St. Sycamore: Eine schicksalhafte Ehe - Tharah Meester - E-Book

St. Sycamore: Eine schicksalhafte Ehe E-Book

Tharah Meester

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Beschreibung

Drei einsame Jahre hat der Schriftsteller Albertien Colfax auf der Gefängnisinsel verbracht. Nun ist seine Unschuld bewiesen, aber das macht ihn nicht zu einem freien Mann. Um den beschmutzten Familiennamen zu rehabilitieren, beugt er sich dem Willen seines Vaters und ehelicht den hoch angesehenen Dirigenten des königlichen Orchesters. Doch sein frisch angetrauter Gemahl Dante de Medici bringt ihm nichts als brennende Abscheu entgegen. So findet Albertien sich, knapp dem Galgen entkommen, in einem weiteren Vorhof der Hölle wieder. Sein entstelltes Gesicht lässt ihn die durchlebten Torturen nicht vergessen und die Blicke der anderen verdunkeln sich vor Misstrauen, sobald sie auf ihn fallen. Nur einen scheinen die Narben kalt zu lassen. Einen Dandy mit teuflischem Charme, der die Finsternis der Vergangenheit meisterhaft zu vertreiben weiß. Wird Albertien der Versuchung erliegen oder kann er dem verführerischen Fremden widerstehen und sein Herz der Pflicht unterwerfen? Die Geschichte ist in sich abgeschlossen und besitzt ein schönes, aber kein romance-typisches Happy End, da sie in Band 3 der Cœur Trouvé à Venice-Reihe fortgeführt wird. Für ein vollkommenes Leseerlebnis ist es von Vorteil, »St. Garner: Eine undenkbare Affaire« bereits gelesen zu haben.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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St. Sycamore

Eine schicksalhafte Ehe

 

Tharah Meester

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Venice, du meine Liebe!

Die Stadt

Personenverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

UNGEÖFFNET RETOUR AN ABSENDER

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Nachwort

Danksagung

Über die Autorin

Impressum

 

 

Für all jene, die schon einmal von ihrem eigenen Herzen verraten worden sind. Was bleibt uns anderes übrig, als zu verzeihen?

Eben.

 

Vorwort

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

 

Es ist einfach passiert. Ich konnte nichts dafür, ganz ehrlich. Die Geschichte war anders geplant, doch irgendwann haben weder die Charaktere noch meine Gefühle mitgespielt. Deshalb ist dieses Buch nun wirklich etwas ganz Besonderes.

Die folgenden Seiten haben mich mehr Tränen und Herzblut gekostet als jedes andere meiner Werke. Ich liebe diese Männer abgöttisch und lege hiermit den ersten Teil ihrer Memoiren vertrauensvoll in deine wertschätzenden Hände.

 

Deine Tharah

 

 

 

 

 

Venice, du meine Liebe!

Ich drück dich fest an meine Brust

und säusle dir ins Ohr:

»Mein Herz schlägt für dich.

Mon cœur bat pour toi.

Il mio cuore batte per te.«

 

 

Die Stadt

 

 

 

Personenverzeichnis

 

 

Dante de Medici, Lord St. Sycamore – Dirigent des königlichen Orchesters

 

Albertien »Bertie« Colfax – Schriftsteller

 

Nikolai de Medici – Dantes Vater, Politiker, Kabinettsmitglied

 

George Colfax – Albertiens Vater, Politiker, Kabinettsmitglied

 

Harry Bellamy – ein Freund

 

Vittorio Phillippe Bastiano Emilio de Montmarcé – König von Venice

 

Vincent Motley – Opernschreiber

 

Josephine Motley – dessen Ehefrau, Gouvernante

 

Lucien Robespierre – Tenor des königlichen Orchesters

 

Séraphin Bourdillon – Violinist des königlichen Orchesters

 

Jack Shillingford – Schlagwerker des königlichen Orchesters

 

Margaux Beaulieu – eine Freundin Vincent Motleys

 

Desmond Peters – Literaturkritiker

 

Clément Robespierre – Major, Lucien Robespierres Bruder

 

Louis-Charles Rousseau – Capitaine, Dichter und Militärchirurg

 

Galen Sinclair – Colonel, Oberbefehlshaber des 1. Schützenregiments der königlichen Armee

 

Jacques-René Escoffier – Galen Sinclairs Exehemann

 

Maxime Épernée – Colonel, Veteran im inaktiven Dienst

 

Alecsandre de Lys – Épernées Diener

 

Leandro Aquila – Leiter der Militärkapelle

 

Gaia – Albertiens Stute

 

Fabrizio – Harry Bellamys Hengst

 

 

Kapitel 1

 

Es regnete Bindfäden. Erst mit seinen dreiundzwanzig Jahren und am Tag seiner Eheschließung begriff Dante de Medici, dass diese Metapher wörtlich zu nehmen war. Es sah aus, als hätte jemand feine, helle Schnüre von den Wolken bis zum Boden gespannt. Dante verschränkte die Arme hinter dem Rücken und starrte aus dem Turmfenster. Eiserne Verstrebungen gliederten es in sechs Teile. Ein Mosaik aus weinendem Glas. Die obersten Rechtecke zeigten den Himmel, der ebenso düster schien wie seine Stimmung. Über die mittleren erstreckte sich das Meer, das sich in Aufruhr befand. Wieder eine Gemeinsamkeit, die er mit dem Wetter teilte. In seinem Inneren herrschte ein ähnlicher Wellengang wie draußen auf offener See. Das untere Pärchen des Fenstermosaiks gab ihm den Blick auf den Hof des Schlosses frei. Der Wagen Seiner Majestät kam den Weg herauf. In  seiner glänzenden Schwärze stellte er einen harten Kontrast zu dem weißen Pflasterstein dar. Das Automobil hielt an. Der Chauffeur stieg aus.

Sofort entstand Unruhe. Trotz des strömenden Regens hatten sich unzählige Journalisten und deren Fotografen dort unten versammelt, geschützt von einer Flut aus Regenschirmen. Alle glichen sich bis ins kleinste Detail, als gäbe es einen Dresscode für den Regenschutz von Reportern. Ein hässliches Blitzlichtgewitter explodierte vor seinen Augen. Sie waren gierig wie Aasgeier. Hatten in den Schatten gelauert und gewartet. Kein Wunder. Es kam nicht jeden Tag vor, dass ein zum Tode Verurteilter freikam.

Das Atmen fiel ihm schwer. Die stickige Luft strömte nicht tief genug in seine Lungen hinab, um sie ordentlich zu füllen. Der Druck in der Kehle erschwerte ihm das Schlucken. Er griff sich an das golden bestickte Plastron, als der Chauffeur den Regenschirm aufspannte und Dantes zukünftigem Gemahl die Tür aufhielt. Ein Glück, dass man nur seine aus dem Fond schwingenden Beine sah und nicht sein Gesicht. Der Mann bot keinen angenehmen Anblick und erst recht keinen willkommenen. Dante konnte bloß hoffen, dass es einem Attentäter gelang, ihn auf dem Weg vom Wagen bis zum Schloss zu töten. Immerhin gab es genügend Leute, die sich gegen die Aufhebung des Urteils ausgesprochen hatten. Wollte sich nicht einer davon gnädig mit ihm zeigen?

»Setzt Euch doch, mein Lieber«, forderte der König ihn auf und schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, als Dante sich zu ihm umwandte.

Männer und Frauen in seiner Position waren es gewohnt, nicht aus Liebe zu heiraten. Seine Majestät begriff nicht, dass es sich für Dante anfühlte, als käme sein Leben zu einem Ende. Zum Stillstand.

Er tat, wie ihm geheißen, obwohl es in seinen Beinen kribbelte, sobald er auf der Stuhlkante Platz nahm. Er klopfte mit der Schuhspitze auf den Marmor, aber ein scharfer Blick seines Vaters brachte ihn zum Erstarren. Dante verzog das Gesicht zu einer düsteren Grimasse. Dieser Dreckskerl hatte ihn verraten. Verscherbelt, um sich die Truhen zu füllen, die ohnehin wirkten, als könnten sie keine weitere Münze mehr fassen. Vielleicht hatte er noch etwas anderes im Gegenzug für seinen einzigen Sohn erhalten. Dante wusste es nicht.

Den König schien die eisige Stimmung unangenehm zu berühren. Mit erzwungener Heiterkeit ergriff er das Wort: »Es wird sich alles wunderbar fügen, Dante. Ihr werdet sehen. Diese Verbindung ist ein vielversprechendes Arrangement. Sie wird den Namen Colfax in den Augen der Gesellschaft rehabilitieren und auch Euch großes Ansehen einbringen, sobald dies geschehen ist.«

Dante zwang sich zu einem Nicken, aber er bezweifelte es und gab außerdem einen feuchten Dreck auf das große Ansehen durch einen Ehemann. Für sein Ansehen sorgte er selbst.

Sein Vater mischte sich speichelleckend ein: »Wir danken Euch für diese Möglichkeit, Eure Majestät. Dass Ihr meinen Sohn auserwählt habt, ehrt mich.«

Dante fühlte sich nicht geehrt, sondern verdammt. Er wollte sein Leben leben! Wollte sich mit aufregenden Liebhabern herumtreiben, mit seinen Freunden die Nächte durchtrinken und die Tage damit verbringen, Stücke zu komponieren. Ein Gemahl störte dabei gewaltig. Vor allem einer, der gerade aus dem Gefängnis kam.

Colfax war ihm darüber hinaus schon immer unsympathisch gewesen. Nein, nicht einmal unsympathisch, nur gleichgültig. Ein Langweiler, der seinem Vater am Hintern klebte. Einer, der niemals eine Einladung annahm und nie über die Stränge schlug. Einer, der nichts zu bieten hatte und ihn daher weder sexuell noch intellektuell reizte.

Als er erfahren hatte, dass Colfax verhaftet worden war, hatte er es kaum glauben können. Dieser fade Philister sollte drei Menschen ermordet haben? Unfassbar. An dem Abend, an dem sie es durch die Gänge gebrüllt und an jede Tür geklopft hatten, hatte Dante am Flügel gesessen, bei den Neuigkeiten innegehalten und sich die Bilder in Erinnerung gerufen, die in den Zeitungen abgedruckt gewesen waren. Fotografien von Tatorten, von denen man umgehend den Blick nehmen sollte, es aber nicht konnte, weil irgendeine perverse, morbide Ader in einem den Grausamkeiten ins Angesicht gaffen und sich mit der aufkommenden Angst stimulieren wollte.

Sechs Wochen lang hatten die Blauröcke verzweifelt nach dem Täter gesucht, bis jemandem aufgefallen war, dass die Ermordungen in allen Einzelheiten den Verbrechen des Mörders aus Colfax’ brachialem Roman Confession glichen. Bei der Durchsuchung seiner Gemächer fand man schließlich ein paar Habseligkeiten der Opfer. Kleine Trophäen. So unauffällig, dass man sie leicht hätte übersehen können. Eine Glasperle vom Kleid der Ersten, einen Manschettenknopf des Zweiten und ein Haarband des Dritten. Damit war das Schicksal des Mannes besiegelt gewesen.

Zumindest hatte es für drei Jahre danach ausgesehen, doch jetzt war er hier.

Als hätte Dante ihn wie einen Dämon heraufbeschworen, klopfte es an der Tür.

Bleischwer atmend starrte er auf die Tischplatte, während ein Diener seinen zukünftigen Ehemann einließ. Mehrere Leute betraten den Raum, wie er an den Schritten vernahm. Schwere, behäbige vermischten sich mit leichten, kaum hörbaren.

Ein Luftzug drang herein, ehe die Tür wieder zuging. Der Duft von Regen umschmeichelte ihm die Nase. Sein Herzschlag wurde derart laut, dass er die Worte des Königs und seines Vaters übertönte, mit denen sie die Neuankömmlinge begrüßten. Er sagte nichts, sondern starrte auf das Dokument, das auf dem Tisch ruhte. Ganz unten, neben dem venicischen Wappen, befanden sich zwei Striche. Über dem linken hatte Dante bereits seine Unterschrift gesetzt. Die rechte Linie war noch leer.

Sein Vater erhob sich und schüttelte dem alten Colfax die Hand, wie Dante in der Spiegelung des Fensters sah. George Colfax war ein hoch angesehener Politiker und ein Liebling Seiner Majestät, was wohl der einzige Grund dafür war, dass die Verhaftung seines Sohnes ihm karrieretechnisch nicht das Genick gebrochen hatte.

Hinter den beiden alten Männern stand eine dürre Gestalt in einem knielangen Mantel. Albertien Colfax. Mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern. Sie hatten ihn Frettchen genannt. Irgendeiner der Jungs, zu denen ihm nach all den Jahren weder ein Gesicht noch ein Name einfiel, hatte damit angefangen. Eigentlich hatte er Wiesel sagen wollen. Er hatte die Tiere miteinander verwechselt und sie hatten ihn ausgelacht, aber das Frettchen war geblieben.

Auf Anweisung des Königs trat Colfax an den Tisch, an dem Dante saß. Regen tropfte von seinem Mantelsaum zu Boden. Der Mann beugte sich hinab. Schulterlanges, schmutzig blondes, leicht kupfriges Haar fiel ihm ins Gesicht und verdeckte es. Mit behandschuhten Händen griff er nach der Feder, die ein Lakai ihm reichte, und setzte seine krakelige Unterschrift unter den Ehevertrag. Der Mistkerl ruinierte ihm ohne zu zögern das Leben. Dante knirschte mit den Zähnen und würgte den hasserfüllten Protest hinunter, der ihm wie Bromid auf der Zunge lag und seinen Mund schwärzte.

Colfax trat einen Schritt zurück und starrte auf seine nassen Stiefelspitzen.

Seine Majestät schien zufrieden. Er fuhr sich mit der beringten Hand durch die üppigen, dunkelbraunen Locken, ehe er nach seiner Brille griff. Ein Ritual, das vor jedem Unterzeichnen eines Vertrages stattfand. Wie er die Bügel des Gestells hinter den Ohren zurechtbog, wirkte immer furchtbar kompliziert und schwierig, obwohl es eine alltägliche Geste darstellte.

Gleich darauf kratzte eine Federspitze über das Pergament. In schwarzer Tinte erschien auf cremefarbenem Papier der pompöse Name des Königs in ebenso pompöser Schrift und erklärte die Ehe für gültig. Jene Ehe, die Dante nicht haben wollte, und für die er Colfax jeden einzelnen Tag ihres gemeinsamen Lebens büßen lassen würde.

Ein Lächeln erhellte die Miene des Königs. Im selben Moment ging Colfax zu Boden. Er schien schlicht die Kraft einzubüßen, die es ihn offenbar gekostet hatte, sich auf den Beinen zu halten. Er glitt auf den Marmor und schlug sich den Kopf an. Der dumpfe Aufprall ließ Dante zusammenzucken. Instinktiv erhob er sich, doch eilte seinem frisch Angetrauten nicht zu Hilfe. Er stand da und sah zu, wie andere sich aufgeregt um ihn sammelten. Jemand rief nach einem Arzt. Der alte, stämmige Colfax ergriff die Hand seines Sohnes.

Dessen kupferblondes Haar umspülte aufgefächert seinen Kopf wie ein Glorienschein, so konnte Dante nun endlich dieses berüchtigte Gesicht betrachten. Es war hagerer und ausgemergelter als früher. Die Augen lagen tief und dunkel in den Höhlen. Er trug einen Bart, der eine Nuance heller als sein Haar schien. Seine Nase war ungewöhnlich schmal und er besaß immer noch dieselbe unleidige Miene wie seit jeher, doch eine Sache hatte sich unwiderruflich verändert. Die Brandnarbe, die seine linke Gesichtshälfte entstellte. Wulstiges, rötliches Fleisch schlängelte sich über die halbe Stirn sowie seine Schläfe, bedeckte seine Wange und mied die Spitzen des Bartes in einem Halbmond. Es war das Marque du mal. Das Mal des Bösen, das jeder aufgedrückt bekam, der auf venicischem Boden mehr als einen Menschen ermordete. Sie benutzten dazu eine glühend heiße Eisenplatte, die dem Gesicht des Delinquenten angepasst war. Eine Maske aus Feuer, die einem auf die Haut gepresst wurde. Der Henker vollzog diese Tortur in einem schalldichten Raum, aber angeblich hörte man die Verurteilten bis weit über die Gefängnisinsel hinaus schreien. Zumindest so lange, bis sie das Bewusstsein verloren.

 

 

Es war zu viel, der Kontrast zu hart. Drei Jahre hatte er in einer kleinen Kammer verbracht. Das Gitter vor dem einzigen Fenster war so dicht gewesen, dass es das Sonnenlicht fast vollständig ferngehalten hatte. Er konnte von Glück reden, dass die Sonne sich an diesem Tag nicht blicken ließ. Vermutlich würde er erblinden, würden ihre Strahlen jetzt auf ihn fallen.

Alle zwei Monate hatte sein Vater ihn für eine Stunde besuchen dürfen. Dank Seiner Majestät. Anderen Insassen war es streng verboten, Besuch zu empfangen.

Bertie hatte sich jedes Mal zusammengerissen, um seinem Vater nicht noch mehr Sorgen zu bereiten. Um nicht weitere Steine auf dessen Schultern zu laden. Doch die Wahrheit war, dass er die Isolation nur schwer ertragen hatte. Die erzwungene Einsamkeit hatte ihn fast den Verstand gekostet. Er hatte kaum Schlaf oder Ruhe gefunden; hatte angefangen, in der Kammer auf und ab zu gehen; hatte sich weder den Büchern noch dem Schreiben widmen können, weil sein Kopf ständig dröhnte. Manchmal hatte er mehrere Stunden auf dem Stuhl verbracht, den er in eine Ecke des Zimmers gestellt hatte, um das Gefühl, beobachtet zu werden, abzustreifen. Es war jedoch geblieben und hatte ihm ein Kribbeln zwischen den Schulterblättern eingebracht. Ein Prickeln der Panik, das seine Nervenenden zum Surren brachte und ihm die Nackenhaare aufstellte.

Er fühlte es auch jetzt und griff sich mit der Hand in die Mulde zwischen Hals und Schulter, um sie kurz zu drücken. Die Geste vollbrachte es nur, dass ihm ein Schauer den Rücken hinablief. Seine Muskeln zogen sich zusammen, sodass er das Haupt schräg senken musste, bis der Krampf nachließ. Ein Tic, der ihn auf ewig an die Gefangenschaft erinnern würde. Als wäre das Mal des Bösen nicht genug. Die ganze Welt würde ihn fortwährend daran erinnern. Man hielt ihn für schuldig. Daran würde sich nichts ändern, obwohl sie den wahren Täter inzwischen gefasst hatten. In den Köpfen der Leute war sein Gesicht auf alle Zeiten mit den grausamen Morden verbunden, die ein anderer begangen hatte.

Nach der kurzen Unterredung mit dem König hatten sie sich zu viert in jene Gemächer zurückgezogen, die er in Zukunft mit seinem Ehemann und dessen Vater bewohnen sollte. Sie waren im großen Salon geblieben, der dem Zweck diente, formelle Gäste zu begrüßen.

»Damit du mir nicht wieder ohnmächtig wirst«, murmelte George und drückte ihm ein Glas Wasser in die Hand, das er von einem Diener erbeten hatte.

Bertie trank zögerlich. Jeder Schluck schmerzte in der Kehle. Die Stelle an seinem Hinterkopf, die den Boden geküsst hatte, tat ebenfalls weh.

Sein Schwiegervater Nikolai de Medici wandte sich an ihn. »Eure Kleidung befindet sich bereits in den Schränken, Albertien. Euer Vater meinte, Ihr hättet abgenommen, also haben wir sie enger machen lassen. Die Nähte können jederzeit aufgetrennt werden. Immerhin gehe ich davon aus, Eure neugewonnene Freiheit wird Euren Appetit bald wieder fördern.«

Bertie wollte sich bedanken, doch seine Stimmbänder waren es nicht mehr gewohnt, dass er sie benutzte, und ließen sich zu keinem Laut überreden.

Er war der Einzige, der saß. Sein Vater stand dicht neben dem Stuhl und bewachte ihn. Nikolai hatte vor dem kalten Kamin Position bezogen. Er war ein großer, sehniger Mann mit schwarzem Haar und dunklen Augen. Obwohl nicht die Andeutung eines grausamen Zuges in seinem Gesicht lag, hatte er etwas Einschüchterndes an sich. Die Ernsthaftigkeit seiner Miene ließ ihn wissen, dass der Mann seine Verpflichtungen vor alles andere stellte.

»Ich möchte noch einmal wiederholen, was Seine Majestät von uns erwartet«, fuhr Nikolai fort. »Diese Verbindung darf in den Augen der Öffentlichkeit einer Liebesheirat um nichts nachstehen.«

Dante de Medici, seit wenigen Minuten zu seinem Ehemann degradiert, stieß in einem freudlosen Lachen Luft aus.

Bertie starrte in sein Glas und fühlte sich schuldig, obwohl diese Ränke ohne sein Zutun geschmiedet worden waren. Dennoch. Niemand hatte es verdient, ihn ehelichen zu müssen. Am allerwenigsten Dante de Medici, der vor fünf Jahren mit kaum Neunzehn zum Dirigenten des königlichen Orchesters ernannt worden war, der weiterhin eine vielversprechende Karriere vor sich hatte und der … Bertie hob den Kopf eine Winzigkeit, um Dante aus dem Augenwinkel zu betrachten und den Satz zu vervollständigen. Der so schön war, dass er aussah, als hätte Elbert Cantrell ihn eigenhändig aus Alabaster gehauen.

Widerwillig erinnerte er sich an eine Fotografie, die in der Zeitung abgedruckt gewesen war. Dante de Medici, der nicht in die Kamera, sondern in die Ferne blickte. Der Wind fuhr ihm durchs Haar. Sein markanter Kiefer kam gut zur Geltung. Er war so glatt rasiert, dass es unnatürlich wirkte. Seine vollen Lippen zeigten nicht den Hauch eines Lächelns und waren trotzdem – oder genau aus dem Grund – unglaublich ausdrucksstark. Er hatte geglaubt, das Bild sei furchtbar gestellt, doch er hatte sich geirrt. Dante hatte sich in den letzten drei Jahren tatsächlich zu einem außergewöhnlich attraktiven Mann entwickelt.

»Es dürfen in einem Betrachter keine Zweifel daran aufkommen, dass ihr euch aufrichtig zueinander hingezogen fühlt«, schärfte Nikolai ihnen ein. »Es wird keine offen ausgetragenen Streitigkeiten geben und keine Affären.« Er streifte seinen Sohn mit einem Blick. »Haben wir uns verstanden?«

Dante, der inzwischen angeblich nicht nur für sein Talent, sondern auch für seine zahlreichen Bewunderer und Liebhaber bekannt war, knirschte sichtbar mit den Zähnen. »Diese Unterhaltung ist lächerlich. Wir sind beide Mitte zwanzig und sollen jetzt vor unseren Vätern unser Sexleben diskutieren.«

Nikolai legte die Stirn in Falten. »Du sollst nicht diskutieren, sondern zustimmend nicken und dich an die Abmachungen halten. Aber nachdem du derart unwillig bist, ist es vielleicht besser, wenn du deine gesellschaftlichen Aktivitäten vorerst einschränkst. Immerhin soll es einem Verführer nicht allzu leicht fallen, dich zum Regelbruch zu animieren.«

»Was willst du damit andeuten?«

»Das weißt du sehr genau«, knurrte Nikolai. Seine Stimmung war umgeschlagen und eine merkwürdige Feindseligkeit lag in seinem Tonfall.

George trat einen Schritt vor und unterstrich somit sein Eingreifen: »Es wird gewiss nicht nötig sein, dem Jungen die Sozialkontakte zu verbieten, Nikolai. Sie werden genug damit zu tun haben, sich aneinander zu gewöhnen. Da müssen wir es ihnen nicht noch schwerer machen.«

Dantes Gesicht wirkte, als würde er gleich die Zähne fletschen. »Man zwingt mich in diese aberwitzige Ehe und jetzt ist auch noch vom Verbieten meiner Sozialkontakte die Rede?« Sein glühender Blick fiel auf Bertie. »Habt Ihr gar nichts dazu zu sagen?«

Bertie erwiderte das Starren mit einer Kühnheit, die den anderen zu überraschen schien. »Erwecke ich den Anschein?« Seine Stimme klang nicht nur unbeabsichtigt gehässig, sondern auch schrecklich rau. Er rieb sich die schmerzende Kehle. Das Leder seiner Handschuhe war kühl.

Trotzig reckte Dante das Kinn und verzog angewidert den Mund, bevor er das Thema mit einer wegwerfenden Handbewegung fallen ließ. »Können wir essen? Ich will den Tag hinter mich bringen.«

Der Butler trat vor. »Das Dinner kann jederzeit serviert werden«, murmelte er und neigte steif das ergraute Haupt.

Nikolai seufzte ergeben und führte sie in ein geschmackvoll eingerichtetes Esszimmer. Ein Tisch aus dunklem, massivem Holz dominierte den Raum und sammelte sechs Stühle um sich. An zwei Wänden befanden sich Fenster, von grauen Vorhängen umrahmt. Eine schmale Vitrine beherbergte eine irrsinnig große Ansammlung von Gläsern und an der Wand gegenüber hingen drei vergrößerte Fotografien. Bertie nahm Platz und studierte sie eindringlicher. Das linke Bild zeigte Dante, wie er mit dem Rücken zum Betrachter im Orchestergraben stand und den Taktstock schwang. Das rechte war eine Aufnahme von Dante auf der Bühne, wie er sich nach einer Verbeugung mit ausgebreiteten Armen und einem strahlenden Lächeln im Gesicht dem Publikum präsentierte. Das Foto in der Mitte musste vor kurzem ausgetauscht worden sein. An dessen Stelle hatte sich definitiv ein größerer Rahmen befunden, wie die Färbung der Tapete zeigte. Nun hing ein Bild von Dante und dessen Vater dort. Beide wirkten nicht besonders glücklich. Ihre Lippen formten höchstens die Andeutung eines Schmunzelns und auch das nur, wenn man es sich einreden wollte. Nikolai saß auf einem rot gepolsterten Sessel, die Beine überschlagen, der Oberkörper angespannt. Dante stand hinter ihm und legte beide Hände auf die Rückenlehne. Ein Familienporträt, aber jemand fehlte. Dantes Mutter.

Sein Vater hatte ihm erzählt, dass Nikolai vor fast zwei Jahren eine Scheidung erwirkt hatte, aber er hatte keinen Grund genannt. Des Weiteren hatte er ihm geraten, die Angelegenheit mit keinem Wort zu erwähnen. Bertie hatte ihm versichert, dass er ohnehin kein Interesse daran hatte. Weder an seinem Ehemann noch an dessen Familiengeschichte.

Ein livrierter Diener schob einen Servierwagen herein und eine Frau mittleren Alters verteilte geschäftig die Suppe. Dampf stieg von den Schüsseln auf. Der Inhalt war überraschend weiß und mit ein paar Röhrchen saftig grünen Schnittlauchs dekoriert. Bertie probierte einen Löffel und schmeckte Kartoffeln, Lauch und vor allem reichlich Rahm. Seiner Ansicht nach fehlte etwas Salz, doch er griff nicht nach dem Streuer, um keine Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass er die Handschuhe nicht einmal zum Essen ablegte. Fast bedächtig aß er die Vorspeise und blickte unverwandt auf die Tischdecke, anstatt in das Gesicht seines Ehemannes, der neben ihm saß und ihn offen anstarrte.

Ihm stellten sich die Nackenhaare auf und das unangenehme Prickeln kehrte zurück. Er legte den Kopf schräg und wartete innerlich fluchend den Schauer ab. Er würde sich daran gewöhnen müssen, dass Dante und andere ihn angafften. Das Marque du mal machte ihn ja wahrhaftig zu einer schauderhaften Attraktion. Aufsässig hob er das Haupt und starrte zurück. Dantes Augen wurden schmal. Hass war ein gewichtiges, dunkles Wort, vor dessen Benutzung manche Leute zurückschreckten, doch das Feuer, das ihm aus Dantes Blick entgegenschlug, konnte man nur als Hass bezeichnen.

Sie kämpften um den Triumph, dass sich der jeweils andere zuerst abwandte, doch keiner von ihnen gab nach. Flüssige Hitze stieg ihm den Magen empor, füllte seine Brust und kroch seinen Hals hoch. Er hoffte inständig, dass seine heile Wange sich nicht rötete.

Ihr stummes Kräftemessen fand ein jähes Ende, als der Servierwagen gegen den Türrahmen polterte und sich der Diener vielmals entschuldigte. Die Servierdame schalt ihn leise, bevor sie die leeren Suppenschüsseln abräumte und durch den Hauptgang ersetzte. Rinderfilet in Rotwein, das von ein paar Scheiben kross gebackenem Brot mit Knoblauchbutter begleitet wurde.

Behutsam schnitt er in das butterzarte Fleisch und schob sich ein Stück in den Mund, obwohl er keinen Appetit hatte. Den Wein erkannte er auf der Zunge als Somersetish Blue. Seiner Meinung nach zu kostspielig, um damit zu kochen. Dekadent, wie es zu den De Medicis passte.

Unwillkürlich kamen ihm die Reporter in den Sinn, die ihm aufgelauert hatten, sobald die Gefängnisinsel hinter ihm lag. War das ein Blick in seine Zukunft gewesen? Würden sie ihn weiterhin verfolgen? Sich ihm aufdrängen und ihm das Gefühl geben, immer noch eingesperrt zu sein? Was er ja auch war. Hier war er nicht willkommen – was gar einer Untertreibung gleichkam – und dort draußen warteten die Aasgeier darauf, ihm die Augen auszupicken.

Sie hatten das kommen sehen, sein Vater und der König. Deshalb hatten sie den Entschluss gefasst, ihn zu verheiraten. Die Worte seines Vaters hallten ihm durch den Schädel. Es war ihm bitterernst gewesen, was Bertie unter anderem daran erkannt hatte, dass sein voller Vorname gefallen war. Dort wird es dir an nichts fehlen, Albertien. Du kannst dich ganz auf deine Romane konzentrieren. Der junge De Medici wird dich gewiss nicht behelligen und in Sacré-Cœur bist du sicher. Auf zweierlei Weise. Zum einen können die Journalisten nicht zu dir vordringen und zum anderen weiß ständig eine Palastwache, wo du dich aufhältst. Somit kann sich die Geschichte nicht wiederholen.

Jene, in der ihn alle Welt für einen Mörder hielt.

Nicht zu vergessen, dass die respektable Verbindung den Namen Colfax reinwaschen würde. Die Leute würden seine Unschuld schneller akzeptieren, wenn der König es tat. Und wie könnte er das besser zeigen, als damit, ihn mit einem seiner Favoriten zu verheiraten? Mit seinem liebsten Dirigenten, der für seine musikalischen Errungenschaften zum Ehrenlord erhoben worden war.

Schweigen breitete sich aus, aber der Regen prasselte weiter gegen die Fenster und Besteck traf vornehm leise auf teures Geschirr, sodass es nicht komplett still wurde. Irgendwann gaben sich ihre Väter auch wieder Mühe, ein Gespräch aufzunehmen, das allerdings nur schleppend vonstattenging.

Bertie konzentrierte sich auf das Ticken der Standuhr, die sich neben der Tür zur Küche befand. Sobald er die Hauptspeise zur Hälfte verzehrt hatte, legte er Messer und Gabel beiseite. Er brachte keinen Bissen mehr hinunter. Er hatte derart langsam gegessen, dass die anderen vor ihm fertig waren und im Gegensatz zu ihm leere Teller hinterließen. Er trank einen Schluck Wasser und betrachtete seine Linke. Kein Ring zierte seine Finger. Weder über noch unter dem Handschuh. Er dachte an jene zwanzig Tage vor vielen Jahren, in denen er einen Ring getragen hatte, und würgte an dem Kloß im Hals. Seither war ein ganzes, kümmerliches Leben an ihm vorübergezogen. Zu Scherben zersplittert und wie Sand durch seine Finger geronnen. Er fühlte sich wie ein alter Mann, der außer dem Tod nichts mehr zu erwarten hatte.

Er hatte es nicht gewagt, diesen selbst herbeizuführen. Zwar hatte er oft genug daran gedacht und sinniert, wie er es anstellen würde, aber der Gedanke an seinen Vater hatte ihn davon abgehalten, einen der unzähligen Pläne in die Tat umzusetzen. Das durfte er dem alten Mann nicht antun. George hatte viel durchlitten und das meiste davon war Berties Schuld. Wie könnte er da einen Dolch in seines Vaters Herz stoßen, indem er seines zum Stoppen brachte?

Er zuckte zusammen, als die Stimme einer ältlichen Frau den Raum füllte. Sie war stämmig und hatte gerötete Pausbacken, die zu den weißen Krauslocken auf ihrem Kopf passten »Ich weiß, dass es hieß, alles solle ganz schlicht sein, aber ich habe mir die Freiheit herausgenommen, eine Hochzeitstorte zu backen«, erklärte die Köchin mit einem Lächeln auf den Lippen und platzierte ihr Werk auf dem Tisch. Eine stilechte, traditionell venicische Kreation aus fluffigen Windbeuteln, die zu einer Pyramide aufgetürmt waren. Flüssiges Karamell schlängelte sich durch die Ritzen und einige rote Rosenköpfe sorgten für Farbe. Zwei Buchstaben aus zartem Goldpapier – A und D – prangten an der Seite. »Ich dachte, wenn schon keine Feierlichkeiten stattfinden, muss es wenigstens eine Leckerei geben.«

Alle starrten mit scheinbar zwiespältigen Regungen auf das Backwerk. Niemand sagte etwas und das Strahlen auf dem gütigen Gesicht der Köchin wurde gedämpft. Es drohte gar, völlig in enttäuschter Dunkelheit zu verschwinden, bis Bertie heiser das Wort ergriff, um das zu verhindern. »Ein Kunstwerk, Madam. Ich habe lange nichts derart Schönes gesehen. Ich danke Euch für die Überraschung.«

Ihr warmer, fast mütterlicher Blick traf auf den seinen, was ein flüchtiges Licht in den Schatten warf, der auf seiner Seele lastete. »Sehr gern geschehen.«

Auch Nikolai und George brachten ein paar Komplimente vor und die Köchin begab sich zufrieden zurück in die Küche.

Der Butler höchstpersönlich füllte vier Dessertteller mit Windbeuteln. Bertie erhob sich halb und griff nach dem verschnörkelten A aus Goldpapier, um es sorgsam neben sein Gedeck zu legen. Er wusste nicht, weshalb, doch er wollte es behalten. Dante schnaubte verächtlich in seine Richtung, was er ignorierte.

Er biss in den Windbeutel, der mit Schokolade gefüllt war, und wurde von der Süße überwältigt. In Gefangenschaft hatte es zum Frühstück täglich zwei Scheiben dunkles Brot, Käse und warme Milch gegeben. Das Abendessen hatte meist aus klarer Suppe mit Einlage bestanden, der ein Fleischgericht folgte. Von allem ausreichend, um satt zu werden, doch jeglicher Gaumenfreude entbehrt. Er hatte seit drei Jahren nichts Süßes mehr gegessen. Ihm wurde übel, aber es war keine schlechte Art von Übelkeit, so verspeiste er auch noch den zweiten Windbeutel, der ihm aufgetischt worden war. Sie waren köstlich.

»Iss nur, Bertie«, meinte George mit funkelnden Augen. »Deine Rippen haben die Polsterung dringend nötig.«

 

 

»Unser Gemach«, knurrte Dante und hielt Colfax in spöttischer Galanterie die Tür auf, um sie hinter ihm in die Angeln zu donnern. Der Knall hallte hoffentlich durch das gesamte Apartment und dröhnte seinem verdammten Vater in den Ohren. Seinetwegen sollte er taub werden! Bei all den Streitigkeiten, die sie in den letzten Jahren miteinander ausgefochten hatten, müsse man meinen, der Hörsinn sei ihm längst abhandengekommen. Aber offenbar hatte Dante sich nicht genug Mühe gegeben.

»Bertie«, grunzte er verächtlich. »Woher kommt diese Dämlichkeit?«

»Mein Vater wollte mich Bertrand taufen, meine Mutter bestand auf Albertien. Wie Ihr Euch denken könnt, hat sie sich durchgesetzt«, erklärte Colfax mit seiner typisch rauen Stimme und sah sich um, ohne besonders neugierig zu wirken.

Dante folgte seinem dunklen Blick durch den riesigen, länglichen Raum, als hätte er ihn nie zuvor gesehen. Zu seiner Rechten befand sich der Erker, in dem ein schwarz glänzender Flügel von Lieberman & Sons thronte. An der Wand ihm gegenüber reihten sich sechs Fenster aneinander, zwischen zweien stand das Himmelbett und zwischen zwei anderen der Kamin mit zwei Polstersesseln und einem kleinen Sofa. Links hinter einem Paravent gab es eine gewaltige Schrankwand, die lediglich von der Tür zum Badezimmer unterbrochen wurde.

Die fensterlose Wand, die an den Flur anschloss, war über und über von Büchern bedeckt. Kein einziges davon gehörte Dante. Der alte Colfax hatte sie für seinen Sohn herschaffen lassen. Dante war nicht gefragt worden, ob es ihm gefiel, sich bei jedem Aufwachen zu fühlen, als würden ihn Berge von muffigem Papier erschlagen. Aber er war ja auch nicht gefragt worden, ob er jeden Morgen in dieses abstoßende Gesicht blicken wollte. Bei allen Göttern, er hatte noch nie derart schlecht verheilte Narben gesehen. Albertien Colfax war ein Monster.

Colfax betrachtete den Arbeitstisch mit der Schreibmaschine und den vielen Notizbüchern darauf.

»Euer Vater hat das alles für Euch hergebracht«, erläuterte Dante, obwohl der andere sich das gewiss denken konnte.

Mit pikierter Miene zupfte Colfax ein paar Fräcke von seinem Schreibtischstuhl und warf sie auf den Lehnsessel vor dem Kamin. »Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr es in Zukunft vermeiden könntet, Eure Kleidung auf meinem Arbeitsplatz zu deponieren.«

»Ich wäre auch für vieles dankbar dieser Tage«, spuckte Dante zurück und war versucht, das weiter auszuführen, mit Gemeinheiten auszuschmücken und Colfax ins Gesicht zu sagen, für wie hässlich er dieses hielt. Er ließ es bleiben, da Colfax sich im nächsten Moment seines Jacketts entledigte.

Dantes Zunge schnellte vor, um seine Lippen zu befeuchten, bevor er es dem anderen gleichtat und aus der Anzugjacke schlüpfte.

Währenddessen behielt er seinen Ehemann im Auge und kämpfte gegen eine Welle aus Mitgefühl. Colfax war immer schon schlank gewesen und hatte nicht mal am Hintern ansprechende Rundungen vorzuweisen gehabt, doch jetzt war er schlichtweg abgemagert. Das Hemd wallte um seinen Oberkörper wie ein Nachthemd und die Hosen würden ihm ohne Gürtel gewiss von den dürren Beinen gleiten.

»Wir haben im Übrigen einen Balkon mit wunderbarer Aussicht«, meinte Dante ohne bestimmten Grund und blickte zu besagtem Balkon, der mit Blumen geschmückt war. Efeu rankte an Säulen aus weißem Stein empor. »Mein Vater hat ihn nur für Euch aufbessern lassen. Wenn Ihr nicht anderweitig mein Leben zerstört hättet, müsste ich Euch dafür danken.«

Colfax ließ sich nicht dazu herab, ihm zu antworten. Verfluchter Scheißkerl. Er amüsierte sich vermutlich über Dantes Zorn. Natürlich tat er das. Für ihn war diese lächerliche Ehe ein wahrgewordener Traum. Wie könnte sie das nicht sein? Sozialer Aufstieg, Rehabilitation seines Namens und ein Ehemann von Dantes Kaliber, obwohl Colfax nicht annähernd in seiner Liga spielte. Nicht einmal ohne diese scheußliche, ekelhafte Narbe täte er das. Dante war sich sicher, dass Colfax ausdrücklich um eine Ehe mit ihm gebeten hatte. Es würde ihn nicht wundern, wenn der Kerl seit Ewigkeiten in ihn verliebt war und nun die Chance genutzt hätte, ihn an sich zu ketten.

Mit einem Knurren legte er eine Platte auf. »Ich höre immer Musik. Auch beim Einschlafen. Ist das ein Problem für Euch?«

»Ändert meine Antwort etwas?«

Dante dachte kurz darüber nach. »Ich habe nicht die Absicht, diese Angewohnheit abzustellen, nein.«

Colfax erwiderte nichts und Dante setzte die Nadel auf. Luciens Stimme füllte den Raum, begleitet von sanften Klaviertönen, die Dante selbst dem Flügel entlockt hatte.

Ohne weitere Umschweife knöpfte er sein Hemd auf. Er wollte nicht nur den Tag, sondern auch die Hochzeitsnacht hinter sich bringen. Immerhin hegte er keinerlei Erwartung dahingehend, dass sie genießbar oder angenehm werden würde. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Colfax nennenswerte Qualitäten als Liebhaber besaß. Drei Jahre Abstinenz hatten ihn zudem vermutlich ungeduldig gemacht. Wahrscheinlich ging es zügig vorüber, was ihm nur recht war.

Luciens Gesang schwoll an und zu den Klängen des Klaviers gesellten sich die Geiger und Cellisten sowie der Schlagwerker. Sie trieben das Lied auf den Höhepunkt zu. Dante streifte sich das Hemd ab. Er stand immer noch mit dem Rücken zu Colfax. Luciens gesungene Worte und sein eigenes Hämmern auf den Flügel wechselten sich ab. Er ließ die Töne lang werden, dehnte sie aus und brachte das Publikum zum Toben. Sie liebten es, wenn er das tat. In manchen Nächten erstarrten sie vor Ehrfurcht und im Saal war es vollkommen still. In dieser waren die Leute laut geworden, klatschten und johlten. Es war der letzte Part der Vorführung gewesen. Sie feierten die Premiere einer Oper. Dante hatte den Dirigentenstab zeitweise durch den Flügel ersetzt, um einige seiner Kompositionen selbst zu präsentieren, anstatt nur den Takt anzugeben.

»Was ist das für ein Stück?«, fragte Colfax leise.

»Mai abbastanza. Niemals genug«, sagte Dante, während er in den Regen starrte. »Es stammt aus einer Oper, die ich komponiert habe. Mein Freund Vincent Motley hat den Text geschrieben und ein anderer Freund hat diesen Part gesungen. Lucien Robespierre.« Er dachte an ihn und daran, wie heftig er dessen intime Zuwendung vermissen würde. Sie waren nicht ineinander verliebt, doch ihre Körper verstanden sich ausgezeichnet zwischen den Laken. Die Chemie stimmte, wie man so schön sagte. Nun durfte er nie wieder ein Bett mit Lucien teilen. Auch mit keinem anderen, denn das würde bedeuten, den König zu enttäuschen. Was wiederum Konsequenzen ungeheuerlichen Ausmaßes nach sich zöge. Dante würde seinen Platz als Dirigent verlieren. Man würde ihm die Leitung des königlichen Orchesters entziehen und vielleicht sogar dafür sorgen, dass in ganz Venice nie wieder eines seiner Stücke gespielt wurde. Eiseskälte erfasste ihn und eine unsichtbare Schlinge legte sich um seinen Hals. Wie passend. Sollte er die Musik verlieren, könnte er sich nämlich gleich aufknüpfen. Darum durfte er es nicht so weit kommen lassen und musste sich in Treue üben. Darin brillieren!

Entschlossen wandte er sich seinem unerwünschten Ehemann zu und machte den Mund auf, um etwas zu sagen, doch er stockte. Colfax hatte außer dem Jackett nichts weiter ausgezogen. Er saß nicht mal auf dem Bett. Stattdessen hatte er sich eine Zigarette angezündet, ein Buch aus den übervollen Regalen geholt und vor dem kalten Kamin Stellung bezogen. Die Ellbogen auf die Oberschenkel gestützt, hockte er vorn übergebeugt da und las in dem dicken Wälzer. Er schien völlig versunken darin, trug immer noch seine Handschuhe und warf ihm nicht einmal einen flüchtigen Blick zu, obwohl Dante ohne Hemd dastand. Ein Anblick, den andere Männer für gewöhnlich recht fesselnd fanden.

Mit Erstaunen und noch mehr Verwirrung begriff er, dass sie nicht miteinander schlafen würden. Gewiss könnte ein Beobachter meinen, dass sie die Sache bloß weiter in die Nacht hinein verschoben, doch Dante wusste es besser. Irgendetwas an Colfax’ Haltung sagte ihm, dass der Mann kein Interesse daran hatte, die Ehe zu vollziehen. Zumindest nicht heute Nacht. Zu seiner Irritation gesellte sich ein Hauch von Wut. Nein, nicht bloß ein Hauch, sondern ein ganzer Sturm, der in seinem Inneren tobte. Was bildete der Mistkerl sich ein, ihm eine Abfuhr zu erteilen? Zornig stürmte er ins Badezimmer. Zum zweiten Mal an diesem Abend knallte er eine Tür lautstark in den Rahmen zurück. Wieder nahm niemand Notiz davon.

 

Kapitel 2

 

Dante hämmerte auf die Tasten des Flügels ein, dass ihm Schweiß auf der Stirn stand und jeder Muskel seines Körpers vor Anstrengung zitterte. Die Musik dröhnte gewaltsam durch den leeren Opernsaal. Die roten Stühle im Zuschauerraum konnten gut fünfhundert Leute beherbergen. In den Logen fanden weitere fünf- oder sechshundert Menschen Platz, je nachdem, wie eng sie sich zusammendrängen wollten. Meist brachten sie das Opfer gern und füllten den Saal mit der Hitze ihres Atems und ihrer kostspielig gekleideten Körper, um dem königlichen Orchester zu lauschen.

Der Orchestergraben bot Raum für fast sechzig Musiker, obwohl der Graben jetzt gerade nicht vorhanden war. Mit Hilfe einer Hebemechanik konnte man ihn auf Höhe der Bühne anheben, was man getan hatte. Nachdem sie drei Monate lang wöchentlich Cadeta aufgeführt hatten – eine Oper gewaltigen Ausmaßes, die sich um verratene Liebe, Verderben und Tod drehte und jeden Zuschauer zu stehendem Beifall getrieben hatte – waren ein paar kleinere, rein instrumentale Orchesterdarbietungen geplant. Dafür brauchten sie keinen Graben.

Dante warf einen feindseligen Blick auf das Kernstück des Saals. Die königliche Loge auf der Höhe des zweiten Ranges, die von einer halben Kuppel überdacht war. Dort würde Seine verdammte Majestät bald erneut sitzen, um sich zu amüsieren, wie ein Wilder zu applaudieren und ihm danach zu dem gelungenen Auftritt zu gratulieren. Der König hatte einen Narren an ihm gefressen. Aber der war nicht sättigend genug gewesen, um ihn davon abzuhalten, ihn an dieses Scheusal namens Colfax zu verscherbeln.

Grimmig drosch er auf die Tasten ein, bevor er kurz den Druck herausnahm und die Töne nur mehr sanft erklingen ließ. Sein Fuß drückte das Pianopedal, um sein Spiel leiser und zarter zu machen. Mit geschlossenen Augen streichelte er den Flügel wie einen Geliebten, liebkoste die elfenbeinerne Klaviatur.

Er lehnte sich vor, kam wieder zu Atem. Sein Tempo steigerte sich, die Anschläge gewannen erneut an Kraft. Er nahm den Fuß vom linken und spielte mit dem mittleren, dem Sostenuto-Pedal. Mit dessen Hilfe hielt er vereinzelte Töne und ließ sie länger nachklingen als den Rest.

Schließlich gab er die Zurückhaltung gänzlich auf und betätigte in geschickter Manier das Fortepedal, was alle Filzdämpfer zugleich von den Seiten hob. Der gesamte Saal füllte sich mit Musik.

Dante hörte ihn, bevor er ihn sah. Luciens Tenorstimme drang zu ihm vor.

»Oh Corrado, dreh dich um! Sie braucht dich so sehr!«

Er öffnete die Augen und sah seinen Freund zwischen den Sitzreihen im Zuschauerraum. Weißes Hemd, schwarze Anzughose und ein Strahlen auf dem Gesicht, das nur die Musik auslösen konnte.

In einer dramatischen Geste hob Lucien den Arm. »Wie kannst du jetzt gehen, liebst du sie denn nicht mehr?« Er spielte mit den Noten, zog sie, dehnte sie, unterwarf sie seinem Willen.

Dante legte mehr Leidenschaft in sein Spiel. Er wollte Luciens Performance um nichts nachstehen, obwohl sie kein Publikum hatten.

»Siehst du es nicht, Corrado, siehst du es nicht? Ihre Augen lügen nicht!« Lucien kam näher, seine Miene von Trauer verzerrt. Er tanzte zwischen den Stühlen und warf sich in die Brust. Noch einmal streckte er die Hände nach einem nicht vorhandenen Corrado aus. »Da liegen nur Schmerz und die Liebe zu dir, nicht ein Hauch von Betrug, doch es ist dir niemals genug, niemals genug!« Dann ließ er die Schultern sinken, während Dante die Tasten nur noch zärtlich anschlug, und wechselte die Tonlage. Lucien Robespierre war nicht nur der beste Tenor des Orchesters, sondern auch ihr einziger Kontratenor. Ohne merkliche Anstrengung zwang er seine Stimme zu einem wohlklingenden Sopran. »Mai abbastanza, mai abbastanza.« Seine Arme breiteten sich aus und sein Kopf sackte in den Nacken, als stünde er an der Reling eines Schiffes und ließe sich die Gischt entgegenschlagen. »Non è mai abbastanza per te.« Er hielt den Ton für einige Herzschläge, bis er verstummte.

Dante setzte zu den letzten Klängen des Liedes an, ließ sie verhallen und sank mit der Stirn gegen den Flügel. Statt dem üblichen Applaus trat Stille ein. Irgendwie antiklimaktisch, sollte man meinen, aber er genoss die seltene Ruhe.

Leichtfüßige Schritte erklangen auf dem Holzboden, als Lucien die letzte Distanz zwischen ihnen überwand. »Ich hasse es, wenn Corrado dann trotzdem die Bühne verlässt. Sollten meine Verzweiflung und mein Gesang ihn nicht daran hindern? Oder die Liebe zu Francesca?«

Dante zuckte mit den Schultern. Er war unfähig, sich aufzurichten. Sein Atem ließ den schwarzen Lack beschlagen. Direkt über dem goldenen Schriftzug, der den Flügel dem berühmtesten venicischen Klavierbauer zuordnete. Caprice.

Neben ihm ging Lucien in die Hocke. »Deiner Haltung entnehme ich, dass die Hochzeitsnacht nicht besonders erquickend war.«

Warum musste er jetzt schwer schlucken? »Es hat gar keine gegeben.«

Lucien brauchte scheinbar einen Moment, um zu begreifen. Ein kleines Lachen entrang sich ihm. »Der für seine sinnlichen Ausschweifungen berüchtigte Dante de Medici hatte in seiner Hochzeitsnacht keinen Sex?! Himmel! Dass die Sonne heute Morgen überhaupt aufgegangen ist, ist mir unbegreiflich.«

»Wirklich sehr witzig«, brummte Dante und zwang sich, sich ordentlich hinzusetzen. »Er ist nicht mal ins Bett gekommen.«

Das Lächeln auf Luciens Lippen verschwand, doch in seinen blauen Augen funkelte weiterhin Belustigung. »Wo hat er dann geschlafen? Auf dem Bettvorleger? Wie ein Hund?«

»Auf einem Stuhl vor dem Kamin«, korrigierte Dante. Als er heute Morgen aufgewacht war, hatte Colfax zusammengesunken in dem Sessel gehangen, das Buch auf dem Schoß, die immer noch behandschuhten Hände leblos herabhängend, das Gesicht der Sonne zugewandt. Bei allen Göttern, diese Narbe …

Als hätte Lucien seine Gedanken erraten, fragte er: »Wie sieht er jetzt aus? Immer noch wie ein Frettchen?«

»Schlimmer. Er ist noch dürrer als früher. Und das Marque du mal ist …«

»Ziemlich abschreckend, vermute ich. Ich habe noch nie eines gesehen.«

»Wer hat das schon?«, konterte Dante. »Immerhin bleiben die Verurteilten für gewöhnlich im Gefängnis, wenn man sie einmal dorthin verfrachtet hat.« Er raufte sich das Haar und stöhnte. »Es ist sogar tausendmal schlimmer, als du es dir vorstellen kannst. Wenn er einen geradewegs ansieht, mag es irgendwie zu verkraften sein, aber wenn du nur jene Seite mit den Narben betrachtest, ist es unerträglich. Abstoßend. Abscheuerregend. Dazu kommt, dass er ja schon zuvor kein attraktiver Mann gewesen ist. Diese eingesunkenen, schwarzen Augen, die schmalen Brauen, die knochige Nase. Seine dünnen Lippen umgeben von einem abgrundtief hässlichen Bart, den er aus unerfindlichen Gründen stehen lässt.«

»Ich hab’s kapiert, Dante«, grinste Lucien. »Es ist keine große Überraschung. Colfax ist nicht deine Kragenweite. Das wussten wir bereits.«

Dante starrte ins Leere und umschloss die Finger der einen Hand mit der anderen. »Bertie«, knurrte er geringschätzig und mit Zorn in der Brust. »Sein Vater nennt ihn Bertie. Ein Kosename für ein Monster.«

»Nun ja, sein Vater sieht in ihm gewiss kein Monster.«

Zähneknirschend sagte Dante: »Dann ist der alte Colfax der einzige Mensch im ganzen Königreich, der die Realität zu verzerren vermag.«

»Vielleicht gewöhnst du dich daran«, meinte Lucien spöttisch.

»Niemals«, flüsterte Dante und rieb sich mit den Handballen die Augen, als könnte er damit die Erinnerung an dieses widerwärtige Gesicht vertreiben. Doch jene albtraumhaften Züge hatten sich in seine Bindehaut gebrannt.

 

 

Bertie wusste jetzt, warum er das A aus Goldpapier behalten hatte. Es ging nicht darum, dass es die Initiale seines Vornamens war. Es ging darum, dass sich auf der Torte zwei Exemplare jenes Buchstabens befinden hätten müssen. Auf jener Torte, die es nie gegeben hatte.

Angespannt ging er zwischen Kamin und Schreibtisch auf und ab. Er sammelte seinen Mut, den er jedoch erst einmal aus den düsteren Ecken hervorlocken musste, in denen er sich verkrochen hatte. Unzählige Male hatte er die Narben berührt; hatte bei seiner blinden Rasur darauf geachtet, sie nicht zu verletzen; hatte die Handfläche auf das zerstörte Gewebe gelegt und bei allen Göttern um Gnade gewinselt. Aber er hatte sich seit drei Jahren nicht mehr im Spiegel gesehen. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, sich der Wahrheit zu stellen. Er musste wissen, wie er aussah, wenn er nun so vielen neugierigen Blicken ausgeliefert war. Er musste wissen, was die Leute sahen, wenn sie ihm mit geweiteten Augen begegneten.

Die Angst vor der Antwort hielt ihn nicht davon ab, zum zweiten Mal an diesem Tag ins Badezimmer zu gehen. Beim ersten Mal hatte er den Spiegel über dem Waschtisch gemieden. Seine Schritte waren trotz aller Entschlossenheit zaghaft. Mit klopfendem Herzen stellte er sich davor, den Kopf gesenkt. Regungslos starrte er auf das Porzellan des Waschbeckens. Sein Atem ging unnatürlich laut und er fluchte innerlich über seine verweichlichte Reaktion. War er denn kein Mann? Doch. Und um sich zu beweisen, dass er einer war, hob er das Haupt und begegnete einem stechenden Blick. Mit aller Macht hinderte er sich daran, vor seinem Antlitz zurückzuschrecken. Die Luft blieb ihm weg und sein Herz stolperte für ein paar Schläge, konnte sich kaum fangen.

Er war ein Scheusal. Die Narben waren abscheulich, ließen ihn niederträchtig wirken und brachten ihm Übelkeit ein.

Hitze stieg ihm in die Augen und er bemerkte, dass seine Lippen zitterten. Er konnte sie nicht aufhalten. Ihr Beben entzog sich seiner Kontrolle. Mit behandschuhten Händen klammerte er sich an das Waschbecken. Sein Körper erschauderte, seine Stirn legte sich in Falten und ein Schluchzen entrang sich ihm. Brennende Tränen liefen seine Wangen hinab. Er erbrach etwas Magensäure in das weiße Porzellan und sank zu Boden. Mit dem Rücken gegen den Waschtisch gelehnt und mit angewinkelten Beinen nahm er die Hände vors Gesicht. Vor jenes scheußliche Gesicht, das für jedes Gegenüber eine Zumutung war. Wer könnte ihn jemals wieder ansehen, ohne sich angewidert zu fühlen? Ohne sich im Stillen zu fragen, ob er sich der Verbrechen nicht doch schuldig gemacht hatte, denen er das Mal des Bösen zu verdanken hatte? Ohne ihn zu hassen.

Sein Vater vielleicht. Aber sogar der vermied es, den Blick zu lange auf seinem Sohn ruhen zu lassen. Man konnte es ihm nicht verdenken.

Andere würden es gegenteilig halten. Würden ihn anstarren, weil das menschliche Auge danach strebte, hässliche Dinge zu sehen. Kaum jemand wandte den Blick ab, wenn der Zufall ihn über die Überreste eines Unfalls oder einer Gewalttat stolpern ließ. Irgendetwas im Verstand eines Menschen gelüstete es nach den grausigen Details, nach den brutalen Grässlichkeiten, die einen in der Dunkelheit der eigenen Gedanken auch noch lange Zeit danach heimsuchten.

Auch er war nicht gefeit vor dem Abgrund seiner Seele. Confession war der Beweis dafür. Jener Roman aus seiner Feder, der die Blauröcke auf seine Spur gebracht hatte, erzählte aus der Sicht eines Mörders von dessen Taten. Für jedes Opfer hatte der fiktive Wahnsinnige ein Gedicht verfasst, indem er den Tatort in romantischen Versen beschrieb.

Richaud Lachapelle, ein dreiundvierzigjähriger Buchhalter aus Altezza, hatte eine morbide Obsession für Confession entwickelt. Er war zu jeder Lesung erschienen und hatte schließlich angefangen, ihm auch privat nachzustellen. Bertie hatte ihn verbal in die Schranken gewiesen und die Sache für erledigt gehalten. Ein schwerer Fehler. Eine Fehleinschätzung der Situation.

Drei Monate später hatte das Morden begonnen und weitere sechs Wochen danach hatte man Bertie nach einer Durchsuchung verhaftet.

Die Beweislast – die Schatulle mit den Trophäen unter seinem Bett – war derart erdrückend gewesen, dass die Beteuerung seiner Unschuld lächerlich angemutet hatte. Niemand hatte ihm geglaubt. Das Herz wurde ihm schwer, wenn er an die Zweifel dachte, die er sogar in seines Vaters Blick entdeckt hatte.

Irgendwann während der langen Isolation hatte er angefangen, seine Schuldlosigkeit zu hinterfragen. Natürlich hatte er die Waffen nicht selbst geführt. Er hatte der jungen Schneiderin Élise Bonnet nicht die Eingeweide aus dem Leib geschnitten und sie nicht in ihrem Nähzimmer verteilt. Er hatte dem Seemann William Elledge nicht die Augen aus den Höhlen geholt und sie ihm in die blutenden Hände gedrückt. Er hatte den Marktschreier Vegliantino Fontana nicht in seiner Kutsche eingeschlossen und sie angezündet.

Aber er hatte Gilles Bellerose jene grauenhaften Dinge auf dem Papier tun lassen. Er hatte diese Schandtaten in jeder Einzelheit niedergeschrieben.

Somit trug er eine Mitschuld an der unsäglichen Pein, die man seinetwegen durchlitten hatte. An der Qual, mit welcher die Hinterbliebenen tagtäglich leben mussten. Er war die Wurzel des Bösen. Sein Werk war die Ursache für das Aufblühen des Keims in Lachapelle. Seine ablehnenden Worte dem Mann gegenüber waren der Dünger, der die Blüte des Teufels hatte erblühen lassen. Ein Dorn dieser Rose hatte Lachapelle ins Herz getroffen und es geschwärzt.

Vor drei Wochen hatte ihn jemand angezeigt und behauptet, er hätte beim Kartenspiel zugegeben, dass nicht Bertie, sondern er die drei Menschen ermordet hatte. Angeblich bedauerte er, dass man Bertie derart schnell gefasst hatte.

Lachapelle hätte wohl gerne weitergemacht und alle dreizehn Morde, die in Confession stattfanden, in die Realität geholt. Er hätte vermutlich ebenso gerne damit weitergemacht, sich in Berties Gemächer zu stehlen und dort Trophäen zu deponieren.

Als Bertie davon erfahren hatte, war er beinahe dankbar dafür gewesen, all die Zeit hinter Gittern verbracht zu haben. Immerhin hatte seine Einkerkerung verhindert, dass weitere zehn Unschuldige ihr Leben lassen mussten.

Er hatte erst gar nicht begriffen, dass er bald wieder ein freier Mann sein würde. Die Worte seines Vaters waren nicht bis in seinen Verstand vorgedrungen. Stattdessen hatte er Richaud Lachapelles Gesicht vor sich gesehen. Sich jene hellen, funkelnden Augen in Erinnerung gerufen, die ihn während der Lesungen beobachtet hatten. Sich des Lächelns entsonnen, das der Mann zur Schau getragen, sobald er um eine Widmung gebeten hatte. Und jener Wut, die Lachapelles hageres Gesicht zu einer Grimasse verzerrte, als Bertie ihm barsch mitteilte, er wolle ihn nicht mehr hinter sich herschleichen sehen.

Vielleicht wäre das alles nicht passiert, hätte er Lachapelle seine Freundschaft angeboten. Hätte er ihn nach drinnen gebeten und ihm einen Drink offeriert.

Die Wahrheit war jedoch, dass etwas an dem Mann ihm trotz dessen dezenter Erscheinung eine merkwürdige Furcht eingeflößt hatte. Er hatte ihn bloß schnell loswerden wollen und mit diesem Egoismus das Schicksal dreier Menschen besiegelt. Sie waren seinetwegen tot und er wünschte, er könnte den Platz mit ihnen tauschen, um seinen Fehler wiedergutzumachen.

Es wäre besser, er wäre an ihrer Stelle gestorben. Für alle. Er war niemandem von Nutzen. Er ließ niemandes Herz vor Freude höher schlagen und zauberte keinem ein Lächeln auf die Lippen. Stattdessen war er der Grund für das Unglück vieler Unschuldiger und die schwere Kette am Bein seines Vaters. Er war eine Schande für alle, mit denen er verbandelt war. Er war derjenige, der Dante de Medicis Leben zerstörte.

Ein Klopfen an der Tür des Schlafzimmers ließ ihn hochfahren. Eilig wischte er sich über die Wangen und tupfte sich mit den Manschetten die Augen trocken, während er nach drüben ging, um aufzumachen.

Nikolai lächelte ihm gezwungen entgegen. Sein Blick war zwar auf Berties Gesicht gerichtet, heftete sich aber krampfhaft an die unversehrte Seite. »Ich hoffe, ich störe nicht.«

»Natürlich nicht, Sir«, brachte Bertie heiser hervor.

»Oh bitte, benutz meinen Vornamen. Du bist jetzt schließlich mein Schwiegersohn. Da muss ich darauf bestehen, die Förmlichkeiten beiseitezulassen.«

Bertie nickte und hoffte, dass seine Miene Dankbarkeit ausdrückte, obwohl er gerade nichts außer Beklommenheit fühlte.

»Ich möchte dich auf einen Spaziergang zu den Stallungen einladen«, erklärte Nikolai. »Ich weiß von deinem Vater, dass du früher gerne geritten bist, und ich besitze eine wundervolle Stute, die mir Vittorio höchstpersönlich geschenkt hat. Leider komme ich dieser Tage selten dazu, sie zu reiten. Vielleicht akzeptierst du sie als Hochzeitsgeschenk.«

Darauf wusste er nun wirklich nichts zu sagen.

Während Nikolai die Konversation weiterhin alleine bestritt, schlich sich ein Strahlen in dessen Miene. »Immerhin ist es pure Verschwendung und eine Qual für das arme Tier, dass es nicht beansprucht wird, wie es ein Pferd ihrer Abstammung werden sollte. Der Hengst, der für Gaias Zeugung verantwortlich ist, war des Königs liebster Begleiter zur Fuchsjagd, musst du wissen.«

Obwohl Bertie so etwas wie leise Freude über das Geschenk empfand, wusste er nicht recht, wie er es annehmen sollte. Im Umgang mit Menschen war er nicht mehr geübt. Dass sein Schwiegervater sich darüber hinaus offenkundig darum bemühte, ihn in der Familie willkommen zu heißen, ließ ihn sich seltsamerweise schlechter statt besser fühlen.

Schließlich deutete er eine Verbeugung an. »Es wäre mir eine Ehre.«

»Das freut mich«, erwiderte Nikolai und schien es aufrichtig zu meinen. »Dann schlage ich vor, wir statten dem Mädchen einen Besuch ab.«

 

 

Müde durchquerte Dante den Flur. Das Apartment lag in Dunkelheit und Stille. Er hatte sich erfolgreich vor dem Abendessen gedrückt und sein Dinner mit Lucien, Lawrence und Inés eingenommen, anstatt zu riskieren, dass sein Vater ihn zwang, mit seinem Ehemann zu speisen. Auf dessen Gesellschaft konnte er gut und gerne verzichten. Der Mann hatte in seinem Leben nichts zu suchen, hatte mit seiner grauenhaften Visage keinen Platz darin verdient. So würde Dante sich alle Mühe geben, jeden imaginären und realen Stuhl besetzt zu halten, um zu verhindern, dass Colfax sich irgendwo in seiner Nähe niederließ.

Er betrat seine Gemächer und wurde von dem Geruch erschlagen, noch ehe er über die Schwelle stolperte. Im ganzen Raum schien es keine Luft mehr zu geben, nur noch dunstigen Zigarettenqualm. Im Kamin loderte ein Feuer, die Flammen züngelten schwefelschwarz nach dem Pergament, mit dem sie jemand gefüttert hatte. Der Boden war über und über mit zusammengeknüllten Zetteln bedeckt, der Papierkorb quoll über. Ebenso die drei Aschenbecher, die überall verteilt standen und zu denen ekelhafte Spuren aus Asche und Ruß führten.

Colfax hatte sein Eintreten nicht bemerkt. Er hockte am Schreibtisch, eine Zigarette zwischen den Lippen, eine Lesebrille auf der dürren Nase, das strähnige Haar zu einem Zopf gebunden, damit es ihm nicht ins Gesicht fiel, wenn er sich über Papier und Feder beugte. Neben ihm stand ein Tablett mit einem kaum berührten Abendessen.

Dante drosch die Tür hinter sich zu.

Colfax fuhr zusammen und sah erschrocken zu ihm auf. Seine Miene war überraschend weich und offenbarte eine merkwürdige Verletzbarkeit, die Dante fast den Wind aus den Segeln genommen hätte. Fast.

»Wollt Ihr mich verarschen?!«, brüllte er seinem Gegenüber in die garstige Fresse und machte eine ausladende Geste, die auf den desolaten Zustand des Zimmers anspielte.

Verwirrt und benebelt, als würde er aus einem Traum aufwachen, blickte Colfax um sich. Mit behandschuhten Fingern nahm er hastig die Zigarette aus dem Mund und leckte sich die Lippen. Dann zeigte sich wieder dieser Tic, bei dem er den Kopf schief legte und die Schultern anspannte. Ein Beben wanderte sichtbar durch seinen Oberkörper.

Dante fletschte die Zähne. »Ist es nicht genug, dass ich Eure Anwesenheit ertragen muss? Dass ich in Euer hässliches Gesicht sehen muss? Offenbar nicht, sonst hättet Ihr Euch nicht dazu bemüßigt gefühlt, mein Schlafzimmer in eine heruntergekommene Spelunke zu verwandeln! Ach, was rede ich? Sogar in Correggio würde man sich noch über den Gestank hier drinnen echauffieren!«

»St. Sycamore, ich w-«

»Spart Euch das«, fuhr Dante ihn an und riss die Fenster auf, um den Sauerstoff einzulassen, der hier dringend gebraucht wurde. »Ich wusste ja, dass Ihr ein Arschloch seid. Das sollte mich nicht überraschen. Von Euch war nichts anderes zu erwarten.«

Hinter ihm herrschte Stille und er stampfte ins Badezimmer, um die Tür zuzuknallen. Das wurde langsam zur Gewohnheit. Er hasste es!

Fluchend stieg er aus den Klamotten und in die Dusche. Unter dem Wasserfall aus dem Speicher schrubbte er sich die Zähne und spuckte Blut, weil er sich vor Zorn das Zahnfleisch malträtierte. Die Minze brannte in den Fissuren. Er wusch sich grob das Haar und stellte die Bürste zurück in den Becher.

Dabei fiel sein Blick auf die Zahnbürste, die Colfax gehörte. Unüberlegt griff er danach und brach das Holz mit einem Knurren entzwei, um es unachtsam ins Waschbecken zu werfen. Ihm war zum Heulen zumute. Zum Toben und zum Kotzen. Rote Flecken tanzten in seinem Sichtfeld. Der Spruch, vor Wut rot zu sehen, war also nicht aus der Luft gegriffen, sondern beruhte auf Tatsachen.

Sogar hier drinnen stank es nach Zigaretten. Was bildete sich der Mistkerl ein? Wie konnte ein einzelner Mann es vollbringen, einen Raum in kürzester Zeit derart versiffen zu lassen?

Er rieb sich mit einem weichen Badetuch trocken und hüllte sich in sein Schlafgewand. Schwarzer Satin schmiegte sich an seine Haut.

Vor der Tür brauchte er einige Minuten, um die Courage aufzubringen, sie zu öffnen. Eigentlich hatte er vorgehabt, sich noch an den Flügel zu setzen, aber daran war ihm inzwischen die Lust vergangen. So steuerte er den Plattenspieler an, legte ein Konzert von Sartolli auf und verkroch sich unter der Bettdecke.

Nach ein paar Herzschlägen bemerkte er, dass er alleine war. Er wagte einen Blick. Das Chaos war bereits annähernd beseitigt und die Luft schien wieder atembar. Er kämpfte noch mit seiner Verwirrung, als die Tür aufging. Eilig ließ er sich in die Kissen fallen und wandte Colfax den Rücken zu. Er wollte den Dreckskerl heute nicht mehr ansehen müssen. Stattdessen starrte er stur gegen die Mauer. Hinter ihm raschelte Papier. Etwas wurde auf den Boden gestellt. Der inzwischen geleerte Papierkorb vermutlich.

Colfax räusperte sich dumpf, als hielte er sich die Hand vor den Mund. »Ich möchte Euch um Verzeihung bitten«, murmelte er unsicher und klang nicht wie ein Monster, sondern wie ein heiserer, reuiger Mann. »Mein Verhalten war respektlos. Es war nicht meine Absicht und wird nicht wieder vorkommen.«

Dante schluckte bei respektlos, war jedoch derart getrieben von Hass, dass er seiner eigenen Respektlosigkeit ein weiteres Fitzelchen Verachtung hinzufügte. Er dachte an die vielen zerknüllten, offenbar misslungenen Versuche eines Textes. »Wenn es Euch solche Mühe bereitet, ein paar Worte zu Papier zu bringen, solltet Ihr die Schriftstellerei aufgeben. Ich habe nichts von Euch gelesen, aber mir wurde versichert, dass ich nichts versäume. Warum es dann nicht gleich lassen?«

Für einige Momente herrschte eisiges Schweigen zwischen ihnen, dann murmelte Colfax kraftlos: »Selbstgerechtes Ekel.«

»Ja! Ich bin hier das Ekel. Geht und werft einen ausgiebigen Blick in den Spiegel.«

»Ich kann nicht mehr tun, als es in Ordnung bringen und mich entschuldigen.«

»Va te faire enculer«, zischte Dante und brachte Colfax mit der Aufforderung, sich gefälligst in den Arsch zu ficken, endlich zum Schweigen.

Ein paar Sekunden verstrichen, bevor der Mann aus dem Zimmer verschwand.

Doch weder konnte Dante aufatmen, noch war er stolz auf sein Verhalten oder zufrieden mit dem Resultat. Er kam sich sogar ziemlich schäbig vor und verflocht die Finger mit seinem Haar, als müsse er seinen Hinterkopf vor einem Schlag schützen. So verharrte er, bis er irgendwann einschlief. Immer noch allein.

 

Kapitel 3

 

Die sanfte, weiche Stimme Sidonie Duchamps’ drang vom Salon herüber ins Esszimmer und begleitete ihr Frühstück anstelle einer Konversation.

Dante saß neben Colfax, der die letzte Nacht erneut auf dem Lehnstuhl verbracht hatte und nun appetitlos im Rührei stocherte. Ein paar Erdbeerblätter und drei kleine Stiele lagen am Tellerrand. Ein Gebäckstück verweilte unberührt daneben. Von seinem Kräutertee fehlte kein Schluck.

Ihm gegenüber hackte George auf die Schale eines hart gekochten Eis ein, um es zu köpfen. Er ähnelte seinem Sohn kein bisschen. Sein Haar war fast vollständig ergraut, doch ließ hier und da noch die ursprüngliche Farbe erahnen – braun, keine Spur von Blond. Seine Gestalt war gedrungen, das Gesicht glatt rasiert und rundlich, die Nasenspitze leicht aufwärts gebogen, während die von Albertien in einem kleinen Haken nach unten ging.

Dante nahm sich noch ein Croissant und stippte es in Blaubeergelée, um nach jedem Bissen mit milchig-ockerfarbenem Kaffee nachzuspülen.

Sein Vater hatte den Vorsitz übernommen und widmete sich einer Scheibe Graubrot. Er bestrich sie derart akribisch mit Butter, als müsse er jede Pore einzeln damit verstopfen, um das Backwerk genießbar zu machen. Danach folgte die Marmelade – bittere Orange – mit der er ebenso verfuhr. Er leckte sich die Lippen und wandte sich George zu: »Habt Ihr schon gehört, dass Copper in Erwägung zieht, das Kabinett zu verlassen?«

Der Angesprochene schluckte hinunter, was er im Mund hatte, und nickte mit einem Seufzen. »Tatsächlich hat er bereits vor Wochen mit mir darüber geredet, wie ich zugeben muss. Ich musste ihm versprechen, Stillschweigen zu bewahren, aber da er inzwischen kein Geheimnis mehr daraus macht, bin ich von meinem Schwur entbunden, nehme ich an.«

»Hat er erwähnt, was ihn dazu treibt, sich vor eine solch schwerwiegende Entscheidung zu stellen?«

»Ich fürchte, es hat damit zu tun, dass sich der Zustand seiner Frau verschlechtert. In rasanter Geschwindigkeit. Womöglich lenkt ihn ihr nahender Tod zu sehr von seinen Pflichten ab, sodass er sie abgeben möchte.«

»Seine Majestät würde ihm eine Beurlaubung zugestehen.«

»Ihr wisst, wie stolz Charles ist. Allein die Bitte darum würde ihn einen Zacken in seiner imaginären Krone kosten.«

»Vielleicht sollten wir die Sache für ihn in die Hand nehmen.«

»Und eine kleine Auszeit erwirken?«

»Was haltet Ihr davon?«

»Eine gute Idee, Nikolai. Das besprechen wir gleich heute mit Vittorio. Gewiss zeigt er sich verständnisvoll wie immer.«

Dante verdrehte die Augen. »Wenn man euch beide reden hört, könnte man glatt annehmen, wir werden belauscht. Seine gnädige Majestät hier, Seine durchlauchtige Majestät da. Sobald ihr euch darum streitet, wer dem König als Erster die Schuhspitze küssen darf, erbreche ich mein Frühstück.«

»Dante«, ermahnte sein Vater grimmig.

George ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Lasst ihn. Von der Jugend kann man nicht erwarten, dass sie die Königstreue alter Politiker begreift.«

»Auch du hast dem König viel zu verdanken, Sohn«, stichelte Nikolai weiter.

Bei diesen Worten musste Dante sich auf die Zunge beißen, um nicht zu erwidern, dass er alles Schöne in seinem Leben seinen eigenen Fähigkeiten und seinem Ehrgeiz zu verdanken hatte. Der König hatte ihn nicht aus Güte und Nächstenliebe zum Dirigenten seines Orchesters ernannt, sondern weil er der Beste war. Sein Widersacher, Leandro Aquila – Leiter der Militärkapelle – würde das bestreiten, aber der hatte ja auch keine Ahnung von Musik.

»Wo wir gerade bei der Dankbarkeit sind, Nikolai«, warf George ein, wohl um den Streit zu beenden. »Es war überaus freundlich von Euch, Bertie Eure Rappstute zu schenken. Er freut sich sehr darüber. Nicht wahr, Bertie?«

Dantes Kinnlade klappte nach unten. »Du hast ihm Gaia geschenkt?«

»Ich habe kaum noch Zeit für sie. Sie langweilt sich und wenn wir jemanden in der Familie haben, der sie reiten möchte und kann, erschließt sich mir nicht, warum ich einen Bereiter dafür bezahlen sollte.«

Ein auf den ersten Blick stichfestes Argument, aber Dante brauchte nur ein paar Sekunden, um einen Weg zu finden, die Materie dennoch mit einem Dolch zu traktieren: »Ein Hochzeitsgeschenk also. Ich wusste nicht, dass wir an dieser Tradition festhalten, aber gut. Was bekomme ich von Euch?« Er richtete den Blick auf George, der erstaunt wirkte und mit vollem Mund nach der Serviette griff, um sich die Lippen abzutupfen.

»Dein Geschenk ist dein Ehemann«, grätschte sein Vater dazwischen.

Dante stieß verächtlich Luft aus und musterte den Mann an seiner Seite, der mit der zerstörten Gesichtshälfte zu ihm saß und angespannt die Schultern hochzog. »Ich wusste, dass Katzen verwesende Mäuse anschleppen, um ihren Herren zu gefallen, aber von meinem eigenen Vater hätte ich mehr erwartet«, sagte er kalt. »Darüber hinaus hat er deiner Logik nach ja auch mich als Geschenk bekommen, warum also ein Pferd drauflegen? Immerhin bin ich die bessere Partie. Ich bin nicht nur talentiert und berühmt, sondern auch reich, mit einem Titel betraut und man sagt mir immer wieder, ich sei eine Augenweide. Zumindest bin ich mit meinem Anblick nicht der Auslöser ständiger Übelkeit.«

Colfax sackte in sich zusammen und senkte den Kopf, sodass ihm das Haar in sein Gesicht fiel. Offenbar hatte ihn der trotzige Mut des ersten Abends inzwischen verlassen. Vielleicht, weil er bemerkt hatte, ihm unterlegen zu sein?

Zwischen Georges Augen bildete sich eine Zornesfalte. Er kam der Ehre seines Sohnes ritterlich zu Hilfe, weil sie aufgrund ihrer Kümmerlichkeit nicht für sich selbst sprach. »Die Eheschließung mag nicht nach Eurem Geschmack sein, aber es besteht kein Anlass dazu, meinen Sohn derart zu beleidigen. Solltet Ihr Euch künftig nicht mäßigen, werd-«

»Lass ihn«, unterbrach Colfax mit rauer Stimme. Er sprach leise, brachte die Worte jedoch kraftvoll hervor.

»Ich brauche Euren Schutz nicht«, zischte Dante. »Euer Vater soll ruhig sagen, was er mit mir zu tun gedenkt, wenn ich mich nicht mäßige.«

Nikolai hob in einer beschwichtigenden Geste die Hände. »Die Gemüter sind zu erhitzt, um eine derartige Diskussion zu führen. Offenbar wird es noch eine Weile dauern, ehe wir alle in die Umstände hineingewachsen sind. Ich entschuldige mich im Namen meines Sohnes für sein Benehmen.« Damit wandte er sich Dante zu: »Die Frage nach meinem Zusatzgeschenk an Albertien hast du dir selbst beantwortet, indem du dich wie ein Unsympath gibst.«

Knurrend griff Dante nach seiner Tasse und leerte sie in einem Zug, um den Brand des Zorns in seinem Magen zu löschen. Der war jedoch zu hartnäckig, um sich so einfach ersticken zu lassen.

John Parker, der Butler des Hauses, der sich selbst altmodisch als Kellermeister bezeichnete und von der restlichen Dienerschaft ehrfurchtsvoll Majordomus genannt wurde, trat nach einem barschen Klopfen ein. »Verzeiht die Störung, aber nach einem Blick in die Tageszeitung sehe ich es als meine Pflicht an, umgehend Rapport zu erstatten.«

»Mr Parker, was ist es denn, das derart dringend unsere Aufmerksamkeit erfordert?«, fragte Nikolai, verwirrt von der ungewöhnlichen Störung, und griff nach dem Tagesblatt. Er wollte es aufschlagen, da bemerkte er, dass das nicht nötig war. Parker trat katzbuckelnd aus dem Zimmer.

Dante sah, was den Blick seines Vaters fesselte und ihn erstarren ließ. Es waren die auf der Titelseite abgedruckten Fotografien von Colfax. Eine zeigte ihn beim Verlassen des Bootes, das ihn von der Gefängnisinsel hergebracht hatte, eine weitere beim Aussteigen aus dem Wagen vor dem Palast. Der Regen ließ einem Betrachter die Sicht verschwimmen und man konnte nicht allzu viel erkennen, doch es gab ein drittes Bild. Eine Frontalaufnahme, die man im Gefängnis aufgenommen haben musste. Das Marque du mal schien frisch und war ein noch schaurigerer Anblick als jetzt.

Nikolai rieb sich mit der Rechten das Gesicht. Keuchend nahm George die Zeitung an sich und las den Artikel. Seine Pupillen bewegten sich Zeile für Zeile abwärts. »Eine Unverschämtheit. Eine bodenlose Frechheit. Vittorio wird … er wird das nicht zulassen«, stammelte er vor sich hin.

Dante griff nach dem Papier, nachdem sein Schwiegervater damit fertig war, und überflog den Artikel, der von Colfax’ Entlassung erzählte, in subtilen Worten seine Unschuld anzweifelte und ihm schließlich den Todesstoß versetzte.