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Der ehemalige Polizist und Waffenkenner Franco Deveraux unterstützt die Polizei Ascots bei der Ermittlung eines Mordfalles. Dabei gerät er selbst ins Visier des skrupellosen Täters. Ein Drohbrief weckt nicht nur alte Erinnerungen, sondern auch den ungezügelten Beschützerinstinkt eines Mannes, der in Francos Leben eigentlich nichts zu suchen hat – seines Strichers, der ihn mit seiner Ungezwungenheit um den Verstand zu bringen droht. Um für sein Auskommen zu sorgen, ist der Tischler Corvin Chancey gezwungen, anstatt seiner Möbelstücke sich selbst zu verkaufen. Sein Elend wird jedoch schlagartig zur Nebensache, als Franco in Gefahr zu schweben scheint. Instinktiv setzt er alles daran, den Mann zu beschützen, und bringt mit seinem Verhalten ihre Geschäftsbeziehung empfindlich aus dem Gleichgewicht. Plötzlich müssen beide ihre Gefühle füreinander überdenken. Ist es mehr als leidenschaftliche Begierde, das sie miteinander teilen?
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Tharah Meester
Der Tischler und sein Stutzer
Ascot Crime and Drama
Inhaltsverzeichnis
Vorwort der Autorin
Danksagung
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Epilog
Der Verderbtheit an den Kragen
Ein kleines Nachwort
Leseprobe
Über die Autorin
Impressum
Liebe Leserin, lieber Leser!
Was soll ich sagen? Ascot lässt meine Gedanken nicht los. Ich liebe die düstere Atmosphäre dieser verkommenen Stadt im hohen Norden des Wywarrick Empire. Unweigerlich zieht es mich dorthin zurück, wo es im Jahr 599 mit »Der Liebreiz einer Hyazinthe« begann. Ich danke dir, dass du mit mir in die Kutsche steigst und mir in die Kälte und Verderbtheit Ascots folgst. Es ist doch immer sicherer, wenn man zu zweit reist.
Deine Tharah
PS: In diesem Roman wird sogar für meine Verhältnisse ziemlich viel geflucht, aber das war ihm halt einfach nicht auszutreiben. Ich entschuldige mich in seinem Namen, obwohl es ihm vermutlich nicht wirklich leidtut.
PPS: Übrigens würde ich dich gern auf einen schwarzen Kaffee oder nicht minder schwarzen Tee einladen, falls du Lust auf einen Plausch hast. Meine Adresse ist www.tharahmeester.com. Du darfst jederzeit vorbeischauen, ich freue mich von Herzen über einen Besuch!
Mein besonderer Dank geht an meine Testleserinnen Jessica Wulftange, Sabrina Pommer und Susanne Stoiber, von denen ich wahnsinnig liebe Rückmeldungen erhalten habe, und natürlich an alle, die diesen Roman in den Händen halten.
Ein Donner ließ ihn zusammenzucken und er blickte zum Fenster, das ein gesprenkeltes Muster aus Regentropfen zeigte.
Eigentlich hatte Franco Deveraux geglaubt, sein Leben im Griff zu haben. Nun war alles aus dem Ruder gelaufen und der Wellengang unkontrollierbar geworden.
Die Finger seiner Linken klopften unruhig auf die Stuhllehne. Sein Blick fiel auf den Beutel, der mit Münzen gefüllt war. Warum lag er noch hier? Weshalb hatte er ihn nicht mitgenommen?
Es war stockdunkel. Er hatte keine Kerzen oder Lampen entzündet. Um in düsteren Gedanken zu versinken, brauchte er keine Beleuchtung.
Er hätte ihn nicht gehen lassen dürfen. Nicht in diesem Zustand.
Ein Seufzen entrang sich ihm und er strich sich über die vernarbte Wange. Eine Sekunde später hob er ruckartig den Kopf, da er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Er war nicht mehr allein in seinem Arbeitszimmer.
Eine schmale Gestalt in dunklen Gewändern stand vor ihm, war unbemerkt durch die Seitentür getreten und ließ ihn in die Mündung einer Pistole blicken. »Franco Deveraux, Eure letzte Stunde ist gekommen.«
Franco streckte instinktiv die Finger nach dem Griff der Schublade aus, in der sich seine alte .45er Riggins befand.
»Das lasst Ihr schön bleiben.« Sein Gegenüber entsicherte die Waffe.
»Wer seid Ihr und was wollt Ihr?« Ganz langsam wollte Franco sich erheben.
»Setzen!«
Franco gehorchte mit lautstark pochendem Herzen. »Wo ist mein Butler?«
Die Miene des anderen verzog sich zu einer gequälten Grimasse und er stieß ein Schluchzen hervor. Seine Hände bebten.
»Ganz ruhig«, meinte Franco. »Wir können das regeln.«
»Herr, vergib mir.« Ein wulstiger Finger drückte den Abzug und ein Schuss hallte durch die Nacht. So ohrenbetäubend laut, dass die ganze Stadt den Atem anhielt.
Ascot, Jahr 603
Mein Name wird niemals über deine Lippen kommen, wenn du mit jemandem sprichst.
Die feuchten Hände in den Taschen seiner feinsten Beinkleider vergraben, schritt Corvin Chancey den Gang entlang. Mühsam versuchte er, das Wummern seines Herzens zu ignorieren. Zu diesem Zweck lenkte er seine Aufmerksamkeit auf die düstere Umgebung. Die Kommoden und Ziergegenstände warfen im Licht der Öllampen sonderbare Schatten. Seine Schritte wurden von einem Läufer gedämpft, dessen Farbe ihn an auf Pflasterstein vergossenes und eingetrocknetes Blut erinnerte. Er hatte oft genug jemandes Schädel umgeben von diesem schmutzigen Rot in einer Gosse liegen sehen, um zu wissen, wovon er sprach.
Die Wände waren vollgestopft mit Waffen. Unzählige Gewehre, Pistolen und Revolver in verschiedensten Ausführungen hingen neben- und übereinander, bedeckten beinah vollständig die grässlich braune Tapete mit schwarzen Mustern. Corvin konnte sich nie entscheiden, was er beunruhigender fand – die geladenen Waffen oder die geschmacklose Wandbekleidung. Beiderlei verriet viel über den Besitzer des Stadthauses, das inmitten eines der besten Viertel Ascots stand.
Aufgrund mangelnder Erfahrung weiß ich nicht, wie du es für gewöhnlich handhabst, doch ich will nicht, dass du mich küsst. Auch Zärtlichkeiten jeglicher Art lehne ich ab.
Franco Deverauxs Stimme im Kopf erreichte er sein Ziel. Hart schluckend hielt er ein paar Schritte vor der offenen Tür aus edelstem Mahagoni inne.
Neben ihm hing Deverauxs Heiligtum. Ein riesiges, modern wirkendes Gewehr, welches man vermutlich zur Großwildjagd benutzte. Es war stets am sorgfältigsten geputzt.
Corvin musste einen tiefen Atemzug tun, um die letzte Distanz zu überwinden und eine Sekunde später im Türrahmen zu stehen.
Seine Lippen öffneten sich ohne sein Zutun und seine Lider senkten sich, als er Franco erblickte. Der Mann saß hinter seinem Schreibtisch, über sein aufgeschlagenes Notizbuch gebeugt. Neben ihm lag ein Schächtelchen voll Munition. Gewiss irgendein antikes Zeug, welches er studierte. Sein Haar glänzte im spärlichen Schein der Lampen. Ein Betrachter mit ungeübtem Blick würde behaupten, es wäre schwarz wie Ebenholz. Corvin wusste es besser – die seidige Masse hatte die Farbe einer Schwarz-Esche. Ihm wurde die Kehle eng, während er Deverauxs fein geschnittenes Profil musterte. Seine Züge waren wie gewohnt ernst und ohne jede Regung. Pockennarben zeichneten seine blasse Haut an den Wangen. Schlanke Finger blätterten behutsam um und Corvin musste sich über die Lippen lecken. Es dauerte ein paar weitere Momente, in denen sein Herz verwirrt vor sich hinstolperte, ehe er sich bemerkbar machen konnte: »Guten Abend, Master.« Er bemühte sich, seine Stimme fest klingen zu lassen, doch vernahm das Beben darin.
Seine Aufgeregtheit steigerte sich, als Deveraux den Kopf hob, um ihm in die Augen zu sehen. In seinem Bauch flatterte etwas. Ausgerechnet in dem seinen, obgleich er für seine Gelassenheit bekannt war.
»Guten Abend, Chancey«, gab Deveraux dunkel und seidig weich zurück, ohne dass seine elegant geschwungenen Lippen sich mehr als nötig teilen würden, geschweige denn den Hauch eines Lächelns zeigten. Seine Miene wirkte abweisend, was einen Außenstehenden verwundern könnte. Immerhin bezahlte Deveraux für Corvins Gesellschaft.
Corvins Irritierung blieb aus, da er wusste, dass sein Master keinen Gefallen an ihm fand. Aus dem Grund hatte Deveraux ihn ausgewählt. Weil man nicht vermuten würde, was sie hinter verschlossenen Türen und vorgezogenen Vorhängen miteinander taten. Die früheren Liebhaber Deverauxs waren von auffallender Schönheit und moderner Zierlichkeit gewesen, wie Corvin in Erfahrung gebracht hatte. Zugegebenermaßen konnte er sich mit seinem provinziellen Aussehen, seiner stämmigen Erscheinung und den, für einen Kerl, zu breiten Hüften nicht ganz nahtlos in die Reihe einordnen.
»Euer Butler hat seinen Rekord von vorletzter Nacht gebrochen. Als er mich eingelassen hat, waren seine Mundwinkel so weit nach unten gezogen, dass ich Angst hatte, er würde sich irgendwas zerren«, erzählte er in munterem Ton, um seine Nervosität zu überspielen und wie gewohnt die Stimmung zu lockern. Er ging zum Sofa, zog sein Jackett aus und warf es über einen der Lehnsessel. Auf dessen Sitzfläche lag ein frisches Laken und Corvin breitete es auf der Chaiselongue aus. Deveraux mochte es nicht, wenn der goldfarbene Stoff beschmutzt wurde.
Sein Master erhob sich nach einem weiteren Blick auf das Buch, das auf dem Tisch – ebenfalls Mahagoni mit goldfarbenen Beschlägen – ruhte. »Der Tag war eine Katastrophe. Seine Laune bietet demnach keinen Grund zur Befremdung.«
Corvin hielt inne, die Finger am Knoten seines Halstuchs, das er stets nur für Deveraux anlegte. »Was ist geschehen?«
»Nichts, das für dich von Bedeutung wäre«, wurde er kühl abgefertigt.
»Sehr wohl, Master«, nickte er unterwürfig und ließ den anderen den Spott nicht bemerken. In der Verhüllung dieser Regung hatte er Übung. Die meisten Männer, mit denen er für Geld das Bett teilte, forderten tiefste Ergebenheit. Da Corvin mehr Stolz besaß, als er sich leisten konnte, musste er seine Demut zumeist vortäuschen.
Mit der üblichen Zaghaftigkeit gesellte Deveraux sich zu ihm, um unschlüssig vor ihm stehen zu bleiben. Sein schlanker Körper überragte Corvin nur ein klein wenig. Abermals musste er schlucken, als er seinen Blick über die, von edlem Stoff verborgene, Perfektion schweifen ließ, die sich Franco Deveraux nannte. Der Geruch von Rasierwasser und Waffenöl stieg ihm in die Nase.
»Habt Ihr besondere Gelüste heute Abend, Master?«, fragte Corvin heiser und sah in schieferblaue Augen, die ihn distanziert musterten.
Ein Kopfschütteln reichte ihm als Antwort. Sie würden im Arbeitszimmer bleiben. Das taten sie immer. Franco Deverauxs Schlafzimmer war für den Mann bestimmt, den dieser eines Tages lieben würde. Ein Stricher hatte dort nichts zu suchen. Deveraux hatte es nicht so ausgedrückt, doch das musste er auch nicht.
Ein Kleidungsstück nach dem anderen landete auf dem Stuhl, während Chancey sich vor ihm auszog. Für das, was sie miteinander taten, wäre es nicht nötig, dass er sich entkleidete, aber er tat es dennoch – und er tat es stets als Erster, weil er Francos Hemmungen spürte.
Zögerlich begann Franco sich ebenfalls auszuziehen und mied den Blick aus dunkelblauen Augen, den er nie richtig zu deuten wusste.
Chancey war nicht die Art Mann, zu der er sich hingezogen fühlte. Er war von kräftiger Statur und sein Gesicht hatte keinerlei Feinheiten vorzuweisen. Sein Haar war weißblond, wie er es nie zuvor gesehen hatte, und fiel ihm sachte gewellt bis zum Kinn hinab. Er wirkte grobschlächtig und bäuerlich. Man würde niemals auf den Gedanken kommen, Franco würde mit dem Mann schlafen.
Der Stricher streifte sich die mitgenommen aussehenden Hosen von den Beinen, während Franco noch bei den Hemdknöpfen war. Er beeilte sich nicht, denn in Gedanken war er ganz woanders. Es war nicht so, dass er sich nicht nach Sex sehnte, doch seine Erregung blieb fort, weil in seinem Schädel nur Platz für die Morddrohung auf seinem Schreibtisch war.
Seine Schultern hoben und senkten sich in einem tiefen Atemzug, als er versuchte, seine Aufmerksamkeit auf Chancey zu lenken. Der Mann stand nur zwei Schritte von ihm entfernt, völlig entkleidet. Es gab nichts, das seine steife Männlichkeit verdeckte. Dieser Anblick vollbrachte es nun doch, einen heißen Schauer durch Francos Unterleib zu senden. Er schluckte erneut – diesmal nicht trocken, sondern nass, weil ihm der Speichel im Mund zusammenlief. Er leckte sich die Lippen und zerrte, plötzlich ungeduldig geworden, an seinem Gürtel. Blut schoss ihm in die Lenden und sorgte dafür, dass seine Länge hart war, als er sich seiner Beinkleider entledigte. Er verbarg das Zeichen seiner Erregung mit der Rechten und nahm seinen üblichen Platz auf dem Sofa ein, indem er sich auf dieses kniete und die Arme auf die Lehne legte, um den Kopf darauf zu betten.
Die Momente hiernach mochte er nicht – das Warten darauf, dass Chancey sich ihm näherte. Es machte ihm bewusst, wie verwundbar er sich gab und dass es nicht so sein sollte.
Chancey schien das zu spüren, denn er zögerte nicht, sondern trat von hinten an ihn heran, um ihm die rauen Hände an die Hüften zu legen.
Francos nächstes Luftholen fiel zittrig aus.
Schwielige Finger strichen über seine Hinterbacken und er schloss die Augen, als sie nach vorne wanderten und seine Männlichkeit umschlossen. Ein Stöhnen entrang sich ihm. Seine Hoden zogen sich zusammen und sein Atem wurde schneller. Behutsam, aber mit Nachdruck wurde er an seinen intimsten Stellen gestreichelt, als wolle Chancey prüfen, ob er bereit war.
Nach einer Weile befand er ihn für bereit genug und griff nach dem Ölfläschchen, das sich in der obersten Schublade des Beistelltisches befand.
Einige Augenblicke verstrichen, in denen Franco dem Knistern des Feuers und dem Ticken der Standuhr lauschte.
Welcher Fall war es bloß, in dem der Chef de police seinen Rat eingeholt hatte, der den unbekannten Verbrecher dazu brachte, Franco einen Liebesbrief zukommen zu lassen? Der Kretin hatte Sinn für Poesie, wie es schien, aber wenn er glaubte, er könne ihm mit dem Schwachsinn Angst machen, hatte er eine völlig falsche Vorstellung davon, wie unerschütterlich ein Mister Francesco Deveraux war!
Als feuchte Fingerspitzen ihn mit Öl benetzten und um Einlass baten, durchlief ihn ein Schauder. Er keuchte und spreizte die Beine, um der stummen Bitte nachzukommen. Chancey drang mit den Fingern in ihn ein, brachte ihn zum Stöhnen, als er den delikatesten Punkt in ihm berührte.
Francos Männlichkeit pochte mit jedem Herzschlag in jener rauen Hand, die ihn in kräftigen Bewegungen stimulierte. Er presste die Lider aufeinander und vergrub die Zähne im Fleisch seines Unterarms, um seine Seufzer zu dämpfen. Sein Butler brauchte nicht zu hören, wie sehr es seinem Dienstherrn gefiel, es sich besorgen zu lassen.
Trotz seines Unwillens vernahm er sich lauter werden, seine Atemzüge, die mit jedem Stoß heftiger gingen. Noch ein Schauder, der ihn zum Zittern brachte, und als wäre dies ein Zeichen, das sie miteinander vereinbart hatten, zog Chancey seine Finger zurück, um die Spitze seiner eisenharten Länge an deren Stelle gegen Francos Hintern zu drücken. Für einen Moment hielt er die Luft an, wartete, bis Chancey ihn gänzlich ausfüllte. Sein Herzschlag pochte in seinen Ohren, übertönte beinah das wohlige, dunkle Seufzen seines Strichers. Dessen Hände lagen an Francos Hüften, wo sie bleiben würden, bis sie fertig waren. Chancey zog sich langsam aus ihm zurück, um dann ebenso sanft bis zum Anschlag in ihn zu dringen.
Es war angenehm. Mehr als das. Der Mann wusste inzwischen, wie er es mochte. Er machte seine Arbeit gut, was man von Franco zur Zeit nicht behaupten konnte.
Hatte er den Polizeichef auf eine falsche Spur geführt? Etwas übersehen und dafür gesorgt, dass ein Unschuldiger im Gefängnis saß, während der wahre Täter in Ascots Straßen sein Unwesen trieb und Morddrohungen aussandte?
Wer hatte es auf sein Leben abgesehen? Und weshalb kam er nicht auf eine Antwort? Als ehemaliger Polizist müsste er besser darin sein, einen …
Chancey lehnte sich über ihn, sodass er dessen warme Haut am Rücken spürte und griff ihm an die Brust, um ihn an sich zu pressen. Franco bekam Gänsehaut und stöhnte zur Antwort auf die flüchtige Geste, die kurzlebige Nähe. Dort, wo der andere ihn berührt hatte, brannte es heiß. Seine Lenden standen in Flammen und er gewahrte, dass er Chanceys Hand mit Lusttropfen benetzte. Die Feuchtigkeit machte es den rauen Fingern einfacher, über seine Männlichkeit zu gleiten. Es war intensiv, erregend.
Seine Lider schlossen sich, während seine Lippen sich in einem Keuchen teilten. Schweiß brach auf seiner Haut aus, er konzentrierte sich auf Chancey, der tief in ihm war und sein Tempo kaum merklich, aber stetig steigerte.
So wie die Verbrecher der Stadt die Quote ihrer Untaten steigerten. Stets war irgendwelches Gesindel der Polizei einen Schritt voraus und fand Gefallen daran, den unfähigen Chef de police auf Trab zu halten. Was würde Franco nicht alles dafür tun, um die Bastarde aufzuhalten und sicherzustellen, dass jeder Mörder am Galgen in Fleetwick landete, jeder Vergewaltiger in der Hölle des Landgefängnisses schmorte und jeder Dieb seine schmutzigen Langfinger nur mehr durch ein paar Gitterstäbe hielt, um sich von einem Wärter Brei in eine Metallschüssel schöpfen zu lassen.
Eine starke Hand griff in sein Haar, umfasste die Strähnen und drückte zu – es prickelte zwischen seinen Schulterblättern. Francos Gedankengang wurde unterbrochen und er fühlte sich zurück in die Gegenwart geworfen, was ihm einen Laut der Zustimmung entlockte. Chancey vergrub sich in ihm, seine stämmigen Oberschenkel pressten sich gegen seinen Hintern. Franco vernahm das Stöhnen des anderen, es brachte seinen Unterleib dazu, sich wohlig zu verkrampfen. Chanceys Stimme war dunkel, hatte etwas Raues an sich und klang immer ein wenig verraucht. Obgleich das kaum von übermäßigem Zigarettenkonsum kommen konnte. Seine Finger und Nägel waren sauber und gepflegt, wiesen keine Verfärbungen auf, und er roch nie unangenehm nach Rauch. Im Gegenteil. Er roch gut. Herb, mit einer holzigen Note. Franco hatte keine Ahnung, was das für ein Parfum war, doch es in die Nase zu bekommen, verlockte ihn gegen seinen Willen.
Was wohl den unbekannten Verrückten daran reizte, ihm Warnungen zu schicken? Nach welchem Kriterium war Franco ausgewählt worden? Was hatte er verbrochen? Wie hatte der Wahnsinnige seine Adresse herausgefunden?
Unvermittelt wurden all die nervenaufreibenden Fragen vertrieben, als Chancey nach seinem Hals griff, um ihm in einer angenehm festen Bewegung über die Kehle zu streichen. »Nicht nachdenken, Master«, flüsterte er in einem Tonfall, der beinah etwas Liebevolles an sich hatte, und verschaffte ihm damit ein ungutes Gefühl – ebenso mit den Worten, die vermuten ließen, dass Chancey viel zu genau wusste, was in Franco vorging. Schlimmer noch! Er schien zu wissen, wie er es unterbinden konnte, denn die Berührung wirkte. Wie ein Schlag auf den Hinterkopf traf ihn die Erkenntnis, wo er sich befand und was er tat. Für eine Sekunde war alles schrecklich eindringlich. Sein rasender Herzschlag, die Finger um seine Männlichkeit, der Schweiß auf seiner Haut, der Schwanz tief zwischen seinen Hinterbacken und die Hand an seiner Kehle, die ihn gleich darauf freigab.
Es brauchte nicht mehr viel, um ihn an die Spitze zu treiben. Er klammerte sich an die Lehne des Sofas. Einige harte, schnelle Stöße später presste er die Zähne aufeinander, um ein befriedigtes Stöhnen zu dämpfen. Sein Körper verkrampfte sich, um dann die aufgestaute Spannung loszulassen. Er verströmte sich, war wie gebannt – wie betäubt – von dem Pulsieren.
Chancey schien nur darauf gewartet zu haben, er folgte ihm wie auf Befehl und kam den Bruchteil einer Sekunde nach ihm.
»Danke«, meinte Franco nach einer Minute, die er brauchte, um wieder zu Atem zu kommen. Er brachte das Wort so sachlich und kühl hervor, wie es ihm möglich war – in Anbetracht der Tatsache, dass er nackt vor einem Fremden kniete, fiel sein Tonfall wohl nicht allzu kühl aus.
Trotz seines Widerwillens gegen derartige Gefühlsregungen genoss er den kurzen Moment, den er in Chanceys Nähe verbringen durfte, obgleich seine Lust bereits abgeklungen war.
»Stets zu Diensten«, erwiderte Chancey heiser und löste sich von ihm, um ihm seine Kleidung zu reichen.
Eilig schlüpfte Franco in sein Gewand und verfluchte die peinliche Stille, die sich jedes Mal ausbreitete, nachdem sie miteinander geschlafen hatten. Verlegen blieb er auf der Chaiselongue sitzen. »Dein Geld ist auf dem Tisch.« Er fuhr sich durchs Haar und wagte nur einen flüchtigen Blick in Chanceys Augen.
Der Stricher neigte ehrerbietig das Haupt, nachdem er den letzten Knopf seines Hemdes geschlossen und seine Jacke angezogen hatte. »Gute Nacht, Master.«
Franco zwang sich, den Gruß zu erwidern, doch seine Stimme war kaum zu hören.
Tief ausatmend legte er für einige Sekunden die Hände vors Gesicht in der Annahme, man würde ihn mit seinen unerträglichen Gedanken allein lassen.
Er wurde überrascht, als Chancey grimmig das Wort ergriff: »Wer hat Euch das geschickt?«
Irritiert sah er hoch und begegnete dem Blick des Mannes, der die Morddrohung in den Händen hielt. Mit einem Satz war er auf den Beinen, um Chancey das Schriftstück zu entreißen. »Was für eine dumme Frage! Woher soll ich das wissen? Glaubst du, der Kerl hat mir die Schmiererei persönlich vorbeigebracht und sich bei der Gelegenheit vorgestellt? Darüber hinaus wüsste ich nicht, was dich das angeht!«
Chanceys Miene veränderte sich, war nicht mehr zu deuten. »Braucht Ihr Hilfe? Jemanden, der Euch beschützt?«
Beinahe hätte Franco über diese Lächerlichkeit gelacht. Allerdings war er aufgrund der Anmaßung zu zornig, um erheitert zu sein. Dennoch legte er so viel Spott wie nur irgend möglich in seine Erwiderung: »Ich wusste ja nicht, dass du dein Angebot neuerdings ausgeweitet hast und nun auch als Leibwächter tätig bist.«
Sein Gegenüber funkelte ihn wütend an. »Ich kann durchaus noch andere Dinge, als jemanden in den Arsch zu ficken.«
»Sprich nicht so respektlos mit mir! Und misch dich nicht in Angelegenheiten ein, die dich nichts angehen. Jetzt raus!« Damit wies er Chancey die Tür, doch anstatt zu gehen, sah der Mann ihm forschend ins Gesicht und brachte Franco fast dazu, die Rechte vor die Wangen zu nehmen. Er konnte sich davon abhalten und hielt dem stechenden Blick stand, bis dieser von ihm genommen wurde und Chancey verschwand.
Erst als die Haustür hinter dem Stricher in die Angeln fiel, konnte Franco aufatmen. Wobei es eher einem Schnappen nach Luft glich. Er wischte sich übers Gesicht und stöhnte in seine feucht gewordene Handfläche, ehe er auf seine Linke hinabblickte, in der er den Brief hielt. Er musste die Wörter nicht lesen, denn er kannte sie auswendig.
Haltet Euch raus oder Ihr landet mit Steinen beschwert in der düsterkalten Meln.
In einvernehmlichem Schweigen gingen sie nebeneinander die Hauptstraße entlang. Die Sicht wurde von morgendlichem Nebel getrübt, dennoch herrschte reges Treiben. Marktstände wurden für den Tag vorbereitet, Arbeiter eilten durch die wenigen Kutschen hindurch, Zeitungsjungen boten die Tagesblätter an.
Es war laut um ihn herum, aber die vertrauten Geräusche, das Lachen, die Hufe auf dem Pflasterstein, das Getratsche der Leute und Geschrei der Kinder, drangen nur dumpf zu Franco vor. Er war zu versunken in Gedanken, als dass er die Ohren anstrengen könnte, um zu lauschen. Es gab auch keinen Grund, es zu versuchen.
Ruffalo klopfte ihm gegen den Oberarm und nickte in Richtung einer Seitengasse, an der Franco beinah vorübergegangen wäre. Gemeinsam bogen sie ein und es wurde stiller. Die Ruhe war trügerisch, denn in dieser Gasse hatte sich nur wenige Stunden zuvor Schlimmes ereignet.
Schon von Weitem konnte er die Ansammlung von Leuten erkennen. Polizisten in schwarzen Uniformen, die sich murmelnd unterhielten und keine Notiz von ihnen nahmen, als sie an ihnen vorübergingen und die Stufen zum Eingang des schmalen Stadthauses hinaufstiegen.
Man ließ sie ohne Fragen zu stellen ein und schon im Vorraum zeigten sich die Spuren der Gräueltat, die hier verübt worden war. Franco mühte sich damit ab, seinen wenigen Mageninhalt bei sich zu behalten, und musste sich zwingen, standhaft zu bleiben, anstatt zu taumeln. Die Tapeten waren blutverschmiert, die Möbel lagen zerstört auf dem einst cremefarbenen Teppich, der die Holzdielen verdeckte. Der Stoff war jetzt voll dunkelroter Flecken und Schuhabdrücken. Er musterte diese und stellte fest, dass die Umrisse gut erkennbar waren, doch das Innere nicht besonders ausgeprägt zu sehen war. Das Profil musste demnach ziemlich abgetreten sein. Ihm fiel sofort ins Auge, dass mehrere Personen am Werk gewesen waren. Bei dem Ausmaß an Verwüstung war das keine Überraschung und er wäre wohl auch ohne die Abdrücke zu diesem Schluss gekommen.
Die Bilder waren von ihren Plätzen genommen worden, aber anstatt abgängig zu sein, lagen die Kunstgegenstände inmitten des Chaos verstreut. Die Leinwände waren zerrissen und ebenso blutverschmiert wie alles andere.
»Grauenvoll«, murmelte Ruffalo und schüttelte den Kopf.
Franco konnte nur zustimmen, da war jedoch noch etwas, das ihn quälte. »Wir sind in gewisser Weise mitschuldig. Wenn wir öfter für Gerechtigkeit sorgen könnten, würden es weniger Menschen wagen, einem anderen Leid zuzufügen.«
»Franco«, ermahnte Ruffalo in diesem sanften Tonfall, den Franco nicht ausstehen konnte, weil er zu vertraut – wenn nicht gar väterlich – war.
»Lass das.« Ihre Blicke trafen sich und Franco legte die Stirn in Falten, um seinen Unmut auszudrücken. Gewiss waren sie Freunde, aber es musste nicht zu weit gehen.
Ruffalo wollte etwas erwidern, da wurden sie unterbrochen.
»Ah, die unverzichtbaren Herrschaften sind eingetroffen!« Inspektor Hathaway, der Chef de police, war aus einem der Räume getreten und musterte sie abschätzig.
Sie mochten sich nicht und aus dem Grund fiel Francos Begrüßung abweisend aus.
Hathaway steckte sein Notizbuch in die Innentasche seines Mantels und strich sich mit zwei Fingern durch den Schnurrbart. »Ruffalo, Howard und Braxton warten in der Küche auf Euch. Danke, dass Ihr Deveraux hergeholt habt«, meinte er und deutete in Richtung eines Türbogens, ehe er sich Franco zuwandte: »Wenn Ihr mir nach oben folgen würdet, Deveraux.« Damit drängte er sich an ihnen vorbei und nahm die Treppe ins obere Stockwerk.
Ruffalo seufzte kaum hörbar auf und verdrehte die Augen, ehe er sich zu Braxton gesellte, der ein ebenso unguter Mensch war wie Hathaway. Detective Howard war ebenfalls keine angenehme Gesellschaft, wenngleich nicht so charakterlos wie die anderen beiden.
Franco ging die Stufen nach oben und gewahrte das Knarzen des Holzes unter seinen Sohlen. Hatte der Hausherr sein Verderben kommen gehört? Hatte er geahnt, dass sein Leben in dieser Nacht enden würde? Oder hatte er zu tief geschlafen, um in einem letzten Anflug von Überlebenswillen nach einer behelfsmäßigen Waffe zu greifen und sich zu verteidigen?
»Marchwood hatte nur einen Butler und eine Köchin«, erklärte Hathaway, die Linke auf dem Stiegengeländer. »Man hat die Diener aus ihren Betten geholt und raufgebracht.«
Das Grauen setzte sich fort. Auch hier oben waren die Wände mit Blut verschmiert, als hätte jemand einen breiten Pinsel auf Augenhöhe an die Mauer gehalten und wäre einmal durch das ganze Haus gewandert. Überall lagen Kleidungsstücke, die man aus den Schränken gerissen hatte, zusammen mit Büchern, Dokumenten und allerlei Tand. Was für einen Zweck verfolgten die Mörder mit der Unordnung, die einen unweigerlich verstörte? War es nur der Wille, die Beamten zu verschrecken?
Als hätte der Chef de police seine Gedanken gelesen, meinte er mit einer ausladenden Handbewegung auf das Durcheinander: »Es fehlt nichts. Zumindest fällt es nicht auf. Das Haus ist voll mit Kunst und Schmuck. In Marchwoods Arbeitszimmer befindet sich ein Tresor voller Geld. Entweder haben sie nach etwas Bestimmtem gesucht und es nicht gefunden. Oder wir müssen uns damit abfinden, dass sie aus reiner Lust an der Sache morden.«
Zumindest wenn man alle anderen Motive für einen Mord außer Acht ließ.
Franco sagte nichts und bahnte sich einen Weg durch die Hindernisse, die die Erinnerungsstücke an ein ganzes Leben darstellten.
Beamte standen herum, einige waren damit beschäftigt, das Chaos aufzuzeichnen, andere schienen rein zur Zierde abgestellt, kratzten sich überlegend an den Köpfen oder starrten teils betreten, teils gelangweilt zu Boden.
Hathaway sprach weiter, während er sie zu einer offen stehenden Tür am Ende des Ganges führte: »Die widerlichen Tiere haben ihn im Schlafzimmer überwältigt.« Der Inspektor gab ein Knurren von sich. »In seinem eigenen Schlafzimmer, stellt Euch das vor! Was für eine Demütigung für einen Mann seines Standes.«
Wohl auch für jeden anderen Menschen.
Franco gab sich nicht die Mühe, etwas zu erwidern. Der Chef de police war ein Mistkerl, der seinen Ärger nicht wert war. Schon gar nicht, wenn es sich auf eine wichtigere Angelegenheit zu konzentrieren galt.
Kurz vor Marchwoods Gemach hielt er inne und holte einmal tief Luft, um den Wunsch, nicht in dieses Zimmer gehen zu müssen, zu bändigen. Dann trat er ein und was er sah, brachte seinen Magen dazu, sich umzudrehen.
Sein Blick fiel erst auf den Butler und die Köchin, beide im fortgeschrittenen Alter. Ihre reglosen Körper lagen vor dem Kamin in einer Blutlache. Man hatte Gnade mit ihnen walten lassen, falls man es so nennen konnte. Beide waren mit einem sauberen Schuss in den Kopf ins Jenseits geschickt worden.
Mit ihrem Arbeitgeber war man nicht so gnädig verfahren. Marchwood saß in seinem Bett, die Laken in Rot getränkt. Seine Augen waren weit aufgerissen, stierten Franco an, welcher die Hände in den Manteltaschen zu Fäusten ballte. Der Lord mittleren Alters war geknebelt und, die Arme hoch erhoben, an den oberen Rahmen seines Himmelbettes gefesselt worden. Man hatte ihm den Oberkörper aufgeschnitten und ihn verbluten lassen – was schnell gegangen sein muss. Seine Eingeweide quollen zwischen leichenblassen Hautfetzen hervor.
»Nun, Deveraux«, begann Hathaway im gewohnt abwertenden Ton. »Würdet Ihr mich an Eurer bescheidenen Meinung teilhaben lassen?«
Franco wollte etwas darüber sagen, was er von dem Tatort hielt. Dass er Zorn und Wut spürte, die auf einen Racheakt hindeuteten. Jedoch wusste er, dass Hathaway nichts dergleichen hören wollte. Der Inspektor wollte lediglich wissen, von welchen Waffen die Verbrecher Gebrauch gemacht hatten. Jede andere Aussage aus Francos Mund wurde als frevelhafte Einmischung in die Polizeiarbeit angesehen.
Er bückte sich und hob eine Patronenhülse vom Boden auf, die ein nachlässiger Beamter noch nicht eingesammelt oder schlichtweg übersehen hatte. Er musste den kleinen Gegenstand nicht lange betrachten, um zu wissen, womit er es zu tun hatte.
»Kaliber .35 Wolfclaw. Diese Kerben hier deuten darauf hin, dass sie aus einer Swyft Cold Iron abgefeuert wurde. Ganz gewiss durch einen Schalldämpfer gejagt.« Seine Worte wurden vom Gekritzel eines Schreibstiftes auf Papier untermalt, welches Hathaway verursachte. »Ich kann keine Prägung des Herstellers entdecken, was darauf hinweist, dass die Munition auf dem Schwarzmarkt erstanden wurde und höchstwahrscheinlich aus dem Ausland stammt.«
»Swyft Cold Iron«, murmelte der Chef de police in seinen Bart, während er mit sich selbst sprach. »Wie verbreitet ist dieses kalte Eisen wohl in unseren Gefilden?«
Das Wort Gefilde war kaum angebracht für eine Stadt und noch weniger für eine Stadt wie Ascot, doch Franco verbiss sich jeglichen Kommentar zu Hathaways Sprachgebrauch.
»Jeder beliebige Straßenräuber im Armenviertel, der sich eine leisten kann oder von einem Verbrecherboss damit ausgestattet wird, trägt eine solche Pistole«, gab er zur Antwort, obgleich keine erwartet wurde.
Hathaway wandte sich ihm zu und hob die Brauen in einer unmissverständlichen Geste der Abwertung. »Ich denke nicht, dass Eure Dienste noch gebraucht werden. Wenn Ihr Platz machen würdet für diejenigen, die es geschafft haben, länger als drei Jahre im Amt zu bleiben, Deveraux. Ich wünsche einen schönen Tag.«
Der Inspektor starrte ihn so eindringlich an, dass Franco dem Drang widerstehen musste, den Blick zu senken und seine Narben hinter der Rechten zu verbergen. Er konnte sich mit aller Mühe daran hindern und hielt der Musterung stand.
Mit trockener Kehle blickte er sich ein letztes Mal um, als wolle er sich die Szene einprägen, um später noch einmal jedes Detail durchgehen zu können, obgleich er – wieder in seinen eigenen vier Wänden angekommen – zumeist bloß versuchte, das Gesehene zu vergessen.
Er zweifelte daran, dass Ernest Marchwood post mortem Gerechtigkeit erfahren würde. Mit Hathaway als Polizeichef war es zu einer Seltenheit geworden, dass Verbrecher überführt wurden. Es wäre nicht das erste Mal, dass Hathaway die Ergreifung eines Straftäters verhinderte, weil er zu dumm – und vermutlich zu korrupt – für seinen Job war.
Franco machte auf dem Absatz kehrt, um das Haus zu verlassen. Als er sah, dass Ruffalo noch nicht draußen auf ihn wartete, und zu dem Schluss kam, dass dessen Angelegenheiten wohl längere Zeit in Anspruch nehmen würden, schickte Franco sich dazu an, die Gasse entlangzueilen, durch die sie gekommen waren.
Hinter ihm brach Tumult los. Die Presse war inzwischen am Tatort eingetroffen.
»Giancovelli, haltet uns diese Aasgeier vom Leib!«, brüllte einer der Beamten, ehe Franco um die Ecke bog.
Die kalte Luft war eine Wohltat für seine Lungen und sein Magen beruhigte sich, sobald er genügend Abstand zu Marchwoods Haus gewonnen hatte. Allerdings wusste er aus Erfahrung, dass die Übelkeit zurückkommen würde. Samt den düsteren Erinnerungen.
»Scheiße, ist das heiß«, entfuhr es Corvin, als er zu einem seiner ältesten – im wahrsten Sinne des Wortes – Stammkunden in die Wanne stieg.
Pinchwick lachte und tat das Gejammer mit einem schaumigen Handwink ab. »Ein gestandener Mann wie du wird doch wohl ein wenig Hitze vertragen!«
Corvin hob die Augenbrauen. »Der gestandene Mann hier würde es bevorzugen, wenn du ihn nicht kochst wie ein Frühstücksei.«
»Ich muss nur aufpassen, dass du mir nicht zu hart wirst«, kicherte der Greis und zwinkerte ihm zu, als Corvin halb erheitert, halb pflichtbewusst über den Scherz lachte.
Als ob das je passieren würde. Er mochte Pinchwick. Wie ein Enkel seinen Großvater, nur nicht so innig. Über das Problem von zu großer Erregung konnte er sich augenblicklich also nicht beschweren. Allerdings würde er sich alle Mühe geben, diesen Umstand so gut wie möglich zu verbergen. Benny war bei Gott kein schlechter Freier. Er verletzte ihn nicht und war nie grausam. Er hatte bloß eine kleine perverse Vorliebe, doch damit konnte Corvin leben.
»Wie geht es dir, Chancey?«, fragte Benny in seinem üblichen Plauderton und lehnte sich zurück, um den Hinterkopf gegen den Wannenrand sinken zu lassen und die Augen zu schließen. Sein Gesicht war faltig und von Altersflecken gezeichnet.
Corvin sackte in sich zusammen. Davon abgesehen, dass sein Leben beschissen war, bedrohte man nun auch noch Franco. Wenn er den dreckigen Hurenbock, der die Nachricht geschrieben hatte, in die Finger bekam, würde er …
»Chancey?«
»Ich kann mich nicht beschweren.« Das war nicht einmal gelogen. Er konnte sich nicht beschweren. Bei wem auch? Beim Allmächtigen, dem diese Stadt und ihre Bewohner wie es schien am Arsch vorbei gingen?
Langsam gewöhnte er sich an das heiße Wasser, welches nach einem herben Badezusatz duftete, wie ihn nur alte Männer benutzten.
»Das freut mich zu hören.« Das Lächeln auf schmalen, farblosen Lippen ließ ihn wissen, dass Pinchwick keine Ahnung von den Dingen hatte, die Corvin quälten. »Ich kann mich übrigens auch nicht beklagen. Der Bau der Werft läuft wie ein geschmiertes Zahnrädchen. Die Arbeiter sind fleißig und wir hatten noch nicht einen Toten! Kannst du dir das vorstellen?« Benny lachte kehlig. »Nicht ein Einziger, der bis jetzt vom Gerüst gefallen ist oder sich sonst auf irgendeine Weise das Genick gebrochen hätte. Wenn das mal kein gutes Zeichen ist! Da soll mir noch einer daherkommen und sagen, Elwood sei verflucht! Diese Bande von abergläubischen Spinnern versucht immer noch, uns das Leben schwer zu machen. Allerdings haben sie nicht mit der Unerschütterlichkeit eines Pinchwick gerechnet. Ich lasse mich nicht aufhalten oder einschüchtern. Ganz im Gegenteil. Der Bau ist ohnehin schon in vollem Gange, ich weiß nicht, warum sie nicht längst aufgeben, diese Leute. Außerdem haben wir beschlossen, die Werft noch größer, noch besser zu machen, und einige Änderungen an den Bauplänen vorgenommen!«
»Ich freue mich, dass alles zu deiner Zufriedenheit läuft.«
»Tatsächlich bin ich höchst zufrieden. Ernest war damals gegen meine Pläne, die Geisterinsel zu kaufen! Ha! Inzwischen ist er heilfroh, dass er so viel Geld locker gemacht und sich mit Fairfax und mir zusammengetan hat. Du wirst sehen, in ein paar Jahren laufen die ersten Schiffe aus unserer Werft.«
»Das wird ein Spektakel geben«, meinte Corvin. »Wie geht es deiner Frau?«
»Oh, Rosanna geht es prächtig! Sie genießt die Aufmerksamkeit der Presse in vollen Zügen.« Erneut gab Pinchwick ein Kichern von sich und hob den Kopf, um Corvin anzusehen. Seine Augen waren trüb, doch der Blick darin ließ Reste seiner früheren Schärfe erkennen. »Wir werden alle paar Tage von einem anderen Reporter befragt.«
»Das ist gewiss genau nach ihrem und deinem Geschmack.«
»Ich genieße die Aufmerksamkeit, nachdem man mich so lange unbeachtet ließ«, stimmte Pinchwick zu und lächelte, ehe seine Züge etwas annahmen, von dem Corvin allzu genau wusste, was es war. Geilheit. »Weißt du, was ebenfalls nach meinem Geschmack ist, mein Junge?«
»Ich kann es mir denken.« Corvin richtete sich gehorsam auf, wobei das Wasser geräuschvoll plätscherte. Er kam auf die Knie und suchte mit der Hand nach einem faltigen Oberschenkel, um diesen entlangzuwandern und schließlich eine halbsteife Männlichkeit zu umschließen.
Pinchwick stöhnte zufrieden und lehnte sich zurück, um Corvins Streicheleinheiten zu genießen, von denen dieser sich wünschte, sie nicht geben zu müssen. In seinem Magen wurde es flau und er bereute, ein spärliches Frühstück zu sich genommen zu haben.
Er wollte die Augen schließen, doch tat es nicht. Stattdessen beobachtete er den Alten dabei, wie er sich unter seinem Griff wand und vor Erregung die Zähne fletschte, die Zunge zwischen den Reihen eingeklemmt. Scheiße, warum mussten alle Kerle so ekelhafte Gesichter ziehen, wenn sie scharf waren?
Nicht alle. Zwar blieb ihm stets verwehrt, Francos Miene zu sehen, wenn er dem Höhepunkt nahe war, doch Corvin wusste tief in seinem Inneren, dass er in dessen Zügen nichts finden würde, was ihn anwidern könnte.
Pinchwick kam auf die dürren Beine und Corvin stützte ihn, um dafür zu sorgen, dass er nicht auf dem glatten Untergrund ausrutschte und sich den Hals brach. Dürre Finger legten sich an seine Schulter, mit der anderen fasste der Greis sich an den Schwanz.
Nun senkte Corvin doch die Lider, um in die Dunkelheit zu fliehen. Kurz darauf vernahm er Pinchwicks Keuchen und den warmen Strahl, der ihm das Gesicht nass machte. Um dem beißenden Geruch von Urin zu entfliehen, hielt er den Atem an und ließ seine Gedanken abdriften.
Wie immer, wenn er einer Situation entkommen wollte, aber nicht durfte, verschwand er an seinen liebsten Zufluchtsort. Er vernahm das stete Ticken einer Uhr, das Knistern des Kaminfeuers, genoss den Duft dieses unaufdringlichen, ganz bestimmten Parfums, der sich meist mit dem Geruch von Waffenöl mischte und von dem er nicht genug bekam. Er fühlte irrsinnig weiche Haut unter seinen Fingern, hörte das Stöhnen einer seidigen Stimme, spürte einen warmen, perfekten Körper an dem seinen. Er sah in schiefergraue Augen und musterte Francos Gesicht.
Jäh wurde er aus der Träumerei gerissen, als Pinchwick seine Finger packte und ihm unwirsch bedeutete, die Sache zu Ende zu bringen. Corvin öffnete die Augen und gehorchte nach einem harten Schlucken.
Er holte dem Alten einen runter und versuchte, das auszublenden.
Pinchwick spritzte ihm mit einem Grunzen ins Gesicht und ließ sich dabei helfen, wieder in die Wanne zu gleiten.
Unauffällig wischte Corvin sich über die Wange und würgte Magensäure hinunter, zusammen mit dem Gefühl der Erniedrigung.
»Oh, das war wundervoll. Du bist dein verdammtes Geld wirklich wert, Jungchen«, brachte Pinchwick hervor und legte den Kopf in den Nacken, um zu Atem zu kommen. Ob sein altersschwaches Herz es guthieß, dass er es derart strapazierte? Würde der Mann ihm eines Tages zusammenbrechen und vor seinen Augen verrecken? Und was würde Corvin dann tun? Das Geld nehmen und gehen, als wäre nichts passiert?
Nach einem gezwungenen Lächeln tauchte er unter. Warmes Wasser drang in seine Ohren, ließ die Welt in Dumpfheit versinken. Für einen Moment wünschte er sich, er könne ganz einfach ertrinken.
Natürlich war er nicht in Benny Pinchwicks Badewanne ersoffen. So gnädig zeigte sich das Schicksal nicht mit Corvin Chancey. Stattdessen hatte er eine knappe Stunde später zwei Viertel durchquert und bog in eine Seitengasse ein, um die Außentreppe nach oben zu nehmen und schließlich vor einer schmalen Tür zu stehen. Ein verwittertes Holzschild prangte darüber, welchem seit einer Ewigkeit keine Beachtung geschenkt worden war. Dies war der Grund dafür, dass er seine Zeit mit Männern verbrachte, die Geld gegen Sex tauschten.
Corvin griff in seine Hosentasche und zog den Schlüsselbund hervor, um aufzuschließen und sein Zuhause zu betreten. Der Nebel hatte sich verzogen, so drang gerade genug Licht durch die Dachfenster, um den Raum zu erhellen, den er mithilfe eines Wandschirms in einen Verkaufsraum und einen Schlaf- und Waschbereich getrennt hatte. Dennoch mutete es düster an und er entzündete eine Öllampe, nachdem er seine Jacke auf den Stuhl zu seiner Rechten geworfen hatte. Er blickte zu den Möbeln hinüber, die zum Verkauf gedacht waren, aber niemand haben wollte. Sie anzusehen brachte ihm einen unguten Druck in der Magengegend ein.
Ebenso die Frage, die seit dem gestrigen Abend in seinem Kopf herumspukte. Wollte Franco ihn wiedersehen, nachdem Corvin sich offen mit ihm angelegt hatte?
Unbedacht hatte er eine Grenze überschritten und fürchtete nun die Konsequenzen.
Einzig die Annahme, dass Franco ihre Geschäftsbeziehung auf der Stelle beendet hätte, wenn er sie leid war, konnte ihn beruhigen.
Er stöhnte auf und fuhr sich in einer unwirschen Bewegung durchs Haar.
Beim Eintreten hatte er die Briefe übersehen, die man durch den Schlitz an der Tür geschoben hatte. Jetzt erblickte er die Umschläge und fühlte aufflackernde Hoffnung. Er nahm sie an sich und setzte sich an die Theke der winzigen Küche, die sich neben dem Eingang befand. An den Absendern erkannte er, dass der Großteil seiner Post aus Rechnungen und Mahnungen bestand. Doch da war ein Schriftstück, das sein Herz höher schlagen ließ. Es war zu edel, um zu den anderen zu passen. Ein Siegel aus rotem Wachs prangte auf der Rückseite, viel zu schön, um gebrochen zu werden. Das Wappen der Vereinigung der Hoheitlichen Tischler. Nervös fingerte er an dem Papier herum, um es aufzureißen und den Inhalt zu entnehmen.
Sehr geehrter Mister C. Chancey, wir bedanken uns für Euer Vorsprechen und die Probestücke. Bedauerlicherweise müssen wir Euch mitteilen, uns für einen anderen Anwärter entschieden zu haben, dessen Werke unseren hohen Anforderungen entsprechen.
Was heißen sollte, dass die seinen es nicht taten.
Blinzelnd starrte er einen langen, schier endlos scheinenden Moment auf die Worte in schwarzer Tinte, ehe er das Schreiben zerknüllte und in eine Ecke warf.
Sein Atmen klang zittrig, seine Eingeweide waren verkrampft. Feindselig blickte er seine Möbel an. Sie waren nicht gut genug. Er war nicht gut genug.
Er schloss die brennenden Augen und drückte seine Fingerspitzen dagegen, ehe er die Hand zur Faust ballte und auf den Tisch einschlug, bis es schmerzte.
Ziellos eilte Corvin in der Gegend umher, um den Kopf frei zu bekommen. Gelegentlich stieß er mit jemandem zusammen, den er in seiner Gedankenverlorenheit übersehen hatte. Der kalte Wind, gegen den die Sonnenstrahlen keine Chance hatten, stach und brannte auf seinen Wangen. Seine dünne, abgetragene Jacke konnte ihn kaum davor schützen, doch er ging immer weiter, als könne er vor dem Elend davonlaufen, welches sich sein Leben nannte.
Wieder rempelte er gegen jemandes Schulter und wurde lautstark beschimpft, doch er ignorierte den Fremden.
Ihm war übel. Es war nicht bloß die neuerliche Absage der Hoheitlichen Tischler, die ihn aufwühlte, sondern der verdammte Drohbrief, den man Franco geschrieben hatte. Er konnte nicht aufhören, an die Worte zu denken. Haltet Euch raus oder Ihr landet mit Steinen beschwert in der düsterkalten Meln. Wo sollte er sich raushalten? Wo hatte er sich eingemischt? Worin war der Mann verwickelt, verfluchte Scheiße?!
Irgendwann blieb er vor dem Schaufenster eines verlassenen Ladenlokals stehen und hob den Kopf, um sein Spiegelbild im staubigen Glas zu betrachten. Er sah in seine Augen, erkannte die Verzweiflung darin, aber auch die Trübheit der Resignation. Mit der Rechten strich er sich das Haar glatt, das nach der Schere eines Barbiers verlangte. Ein Luxus, den er sich nicht leisten konnte, obgleich er gerne einen ordentlichen Haarschnitt gehabt hätte. Dann blickte er auf seine rauen Hände hinab, die vor Kälte schmerzten. Seine Haut war trocken und rissig, kein angenehmer Anblick und gewiss kein angenehmes Gefühl, wenn er damit Francos Haut berührte. Er räusperte sich und schüttelte sich wie ein nasser Hund.
Die Stimme eines Mannes, die durch ein Sprechrohr verstärkt wurde, drang an seine Ohren und brachte ihn dazu, sich umzudrehen.
»Eine neue Ära bricht an und ganz Ascot wird Zeuge sein!«
Inmitten des Marktplatzes des Reichenviertels Pembroke hatte sich vor einer kleinen Bühne eine Menschenmenge gebildet. Auf dem Holzpodest standen der schreiende Kerl und zwei alte Männer. Ein dritter saß in einem hochbelehnten Rollstuhl, eine rote, teuer aussehende Decke über den Beinen ausgebreitet. Über ihren behüteten Köpfen prangte ein Schriftbanner. Elwood's neue Bestimmung stand dort in großen, schwarzen Lettern. Hatte das mit Pinchwicks Werft zu tun? Es musste so sein, aber wo war dann Pinchwick? Sollte Benny nicht auf der Bühne stehen und die Aufmerksamkeit genießen?
»Das Vorhaben hat, wie die ganze Stadt weiß, nicht nur Befürworter gefunden, sondern auch Feinde, doch die Verantwortlichen für den prächtigen Neubeginn versicherten mir, dass nichts und niemand die Bauarbeiten stoppen kann.«
Zustimmende Rufe brachten Leben in die Menge.
Neugierig geworden bahnte Corvin sich einen Weg durch die Leute, die missbilligend seine Erscheinung musterten. Ihm war anzusehen, dass er in Pembroke nichts zu suchen hatte, und die Umstehenden machten ihm derart bereitwillig Platz, als fürchteten sie, sie könnten sich mit irgendetwas anstecken, das Corvin aus dem Armenviertel eingeschleppt hatte. Flauheit befiel seinen Magen, doch er setzte einen Fuß vor den anderen, den Blick stur nach vorn gerichtet. Ihre stechende Musterung konnte ihm nichts anhaben. Er war zu abgehärtet, um sich von solchen Nichtigkeiten aus der Ruhe bringen zu lassen.
Nur wenige Menschenreihen trennten ihn von der Bühne und er blieb stehen, um sich abermals nach Benny umzusehen. Von dem Alten keine Spur.
»Nun soll jedoch einer der neuen Inselbesitzer die Möglichkeit bekommen, ein paar Worte zu sprechen! Ein Applaus für Mister Carl Fairfax«, verkündete der Stutzer mit dem Sprechrohr und reichte es weiter an einen dicklichen Mann, dessen Mantel mit Goldkettchen behängt war. Die Menge klatschte verhalten, ehe er sich in das Rohr räusperte. Das Geräusch dröhnte über den Platz, klang wie eine rostige Säge, die durch morsches Holz glitt, und hallte von den umliegenden Hausmauern wider.
Dann begann er zu sprechen, doch Corvin versäumte den Anfang der Rede, da er in dem Moment Franco erblickte. Der fein gekleidete Gentleman stand nur wenige Meter von ihm entfernt. Corvin hatte freie Sicht auf dessen Profil, was seine Handflächen trotz der Kälte zum Schwitzen brachte. Francos Haut schimmerte im Tageslicht, war beinahe so weiß wie der makellos glitzernde Schnee, der sich hoch oben in einer Baumkrone sammelte. Einige Strähnen seines schwarzeschefarbenen Haares lugten unter seinem Hut hervor und glänzten in den Sonnenstrahlen wie etwas sehr Kostbares. Corvin war, als könnte er deren Weichheit, die ihn an den schwarzen Satin erinnerte, den er zum Auskleiden von Schmuckschatullen benutzte, unter den Fingerspitzen fühlen. Er schluckte und zwang seine Lippen, sich wieder zu einer Linie zu vereinen, nachdem sie sich ohne sein Zutun geteilt hatten. Nach einem Blinzeln wandte er sich ab und fragte sich, was Franco davon halten würde, wenn er ihn in der Menge entdeckte. Nicht allzu viel vermutlich.
»Ich glaube, Fairfax hört sich einfach gerne sprechen«, murmelte Virgil missmutig, nachdem der ungute Adelige bereits seit einer Ewigkeit vor sich hin plapperte, ohne irgendetwas von Bedeutung vorgebracht zu haben.
»Diese Vermutung hege ich ebenso«, erwiderte Franco mit matter Stimme. Eine durchwachte Nacht lag hinter ihm. Er hatte sie an seinem Schreibtisch verbracht und versucht herauszufinden, wer ihm die Warnung hatte zukommen lassen. Bedauerlicherweise war er zu keinem Ergebnis gekommen und musste sich wohl oder übel damit abfinden, dass er nichts anderes tun konnte, als zu warten. Mit der Zeit würde sich herausstellen, ob die Drohung ernst zu nehmen war. Bis dahin war er mit dem Fluch der Machtlosigkeit geschlagen.
Wenn er ehrlich zu sich war, war dies nicht der einzige Grund für sein Wachbleiben gewesen. Nachdem Chancey gegangen war, hatte er sich davor gescheut, ins Bett zu gehen, weil er fürchtete, von Albträumen heimgesucht zu werden. Träume, in denen er das Haus seiner Familie betrat und alles voll Blut war.
Fairfax grinste und zeigte seine kleinen Zähne. »Meine Partner und ich sind darauf bedacht, Elwood zu neuem Glanz und Ruhm zu verhelfen, der auf unsere ganze Stadt abfärben wird. Die Werft wird eine, über die man auf der gesamten Welt spricht. Man wird uns um unsere Schiffe beneiden und …«
Virgils schneidende Stimme lenkte Franco von den unrealistisch anmutenden Ausschweifungen ab: »Dafür, dass einer seiner Partner erst heute Morgen abgeschlachtet in seinem eigenen Haus vorgefunden wurde, redet er mit sehr viel Zuversicht.«
Ein zustimmendes Nicken eilte Francos Worten voraus: »Vielleicht hat er selbst dafür gesorgt, dass Marchwood aus dem Weg geräumt wird. Die Verträge sind unterschrieben und Marchwoods Geld wandert direkt in die Werft, ob er nun am Leben ist oder tot. Vielleicht hat er sich zu viel eingemischt und war jemandem ein Dorn im Auge. Er konnte recht herrisch und aufbrausend sein, wie ich hörte.«
Ein bedeutungsschweres Hm verließ Virgils Mund, kurz vor einem Schwall Zigarettenrauch, dem Franco naserümpfend auswich. »Mit so jemandem würde ich nicht zusammenarbeiten wollen.«
»Fairfax vielleicht auch nicht«, murmelte Franco und lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf den massigen Fairfax, der inzwischen auf und ab ging, wobei die Absätze seiner frisch polierten Schuhe im Takt zu seiner Rede klackerten.
Virgil tat ein paar Schritte nach vorne, um besser hören zu können, und ließ Franco in der Menge allein.
»Somit werden unzählige Arbeitsplätze geschaffen und wir können sogar die schmutzigsten Flecke Ascots wieder mit neuem, reinem Leben füllen. Eine uns bisher gänzlich unbekannte Art des Wohlstandes wird sich wie warmer, pulverisierter Goldregen über unsere Dächer ergießen und damit eine …«
Der Schwall von größenwahnsinnigen Idiotien wurde jäh unterbrochen, als eine Explosion ihrer aller Ohren betäubte und der Platz in schwarzem Rauch versank.
Holz zerbarst, etwas krachte auf die Bühne. Von den umliegenden Dächern wurden Vögel aufgescheucht, die wild kreischten.
Schreie drangen dumpf zu Franco vor, während er sich wie die anderen auf die Knie fallen ließ und die Hände über den Kopf nahm.
Einen Moment später warf sich jemand auf ihn und er keuchte unter dem Gewicht eines fremden Körpers. Im ersten Augenblick dachte er, man wolle ihn angreifen, doch als sich raue Finger schützend über die seinen an seinem Hinterkopf legten, begriff er, dass das Gegenteil der Fall war. Die Nähe anderer Menschen war ihm unerträglich. Allerdings konnte er sich nicht wehren, denn unvermittelt hallten Schüsse durch die Luft. Hysterie breitete sich aus, die Schreie wurden lauter.
Sein Atem ging schnell und er fragte sich, ob der Attentäter sie alle niederschießen würde, um auf dem Marktplatz ein Blutbad anzurichten.
»Hebt die Blicke, ihr Feiglinge!«, brüllte eine dunkle Stimme. »Na los, seht mich an, verdammte Angsthasen!«
Franco tat wie befohlen und widmete sich dem Feind, während der Fremde ihm immer noch den Rücken deckte. Die Bühne war fast vollständig zerstört, doch soweit er sehen konnte, war niemand zu Schaden gekommen. Wie war das möglich? Dem Lärm nach zu urteilen hätten alle im näheren Umkreis getötet werden müssen. War es ein Trick, um die Leute in Angst und Schrecken zu versetzen?
Inmitten der kaputten Bretter stand ein Kerl, der sein Gesicht hinter einer schwarzen Maske aus Stoff verborgen hielt. Um ihn herum loderte ein Kreis aus Flammen und er wedelte mit einer Pistole in die Menge, die ängstlich zu ihm aufblickte. »Wer auf verfluchtem Land baut, muss damit rechnen, vom Teufel heimgesucht zu werden! Weshalb so ängstlich, die lieben Leute? Ich dachte, ihr seid allesamt unerschütterlich! Warum sonst solltet ihr den Herrn der Unterwelt herausfordern, indem ihr zulasst, dass die bösen Mächte Elwoods heraufbeschworen werden!«
Erst jetzt bemerkte Franco die dunklen Gestalten, die sich um ihren Anführer scharten und sich doch zugleich im Hintergrund hielten, um ihm nicht die Show zu stehlen. Um nicht die Illusion von seiner Unverwundbarkeit und Erhabenheit zu stören, die der Feuerkreis um ihn zweifellos zum Ziel hatte.
»Lasst endlich von eurem Vorhaben ab und der Teufel wird friedlich bleiben, wird die unbescholtenen Bürger der Stadt verschonen«, fuhr der Maskierte fort. »Wenn ihr euch allerdings dazu entschließt, weiter in unheiligem Boden zu graben, wird Satan euch holen! Jeden Einzelnen von euch!«
Ein weiterer Knall, der die Menge zusammenfahren ließ, gleich darauf mehr schwarzer Rauch. Franco senkte nicht wie die anderen den Kopf, sondern starrte durch die düsteren Schwaden. Der Verrückte floh mit seinen Verbündeten in eine der vielen Seitengassen, in deren Labyrinth man sich leicht verlieren konnte. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hatten sie ihren Fluchtweg gut geplant. Einige Polizisten wollten ihnen hinterher, wurden aber von einer weiteren Wand aus Rauch aufgehalten. Hustend wandten sie sich ab und gaben auf, bevor sie tätig geworden waren.
Erst jetzt wagte Franco, sich zu dem Mann umzudrehen, der immer noch die Arme um ihn geschlungen hatte. Sein Herz setzte einen Schlag aus, als er in Chanceys Augen sah. Beinahe zugleich kamen sie auf die Beine und Franco versetzte dem anderen einen Stoß gegen die Brust, der diesen zwang, einen Schritt Abstand zu nehmen. »Was erlaubst du dir für eine Anmaßung?« Das letzte Wort spuckte er fast, ehe er sich über die Wangen wischte und die Augen auf Chanceys Lippen heftete, weil er dessen Blick nicht standhalten konnte.
»Ja, was fällt mir ein, Euer Leben zu schützen«, kam bissig zurück. »Verzeiht mein Bemühen um Euer Wohlergehen, Master.«
Die Worte brachten Franco durcheinander und er musste schlucken, bevor er zischen konnte: »Derartiges wirst du zukünftig unterlassen.« Er betete, dass die Umstehenden zu sehr mit sich selbst und dem Auftritt des Maskierten beschäftigt waren, um ihr Gespräch zu bemerken oder sich über ihre Verbandelung miteinander Gedanken zu machen. Franco wollte sich abwenden, doch eine kräftige Hand legte sich an seinen Arm und hielt ihn zurück.
»Wollt Ihr mich trotzdem wiedersehen?«, forderte Chancey atemlos zu wissen.
»Ja«, entfuhr es Franco ohne ein Zögern. »Und jetzt lass mich gehen. Man soll uns nicht zusammen in der Öffentlichkeit sehen.«
In dem Moment erschien Virgil an seiner Seite, die Stirn in Falten gelegt. »Wer ist das? Macht der Kerl dir Probleme?«
»Nein, er … er hat mir nur meine Uhr zurückgegeben. Sie muss mir aus der Tasche gefallen sein, inmitten des Getümmels«, würgte Franco hervor und griff nach dem Schmuckstück, um so zu tun, als würde er dessen Kettchen gerade wieder im Knopfloch befestigen.
»Es wundert mich, dass er sie nicht behalten hat, um sie auf dem Schwarzmarkt zu Geld zu machen«, meinte Virgil und die Musterung, derer er Chancey unterzog, machte keinen Hehl aus seiner Geringschätzung.
Der Stricher reckte trotzig das Kinn und wollte etwas antworten, doch ein flüchtiger Blick in Francos Richtung ließ ihn zur Besinnung kommen. Er blieb stumm und wandte sich mit einem Ruck ab, um die Hände in die Taschen seiner zerschlissenen Jacke zu schieben, in der er bei dem Wetter wie verrückt frieren musste, und sich einen Weg durch das Gedränge zu bahnen.
Virgil spuckte auf den Pflasterstein. »Verdammtes Lumpenpack. Verirrt sich neuerdings schon in die guten Viertel. Es wird Zeit, dass Hathaway das Gesindel in den Griff bekommt. Aber darauf können wir wohl lange warten.«
Franco fühlte aufkommende Übelkeit und für einen Augenblick war ihm, als könne er Chanceys Körper noch im Rücken fühlen. Doch hinter ihm war nur der kalte Wind, der ihm unter die Kleidung kroch.
»Diese Bande will nicht, dass in Elwood gebaut wird«, meinte er heiser, während er die Leute beobachtete, wie sie entweder das Weite suchten, aufgebracht über die Vorkommnisse diskutierten oder den Polizisten dabei halfen, den Kreis aus Feuer zu löschen, der inmitten der Trümmer seine Hitze verströmte.
Virgil steckte sich eine Zigarette an. Franco nahm den Schwefelgeruch wahr, den der Wind in seine Richtung wehte, als sein Freund das Streichholz zum Brennen brachte. »Steht doch seit Monaten in allen Zeitungen, dass irgendwelche Verrückten den Bau aufhalten wollen. Hast du nicht davon gelesen?«
»Ich widme mich selten dem Tagesblatt.«
»Hast du Angst, dein Verflossener könnte über deine Qualitäten im Bett berichten?«, forderte Virgil lachend zu wissen.
Franco ließ seinen Blick schmal werden und brachte sein Gegenüber dazu, das Thema zu wechseln.
Virgil nickte nachdenklich. »Diese Irren wollen nicht, dass man ihr schönes Elwood verschandelt. Aber ist der Unwille groß genug, um einen der Hauptverantwortlichen für den Bau zu töten? Was meinst du?«
»Möglich«, gab Franco zurück. »Allerdings ist heute niemand zu Schaden gekommen. Fairfax ist unversehrt, obgleich es ein Leichtes gewesen wäre, ihn jetzt und hier zu ermorden. Hätten sie die Gelegenheit nicht genutzt, wenn sie ihn aus dem Weg schaffen wollten?«
Virgil gab ein Brummen von sich, von dem Franco nicht wusste, ob es ein zustimmendes oder ein widersprechendes war.
Nachdenklich ließ er seinen Blick über den Platz schweifen, bemerkte erst jetzt, dass seine Knie zitterten. Er hatte um sein Leben gefürchtet. Nach Luft ringend umschlang er sich mit den Armen, befühlte unwillkürlich jene Stellen, die Chancey berührt hatte. Sein Magen rebellierte, wogegen auch immer.
»Lass uns gehen, die Vorstellung ist vorüber.« Virgil unterstrich seine Worte mit einer wegwerfenden Handbewegung und wanderte ihm voraus in das Gewirr aus Straßen, sein Gang so beschwingt wie immer, als wäre nichts geschehen.
Pinchwick erhob sich keuchend und schwankend aus dem Bett, in dem sie miteinander geschlafen hatten. Corvin lag verschwitzt in den Laken, zwei Kissen im Rücken, und beobachtete den Alten dabei, wie er sich zwei Zigaretten zwischen die faltigen Lippen schob und die Flamme einer Kerze vor die Enden hielt. Beide Stängel begannen rötlich zu glühen und Pinchwick kam zurück, reichte ihm eine der Zigaretten. Corvin wollte ablehnen, da er eine Verabredung mit Franco hatte und dieser den Rauchgeruch nicht mochte, doch Benny fuchtelte so ungeduldig mit dem Glimmstängel herum, dass er ihn annahm, um daran zu ziehen. Rauch füllte seinen Mund, ehe er ihn ausstieß, ohne ihn in die Lungen gezogen zu haben.
Pinchwick ließ sich am Fußende des Bettes nieder, wandte ihm den Rücken zu. Seine Schultern waren hochgezogen und seine knochigen Finger klammerten sich an das Genussmittel, als wäre es ein Rettungsring.
Bereits im Vorraum war Corvin stürmisch begrüßt worden und sein Freier hatte ihm keine Zeit gelassen, auch nur ein Wort zu sagen. Stattdessen hatte Pinchwick ihn ins Schlafzimmer gezerrt, ihm die Kleider vom Leib gerissen und ihn, nach ausreichender Vorbereitung, in den Arsch gefickt. Kaum etwas davon passte zu Benjamin Pinchwick.
»Warum hast du nach mir schicken lassen, Benny? Du weichst sonst nie von deinen Gewohnheiten ab«, fragte Corvin zwischen zwei Zügen, doch bekam keine Antwort, weshalb er es gleich noch mal versuchte: »Du wirkst angespannt. Hat es etwas mit der Verkündung zu tun, die gestern in Pembroke stattgefunden hat?«
Pinchwick ließ sich Zeit und schien sich zu fragen, ob er einen Stricher an seinem Gefühlsleben teilhaben lassen wollte, obgleich er für gewöhnlich recht redselig war. »Ernest wurde irgendwann im Lauf der vorletzten Nacht umgebracht.«
»Der Teilhaber der Werft?« Die Zigarette im Mund setzte Corvin sich auf.
Ein kraftloses Nicken kam zurück. »Es stand schon in allen Zeitungen. Ernest war, wie du weißt, nicht nur mein Geschäftspartner, sondern mein Freund. Hat mir immer zur Seite gestanden. Ganz gleich, wie schwierig es wurde.«
Corvin murmelte eine Beileidsbekundung, die mit einem Seufzen angenommen wurde.
»Ich konnte nicht zur Kundgebung kommen, weil mich die Polizei befragte. Ich war die ganze Nacht dort«, fuhr Pinchwick müde fort und blies Rauchkringel in die stickige Luft. »Fairfax hat mir auf der Wache erzählt, was passiert ist. Es macht mir Sorgen.«
Nachvollziehbar. Auch Corvin machte sich Sorgen – um Franco. Er raufte sich das Haar und atmete krampfhaft tief ein. Eine Sekunde später musste er husten, weil er versehentlich Zigarettenrauch in die Lungen gesogen hatten. Er drückte das Ding im Aschenbecher aus.
Benny drehte sich zu ihm und sein Gesicht wirkte so eingefallen wie selten zuvor. Es war nicht das Alter, sondern etwas viel Beunruhigenderes. Es war blanke Furcht, die in seinen Zügen stand.
»Denkst du, will man dir etwas antun?«, wagte Corvin zu fragen.
In einer fahrigen Bewegung wischte Pinchwick sich übers Gesicht und gab ein freudloses Lachen von sich. »Sind reiche Männer nicht immer in Gefahr?«
»Aber bist du es jetzt mehr als sonst?«
»Vielleicht ist es nur die Vorsicht des Alters, die mich das denken lässt«, wich Benny aus und klang wenig überzeugend. Er bemerkte Corvins Misstrauen, denn er rückte mit der Wahrheit raus: »Der Chef de police wollte mir Schutz anbieten.«
»Scheiße, warum hast du ihn nicht angenommen?«
»Das hätte ich, wenn das Angebot nicht an die Bedingung geknüpft gewesen wäre, dass ich Tag und Nacht im Polizeihaupthaus verbringe. Angeblich haben sie im Moment zu wenig Männer, um mir jemanden mit nach Hause zu schicken. Ich bin heilfroh, dass Rosanna für ein paar Tage auf unseren Landsitz gefahren ist. Diese Angelegenheit würde sie zweifellos aufregen.«
Corvin griff nach seinen Beinkleidern, um in diese zu schlüpfen. Das Gespräch lief in eine Richtung, die ihn danach verlangen ließ, nicht nackt zu sein. »Kannst du dir keine Leibwächter besorgen? Du solltest kein Risiko eingehen.«
Pinchwick ließ sich gegen den Bettpfosten sinken und blinzelte amüsiert. »Nur die Ruhe, Junge. Ich habe bereits nach fähigen Männern gerufen. Allerdings war ich bis kurz vor unserem Treffen bei der Polizei. Es wird eine Weile dauern, bis mein Brief überbracht ist und man mir jemanden schickt.«
Corvin öffnete den Mund, um anzubieten, so lange zu bleiben, bis die Leibwächter eintrafen. Doch etwas hinderte ihn daran. Es war der Gedanke an Franco. Auch er war in Gefahr und wenn man Corvin fragen würde, welcher von den beiden Männern, Pinchwick oder Deveraux, ihm wichtiger war, würde man eine klare Antwort bekommen.
Vielleicht war es nicht nur Angst, die ihn zu Franco trieb, sondern darüber hinaus Eigennützigkeit, weil ihn Sehnsucht quälte. Sehnsucht nach diesem pockennarbigen Gesicht, nach den schieferblauen Augen mit dem scharfsinnigen Blick, nach dieser seidenweichen Stimme.
»Ich habe später noch einen Kunden«, murmelte er rau. »Aber ich leiste dir bis dahin Gesellschaft. Vielleicht tauchen die Kerle in der Zwischenzeit auf. Wenn du willst, komme ich danach zurück. Dann können wir zusammen warten.« Er setzte sich neben Benny, der ihm ins Haar griff und die Strähnen raufte.
»Du bist ein lieber Junge, weißt du das? Ich danke dir.«
Die Worte, die eines Großvaters würdig wären, hätten Corvin mehr berührt, hätte Pinchwick sich nicht gleich darauf vorgebeugt, um ihn auf den Mund zu küssen.
Bei aller Zuneigung konnte er den Widerwillen nicht unterdrücken – oder den leisen Ekel, den er verspürte, als eine nasse Zunge über seine Lippen glitt. In seinem Inneren verkrampfte sich etwas auf unangenehmste Weise und er wollte zurückweichen, doch erinnerte sich daran, dass er fügsam zu sein hatte, wenn er bezahlt werden wollte. So gestattete er Pinchwicks Zunge, einzudringen und eine Weile in ihm herumzustochern.
Einen Freier zu küssen war schlimmer, als sich nehmen zu lassen. Es gab sexuelle Begegnungen in seiner Vergangenheit als Stricher, die er durchaus genossen hatte, doch keinen einzigen Kuss, vor dem er sich nicht geekelt hätte. Warum nur? Weshalb war ein Kuss derart machtvoll? Und aus welchem Grund war er noch immer nicht so abgestumpft, dass ihm das alles gleichgültig war?
Schließlich löste Benny sich von ihm. »Ganz gleich, wie begehrenswert ich dich finde, ich glaube nicht, dass mein Schwanz sich heute noch einmal zum Stehen überreden lässt. Gönn dir ein Bad, Chancey«, meinte er gnädig und als er Corvins Überraschung gewahr wurde, fügte er hinzu: »Ich weiß doch, wie sehr du meine Wanne schätzt.«
Für gewöhnlich erforderte es ein Besuch bei Franco, dass Corvin sich kurz zuvor selbst befriedigte. Andernfalls würde er sich niemals so lange zurückhalten können, wie Franco brauchte, um den Höhepunkt zu erreichen.
Bei keinem anderen Freier war Derartiges nötig. Nicht, weil nicht manche von ihnen ebenfalls eine Weile brauchten, sondern weil ihn keiner sonst erregte. Unter gegebenen Umständen konnte er heute auf diese Maßnahme verzichten. Das Zusammensein mit Pinchwick hatte nun zumindest einen Zweck erfüllt.
Während er sich ankleidete, mied er den Blick in den großen, goldgerahmten Spiegel. Was nicht nötig wäre, weil der Dampf ihn zu einer nebligen Scheibe hatte werden lassen. Das Bad war angenehm gewesen, hatte ihn schläfrig gemacht und aufwallende Gefühle abgeschwächt. In seiner Position konnte er sich nicht erlauben, schwach zu werden und der Abscheu gegen sich selbst zu viel Raum zuzugestehen. Er musste alle Emotionen von sich schieben, musste weitermachen und darauf hoffen, dass irgendwann ein Wunder geschah.
Gerade als er sich das Hemd zuknöpfte, hörte er schwere Schritte die Treppe heraufkommen. Etwas daran beunruhigte ihn und brachte sein Herz zum Rasen. Nie zuvor war jemand ins Haus gekommen, wenn er hier war.
Um seinen Kunden nicht in Verlegenheit zu bringen, verhielt er sich ruhig und hoffte, die Besucher würden keinen Blick ins Badezimmer werfen. Er drückte sich an die Tür aus Palisander, um zu lauschen.
Es war die kratzige Stimme des Dieners, die er zuerst vernahm. »Verzeiht, Master Pinchwick, aber die Herrschaften ließen sich nicht vertreiben. Sie bestanden auf eine Unterre-« Ein gedämpfter Schuss unterbrach die Entschuldigung des Butlers. Jemand stürzte zu Boden und Pinchwick schrie vor Entsetzen.
Corvin schlug sich die Hand vor den Mund und suchte fieberhaft nach etwas, das er als Waffe benutzen konnte.
»So, alter Mann«, knurrte eine bedrohlich gesenkte Stimme. Gleich darauf ging ein Gegenstand klirrend zu Bruch, zusammen mit Bennys Ausruf: »Bleibt mir vom Leib, elende Mistkerle! Warum habt ihr das getan?! Was woll-?!«
Erneut ein Schuss und dann noch einer.
Jeder davon ließ Corvin zusammenzucken.
Pinchwick fiel zu Boden – vermutlich auf die Knie – und keuchte. Vielleicht hatte man ihn angeschossen, um ihn an einer unwahrscheinlichen Flucht zu hindern. Der Mann war zu alt, um zu fliehen. Warum verletzten sie ihn, ohne es zu Ende zu bringen?
»Scheiße, was soll ich tun?«, fragte Corvin sich, indem er stumm die Lippen bewegte, während er sich das feuchte Haar raufte. Sollte er einschreiten? Konnte er Pinchwick retten, ohne selbst sein Leben zu lassen? Sein Herz pochte schmerzhaft gegen sein Brustbein, seine Atemzüge ähnelten mehr einem Röcheln und er betete, dass man ihn vom Schlafzimmer aus nicht hören konnte.
»Was wollt ihr? Sagt mir, was ihr begehrt, und ich werde es euch geben, wenn es in meiner Macht steht, aber lasst Milde walten mit einem armen alten Mann«, forderte Pinchwick wimmernd und winselte gleich darauf, als hätte man ihm einen Tritt oder Hieb in den Magen versetzt.
»Wir wollen nichts von dir, Benjamin Pinchwick. Nichts außer deinem Ableben«, gab eine Stimme zurück, die Corvin zum ersten Mal hörte. Sie wurde immer leiser, die Worte waren zunehmend schwerer zu verstehen. »… gibt nichts auf der Welt … vor deinem Schicksal … vor der Rache, die …«
Corvin presste sein Ohr an das Holz, doch das wütende Wispern war nur ein grauenvoller, hasserfüllter Singsang.
Als erneut Bennys Schmerzensschreie erklangen, musste er sich auf die Knöchel seiner zur Faust geballten Hand beißen. Seine Augen brannten und er fühlte heißes Nass seine Wangen hinablaufen. Er sollte nicht hier stehen und sich verstecken, sondern da rausgehen und Pinchwick vor dem Tod bewahren.
Doch er hatte zu viel Angst.
Er brachte es nicht über sich, unbewaffnet in den Nebenraum einzufallen und Pinchwick mit bloßen Händen zu verteidigen.
Vielleicht wäre das auch das Unvernünftigste, was er tun konnte. In diesem Moment kam es ihm wie das einzig Richtige vor, zu dem er jedoch nicht fähig war.
Wieder fielen Schüsse, dann war es für einige Momente so still, als hätte alles Leben auf der Welt aufgehört zu existieren. Corvin presste die Lider aufeinander, versank in Dunkelheit, wehrte sich gegen den Schwindel. Seine Beine zitterten wie das Laub einer Espe und ein Schluchzen wollte sich ihm entringen, doch er bändigte es mit aller Mühe.
»Nehmt das Haus auseinander«, befahl eine dunkle Männerstimme.
