Vaudrec: Herzen auf verlorenem Posten - Tharah Meester - E-Book

Vaudrec: Herzen auf verlorenem Posten E-Book

Tharah Meester

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Beschreibung

Frisch zum begehrtesten Junggesellen der Stadt erwählt, sehnt sich der gefeierte Dirigent Dante de Medici doch eigentlich nur nach einem Mann fürs Leben. Zu seiner Verwunderung hat sein Herz bereits einen Kandidaten auserkoren. Jean-Jacques Vaudrec de Lille. Einen flegelhaften, ungehobelten, stets übelgelaunten Rüpel, der trotz seiner offensichtlichen Defizite auch einige Vorzüge zu bieten hat. Verboten attraktiv, respektabel erfolgreich und erfrischend schlagfertig weckt der unnahbare Fotograf in Dante den dringlichen Wunsch, einen Blick hinter die Fassade zu werfen. Es gibt nur einen kleinen Haken. Dass sie einander überhaupt nicht leiden können.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Vau­drec

Her­zen auf ver­lo­re­nem Pos­ten

 

Tha­rah Mees­ter

 

 

 

In­halts­ver­zeich­nis

 

In­halts­ver­zeich­nis

Vor­wort

Ve­ni­ce, du mei­ne Lie­be!

Die Stadt

Per­so­nen­ver­zeich­nis

Was bis­her ge­sch­ah

Pro­log

Ka­pi­tel 1

Ka­pi­tel 2

Ka­pi­tel 3

Ka­pi­tel 4

Ka­pi­tel 5

Ka­pi­tel 6

Ka­pi­tel 7

Ka­pi­tel 8

Ka­pi­tel 9

Ka­pi­tel 10

Ka­pi­tel 11

Ka­pi­tel 12

Ka­pi­tel 13

Ka­pi­tel 14

Ka­pi­tel 15

Epi­log

Bo­nus­sze­ne

Nach­wort

Dank­sa­gung

Über die Au­to­rin

Im­pres­s­um

 

 

 

 

Für all jene, die schon ein­mal vom ers­ten Blick an wuss­ten, was sie woll­ten.

Und nicht mehr lo­cker ge­las­sen ha­ben.

Vor­wort

 

Lie­be Le­se­rin, lie­ber Le­ser.

 

Wie so oft war die gan­ze Sa­che ein­gangs an­ders ge­plant. Al­ler­dings hat mir ein ge­wis­ser Stardi­ri­gent und Hof­kom­po­nist von Sei­te 1 an einen ge­wal­ti­gen Strich durch die Rech­nung ge­macht. Dan­te de Me­di­ci, der sich nicht im­mer ei­nes all­zu gu­ten Stan­des bei mir er­freu­te, hat mich so­was von über­rascht. Er hat eine rie­si­ge Ent­wick­lung durch­ge­macht und mir be­wie­sen, dass seit dem ers­ten Wort in St. Sy­ca­mo­re al­les ge­nau­so hat lau­fen müs­sen, um die­ses ein­zig­ar­tig wun­der­vol­le Hap­py End zu be­kom­men, wie er es mir und sei­nem Liebs­ten be­schert hat.

 

Ich dach­te manch­mal ernst­haft, nie­mand könn­te nach Ber­tie & Ja­ckie je­mals wie­der mein Herz er­obern. Ich habe mich ge­irrt. Es wur­de er­neut er­obert. Und zwar im Sturm …

 

Also bit­te Büh­ne frei für Dan­te de Me­di­cis glor­reichs­te Vor­stel­lung!

 

 

Ve­ni­ce, du mei­ne Lie­be!

Ich drück dich fest an mei­ne Brust

und säus­le dir ins Ohr:

»Mein Herz schlägt für dich.

Mon cœur bat pour toi.

Il mio cuo­re bat­te per te.«

 

 

 

Die Stadt

 

 

Per­so­nen­ver­zeich­nis

 

 

Jean-Jac­ques Vau­drec de Lil­le – Akt­fo­to­graf und Agent

 

Dan­te de Me­di­ci, Lord St. Sy­ca­mo­re – Di­ri­gent des kö­nig­li­chen Or­ches­ters, Hof­kom­po­nist

 

Al­ber­ti­en »Ber­tie« Es­cof­fier – Schrift­stel­ler, Be­rei­ter im kö­nig­li­chen Stall

 

Jac­ques-René »Ja­ckie« Es­cof­fier – des­sen Ehe­mann, Ma­ler

 

Ni­ko­lai de Me­di­ci – Dan­tes Va­ter, Po­li­ti­ker, Ka­bi­netts­mit­glied

 

Miss Ley­lie – eine klu­ge Freun­din

 

Clé­ment Ro­be­spi­er­re – Ma­jor

 

Vin­cent Mot­ley – Opern­schrei­ber

 

Jo­se­phi­ne »Josy« Mot­ley – des­sen Ehe­frau, Stu­den­tin der Ar­chäo­lo­gie

 

Mar­gaux Be­au­lieu – eine Freun­din

 

Des­mond Pe­ters – Li­te­ra­tur­kri­ti­ker, ein Freund

 

Séra­phin Bour­dil­lon – Vi­o­li­nist des kö­nig­li­chen Or­ches­ters

 

Jack Shil­ling­ford – Schlag­wer­ker des kö­nig­li­chen Or­ches­ters

 

Al­va­ro Duar­te – ein al­ter Kom­po­nist und Opern­schrei­ber

 

Ives Rai­niér – Lieu­te­n­ant, Or­don­nanz­of­fi­zier

 

Lan­ce Pre­s­ton Lom­bard – Pri­vat­de­tek­tiv

 

»Lord John­se« John­son Wa­de­gra­ve – Po­li­zist

 

Gen­na­ro Emi­lio Con­stan­ti­no de Mont­ma­r­cé – Kron­prinz von Ve­ni­ce

 

Gu­s­ta­ve – Clé­ments Leih­hund

 

Rear­don – Vau­drecs As­sis­tent

 

Lord Hey­nes – ein Freund Ni­ko­lai de Me­di­cis

 

Lord Po­well – Di­ri­gent

 

Ma­r­co Re­nal­do – neu­er Te­nor des kö­nig­li­chen Or­ches­ters

 

Ma­de­lei­ne – Ma­le­rin

 

Brown – Fo­to­graf

 

Gian­bat­tis­ta Cafas­so – Fo­to­graf

 

Mat­teo Ros­si – Fo­to­mo­dell, bei Vau­drec un­ter Ver­trag

 

Mr Fein­man – Ober­kell­ner im Tor­que­ma­da

 

Ja­mes Thom­son – ein un­er­wünsch­ter Ver­eh­rer

 

Inés – ers­te Vi­o­li­nis­tin des kö­nig­li­chen Or­ches­ters

 

Frédéric – Trom­pe­ter im kö­nig­li­chen Or­ches­ter

 

Mi­ra­bel­la Ber­nar­di – Quer­flö­tis­tin im kö­nig­li­chen Or­ches­ter

 

Alain Du­mas – Kon­tra­bas­sist im kö­nig­li­chen Or­ches­ter

 

Do­na­to Sa­ret­ti – Hof­mar­schall des Kö­nigs

 

John Par­ker – Ma­jor­do­mus im Apart­ment De Me­di­ci

 

Ri­chard Sten­don – Re­por­ter beim He­rald

 

Doug Payt­lin – In­ter­nats­leh­rer

Was bis­her ge­sch­ah

 

Al­les be­gann mit ei­nem Mit­tag­es­sen am Pi­az­za Re­a­le, zu dem sich Ja­ckie, Ber­tie, Clé­ment und Dan­te ein­ge­fun­den hat­ten, nur um von ei­nem höchst un­ge­ho­bel­ten Fo­to­gra­fen mit­ten in ei­ner Un­ter­hal­tung ge­stört zu wer­den.

 

 

»Hier habt Ihr, wo­von Ihr glaubt, es stün­de Euch zu.« Drei dunk­le, edle Map­pen lan­de­ten auf dem Tisch. Aus ei­ner da­von er­gos­sen sich Fo­to­gra­fi­en wie zu früh kom­men­des Herbst­laub über das Holz. Bei de­ren An­blick prus­te­te Ja­ckie aus pu­rem Ent­set­zen einen Schwall Soda noir über sein Mit­tag­es­sen, wäh­rend eine an­de­re Map­pe un­g­lü­ck­lich mit Dan­tes Glas zu­sam­men­s­tieß und ihm den In­halt über den Tel­ler kipp­te.

Wut­ent­brannt starr­te Dan­te zu Vau­drec hoch, der in An­be­tracht sei­nes for­schen Auf­tre­tens einen er­staun­lich per­ple­xen Ein­druck an­ge­sichts der Aus­wir­kun­gen mach­te. »Und was seid Ihr für ein ver­damm­ter Clown, wenn ich fra­gen darf?«, knurr­te Dan­te, der den Cho­le­ri­ker in sich wie­der­zu­ent­de­cken schien.

»Clown?«, wie­der­hol­te Vau­drec er­bost und er­hol­te sich von was auch im­mer. Er setz­te sei­ne ge­wohnt ar­ro­gan­te Mie­ne auf und hob den hei­len Arm, um sich ans Ohr zu deu­ten. »We­nigs­tens war ich nie der Ele­fant in der Ma­ne­ge.«

Für einen Mo­ment er­weck­te es den An­schein, als wür­de Dan­te auf­sprin­gen und dem Fo­to­gra­fen im schwa­r­zen An­zug eine aufs Maul ge­ben. Doch er be­sann sich und be­gnüg­te sich mit ei­nem ab­schät­zi­gen Blick, den er ein­mal lang­sam an Vau­drec auf und ab wan­dern ließ. »Hier mein gut­ge­mein­ter Rat­schlag. Eig­net Euch zu­min­dest einen Hauch von Char­me an. Ihr seid bei al­len Göt­tern nicht at­trak­tiv ge­nug, um ein der­ar­ti­ger Scheiß­kerl zu sein.«

»Kotz­bro­cken«, groll­te Vau­drec in sei­nen Bart.

»Voll­idi­ot«, fauch­te Dan­te zu­rück, wäh­rend er die Res­te sei­nes Fi­lets aus ei­nem See Bit­ter Le­mon fisch­te und sie auf den Sa­lat­tel­ler bet­te­te.

Aus dem Au­gen­win­kel be­merk­te Ja­ckie, wie Ber­tie eine der Fo­to­gra­fi­en stu­dier­te. Eine der harm­lo­se­ren, weil sie ihn nicht in sei­ner Ge­samt­heit zeig­te. Der Bild­aus­schnitt en­de­te knapp über der Gür­tel­li­nie. Wenn er denn einen tra­gen wür­de. Trug er nicht. Das ein­zi­ge Klei­dungs­stück, das auf die­ser Auf­nah­me eine Rol­le spiel­te, war eine schwa­r­ze Kra­wat­te in sei­nen Fäus­ten und zwi­schen sei­nen Zäh­nen. Je­nes Bild in Ber­ties Fin­gern voll­brach­te es, ihn aus sei­ner Star­re zu be­frei­en. Has­tig sam­mel­te er die ver­damm­ten Bil­der ein und muss­te Clé­ment gar ei­nes aus der Hand rei­ßen. Bei je­der mög­li­chen und un­mög­li­chen Ge­le­gen­heit wur­de der Bur­sche vor lau­ter Schüch­tern­heit rot, aber die hielt ihn of­fen­kun­dig nicht da­von ab, sich Ja­ckies Ana­to­mie mit dem Mund vol­ler Le­ber­pas­te­te ge­nau­es­tens ein­prä­gen zu wol­len.

»Du hast ge­nug ge­se­hen, meinst du nicht?«, zisch­te Ja­ckie.

»Ich hab schon mehr von dir ge­se­hen«, kam un­ge­rührt zu­rück. »Also nicht mehr von dir, das wäre schier un­mög­lich, aber mehr von dei­nen Ak­ten. Die sind bei ein­sa­men Sol­da­ten sehr be­liebt.«

Ja. Ge­nau das hat­te er hö­ren wol­len, vie­len Dank auch. Mit dem Sen­ken sei­nes Haup­tes ent­ging er Ber­ties Blick und press­te die Map­pen samt der her­aus­ge­fal­le­nen Bil­der auf sei­nen Schoß. Sei­ne Scham brann­te so heiß aus ih­nen, dass es ihm die Ober­schen­kel zu ver­sen­gen schien. Was zur Höl­le ging hier ei­gent­lich vor sich?

»Er war mal stolz auf die­se Fo­to­gra­fi­en«, stieß Vau­drec her­vor. »Jetzt muss ich sie auf sein Ge­heiß hin ein­sam­meln, als sei­en sie Schmutz.«

»Ich habe kei­ne Ah­nung, wo­von Ihr sprecht«, er­wi­der­te Ber­tie.

»John, bit­te«, fleh­te Ja­ckie mit ei­ner Mi­schung aus An­kla­ge und Ver­le­gen­heit.

Vau­drec nahm kei­ne No­tiz von ihm. Sein dunk­ler Blick blieb an Ber­tie haf­ten. Et­was in sei­ner Brust­ta­sche re­flek­tier­te das Son­nen­licht und blen­de­te Ja­ckie für einen Mo­ment. »Ich rede von dem an­ma­ßen­den Wahn­sinn, dass Ihr ei­nem Künst­ler sei­nes Ka­li­bers die Aus­le­bung sei­ner Be­ru­fung aus schnö­der Ei­fer­sucht ver­bie­tet.«

»Wie kommt Ihr dar­auf? Ich habe ihm gar nichts ver­bo­ten.«

»Viel­leicht nicht mit Wor­ten, aber es ist wohl of­fen­sicht­lich, dass er sich Eu­ret­we­gen für die­se Bil­der schämt. Da­bei seid Ihr der­je­ni­ge, der sich schä­men soll­te, ihn so füh­len zu las­sen.«

»Bit­te halt ein­fach die Klap­pe«, flüs­ter­te Ja­ckie ver­ge­bens. Was zum Teu­fel war bloß in sei­nen Agen­ten ge­fah­ren?

»Ich …«, be­gann Ber­tie, doch Vau­drec ge­stat­te­te ihm kein wei­te­res Wort.

»Wisst Ihr ei­gent­lich, wie vie­le Akt­mo­del­le ich schon vor der Ka­me­ra hat­te? Zu vie­le, um sie zu zäh­len. Doch we­der vor noch nach ihm hat­te ich je­man­den vor der Lin­se, der so viel Ta­lent und Pro­fes­si­o­na­li­tät be­wie­sen hät­te wie er. Ganz zu schwei­gen von sei­ner Fä­hig­keit, mit dem Be­trach­ter des Bil­des zu kom­mu­ni­zie­ren, als stün­de be­reits die­ser statt dem Fo­to­gra­fen vor ihm.«

Un­will­kür­lich hob Ja­ckie nun doch den Kopf und starr­te Vau­drec an. In all den Jah­ren ih­rer Zu­sam­me­n­a­r­beit war die­sem Mann nie ein Lob über die Lip­pen ge­kom­men. Er konn­te nicht ver­hin­dern, sich ge­schmei­chelt zu füh­len.

»Alle Ma­ler, für die er Mo­dell ge­stan­den hat, schwär­men von sei­ner Dis­zi­plin und sei­nem Kör­per­ge­fühl. Und Ihr voll­bringt es in­ner­halb we­ni­ger Mo­na­te, dass er das al­les hin­schmeißt und am liebs­ten auch noch die Ver­gan­gen­heit aus­lö­schen will, um sich in Eu­ren Au­gen als wür­dig zu er­wei­sen.«

»Das müss­te er nicht«, gab Ber­tie fest zu­rück und sah da­bei Ja­ckie an. »Aber Ihr habt recht.« Sanft nahm er ihm die Map­pen ab, um sie so auf den Tisch zu le­gen, dass die Fo­to­gra­fi­en nach oben zeig­ten. Er fä­cher­te sie gar de­mon­s­tra­tiv auf. »Es lag in mei­ner Ver­ant­wor­tung, ihn wis­sen zu las­sen, dass ich stolz auf ihn bin. Ein Ver­säum­nis, wel­ches ich schleu­nigst wie­der­gutz­u­ma­chen ge­den­ke. Ich kann ihm nicht vor­schrei­ben, was er zu tun hat, aber ich bit­te Euch, die Be­mü­hun­gen um wei­te­re Bil­der zu pau­sie­ren. Er wird noch ein­mal über sein An­lie­gen nach­den­ken wol­len, nach­dem wir un­ter vier Au­gen ge­spro­chen ha­ben.«

Ja­ckies Herz klopf­te schnell, wäh­rend er Ber­tie an­sah, der wie­der­um den Fo­to­gra­fen im Blick be­hielt. Er kam aus dem Stau­nen nicht her­aus. Al­bie ak­zep­tier­te ihn mit­samt sei­ner Ver­gan­gen­heit. Mehr noch. Er sehn­te sich of­fen­bar nicht nach ei­ner Rü­ck­gän­gig­ma­chung oder ei­ner Ver­tu­schung sei­nes Wer­de­gangs.

»Das ist das Min­des­te, das Ihr tun soll­tet.« Vau­drec nick­te mit ge­quäl­ter Mie­ne. »Viel­leicht soll­tet Ihr auch dar­über nach­den­ken, was es für einen Mann be­deu­tet, wenn man ihm nach und nach weg­nimmt, wo­für er wie ge­schaf­fen scheint.«

»Das wird er, ver­spro­chen«, warf Dan­te sar­kas­tisch ein. »Und Ihr soll­tet Euch jetzt ver­pis­sen. Nach­dem Ihr mein Fi­let in Bit­ter ge­ba­det, mei­nen Ehe­mann an­gefaucht und einen mei­ner Freun­de bloß­ge­stellt habt, habe ich ge­nug von Euch. Das sind näm­lich al­les Din­ge, die ich ganz und gar nicht lei­den kann. Ihr steht ab heu­te üb­ri­gens auch auf der Lis­te von Din­gen, die ich nicht lei­den kann.«

»Ich ver­si­che­re Euch: Das be­ruht auf Ge­gen­sei­tig­keit.«

»Schön, dass wir uns ei­nig sind. Auf Nim­mer­wie­der­se­hen.« Mit ei­nem Lä­cheln wie sau­re Milch scheuch­te Dan­te sein Ge­gen­über fort.

Vau­drec mach­te auf dem Ab­satz kehrt und ver­schwand in der Men­ge, von der sie letzt­lich doch ei­ni­ge Auf­merk­sam­keit er­hiel­ten. Ver­wirrt blick­te Ja­ckie ihm hin­ter­her. Nichts von al­le­dem, was er ge­ra­de ge­tan hat­te, ent­sprach sei­ner Art. Nun, sein Wort­ge­fecht mit Dan­te viel­leicht. Aber der Rest schien so un­ty­pisch für ihn, dass Ja­ckie das dump­fe Ge­fühl in der Ma­gen­gru­be so­fort als einen An­flug von Sor­ge er­kann­te.

»Was für einen gars­ti­gen Ehe­mann ich doch habe«, mur­mel­te Ber­tie amü­siert.

»Ich habe nicht ein hal­b­es Ver­mö­gen für das An­le­gen mei­ner Se­gel­oh­ren hin­ge­blät­tert, um mich dann von ir­gend­ei­nem da­her­ge­lau­fe­nen Witz­bold einen Ele­fan­ten schimp­fen zu las­sen.«

»Ele­fan­ten sind edle Tie­re. Ich weiß gar nicht, wes­halb du dich so auf­regst.«

»Spar dir das«, ver­setz­te Dan­te mit vol­lem Mund. »Ich kann dir nicht mal das Sofa an­dro­hen, weil du so­wie­so die meis­te Zeit am Schreib­tisch ein­schläfst.«

Ber­tie gab ein Räus­pern von sich und sam­mel­te an­schlie­ßend die Fo­to­gra­fi­en ein. »Nach­dem die hier kei­nen Be­sit­zer mehr ha­ben, neh­me ich an, ich darf sie be­hal­ten?«, frag­te er lei­se und sah Ja­ckie an, der an­ge­sichts der Zärt­lich­keit in Ber­ties Blick le­dig­lich ein Ni­cken zu­stan­de brach­te ...

Pro­log

 

Seuf­zend schlüpf­te er in sein Ja­ckett und hob die Na­del von der Plat­te, um die Mu­sik ver­stum­men zu las­sen. An der Tür an­ge­kom­men um­fass­te er die Klin­ke und warf noch einen letz­ten Blick über die Schul­ter. Es war be­ängs­ti­gend, welch gro­ße Lü­cke ein Mensch in ei­nem Raum hin­ter­las­sen konn­te – von der Lü­cke in sei­nem Her­zen ganz zu schwei­gen.

Die ge­rahm­ten Fo­to­gra­fi­en über dem Ka­min wa­ren we­ni­ger ge­wor­den – die Rei­hen der Er­in­ne­run­gen an schö­ne Mo­men­te hat­ten sich ge­lich­tet wie eine Kom­pa­nie un­ter Be­schuss. Ja­ckies Ma­le­rei­en, an de­nen er zu hän­gen be­gon­nen hat­te, zier­ten nun die Wän­de ei­nes an­de­ren Hau­ses. Ber­ties Bü­cher­re­ga­le wa­ren fort und hat­ten bloß ein ein­zi­ges zu­rück­ge­las­sen, um die Bän­de aus sei­ner Fe­der zu be­her­ber­gen, die Dan­te in­zwi­schen alle be­saß und in­nig lieb­te. Der Schreib­tisch war ver­schwun­den, der Nacht­tisch leer­ge­räumt, eine Bett­sei­te ver­waist.

Auf dem ra­ben­schwa­r­zen Flü­gel thron­te ein Bild in schwe­rem Gol­d­rah­men, das sei­nen Blick un­wei­ger­lich ge­fan­gen nahm. Ber­tie hat­te ihm den Arm um die Schul­tern ge­legt und grins­te ge­mein­sam mit ihm in die Ka­me­ra. Dan­te trug sei­nen bes­ten Opern­frack, Ber­tie sei­nen Glücks­an­zug mit den ro­ten Ac­ces­soires. Die Opern­pre­mie­re war ein vol­ler Er­folg ge­we­sen. Kein ein­zi­ger Kri­ti­ker hat­te es ge­wagt, das Ge­gen­teil zu be­haup­ten, was an sich schon eine Sen­sa­ti­on dar­stell­te.

Den ers­ten paar Vor­stel­lun­gen hat­te Ber­tie höchst­per­sön­lich bei­ge­wohnt, aber seit drei Wo­chen­en­den blieb Dan­tes Loge leer. Flit­ter­wo­chen wa­ren wich­ti­ger als eine Oper. Wich­ti­ger als der heu­ti­ge Tag. Ver­ständ­lich und doch tat es weh.

Schwer schlu­ckend trat er in den Flur hin­aus und has­te­te an der Gar­de­ro­be vor­bei, um das dor­ti­ge Feh­len schwa­r­zer Jod­h­pur-Stie­fe­let­ten nicht an sei­nem Her­zen rüh­ren zu las­sen. Das dum­me Ding war an­ge­schla­gen ge­nug.

Wie soll­te er bloß den Abend über­ste­hen?

Eine Fra­ge, auf die er auch auf dem Weg nach un­ten kei­ne Ant­wort fand. Auch nicht, wäh­rend er die Au­to­tür öff­ne­te und sich auf den Bei­fah­rer­sitz fal­len ließ.

Clé­ment grins­te ihn an und lenk­te den Wa­gen, in dem noch ein Hauch von blau­em Dunst zu hän­gen schien, Rich­tung Stadt­mit­te.

»Na, wie fühlt es sich an?«, frag­te der Rot­schopf ne­ckisch.

»Was ge­nau?«

Ohne den Blick von der schma­len Stra­ße zu neh­men, griff Clé­ment nach hin­ten und grabsch­te nach et­was auf dem Rück­sitz, um es Dan­te gleich dar­auf in den Schoß zu wer­fen. Der Luft­zug, der durch die of­fe­nen Fens­ter her­ein­drang, zer­zaus­te ih­nen nicht nur das Haar, son­dern brach­te die Zei­tung auf sei­nen Schen­keln zum Ra­scheln. Nach ei­ner flüch­ti­gen Prü­fung der Ti­tel­sei­te ent­rang sich ihm ein Stöh­nen. »Pu­tain, lass mich bloß mit die­sem Schwach­sinn in Ruhe.«

Wäh­rend er das bil­li­ge Re­vol­ver­blatt wie­der nach hin­ten warf, lach­te Clé­ment. »Hat der be­gehr­tes­te Jung­ge­sel­le der Sai­son etwa schlech­te Lau­ne?«

»Hat er.« Dan­te ver­schränk­te die Arme vor der Brust und drück­te sich tie­fer in den mit hel­lem Le­der be­zo­ge­nen Sitz. »Und wenn die ers­ten Dumm­köp­fe auf die Idee kom­men, dass sie sich die­sen däm­li­chen Ar­ti­kel mit dem noch däm­li­che­ren Foto als Tro­phäe an den Bett­pfos­ten na­geln wol­len, wird mei­ne Lau­ne auf einen re­kord­ver­däch­ti­gen Tief­punkt sin­ken.«

»Ich fin­de, dass du auf dem Foto ver­dammt heiß aus­siehst.«

Dan­te gab ein un­be­stimm­tes Knur­ren zur Ant­wort und hüll­te sich für den Rest der Fahrt in Schwei­gen. Mit zu­rück­ge­leg­tem Kopf starr­te er aus dem Fens­ter, vor dem es nicht viel zu se­hen gab au­ßer den ho­hen Mau­ern der um­lie­gen­den Ge­bäu­de. In der Stadt ging es im­mer schreck­lich lang­sam vor­an. Stän­dig ver­sperr­ten ei­nem Pas­san­ten, Drosch­ken oder Post­kut­schen den Weg. Die­se ein­tö­ni­ge Gon­de­lei durch Stra­ßen, die noch nicht auf die Be­nut­zung durch Au­to­mo­bi­le aus­ge­legt wa­ren, konn­te sich nicht im Ge­rings­ten mit den Aus­fahr­ten mes­sen, die Clé­ment und er auf dem Land un­ter­nom­men hat­ten. Jene Fahr­ten, bei de­nen ei­nem das Ge­fühl von Frei­heit fast die Brust spreng­te, wäh­rend der Ma­jor den Mo­tor an sei­ne Gren­zen trieb, um Staub und Kies hin­ter ih­nen auf­zu­wir­beln. Jene Fahr­ten, bei de­nen man durch Al­leen ras­te, in de­nen ei­nem die has­tig zwi­schen Blät­ter­dä­chern her­vor­blit­zen­de Son­ne an­ge­nehm schwin­de­lig wer­den ließ.

Gott, er ver­miss­te die­se Spritz­tou­ren.

»Da wä­ren wir«, mein­te Clé­ment lä­chelnd und park­te so nah wie mög­lich an der Haus­wand, um nie­man­den zu be­hin­dern, der hier vor­bei­woll­te.

Dan­te klet­ter­te nach ihm an der Fah­rer­sei­te aus dem Wa­gen und be­sah sich in der Abend­däm­merung die Fuß­gän­ger, die in Scha­ren an ih­nen vor­bei ström­ten und das Auto mit neu­gie­ri­gen Bli­cken be­dach­ten. Sie alle zeig­ten fröh­li­che­re Ge­sich­ter als er. Eine Er­kennt­nis, die ihn pflicht­schul­dig eine be­müht hei­te­re Gri­mas­se auf­set­zen ließ, so­bald er hin­ter Clé­ment das Re­stau­rant be­trat.

Ein Ober im Frack be­grüß­te sie mit ei­ner Über­schwäng­lich­keit, die er nicht be­son­ders er­folg­reich mit vor­neh­mer Steif­heit zu über­de­cken ver­such­te, und führ­te sie eine ge­wun­de­ne Trep­pe hin­auf. Da­bei drück­te er den Rü­cken so stolz durch, als ge­lei­te er den Kö­nig per­sön­lich in den Thron­saal.

»Wir hof­fen, dass der Abend zu Eu­rer Zu­frie­den­heit sein wird, Lord St. Sy­ca­mo­re«, nä­sel­te er mit ei­nem Blick über die Schul­ter. »Es ist uns eine Freu­de, Euch an Eu­rem Eh­ren­tag be­wir­ten zu dür­fen.«

Dan­te rang sich ein Lä­cheln ab. »Vie­len Dank, das ist über­aus freund­lich.«

»Ganz ge­wiss wird die­ser Abend volls­ten An­klang bei un­se­rem teu­ren Lord fin­den«, warf Clé­ment ein und zwin­ker­te ihm zu. »Es soll ihm an nichts feh­len.«

»Da­für wer­den wir mit akri­bi­scher Ge­wis­sen­haf­tig­keit sor­gen, Sir«, er­wi­der­te der Ober, wäh­rend Dan­te schwer­mü­tig den rosé­gol­de­nen Ring be­trach­te­te, der nicht län­ger sei­nen lin­ken, son­dern den rech­ten Ring­fin­ger zier­te und sym­bo­lisch da­für stand, dass ihm eben doch et­was fehl­te.

Ob Ber­tie den sei­nen in­zwi­schen ab­ge­nom­men hat­te?

Er­neut eine Fra­ge, die un­be­ant­wor­tet blieb.

Sie wur­den in ein Sépa­rée ge­führt und alle er­ho­ben sich, um ihn zu be­grü­ßen.

Vin­ce, der vor Freu­de mehr hüpf­te als dass er ging, er­reich­te ihn als Ers­ter. »Da ist ja un­ser Ge­burts­tags­kind!« Er pack­te ihn am Hin­ter­kopf und drück­te ihm drei laut­star­ke Schmat­zer auf die Wan­gen, was Dan­te nun tat­säch­lich ein ehr­li­ches Grin­sen ent­lo­cken konn­te.

Als Nächs­tes schloss ihn Josy in die Arme, ehe Jack und Séra­phin sich je­weils eine sei­ner Schul­tern krall­ten und ihn in ih­rer Mit­te herz­ten. »Was für eine Ehre, an der Ge­burts­tags­fei­er des be­gehr­tes­ten Jung­ge­sel­len der Stadt teil­neh­men zu dür­fen«, säu­sel­te sein Meis­ter­vi­o­li­nist, wäh­rend Jack spöt­tisch grunz­te.

Sie reich­ten ihn an Des­mond Pe­ters wei­ter, der in den letz­ten Mo­na­ten stark ge­al­tert schien, aber des­sen Lä­cheln un­ge­bro­chen lie­bens­wert blieb. »Herz­li­chen Glü­ck­wunsch und all mein Neid für das wun­der­ba­re Al­ter, das ich ger­ne noch ein­mal er­le­ben wür­de.«

»Tritt bei­sei­te, grei­sen­haf­te Er­schei­nung«, be­fahl Mar­gaux Be­au­lieu und stach Dan­te fast ih­ren Zi­ga­ret­ten­spitz ins Auge, als sie ihn an sich drück­te. Ihr lan­ges, blon­des Haar duf­te­te nach Veil­chen. »Al­les Gute, mein Lie­ber. Möge das neue Le­bens­jahr al­les be­reit­hal­ten, wo­nach du dich sehnst.«

Dan­te mur­mel­te einen lei­sen Dank, ob­gleich be­sag­tes neu­es Le­bens­jahr nun ja be­reits in den ers­ten Stun­den dar­in ver­sag­te, ihm zu ge­ben, wo­nach er sich sehn­te.

»Na kommt, lasst ihn sich hin­set­zen«, ver­lang­te Vin­ce eif­rig und führ­te ihn an die Ta­fel, an der er ihm einen Platz in der Mit­te zu­wies.

Ge­hor­sam setz­te Dan­te sich auf den Stuhl, von dem aus er die Tür im Rü­cken und das Fens­ter vor sich hat­te. Das Meer er­streck­te sich völ­lig re­gungs­los in die wei­te Fer­ne. Ir­gend­wo an des­sen Ende, an ei­nem an­de­ren Ufer, aß Ber­tie ge­ra­de mit Ja­ckie zu Abend und ver­schwen­de­te wohl kei­nen Ge­dan­ken an ihn.

Stuhl­bei­ne schramm­ten bei­na­he ver­stoh­len über fei­nen Par­kett­bo­den, als sich alle wie­der um den Tisch her­um schar­ten, der vier Ge­de­cke zu viel be­her­berg­te.

Die De­ko­ra­ti­on war prunk­voll und höchst edel mit klei­nen, wei­ßen Blü­ten und Grün­zeug in glä­ser­nen Va­sen zwi­schen de­zen­ten Ker­zen­hal­tern, de­ren wachs­wei­ßer In­halt noch nicht ent­zün­det war. Aus ir­gend­ei­ner Ecke her­aus be­schall­te sie ein Plat­ten­spie­ler mit lei­ser, un­auf­dring­li­cher Mu­sik.

Die an­de­ren lach­ten über einen Scherz, den Vin­ce of­fen­bar ge­macht hat­te, um sich selbst am lau­tes­ten dar­über zu amü­sie­ren.

Jack schüt­tel­te er­hei­tert den Kopf und griff nach sei­nem Glas. »Du bist heu­te noch über­dreh­ter als sonst, Schrei­ber­ling.«

»Das liegt dar­an, dass ich Josy stun­den­lang bei der Ar­beit zu­ge­se­hen habe und da­bei kein ein­zi­ges Wort spre­chen durf­te. Es könn­te ja ein Tröpf­chen Spu­cke auf ihre lie­be­voll sau­ber­ge­pin­sel­ten Fos­si­li­en kom­men.«

»Mhm, kein ein­zi­ges Wort durf­test du spre­chen, ja?«, hak­te Josy mit ge­ho­be­nen Brau­en nach und schürz­te die Lip­pen. »Ich er­in­ne­re mich al­ler­dings dar­an, dass du den hal­b­en Ge­dicht­band von An­to­nov re­zi­tiert hast. Und zwar mit ei­nem En­thu­si­as­mus, als stün­dest du vor gro­ßem Pu­bli­kum.«

Wie­der bran­de­te Ge­läch­ter auf. Dan­te schloss sich mit ei­nem Schnau­ben an, aber das Ge­räusch muss­te sich an den Dor­nen in sei­nem Hals vor­beiz­wän­gen.

»Al­les Ein­bil­dung«, be­stritt Vin­ce. »Der auf­ge­wir­bel­te Staub hat wohl für eine Sin­nes­täu­schung ge­sorgt, mei­ne Teu­ers­te.«

Die Teu­ers­te zwick­te ihn stra­fend in die Sei­te, wo­mit sie sich nicht etwa einen Ta­del, son­dern einen Kuss auf die Wan­ge ein­han­del­te.

Dan­te be­müh­te sich nach Kräf­ten dar­um, sich von der Aus­ge­las­sen­heit sei­ner Freun­de an­ste­cken zu las­sen, doch es woll­te ihm nicht ge­lin­gen. Ein Blick in die Run­de ließ ihn weh­mü­tig er­ken­nen, dass sie in der­sel­ben Kon­stel­la­ti­on ver­sam­melt wa­ren wie da­mals, als er ih­nen Ber­tie vor­ge­stellt hat­te. Nun, zu­min­dest fast. Statt Lu­ci­en saß nun Clé­ment ne­ben ihm und er­setz­te sei­nen Bru­der. Wür­di­ger, als Lu­ci­en sei­nen Fa­mi­li­enna­men je­mals hät­te ver­tre­ten kön­nen.

Der Stuhl zu sei­ner Lin­ken blieb heu­te leer.

»Ich habe vor­hin durch Zu­fall einen Blick auf die Tor­te er­hascht«, ver­kün­de­te Séra­phin mit ver­schwö­re­risch ge­senk­ter Stim­me.

Jacks Mund­win­kel schnell­ten nach oben. »Durch Zu­fall?«

»Na, durch den be­dau­e­r­li­chen Zu­fall, dass ich mit Ab­sicht die Toi­let­ten­tür mit der Kü­chen­tür ver­wech­selt habe.«

»Wir hat­ten noch nicht mal ein Abend­es­sen und er re­det von der Tor­te«, rief Des­mond er­hei­tert aus und warf die tin­ten­be­fleck­ten Hän­de in die Luft.

Séra­phin zuck­te mit den Schul­tern. »Ich kann es trotz­dem kaum er­war­ten, bis Dan­te sei­ne Ker­zen aus­pus­tet und wir end­lich von die­sem zuck­ri­gen Un­ge­tüm na­schen kön­nen.«

Der Ge­dan­ke an das Aus­pus­ten der Ker­zen ver­ur­sach­te Dan­te einen wei­te­ren Kloß im Hals. Er heg­te bloß einen ein­zi­gen Wunsch, aber der wür­de nicht in Er­fül­lung ge­hen. Kei­ne tau­send Ker­zen könn­ten die­ses Wun­der voll­brin­gen.

»Denkst du nicht, du hast schon ge­nug von zuck­ri­gen Un­ge­tü­men ge­nascht?«, frag­te Jack und klopf­te Séra­phin auf den leicht ge­wölb­ten Bauch.

»Nein, ich den­ke ei­gent­lich nicht, dass ich das je­mals den­ken wer­de.«

»Ich muss doch sehr um ein klei­nes Fei­len an eu­ren Sät­zen bit­ten.« Des­mond setz­te die Gri­mas­se ei­nes ge­stren­gen Leh­rers auf. »Ihr habt einen Li­te­ra­tur­kri­ti­ker in der Run­de sit­zen.«

»Du er­in­nerst mich ge­ra­de stark an einen mei­ner Pro­fes­so­ren«, mein­te Josy.

»Wohl ein net­ter Kerl, hm?«

»Ein schreck­li­cher Pe­dant vor al­lem.« Er­neut Ge­läch­ter, das vom lei­sen Klir­ren zwei­er Glä­ser be­glei­tet wur­de, als Des­mond und Josy mit­ein­an­der an­s­tie­ßen.

»Pu­tain de mer­de.«

Der Klang die­ser ihm wohl­be­kann­ten Stim­me in sei­nem Rü­cken ließ Dan­te er­star­ren, wäh­rend alle an­de­ren die er­freu­ten Ge­sich­ter zur Tür hin wand­ten.

»Ich fürch­te, wir sind in eine ge­schlos­se­ne Ge­sell­schaft ge­platzt.«

Sein Herz klopf­te ihm bis zum Hals, als er sich um­dreh­te und mit ei­nem ver­rä­te­risch ver­schwim­men­den Blick ver­ge­wis­ser­te, ob es wirk­lich Ber­tie war.

Wahr­haf­tig. Im dun­kel­grü­nen An­zug und mit sei­nem blon­den, son­nen­ge­küss­ten Haar stand er dort ne­ben Ja­ckie in der Tür und grins­te ihn an.

Ja­ckie mach­te ein be­dau­ern­des Ge­räusch und schüt­tel­te das Haupt. »Da ha­ben wir uns so be­eilt, um es recht­zei­tig zu schaf­fen, und dann sind wir dem be­gehr­tes­ten Jung­ge­sel­len der Stadt nicht mal mehr eine Be­grü­ßung wert. Es stimmt also, was man sagt. Mit gro­ßem Ruhm kommt gro­ße Ar­ro­ganz.«

Dan­te er­hob sich so ruck­ar­tig, dass der mit den Bei­nen übers Par­kett schram­men­de Stuhl zu Bo­den ge­kracht wäre, hät­te Clé­ment nicht has­tig da­nach ge­grif­fen. Dann warf er sich Ber­tie un­ge­stüm an den Hals und ließ sich von ihm auf­fan­gen. Mit ge­schlos­se­nen Au­gen drück­te er das Ge­sicht an war­men An­zug­stoff, der eine Schul­ter be­deck­te. Eine drit­te Hand – ver­mut­lich die von Ja­ckie – tät­schel­te ihm den Rü­cken und mit dem nächs­ten Luft­ho­len ka­men ihm be­reits die Trä­nen, ge­gen die er so tap­fer an­ge­kämpft hat­te.

»Du hast ge­sagt, ihr kommt erst nächs­te Wo­che zu­rück«, flüs­ter­te er, wäh­rend Ja­ckie und Clé­ment ne­ben ih­nen eine Um­ar­mung und ein paar Wor­te tausch­ten. »Du hast mich an­ge­lo­gen.«

Ber­tie drück­te ihn fes­ter an sich. »Es wäre ja wohl kaum eine Über­ra­schung ge­we­sen, wenn ich die Wahr­heit ge­sagt hät­te.«

»Du bist ein Arsch­loch«, be­schwer­te Dan­te sich mur­melnd.

»Und trotz­dem hast du mich so ver­dammt lieb.«

Dan­te muss­te la­chen und wisch­te sich ver­stoh­len das Ge­sicht tro­cken. An Ber­ties sünd­haft teu­rem Ja­ckett. »Hab ich, Blöd­mann.«

»Sel­ber Blöd­mann für die idi­o­ti­sche An­nah­me, ich wür­de um ir­gen­d­et­was in der Welt dei­nen Ge­burts­tag ver­säu­men.«

Sie lie­ßen halb von­ein­an­der ab, um sich ge­gen­sei­tig die Wan­gen zu küs­sen, wo­bei Dan­te nur schwer ein Ende für sei­ne Zärt­lich­kei­ten fand. Es war, als hät­te man die Schleu­sen ei­nes Damms ge­öff­net, der schon zu viel Was­ser fass­te.

»Du weißt gar nicht, wie glü­ck­lich du mich machst«, flüs­ter­te Dan­te lä­chelnd und be­kam von Ber­tie ein paar Trä­nen von der Haut ge­wischt – mit ei­ner Hand, die im­mer noch von ei­nem Freund­schafts­ring ge­ziert wur­de.

»Da­bei hast du mein Ge­schenk noch gar nicht auf­ge­macht«, er­wi­der­te Ber­tie.

»Gu­tes Stich­wort.« Ja­ckie leg­te Dan­te einen Arm um die Schul­tern und drück­te ihm einen Kuss auf die Schlä­fe. »Al­les Gute zum Ge­burts­tag.« Er mach­te eine aus­la­den­de Hand­be­we­gung, mit der er Ber­tie in des­sen Ge­samt­heit wie eine Tro­phäe prä­sen­tier­te. »Hier. Dein Ge­schenk. Lei­der bin ich nicht dazu ge­kom­men, es zu ver­pa­cken.«

Dan­te lach­te er­neut und press­te die bei­den Män­ner un­nach­gie­big an sich. Was für eine Er­leich­te­rung, dass man nur ein Mal im Le­ben in die Flit­ter­wo­chen ver­reis­te. »Bes­tes Ge­schenk über­haupt«, wis­per­te er und frag­te sich im Stil­len, wie es sein konn­te, dass sein Wunsch in Er­fül­lung ge­gan­gen war, ob­wohl er sich noch nicht ein­mal in der Nähe sei­ner Ge­burts­tags­ker­zen auf­ge­hal­ten hat­te.

Es gab also doch so et­was wie Wun­der.

Ka­pi­tel 1

 

Das durch die glä­ser­nen Wän­de des Win­ter­gar­tens her­ein­fal­len­de Son­nen­licht lock­te pure Schön­heit aus den Blät­tern her­vor. Fei­ne, perl­mutt­fa­r­be­ne Äder­chen zo­gen sich durch dunk­les, leb­haf­tes Grün. Be­hut­sam be­fes­tig­te er einen der Äste an dem neu­en Spa­lier, das aus matt-schwa­r­zem Schmie­de­ei­sen be­stand und sich nach oben hin zu ei­ner ver­schnör­kelt ge­schwun­ge­nen Kup­pel ver­jüng­te.

Er griff nach der Sche­re, die auf dem Pflanz­tisch ne­ben ei­nem klei­nen Ju­te­sack voll fri­scher Erde lag, und wähl­te zwei kräf­ti­ge Ab­le­ger aus. Noch ehe er aber zum ers­ten Schnitt un­ter­halb ei­ner der Luft­wur­zeln an­set­zen konn­te, hall­te der schril­le Ton der Tür­klin­gel durchs Haus. Knur­rend hielt er inne und lausch­te, ob sein As­sis­tent sich die­ses Übels an­neh­men wür­de oder ob er sich selbst dar­um zu küm­mern hat­te. So­bald er Rear­d­ons schlur­fen­den Gang durch den Flur ver­nahm, wand­te er sich wie­der sei­nem ge­ra­de erst um­ge­topf­ten Schütz­ling zu.

Un­ten ging die Tür auf und die Stim­me, die nach ihm frag­te, ver­lang­te ihm ein Au­gen­rol­len samt Stöh­nen ab. Als Rear­don dem un­er­wünsch­ten Be­su­cher be­reit­wil­lig sei­nen Auf­ent­halts­ort ver­ri­et, be­dau­er­te er von Her­zen, dass er mit sei­ner ver­ma­le­dei­ten Hand in die­sem Le­ben nie­man­den mehr er­wür­gen konn­te.

Schrit­te er­tön­ten auf der schma­len Trep­pe und gleich dar­auf stand ein frisch aus den Flit­ter­wo­chen zu­rück­ge­kehr­ter Ja­ckie Es­cof­fier im Win­ter­gar­ten – mit ei­nem Lä­cheln auf dem ma­kel­lo­sen Ge­sicht und ei­nem Zy­lin­der in den eben­so ma­kel­lo­sen Fin­gern.

Der An­blick lock­te ein neu­er­li­ches Knur­ren aus sei­ner Keh­le. »Was willst du jetzt schon wie­der? Soll ich er­neut den Bo­ten für dich spie­len? Muss ich etwa los­zie­hen und auf je­dem von dir exis­tie­ren­den Bild ein Fei­gen­blatt über dei­nen Schwanz ma­len?«

»Mach dich nicht lä­cher­lich, John. Wo wür­dest du all die Fa­r­be her­neh­men?«

Ei­lig wand­te er sich der Pflan­ze zu und un­ter­band mit größ­ter Mühe ein Schmun­zeln, das sei­ne Mund­win­kel zu ei­nem Zu­cken ver­füh­ren woll­te wie der Teu­fel einen un­schul­di­gen Gläu­bi­gen. »Ja. Was habe ich mir nur da­bei ge­dacht?«

»Darf ich mich set­zen?«, frag­te Es­cof­fier.

»Nein.«

Un­ge­ach­tet der Ab­fuhr nahm der im­per­ti­nen­te Kerl auf ei­nem der Arm­ses­sel Platz, die mit dun­kel­grü­nem Samt be­zo­gen wa­ren. John schluck­te, als er dar­an dach­te, wie er dort vor we­ni­gen Wo­chen noch sei­ner Mut­ter ge­gen­über­ge­ses­sen war. Ein Mi­au­en riss ihn aus sei­ner kur­z­en Star­re. Die Kleins­te der Kat­zen be­trat den Raum mit hoch er­ho­be­nem Schwänz­chen und steu­er­te ziel­stre­big den Gast an, um ihm um die Bei­ne zu strei­fen und Strei­chel­ein­hei­ten ein­zu­for­dern.

Es­cof­fier kam der Auf­for­de­rung ohne ein Zö­gern nach. »So freund­lich«, mur­mel­te er in ihr Schnur­ren hin­ein, ehe er den Blick und zu­gleich die Au­gen­brau­en hob.

John ließ die sei­nen eben­falls nach oben schnel­len. »Was siehst du da mich an? Von mir hat sie das nicht.«

Ja­ckie lach­te in die­sem neu­en, ehr­li­chen Ton­fall, den ihm Al­ber­ti­en Col­fax bei­ge­bracht hat­te und der tat­säch­lich dazu in der Lage war, nicht nur den Ge­hör­gang, son­dern auch das Herz ei­nes Lau­schers zu er­rei­chen. »Wäre mir gar nicht auf­ge­fal­len, dass dei­ne Be­grü­ßung we­ni­ger freund­lich aus­ge­fal­len ist, aber jetzt, wo du es sagst …« Ja­ckies Au­gen ver­eng­ten sich zu Schlit­zen und er schnitt eine ge­spielt arg­wöh­ni­sche Gri­mas­se, die je­den ernst­haf­ten Schau­spie­ler be­schä­men wür­de. So plötz­lich, wie das Schmier­en­the­a­ter be­gon­nen hat­te, so schnell fiel der Vor­hang wie­der. »Die hat aber nicht Rear­don ge­bun­den.«

»Nein, hat er nicht«, be­stä­tig­te John und nahm die an­ge­steck­te Kra­wat­te kurz ab, um sie Ja­ckie zu prä­sen­tie­ren. Sie war nicht so edel wie ein Plas­tron oder eine rich­ti­ge Kra­wat­te, aber sie war ihm lie­ber als nichts. Auf die­se Wei­se konn­te er eine Hals­zier­de tra­gen, ohne sei­nen As­sis­ten­ten stän­dig mit sei­nen Un­zu­läng­lich­kei­ten be­hel­li­gen zu müs­sen.

»Sieht gut aus«, merk­te Ja­ckie an.

»Ich neh­me stark an, dass du nicht hier bist, um mir we­gen mei­ner Gar­de­ro­be zu schmei­cheln«, gab John un­ge­rührt zu­rück und bet­te­te den ers­ten Ab­le­ger in ein Töpf­chen mit feuch­tem Torf­moos. Auf dem Bo­den des Ge­fä­ßes be­fan­den sich Stei­ne, um es vor dem Um­fal­len zu be­wah­ren. Den­noch leg­te er die fast nutz­lo­se Lin­ke an die Sei­te des Top­fes, um da­ge­gen­zu­hal­ten, wäh­rend er dem Pflänz­chen mehr Halt in sei­nem neu­en Bett ver­schaff­te. »Also. Was willst du?«

»Ich … äh …« Ei­nem flüch­ti­gen Lip­pen­le­cken folg­te ein Räus­pern hin­ter vor­ge­hal­te­ner Faust. »Ich woll­te dich fra­gen, ob du heu­te mit uns aus­gehst?«

Der Schock über die­sen Vor­schlag er­reich­te ihn so tief in sei­nem In­ne­ren, dass er sein Ge­gen­über ein paar Se­kun­den lang nur an­star­ren konn­te. In all den Jah­ren war ihre Be­zie­hung zu­ein­an­der auf rein ge­schäft­li­chem Ni­veau ge­blie­ben. Sie wa­ren noch nie zu­sam­men aus­ge­gan­gen, ohne einen be­rufs­be­ding­ten Grund dazu ge­habt zu ha­ben. Nicht schwer zu er­ra­ten, dass je­ner Nach­mit­tag vor we­ni­gen Wo­chen für Es­cof­fiers Sin­nes­wan­del ver­ant­wort­lich war.

Zu sei­nem ei­ge­nen Ent­set­zen war er dem An­ge­bot nicht so ab­ge­neigt, wie er es hät­te sein sol­len. Den­noch war die Ein­la­dung selbst­re­dend un­ter al­len Um­stän­den aus­zu­schla­gen. Sein Sinn wür­de sich nicht wan­deln. Ende der Ge­schich­te.

»Was soll ich mit dir und dei­nen un­rei­fen Freun­den?«, for­der­te er so her­ab­las­send wie nur ir­gend mög­lich zu wis­sen, wäh­rend er sei­ne Auf­merk­sam­keit zu­rück auf die Pflan­ze lenk­te und die Kat­ze mit ei­nem Mi­au­en auf den Tisch hüpf­te.

»Ich weiß nicht«, er­wi­der­te Ja­ckie mit ei­nem Schul­ter­zu­cken. »Ein­drucks­voll de­mon­s­trie­ren, wie viel rei­fer und über­le­ge­ner du bist? Das wür­de dir so mü­he­los ge­lin­gen, wie zu kei­ner an­de­ren Ge­le­gen­heit. Eine Chan­ce, die du dir nicht ent­ge­hen las­sen soll­test, wenn du mich fragst. Die Nach­welt wür­de dich glatt für einen Idi­o­ten hal­ten, wür­de sie je da­von er­fah­ren.«

»Ich wer­de lie­ber für einen Idi­o­ten ge­hal­ten, als auch nur eine hal­be Stun­de in Ge­sell­schaft dei­ner …« Aus un­er­find­li­chen Grün­den würg­te er die »geist­lo­sen Kom­pa­gnons« hin­un­ter, ehe die Krän­kung über sei­ne Lip­pen kam. Nach ei­ner kur­z­en Be­geg­nung mit Ja­ckies Blick fiel der sei­ne auf die Kat­ze, die mit der Pfo­te ge­gen einen der Pflanz­töp­fe tatsch­te. Er räus­per­te sich er­mah­nend, was je­doch nur be­wirk­te, dass sie ihn pro­vo­kant an­starr­te, wäh­rend sie den Topf Rich­tung Tisch­kan­te schob.

»Das lässt du schön blei­ben«, knurr­te er ge­bie­te­risch und sie ließ wahr­haf­tig von dem ter­ra­kot­ta­fa­r­be­nen Ge­fäß ab. Er nick­te knapp, ehe er das Au­gen­merk auf Ja­ckie rich­te­te. »Zu­rück zu dir. Mei­ne Ant­wort lau­tet Nein.«

»Du bist mir aber et­was schul­dig, John.«

Sei­ne Stirn leg­te sich in Fal­ten und Groll kroch ihm die Keh­le em­por. So­fort ka­men ihm die zwei Be­ge­ben­hei­ten in den Sinn, bei de­nen Ja­ckie wort­wört­lich und sinn­bild­lich nach sei­nem Arm ge­grif­fen hat­te, um ihn zu stüt­zen. Ein­mal in dem Pub, als er sei­ner Drei-Jah­res-Mün­ze ihre Be­deu­tung ge­stoh­len hat­te. Ein zwei­tes Mal am Grab sei­ner Mut­ter. Er hät­te wis­sen müs­sen, dass Ja­ckie ihn die­se schein­ba­re Groß­her­zig­keit teu­er be­zah­len las­sen wür­de. »Ach, bin ich das?«

»Bist du, ja«, er­wi­der­te Ja­ckie im Brust­ton der Über­zeu­gung und kauf­te ihm mit den nächs­ten Wor­ten für einen Mo­ment jeg­li­chen Schneid ab. »Du hast die Ein­la­dung zu mei­ner Hoch­zeit igno­riert.«

Die Sche­re ver­harr­te mit­samt sei­ner Hand mit­ten in der Luft. Soll­te das hei­ßen, sein Kom­men hät­te Ja­ckie tat­säch­lich et­was be­deu­tet?

Mit dem nächs­ten Herz­schlag zer­schell­te Ke­ra­mik laut­stark auf dem Mar­mor­bo­den und er warf der Kat­ze einen bit­ter­bö­sen Blick zu, wor­auf­hin sie sich nur see­len­ru­hig die miss­e­tä­te­rische Pfo­te leck­te.

»Das war mei­ne Schuld«, mein­te Ja­ckie schmun­zelnd und eil­te mit Kehr­blech und Be­sen an den Ort des Ver­bre­chens. »Sie woll­te mir of­fen­sicht­lich be­wei­sen, dass sie doch et­was von dir hat.«

»Ich weiß wirk­lich nicht, wer dir das Ge­fühl gibt, wit­zig zu sein. Aber er ist ent­we­der rest­los in dich ver­narrt oder ge­hör­los.«

In Ja­ckies La­chen hin­ein rief Rear­don durch das Trep­pen­haus: »Ich gehe jetzt nach Hau­se, Sir. Mei­ne Frau war­tet. Ver­ge­sst nicht, dass Las­si­ter um acht Uhr vor­bei­schau­en woll­te, um über ein Ab­druck­recht zu ver­han­deln. Ich konnt’s ihm nicht aus­re­den.«

»Las­si­ter?« Ja­ckie riss den Kopf hoch und starr­te ihn un­gläu­big an, wäh­rend un­ten die Tür ins Schloss fiel. Rear­don war es nach all den Jah­ren in Johns Diens­ten ge­wohnt, kei­ne Ant­wort zu be­kom­men.

Mit ei­nem un­wir­schen Hand­wink tat er Ja­ckies Ver­wun­de­rung ab. »Wenn der Kerl glaubt, ich er­lau­be ihm, auch nur eine ein­zi­ge Fo­to­gra­fie von mir in sei­nem bil­li­gen Wichs­blatt ab­zu­dru­cken, ist er geis­tes­krank.«

»Noch ein Grund mehr für dich, heu­te mit mir aus­zu­ge­hen. Du könn­test Las­si­ter eins rein­wür­gen, in­dem du nicht da bist, wenn er klopft.«

»Ich könn­te ihm auch ein­fach nicht auf­ma­chen.«

»Ja, aber dann ist der Af­front nur halb so groß, meinst du nicht?«

»Nein, ei­gent­lich mei­ne ich das nicht.«

»Wenn du wei­ter­hin so stör­risch bist, las­se ich mich von ir­gend­ei­nem Ama­teur ab­lich­ten und ver­kau­fe das Bild an Las­si­ter. Dann wer­den alle den­ken, du hät­test die Fo­to­gra­fie ge­macht.« Wäh­rend er die Scher­ben in den Müll­ei­mer ne­ben dem Tisch rie­seln ließ, gab Ja­ckie ein Grun­zen von sich. »Mein Gott, alle wer­den dich für einen Di­let­tan­ten hal­ten. Dein Ruf wird völ­lig ru­i­niert sein. Und das al­les nur we­gen dei­ner Hals­s­tar­rig­keit. So trau­rig. So ver­meid­bar«

Ent­nervt roll­te John mit den Au­gen und gab sich mit ei­nem halb ge­knurr­ten Seuf­zen ge­schla­gen. »Falls er uns heu­te Abend Ge­sell­schaft leis­ten wird, was zu be­fürch­ten ist, kannst du Lord Groß­kotz gleich aus­rich­ten, dass ich ein Scheiß­kerl sein wer­de, auch wenn er mich da­für nicht at­trak­tiv ge­nug fin­det.«

Ein Strah­len er­hell­te Ja­ckies Ge­sicht so gründ­lich, dass John es so­gar aus dem Au­gen­win­kel be­merk­te. »Oh, ich bin mir ab­so­lut si­cher, dass du das aus­gie­big zu ver­an­schau­li­chen ge­denkst.« Er schnapp­te sich sei­nen Zy­lin­der und kraul­te die De­lin­quen­tin, die den klei­nen Kopf schnur­rend in sei­ne gro­ße Hand drück­te. »Um sie­ben im Sa­vo­na­ro­la oben in Al­tez­za, in der Ave­nue de Rêvas­ser. Fin­dest du das?«

»Der er­fah­re­ne Kut­scher, den ich für mei­nen Trans­port dort­hin zu be­zah­len pla­ne, wird ge­wiss kei­ne Pro­ble­me mit dem Fin­den ha­ben. Wor­aus be­steht das Abend­pro­gramm, wenn ich fra­gen darf?«

Im Tür­rah­men hielt Ja­ckie inne und warf ihm ein Grin­sen zu. »Lass dich doch ein­fach mal über­ra­schen, John.«

In der se­li­gen Ein­sam­keit, der er über­las­sen wur­de, roll­te er mit den Au­gen. »Wer­den wir dort et­was es­sen?«, rief er den Schrit­ten auf der Trep­pe nach.

»Be­lasst Eure Vor­rats­kam­mer un­be­rührt, be­sorg­ter Freund! Ihr wer­det kei­nen Hun­ger lei­den«, kam the­a­tra­lisch zu­rück.

Es ver­ging eine Wei­le in Stil­le, ehe die Tür ins Schloss fiel. Of­fen­bar war Ja­ckie auf dem Weg nach drau­ßen noch eine der Kat­zen be­geg­net, aus de­ren Fell er er­fah­rungs­ge­mäß nicht die Fin­ger las­sen konn­te.

 

*

 

Als die Kut­sche, die zum Glück über blick­dich­te Vor­hän­ge ver­füg­te, zum Ste­hen kam, be­dach­te ihn sein Va­ter mit ei­nem Lä­cheln. »Soll ich mit ausstei­gen und dich bei dei­nen Freun­den ab­lie­fern?«

»Er­spar ihm die Bla­ma­ge, Ni­ko­lai«, warf Lord Hey­nes grin­send ein und ruck­te mit dem schwe­ren Spa­zier­stock, den er mit bei­den Hän­den zwi­schen sei­nen ge­spreiz­ten Kni­en hielt.

»Ja, er­spar ihm die Bla­ma­ge«, pflich­te­te Dan­te dem Ju­gend­freund sei­nes al­ten Herrn bei und öff­ne­te den Ver­schlag. »Wird si­cher spät heu­te.«

Sein Va­ter schmun­zel­te. »Viel­leicht wird es bei uns ja noch spä­ter.«

»Macht mir kei­ne Schan­de in eu­rem Club.«

»Wir wer­den uns hü­ten«, ver­si­cher­te Hey­nes mit ei­ner Mie­ne, die er ver­mut­lich auch dann auf­setz­te, wenn er sei­ner Frau stock­be­sof­fen un­ter die Au­gen trat und schwor, den gan­zen Abend lang nur Li­mo­na­de ge­trun­ken zu ha­ben.

Dan­te schenk­te den Män­nern ein Lä­cheln, ehe er die Tür zu­mach­te und sich mit der an­fah­ren­den Kut­sche im Rü­cken dem Lo­kal zu­wand­te. So­fort be­merk­te er das Pla­kat, das den Grund für sei­nen Be­such dar­stell­te. Dar­auf ab­ge­bil­det war sein neu­er Te­nor, der den Drecks­kerl Lu­ci­en er­setz­te und hier heu­te Abend für die Tisch­mu­sik sorg­te. Dan­te war ge­spannt dar­auf, wie der viel­ver­spre­chen­de Sän­ger in ei­ner an­de­ren Um­ge­bung als dem Opern­saal funk­tio­nier­te.

Sei­ne Freun­de war­te­ten be­reits vor der Tür und wirk­ten in ein Ge­spräch ver­tieft, wel­ches Vin­ce sehr tem­po­reich und un­ter­malt von wil­den Ges­ten an­führ­te. Josy schüt­tel­te fort­wäh­rend den Kopf und grins­te vor sich hin, wie auch Ja­ckie es tat, wäh­rend Ber­tie ge­gen jede Ver­nunft ver­such­te, ein paar Wor­te ein­zu­wer­fen.

»Nein!«, schmet­ter­te Vin­ce den Ein­wand ab. »Ber­tie, Ber­tie! Hör mir zu. Ich schwö­re es bei al­lem, was mir hei­lig ist! Der Mann hat mit ei­nem Ast di­ri­giert.«

Dan­te stell­te sich dazu, noch ganz mit sei­nem rech­ten Man­schet­ten­knopf be­schäf­tigt. »Wenn ihr von Lei­cam re­det, ist es wahr, was er sagt. Der hat tat­säch­lich am vier­zigs­ten Krö­nungs­tag Sei­ner Ma­jest-« So­bald er den Kopf hob, blie­ben ihm die rest­li­chen Sil­ben im Hals ste­cken und sein Blick wur­de schmal.

Ihm ge­gen­über stand die­ser ver­damm­te Vau­drec, der trotz sei­nes un­lei­di­gen Auf­tritts am Pi­az­za Re­a­le nun of­fen­bar ge­dach­te, sei­nen Freun­des­kreis zu in­fil­trie­ren. »Ihr schon wie­der«, knurr­te er, be­vor er sich Ja­ckie zu­wand­te und tro­cken mein­te: »Mein Ge­burts­tag war doch schon letz­te Wo­che. Wenn der Clown mein Ge­schenk sein soll, kommt er et­was spät.«

Ne­ben ihm grunz­te Ber­tie in sei­ne vor­ge­hal­te­ne Faust, wo­für er von Ja­ckie einen Stoß in die Rip­pen kas­sier­te.

Vau­drec mus­ter­te ihn mit ge­las­se­ner, über­le­ge­ner Küh­le in den dun­kel­brau­nen Au­gen. »Wenn Ihr glaubt, ich wür­de heu­te Abend für Eure Un­ter­hal­tung sor­gen, er­liegt Ihr falschen Hoff­nun­gen.«

»Nein, nein, ich hat­te oh­ne­hin fest mit Eu­rem Ver­sa­gen ge­rech­net, aber ich bin na­tür­lich froh dar­über, dass nie­mand sein Geld in Eure schlech­te Dar­bie­tung in­ves­tiert hat.«

Ele­gant ge­schwun­ge­ne Au­gen­brau­en ho­ben sich sach­te an und zo­gen sich zu­gleich in der Mit­te zu­sam­men, um blan­ke Ar­ro­ganz zur Schau zu stel­len. »Be­dau­e­r­li­cher­wei­se wer­de ich nicht für mei­ne An­we­sen­heit be­zahlt, al­ler­dings habe ich so­eben be­schlos­sen, dass ich umso län­ger blei­be, umso un­er­wünsch­ter ich Euch bin.«

Dan­te be­müh­te einen spöt­ti­schen-er­hei­ter­ten Laut über sei­ne Lip­pen. »Die­ses Maß aus­zu­rei­zen gibt die Le­bens­er­war­tung ei­nes Men­schen nicht her, Mann.«

»Äh, Dan­te«, warf Vin­ce ver­wirrt ein. »Du woll­test den an­de­ren doch von Lei­cam er­zäh­len. Mir glau­ben sie ja be­dau­e­r­li­cher­wei­se nicht, ob­wohl ich es in ei­ner so wich­ti­gen An­ge­le­gen­heit gar nicht wa­gen wür­de, zu lü­gen.«

Dan­te kon­trol­lier­te be­tont ge­lang­weilt sei­ne Gar­de­ro­be, wäh­rend er der Bit­te nach­kam. »Es war ein Frei­luft­kon­zert und Lei­cam hat erst auf der Büh­ne be­merkt, dass er sei­nen Takt­stock ver­ges­sen hat. Ohne ein Wort zu sa­gen und mit ei­ner völ­li­gen See­len­ru­he ist er vor al­len Leu­ten und dem Kö­nig höchst­per­sön­lich wie­der her­un­ter­spa­ziert und in den Gar­ten ge­wan­dert. Dort hat er den Ast ei­ner Esche ab­ge­bro­chen – ein Ge­räusch, das man noch in der letz­ten Rei­he ge­hört hat, weil alle den Atem an­ge­hal­ten ha­ben – hat ihn mit den Zäh­nen von Blät­tern be­freit und kurz sei­ne Sta­bi­li­tät ge­prüft, ehe er er­neut auf die Büh­ne ge­stie­gen ist und mit sei­nem Äst­chen das ge­sam­te drei­stün­di­ge Kon­zert di­ri­giert hat.« Da­mit schloss er die Er­zäh­lung und blick­te wie­der auf.

»Kein Wun­der, dass du Lei­cam so­gar noch in­brüns­ti­ger ver­ehrst als Ty­ler Bell«, mein­te Ber­tie grin­send. »Die­se See­len­ru­he, die man­che als pure Dreis­tig­keit be­zeich­nen wür­den, muss dich wahn­sin­nig be­ein­druckt ha­ben.«

»Um Him­mels wil­len.« Vin­ce griff sich the­a­tra­lisch an die Schlä­fe. »Er ver­gleicht einen Kom­po­nis­ten mit ei­nem Schrei­ber. Die Göt­ter mö­gen weg­hö­ren.«

»Ich habe sie nicht ver­gli­chen, ich habe bloß …«

Wäh­rend Ber­tie und Vin­ce nun dank ihm einen neu­en Grund ge­fun­den hat­ten, die Dis­kus­si­on am Lau­fen zu hal­ten, fiel Dan­tes ver­stoh­le­ner Blick auf Vau­drec, der den bei­den zu­hör­te – oder zu­min­dest so tat.

Mit sei­ner rup­pi­gen, un­ge­schlif­fe­nen Art ver­kör­per­te die­ser Mann so ziem­lich al­les, was Dan­te nicht lei­den konn­te. Er war ein ver­roh­ter, un­ge­ho­bel­ter Rü­pel und schien kei­ne an­de­re Ge­müts­la­ge als »übel­ge­launt« zu ken­nen.

Aber ei­nes muss­te man ihm las­sen. Den be­dau­e­r­li­chen Um­stand, dass er von sei­nem pe­ni­blen Sei­ten­schei­tel bis hin­un­ter zu sei­nen ver­damm­ten Schuh­soh­len ein­fach nur heiß war. Sein ge­öl­tes, per­fekt in Form ge­brach­tes Haar war eben­so dun­kel wie sein ma­kel­los ge­pfleg­ter Voll­bart und sei­ne man­del­för­mi­gen Au­gen, die de­nen von Ja­ckie äh­nel­ten. Er hat­te eine wirk­lich hüb­sche Nase und ein paar klei­ne Le­ber­fle­cken im Ge­sicht, die sich haupt­säch­lich auf sei­ne rech­te Sei­te zu kon­zen­trie­ren schie­nen. Dan­te mach­te drei da­von an Vau­drecs Schlä­fe aus, ehe sein Blick zu Lip­pen hin­ab­wan­der­te, die er auf­grund ih­rer Schmal­heit ei­gent­lich nicht sinn­lich fin­den dürf­te. Tja, er war eben ein gott­ver­damm­ter Re­bell …

Sein Herz schlug so hef­tig und hart wie der Schlag­werk-Rhyth­mus sei­nes der­zei­ti­gen Lieb­lings­lie­des und ließ ihn kaum schlu­cken.

Wi­der­wil­lig an­ge­tan mus­ter­te er Vau­drecs Gar­de­ro­be – matt­schwa­r­zes, blau­sti­chi­ges Ja­ckett mit edel ge­schnit­te­nem Re­vers in Kom­bi­na­ti­on zu ei­ner sam­te­nen Wes­te. Eine eben­falls schwa­r­ze Kra­wat­te zier­te sei­nen ge­stärk­ten, strah­lend wei­ßen Hemd­kra­gen und ein klei­ner, in Weiß­gold ge­fass­ter, tür­kis­fa­r­be­ner Edel­stein schmück­te wie­der­um die Kra­wat­te. Am drit­ten Knopf­loch der Wes­te war eine ele­gan­te Uhr­ket­te samt Zier­kor­del be­fes­tigt.

Das ocke­r­fa­r­be­ne Ge­bäu­de hin­ter ihm, wel­ches von der un­ter­ge­hen­den Son­ne in gol­de­nen Schim­mer ge­taucht wur­de, schien nur zu ei­nem ein­zi­gen Zweck zu exis­tie­ren: die­sen Mann in Sze­ne zu set­zen.

Vau­drec trug das Ja­ckett of­fen und die Hän­de in den Ta­schen sei­ner Bein­klei­der ver­gra­ben. Er war schlank, aber auf eine be­son­de­re Wei­se; we­der durch­trai­niert wie Ja­ckie noch seh­nig wie Ber­tie, son­dern … Bei al­len Göt­tern, er hat­te kei­ne Ah­nung, wie er es be­schrei­ben soll­te. Er wuss­te nur, dass Vau­drec alle an­we­sen­den Her­ren wie Jungs wir­ken ließ. Ein­schließ­lich Ja­ckie – viel­leicht nur, weil der seit sei­ner Hoch­zeit mit Ber­tie die jun­gen­haf­te Mie­ne gar nicht mehr los­wur­de. Wie auch im­mer heg­te Dan­te in die­sem Mo­ment kei­nen Zwei­fel dar­an, dass er im Wör­ter­buch ne­ben dem Be­griff Mann eine Fo­to­gra­fie von Vau­drec fin­den wür­de.

Zu sei­ner Ver­wun­de­rung kam ihm eine Me­lo­die in den Sinn, die er noch nie ge­hört hat­te. Trä­ge, zärt­li­che Kla­vier­tö­ne, die et­was Grö­ße­res an­kün­dig­ten.

Als ihre Bli­cke sich un­er­war­te­ter­wei­se tra­fen, glaub­te er, das Herz wür­de ihm ste­hen­blei­ben. Die Mu­sik in sei­nem Kopf wur­de für ein paar Tak­te lau­ter, bis er die ima­gi­nären Fäus­te auf die eben­so ima­gi­nären Kla­vier­tas­ten drosch, weil Vau­drec sich pro­vo­kant die Rech­te ans Ohr leg­te, um ihn er­neut mit den längst an­ge­leg­ten Se­gel­oh­ren zu pie­sa­cken.

Be­bend vor Zorn ball­te Dan­te auch sei­ne ech­ten Hän­de zu Fäus­ten, um nicht ver­se­hent­lich einen Fo­to­gra­fen da­mit zu er­wür­gen. Die­ser Voll­idi­ot muss­te eine Prü­fung sein. Sei­ne Feu­er­pro­be, da er doch dank Ber­tie kein Arsch­loch mehr sein woll­te. Bei al­len Teu­feln, die Göt­ter woll­ten ihn of­fen­bar schei­tern se­hen!

Soll­te in ir­gend­ei­nem Nach­schla­ge­werk tat­säch­lich ein Bild von Vau­drec zu fin­den sein, müss­te er es her­aus­rei­ßen und ne­ben das Wort »Scheiß­kerl« kle­ben. Falls ihm nicht schon je­mand zu­vor­ge­kom­men war, was ihm je­doch als höchst wahr­schein­lich er­schien, wenn er so dar­über nach­dach­te.

»Ge­hen wir dann rein oder fin­det ihr es hier drau­ßen so er­quick­lich, dass wir das Lo­kal nicht be­tre­ten wer­den?«, frag­te er pat­zig und nahm die drei Stu­fen zur Ein­gangs­tür, ohne eine Ant­wort ab­zu­war­ten.

In sei­nem Rü­cken hör­te er Vin­ce halb er­staunt, halb amü­siert mur­meln: »Na, der hat heu­te aber eine Lau­ne.«

Einen ge­schnaub­ten Atem­zug spä­ter um­hals­ten ihn schlan­ke Arme von hin­ten und ein ganz ge­wis­ser Je­mand schob ihn im Zuge ei­nes ne­cki­schen Ge­ran­gels ins Foy­er. Über die dumpf er­klin­gen­de Mu­sik hin­weg raun­te Ber­tie ihm ins Ohr: »Muss an der schon zu lan­ge an­dau­ern­den Ent­halt­sam­keit lie­gen.«

Dan­te ver­biss sich ein Schmun­zeln. »Du schläfst heu­te Nacht bes­ser mit ei­nem of­fe­nen Auge, mein Freund.«

La­chend drück­te Ber­tie ihn noch ein­mal her­zend an sich und ließ an­schlie­ßend von ihm ab. »Sorgst du sonst für eine rei­ße­ri­sche Schlag­zei­le? Be­rühm­ter Au­tor im Schlaf von Ex­mann er­stickt?«

»Ich ga­ran­tie­re für nichts«, er­wi­der­te Dan­te mit ver­trau­lich ge­senk­ter Stim­me, weil er gleich dar­auf die Hand ei­nes ält­li­chen Kol­le­gen schüt­teln muss­te, der sich ge­ra­de auf dem Weg nach drau­ßen be­fand.

»Lord St. Sy­ca­mo­re!« Der Mann strahl­te übers gan­ze fal­ti­ge Ge­sicht.

Dan­te neig­te höf­lich den Kopf und schenk­te sei­nem Ge­gen­über ein Lä­cheln. »Lord Po­well. Seid Ihr ge­kom­men, um Euch mei­nen neu­en Te­nor an­zu­hö­ren?«

Ber­tie be­deu­te­te ihm mit ei­nem Kopf­ni­cken Rich­tung Saal, dass sie schon mal vor­gin­gen. Dan­te nick­te kaum merk­lich zu­rück, ehe er sich wie­der dem al­ten Di­ri­gen­ten zu­wand­te.

»Ich hat­te es vor­ge­habt«, gab die­ser zur Ant­wort. »Al­ler­dings habe ich so­eben die Nach­richt er­hal­ten, dass bei mir da­heim …«

Dan­te konn­te sich nicht auf Po­wells Wor­te kon­zen­trie­ren, weil Vau­drec an ihm vor­bei­ging und ihm mit ei­nem Hauch sei­nes Pa­rf­ums wort­wört­lich den Kopf ver­dreh­te. Ihm hin­ter­her­zu­se­hen, war un­ver­meid­bar. Eben­so un­ver­meid­bar wie die Er­kennt­nis, dass die­ser Mist­kerl von hin­ten ge­nau­so at­trak­tiv war wie von vor­ne. Was trug er da für einen Duft? Schwer, mas­ku­lin, warm … und viel zu ver­füh­re­risch. An so ei­nem Rau­bein war der ja völ­lig ver­schwen­det.

»Nun darf ich Euch nicht län­ger auf­hal­ten, Myl­ord«, mein­te Po­well gut­mü­tig. »Ich sehe schon, dass Ihr Eure Freun­de nicht war­ten las­sen wollt.«

»Ver­zeiht mei­ne Zer­streut­heit, Lord Po­well, ich woll­te nicht un­höf­lich sein.«

»Ach was, ich war auch mal jung«, tat der Alte mit ei­nem Grin­sen ab. »Geht und macht Euch einen un­ver­gess­li­chen Abend. Das, was ich bis jetzt von Eu­rem Te­nor hö­ren durf­te, weckt in mir den Hun­ger auf mehr.«

Dan­te be­dank­te sich und schüt­tel­te er­neut eine zer­brech­lich wir­ken­de Hand, ehe er dem Lord die Tür auf­hielt und schließ­lich den Saal be­trat, um dort ein wei­te­res Mal in­ne­zu­hal­ten. An un­zäh­li­gen Ti­schen, die alle in Ker­zen­schein ge­taucht wa­ren, wur­de ge­plau­dert, ge­lauscht und ge­speist, wäh­rend Ma­r­co Re­nal­do auf der Büh­ne stand. Be­glei­tet von Vi­o­li­ne und Cel­lo sang er Wor­te, die aus der Tie­fe sei­nes Her­zens zu stam­men schie­nen. So un­ver­gleich­lich Lu­ciens Dar­bie­tun­gen auch ge­we­sen sein moch­ten, so hat­te man bei ihm doch stets ge­wusst, dass er schau­spie­ler­te. Re­nal­do hin­ge­gen nahm man jede Re­gung ab, die sei­ne Stim­me ein­färb­te.

Der Mann be­merk­te ihn und ein Lä­cheln husch­te über sei­ne Lip­pen, ehe er den Kopf zu ei­nem kaum merk­li­chen Gruß senk­te. Dan­te er­wi­der­te ihn eben­so sach­te und such­te dann nach sei­nen ver­lo­ren ge­gan­ge­nen Freun­den. Er ent­deck­te den Tisch und setz­te sich in Be­we­gung, um gleich dar­auf den Platz ein­zu­neh­men, den sie ihm an­ge­dacht hat­ten. Wem sah er sich ge­gen­über? Na­tür­lich Vau­drec, der an Ja­ckies Sei­te saß, wäh­rend Dan­te nun Josy zu sei­ner Rech­ten hat­te.

Ein Ober eil­te her­bei, so­bald sein Hin­tern den Stuhl be­rühr­te, und nahm sei­ne Be­stel­lung auf – Fi­let Mi­gnon und ein Glas Bit­ter­li­mo­na­de.

Wäh­rend Vin­ce und Ber­tie wei­ter­hin an­ge­regt dis­ku­tier­ten, hat­te Vau­drec nur noch Au­gen für Re­nal­do, was wie­der­um Ja­ckie einen Aus­druck von Zu­frie­den­heit in die Mie­ne zau­ber­te. Of­fen­bar war das der Plan ge­we­sen.

Dan­te schluck­te tro­cken und ließ den Blick von Vau­drec zu Re­nal­do hin­über­wan­dern. Letz­te­rer war groß ge­wach­sen und durch­trai­niert, was er ger­ne zur Schau stell­te. Man wür­de ihm den Sän­ger nicht zu­trau­en. Eher könn­te man einen Sport­ler oder ein Mo­dell in ihm ver­mu­ten. Der Fo­to­graf ihm ge­gen­über schien den­sel­ben Ge­dan­ken zu he­gen. Dan­te hat­te kei­ne Ah­nung, was ihn dar­an so hef­tig stör­te, dass es ihm auf die Ma­gen­gru­be drück­te.

»Wie lau­fen die Pro­ben zu dei­nem neu­en Pro­jekt?«, frag­te Josy un­ver­mit­telt und er wand­te sich ihr zu. Ihr Lä­cheln hat­te et­was Ver­schmitz­tes an sich.

»Ganz gut so­weit. Mein Gi­tar­rist gibt sich nach wie vor skep­tisch, da­für ist Jack mit ei­nem sol­chen Feu­er­ei­fer da­bei, dass ihm in­ner­halb der letz­ten Wo­che schon das drit­te Paar Drum­sticks ab­ge­bro­chen ist. Jetzt fehlt uns nur noch ein Sän­ger, dem man Der­ar­ti­ges zu­trau­en kann. Am bes­ten je­mand, der nie zu­vor Klas­sik ge­sun­gen hat.«

»Das klingt doch viel­ver­spre­chend.«

»Wie man’s nimmt«, gab Dan­te mit ei­nem klei­nen La­chen zu­rück. »Zu­min­dest ver­ein­nahmt es mich so sehr, dass es ge­ra­de nicht viel gibt, was ich lie­ber täte.«

»Und das ist das Wich­tigs­te, wenn du mich fragst.«

Der Kell­ner ser­vier­te ihm sein Bit­ter Le­mon und als er sich be­dank­te, fing er einen Blick von Vau­drec auf, ehe die­ser sich wie­der der Büh­ne zu­wand­te.

Gleich dar­auf leg­te sich ihm eine spin­nen­ar­ti­ge, be­ben­de Hand von hin­ten auf die Schul­ter. Dan­te sah hoch und er­hob sich re­spekt­voll, als er er­kann­te, wer sei­ne Auf­merk­sam­keit wünsch­te. Al­va­ro Duar­te reich­te ihm die Rech­te und drück­te ihm wie im­mer die Lin­ke oben­auf – bei­de zit­ter­ten auf­grund sei­ner fort­s­chrei­ten­den Er­kran­kung, doch das Lä­cheln in­mit­ten sei­ner aus­ge­zehr­ten Mie­ne zeig­te sich stand­fest wie eh und je. »Mei­nen Glü­ck­wunsch zum neu­en Gold­jun­gen«, mein­te der Opern­schrei­ber mit ei­nem Blick über die spit­ze Schul­ter zu Re­nal­do. »Habt Ihr in na­her Zu­kunft Ka­pa­zi­tä­ten frei, mein Bes­ter?«

»Für ei­nes Eu­rer Stü­cke wer­de ich stets Ka­pa­zi­tä­ten frei­ha­ben, Sir.«

»Her­vor­ra­gend.« Duar­tes Grin­sen er­hell­te ein blas­ses Ge­sicht un­ter schwa­r­zem Haar mit ei­ner ein­sa­men grau­en Sträh­ne dar­in. »Ich wür­de sie von kei­nem an­de­ren Kom­po­nis­ten ver­tont ha­ben wol­len.«

»Es wird mir wie im­mer eine Ehre sein.«

»Ihr Schmeich­ler«, raun­te Duar­te lie­be­voll. »Ich las­se Euch An­fang nächs­ter Wo­che eine Ko­pie des Ma­nu­skripts zu­kom­men, aber es eilt nicht. Jetzt habt einen schö­nen Abend.«

»Ich kann es kaum er­war­ten und vie­len Dank. Ihr eben­so.«

Es fie­len ein paar wei­te­re Flos­keln, die sich bei Duar­te nie wie sol­che an­fühl­ten, ehe der Mann wie­der zu­rück zu sei­ner Frau staks­te. Die alte Dame deu­te­te Dan­te einen de­zen­ten Gruß, den er er­wi­der­te, be­vor er Platz nahm.

»Du wirst ja heu­te von al­len Sei­ten ho­fiert«, grins­te Ber­tie ihm quer über den Tisch hin­weg zu.

Dan­te schnitt eine Gri­mas­se und streck­te die Zun­ge eine Win­zig­keit her­aus. »Du bist doch bloß nei­disch, weil noch nie­mand nach dei­nem Au­to­gramm ver­langt hat.«

»Bit­te for­de­re es nicht her­aus«, stöhn­te Ja­ckie. »Der wird mir grö­ßen­wahn­sin­nig, wenn die Leu­te ihn noch mehr ver­eh­ren.«

»Was für ein Un­sinn«, tat Ber­tie ab und ver­strick­te sich mit Ja­ckie in eine Dis­kus­si­on, wie sie nur zwei maß­los in­ein­an­der ver­knall­te Ker­le, die sich ge­gen­sei­tig in den Him­mel ho­ben, füh­ren konn­ten.

Dan­te ver­dreh­te schmun­zelnd die Au­gen. Nach dem nächs­ten Schluck Bit­ter kam eine Frau im schwa­r­zen Abend­kleid an den Tisch und beug­te sich über Vau­drec, der zu­sam­men­zuck­te und den Kopf un­na­tür­lich weit in ihre Rich­tung dreh­te. Es war, als bräuch­te er das lin­ke Auge, weil sein rech­tes ihm hier­für nicht aus­reich­te.

»Jean-Jac­ques«, raun­te sie und tät­schel­te ihm den Un­ter­arm, der auf der Tisch­plat­te lie­gen blieb, an­statt sich zu ei­ner Ges­te der Be­grü­ßung zu he­ben.

»Ma­de­lei­ne.«

»Und den hüb­schen Ja­ckie hast du auch im Schlepp­tau«, säu­sel­te die Blon­di­ne in des­sen Rich­tung, ehe sie sich wie­der Vau­drec zu­wand­te. »Was für ein zau­ber­haf­ter Zu­fall, dass ich dich hier tref­fe. Sonst hät­te mei­ne Klei­ne mor­gen zu dir auf­bre­chen müs­sen. Ich brau­che zwei Mo­del­le für einen kurz­fris­tig an­ge­leg­ten Kurs, der nach dem Wo­chen­en­de be­ginnt. Dein schöns­tes Mäd­chen, die­se … wie heißt sie noch gleich … Hearst, und den zier­li­chen Jun­gen mit den brau­nen Lo­cken.«

»Hearst kannst du ha­ben, aber Be­au­fort ist die ge­sam­te nächs­te Wo­che aus­ge­bucht.«

Die Lady zog einen Schmoll­mund. »Kannst du nicht um­dis­po­nie­ren?«, bat sie in ei­nem Ton­fall, der ge­wiss oft ge­nug Wir­kung zeig­te.

Dies­mal nicht. »Un­mög­lich. Ha­mish hat ihn für die Ar­beit an ei­nem Mo­de­ka­ta­log drü­ben auf dem Fest­land ge­bucht.«

»Ich ver­ste­he. Das ist na­tür­lich ein viel ruhm­rei­che­rer Auf­trag. Wie wäre es mit dem Bur­schen, der die­sen gro­ßen Le­ber­fleck an der Hüf­te hat? Könn­te eine span­nen­de, klei­ne Her­aus­for­de­rung dar­stel­len.«

»Trem­blay.« Vau­drec nick­te. »Uhr­zeit?«

Die Dame nann­te sie ihm und be­dank­te sich in fast hoch­nä­si­ger Ma­nier, ehe sie sich dem Mann an­schloss, der zwei Schrit­te wei­ter auf sie ge­war­tet hat­te.

Josy sah ihr la­chend hin­ter­her. »Ich sehe schon, dass wir in Zu­kunft ein Sépa­rée brau­chen. Hier sit­zen ein­fach zu vie­le Be­rühmt­hei­ten an ei­nem Tisch.«

Dan­te fing Vau­drecs dunk­len Blick ein und hob eine sei­ner Brau­en, um sich ein paar Sil­ben auf der Zun­ge zer­ge­hen zu las­sen. »Jean-Jac­ques, hm?«

»So steht es auf mei­nem Tauf­schein.«

»John steht Euch bes­ser zu Ge­sicht.«

»Tut es das Eu­rer Mei­nung nach?«

»Schlicht und ein­fach«, gab Dan­te frech zu­rück. »Dem Jean-Jac­ques wer­det Ihr nicht ge­recht. Viel zu de­li­kat oder Ihr viel zu un­ge­schlif­fen, je nach­dem.«

»Gut zu wis­sen.« Vau­drec nick­te lang­sam vor sich hin und dreh­te sein Was­ser­glas um des­sen ei­ge­ne Ach­se, ehe er ge­dehnt hin­zu­füg­te: »Dan.«

Dan­te fühl­te ein Knur­ren in sich auf­stei­gen. »Josy, halt mich, sonst kann ich für nichts ga­ran­tie­ren.«

Die an­de­ren fan­den den selbst­ge­fäl­lig drein­bli­cken­den Fo­to­gra­fen of­fen­kun­dig furcht­bar ko­misch. Zu­min­dest ge­wann Dan­te die­sen Ein­druck, als Ja­ckie halb an sei­ner Dan­dy­brau­se er­stick­te und Ber­tie ihm la­chend den Rü­cken klopf­te. Vin­ce brach­te als Ein­zi­ger ein Min­dest­maß an An­stand auf und hielt sich we­nigs­tens eine Ser­vi­et­te vor, um sei­ner Be­lus­ti­gung da­hin­ter Luft zu ma­chen.

»Ich neh­me zu­rück, was ich ge­sagt habe«, sag­te Dan­te grim­mig. »Eine sol­che Nie­der­träch­tig­keit kann nur ei­nem Jean-Jac­ques über die Lip­pen kom­men.«

»Wie gü­tig und über­aus er­leich­ternd, dass Ihr mir mei­nen Na­men zu­ge­steht. An­dern­falls hät­te ich heu­te Nacht kein Auge zu­ge­macht«, spot­te­te Vau­drec in küh­lem Ton und konn­te sich glü­ck­lich schät­zen, dass ihm in die­sem Au­gen­blick sein Es­sen ser­viert wur­de.

Der lie­be­voll an­ge­rich­te­te Tel­ler voll damp­fend hei­ßer Pas­ta un­ter glän­zen­der Sau­ce, ge­rie­be­nem Par­me­san und ein paar Blätt­chen Ba­si­li­kum war so hübsch an­zu­se­hen, dass Dan­te ihn nicht ru­i­nie­ren woll­te, in­dem er dem ver­damm­ten Fo­to­gra­fen über den Tisch hin­weg an die Keh­le sprang.

Als Vau­drec nach der Ga­bel griff, muss­te Dan­te sich der Büh­ne zu­wen­den und die Faust vor den Mund neh­men, um sein Lä­cheln zu ver­ber­gen.

 

*

 

Der Kell­ner sam­mel­te die lee­ren Des­sert­tel­ler ein, von de­nen man­che höchst un­an­ge­mes­sen sau­ber­ge­leckt wirk­ten, und nahm Ja­ckies über­schwäng­li­che Lo­bes­hym­nen mit ei­nem pein­lich be­rühr­ten Schmun­zeln in Emp­fang.

John zog sei­ne Ta­schen­uhr her­vor, um einen prü­fen­den Blick auf das Zif­fern­blatt zu wer­fen. Die Kat­zen wür­den sich fra­gen, wo zum Hen­ker er blieb. Dass er abends aus­ging, war schon sehr lan­ge nicht mehr vor­ge­kom­men.

»Hey Froh­na­tur.«

Al­lein St. Sy­ca­mo­res Stim­me ließ ihn in­ner­lich auf­stöh­nen, doch zu­sam­men mit der däm­li­chen An­re­de ver­lang­te sie ihm wahr­haf­tig ein Au­gen­rol­len ab, ehe er sich dem Mann zu­wand­te. »Wir ge­ben uns be­reits Spitz­na­men?«

Ein dreis­tes Lä­cheln, von dem er wohl glaub­te, es sei char­mant, husch­te über St. Sy­ca­mo­res Lip­pen. »Euer Fuß hat vor­hin un­ter dem Tisch den mei­nen ge­streift, da dach­te ich, es sei an der Zeit da­für.«

»Ich weiß nicht, was Euch da ge­streift hat, aber ich war es ganz si­cher nicht.«

»Jetzt ist es zu spät, Froh­na­tur«, gab der Di­ri­gent mit ei­nem Schul­ter­zu­cken zu­rück. »Kön­nen wir Plät­ze tau­schen? Ich hät­te gern die Tür im Blick.«

Zur Ant­wort stand John ein­fach auf und über­ließ dem Idi­o­ten sei­nen Stuhl.

»Über­aus freund­lich von Euch«, mein­te der Groß­kotz und tausch­te ihre Glä­ser mit­ein­an­der, so­dass je­der wie­der sein ei­ge­nes Ge­tränk vor sich ste­hen hat­te.

Ja­ckie war sicht­lich ver­wirrt. »Du willst die Tür im Blick be­hal­ten?«

Ein wei­te­res Mal zuck­te St. Sy­ca­mo­re mit den schma­len Schul­tern und wand­te sich in ei­ner merk­wür­dig wir­ken­den Ges­te von ih­nen ab, ehe er sich räus­per­te. »Falls Aqui­la auf­taucht, um sich mei­nen Gold­jun­gen an­zu­se­hen.«

»Ich glau­be nicht, dass Ber­tie den Kerl noch mal in dei­ne Nähe lässt«, grins­te Ja­ckie.

St. Sy­ca­mo­re schmun­zel­te wis­send und hob eine Braue. »Meinst du, der fei­ne Herr Ka­pell­meis­ter fliegt wie­der aufs Maul, wenn er es trotz­dem ver­sucht?«

»Ich hof­fe es so­gar«, er­wi­der­te Ja­ckie. »Im­mer­hin war ich da­mals nicht da­bei, ob­wohl ich das wirk­lich ger­ne ge­se­hen hät­te.«

»Du hast doch gar nichts ge­gen Aqui­la.«

»Das nicht. Aber Ber­tie ist ver­dammt heiß, wenn er wü­tend wird.«

Der Di­ri­gent lach­te und hob die lin­ke Faust, um da­mit ge­gen Ja­ckies Hand zu tip­pen. Und wäh­rend John sich noch frag­te, was das wer­den soll­te, spiel­ten die­se bei­den er­wach­se­nen Män­ner ihm ge­gen­über drei Par­ti­en Sche­re Stein Pa­pier.

Ja­ckie ver­lor mit ei­nem Auf­stöh­nen, was St. Sy­ca­mo­re ein Grin­sen ab­ver­lang­te. »Dan­ke für das Es­sen, Ja­ckie. Un­end­lich lieb von dir.«

Der Kell­ner kam zu­rück und blick­te in die Run­de. »Darf es für die Herr­schaf­ten noch ein Di­ge­stif sein?«

John tipp­te an sein Was­ser­glas, um ein wei­te­res zu be­kom­men. Mrs Mot­ley be­stell­te sich ein Ach­tel Rot­wein, wäh­rend ihr Mann um Kaf­fee­li­kör bat. Ja­ckie und sein ent­stell­ter Gat­te wech­sel­ten einen flüch­ti­gen und doch viel­sa­gen­den Blick, be­vor Ja­ckie sag­te: »Für uns zwei Mal Soda noir.«

Müh­sam ver­biss John sich das Knur­ren. Die­ses Arsch­loch hat­te tat­säch­lich mit sei­nem Ehe­mann über ihn ge­spro­chen. Es war zu be­fürch­ten ge­we­sen.

St. Sy­ca­mo­re blick­te ir­ri­tiert drein. »Seid ihr über Nacht un­ter die Ab­sti­nenz­ler ge­gan­gen?«, frag­te er spöt­tisch und ver­schaff­te John et­was Er­leich­te­rung, da er da­mit be­wies, im Ge­gen­satz zu Al­ber­ti­en Es­cof­fier nicht ein­ge­weiht zu sein. »Darf ich mir was Or­dent­li­ches be­stel­len oder bre­che ich da­mit ir­gend­ei­nen Pakt, von dem ich nichts weiß?«

Ja­ckie warf ihm einen scha­r­fen Blick zu. »Es scha­det ja nicht, ein we­nig kür­zer zu tre­ten, hm?« Dann senk­te er die Stim­me und ahm­te schein­bar je­man­den nach. »Pu­tain de mer­de, ich glau­be, ich st­er­be.«

Wäh­rend John mit der An­spie­lung nichts an­zu­fan­gen wuss­te, färb­ten sich St. Sy­ca­mo­res Wan­gen wahr­haf­tig rot und sei­ne Mie­ne büß­te für ein paar Se­kun­den die üb­li­che Ar­ro­ganz ein. »Bit­ter Le­mon«, nu­schel­te er dem Kell­ner zu.

Die letz­ten Vi­o­li­nen­klän­ge ver­hall­ten im Raum. John wand­te sich der Büh­ne zu, um zu be­mer­ken, dass sich der Sän­ger be­reits wäh­rend des Ap­plau­ses ih­rem Tisch nä­her­te.

»Wie fan­det Ihr es, Mae­stro?«, frag­te er den Di­ri­gen­ten und fisch­te nach ei­nem lee­ren Stuhl, um ihn ans Kop­f­en­de zu zie­hen und sich ritt­lings dar­auf zu set­zen.

»Ich spre­che si­cher für alle An­we­sen­den, wenn ich sage, dass du uns eine aus­ge­zeich­ne­te Vor­stel­lung ge­bo­ten hast«, lob­te St. Sy­ca­mo­re und wirk­te so­gar da­bei noch groß­kot­zig und gön­ner­haft.

»Dan­ke. Dan­ke, das freut mich.« Der Sän­ger warf je­dem in der Run­de einen Blick zu und hielt inne, als er bei John an­ge­langt war. »Wir ken­nen uns noch nicht.« Er streck­te ihm die Hand ent­ge­gen. »Ma­r­co Re­nal­do.«

John reich­te ihm die sei­ne. »Vau­drec de Lil­le.«

Ein Schmun­zeln husch­te über Re­nal­dos mas­ku­li­nes Ge­sicht. »Kein Vor­na­me?«

»Ihr könnt ihn ja von mei­ner Vi­si­ten­kar­te ab­le­sen«, gab John zu­rück und zog be­sag­te Kar­te aus der Wes­ten­ta­sche, um sie über den Tisch zu schie­ben.

Re­nal­do griff da­nach und las, was auf dem ed­len Stück Pa­pier stand.

John sprach wei­ter. »Mir fal­len auf An­hieb fünf Fo­to­gra­fen ein, die gu­tes Geld zah­len wür­den, um Euch vor die Lin­se zu be­kom­men.« Sechs, wenn er sich selbst mit­zäh­len könn­te. Doch das konn­te er nicht mehr.

St. Sy­ca­mo­re stieß Luft aus und be­dach­te ihn mit ei­nem un­gläu­bi­gen Lä­cheln. »Ver­sucht Ihr ge­ra­de, mir mei­nen Gold­jun­gen ab­spens­tig zu ma­chen, Froh­na­tur?«

»Ab­spens­tig ma­chen? Die Ka­me­ra fängt nicht sei­ne Stim­me ein, um sie in ei­ner Fo­to­gra­fie zu ban­nen, De Me­di­ci«

Re­nal­do zeig­te in ei­nem ein­sei­ti­gen Grin­sen sei­ne Zäh­ne. »Ich füh­le mich ge­schmei­chelt, Sir, aber ich den­ke nicht, dass … Viel­leicht wäre der Mae­stro hier­für bes­ser ge­eig­net. Im­mer­hin wur­de er ge­ra­de erst zum be­gehr­tes­ten Jung­ge­sel­len der Stadt ge­wählt.«

John ließ ein ab­wer­ten­des Ge­räusch ver­lau­ten. »Si­cher. Von ei­ner Grup­pe Idi­o­ten, die sich von Reich­tum blen­den las­sen, von de­nen aber of­fen­bar kein ein­zi­ger einen Blick für Äs­the­tik be­sitzt.«

St. Sy­ca­mo­re hob eine Au­gen­braue. »Das kann gar nicht sein, dass da nur Idi­o­ten ab­ge­stimmt ha­ben. Sonst hät­tet Ihr al­lein ja schon hun­dert Stim­men ab­ge­ben dür­fen.«

»Und mit kei­ner da­von hät­te ich Euch ge­wählt«, ver­si­cher­te John tro­cken.

Eine zwei­te Braue folg­te dem Bei­spiel der ers­ten, um gren­zen­lo­se Un­gläu­big­keit zur Schau zu stel­len. »Soll das hei­ßen, Ihr fin­det mich häss­lich?«

»Das soll hei­ßen, ich fin­de Euch reiz­los. So reiz­los wie ein Mann nur sein kann. Und ich sage das nicht aus Bos­haf­tig­keit, son­dern weil es mei­ner pro­fes­si­o­nel­len Mei­nung ent­spricht.«

Re­nal­do saß mit of­fe­nem Mund da, wäh­rend Ja­ckie ein Stöh­nen von sich gab und sag­te: »Manch­mal weiß ich nicht, was schlim­mer ist. Dass er ei­nem so­was an den Kopf wirft oder dass er es wahr­schein­lich wirk­lich nicht böse meint.«

»Na ja, so oft wie er dich vor die Ka­me­ra ge­be­ten hat, fin­det er dich zu­min­dest nicht reiz­los«, kon­ter­te St. Sy­ca­mo­re, ließ den fun­ken­sprü­hen­den Blick da­bei aber an ihm haf­ten.

John lehn­te sich zu­rück. »Be­trach­tet es von der po­si­ti­ven Sei­te. So­mit habe ich auch gleich einen Ko­se­n­a­men für Euch, um den Ge­fal­len zu er­wi­dern.« Durch eine Pau­se ver­lieh er be­sag­tem Na­men mehr Ge­wicht. »Lord Charm­less.«

Ein trä­ges Lä­cheln husch­te über vol­le Lip­pen, als der Di­ri­gent eben­falls ge­gen die Rü­cken­leh­ne sank und die Bei­ne über­schlug. »Klingt doch me­lo­disch, vie­len Dank.«

»Äh … Mae­stro«, misch­te Re­nal­do sich ein und schien von dem Wort­wech­sel un­an­ge­nehm be­rührt. Jene Re­gung ver­edel­te sei­ne Züge auf eine Wei­se, die John noch hef­ti­ger denn zu­vor da­nach ver­lan­gen ließ, den Te­nor vor die Ka­me­ra zu be­kom­men. »Gi­sel­le und Ma­r­ceau, Vi­o­li­ne und Cel­lo, ha­ben mir eine Ge­schich­te über Euch er­zählt, von der ich nicht glau­ben kann, dass sie wahr ist.«

»Wel­che Ge­schich­te?«, frag­te St. Sy­ca­mo­re mit ei­nem hal­b­en Kopf­schüt­teln.

Der Kell­ner brach­te die nächs­te Run­de und sorg­te für eine kur­ze Ver­zö­ge­rung der Auf­klä­rung, da der Mann gleich zwei Mal über Re­nal­do und des­sen ein­ge­zo­ge­nen Kopf hin­weg ser­vie­ren muss­te.

»Äh, ja …«, mein­te der Sän­ger, so­bald der Ober ver­schwun­den war. »La ra­gaz­za dell’in­vi­dia. Man be­haup­tet, Ihr hät­tet die vol­len vier Stun­den an sechs Näch­ten hin­ter­ein­an­der ge­spielt.«

»Sie­ben!«, warf Vin­cent Mot­ley von der an­de­ren Sei­te des Ti­sches aus ein und pros­te­te ih­nen zu. »An sie­ben Näch­ten. Und Ihr glaubt gar nicht, wie vie­le Leu­te im Vor­feld ver­sucht ha­ben, ihm das aus­zu­re­den.«

»Falls Ihr Euch um Eure Stim­me sorgt, kann ich Euch be­ru­hi­gen«, sag­te St. Sy­ca­mo­re. »Der­ar­ti­ge Stü­cke, von de­nen be­reits lan­ge im Vor­aus ab­zu­se­hen ist, dass wir sie oft spie­len wer­den, pla­ne ich nicht ohne eine Zweit- und Dritt­be­set­zung der Rol­len. Zu­dem hat mir ein Kol­le­ge je­den zwei­ten Abend sein Or­ches­ter ge­lie­hen. Es wur­de also nie­mand über Ge­bühr stra­pa­ziert.«

»Au­ßer er selbst, will er da­mit sa­gen«, rief Mot­ley.

»Gott, Vin­ce, so schlimm war es nicht«, pro­tes­tier­te der Di­ri­gent.

»Du hast in die­ser Wo­che si­cher vier Kilo ab­ge­nom­men und da­nach drei Tage lang durch­ge­hend ge­schla­fen wie ein To­ter.«

»Aber nach die­sen drei Ta­gen bin ich wie­der auf­er­stan­den«, er­wi­der­te St. Sy­ca­mo­re und brei­te­te die Hän­de aus. »Kraft­strot­zen­der und reiz­lo­ser denn je.«

Wäh­rend John ge­gen ein Schmun­zeln kämpf­te, wand­te sich St. Sy­ca­mo­re nach ei­nem kur­z­en Blick in sei­ne Rich­tung er­neut Re­nal­do zu: »Ihr könnt un­be­sorgt sein, Ma­r­co.«

»Ich war ei­gent­lich nie be­sorgt. Nur be­ein­druckt.«

»Nein!«, rief Mot­ley aus. »Nein, nein, nein, lasst das. Er­mun­tert ihn nicht!«

Ge­läch­ter bran­de­te auf und noch be­vor es abebb­te, tipp­te die aus dem Nichts auf­tau­chen­de Vi­o­li­nis­tin Re­nal­do auf die Schul­ter. »Pau­se vor­bei«, flüs­ter­te sie und warf ein grü­ßen­des Ni­cken in die Run­de, ehe sie ver­schwand.

»Ich muss ge­hen.« Re­nal­do er­hob sich und stell­te den ge­borg­ten Stuhl an sei­nen Platz zu­rück. »Den Herr­schaf­ten noch einen an­ge­neh­men Abend. Dan­ke fürs Kom­men, Mae­stro.«

Die Vi­si­ten­kar­te ließ er lie­gen.

John sah ihm nach und wand­te sich erst von ihm ab, als er er­neut zu sin­gen be­gann. Sei­ne Stim­me war ma­kel­los und viel­leicht ge­ra­de des­halb ein we­nig lang­wei­lig. Et­was ohne Ecken und Kan­ten, das die brei­te Mas­se für einen Abend lang an­sprach, ohne ei­nem im Ge­dächt­nis haf­ten zu blei­ben. Die an­de­ren Mit­glie­der des En­sem­bles wür­den nie­mals Ge­fahr lau­fen, von Re­nal­dos Ta­lent über­strahlt zu wer­den. Er war ver­mut­lich der per­fek­te Opern­sän­ger.

St. Sy­ca­mo­re hat­te sich in­zwi­schen vor­ge­beugt. Er stütz­te die El­len­bo­gen auf den Tisch und stu­dier­te Johns Vi­si­ten­kar­te.

»In­mit­ten all die­ser Be­weih­räu­che­rung Eu­rer Per­son muss mei­ne un­frei­wil­li­ge Lek­ti­on in Be­schei­den­heit höchst be­fremd­lich auf Euch wir­ken«, stell­te John ton­los fest und fing einen dunk­len Blick auf.

»Eine Lek­ti­on in Be­schei­den­heit?«, wie­der­hol­te der Di­ri­gent lei­se und ließ die dun­kel­graue Kar­te zu­rück auf die wei­ße Tisch­de­cke fal­len. »Da­für kommt Ihr zu spät, Froh­na­tur. Die hat mir schon ein an­de­rer er­teilt.« Ver­mut­lich un­will­kür­lich und des­halb umso viel­sa­gen­der sah er zu Al­ber­ti­en Es­cof­fier hin­über. Weich­heit husch­te über sei­ne Mie­ne, ehe er sich von dem An­blick los­mach­te und schein­bar mü­he­los in das Ge­spräch ein­stieg, dass Mrs Mot­ley ge­ra­de mit Ja­ckie führ­te.

John senk­te das Haupt und be­trach­te­te ein paar Was­ser­trop­fen, die lang­sam an der Sei­te sei­nes an­ge­lau­fe­nen Gla­ses hin­a­b­lie­fen.

Ka­pi­tel 2

 

Sanft ließ Dan­te die Fin­ger­spit­zen über die Stirn des Wal­lachs glei­ten und strich ihm ein paar Sträh­nen tief­schwa­r­zen Haa­res aus den dunk­len Au­gen. Der im­po­san­te Al­le­gro schnaub­te ihm ent­ge­gen, wäh­rend er Ber­tie den Vor­der­huf reich­te. Ein An­blick, der Dan­te un­wei­ger­lich eine Fra­ge aus dem Mund lock­te. »War­um be­nutzt er den lin­ken Arm nicht?«

»Was?«, gab Ber­tie ir­ri­tiert zu­rück und mach­te sich in rou­ti­nier­ten Be­we­gun­gen am Be­schlag des rie­si­gen Pfer­des zu schaf­fen.

»Vau­drec. Er hat ges­tern den gan­zen Abend lang nicht ein ein­zi­ges Mal da­von Ge­brauch ge­macht. Nicht ein­mal beim Es­sen. Was ist da­mit?«

»Ich weiß es nicht. Frag ihn doch ein­fach.«

»Ah, du willst mich durch sei­ne Hand ster­ben se­hen, ja?«

La­chend stemm­te Ber­tie das Ei­sen vom Huf. Es lan­de­te klir­rend auf dem Bo­den. »Er wird dich schon nicht gleich um­brin­gen.«

»Ich traue es ihm durch­aus zu. Dir wird ja wohl nicht ent­gan­gen sein, dass wir uns nicht ausste­hen kön­nen.«

»Mhm. Klar«, kam un­an­ge­bracht spöt­tisch zu­rück.

Dan­te igno­rier­te die­se An­spie­lung, die of­fen­bar Tat­sa­chen in Zwei­fel zu zie­hen ver­such­te, gab den schnau­ben­den Wal­lach frei und ließ sich in einen Heu­hau­fen fal­len, um sei­nen Ex­mann von dort aus zu be­ob­ach­ten. »Hat Ja­ckie nichts von dem Arm er­wähnt?«

»Ein Un­fall in Vau­drecs Ju­gend. Mehr weiß er selbst nicht.« Ber­tie strich sich das Haar hin­ters Ohr, ehe er den nun nack­ten Huf für den neu­en Be­schlag vor­be­rei­te­te. Er schoss einen her­aus­for­dern­den, frech fun­keln­den Blick zu ihm hin­über. »War­um hast du den Platz mit ihm ge­tauscht?«

»Ich woll­te die Tür im Auge be­hal­ten«, log Dan­te schul­ter­zu­ckend und spiel­te mit ei­nem Heu­halm. »Hät­te ja sein kön­nen, dass Aqui­la uns mit sei­ner An­we­sen­heit be­straft.«

»Ja«, kam ge­dehnt zu­rück, »das war dei­ne Aus­re­de. Und wie lau­tet die Wahr­heit, wenn ich dar­um bit­ten darf?«

Miss­mu­tig gab Dan­te sich ge­schla­gen. »Es war ihm un­an­ge­nehm, dort zu sit­zen. Of­fen­bar ist er auf dem rech­ten Auge blind. Zu­min­dest ist er je­des Mal zu­sam­men­ge­zuckt, wenn je­mand an ihm vor­bei­ge­gan­gen ist. Nach­dem ich ihm mei­nen Platz über­las­sen habe, hat das auf­ge­hört, also lie­ge ich mit mei­ner An­nah­me wohl rich­tig.«

»Ja­ckie ver­mu­tet auch, dass neu­er­dings et­was mit sei­nen Au­gen nicht stimmt. Et­was, das ihn ge­zwun­gen hat, die Fo­to­gra­fie auf­zu­ge­ben.«

Dan­te starr­te auf sei­ne Fin­ger und stell­te sich vor, die Kraft dar­in zu ver­lie­ren und nie wie­der di­ri­gie­ren oder Kla­vier spie­len zu kön­nen. Ein kal­ter Schau­er lief ihm über den Rü­cken und er schüt­tel­te die Vor­stel­lung ab.

Er brach den Heu­halm ent­zwei und griff nach ei­nem neu­en. »Vau­drec sieht aus wie ei­ner, der noch nie in sei­nem Le­ben laut ge­lacht hat, fin­dest du nicht?«

»Du for­mu­lierst ex­akt mei­ne Ge­dan­ken aus. Cha­peau«, grins­te Ber­tie. »Oben­drein ist er ein Arsch­loch ers­ter Klas­se.«

»Oh ja«, pflich­te­te Dan­te ihm schnau­bend bei und ver­dräng­te die Er­in­ne­rung an feh­len­de Lach­fält­chen in Vau­drecs Ge­sicht. »Das letz­te Mal, als ich sol­che Ge­mein­hei­ten ge­hört habe, ka­men sie aus mei­nem ei­ge­nen Mund.«

Ber­tie lach­te mit ge­schlos­se­nen Lip­pen, zwi­schen de­nen Huf­nä­gel klemm­ten, da­mit er die Hän­de frei hat­te. »Fast ein Kom­pli­ment«, gab er ver­nu­schelt zu­rück und schlug den ers­ten Na­gel durch Ei­sen und Huf.

Ir­gend­wo wei­ter vor­ne tratsch­ten zwei Stall­bur­schen laut mit­ein­an­der. Gleich dar­auf hall­ten Huf­schlä­ge durch die Stall­gas­se, als eine jun­ge Frau ihr Pferd an ih­nen vor­bei ins Freie führ­te. Al­le­gro droh­te, ner­vös zu wer­den, ließ sich je­doch von Ber­ties Be­schwich­ti­gungs­lau­ten so­fort be­ru­hi­gen.

Dan­te kau­te eine Wei­le auf sei­ner Un­ter­lip­pe her­um. »Aber jetzt mal ehr­lich«, mein­te er bei­läu­fig. »Der Mann ist doch gott­los heiß, oder nicht?«

»Gott­los ist er ohne Zwei­fel, aber heiß? Ich weiß nicht«, grins­te Ber­tie un­ver­schämt und gab Al­le­gros Bein frei. »Aber mir ist nicht ent­gan­gen, dass du das so emp­fin­dest. Das war nicht zu über­se­hen. Beim bes­ten Wil­len nicht.«

»Ja ja, ist ja gut«, ta­del­te Dan­te ihn ne­ckisch und kick­te ein we­nig Heu in Ber­ties Rich­tung. »Du musst es nicht mit sol­cher Ve­he­menz be­to­nen.«

»Soll­te dir die­se merk­wür­di­ge Hin­nei­gung nicht als Zei­chen die­nen, jetzt end­lich dei­ne Ent­halt­sam­keit auf­zu­ge­ben?«

»Ich fin­de ihn at­trak­tiv, nicht sym­pa­thisch, also un­ter­stell mir hier kei­ne geis­ti­ge Ver­wir­rung.«