Der Schatten des Ruhmes - Tharah Meester - E-Book

Der Schatten des Ruhmes E-Book

Tharah Meester

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Beschreibung

Nur ein einziger Blick und es ist um Collem geschehen. Der Fremde, der sein halbes Gesicht hinter einer Maske aus schwarzem Porzellan verbirgt, berührt etwas tief in seinem Herzen und weckt eine längst verloren geglaubte Sehnsucht. Plötzlich begehrt er nichts mehr, als den wortgewandten Unbekannten wiederzusehen. Als sein Wunsch jedoch in Erfüllung geht, muss er erkennen, dass er dem Mann nicht näherkommen darf. Denn Collem ist bloß ein einfacher Bastard, sein Angebeteter hingegen niemand anderes als die Fechtlegende Harding ven Fennek, der Graf von Perpet.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Tharah Meester

 

Der Schatten des Ruhmes

 

Farefyr Lovers

Inhaltsverzeichnis

 

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort der Autorin

Danksagung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Epilog

Leseprobe – Die Verführung des Teufels

Über die Autorin

Impressum

 

 Vorwort der Autorin

 

 

Meine lieben Leserinnen und Leser,

 

diesmal befinden wir uns nicht direkt in Farefyr, sondern an einem anderen Schauplatz - der Insel Burgonye, auf der es in vielerlei Hinsicht ein wenig strenger zugeht. Anbei finden Sie natürlich wieder eine Karte - für den besseren Überblick.

Nun möchte ich Sie aber nicht länger vom Lesen abhalten und hoffe, Sie haben viel Freude im schönen, eitlen Burgonye!

 

Ihre Tharah Meester

 

PS: In Ermangelung eines Herrn Sax in Farefyr, musste ich kurzerhand das Saxophon umtaufen :)

 

 Danksagung

 

 

Liebe Jessica, ich möchte mich auf diesem Weg mal bei dir bedanken - für deine Mails, die mir immer ein Lächeln auf die Lippen zaubern!

Danke auch fürs Vorablesen und deine ausführliche Meinung, die mir sehr geholfen hat!

 

Ich bedanke mich darüber hinaus ganz herzlich bei meinen Testlesern für ihre konstruktive Kritik und die lieben Worte!

Jeweils ein Dankeschön an Christina Aschenneller, Bernd Frielingsdorf, Peggy Ladage, Sabrina Pommer, Diana Rothe,  Johanna Schulz und Nakia Sprotte!

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 1

 

Pristin, Königreich Burgonye, Jahr 539

 

 

Beeindruckt stand Collem Mareea vor dem riesigen Gemälde. Es reichte beinah bis zur Decke des breiten Ganges, in dem es völlig ruhig war. Die Wände waren weißer als frische Bettlaken, die Fenster so sauber, dass man glauben könnte, sie existierten gar nicht, und die Sonne beschien das Ebenbild des berühmtesten Fechters des Landes, als hätte der Allmächtige sie lediglich für diese eine Aufgabe geschaffen.

In seinem Rücken vernahm er das Tappen eines Gehstockes, auf den sich jemand schwer stützte, während er sich Collem näherte. Er wandte sich nicht um, sondern widmete sich ganz dem Bild, war davon in einen merkwürdigen Bann gezogen worden.

Graf Harding ven Fennek. Mit geradem Rücken saß er auf einem Stuhl, ein Rapier in der Rechten, dessen Klinge er sich über die Schulter gelegt hatte. Sein schwarzes Haar war unordentlich nach hinten gekämmt, verlieh dem strengen Gesicht, welches man nur von der Seite sah, einen Hauch von Verwegenheit.

Das Tappen wurde langsamer, doch fortwährend lauter. Nun hörte er, wie dieser Jemand in stetigem Takt ein Bein nachzog.

Graf Fenneks schlanker Körper war in weiß gekleidet. Der Stoff seiner Fechtweste wirkte strukturiert, wies an den Nähten helle, vermutlich weißgoldene Nieten auf. Ein kleines Herz aus dunklem Stoff zierte seine Brust. Unter dem rechten Ellbogen hatte er eine abgenutzte Fechtmaske. Seine Linke ruhte auf seinem Oberschenkel, der Arm dazu etwas angespannt. Seine Pose wirkte imposant und lässig zugleich.

Der Mann soll an Schnelligkeit und Geschick nicht zu überbieten gewesen sein. Bis jetzt hielt er unzählige Rekorde, die niemand zu brechen vermochte. Darüber hinaus zweifelte Collem daran, je einen attraktiveren Mann gesehen zu haben.

Das Tappen verstummte. „Sein Blick wirkt schrecklich leer.“

Collem beeilte sich, seine Brille abzunehmen, ehe er sich dem Mann zuwandte, der sich an seine Seite gesellt hatte und sich schwer auf seinen Stock stützte. Der Kerl, der soeben das Wort an ihn gerichtet hatte, verpasste ihm einen imaginären Schlag in den Magen und er musste seine Zweifel zurücknehmen. Jetzt hatte er einen attraktiveren Mann gesehen.

„Vielleicht war er es müde, Modell sitzen zu müssen. Vermutlich war es nicht sehr erquickend“, gab er zurück und schob das silberne Gestell unauffällig in die Innentasche seines Jacketts. Er musterte den Fremden, der Autorität und Macht ausstrahlte. Eine schwarze Maske aus Porzellan verdeckte beinah die gesamte linke Hälfte seines Gesichts, samt seinem Auge. Nur das rechte, von dunklem Blau, ruhte desinteressiert und müde auf Collem, der sich eingeschüchtert fühlte. Schwarz glänzendes Haar war zu einem schlichten, kleinen Zopf gefasst, verdeckte die Satinbänder, welche die Maske an ihrem Platz hielten. Ein dichter, gepflegter Vollbart half dem Porzellan dabei, den Träger vor einer allzu genauen Musterung zu schützen. Doch es gab genug zu sehen und Collem brauchte keine Sehhilfe, um zu erkennen, dass sein Gesprächspartner über die Maßen schön war. Es stachelte seine Nervosität an.

Der Mann wandte sich dem Gemälde zu. „Vermutlich“, erwiderte er wortkarg.

Collem warf einen neuerlichen Blick auf das Bild, das schlicht in Grautönen gehalten war. „Nicht, dass ich den seelenlosen Ausdruck in seiner Miene nicht bemerken würde. Ich hoffe bloß, dass dieser täuscht.“

Eine dichte, schmale Augenbraue hob sich. „So? Warum liegt Euch daran?“

„Meine Familie ist gekommen, um meinen Bruder im Sommerturnier antreten zu lassen. Elliot ist ein exzellenter Fechter und es besteht eine echte Chance, dass er als Sieger hervorgeht. Ihr wisst sicher, was der Sieger des Turniers außer Ruhm und Preisgeld für sich gewinnt.“

„Ich bin nicht von hier. Klärt mich auf.“

Collem tat nach einem knappen, respektvollen Neigen seines Kopfes, wie ihm geheißen: „Ich bin auch nicht von hier, aber ich weiß, dass der Gewinner den Namen Fennek tragen darf und einen Trainer bekommt, der härter ist als Stahl. Graf Fennek selbst. Er pflegt, den Champion zu ehelichen, zu fördern und ihn so lange zu behalten, bis sein Günstling gegen jemand Jüngeren oder Besseren verliert. Dann beginnt das Spiel von Neuem und Lord Fennek nimmt sich den nächsten Ehemann oder die nächste Ehefrau. Zur Zeit ist er wieder zu haben und ein jeder hier wird hart um ihn kämpfen. Es bringt beiden Seiten Ansehen und dem Grafen ein hübsches Anhängsel für eine Weile.“

„Klingt nach einem Arschloch“, kam ungerührt zurück.

Collem lächelte und leckte sich die Lippen. „Das hält die Fechter nicht davon ab, sich ihn zum Trainer zu wünschen.“

„Vermutlich, weil sie nicht wissen, was sie erwartet. Sagt, ist Euer Bruder denn überhaupt den Männern zugetan oder würde er den Mistkerl ehelichen, nur um dessen Standes und Ruhmes willen?“

„Elliot ist gewissermaßen beiden Geschlechtern zugetan, doch man sagt, die Präferenz sei in diesem Spiel nicht von Bedeutung.“

„Sagt man das?“

„Es ist bestätigt, dass der Graf seine Schützlinge auf Abstand hält. Seine Ehepartner sind für ihn nicht mehr als ein Schmuckstück, das man zum Ausgehen anlegt.“ Collem dachte kurz nach und musste sich korrigieren: „Bis auf den Umstand, dass er von ihnen höchste Disziplin und eine gewisse Leistung samt Erfolgen erwartet, natürlich.“

„Natürlich“, pflichtete der Fremde ihm bei, doch klang ironisch, während er ihn flüchtig von oben bis unten musterte. „Fechtet Ihr ebenfalls?“

Der wunde Punkt war schneller erreicht, als ihm lieb war. „Ein klein wenig. Um meinem Bruder als Trainingspartner zu dienen. Ich bin nicht gut darin“, fügte er unwillkürlich hinzu und zuckte bei seinen eigenen Worten zusammen, als hätte man ihm einen Schlag auf den Hinterkopf versetzt. Da er in einer Familie lebte, in der dieser Sport alles war, war sein Geständnis tatsächlich wie ein Hieb.

„Das könnt Ihr auch nicht sein“, kam abwertend zurück – nun mit sehr deutlichem Spott. „Eure Haltung ist viel zu steif und deutet auf Verklemmtheit hin, die einen im Fechten nicht weiterbringt. Eure ernste Miene lässt Euch älter wirken, als Ihr vermutlich seid. Wenn Ihr mir widersprechen wollt und behauptet, es wäre nicht wichtig, was für eine Grimasse Ihr schneidet, dann lasst Euch sagen, dass Ihr falsch liegt. Es ist von Bedeutung, dass das Publikum Euch verehrt und dabei kommt Euch ein gewisses Maß an Charme zu Gute. Unterschätzt nicht die beflügelnde Wirkung eines Saales voller Menschen, der vor Verzückung Euren Namen schreit. Den hemmenden Einfluss auf den Gegner brauche ich hoffentlich nicht zu erwähnen.“

Und das von einem Mann, der griesgrämiger nicht dreinblicken könnte. Collem bemühte sich um eine arrogante Miene statt der ernsten, die sein Gegenüber bemängelte. „Bei allem Respekt ist Eure Haltung nicht viel lockerer, Sir, und Eure düstere Miene würde mich das Fürchten lehren, wäre ich leicht zu verschrecken. Nicht, dass Ihr nicht anziehend wärt, doch Euer böser Blick würde einen jeden, der vor Verzückung Euren Namen schreien möchte, zum Verstummen bringen, ehe er den Mund aufgemacht hat.“

Die Lippen des Schwarzhaarigen öffneten sich vor Verwunderung oder gar Entsetzen, doch Collem war noch nicht fertig: „Darüber hinaus vertraue ich Euch im Geheimen an, dass ich keine Menschenmasse nötig habe, die mich verehrt. Ich wäre schon zufrieden, wenn mich die ein oder andere Person im Schatten meines Bruders überhaupt bemerken würde.“ Doch darauf konnte er wohl lange warten.

Der Fremde rang nach Worten, deutlich aus der Fassung gebracht. Es war nicht schwer zu erraten, dass man für gewöhnlich nicht in diesem Tonfall mit ihm sprach. „Ihr seid ganz schön vorlaut. Und ziemlich zynisch für Euer zweifellos junges Alter.“

„Ich glaube nicht, dass Ihr mir in diesem Punkt um Vieles nachsteht, wenn Ihr mir die Vermutung erlaubt.“

„Nachsteht? Wenn überhaupt, bin ich Euch nicht allzu weit voraus“, konterte der andere mit in Falten gelegter Stirn. Dann glätteten sich seine Züge und ein winziges Lächeln umspielte plötzlich die vollen Lippen, die definitiv einen Kuss wert wären. „Verzeiht meine Schroffheit, aber mein Sarkasmus ist mein ganzer Stolz. Es ist unverschämt von Euch, mich darin zu kränken.“

„Ich bin gerne unverschämt. Es bringt ein wenig Frische in meine faden Tage.“

„Ihr solltet allerdings aufpassen, dass Ihr mit Eurer bösen Zunge nicht auf den Falschen trefft. Nicht, dass sie eines Tages jemand fordert.“ Das Lächeln vertiefte sich und zauberte ein Grübchen auf jene Wange, die nicht von der Maske bedeckt war. Ein weiterer Schlag traf Collem in den Bauch, doch er nahm sich zusammen, um sich nicht anmerken zu lassen, wie durcheinander er war.

„Das kommt ganz darauf an, in welchem Sinne derjenige sie fordert“, zuckte er mit den Schultern. „Wenn er sie mir herausreißen möchte, soll er es ruhig versuchen, damit ich ihn beißen kann. Will er sie mir abschneiden, wäre ich wahrhaftig nicht allzu begeistert. Und wenn er andere Dinge damit tun möchte, können wir in aller Ruhe besprechen, was genau und wann.“ Er hoffte, sich mit dieser Aussage nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen.

Statt einem Tadel kam dem anderen jedoch lediglich ein Räuspern über die Lippen. Hatte er schon erwähnt, wie küssenswert er diese fand? Ja, gewiss.

„Verzeiht, wenn meine nächste Frage dumm erscheint. Flirtet Ihr mit mir?“, kam schließlich mit sehr heiserer Stimme zurück.

„Das kommt darauf an, ob Ihr es erlaubt“, erwiderte Collem ebenso leise, obgleich er das beflügelnde Gefühl hatte, seine Schäkerei fände unerwarteten Anklang. Für gewöhnlich tändelte er nicht mit wildfremden Männern. Für gewöhnlich tändelte er mit niemandem. Denn für gewöhnlich sprach man nicht mehr als ein paar Worte mit ihm – Worte, die meist seinen Bruder betrafen.

„I-ich... begrüße es sehr, doch ich frage mich, ob Ihr es vielleicht nur tut, weil Ihr mich nicht allzu genau seht. Ihr habt zuvor Eure Brille abgenommen. Das lässt mich vermuten, dass Ihr aufgrund mangelnder Sehkraft keine klare Entscheidung treffen könnt. Darüber, ob Ihr wahrhaftig mit mir schäkern möchtet.“

„Ich sehe Euch gut genug“, brachte Collem rau hervor, doch zog seine Brille. „Allerdings kann ich Euch den Gefallen tun und Eure Bedenken zerstreuen. Ihr müsst nur wissen, dass ich mit ihr nicht lediglich reizlos wirke, sondern zudem noch älter und noch strebsamer und noch langweiliger. Und vielleicht ein klein wenig idiotisch dazu.“ Er setzte das Gestell auf, schob es sich auf die Nase. „Wie gut, dass Ihr mir nicht davonlaufen könnt“, wagte er den Scherz, um die Behinderung des Mannes nicht zwischen ihnen stehen zu haben.

Er begegnete einem traurigen Lächeln und konnte kaum dem Blick dieses dunkelblauen Auges standhalten. „Sprecht nicht so von Euch.“

„Wollt Ihr mir verbieten, über mich selbst zu lästern? Das scheint mir etwas anmaßend.“

Sein Gegenüber schüttelte den Kopf und seine Miene wurde wieder ernst, wenn auch nun die Verbissenheit fortblieb. „Ich würde Euch niemals den Mund verbieten, doch Ihr dürft mich nie belügen. Wenn ich Euch eine Frage stelle, möchte ich mir sicher sein können, dass Ihr die Wahrheit sprecht, wenn Ihr antwortet.“

Collem runzelte die Stirn und war überrascht von der Forderung, die nicht zu der Kürze ihrer Bekanntschaft zu passen schien. „Ich bin nicht die Art von Mann, die lügt. Von mir bekommt man stets ehrliche Worte, Sir.“

„Selbst, wenn Ihr vermuten müsst, dass man die Wahrheit nicht hören will?“

„Wenn ich jemanden verletzen müsste, schweige ich natürlich lieber, doch auch Schweigen kann eine Antwort sein. Und sie ist in meinem Falle immer ehrlich.“

Der andere schluckte sichtbar und ließ seinen Blick unruhig über Collems Gesicht schweifen. „Wusste ich es doch“, murmelte er mit einem erzwungenen Lächeln. „Jetzt, wo Ihr mich deutlich seht, flirtet Ihr nicht mehr mit mir.“

„Oh, Ihr seid unfair, Sir! Ihr habt mir eine Frage gestellt und ich gab Euch eine Erwiderung, die der Ernsthaftigkeit dieser Frage gerecht wurde.“

„Ich bin nicht nur unfair, ich bin auch meist eine sehr unleidige Gesellschaft. Dieser Fennek dort...“ Er nickte zu jenem Gemälde, dem Collem keine Beachtung mehr schenkte. Stattdessen heftete er den Blick auf sein Gegenüber und bemerkte, wie fest sich dessen Finger um den Griff des Stockes schlangen. „... mag ein Mistkerl sein, aber ich bin es ebenso. Vielleicht bin ich gar schlimmer als er.“

„Werdet Ihr mir die Möglichkeit geben, das selbst zu beurteilen?“

„Wenn Ihr sie haben möchtet“, kam kaum hörbar zurück.

„Ich bitte Euch gerade darum.“

Trotz seiner Ehrlichkeit schien der Mann nicht überzeugt. „Wie lautet Euer Name?“

„Collem Mareea“, antwortete er nach einem kurzen Zögern. „Nein, kein ven in meinem Namen. Ich bin kein Adliger, sondern nur ein Bastard.“

Erneut hatte er seinen Gesprächspartner überrascht. Diesmal jedoch, wie er fürchtete, ganz und gar nicht auf angenehme Art und Weise. War der Mann etwa von Stand, obgleich seine schlichte Kleidung nicht darauf hinwies?

Collem blinzelte vor Nervosität. „Ist das ein Problem?“, fragte er mit fremd klingender Stimme.

Sein Gegenüber zuckte zusammen, als wäre es völlig weggetreten gewesen und Collems Worte hätten es in die Gegenwart zurückgeholt. „Nein. Nein, das ist kein Problem“, kam schließlich leise zurück und Collem war sich nicht sicher, ob er das glauben durfte. Er hoffte es – mit einer Heftigkeit, in der er nicht geglaubt hatte, etwas wünschen zu können.

Der schöne Mann leckte sich über die ebenso schönen Lippen. „Ich...“ Er unterbrach sich, als er etwas hinter Collem bemerkte. Dieser wandte sich um und erkannte, dass am anderen Ende des Ganges jemand stand. „Ich muss gehen. Wir werden uns bald wiedersehen, Collem Mareea.“ Damit – mit der Demonstration, wie schön er Collems Namen sagen konnte – setzte er sich mühsam in Bewegung, seine Miene zeigte den Schmerz nicht, denn er verbarg ihn hinter der Verbissenheit, die zurückgekehrt war.

Collem sah ihm mit laustark pochendem Herzen hinterher und bemerkte, dass seine Handflächen schweißnass waren. „Verratet Ihr mir Euren Namen?“

Der andere drehte sich nicht zu ihm um. „Ihr werdet ihn bald genug erfahren.“

Irritiert biss er sich auf die Unterlippe und zog die Augenbrauen zusammen. Was sollte das bedeuten? Er wandte sich um und seufzte. Vermutlich nichts. Vermutlich würde er den Mann nie wieder sehen. Und wenn, dann würde dieser ihn ignorieren, um niemanden wissen zu lassen, dass er mit einem Bastard geflirtet hatte.

Wenn er eines über die Insel Burgonye wusste, dann war es die Wichtigkeit des ven im Namen, die Unentbehrlichkeit der Schönheit, die man besitzen musste, um jemandes Interesse zu wecken, und die Bedeutung des Fechttalents, das man brauchte, um etwas zu gelten. Drei Dinge, die Collem nicht besaß.

Kapitel 2

 

 

Angespannt schritt er hinter seiner Familie durch den Rundbogen der weit geöffneten Flügeltüren. Der dahinterliegende Saal ließ ihm den Atem stocken. Nie zuvor hatte er etwas Prächtigeres gesehen. Das Schloss, in dem die Lavernes lebten, war eine Augenweide, doch es war nichts gegen all den Prunk. Man sagte, Fennek sei ein guter Freund des Königs. Es würde erklären, weshalb der Graf seine Turniere in solch protziger Umgebung abhalten konnte. Der Mann besaß hier auf Pristins schönstem Palast, dem Sommersitz des Königs in der Landesmitte, seinen eigenen Flügel und konnte sich dort aufhalten, wann immer es ihm beliebte. Collem hatte allerdings gehört, dass der Graf sich eher selten zeigte.

Elliot schnappte nach Luft, während er sich umsah. „Das kann er mir ermöglichen?“, fragte er seinen Vater, der mit einem selbstgefälligen Lächeln auf den Lippen nickte. Die Aussicht auf den Aufstieg, den es mit sich brächte, wenn sich die Grafschaft Fenneks mit jener Lavernes vereinigte, gefiel ihm.

Die Wände waren strahlend weiß, geschmückt mit goldenen Ornamenten, die ein großartiger Künstler an den getünchten Stein gemalt hatte. Sie könnten zierlicher nicht sein. Die Fenster reichten bis zur Decke und waren breiter als ein Mann hochgewachsen. Der fahle Mond schien durch das Glas und warf sein Licht auf den Boden aus Marmor, beschien auch die beiden Throne ganz vorne im Saal. Der eine war ein wenig größer und prunkvoller als der andere. Dort würden alsbald der Graf und Eure königliche Majestät Platz nehmen, um die Turnierfechter einer ersten Musterung zu unterziehen.

Die vielen Menschen, die sich in dem riesigen Raum versammelt hatten, strahlten eine gewisse Nervosität aus, die Collem jedoch kalt ließ. Seit der seltsamen Begegnung zur Mittagsstunde hatte er nur den Mann mit dem ebenholzschwarzen Haar und der porzellanen Maske im Kopf.

Er fühlte sich bloß schrecklich deplatziert. Er war nur der Bastard seiner Mutter, die schon lange nicht mehr lebte. Zuhause behandelte man ihn wie einen Diener. Er war nicht von Bedeutung und noch weniger von Belang.

„Zieh nicht so ein Gesicht, das macht mich nervös“, flüsterte Elliot ihm zu, als sie ihre Plätze eingenommen hatten. „Der Graf wird keine Notiz von dir nehmen. Und wenn doch, dann begeisterst du ihn eben mit deinem Sarkasmus“, fügte er ironisch hinzu.

„Ich werde einen meiner beißendsten Scherze für ihn bereithalten“, konterte er halbherzig.

„Ihr werdet schön Eure Zunge hüten, Mareea“, ermahnte Elliots Großmutter. Es waren die wohl ersten Worte, die sie seit über einem Jahr an ihn richtete.

Ihr Sohn – der Mann, der ihn vor langer Zeit adoptiert hatte – pflichtete ihr bei: „Du bist stiller als ein stehendes Gewässer, Collem. Elliot muss seinen Charme spielen lassen. Was er hoffentlich zu unser aller Zufriedenheit tun wird.“ Damit warf er einen grimmigen Blick in Richtung seines Jungen, dem der Befehl nur ein Augenrollen entlockte.

Collem seufzte innerlich auf. Ihm war das alles gleichgültig. Lediglich die Aussicht darauf, den schönen Unbekannten in der Menge zu entdecken, ließ ihn neugierig den Hals recken. Doch er erblickte ihn nirgends. Vielleicht war er ein Dienstbote. Er schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sein attraktiver Fremder nur ein einfacher Diener war.

Elliot stand auf der Rangliste der Fechter des Landes weit oben. Er galt als einer der Favoriten. So wurde ihnen die zweifelhafte Ehre zuteil, weit vorne stehen zu dürfen. Nahe an dem Podest, auf dem sich die Throne befanden.

Neben Collem und seiner Familie standen zwei junge Leute. Ein Mann und ein Mädchen. Zwillinge, wie es schien. Sie unterhielten sich leise miteinander, wirkten so ernst wie er selbst und stellten so verbissene Mienen zur Schau wie der Mann mit der schwarzen Maske und dem dunkelblauen Auge.

Als sie seinen Blick bemerkten, bedachten sie ihn mit einem überheblichen Recken des Kinns – beide zugleich, als hätten sie die Geste vor dem Spiegel einstudiert.

„Ich frage mich, ob Fennek seine Gäste immer warten lässt“, brachte Elliot vor und zupfte an seinem silbernen Halstuch.

„Vielleicht möchte er die Spannung steigern. Es sei ihm gestattet“, gab sein Vater mit gesenkter Stimme zurück.

„Denkst du, ich kann ihn um den Finger wickeln?“ Elliot grinste hoffnungsvoll, erpicht darauf, in Ruhm und Ansehen zu baden.

Ehe sein Vater ihm eine Antwort geben konnte, mischte sich Lady Laverne in scharfem Tonfall ein: „Fädle ihn ein, wie einen Faden in ein Nadelöhr, oder ich wickle meine Finger um deinen schlanken Hals und drücke zu.“

Elliot lachte nur, wie er es immer zu tun pflegte, und schüttelte den Kopf über seine Großmutter, die ihn um jeden Preis zu einem Fennek machen wollte. Die Frau würde über Leichen gehen, sollte es nötig sein.

Unvermittelt schwang eine Tür auf und ein Diener klopfte mit seinem Stab auf den Marmorboden, woraufhin alle Anwesenden sich ehrerbietig verbeugten. „Eure königliche Majestät, Henry William, der Erste, und der dreinundzwanzigste Graf von Perpet, Eure Gnaden, Lord Harding ven Fennek.“

Collem gefror das Blut in den Adern, als er das Tappen eines Gehstockes vernahm.

Der Allmächtige war ihm nicht wohlgesinnt. Sein Gebet hatte nichts gebracht.

Wie schrecklich dumm war er gewesen? Warum hatte er nicht gleich daran gedacht? An den Unfall, der Lord Fenneks Karriere beendet und ihn verletzt zurückgelassen hatte... Er hatte die Geschichten am Rande mitbekommen, doch sie nicht mit seinem schönen Unbekannten in Verbindung gebracht. Zu eingenommen war er von dessen Ausstrahlung gewesen.

Als der König sich gesetzt hatte, hob Collem als vermutlich Einziger im Saal den Kopf, um den Grafen anzusehen. Sein Körper war nun in nicht mehr ganz so schlichte Gewänder gehüllt. Diese hätten Collem gleich darauf hingewiesen, dass der Mann kein Dienstbote sein konnte und ihn davon abgehalten, sein Herz lauter klopfen zu lassen. Der dunkelblaue Blick des Lords traf ihn für einen kurzen Moment, ehe der Mann blinzelte und sich unangenehm berührt von ihm abwandte.

Collem starrte erneut zu Boden und zwang ein Lächeln auf seine Lippen, die für eine Sekunde zitterten. Nur für eine Sekunde.

Dann erhoben sich alle und blickten erwartungsvoll zum König hinüber, einem Mann mittleren Alters mit braunem Haar, das von grauen Strähnen durchzogen war, und einem rundlichen Gesicht, das zu seiner stämmigen Erscheinung passte.

„Wir haben uns heute Abend hier versammelt, um einen ersten Blick auf die Teilnehmer des diesjährigen Turniers zu werfen. Da Euer Gnaden, Lord Fennek, erneut ein freier Mann ist, wird es in diesem Jahr wieder darum gehen, einen geeigneten Ehemann oder, was eher unwahrscheinlich ist, eine Ehefrau für ihn zu finden. Wie immer darf ich ihm dabei mit meinem Rat zur Seite stehen, auch wenn ich nicht viel davon verstehe. Weder vom Fechten mit den Schwertern noch vom Fechten mit...“ Einer seiner Leibwächter räusperte sich so laut, dass die unanständigen Worte übertönt wurden. Der König grinste und das Publikum lachte über seinen Scherz, wie von ihm erwartet wurde. Collem lachte nicht. „Dafür habe ich Ahnung von Politik und gewinnbringenden Ehen und aus diesem Grund darf ich meinen Freund beraten. Grayson wird nun die Liste der Fechter verlesen. Jeder, der genannt wird, darf mit seinen Begleitern nach vorne treten und sich vorstellen.“ Er klopfte in die behandschuhten Hände und der alte Kerl mit dem Stab richtete sich auf.

Collem sah zu, wie sich die ersten Fechter vor dem Grafen verbeugten. Er spürte einen Stich der unberechtigten Eifersucht mit jedem Kopfnicken Fenneks. Der Lord und der König wechselten jeweils ein paar Worte mit den Leuten, ehe diese wieder zur Seite zu treten und sich einzureihen hatten. Eure Hoheit flüsterte Lord Fennek etwas zu. Vermutlich berieten sie sich darüber, wie geeignet oder ungeeignet ein jeder der Vorgestellten war. Was sie wohl über Collem sagen würden, wenn er das Recht und das Können – und das ven in seinem Namen – hätte, sich ebenfalls in die Reihe zu gliedern und dem Grafen seine Aufwartung zu machen?

Nichts Gutes vermutlich. Er schob seine Brille zurecht, die er lieber abnehmen würde. Doch wozu? Sein Aussehen war nicht von Wichtigkeit, ebenso wenig wie seine Person.

Der alte Grayson räusperte sich zum tausendsten Mal. „Lord Elliot ven Laverne.“

Collem wusste nicht, ob von ihm erwartet wurde, in der Reihe stehenzubleiben. Er wusste nur, dass er dem Grafen nahe sein wollte. So setzte er sich mit seinem Bruder und dessen Familie – die doch eigentlich auch die seine sein sollte – in Bewegung. Sein Stiefvater musterte ihn überrascht, aber gleichmütig und zuckte mit den breiten Schultern.

Vorne angekommen verbeugte Collem sich tief und fing den Blick des Grafen ein, der diesmal an dem seinen hängen blieb. Und wieder spürte er diese unsichtbare, treffsichere Faust, die sich in seinen Magen rammte.

„Enkel der Gräfin Laverne, Sohn ihres Erben, Lord Bertrand ven Laverne. Er erreichte im Lauf der letzten zwölf Monate einen Punktestand von dreihundertneunzig“, verlas Grayson mit einer Stimme, die einem Reibeisen Konkurrenz machte.

Harding ven Fennek mühte sich sichtlich damit ab, den Blick von Collem zu nehmen, und wandte sich Elliot zu, um in einem knappen Gruß zu nicken.

„Euer Gnaden“, gab dieser samtweich zurück und verbeugte sich ein weiteres Mal.

Collem knirschte, ohne es zu wollen, mit den Zähnen. So laut, dass sein Stiefvater ihn mit einem flüchtigen Seitenblick bedachte. Es war ein Wunder – der Mann hatte ihn an diesem Abend mehr beachtet als in den letzten fünf Jahren...

„Wen habt Ihr noch bei Euch, Lord Elliot?“, wollte der König wissen und nickte zu Collem hinüber.

Lady Laverne gab ihm eine Antwort: „Niemanden von Bedeutung. Er ist nur ein... Gesellschafter für meinen Enkel.“

Das hätte wehgetan, wenn er nicht so daran gewöhnt wäre.

„In erster Linie hofft meine Großmutter, dass ich mich von seiner Tugendhaftigkeit anstecken lasse, Eure Hoheit“, meinte Elliot amüsiert.

„Nicht, dass mein Enkel nicht tugendhaft genug wäre. Es ist eher seines Bastardbruders Ernsthaftigkeit und Disziplin, welche ihm ab und an fehlt.

„Natürlich nicht im Training! Geht es ums Fechten, ist mein Sohn stets äußerst diszipliniert und ambitioniert“, warf sein Stiefvater hastig ein, damit keine falschen Annahmen über seinen Sohn kursieren konnten.

Der König lachte erheitert. Vermutlich darüber, dass man Elliot anpries wie einen Zuchthengst. Collem wäre es egal, wenn es nicht sein attraktiver Unbekannter wäre, den man um den Finger wickeln wollte – wenn er nicht so heftig wünschen würde, es wäre sein Finger, um den der Graf gewickelt war...

Zum ersten Mal erhob dieser die angenehm dunkle Stimme, die Collem einen Schauer übers Rückgrat trieb. „Danke, Mylord, aber ich werde mich vom Können Eures Sohnes überzeugen. Es ist nicht nötig, mich darauf hinzuweisen.“

Lord Laverne buckelte, obgleich er die Nase für gewöhnlich so hoch trug, dass es hineinregnete. „Natürlich, Euer Gnaden. Verzeiht, Euer Gnaden.“

„Vielen Dank, die Lady, die Lords.“ Der König neigte sein Haupt, um sie zu entlassen.

Ehe sie sich auf der anderen Seite einreihten, warf Collem einen kurzen Blick über die Schulter. Eure Hoheit hatte sich zu Lord Fennek vorgebeugt, doch der Graf sah zu ihm herüber. Mit leicht geöffneten Lippen und einer merkwürdigen Miene, die Collem nicht zu deuten wusste. Es war auch nicht von Belang... genau wie er.

 

 

Der Piérrophon-Spieler fing an, ihm auf die Nerven zu fallen. Er spielte so leidenschaftslos, wie man nur spielen konnte. Wenn der Mann wüsste, was für ein Glück er hatte, spielen zu dürfen... Andere hatten es nicht.

„Geh und mach mir ein Getränk, Collem. Du weißt, wie ich es mag, was man von den Kellnern hier nicht behaupten kann“, murmelte Elliot und drückte ihm sein halbleeres Glas in die Hand.

Collem nickte knapp und verließ den Saal Richtung Küche. Beinahe war es eine Erleichterung, dass sein Bruder endlich etwas von ihm begehrte. Es war bei Gott nicht leicht gewesen, den ganzen Abend herumzustehen und mitansehen zu müssen, wie diese jungen, talentierten Fechter um den Grafen herumscharwenzelten. Und warum mussten diese Idioten alle so attraktiv sein? Er schloss die Lippen fester über seinen unschönen Hasenzähnen, die sich nie gut verstecken ließen.

Herrgott, wie konnte er bloß so eifersüchtig sein, wenn er dem Kerl doch erst ein einziges Mal zuvor begegnet war?! Das war nicht normal. Zudem so völlig unüblich für ihn. Er wünschte sich in dem Moment nichts mehr, als dass der Krampf in seinen Eingeweiden nachlassen würde.

Unter dem Personal erregte er kein Aufsehen. Er hatte eben die Erscheinung eines Dieners, wie Lady Laverne einmal angemerkt hatte, und wie sie ihn alle spüren ließen. Jeden Tag aufs Neue. Er war nicht mal mehr wütend darüber, nur noch enttäuscht von seinem Leben und zu gewöhnt an seine Rolle als Bastard, der vor den Herrschaften im Staub zu kriechen und dankbar zu sein hatte. Er war inzwischen so angepasst, dass es ihm schwerfiel, sich daran zu erinnern, dass er sich vor langer Zeit mehr von seiner Zukunft erhofft hatte.

Er gab Eiswürfel in ein frisches Glas, warf drei Zitronenscheiben hinein und füllte es mit gekühltem Wasser, um ein Minzblatt obenauf zu legen. Dann wollte er den Rückweg antreten und erstarrte, als er sich umdrehte, um in ein dunkelblaues Auge zu blicken. Er war so in Gedanken gewesen, dass er das Tappen des Gehstockes nicht gehört hatte. Ein trockenes Schlucken konnte seine enge Kehle nicht weiten.

„Collem“, murmelte der Graf und ließ sein Herz damit schneller schlagen. Wie machte er das? War der Mann so etwas wie ein Magier? „Wir haben Kellner für solche Aufgaben. Ihr müsst das nicht selbst tun.“

„Mein Bruder hasst es, wenn er zu viel oder zu wenig Eis bekommt. Oder Zitronen. Oder zwei statt nur einem Minzblatt“, erwiderte er heiser und schloss seine bebenden Finger fester um das Glas. „Ihr hättet mich warnen sollen, dass die beiden Mistkerle, die mir heute Mittag begegneten, ein und derselbe sind.“

Lord Fennek gab ein kleines, raues Lachen von sich, das schöner nicht klingen könnte. Dann schüttelte er sachte den Kopf. „Ich bin nicht mehr er.“ Er wies mit einer ausladenden Handbewegung auf sich selbst, wollte ihn auf sein verletztes Bein und die Maske aufmerksam machen.

„Ihr seid immer noch der Graf“, rief Collem ihm in Erinnerung. „Seid Ihr... mir gefolgt oder ist unsere Begegnung zufällig?“ Sein Herz wummerte kräftig in seiner verkrampften Brust, als er auf die Antwort wartete.

Der Graf fuhr sich mit der freien Hand durchs Haar. „Ich fürchte, dass der Zufall eine eher kleinere Rolle spielte und ich Euch eher verfolgte, um einen Moment mit Euch zu sprechen, ehe ich mich von den Feierlichkeiten zurückziehe.“

Collem wusste nicht, was er sagen sollte. Er sollte die Flucht ergreifen, denn er wusste, dass sein Wunsch, den Lord näher kennenzulernen, nicht in Erfüllung gehen konnte – der Standesunterschied war zu groß. Hätte er wenigstens Fechttalent, könnte er zumindest rein theoretisch an dem Bewerb teilnehmen und versuchen, den Lord auf diese Weise zu gewinnen, aber er besaß keines. Also sollte er gehen. Doch seine Knie waren zu weich. Und sein Wille war es ebenso. Er wollte nicht verschwinden, sondern genau dort bleiben, wo Harding ven Fennek war.

„Nun, worüber wolltet Ihr mit mir sprechen?“, fragte er, weil es das Unverfänglichste schien, was es zu sagen gab.

Der Graf klammerte sich an seinen Gehstock und sprach schnell, als er das Wort ergriff: „Ich sollte Euch aus Höflichkeit fragen, ob Ihr den Abend unterhaltsam fandet, doch da ich bemerkte, dass Ihr Euch nicht vergnügt, brauche ich das nicht zu fragen. Obgleich ich es dennoch tun sollte, um Euch nicht wissen zu lassen, dass ich Euch beobachtet habe.“ Er griff sich an die Stirn und wirkte, als hätte er das nicht vorbringen wollen, als sei es ihm rausgerutscht.

Was es bedauerlicherweise umso schmeichelhafter machte.

„Ich habe Euch ebenfalls bemerkt, Mylord.“ Sie hatten oft genug Blickkontakt miteinander gehabt, um leugnen zu können, dass sie einander nicht ignoriert hatten, wie es hätte sein sollen. „In der Tat habe ich die Feier nicht sonderlich genossen. Der Piérrophonist ist ein Graus. Dabei hat er ein so schönes Instrument“, murmelte er.

„Ihr seid Musiker?“

Collem schüttelte den Kopf, doch hörte sich die Wahrheit sagen: „Ich spiele, aber meine Familie sieht es nicht gern. Das Musizieren soll Leuten von niederer Geburt vorbehalten sein, sagen sie.“ Er lachte ohne Freude, um bitter hinzuzufügen: „Geht es um meine Pflichten, bin ich nicht mehr als ein Diener. Geht es jedoch um meine Rechte oder Wünsche, bin ich plötzlich von Stand.“ Er entschied, dass er bereits zu viel gesagt hatte. So lenkte er ein, ehe der Graf antworten konnte: „Gewiss war der Abend für Euch unterhaltsamer. Bei so vielen Männern, die förmlich um Eure Aufmerksamkeit betteln.“

„Dabei möchte ich sie bloß Euch schenken.“

Collem zuckte zurück, als hätte man ihm einen Stoß versetzt. Der Mund stand ihm offen und zog des Grafen Aufmerksamkeit auf seine Hasenzähne, die er eilig verbarg. Er hatte keine Ahnung, wie er auf die sanften Worte reagieren sollte. Ihm hatte noch nie jemand von Stand Avancen gemacht. Eigentlich hatte ihm erst einmal zuvor jemand Avancen gemacht, um ihn bald darauf fallen zu lassen – aber das war eine gänzlich andere Geschichte. Er fühlte einen Stich in der Herzgegend, als er daran erinnert wurde, und fand dadurch den Mut, die Flucht zu ergreifen.

„Ich würde sie genießen, könnte ich sie bekommen, doch es ist unumgänglich, zu sagen, dass ich sie nicht wert bin. Wenn Ihr mich jetzt entschuldigt.“

Damit eilte er aus der Küche, um Elliot sein Wasser zu bringen. Genau wie dieser es am liebsten mochte.

Kapitel 3

 

 

Sein Gesicht war schweißfeucht, während er sich an den Knauf seines Gehstockes klammerte, um sein linkes Bein bei jedem Schritt mühsam nachzuziehen, während er den gepflasterten Weg entlang des Trainingsgeländes nahm.

Letzte Nacht hatte er auf seine Schmerzmittel verzichtet. Sie ließen ihn jedes Mal viel zu tief schlafen und er hatte keinen Sinn für Schlaf gehabt, weil er schlichtweg zu aufgewühlt gewesen war. Lieber hatte er den Schmerz ertragen, als sich in die halbe, folgenschwere Ohnmacht zu stürzen und nicht an Collem Mareea denken zu können. Der Mann ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Er sollte sich auf die Nachwuchsfechter konzentrieren, sollte ihnen beim Training zusehen und beurteilen, wer von ihnen das meiste Potenzial in sich trug. Er sollte sich jemanden aussuchen, den er bereits vor dem Turnier förderte. Er sollte sich einen Mann oder eine Frau zum Heiraten aussuchen, doch danach stand ihm nicht der Sinn. Die Jungfechter schwankten zwischen Arroganz, weil ein jeder von sich glaubte, er sei der Beste, und einer gewissen Unterwürfigkeit gegenüber Harding, weil man seine Gunst erringen wollte, um ein wenig von dem Glanz und Ruhm zu bekommen, den der Name Fennek mit sich brachte. Es war nicht sonderlich erheiternd oder angenehm, sich mit diesen Leuten zu unterhalten. Ausnahmslos drehten sich die kurzen Gespräche darum, wie diszipliniert oder herausragend derjenige Kandidat im Fechten war.

Warum stets dieser Aufwand? Wozu brauchte es die Vorstellungen, das Kennenlernen? Der Sieger des Bewerbes durfte seinen Namen annehmen und von seinem Training profitieren. Aus mehr bestanden seine Ehen nicht und er war es langsam leid, zum Amüsement des Königs immer wieder aufs Neue dieses Spiel zu spielen.

Anfangs war es anders gewesen. Nach dem Unfall, der keiner war, und der Sommernacht, seit welcher er nicht mehr gehen konnte wie ein richtiger Mann – seit der er kein richtiger Mann mehr war – hatte er sich danach gesehnt, seinen Ruhm durch einen anderen noch einmal zu durchleben. Doch es war nicht dasselbe, ob man ein Turnier selbst ausfocht oder jemanden zum Sieger trainierte. Inzwischen ermüdete es ihn – sein Leben, das Fechten, die Bewerbe.

„Wollt Ihr Euch Lord Laverne ein wenig genauer ansehen, Euer Gnaden?“, fragte sein oberster Kammerherr Jaylen Finnigan mit kratziger Stimme und strich sich durch den langen Bart – wie er es immer tat, wenn er ihn zu manipulieren suchte und aus dem Grund ein wenig nervös wurde. „Soweit ich weiß, trainiert er in den unteren Gärten.“

Man hatte ihm das Porträt des Jungen bereits an die fünfzig Mal unter die Nase gehalten, weil er als der vielversprechendste Nachwuchsfechter des Jahres gehändelt wurde. Harding hatte kein Interesse an ihm, dennoch nickte er eifrig, hatte Laverne doch einen Bruder, der ihn umso heftiger interessierte.

Sie nahmen die nächste Abzweigung nach rechts und die Stufen nach unten, die ihm schwer zu schaffen machten. Schmerz breitete sich in seinem Körper aus, brannte heiß in seinem verfluchten Bein und er musste sich auf die Zunge beißen, um nicht vor Wut und Verzweiflung aufzuschreien. Er schmeckte Blut. Seine Fingerknöchel um den Griff seines Stockes traten weiß hervor und taten ihm weh – nicht weh genug, um ihn von seinem Bein abzulenken. Seine Augen waren wässrig, als er endlich unten angelangte. Er versuchte, einen tiefen Atemzug zu tun, der ihm nur halb gelang, da er ihn in diesem Moment erblickte. Collem Mareea.

Zu seinem Bedauern sah er den Jungen nur verschwommen, doch er sah genug, um seinen Herzschlag anzutreiben. Collems dunkles Haar war bieder gescheitelt, verlieh seinen strengen Zügen mehr von der Ernsthaftigkeit, die er ausstrahlte. Seine Wangen waren glatt rasiert, was ihn unschuldig wirken ließ. An diesem Tag trug er keine Brille. Sein Oberkiefer stand ein wenig vor – es mutete süß an. Sein Körper war schlank und sehnig, von einer gewissen männlichen Zierlichkeit, doch stets schien jeder Muskel angespannt. Er wirkte schrecklich ernst – trocken gar, aber er hatte Humor, wie Harding wusste, und besaß die verbalen Fertigkeiten, die es brauchte, um sich gegen sarkastische Bemerkungen zu wehren. Das gefiel ihm, denn es war herrlich erfrischend.

„Soll ich Euer Gnaden ein wenig stützen?“, murmelte Finnigan.

Harding schüttelte heftig den Kopf und wich zurück.„Das ist unangebracht“, zischte er dem Alten zu und straffte die Schultern, um den letzten Rest Würde zur Schau zu stellen, der ihm geblieben war.

Langsam überwand er die Distanz zwischen sich und dem Mann, in dessen Nähe es ihn unweigerlich zog und von dem er den Blick nicht lassen konnte.

Collem parierte Lavernes Hiebe mit ebensolcher Mühe, die Harding aufwenden musste, um sein Bein nachzuschleifen. Seine Bewegungen waren jedoch fließend, er sah sehr schön dabei aus. Er setzte zu einem Gegenangriff an, bewegte sich schnell, doch sein Bruder war eine Spur wendiger. Laverne wehrte ab und schlug Collem das Florett aus der Hand. Die stumpfe Übungswaffe flog durch die Luft und blieb mit der Klinge im Gras stecken.

„Ha! Du bist mir nicht gewachsen, Collem! Kriech vor mir im Staub, Mann!“ Laverne richtete die Spitze seiner Waffe gegen Collems Brust und beschwor damit Hardings Zorn herauf.

„Ihr habt Potenzial, doch solltet an Eurer Attitüde arbeiten“, warf er lautstark ein und brachte die beiden Brüder samt den wenigen Zuschauern dazu, sich zu ihm umzudrehen.

„Mylord!“, brachte Laverne hervor und zwang ein entschuldigendes Lächeln auf seine Lippen. „Oh, unter Brüdern darf man schon mal einen derartigen Scherz machen, nicht wahr, Collem?“ Er klopfte ihm auf die Schulter und zwar so heftig, dass Collem zusammenzuckte. „Du weißt, dass ich es nicht so meine, ja?!“

„Natürlich“, erwiderte Collem kaum hörbar und deutlich außer Atem. Er mied Hardings Blick, während er sich Schweiß von der Stirn wischte, und sammelte verlegen sein Florett ein, vermutlich um etwas in den Händen zu halten.

„Vielleicht gönnt Ihr Eurem Bruder eine Auszeit und zeigt mir mit Mister Donoghue, was Ihr könnt?“, schlug Harding vor und winkte einen der umstehenden Trainingspartner herbei, die stets auf einen Einsatz zu warten hatten.

„Gewiss, Euer Gnaden!“, nickte Laverne und schien sich über die Aufmerksamkeit zu freuen.

Auch Finnigan, der den gebührenden Abstand wahrte, wirkte zufrieden. Dabei ging es Harding einzig und allein darum, ein paar Worte mit Collem zu wechseln.

„Leistet mir doch kurz Gesellschaft, hm?“, bat er mit gesenkter Stimme und bekam ein Nicken zur Antwort, ehe sie sich gemeinsam an den Rand stellten, um so tun zu können, als würden sie Lavernes Fechtkünste begutachten.

Aus dem Augenwinkel betrachtete Harding jedoch den immer noch schwer atmenden Jungen an seiner Seite und verfolgte einen Tropfen Schweiß, der dessen Schläfe hinablief. Er leckte sich die Lippen und musste sich räuspern, ehe er etwas sagen konnte: „Ihr bewegt Euch nicht so steif, wie ich angenommen hatte.“

Eine schmale Augenbraue hob sich in spöttischer Manier. „Wollt Ihr mir schmeicheln, Mylord? Denn dann muss ich Euch leider mitteilen, dass mich Komplimente, die mein fehlendes Fechttalent angehen, kalt lassen.“

„Gut, dann sage ich eben, dass mir gut gefällt, wie Ihr ausseht, wenn Ihr Euch auf etwas konzentriert.“ Das hätte man eleganter ausdrücken können. Doch Harding war zu aufgewühlt, um seine Worte mit Bedacht zu wählen.

Collem warf ihm einen prüfenden Blick zu. „Ihr seid blass. Geht es Euch gut?“

Die Frage brachte Harding so aus dem Konzept, dass er ins Wanken geriet. Wann hatte sich zum letzten Mal jemand nach seinem Befinden erkundigt?

„Ja“, brachte er mit rauer Stimme hervor und sah Collem offen an. „Ja, es geht mir gut, vielen Dank.“

Collem klärte seine Kehle und sie wandten sich voneinander ab, nachdem sie sich viel zu lange und doch zu kurz in die Augen geblickt hatten. Gott, der Junge hatte wundervolle Augen... „Mein Bruder ist also Euer Favorit?“

Harding vergewisserte sich, dass Laverne immer noch am Fechten war – der Bursche gab alles, um ihn zu beeindrucken. „Ich werde ihn für den Bewerb trainieren“, nickte er, bemerkte Collems Verdruss über dieses Geständnis und fügte leiser hinzu: „Damit ich in Eurer Nähe sein kann.“

„Für einen Mistkerl redet Ihr ganz schön schwülstig daher“, konterte Collem, doch sein Mundwinkel hob sich in einem kaum merklichen Lächeln, das Hardings Herz einen Schlag aussetzen ließ.

„Ich kann auch anders sein“, murmelte er und hoffte, dass Collem niemals mit seiner schlechten Seite in Berührung kommen würde. Er bewegte sein Bein, weil ihn ein Krampf quälte, und biss die Zähne zusammen. „Habe ich das Leuchten in Euren Augen richtig gedeutet? Spielt Ihr Piérrophon?“

„Ja, das tue ich“, nickte Collem eifrig, ehe er sich besann und bedrückt hinzufügte: „Wann immer ich dazu komme. Das Instrument ist zu laut, um es heimlich in meiner Kammer zu spielen.“ Die Freude kehrte in sein Gesicht und seine Körperhaltung zurück, als er sich Harding zuwandte: „Ich habe ein uraltes Ding von einem Piérrophon aus einem Antiquitätenladen. Es ist rostig und sieht grauenvoll aus.“ Seine Lippen verzogen sich zu einem hinreißenden Grinsen, ehe er sich herüberbeugte und meinte: „Ich will außerdem nicht wissen, wie viele Leute schon vor mir in dieses Ding reingesabbert haben.“

Harding hob vor Überraschung die Augenbrauen, was Collem dazu brachte, sich abzuwenden und hauchzart zu erröten.

„Verzeiht meine Wortwahl, Lord Fennek.“

„Nein, ich...“ Das war es gar nicht gewesen. Ihn hatte nur die vertrauliche Art verwundert, in der Collem das Wort an ihn gerichtet hatte.

Für eine Weile schwiegen sie sich an und anstatt Laverne seine Aufmerksamkeit zu schenken, konnte Harding den Blick – nur verstohlen aus dem Augenwinkel – nicht von dessen Bruder lassen.

„Wie ist es passiert?“, wollte Collem unvermittelt wissen und Harding bemerkte, dass der Junge auf sein nutzloses Bein hinabblickte.

Er verdeckte es mit seinem Umhang. „Ein Unfall.“

„Und Euer Gesicht? Warum versteckt Ihr es?“

„Es wundert mich, dass Ihr die Antwort nicht bereits kennt.“ Immerhin sprach man viel über ihn – gerade in Kreisen, in denen das Fechten Bedeutung hatte.

„Ich bin nicht von hier, wie Ihr wisst.“ Collem zuckte mit den schmalen Schultern und schüttelte sachte den Kopf. „Aber wenn Ihr es mir nicht sagen wollt, werde ich mich umhören.“

Laverne verlor seine Waffe, stolperte über seine eigenen Beine und ging zu Boden, um sich im Gras liegend zu ergeben und eine peinlich berührte Miene zu ziehen.

Mühsam ergriff Harding das Wort: „Ihr solltet an Eurem Kraftaufwand arbeiten. Wendigkeit allein wird Euch nicht zum Sieg führen. Ihr müsst auf die Kraftbank. Ich werde am Nachmittag noch einmal nach Euren Fortschritten sehen und Euch ein paar Ratschläge erteilen, sollte es nötig sein.“

Laverne nickte und kam auf die Beine. Es war an der Zeit, zu gehen und den Burschen wieder seinem Training zu überlassen.

Harding schluckte trocken, während Finnigan sich näherte, und meinte im Flüsterton zu Collem: „Wenn Ihr das tut, werdet Ihr sehr schnell erfahren, dass ich ein Dreckskerl sein kann. Ich hoffe, Ihr werdet mir Eure Gesellschaft dann nicht vorenthalten.“

Collem kam nicht dazu, etwas zu erwidern, da Finnigan im nächsten Moment neben ihnen stand. So verbeugte sich der Junge bloß und gewährte ihm noch einen Blick in die schönsten Augen, die ihm jemals untergekommen waren. Dann musste Harding sich von ihm abwenden und seinem Kammerherrn folgen. Und dabei all seine Willenskraft anstrengen, um sich nicht umzudrehen.

Als sie außer Hörweite waren, erhob Finnigan die raue Stimme: „Euer Gnaden sollten sich Lord Laverne ein wenig annähern, er scheint sehr vielversprechend.“

Schon wieder die alte Leier. Harding konnte sich ein Seufzen nur mühsam verkneifen. „Ihm annähern? Warum sollte ich das tun? Er ist ein talentierter Fechter, das gebe ich zu.“ Es ist mir nur vollkommen gleichgültig. „Doch es besteht kein Grund, warum es nicht wie immer laufen sollte. Ich werde ihn ein wenig trainieren, ihm ein paar Geschenke zukommen lassen und ihn...“ Es kam ihm kaum über die Lippen. „... ehelichen, sollte er gewinnen“, würgte er hervor und fühlte aufkommende Übelkeit bei dem Gedanken, erneut jemanden zu heiraten, der ihm nichts bedeutete – und dem er nichts bedeutete.

„Oh, der König wäre hellauf begeistert, das zu hören. Fennek und Laverne ist eine so vorteilhafte Verbindung, aber... wollen Euer Gnaden nicht vielleicht...“

Harding hielt ruckartig inne und ignorierte mühsam den Schmerz. „Was wollen Eure verdammte Gnaden nicht vielleicht?“

Der dickliche Mann mit dem Gesicht aus Stein zwang ein entschuldigendes Lächeln, das sich kaum in seine ungeübte Miene meißeln ließ, auf seine Lippen. „Vielleicht dieses Mal einen anderen Weg einschlagen. Vielleicht mögt Ihr den Burschen, wenn Ihr ihn erst näher kennenlernt. Und vielleicht würde er sogar Euch mögen, wenn Ihr Euer Temperament ein wenig zügelt und Euch... etwas... nun...“ Er verstummte und räusperte sich, als er an Hardings grimmiger Miene bemerkte, dass er zu weit gegangen war. Wie so oft in diesen Belangen. Und wie so oft, fragte Harding sich, warum er den Alten nicht längst zum Teufel gejagt hatte!

Er kannte die Antwort. Weil der dicke Alte der einzige Kerl war, vor dem er sich nicht in Grund und Boden schämte. Wenn ihm schon jemand bei all den kleinen Tücken des Alltags zur Seite zu stehen hatte, weil Harding sie nicht alleine bewältigen konnte, dann musste es Jaylen Finnigan sein, der ihn kannte, seit er ein kleiner Junge war. Mit Sympathie oder Zuneigung hatte das herzlich wenig zu tun. Nur mit Stolz.

Sein ganzes verdammtes Personal wünschte sich, dass er glücklich war. Die Leute dachten dabei jedoch nicht an ihn – denn er war ihnen einerlei – sondern nur an ihr eigenes Wohl. Sie erhofften sich, dass er ruhiger werden würde...

Zumindest der Großteil von ihnen. Finnigan wollte lediglich, dass Harding dem König gefiel und möglichst hoch in dessen Gunst stand, denn es brachte ihm unter seinesgleichen das hohe Ansehen ein, in dem er sich suhlte wie ein Schwein im Dreck.

„Ich will nichts mehr von der Ehepolitik des Königs hören“, brachte Harding mit bebender Stimme vor. „Sollte ich mich jemals jemandem annähern, wird es gewiss nicht Elliot ven Laverne sein.“ Bei diesen Worten warf er nun doch einen Blick über die Schulter und war über die Maßen überrascht, als er gewahrte, dass Collem ihm nachsah. Der Junge erschrak und wandte sich ab, um sich flüchtig über den Mund zu wischen.

Hardings Herz verkrampfte sich auf schmerzhafte Weise und er nahm eilig den Blick von dem Mann, den er nicht begehren durfte. Und es trotzdem tat.

 

 

Collem räusperte sich, um die Aufmerksamkeit des groß gewachsenen Butlers zu erlangen, der samt einem weiteren Diener vor dem Eingang der Küche stand und offenbar auf etwas wartete.

Der hagere Mann mit dem strohblonden Haar, das ihm wie geleckt am Kopf klebte, wandte sich zu ihm um: „Kann ich Euch behilflich sein, Sir?“

„Äh, ja. In der Tat. Ihr seid einer von Lord Fenneks Dienern, nicht wahr?“

„Sonst würde ich nicht die Uniform seines Personals tragen“, kam kühl zurück und der Jüngere grunzte in einem Lachen, während er Collem abschätzig musterte, um gleich darauf wieder ernst dreinzublicken – ein gewisses Maß an Überheblichkeit in der hässlichen Miene.

„Gut gekontert, Cattlepryde“, meinte der Bursche.

Sogar die Dienstboten hielten sich für etwas Besseres. Collem ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. „Dann könnt Ihr mir gewiss erzählen, wie Euer Master zu seinen Verletzungen kam.“ Er sollte nicht herumfragen, sollte keine Aufmerksamkeit darauf lenken, dass ihm etwas an dem Grafen lag. Dennoch konnte er sich nicht gegen seine überbordende Neugier wehren.

Die beiden Männer wechselten einen flüchtigen, irritiert wirkenden Blick miteinander. „Ihr seid der Bastardbruder des Favoriten. Gewiss fragt Ihr aus Sorge um ihn, doch Ihr müsst Euch keine Gedanken darüber machen, dass der Graf ihm Unschickliches antun könnte“, meinte Cattlepryde und grinste anzüglich, während der Kleinere dümmlich lachte.

Die Worte beschworen in Collem Bilder herauf, die er nicht sehen wollte – Elliot in Lord Fenneks Armen. Er straffte die Schultern. „Ich habe Euch eine sehr deutliche Frage nach den Verletzungen des Lords gestellt und wollte keine Analyse über dessen Verhalten im Schlafgemach.“

Der Butler hob die buschigen Augenbrauen. „Wenn Ihr mich ankeift, könnt Ihr gleich jemand anderen danach fragen.“

In diesem Moment tauchte ein Mädchen aus der Küche auf, ein Tablett in den Händen. Darauf standen eine Kanne mit Tee samt einer leeren Tasse und ein Teller mit einem Stückchen Schokoladenkuchen. Sie reichte es Cattlepryde, der es schweigend an sich nahm und mit seinem Kumpanen den Rückzug antrat, ohne Collem eines weiteren Blickes zu bedenken.

Verärgert sah er den beiden nach und presste die Lippen zu einer schmalen Linie.

„Ihr wollt etwas über den Grafen erfahren?“, fragte das Küchenmädchen plötzlich und er wandte sich um, um zu nicken. „Dann setzt Euch zu uns, damit wir Euch ein paar Geschichten erzählen können.“ Mit einem Lächeln hielt sie die Schwingtür für ihn auf und wies ihn mit einem Kopfnicken an, einzutreten.

 

 

Im Hinterzimmer der riesigen Küche saßen ein paar von Lord Fenneks Dienern zusammen, rauchten Zigarren und tranken etwas von dem sündhaft teuren Whiskey des Königs, wie man ihm stolz verriet. Collem hatte jedes ihm angebotene Genussmittel abgelehnt und wartete gespannt auf die Geschichte, zu der einer der älteren Dienstboten gerade ansetzte. Der grauhaarige Mann namens Pauly hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt und die Beine auf den kleinen Tisch in ihrer Mitte gelegt. Er zog noch einmal an seiner Zigarre und begann zu erzählen: „Es war ein regnerischer Tag, an dem Fennek sich mit Elijah ven Halleroy duellieren sollte. Es war das Ereignis des Jahres.“ Er machte große Augen und gestikulierte mit den Händen. „Es war der Fechtkampf, auf den ganz Perpet und Pristin, nein, die ganze Insel, sehnsüchtig wartete! Der Graf hatte hart trainiert, wie immer, doch er war voll von dieser Arroganz, die er an sich hatte, ehe sie ihm...“ Er lächelte selbstgefällig, was Collem wütend machte. „... ausgetrieben wurde.“

Das Personal stimmte in sein kratziges Gelächter mit ein, während Collem verborgen blieb, was so amüsant war. Lord Fennek war schwer verletzt worden. Daran gab es nichts Erheiterndes. Ein Schauer lief ihm angesichts des boshaften Lachens über den Rücken.

„Jedenfalls trafen sich die beiden Männer im Ring. Fennek mit dem üblichen Grinsen auf den Lippen, von dem er sich einbildete, es sei das schönste auf der ganzen Welt...“ Ein Zug an der Zigarre folgte. „... arrogantes Arschloch.“

„Eingebildeter Geck“, stimmte eines der alten Weiber zu und nickte knapp.

Collem ballte die Hände zu zitternden Fäusten, ehe er sich besann und sich daran erinnerte, dass er Lord Fennek erst seit dem gestrigen Tage kannte. Vielleicht war er tatsächlich ein Mistkerl, wie er selbst gestanden hatte. Vielleicht verdiente er den Hohn über seine Makel. Vielleicht sollte Collem sich die Geschichte zu Ende anhören, ehe er ein Urteil fällte. Er holte tief Luft.

Pauly nahm einen Schluck Whiskey und fuhr fort. „Fennek wollte den König beeindrucken, denn er erhoffte sich einen Aufstieg zum Herzog. Des Sieges war er sich sicher, daran ließ sein Gehabe keinen Zweifel. Er bestand sogar darauf, mit scharfen Waffen zu kämpfen, was seinem Gesicht bekanntlich zum Verhängnis wurde. Halleroy überraschte ihn mit seinem Können. Der König hatte dem Mann eine eigene Grafschaft versprochen, sollte er siegen. Er musste Tag und Nacht trainiert haben, um es zu vollbringen, den langjährigen Champion zu übertrumpfen. Jedenfalls besiegte er den ungeschlagenen Fennek im Kampf. Fenneks Klinge brach in zwei Stücke, so kraftvoll hatte Halleroy ausgeholt! Ihr hättet hören sollen, was im Publikum vor sich ging“, lachte der Alte und klopfte auf den Tisch. „Erzähl ihm, was im Publikum vor sich ging, Georgina!“

Die alte Frau mit dem Dutt setzte ein Grinsen auf, als die Aufmerksamkeit aller auf ihr ruhte. „Bei Halleroys erstem Treffer ging ein Raunen durch die Menge und Fennek war so überrascht, dass er für einige Momente erstarrte. Es war ein harter Kampf, doch die Leute feuerten mehr und mehr Halleroy an. Als er siegte, waren die Massen außer sich. Man erwies ihm stehend die Ehre, die ihm gebührte. Der Beifall war überwältigend.“

Pauly übernahm erneut: „Fennek war darüber so erzürnt, dass er sich die Schutzmaske vom Gesicht riss und auf Halleroy zustürmte, um einen Streit anzufangen. Niemand weiß bis heute, was genau gesprochen wurde, doch plötzlich hob Halleroy sein Rapier und zog es in einer schnellen Bewegung über die linke Seite von Fenneks Gesicht.“ Er lachte rau und Collem fuhr zusammen. „Blut spritzte auf die Leute in den ersten Reihen und das Publikum rastete aus!“

Ihm wurde übel, der Zigarrenrauch fuhr ihm beißend in die Nase und brannte in seinen Augen.

„Halleroy hatte so viel Kälte und Genugtuung in den Zügen, dass ich glaube, er hätte Fennek umgebracht, wenn nicht der König Einhalt geboten hätte.“

Collem suchte nach Worten, wollte das Personal fragen, warum es den Grafen so sehr hasste, dass es dermaßen gehässig über ihn und eine Angelegenheit sprach, die sein Leben auf diese Weise verändert hatte, doch seine Kehle war so trocken, dass er kein Wort hervorbrachte.

„Oh, erzähl noch einmal die Geschichte von seiner Geburtstagsfeier, als sein Vetter ihn bloßgestellt hat!“, bettelte das Küchenmädchen und klatschte einige Male kaum hörbar in die Hände.

Man brach erneut in Gelächter aus und Pauly meinte, nachdem er sich einen Tropfen von der Wange gewischt hatte: „Diese Schmähung ist es wirklich wert, immer und immer wieder erzählt zu werden.“

„Was geschah auf seiner Geburtstagsfeier?“, fragte Collem.

„Es war sein dreißigster, der gefeiert werden sollte. Nach dem Zwischenfall mit Halleroy ein Jahr zuvor hat er sich fast vollständig aus der Gesellschaft zurückgezogen. Seine Mutter bestand jedoch darauf, dass er zum Anlass seines Geburtstages ein Fest gab. Fennek beugte sich ihrem Willen und veranstaltete eine Feier enormen Ausmaßes. Sein Vetter ist Musiker und war mit seiner Gruppe geladen, um den Abend musikalisch zu untermalen.“

Wieder kicherten einige der Mädchen, während die Männer vergnüglich grunzten.

Pauly zog an der Zigarre, hüllte sich in Qualm. „Was er auch getan hat. Fennek hielt sich im Hintergrund, während die Gäste sich volllaufen ließen und Näschereien in sich hineinstopften, bis sie aus allen Nähten platzten.“ Er zuckte mit den Schultern. „Wer kann es ihnen verübeln? Fennek hat ja für alles bezahlt.“

„Sie haben es ihm nicht gedankt“, schüttelte die Küchenmagd so heftig den Kopf, dass ihr das weiße Häubchen verrutschte.

„Sein Vetter unterhielt die Leute und zeigte außergewöhnliches Können am Klavier. Der Mann ist ein wahres Talent.“

„Was ist passiert?“, forderte Collem zu wissen, weil ihn das Geschwätz über den Cousin des Grafen nicht interessierte. Der Kerl hatte Lord Fennek brüskiert, wie könnte er sich für dessen musikalisches Können begeistern?

Pauly genehmigte sich einen Schluck Whiskey, ehe er endlich weitererzählte: „Fennek hat sich sein Lieblingslied gewünscht. Eines, das man schon seit Jahrzehnten in keinem Ballsaal mehr spielt, weil es ungut ist.“

„Welches Lied?“

„Your bullet shot my heart.“

Collem blinzelte und vervollständigte den Titel: „A thousand times before I died.“

„Wie auch immer“, winkte Pauly ab.

Ungut? Dieses Stück war ein Meisterwerk. Die Leute hörten es bloß nicht gern, weil es schrecklich melancholisch war und einem Gänsehaut einbrachte. Und die meisten Musiker konnten es nicht vernünftig spielen, weil man viel Gefühl und Fingerfertigkeit brauchte.

„Jedenfalls hat Fennek sich das gewünscht, weil es ihn an seinen Vater erinnert. Sein Vetter tat ihm den Gefallen und kündigte an, das folgende Lied sei nur für Fennek.“ Er lachte und nickte anerkennend. „Es folgte ein Affront sondergleichen. Man spielte das Lied, doch unglaublich schlecht und schnell und in einer völlig falschen Tonlage. Es war köstlich. Der ganze Saal verstummte. Fennek stand mitten in der Menge, die sich für ihn teilte, und starrte nach vorne. Ich werde seine Miene niemals vergessen.“

Collem fühlte dumpfen Schmerz in der Brust.

„Er sah so traurig aus, dass er mir fast leid getan hätte“, grinste Georgina spöttisch.

„Für einen Moment dachten wohl alle, er würde in die Knie gehen und in Tränen ausbrechen“, nickte Pauly und bleckte die Zähne. „Das hätte den Abend perfekt gemacht, doch anstatt sich auf diese Weise die Blöße zu geben, tat er es auf eine andere, indem er sein Glas auf dem Marmor in Scherben zerspringen ließ und wütend aus dem Saal stürmte. Soweit ihm das Stürmen mit dem Stock möglich war. Er hat sich nicht einmal von seinen Gästen verabschiedet, sondern sich in seinem Gemach eingeschlossen, bis auch der letzte Besucher abgereist war. Eine selten peinliche Vorstellung.“

Collem wollte dem Kerl sagen, dass er ihn für ein Arschloch hielt, doch der hagere Cattlepryde kam ihm dazwischen.

Der Kerl stand plötzlich im Türrahmen und donnerte: „Ich glaube, ich sehe nicht richtig! In die Höhe mit euch, ihr faulen Dummköpfe, an die Arbeit.“

Collem war vor allen anderen auf den Beinen und nahm Reißaus. Im Rücken hörte er den Butler in einer Tonlage kreischen, die einer Gebärenden Konkurrenz machen könnte: „Ist das etwa der levonische Whiskey des Königs?!“

Hinter der nächsten Ecke hielt er inne und lehnte sich an die Wand, um kurz die Augen zu schließen. Seine Kehle war so eng, dass er kaum schlucken konnte.

Warum hassten die Leute ihren Dienstherrn so sehr? Was hatte der Mann verbrochen, um diese Boshaftigkeit zu verdienen? Hatte er etwas Böses getan oder tat man ihm bloß schrecklich Unrecht?

Wären es nur ein oder zwei Diener, die so sprachen, hätte er an die Unschuld des Grafen geglaubt, doch es kam ihm unwahrscheinlich vor, dass all diese Menschen in jenem Hinterzimmer Unsinn redeten.

Darüber hinaus hatte Lord Fennek selbst zugegeben, ein Mistkerl zu sein, also würde wohl etwas Wahres an der Behauptung sein.

Dennoch hätte man ihn auf seiner eigenen Geburtstagsfeier nicht so vor den Kopf stoßen dürfen, Himmel noch eins!

Collem raufte sich das Haar und gab ein leises Knurren von sich. Vermutlich war es an der Zeit, sich den Mann aus dem Kopf zu schlagen und die Sache auf sich beruhen zu lassen. Er sollte Fennek aus dem Weg gehen. Die kleine Tändelei zwischen ihnen, so sehr sie ihm auch gefallen und sein Herz zum Rasen bringen mochte, war ohne Sinn und ohne Zukunft. Es wäre klüger, sich zurückzuziehen, ehe er sich weiter hineinsteigerte und es letztendlich richtig wehtun würde.

Ja. Ja, es wäre definitiv klüger...

Aber was hatten Fennek und Halleroy zu streiten gehabt? War es um die Fechterei oder um etwas anderes gegangen? Was hatte Halleroy dermaßen erzürnt, dass er dem Grafen mit der Spitze eines scharfen Rapiers ins Gesicht fuhr?

Und wenn der König den Streit an diesem Punkt beendet hatte, wie war es dann zu jener folgenschweren Verletzung an Lord Fenneks Bein gekommen?

Kapitel 4

 

 

Toby watschelte ihm in die Dunkelheit voraus, während Harding mühsam durch seinen privaten Garten hinkte, über dem der Nachthimmel hing. Er genoss die Stille. Er war es gewohnt, für sich zu sein, doch einmal im Jahr – besonders wenn er unverheiratet war – balgten sich junge Leute verbal um seine Aufmerksamkeit. Nicht, dass sie sich mit ihm unterhalten oder ihn kennenlernen mochten, doch sie wollten, dass er ihnen beim Training zusah und Ratschläge erteilte. Das war anstrengend und wenig befriedigend.

Kühle Luft streifte seine Wangen. Beide, weil er sich sicher sein konnte, dass ihm hier niemand über den Weg lief. Er atmete einmal tief ein und beobachtete Toby dabei, wie er das Beinchen an jedem Strauch hob.

Für einen Moment erinnerte er sich an seinen letzten Ehemann, den er kurz nach dem Winterbewerb in Perpet zum Teufel gejagt hatte. Der Bursche hatte drei Mal hintereinander verloren. Harding hatte es ihm nicht selbst mitgeteilt, sondern Finnigan vorgeschickt. Schon einen Tag später war das Papier für die Scheidung unterschrieben und der junge Mann fort. Sie hatten sich nicht einmal Lebwohl gesagt, so wenig hatten sie aneinander gehangen.

Er seufzte leise.

Sein Tag war nicht besonders angenehm gewesen, denn seine Befürchtungen schienen sich zu bewahrheiten. Collem ging ihm aus dem Weg. Zumindest war er nicht dabei gewesen, als Harding nachmittags Lavernes Training beigewohnt hatte.

Offenbar hatte der Mann bereits Dinge über ihn in Erfahrung gebracht, die ihn davon abhielten, in seiner Nähe sein zu wollen.

So hatte Harding die Zeit mit dessen Bruder verbringen müssen und es hatte ihm ganz und gar nicht gefallen. Laverne war keine erquickende Gesellschaft, denn er sprach nur von sich selbst und seinen Fechtkünsten. Die Ratschläge, die Harding ihm bezüglich seiner schwachen Beinarbeit in der Rückwärtsbewegung gegeben hatte, nahm er zwar nach außen hin an, aber das Funkeln in seinen Augen bei jeder Einmischung seinerseits hatte Harding wissen lassen, dass es dem Jungspund nicht behagte, von einem Krüppel korrigiert zu werden.

„Toby?“, fragte er, als er die Umrisse seines Hündchens nicht mehr ausmachen konnte. „Toby, hierher“, fügte er sachte hinzu und erwartete, den alten Burschen gleich an seiner Seite erscheinen zu sehen.

Tat er jedoch nicht und sein Herzschlag beschleunigte sich. Hatte sein Hund wieder einen seiner Schwächeanfälle und war irgendwo zusammengebrochen?

„Toby, wo bist du?!“ Er beschleunigte seine Schritte, was ihm nicht leicht fiel, da sein Gehstock sich stetig irgendwo in den Grasbüscheln verfing oder in der Erde steckenblieb. Abermals rief er Tobys Namen, spürte aufkommende Panik darüber, dass es endgültig mit ihm vorbei sein könnte – dass Gott ihm auch noch das Letzte stahl, das ihm in seinem leeren Leben geblieben war. „Bitte tu mir das nicht an! Toby!“

Keuchend hielt er inne, hätte beinah einen Schrei ausgestoßen, als in der Finsternis plötzlich jemand vor ihm stand.

Nicht irgendjemand, er. Collem. Mit einem wild wedelnden – zum Glück wohlauf wirkenden – Toby auf dem Arm, der den jungen Mann anzuhimmeln schien. Er war eben ganz seines Herrchens Hund...

Ihre Blicke trafen sich und Collem wich erschrocken zurück.

Harding riss die Hand vors Gesicht, um seine Narben zu verdecken. „Verzeiht mir, ich...“, setzte er zu einer Entschuldigung an, doch besann sich, als er das Beben seiner Lippen spürte. „Was habt Ihr in meinen Gärten zu suchen, Mareea?“, donnerte er dann mit aller Wut, die er aufbringen konnte. „Der Zutritt ist niemandem gestattet, außer mir und meinem Personal! Ich sollte nach den Wachen rufen!“

„Ja, tut das. Ihr solltet mich in den Kerker werfen lassen, weil ich unerlaubt hier spazieren ging. Ich bin vielleicht ein Schwerverbrecher, man sollte mich verhören. Man kann nicht ausschließen, dass ich ein Attentat auf Euch geplant habe“, kam trocken zurück und Collem wollte seinen Blick erneut einfangen, was Harding ihm nicht gestatten konnte.

„Spart Euch Euren verdammten Sarkasmus!“ Der Magen drehte sich ihm unaufhörlich und er wandte sich auf eine Weise ab, die jene zerfetzte Seite seines Gesichts vor Collem verbergen würde, ohne dass er sich die Hand vorhalten musste. „Setzt ihn auf den Boden und dann verschwindet!“

„Ich will mit Euch sprechen, Lord Fennek. Und Ihr wolltet heute Morgen auch noch sehr gerne mit mir sprechen. Nun haben wir die Gelegenheit und Ihr jagt mich fort, nur weil Ihr glaubt, Euer Anblick würde mich stören?“

„Ich jage Euch fort, weil Ihr hier nichts zu suchen habt! Ihr habt nicht das Recht, hier einfach einzudringen!“, widersprach Harding, obgleich Collem ihn längst durchschaut hatte. Er wollte dem bezaubernden Jungen nicht zeigen, wie makelhaft er war. Es wäre nicht angebracht, Collem zu zwingen, in sein entstelltes Antlitz zu blicken. Zum Teufel, warum hatte er seine verfluchte Maske abgelegt?

Collem setzte Toby auf den Boden, doch blieb hartnäckig: „Warum schämt Ihr Euch vor mir? Ihr seid ein attraktiver Mann. Ich wüsste nicht, wie...“

„Hört auf damit!“ Er wollte das nicht hören und unterbrach sein Gegenüber so laut, dass man ihn sicher noch auf dem weit entfernten Festland drüben vernehmen konnte. „Geht jetzt! Ich will Euch hier nicht haben!“ Fennek, du dreckiger Lügner!

Diese Worte hatten die Macht, Collem in die Flucht zu schlagen. Er blinzelte gekränkt, verschwand in der nächtlichen Dunkelheit und ließ ihn mit Toby allein zurück.

Harding blickte dem Mann mit den hochgezogenen Schultern nach.

Das hatte er schon immer gekonnt. Leute davonjagen. Er wischte sich über die nasse Stirn und bemerkte, wie schwer er atmete. Toby folgte ihm, als er sich zu einer nahe gelegenen Bank schleppte, um seine Wut an dem leblosen Gegenstand auszulassen.

Knurrend schlug er seinen Stock so oft gegen das Holz, bis die Gehhilfe in zwei Teile brach und sich ein Schrei Hardings Kehle entrang. Warum war er nur so ein Arschloch, Herrgott noch mal?! Konnte er sich nicht einmal verhalten wie ein normaler Mensch, in dessen Gesellschaft man gerne war?! „Nein, das kannst du offenbar nicht, du verfluchter, verdammter Dreckskerl!“, schrie er sich an und ließ sich kraftlos auf die Sitzgelegenheit sinken, weil der Schmerz in seinem Bein übermächtig wurde. Er schlug mit den Fäusten darauf ein und hielt sich dann wimmernd das steife Knie, während die Wellen der Qual ihm Wasser in die Augen trieben und ihn dazu brachten, sich so fest auf die Zunge zu beißen, dass er Blut schmeckte.

Collems samtweiche Stimme in seinem Rücken ließ ihn zusammenzucken. „Das war zugegebenermaßen eine beeindruckende Vorstellung, aber es braucht schon etwas mehr, um mich zu verschrecken.“

Einen Moment später kniete der Mann vor ihm auf dem schmalen, gepflasterten Weg und sah zu Harding hoch, der ihn nur verschwommen wahrnahm.

Warum war er zurückgekommen? Weshalb suchte er nicht längst das Weite, wie ein vernünftiger Mensch es tun würde? Zwischen zwei heftigen Atemzügen schluckte er, konnte jedoch nicht antworten. Was hätte er auch sagen sollen?

„Darf ich mir das ansehen?“, brach Collem die Stille und wollte nach seinem Bein greifen, welches Harding eilig außer Reichweite brachte.

„Nein“, würgte er mühsam hervor.

„Warum nicht?“

Harding schüttelte den Kopf und murmelte verlegen: „Niemand darf das.“