr hüpfte als dass er ging, erreichte ihn als Erster. »Da ist ja unser Geburtstagskind!« Er packte ihn am Hinterkopf und drückte ihm drei lautstarke Schmatzer auf die Wangen, was Dante nun tatsächlich ein ehrliches Grinsen entlocken konnte.
Als Nächstes schloss ihn Josy in die Arme, ehe Jack und Séraphin sich jeweils eine seiner Schultern krallten und ihn in ihrer Mitte herzten. »Was für eine Ehre, an der Geburtstagsfeier des begehrtesten Junggesellen der Stadt teilnehmen zu dürfen«, säuselte sein Meisterviolinist, während Jack spöttisch grunzte.
Sie reichten ihn an Desmond Peters weiter, der in den letzten Monaten stark gealtert schien, aber dessen Lächeln ungebrochen liebenswert blieb. »Herzlichen Glückwunsch und all mein Neid für das wunderbare Alter, das ich gerne noch einmal erleben würde.«
»Tritt beiseite, greisenhafte Erscheinung«, befahl Margaux Beaulieu und stach Dante fast ihren Zigarettenspitz ins Auge, als sie ihn an sich drückte. Ihr langes, blondes Haar duftete nach Veilchen. »Alles Gute, mein Lieber. Möge das neue Lebensjahr alles bereithalten, wonach du dich sehnst.«
Dante murmelte einen leisen Dank, obgleich besagtes neues Lebensjahr nun ja bereits in den ersten Stunden darin versagte, ihm zu geben, wonach er sich sehnte.
»Na kommt, lasst ihn sich hinsetzen«, verlangte Vince eifrig und führte ihn an die Tafel, an der er ihm einen Platz in der Mitte zuwies.
Gehorsam setzte Dante sich auf den Stuhl, von dem aus er die Tür im Rücken und das Fenster vor sich hatte. Das Meer erstreckte sich völlig regungslos in die weite Ferne. Irgendwo an dessen Ende, an einem anderen Ufer, aß Bertie gerade mit Jackie zu Abend und verschwendete wohl keinen Gedanken an ihn.
Stuhlbeine schrammten beinahe verstohlen über feinen Parkettboden, als sich alle wieder um den Tisch herum scharten, der vier Gedecke zu viel beherbergte.
Die Dekoration war prunkvoll und höchst edel mit kleinen, weißen Blüten und Grünzeug in gläsernen Vasen zwischen dezenten Kerzenhaltern, deren wachsweißer Inhalt noch nicht entzündet war. Aus irgendeiner Ecke heraus beschallte sie ein Plattenspieler mit leiser, unaufdringlicher Musik.
Die anderen lachten über einen Scherz, den Vince offenbar gemacht hatte, um sich selbst am lautesten darüber zu amüsieren.
Jack schüttelte erheitert den Kopf und griff nach seinem Glas. »Du bist heute noch überdrehter als sonst, Schreiberling.«
»Das liegt daran, dass ich Josy stundenlang bei der Arbeit zugesehen habe und dabei kein einziges Wort sprechen durfte. Es könnte ja ein Tröpfchen Spucke auf ihre liebevoll saubergepinselten Fossilien kommen.«
»Mhm, kein einziges Wort durftest du sprechen, ja?«, hakte Josy mit gehobenen Brauen nach und schürzte die Lippen. »Ich erinnere mich allerdings daran, dass du den halben Gedichtband von Antonov rezitiert hast. Und zwar mit einem Enthusiasmus, als stündest du vor großem Publikum.«
Wieder brandete Gelächter auf. Dante schloss sich mit einem Schnauben an, aber das Geräusch musste sich an den Dornen in seinem Hals vorbeizwängen.
»Alles Einbildung«, bestritt Vince. »Der aufgewirbelte Staub hat wohl für eine Sinnestäuschung gesorgt, meine Teuerste.«
Die Teuerste zwickte ihn strafend in die Seite, womit sie sich nicht etwa einen Tadel, sondern einen Kuss auf die Wange einhandelte.
Dante bemühte sich nach Kräften darum, sich von der Ausgelassenheit seiner Freunde anstecken zu lassen, doch es wollte ihm nicht gelingen. Ein Blick in die Runde ließ ihn wehmütig erkennen, dass sie in derselben Konstellation versammelt waren wie damals, als er ihnen Bertie vorgestellt hatte. Nun, zumindest fast. Statt Lucien saß nun Clément neben ihm und ersetzte seinen Bruder. Würdiger, als Lucien seinen Familiennamen jemals hätte vertreten können.
Der Stuhl zu seiner Linken blieb heute leer.
»Ich habe vorhin durch Zufall einen Blick auf die Torte erhascht«, verkündete Séraphin mit verschwörerisch gesenkter Stimme.
Jacks Mundwinkel schnellten nach oben. »Durch Zufall?«
»Na, durch den bedauerlichen Zufall, dass ich mit Absicht die Toilettentür mit der Küchentür verwechselt habe.«
»Wir hatten noch nicht mal ein Abendessen und er redet von der Torte«, rief Desmond erheitert aus und warf die tintenbefleckten Hände in die Luft.
Séraphin zuckte mit den Schultern. »Ich kann es trotzdem kaum erwarten, bis Dante seine Kerzen auspustet und wir endlich von diesem zuckrigen Ungetüm naschen können.«
Der Gedanke an das Auspusten der Kerzen verursachte Dante einen weiteren Kloß im Hals. Er hegte bloß einen einzigen Wunsch, aber der würde nicht in Erfüllung gehen. Keine tausend Kerzen könnten dieses Wunder vollbringen.
»Denkst du nicht, du hast schon genug von zuckrigen Ungetümen genascht?«, fragte Jack und klopfte Séraphin auf den leicht gewölbten Bauch.
»Nein, ich denke eigentlich nicht, dass ich das jemals denken werde.«
»Ich muss doch sehr um ein kleines Feilen an euren Sätzen bitten.« Desmond setzte die Grimasse eines gestrengen Lehrers auf. »Ihr habt einen Literaturkritiker in der Runde sitzen.«
»Du erinnerst mich gerade stark an einen meiner Professoren«, meinte Josy.
»Wohl ein netter Kerl, hm?«
»Ein schrecklicher Pedant vor allem.« Erneut Gelächter, das vom leisen Klirren zweier Gläser begleitet wurde, als Desmond und Josy miteinander anstießen.
»Putain de merde.«
Der Klang dieser ihm wohlbekannten Stimme in seinem Rücken ließ Dante erstarren, während alle anderen die erfreuten Gesichter zur Tür hin wandten.
»Ich fürchte, wir sind in eine geschlossene Gesellschaft geplatzt.«
Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals, als er sich umdrehte und mit einem verräterisch verschwimmenden Blick vergewisserte, ob es wirklich Bertie war.
Wahrhaftig. Im dunkelgrünen Anzug und mit seinem blonden, sonnengeküssten Haar stand er dort neben Jackie in der Tür und grinste ihn an.
Jackie machte ein bedauerndes Geräusch und schüttelte das Haupt. »Da haben wir uns so beeilt, um es rechtzeitig zu schaffen, und dann sind wir dem begehrtesten Junggesellen der Stadt nicht mal mehr eine Begrüßung wert. Es stimmt also, was man sagt. Mit großem Ruhm kommt große Arroganz.«
Dante erhob sich so ruckartig, dass der mit den Beinen übers Parkett schrammende Stuhl zu Boden gekracht wäre, hätte Clément nicht hastig danach gegriffen. Dann warf er sich Bertie ungestüm an den Hals und ließ sich von ihm auffangen. Mit geschlossenen Augen drückte er das Gesicht an warmen Anzugstoff, der eine Schulter bedeckte. Eine dritte Hand – vermutlich die von Jackie – tätschelte ihm den Rücken und mit dem nächsten Luftholen kamen ihm bereits die Tränen, gegen die er so tapfer angekämpft hatte.
»Du hast gesagt, ihr kommt erst nächste Woche zurück«, flüsterte er, während Jackie und Clément neben ihnen eine Umarmung und ein paar Worte tauschten. »Du hast mich angelogen.«
Bertie drückte ihn fester an sich. »Es wäre ja wohl kaum eine Überraschung gewesen, wenn ich die Wahrheit gesagt hätte.«
»Du bist ein Arschloch«, beschwerte Dante sich murmelnd.
»Und trotzdem hast du mich so verdammt lieb.«
Dante musste lachen und wischte sich verstohlen das Gesicht trocken. An Berties sündhaft teurem Jackett. »Hab ich, Blödmann.«
»Selber Blödmann für die idiotische Annahme, ich würde um irgendetwas in der Welt deinen Geburtstag versäumen.«
Sie ließen halb voneinander ab, um sich gegenseitig die Wangen zu küssen, wobei Dante nur schwer ein Ende für seine Zärtlichkeiten fand. Es war, als hätte man die Schleusen eines Damms geöffnet, der schon zu viel Wasser fasste.
»Du weißt gar nicht, wie glücklich du mich machst«, flüsterte Dante lächelnd und bekam von Bertie ein paar Tränen von der Haut gewischt – mit einer Hand, die immer noch von einem Freundschaftsring geziert wurde.
»Dabei hast du mein Geschenk noch gar nicht aufgemacht«, erwiderte Bertie.
»Gutes Stichwort.« Jackie legte Dante einen Arm um die Schultern und drückte ihm einen Kuss auf die Schläfe. »Alles Gute zum Geburtstag.« Er machte eine ausladende Handbewegung, mit der er Bertie in dessen Gesamtheit wie eine Trophäe präsentierte. »Hier. Dein Geschenk. Leider bin ich nicht dazu gekommen, es zu verpacken.«
Dante lachte erneut und presste die beiden Männer unnachgiebig an sich. Was für eine Erleichterung, dass man nur ein Mal im Leben in die Flitterwochen verreiste. »Bestes Geschenk überhaupt«, wisperte er und fragte sich im Stillen, wie es sein konnte, dass sein Wunsch in Erfüllung gegangen war, obwohl er sich noch nicht einmal in der Nähe seiner Geburtstagskerzen aufgehalten hatte.
Es gab also doch so etwas wie Wunder.
Das durch die gläsernen Wände des Wintergartens hereinfallende Sonnenlicht lockte pure Schönheit aus den Blättern hervor. Feine, perlmuttfarbene Äderchen zogen sich durch dunkles, lebhaftes Grün. Behutsam befestigte er einen der Äste an dem neuen Spalier, das aus matt-schwarzem Schmiedeeisen bestand und sich nach oben hin zu einer verschnörkelt geschwungenen Kuppel verjüngte.
Er griff nach der Schere, die auf dem Pflanztisch neben einem kleinen Jutesack voll frischer Erde lag, und wählte zwei kräftige Ableger aus. Noch ehe er aber zum ersten Schnitt unterhalb einer der Luftwurzeln ansetzen konnte, hallte der schrille Ton der Türklingel durchs Haus. Knurrend hielt er inne und lauschte, ob sein Assistent sich dieses Übels annehmen würde oder ob er sich selbst darum zu kümmern hatte. Sobald er Reardons schlurfenden Gang durch den Flur vernahm, wandte er sich wieder seinem gerade erst umgetopften Schützling zu.
Unten ging die Tür auf und die Stimme, die nach ihm fragte, verlangte ihm ein Augenrollen samt Stöhnen ab. Als Reardon dem unerwünschten Besucher bereitwillig seinen Aufenthaltsort verriet, bedauerte er von Herzen, dass er mit seiner vermaledeiten Hand in diesem Leben niemanden mehr erwürgen konnte.
Schritte ertönten auf der schmalen Treppe und gleich darauf stand ein frisch aus den Flitterwochen zurückgekehrter Jackie Escoffier im Wintergarten – mit einem Lächeln auf dem makellosen Gesicht und einem Zylinder in den ebenso makellosen Fingern.
Der Anblick lockte ein neuerliches Knurren aus seiner Kehle. »Was willst du jetzt schon wieder? Soll ich erneut den Boten für dich spielen? Muss ich etwa losziehen und auf jedem von dir existierenden Bild ein Feigenblatt über deinen Schwanz malen?«
»Mach dich nicht lächerlich, John. Wo würdest du all die Farbe hernehmen?«
Eilig wandte er sich der Pflanze zu und unterband mit größter Mühe ein Schmunzeln, das seine Mundwinkel zu einem Zucken verführen wollte wie der Teufel einen unschuldigen Gläubigen. »Ja. Was habe ich mir nur dabei gedacht?«
»Darf ich mich setzen?«, fragte Escoffier.
»Nein.«
Ungeachtet der Abfuhr nahm der impertinente Kerl auf einem der Armsessel Platz, die mit dunkelgrünem Samt bezogen waren. John schluckte, als er daran dachte, wie er dort vor wenigen Wochen noch seiner Mutter gegenübergesessen war. Ein Miauen riss ihn aus seiner kurzen Starre. Die Kleinste der Katzen betrat den Raum mit hoch erhobenem Schwänzchen und steuerte zielstrebig den Gast an, um ihm um die Beine zu streifen und Streicheleinheiten einzufordern.
Escoffier kam der Aufforderung ohne ein Zögern nach. »So freundlich«, murmelte er in ihr Schnurren hinein, ehe er den Blick und zugleich die Augenbrauen hob.
John ließ die seinen ebenfalls nach oben schnellen. »Was siehst du da mich an? Von mir hat sie das nicht.«
Jackie lachte in diesem neuen, ehrlichen Tonfall, den ihm Albertien Colfax beigebracht hatte und der tatsächlich dazu in der Lage war, nicht nur den Gehörgang, sondern auch das Herz eines Lauschers zu erreichen. »Wäre mir gar nicht aufgefallen, dass deine Begrüßung weniger freundlich ausgefallen ist, aber jetzt, wo du es sagst …« Jackies Augen verengten sich zu Schlitzen und er schnitt eine gespielt argwöhnische Grimasse, die jeden ernsthaften Schauspieler beschämen würde. So plötzlich, wie das Schmierentheater begonnen hatte, so schnell fiel der Vorhang wieder. »Die hat aber nicht Reardon gebunden.«
»Nein, hat er nicht«, bestätigte John und nahm die angesteckte Krawatte kurz ab, um sie Jackie zu präsentieren. Sie war nicht so edel wie ein Plastron oder eine richtige Krawatte, aber sie war ihm lieber als nichts. Auf diese Weise konnte er eine Halszierde tragen, ohne seinen Assistenten ständig mit seinen Unzulänglichkeiten behelligen zu müssen.
»Sieht gut aus«, merkte Jackie an.
»Ich nehme stark an, dass du nicht hier bist, um mir wegen meiner Garderobe zu schmeicheln«, gab John ungerührt zurück und bettete den ersten Ableger in ein Töpfchen mit feuchtem Torfmoos. Auf dem Boden des Gefäßes befanden sich Steine, um es vor dem Umfallen zu bewahren. Dennoch legte er die fast nutzlose Linke an die Seite des Topfes, um dagegenzuhalten, während er dem Pflänzchen mehr Halt in seinem neuen Bett verschaffte. »Also. Was willst du?«
»Ich … äh …« Einem flüchtigen Lippenlecken folgte ein Räuspern hinter vorgehaltener Faust. »Ich wollte dich fragen, ob du heute mit uns ausgehst?«
Der Schock über diesen Vorschlag erreichte ihn so tief in seinem Inneren, dass er sein Gegenüber ein paar Sekunden lang nur anstarren konnte. In all den Jahren war ihre Beziehung zueinander auf rein geschäftlichem Niveau geblieben. Sie waren noch nie zusammen ausgegangen, ohne einen berufsbedingten Grund dazu gehabt zu haben. Nicht schwer zu erraten, dass jener Nachmittag vor wenigen Wochen für Escoffiers Sinneswandel verantwortlich war.
Zu seinem eigenen Entsetzen war er dem Angebot nicht so abgeneigt, wie er es hätte sein sollen. Dennoch war die Einladung selbstredend unter allen Umständen auszuschlagen. Sein Sinn würde sich nicht wandeln. Ende der Geschichte.
»Was soll ich mit dir und deinen unreifen Freunden?«, forderte er so herablassend wie nur irgend möglich zu wissen, während er seine Aufmerksamkeit zurück auf die Pflanze lenkte und die Katze mit einem Miauen auf den Tisch hüpfte.
»Ich weiß nicht«, erwiderte Jackie mit einem Schulterzucken. »Eindrucksvoll demonstrieren, wie viel reifer und überlegener du bist? Das würde dir so mühelos gelingen, wie zu keiner anderen Gelegenheit. Eine Chance, die du dir nicht entgehen lassen solltest, wenn du mich fragst. Die Nachwelt würde dich glatt für einen Idioten halten, würde sie je davon erfahren.«
»Ich werde lieber für einen Idioten gehalten, als auch nur eine halbe Stunde in Gesellschaft deiner …« Aus unerfindlichen Gründen würgte er die »geistlosen Kompagnons« hinunter, ehe die Kränkung über seine Lippen kam. Nach einer kurzen Begegnung mit Jackies Blick fiel der seine auf die Katze, die mit der Pfote gegen einen der Pflanztöpfe tatschte. Er räusperte sich ermahnend, was jedoch nur bewirkte, dass sie ihn provokant anstarrte, während sie den Topf Richtung Tischkante schob.
»Das lässt du schön bleiben«, knurrte er gebieterisch und sie ließ wahrhaftig von dem terrakottafarbenen Gefäß ab. Er nickte knapp, ehe er das Augenmerk auf Jackie richtete. »Zurück zu dir. Meine Antwort lautet Nein.«
»Du bist mir aber etwas schuldig, John.«
Seine Stirn legte sich in Falten und Groll kroch ihm die Kehle empor. Sofort kamen ihm die zwei Begebenheiten in den Sinn, bei denen Jackie wortwörtlich und sinnbildlich nach seinem Arm gegriffen hatte, um ihn zu stützen. Einmal in dem Pub, als er seiner Drei-Jahres-Münze ihre Bedeutung gestohlen hatte. Ein zweites Mal am Grab seiner Mutter. Er hätte wissen müssen, dass Jackie ihn diese scheinbare Großherzigkeit teuer bezahlen lassen würde. »Ach, bin ich das?«
»Bist du, ja«, erwiderte Jackie im Brustton der Überzeugung und kaufte ihm mit den nächsten Worten für einen Moment jeglichen Schneid ab. »Du hast die Einladung zu meiner Hochzeit ignoriert.«
Die Schere verharrte mitsamt seiner Hand mitten in der Luft. Sollte das heißen, sein Kommen hätte Jackie tatsächlich etwas bedeutet?
Mit dem nächsten Herzschlag zerschellte Keramik lautstark auf dem Marmorboden und er warf der Katze einen bitterbösen Blick zu, woraufhin sie sich nur seelenruhig die missetäterische Pfote leckte.
»Das war meine Schuld«, meinte Jackie schmunzelnd und eilte mit Kehrblech und Besen an den Ort des Verbrechens. »Sie wollte mir offensichtlich beweisen, dass sie doch etwas von dir hat.«
»Ich weiß wirklich nicht, wer dir das Gefühl gibt, witzig zu sein. Aber er ist entweder restlos in dich vernarrt oder gehörlos.«
In Jackies Lachen hinein rief Reardon durch das Treppenhaus: »Ich gehe jetzt nach Hause, Sir. Meine Frau wartet. Vergesst nicht, dass Lassiter um acht Uhr vorbeischauen wollte, um über ein Abdruckrecht zu verhandeln. Ich konnt’s ihm nicht ausreden.«
»Lassiter?« Jackie riss den Kopf hoch und starrte ihn ungläubig an, während unten die Tür ins Schloss fiel. Reardon war es nach all den Jahren in Johns Diensten gewohnt, keine Antwort zu bekommen.
Mit einem unwirschen Handwink tat er Jackies Verwunderung ab. »Wenn der Kerl glaubt, ich erlaube ihm, auch nur eine einzige Fotografie von mir in seinem billigen Wichsblatt abzudrucken, ist er geisteskrank.«
»Noch ein Grund mehr für dich, heute mit mir auszugehen. Du könntest Lassiter eins reinwürgen, indem du nicht da bist, wenn er klopft.«
»Ich könnte ihm auch einfach nicht aufmachen.«
»Ja, aber dann ist der Affront nur halb so groß, meinst du nicht?«
»Nein, eigentlich meine ich das nicht.«
»Wenn du weiterhin so störrisch bist, lasse ich mich von irgendeinem Amateur ablichten und verkaufe das Bild an Lassiter. Dann werden alle denken, du hättest die Fotografie gemacht.« Während er die Scherben in den Mülleimer neben dem Tisch rieseln ließ, gab Jackie ein Grunzen von sich. »Mein Gott, alle werden dich für einen Dilettanten halten. Dein Ruf wird völlig ruiniert sein. Und das alles nur wegen deiner Halsstarrigkeit. So traurig. So vermeidbar«
Entnervt rollte John mit den Augen und gab sich mit einem halb geknurrten Seufzen geschlagen. »Falls er uns heute Abend Gesellschaft leisten wird, was zu befürchten ist, kannst du Lord Großkotz gleich ausrichten, dass ich ein Scheißkerl sein werde, auch wenn er mich dafür nicht attraktiv genug findet.«
Ein Strahlen erhellte Jackies Gesicht so gründlich, dass John es sogar aus dem Augenwinkel bemerkte. »Oh, ich bin mir absolut sicher, dass du das ausgiebig zu veranschaulichen gedenkst.« Er schnappte sich seinen Zylinder und kraulte die Delinquentin, die den kleinen Kopf schnurrend in seine große Hand drückte. »Um sieben im Savonarola oben in Altezza, in der Avenue de Rêvasser. Findest du das?«
»Der erfahrene Kutscher, den ich für meinen Transport dorthin zu bezahlen plane, wird gewiss keine Probleme mit dem Finden haben. Woraus besteht das Abendprogramm, wenn ich fragen darf?«
Im Türrahmen hielt Jackie inne und warf ihm ein Grinsen zu. »Lass dich doch einfach mal überraschen, John.«
In der seligen Einsamkeit, der er überlassen wurde, rollte er mit den Augen. »Werden wir dort etwas essen?«, rief er den Schritten auf der Treppe nach.
»Belasst Eure Vorratskammer unberührt, besorgter Freund! Ihr werdet keinen Hunger leiden«, kam theatralisch zurück.
Es verging eine Weile in Stille, ehe die Tür ins Schloss fiel. Offenbar war Jackie auf dem Weg nach draußen noch eine der Katzen begegnet, aus deren Fell er erfahrungsgemäß nicht die Finger lassen konnte.
*
Als die Kutsche, die zum Glück über blickdichte Vorhänge verfügte, zum Stehen kam, bedachte ihn sein Vater mit einem Lächeln. »Soll ich mit aussteigen und dich bei deinen Freunden abliefern?«
»Erspar ihm die Blamage, Nikolai«, warf Lord Heynes grinsend ein und ruckte mit dem schweren Spazierstock, den er mit beiden Händen zwischen seinen gespreizten Knien hielt.
»Ja, erspar ihm die Blamage«, pflichtete Dante dem Jugendfreund seines alten Herrn bei und öffnete den Verschlag. »Wird sicher spät heute.«
Sein Vater schmunzelte. »Vielleicht wird es bei uns ja noch später.«
»Macht mir keine Schande in eurem Club.«
»Wir werden uns hüten«, versicherte Heynes mit einer Miene, die er vermutlich auch dann aufsetzte, wenn er seiner Frau stockbesoffen unter die Augen trat und schwor, den ganzen Abend lang nur Limonade getrunken zu haben.
Dante schenkte den Männern ein Lächeln, ehe er die Tür zumachte und sich mit der anfahrenden Kutsche im Rücken dem Lokal zuwandte. Sofort bemerkte er das Plakat, das den Grund für seinen Besuch darstellte. Darauf abgebildet war sein neuer Tenor, der den Dreckskerl Lucien ersetzte und hier heute Abend für die Tischmusik sorgte. Dante war gespannt darauf, wie der vielversprechende Sänger in einer anderen Umgebung als dem Opernsaal funktionierte.
Seine Freunde warteten bereits vor der Tür und wirkten in ein Gespräch vertieft, welches Vince sehr temporeich und untermalt von wilden Gesten anführte. Josy schüttelte fortwährend den Kopf und grinste vor sich hin, wie auch Jackie es tat, während Bertie gegen jede Vernunft versuchte, ein paar Worte einzuwerfen.
»Nein!«, schmetterte Vince den Einwand ab. »Bertie, Bertie! Hör mir zu. Ich schwöre es bei allem, was mir heilig ist! Der Mann hat mit einem Ast dirigiert.«
Dante stellte sich dazu, noch ganz mit seinem rechten Manschettenknopf beschäftigt. »Wenn ihr von Leicam redet, ist es wahr, was er sagt. Der hat tatsächlich am vierzigsten Krönungstag Seiner Majest-« Sobald er den Kopf hob, blieben ihm die restlichen Silben im Hals stecken und sein Blick wurde schmal.
Ihm gegenüber stand dieser verdammte Vaudrec, der trotz seines unleidigen Auftritts am Piazza Reale nun offenbar gedachte, seinen Freundeskreis zu infiltrieren. »Ihr schon wieder«, knurrte er, bevor er sich Jackie zuwandte und trocken meinte: »Mein Geburtstag war doch schon letzte Woche. Wenn der Clown mein Geschenk sein soll, kommt er etwas spät.«
Neben ihm grunzte Bertie in seine vorgehaltene Faust, wofür er von Jackie einen Stoß in die Rippen kassierte.
Vaudrec musterte ihn mit gelassener, überlegener Kühle in den dunkelbraunen Augen. »Wenn Ihr glaubt, ich würde heute Abend für Eure Unterhaltung sorgen, erliegt Ihr falschen Hoffnungen.«
»Nein, nein, ich hatte ohnehin fest mit Eurem Versagen gerechnet, aber ich bin natürlich froh darüber, dass niemand sein Geld in Eure schlechte Darbietung investiert hat.«
Elegant geschwungene Augenbrauen hoben sich sachte an und zogen sich zugleich in der Mitte zusammen, um blanke Arroganz zur Schau zu stellen. »Bedauerlicherweise werde ich nicht für meine Anwesenheit bezahlt, allerdings habe ich soeben beschlossen, dass ich umso länger bleibe, umso unerwünschter ich Euch bin.«
Dante bemühte einen spöttischen-erheiterten Laut über seine Lippen. »Dieses Maß auszureizen gibt die Lebenserwartung eines Menschen nicht her, Mann.«
»Äh, Dante«, warf Vince verwirrt ein. »Du wolltest den anderen doch von Leicam erzählen. Mir glauben sie ja bedauerlicherweise nicht, obwohl ich es in einer so wichtigen Angelegenheit gar nicht wagen würde, zu lügen.«
Dante kontrollierte betont gelangweilt seine Garderobe, während er der Bitte nachkam. »Es war ein Freiluftkonzert und Leicam hat erst auf der Bühne bemerkt, dass er seinen Taktstock vergessen hat. Ohne ein Wort zu sagen und mit einer völligen Seelenruhe ist er vor allen Leuten und dem König höchstpersönlich wieder herunterspaziert und in den Garten gewandert. Dort hat er den Ast einer Esche abgebrochen – ein Geräusch, das man noch in der letzten Reihe gehört hat, weil alle den Atem angehalten haben – hat ihn mit den Zähnen von Blättern befreit und kurz seine Stabilität geprüft, ehe er erneut auf die Bühne gestiegen ist und mit seinem Ästchen das gesamte dreistündige Konzert dirigiert hat.« Damit schloss er die Erzählung und blickte wieder auf.
»Kein Wunder, dass du Leicam sogar noch inbrünstiger verehrst als Tyler Bell«, meinte Bertie grinsend. »Diese Seelenruhe, die manche als pure Dreistigkeit bezeichnen würden, muss dich wahnsinnig beeindruckt haben.«
»Um Himmels willen.« Vince griff sich theatralisch an die Schläfe. »Er vergleicht einen Komponisten mit einem Schreiber. Die Götter mögen weghören.«
»Ich habe sie nicht verglichen, ich habe bloß …«
Während Bertie und Vince nun dank ihm einen neuen Grund gefunden hatten, die Diskussion am Laufen zu halten, fiel Dantes verstohlener Blick auf Vaudrec, der den beiden zuhörte – oder zumindest so tat.
Mit seiner ruppigen, ungeschliffenen Art verkörperte dieser Mann so ziemlich alles, was Dante nicht leiden konnte. Er war ein verrohter, ungehobelter Rüpel und schien keine andere Gemütslage als »übelgelaunt« zu kennen.
Aber eines musste man ihm lassen. Den bedauerlichen Umstand, dass er von seinem peniblen Seitenscheitel bis hinunter zu seinen verdammten Schuhsohlen einfach nur heiß war. Sein geöltes, perfekt in Form gebrachtes Haar war ebenso dunkel wie sein makellos gepflegter Vollbart und seine mandelförmigen Augen, die denen von Jackie ähnelten. Er hatte eine wirklich hübsche Nase und ein paar kleine Leberflecken im Gesicht, die sich hauptsächlich auf seine rechte Seite zu konzentrieren schienen. Dante machte drei davon an Vaudrecs Schläfe aus, ehe sein Blick zu Lippen hinabwanderte, die er aufgrund ihrer Schmalheit eigentlich nicht sinnlich finden dürfte. Tja, er war eben ein gottverdammter Rebell …
Sein Herz schlug so heftig und hart wie der Schlagwerk-Rhythmus seines derzeitigen Lieblingsliedes und ließ ihn kaum schlucken.
Widerwillig angetan musterte er Vaudrecs Garderobe – mattschwarzes, blaustichiges Jackett mit edel geschnittenem Revers in Kombination zu einer samtenen Weste. Eine ebenfalls schwarze Krawatte zierte seinen gestärkten, strahlend weißen Hemdkragen und ein kleiner, in Weißgold gefasster, türkisfarbener Edelstein schmückte wiederum die Krawatte. Am dritten Knopfloch der Weste war eine elegante Uhrkette samt Zierkordel befestigt.
Das ockerfarbene Gebäude hinter ihm, welches von der untergehenden Sonne in goldenen Schimmer getaucht wurde, schien nur zu einem einzigen Zweck zu existieren: diesen Mann in Szene zu setzen.
Vaudrec trug das Jackett offen und die Hände in den Taschen seiner Beinkleider vergraben. Er war schlank, aber auf eine besondere Weise; weder durchtrainiert wie Jackie noch sehnig wie Bertie, sondern … Bei allen Göttern, er hatte keine Ahnung, wie er es beschreiben sollte. Er wusste nur, dass Vaudrec alle anwesenden Herren wie Jungs wirken ließ. Einschließlich Jackie – vielleicht nur, weil der seit seiner Hochzeit mit Bertie die jungenhafte Miene gar nicht mehr loswurde. Wie auch immer hegte Dante in diesem Moment keinen Zweifel daran, dass er im Wörterbuch neben dem Begriff Mann eine Fotografie von Vaudrec finden würde.
Zu seiner Verwunderung kam ihm eine Melodie in den Sinn, die er noch nie gehört hatte. Träge, zärtliche Klaviertöne, die etwas Größeres ankündigten.
Als ihre Blicke sich unerwarteterweise trafen, glaubte er, das Herz würde ihm stehenbleiben. Die Musik in seinem Kopf wurde für ein paar Takte lauter, bis er die imaginären Fäuste auf die ebenso imaginären Klaviertasten drosch, weil Vaudrec sich provokant die Rechte ans Ohr legte, um ihn erneut mit den längst angelegten Segelohren zu piesacken.
Bebend vor Zorn ballte Dante auch seine echten Hände zu Fäusten, um nicht versehentlich einen Fotografen damit zu erwürgen. Dieser Vollidiot musste eine Prüfung sein. Seine Feuerprobe, da er doch dank Bertie kein Arschloch mehr sein wollte. Bei allen Teufeln, die Götter wollten ihn offenbar scheitern sehen!
Sollte in irgendeinem Nachschlagewerk tatsächlich ein Bild von Vaudrec zu finden sein, müsste er es herausreißen und neben das Wort »Scheißkerl« kleben. Falls ihm nicht schon jemand zuvorgekommen war, was ihm jedoch als höchst wahrscheinlich erschien, wenn er so darüber nachdachte.
»Gehen wir dann rein oder findet ihr es hier draußen so erquicklich, dass wir das Lokal nicht betreten werden?«, fragte er patzig und nahm die drei Stufen zur Eingangstür, ohne eine Antwort abzuwarten.
In seinem Rücken hörte er Vince halb erstaunt, halb amüsiert murmeln: »Na, der hat heute aber eine Laune.«
Einen geschnaubten Atemzug später umhalsten ihn schlanke Arme von hinten und ein ganz gewisser Jemand schob ihn im Zuge eines neckischen Gerangels ins Foyer. Über die dumpf erklingende Musik hinweg raunte Bertie ihm ins Ohr: »Muss an der schon zu lange andauernden Enthaltsamkeit liegen.«
Dante verbiss sich ein Schmunzeln. »Du schläfst heute Nacht besser mit einem offenen Auge, mein Freund.«
Lachend drückte Bertie ihn noch einmal herzend an sich und ließ anschließend von ihm ab. »Sorgst du sonst für eine reißerische Schlagzeile? Berühmter Autor im Schlaf von Exmann erstickt?«
»Ich garantiere für nichts«, erwiderte Dante mit vertraulich gesenkter Stimme, weil er gleich darauf die Hand eines ältlichen Kollegen schütteln musste, der sich gerade auf dem Weg nach draußen befand.
»Lord St. Sycamore!« Der Mann strahlte übers ganze faltige Gesicht.
Dante neigte höflich den Kopf und schenkte seinem Gegenüber ein Lächeln. »Lord Powell. Seid Ihr gekommen, um Euch meinen neuen Tenor anzuhören?«
Bertie bedeutete ihm mit einem Kopfnicken Richtung Saal, dass sie schon mal vorgingen. Dante nickte kaum merklich zurück, ehe er sich wieder dem alten Dirigenten zuwandte.
»Ich hatte es vorgehabt«, gab dieser zur Antwort. »Allerdings habe ich soeben die Nachricht erhalten, dass bei mir daheim …«
Dante konnte sich nicht auf Powells Worte konzentrieren, weil Vaudrec an ihm vorbeiging und ihm mit einem Hauch seines Parfums wortwörtlich den Kopf verdrehte. Ihm hinterherzusehen, war unvermeidbar. Ebenso unvermeidbar wie die Erkenntnis, dass dieser Mistkerl von hinten genauso attraktiv war wie von vorne. Was trug er da für einen Duft? Schwer, maskulin, warm … und viel zu verführerisch. An so einem Raubein war der ja völlig verschwendet.
»Nun darf ich Euch nicht länger aufhalten, Mylord«, meinte Powell gutmütig. »Ich sehe schon, dass Ihr Eure Freunde nicht warten lassen wollt.«
»Verzeiht meine Zerstreutheit, Lord Powell, ich wollte nicht unhöflich sein.«
»Ach was, ich war auch mal jung«, tat der Alte mit einem Grinsen ab. »Geht und macht Euch einen unvergesslichen Abend. Das, was ich bis jetzt von Eurem Tenor hören durfte, weckt in mir den Hunger auf mehr.«
Dante bedankte sich und schüttelte erneut eine zerbrechlich wirkende Hand, ehe er dem Lord die Tür aufhielt und schließlich den Saal betrat, um dort ein weiteres Mal innezuhalten. An unzähligen Tischen, die alle in Kerzenschein getaucht waren, wurde geplaudert, gelauscht und gespeist, während Marco Renaldo auf der Bühne stand. Begleitet von Violine und Cello sang er Worte, die aus der Tiefe seines Herzens zu stammen schienen. So unvergleichlich Luciens Darbietungen auch gewesen sein mochten, so hatte man bei ihm doch stets gewusst, dass er schauspielerte. Renaldo hingegen nahm man jede Regung ab, die seine Stimme einfärbte.
Der Mann bemerkte ihn und ein Lächeln huschte über seine Lippen, ehe er den Kopf zu einem kaum merklichen Gruß senkte. Dante erwiderte ihn ebenso sachte und suchte dann nach seinen verloren gegangenen Freunden. Er entdeckte den Tisch und setzte sich in Bewegung, um gleich darauf den Platz einzunehmen, den sie ihm angedacht hatten. Wem sah er sich gegenüber? Natürlich Vaudrec, der an Jackies Seite saß, während Dante nun Josy zu seiner Rechten hatte.
Ein Ober eilte herbei, sobald sein Hintern den Stuhl berührte, und nahm seine Bestellung auf – Filet Mignon und ein Glas Bitterlimonade.
Während Vince und Bertie weiterhin angeregt diskutierten, hatte Vaudrec nur noch Augen für Renaldo, was wiederum Jackie einen Ausdruck von Zufriedenheit in die Miene zauberte. Offenbar war das der Plan gewesen.
Dante schluckte trocken und ließ den Blick von Vaudrec zu Renaldo hinüberwandern. Letzterer war groß gewachsen und durchtrainiert, was er gerne zur Schau stellte. Man würde ihm den Sänger nicht zutrauen. Eher könnte man einen Sportler oder ein Modell in ihm vermuten. Der Fotograf ihm gegenüber schien denselben Gedanken zu hegen. Dante hatte keine Ahnung, was ihn daran so heftig störte, dass es ihm auf die Magengrube drückte.
»Wie laufen die Proben zu deinem neuen Projekt?«, fragte Josy unvermittelt und er wandte sich ihr zu. Ihr Lächeln hatte etwas Verschmitztes an sich.
»Ganz gut soweit. Mein Gitarrist gibt sich nach wie vor skeptisch, dafür ist Jack mit einem solchen Feuereifer dabei, dass ihm innerhalb der letzten Woche schon das dritte Paar Drumsticks abgebrochen ist. Jetzt fehlt uns nur noch ein Sänger, dem man Derartiges zutrauen kann. Am besten jemand, der nie zuvor Klassik gesungen hat.«
»Das klingt doch vielversprechend.«
»Wie man’s nimmt«, gab Dante mit einem kleinen Lachen zurück. »Zumindest vereinnahmt es mich so sehr, dass es gerade nicht viel gibt, was ich lieber täte.«
»Und das ist das Wichtigste, wenn du mich fragst.«
Der Kellner servierte ihm sein Bitter Lemon und als er sich bedankte, fing er einen Blick von Vaudrec auf, ehe dieser sich wieder der Bühne zuwandte.
Gleich darauf legte sich ihm eine spinnenartige, bebende Hand von hinten auf die Schulter. Dante sah hoch und erhob sich respektvoll, als er erkannte, wer seine Aufmerksamkeit wünschte. Alvaro Duarte reichte ihm die Rechte und drückte ihm wie immer die Linke obenauf – beide zitterten aufgrund seiner fortschreitenden Erkrankung, doch das Lächeln inmitten seiner ausgezehrten Miene zeigte sich standfest wie eh und je. »Meinen Glückwunsch zum neuen Goldjungen«, meinte der Opernschreiber mit einem Blick über die spitze Schulter zu Renaldo. »Habt Ihr in naher Zukunft Kapazitäten frei, mein Bester?«
»Für eines Eurer Stücke werde ich stets Kapazitäten freihaben, Sir.«
»Hervorragend.« Duartes Grinsen erhellte ein blasses Gesicht unter schwarzem Haar mit einer einsamen grauen Strähne darin. »Ich würde sie von keinem anderen Komponisten vertont haben wollen.«
»Es wird mir wie immer eine Ehre sein.«
»Ihr Schmeichler«, raunte Duarte liebevoll. »Ich lasse Euch Anfang nächster Woche eine Kopie des Manuskripts zukommen, aber es eilt nicht. Jetzt habt einen schönen Abend.«
»Ich kann es kaum erwarten und vielen Dank. Ihr ebenso.«
Es fielen ein paar weitere Floskeln, die sich bei Duarte nie wie solche anfühlten, ehe der Mann wieder zurück zu seiner Frau stakste. Die alte Dame deutete Dante einen dezenten Gruß, den er erwiderte, bevor er Platz nahm.
»Du wirst ja heute von allen Seiten hofiert«, grinste Bertie ihm quer über den Tisch hinweg zu.
Dante schnitt eine Grimasse und streckte die Zunge eine Winzigkeit heraus. »Du bist doch bloß neidisch, weil noch niemand nach deinem Autogramm verlangt hat.«
»Bitte fordere es nicht heraus«, stöhnte Jackie. »Der wird mir größenwahnsinnig, wenn die Leute ihn noch mehr verehren.«
»Was für ein Unsinn«, tat Bertie ab und verstrickte sich mit Jackie in eine Diskussion, wie sie nur zwei maßlos ineinander verknallte Kerle, die sich gegenseitig in den Himmel hoben, führen konnten.
Dante verdrehte schmunzelnd die Augen. Nach dem nächsten Schluck Bitter kam eine Frau im schwarzen Abendkleid an den Tisch und beugte sich über Vaudrec, der zusammenzuckte und den Kopf unnatürlich weit in ihre Richtung drehte. Es war, als bräuchte er das linke Auge, weil sein rechtes ihm hierfür nicht ausreichte.
»Jean-Jacques«, raunte sie und tätschelte ihm den Unterarm, der auf der Tischplatte liegen blieb, anstatt sich zu einer Geste der Begrüßung zu heben.
»Madeleine.«
»Und den hübschen Jackie hast du auch im Schlepptau«, säuselte die Blondine in dessen Richtung, ehe sie sich wieder Vaudrec zuwandte. »Was für ein zauberhafter Zufall, dass ich dich hier treffe. Sonst hätte meine Kleine morgen zu dir aufbrechen müssen. Ich brauche zwei Modelle für einen kurzfristig angelegten Kurs, der nach dem Wochenende beginnt. Dein schönstes Mädchen, diese … wie heißt sie noch gleich … Hearst, und den zierlichen Jungen mit den braunen Locken.«
»Hearst kannst du haben, aber Beaufort ist die gesamte nächste Woche ausgebucht.«
Die Lady zog einen Schmollmund. »Kannst du nicht umdisponieren?«, bat sie in einem Tonfall, der gewiss oft genug Wirkung zeigte.
Diesmal nicht. »Unmöglich. Hamish hat ihn für die Arbeit an einem Modekatalog drüben auf dem Festland gebucht.«
»Ich verstehe. Das ist natürlich ein viel ruhmreicherer Auftrag. Wie wäre es mit dem Burschen, der diesen großen Leberfleck an der Hüfte hat? Könnte eine spannende, kleine Herausforderung darstellen.«
»Tremblay.« Vaudrec nickte. »Uhrzeit?«
Die Dame nannte sie ihm und bedankte sich in fast hochnäsiger Manier, ehe sie sich dem Mann anschloss, der zwei Schritte weiter auf sie gewartet hatte.
Josy sah ihr lachend hinterher. »Ich sehe schon, dass wir in Zukunft ein Séparée brauchen. Hier sitzen einfach zu viele Berühmtheiten an einem Tisch.«
Dante fing Vaudrecs dunklen Blick ein und hob eine seiner Brauen, um sich ein paar Silben auf der Zunge zergehen zu lassen. »Jean-Jacques, hm?«
»So steht es auf meinem Taufschein.«
»John steht Euch besser zu Gesicht.«
»Tut es das Eurer Meinung nach?«
»Schlicht und einfach«, gab Dante frech zurück. »Dem Jean-Jacques werdet Ihr nicht gerecht. Viel zu delikat oder Ihr viel zu ungeschliffen, je nachdem.«
»Gut zu wissen.« Vaudrec nickte langsam vor sich hin und drehte sein Wasserglas um dessen eigene Achse, ehe er gedehnt hinzufügte: »Dan.«
Dante fühlte ein Knurren in sich aufsteigen. »Josy, halt mich, sonst kann ich für nichts garantieren.«
Die anderen fanden den selbstgefällig dreinblickenden Fotografen offenkundig furchtbar komisch. Zumindest gewann Dante diesen Eindruck, als Jackie halb an seiner Dandybrause erstickte und Bertie ihm lachend den Rücken klopfte. Vince brachte als Einziger ein Mindestmaß an Anstand auf und hielt sich wenigstens eine Serviette vor, um seiner Belustigung dahinter Luft zu machen.
»Ich nehme zurück, was ich gesagt habe«, sagte Dante grimmig. »Eine solche Niederträchtigkeit kann nur einem Jean-Jacques über die Lippen kommen.«
»Wie gütig und überaus erleichternd, dass Ihr mir meinen Namen zugesteht. Andernfalls hätte ich heute Nacht kein Auge zugemacht«, spottete Vaudrec in kühlem Ton und konnte sich glücklich schätzen, dass ihm in diesem Augenblick sein Essen serviert wurde.
Der liebevoll angerichtete Teller voll dampfend heißer Pasta unter glänzender Sauce, geriebenem Parmesan und ein paar Blättchen Basilikum war so hübsch anzusehen, dass Dante ihn nicht ruinieren wollte, indem er dem verdammten Fotografen über den Tisch hinweg an die Kehle sprang.
Als Vaudrec nach der Gabel griff, musste Dante sich der Bühne zuwenden und die Faust vor den Mund nehmen, um sein Lächeln zu verbergen.
*
Der Kellner sammelte die leeren Dessertteller ein, von denen manche höchst unangemessen saubergeleckt wirkten, und nahm Jackies überschwängliche Lobeshymnen mit einem peinlich berührten Schmunzeln in Empfang.
John zog seine Taschenuhr hervor, um einen prüfenden Blick auf das Ziffernblatt zu werfen. Die Katzen würden sich fragen, wo zum Henker er blieb. Dass er abends ausging, war schon sehr lange nicht mehr vorgekommen.
»Hey Frohnatur.«
Allein St. Sycamores Stimme ließ ihn innerlich aufstöhnen, doch zusammen mit der dämlichen Anrede verlangte sie ihm wahrhaftig ein Augenrollen ab, ehe er sich dem Mann zuwandte. »Wir geben uns bereits Spitznamen?«
Ein dreistes Lächeln, von dem er wohl glaubte, es sei charmant, huschte über St. Sycamores Lippen. »Euer Fuß hat vorhin unter dem Tisch den meinen gestreift, da dachte ich, es sei an der Zeit dafür.«
»Ich weiß nicht, was Euch da gestreift hat, aber ich war es ganz sicher nicht.«
»Jetzt ist es zu spät, Frohnatur«, gab der Dirigent mit einem Schulterzucken zurück. »Können wir Plätze tauschen? Ich hätte gern die Tür im Blick.«
Zur Antwort stand John einfach auf und überließ dem Idioten seinen Stuhl.
»Überaus freundlich von Euch«, meinte der Großkotz und tauschte ihre Gläser miteinander, sodass jeder wieder sein eigenes Getränk vor sich stehen hatte.
Jackie war sichtlich verwirrt. »Du willst die Tür im Blick behalten?«
Ein weiteres Mal zuckte St. Sycamore mit den schmalen Schultern und wandte sich in einer merkwürdig wirkenden Geste von ihnen ab, ehe er sich räusperte. »Falls Aquila auftaucht, um sich meinen Goldjungen anzusehen.«
»Ich glaube nicht, dass Bertie den Kerl noch mal in deine Nähe lässt«, grinste Jackie.
St. Sycamore schmunzelte wissend und hob eine Braue. »Meinst du, der feine Herr Kapellmeister fliegt wieder aufs Maul, wenn er es trotzdem versucht?«
»Ich hoffe es sogar«, erwiderte Jackie. »Immerhin war ich damals nicht dabei, obwohl ich das wirklich gerne gesehen hätte.«
»Du hast doch gar nichts gegen Aquila.«
»Das nicht. Aber Bertie ist verdammt heiß, wenn er wütend wird.«
Der Dirigent lachte und hob die linke Faust, um damit gegen Jackies Hand zu tippen. Und während John sich noch fragte, was das werden sollte, spielten diese beiden erwachsenen Männer ihm gegenüber drei Partien Schere Stein Papier.
Jackie verlor mit einem Aufstöhnen, was St. Sycamore ein Grinsen abverlangte. »Danke für das Essen, Jackie. Unendlich lieb von dir.«
Der Kellner kam zurück und blickte in die Runde. »Darf es für die Herrschaften noch ein Digestif sein?«
John tippte an sein Wasserglas, um ein weiteres zu bekommen. Mrs Motley bestellte sich ein Achtel Rotwein, während ihr Mann um Kaffeelikör bat. Jackie und sein entstellter Gatte wechselten einen flüchtigen und doch vielsagenden Blick, bevor Jackie sagte: »Für uns zwei Mal Soda noir.«
Mühsam verbiss John sich das Knurren. Dieses Arschloch hatte tatsächlich mit seinem Ehemann über ihn gesprochen. Es war zu befürchten gewesen.
St. Sycamore blickte irritiert drein. »Seid ihr über Nacht unter die Abstinenzler gegangen?«, fragte er spöttisch und verschaffte John etwas Erleichterung, da er damit bewies, im Gegensatz zu Albertien Escoffier nicht eingeweiht zu sein. »Darf ich mir was Ordentliches bestellen oder breche ich damit irgendeinen Pakt, von dem ich nichts weiß?«
Jackie warf ihm einen scharfen Blick zu. »Es schadet ja nicht, ein wenig kürzer zu treten, hm?« Dann senkte er die Stimme und ahmte scheinbar jemanden nach. »Putain de merde, ich glaube, ich sterbe.«
Während John mit der Anspielung nichts anzufangen wusste, färbten sich St. Sycamores Wangen wahrhaftig rot und seine Miene büßte für ein paar Sekunden die übliche Arroganz ein. »Bitter Lemon«, nuschelte er dem Kellner zu.
Die letzten Violinenklänge verhallten im Raum. John wandte sich der Bühne zu, um zu bemerken, dass sich der Sänger bereits während des Applauses ihrem Tisch näherte.
»Wie fandet Ihr es, Maestro?«, fragte er den Dirigenten und fischte nach einem leeren Stuhl, um ihn ans Kopfende zu ziehen und sich rittlings darauf zu setzen.
»Ich spreche sicher für alle Anwesenden, wenn ich sage, dass du uns eine ausgezeichnete Vorstellung geboten hast«, lobte St. Sycamore und wirkte sogar dabei noch großkotzig und gönnerhaft.
»Danke. Danke, das freut mich.« Der Sänger warf jedem in der Runde einen Blick zu und hielt inne, als er bei John angelangt war. »Wir kennen uns noch nicht.« Er streckte ihm die Hand entgegen. »Marco Renaldo.«
John reichte ihm die seine. »Vaudrec de Lille.«
Ein Schmunzeln huschte über Renaldos maskulines Gesicht. »Kein Vorname?«
»Ihr könnt ihn ja von meiner Visitenkarte ablesen«, gab John zurück und zog besagte Karte aus der Westentasche, um sie über den Tisch zu schieben.
Renaldo griff danach und las, was auf dem edlen Stück Papier stand.
John sprach weiter. »Mir fallen auf Anhieb fünf Fotografen ein, die gutes Geld zahlen würden, um Euch vor die Linse zu bekommen.« Sechs, wenn er sich selbst mitzählen könnte. Doch das konnte er nicht mehr.
St. Sycamore stieß Luft aus und bedachte ihn mit einem ungläubigen Lächeln. »Versucht Ihr gerade, mir meinen Goldjungen abspenstig zu machen, Frohnatur?«
»Abspenstig machen? Die Kamera fängt nicht seine Stimme ein, um sie in einer Fotografie zu bannen, De Medici«
Renaldo zeigte in einem einseitigen Grinsen seine Zähne. »Ich fühle mich geschmeichelt, Sir, aber ich denke nicht, dass … Vielleicht wäre der Maestro hierfür besser geeignet. Immerhin wurde er gerade erst zum begehrtesten Junggesellen der Stadt gewählt.«
John ließ ein abwertendes Geräusch verlauten. »Sicher. Von einer Gruppe Idioten, die sich von Reichtum blenden lassen, von denen aber offenbar kein einziger einen Blick für Ästhetik besitzt.«
St. Sycamore hob eine Augenbraue. »Das kann gar nicht sein, dass da nur Idioten abgestimmt haben. Sonst hättet Ihr allein ja schon hundert Stimmen abgeben dürfen.«
»Und mit keiner davon hätte ich Euch gewählt«, versicherte John trocken.
Eine zweite Braue folgte dem Beispiel der ersten, um grenzenlose Ungläubigkeit zur Schau zu stellen. »Soll das heißen, Ihr findet mich hässlich?«
»Das soll heißen, ich finde Euch reizlos. So reizlos wie ein Mann nur sein kann. Und ich sage das nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil es meiner professionellen Meinung entspricht.«
Renaldo saß mit offenem Mund da, während Jackie ein Stöhnen von sich gab und sagte: »Manchmal weiß ich nicht, was schlimmer ist. Dass er einem sowas an den Kopf wirft oder dass er es wahrscheinlich wirklich nicht böse meint.«
»Na ja, so oft wie er dich vor die Kamera gebeten hat, findet er dich zumindest nicht reizlos«, konterte St. Sycamore, ließ den funkensprühenden Blick dabei aber an ihm haften.
John lehnte sich zurück. »Betrachtet es von der positiven Seite. Somit habe ich auch gleich einen Kosenamen für Euch, um den Gefallen zu erwidern.« Durch eine Pause verlieh er besagtem Namen mehr Gewicht. »Lord Charmless.«
Ein träges Lächeln huschte über volle Lippen, als der Dirigent ebenfalls gegen die Rückenlehne sank und die Beine überschlug. »Klingt doch melodisch, vielen Dank.«
»Äh … Maestro«, mischte Renaldo sich ein und schien von dem Wortwechsel unangenehm berührt. Jene Regung veredelte seine Züge auf eine Weise, die John noch heftiger denn zuvor danach verlangen ließ, den Tenor vor die Kamera zu bekommen. »Giselle und Marceau, Violine und Cello, haben mir eine Geschichte über Euch erzählt, von der ich nicht glauben kann, dass sie wahr ist.«
»Welche Geschichte?«, fragte St. Sycamore mit einem halben Kopfschütteln.
Der Kellner brachte die nächste Runde und sorgte für eine kurze Verzögerung der Aufklärung, da der Mann gleich zwei Mal über Renaldo und dessen eingezogenen Kopf hinweg servieren musste.
»Äh, ja …«, meinte der Sänger, sobald der Ober verschwunden war. »La ragazza dell’invidia. Man behauptet, Ihr hättet die vollen vier Stunden an sechs Nächten hintereinander gespielt.«
»Sieben!«, warf Vincent Motley von der anderen Seite des Tisches aus ein und prostete ihnen zu. »An sieben Nächten. Und Ihr glaubt gar nicht, wie viele Leute im Vorfeld versucht haben, ihm das auszureden.«
»Falls Ihr Euch um Eure Stimme sorgt, kann ich Euch beruhigen«, sagte St. Sycamore. »Derartige Stücke, von denen bereits lange im Voraus abzusehen ist, dass wir sie oft spielen werden, plane ich nicht ohne eine Zweit- und Drittbesetzung der Rollen. Zudem hat mir ein Kollege jeden zweiten Abend sein Orchester geliehen. Es wurde also niemand über Gebühr strapaziert.«
»Außer er selbst, will er damit sagen«, rief Motley.
»Gott, Vince, so schlimm war es nicht«, protestierte der Dirigent.
»Du hast in dieser Woche sicher vier Kilo abgenommen und danach drei Tage lang durchgehend geschlafen wie ein Toter.«
»Aber nach diesen drei Tagen bin ich wieder auferstanden«, erwiderte St. Sycamore und breitete die Hände aus. »Kraftstrotzender und reizloser denn je.«
Während John gegen ein Schmunzeln kämpfte, wandte sich St. Sycamore nach einem kurzen Blick in seine Richtung erneut Renaldo zu: »Ihr könnt unbesorgt sein, Marco.«
»Ich war eigentlich nie besorgt. Nur beeindruckt.«
»Nein!«, rief Motley aus. »Nein, nein, nein, lasst das. Ermuntert ihn nicht!«
Gelächter brandete auf und noch bevor es abebbte, tippte die aus dem Nichts auftauchende Violinistin Renaldo auf die Schulter. »Pause vorbei«, flüsterte sie und warf ein grüßendes Nicken in die Runde, ehe sie verschwand.
»Ich muss gehen.« Renaldo erhob sich und stellte den geborgten Stuhl an seinen Platz zurück. »Den Herrschaften noch einen angenehmen Abend. Danke fürs Kommen, Maestro.«
Die Visitenkarte ließ er liegen.
John sah ihm nach und wandte sich erst von ihm ab, als er erneut zu singen begann. Seine Stimme war makellos und vielleicht gerade deshalb ein wenig langweilig. Etwas ohne Ecken und Kanten, das die breite Masse für einen Abend lang ansprach, ohne einem im Gedächtnis haften zu bleiben. Die anderen Mitglieder des Ensembles würden niemals Gefahr laufen, von Renaldos Talent überstrahlt zu werden. Er war vermutlich der perfekte Opernsänger.
St. Sycamore hatte sich inzwischen vorgebeugt. Er stützte die Ellenbogen auf den Tisch und studierte Johns Visitenkarte.
»Inmitten all dieser Beweihräucherung Eurer Person muss meine unfreiwillige Lektion in Bescheidenheit höchst befremdlich auf Euch wirken«, stellte John tonlos fest und fing einen dunklen Blick auf.
»Eine Lektion in Bescheidenheit?«, wiederholte der Dirigent leise und ließ die dunkelgraue Karte zurück auf die weiße Tischdecke fallen. »Dafür kommt Ihr zu spät, Frohnatur. Die hat mir schon ein anderer erteilt.« Vermutlich unwillkürlich und deshalb umso vielsagender sah er zu Albertien Escoffier hinüber. Weichheit huschte über seine Miene, ehe er sich von dem Anblick losmachte und scheinbar mühelos in das Gespräch einstieg, dass Mrs Motley gerade mit Jackie führte.
John senkte das Haupt und betrachtete ein paar Wassertropfen, die langsam an der Seite seines angelaufenen Glases hinabliefen.
Sanft ließ Dante die Fingerspitzen über die Stirn des Wallachs gleiten und strich ihm ein paar Strähnen tiefschwarzen Haares aus den dunklen Augen. Der imposante Allegro schnaubte ihm entgegen, während er Bertie den Vorderhuf reichte. Ein Anblick, der Dante unweigerlich eine Frage aus dem Mund lockte. »Warum benutzt er den linken Arm nicht?«
»Was?«, gab Bertie irritiert zurück und machte sich in routinierten Bewegungen am Beschlag des riesigen Pferdes zu schaffen.
»Vaudrec. Er hat gestern den ganzen Abend lang nicht ein einziges Mal davon Gebrauch gemacht. Nicht einmal beim Essen. Was ist damit?«
»Ich weiß es nicht. Frag ihn doch einfach.«
»Ah, du willst mich durch seine Hand sterben sehen, ja?«
Lachend stemmte Bertie das Eisen vom Huf. Es landete klirrend auf dem Boden. »Er wird dich schon nicht gleich umbringen.«
»Ich traue es ihm durchaus zu. Dir wird ja wohl nicht entgangen sein, dass wir uns nicht ausstehen können.«
»Mhm. Klar«, kam unangebracht spöttisch zurück.
Dante ignorierte diese Anspielung, die offenbar Tatsachen in Zweifel zu ziehen versuchte, gab den schnaubenden Wallach frei und ließ sich in einen Heuhaufen fallen, um seinen Exmann von dort aus zu beobachten. »Hat Jackie nichts von dem Arm erwähnt?«
»Ein Unfall in Vaudrecs Jugend. Mehr weiß er selbst nicht.« Bertie strich sich das Haar hinters Ohr, ehe er den nun nackten Huf für den neuen Beschlag vorbereitete. Er schoss einen herausfordernden, frech funkelnden Blick zu ihm hinüber. »Warum hast du den Platz mit ihm getauscht?«
»Ich wollte die Tür im Auge behalten«, log Dante schulterzuckend und spielte mit einem Heuhalm. »Hätte ja sein können, dass Aquila uns mit seiner Anwesenheit bestraft.«
»Ja«, kam gedehnt zurück, »das war deine Ausrede. Und wie lautet die Wahrheit, wenn ich darum bitten darf?«
Missmutig gab Dante sich geschlagen. »Es war ihm unangenehm, dort zu sitzen. Offenbar ist er auf dem rechten Auge blind. Zumindest ist er jedes Mal zusammengezuckt, wenn jemand an ihm vorbeigegangen ist. Nachdem ich ihm meinen Platz überlassen habe, hat das aufgehört, also liege ich mit meiner Annahme wohl richtig.«
»Jackie vermutet auch, dass neuerdings etwas mit seinen Augen nicht stimmt. Etwas, das ihn gezwungen hat, die Fotografie aufzugeben.«
Dante starrte auf seine Finger und stellte sich vor, die Kraft darin zu verlieren und nie wieder dirigieren oder Klavier spielen zu können. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken und er schüttelte die Vorstellung ab.
Er brach den Heuhalm entzwei und griff nach einem neuen. »Vaudrec sieht aus wie einer, der noch nie in seinem Leben laut gelacht hat, findest du nicht?«
»Du formulierst exakt meine Gedanken aus. Chapeau«, grinste Bertie. »Obendrein ist er ein Arschloch erster Klasse.«
»Oh ja«, pflichtete Dante ihm schnaubend bei und verdrängte die Erinnerung an fehlende Lachfältchen in Vaudrecs Gesicht. »Das letzte Mal, als ich solche Gemeinheiten gehört habe, kamen sie aus meinem eigenen Mund.«
Bertie lachte mit geschlossenen Lippen, zwischen denen Hufnägel klemmten, damit er die Hände frei hatte. »Fast ein Kompliment«, gab er vernuschelt zurück und schlug den ersten Nagel durch Eisen und Huf.
Irgendwo weiter vorne tratschten zwei Stallburschen laut miteinander. Gleich darauf hallten Hufschläge durch die Stallgasse, als eine junge Frau ihr Pferd an ihnen vorbei ins Freie führte. Allegro drohte, nervös zu werden, ließ sich jedoch von Berties Beschwichtigungslauten sofort beruhigen.
Dante kaute eine Weile auf seiner Unterlippe herum. »Aber jetzt mal ehrlich«, meinte er beiläufig. »Der Mann ist doch gottlos heiß, oder nicht?«
»Gottlos ist er ohne Zweifel, aber heiß? Ich weiß nicht«, grinste Bertie unverschämt und gab Allegros Bein frei. »Aber mir ist nicht entgangen, dass du das so empfindest. Das war nicht zu übersehen. Beim besten Willen nicht.«
»Ja ja, ist ja gut«, tadelte Dante ihn neckisch und kickte ein wenig Heu in Berties Richtung. »Du musst es nicht mit solcher Vehemenz betonen.«
»Sollte dir diese merkwürdige Hinneigung nicht als Zeichen dienen, jetzt endlich deine Enthaltsamkeit aufzugeben?«
»Ich finde ihn attraktiv, nicht sympathisch, also unterstell mir hier keine geistige Verwirrung.«
