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Ein paar geflüsterte Worte, die keinen Sinn ergeben, und eine Hinrichtung, die noch nicht hätte sein dürfen. Der verschlossene Henker von Venice, Horace »Rake« Langley, hegt Zweifel an der Schuld des übereilt Gehenkten und engagiert einen Privatermittler, um die Wahrheit herauszufinden. Womit er nicht gerechnet hat? Damit, dass er sich von diesem ebenso attraktiven wie scharfsinnigen Mann angezogen fühlt wie eine Motte vom Licht. Doch er selbst ist die Dunkelheit und darf niemanden an sich heranlassen. Für gewöhnlich sorgt sein Beruf zuverlässig dafür, dass andere Menschen größtmögliche Distanz zu ihm wahren. Abgesehen von den schlagfertigen Seitenhieben auf seine schaurige Profession zeigt sich Lance Preston Lombard allerdings herzlich wenig verunsichert von Rakes Dämonen. Stattdessen kommt er ihm in seiner entwaffnenden Unbefangenheit näher als irgendjemand zuvor. Je weiter ihre Ermittlungen fortschreiten, desto gefährlicher werden ihnen sowohl der Fall als auch ihre Gefühle füreinander. Doch wie berührt man Schönheit, wenn die eigenen Hände ein Leben lang nur Elend gebracht haben?
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Veröffentlichungsjahr: 2025
WER DEN HENKER KÜSST
THARAH MEESTER
Impressum
Copyright © 2025 by Tharah Meester
Alle Rechte vorbehalten.
Covergestaltung: Julia Zeiner-Haring
Bildnachweise:
Hintergrund: © Seckin Ozturk | Dreamstime.com
Mann: © www.figurestock.com
Ornamente: © luminariumgraphics | Etsy
Rose: © QoqoreCraft | Etsy
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Tharah Meester
Hammersteinstr. 19
5280 Braunau/Inn
Österreich
Inhaltsverzeichnis
Titelblatt
Impressum
Inhalt
Widmung
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Epilog
Nachwort
Danksagung
Über die Autorin
Leseprobe
Für all jene, die schon einmal aus dem Gefängnis ihrer eigenen Gedanken ausbrechen mussten. Und für alle, die noch an den Gitterstäben feilen.
Ihr seid nicht allein.
Prolog
Der Regen schlug so gewaltsam auf die Wege zwischen den Gräbern ein, dass er den Kies bis an die Grabsteine hoch verspritzte. Ebenso unerbittlich prasselte er auf das Wellblechdach der verfallenden Hütte, die dem verstorbenen Friedhofswärter als Unterkunft gedient hatte. Jetzt gerade hatte das Häuschen alle morschen Bretter voll damit zu tun, dem Wind und den Argusaugen zweier Privatdetektive standzuhalten. Sie hatten den Verschlag vor dem Beziehen ihrer Positionen genauestens untersucht. Geprüft, ob dort jemand Waffen versteckt hatte; ob sich der Strom noch anschalten ließ; ob keine Tür verrammelt und somit ein Fluchtweg versperrt war. Nichts.
Lance drückte sich unter den Dachvorsprung und kaute an seiner Unterlippe, die Hand fest um den gezogenen Revolver geschlungen. Ihm knurrte der Magen und seine Laune erreichte den Tiefpunkt. Das hier war ein passend beschissener Abschluss für einen wahrlich beschissenen Tag.
Die kryptische Nachricht, die sie herbestellt hatte, war an Tamsin adressiert gewesen und ließ in ihrer Gesamtheit nur zwei Möglichkeiten zu. Entweder der Verfasser fürchtete um seine Unversehrtheit – worauf weder die klare, mit ruhiger Hand geführte Schrift noch der Wortlaut hindeuteten. Somit blieb eigentlich nur anzunehmen, dass es sich um eine Falle handelte.
Nicht weit entfernt schlug eine Turmuhr die zehnte Stunde. Als hätte das dumpfe Wummern einen Dämon heraufbeschworen, materialisierte sich eine schlanke Gestalt am Friedhofstor. Langer Mantel, flacher Hut, beides in Schwarz, beides modisch veraltet. Männerkleidung. Könnte eine Tarnung sein, aber Gangart und Haltung unterstrichen, dass sie es mit einem Mann zu tun hatten. Der nach einem Blick über die Schulter zielstrebig auf die Hütte zukam – die Hände in den Manteltaschen vergraben und offenbar tatsächlich allein.
Über den Regenlärm hinweg klopfte Lance das vereinbarte Signal gegen die Bretter, um Tamsin wissen zu lassen, dass der Verdächtige eingetroffen war. Bis er ihnen das Gegenteil bewies, war er nämlich genau das. Ein Verdächtiger. Zu einem Klienten würde er sich nach der morbiden Wahl von Treffpunkt und Uhrzeit erst hocharbeiten müssen. Zumindest in seinen Augen. Für Tamsin würde erfahrungsgemäß der matte Schimmer von genug Papiergeld reichen. Ihre Sache. Er war nur hier, um ihr Rückendeckung zu geben.
Der Fremde betrat die Hütte. Die Falle schnappte zu. Lance schälte sich aus den Schatten und folgte ihm nach drinnen. »Keine falsche Bewegung«, raunte er und spannte den Hahn seiner Pistole, deren Mündung auf einen Rücken zielte.
Das Licht ging an. Eine nackte Glühbirne erstrahlte über dem Kopf des Mannes, als stünde er unter einem traurigen Scheinwerferlicht.
»Zeigt mir Eure Hände«, befahl Tamsin, die ihre Waffe hielt wie einen Schutzschild.
Mit laut pochendem Herzen verfolgte Lance jede sparsame Bewegung des vermeintlichen Feindes. Zwei Hände in schwarzen Handschuhen wurden langsam aus Manteltaschen gezogen und breiteten sich bedacht neben einem Körper aus, als müssten sie verlorene Kinder zu sich rufen. Die Handflächen zeigten in Tamsins Richtung, um zu beweisen, dass sie leer waren.
Blind drückte Lance die Tür zu und umkreiste mit der Pistole im Anschlag den Kerl, von dessen Hutkrempe der Regen tropfte. Als sein Gegenüber den Kopf hob, traf ihn ein Blick aus eisblauen Augen. Darin lag Wachsamkeit. Schwermut. Tausend dunkle Geheimnisse. Sie passten nicht in das Gesicht, in dem alles andere schnörkellos und zweckdienlich anmutete. Die Nase auffallend gerade, die Lippen an schmal grenzend, glatte Wangen, rundliches Kinn, weich gezeichnete Wangenknochen. Keine Spur von Grübchen. Oder allzu viel Mimik.
Nach eingehender Betrachtung ruckte Lance ungeduldig mit dem Kopf. »Wer zum Henker seid Ihr?«
Tamsins unerwartetes Lachen raubte der Situation jegliche Schärfe. »Amüsant. Noch amüsanter, dass du ihn nicht erkennst, obwohl er fast den kleinen Blonden gehenkt hätte, in den du so verschossen warst.«
Lance musterte den Mann erneut, bis die Anspielung an die richtige Stelle des Puzzles fiel. »Ihr seid Scharfrichter Langley?«
Eisesblick nickte zur Bestätigung seiner Identität.
»Hm.« Unzufrieden ließ Lance die Waffe sinken, weil Tamsin die ihre bereits im Holster verstaut hatte. Den Henker hatte er sich anders vorgestellt. Doch jetzt, da er wusste, wen er vor sich hatte, fragte er sich, wie zum Teufel ein Henker sonst aussehen sollte. Paradox.
»Ich wusste nicht, dass Detektive so übervorsichtig sind«, sagte Langley und überraschte ihn mit dem sanften Klang seiner Stimme, die ihn jedoch aufgrund des Gesagten alles andere als besänftigte.
»Übervorsichtig?«, konterte Lance und machte große Augen. »Wir arbeiten derzeit an einem Fall, an dem wir uns die Finger ein wenig gründlicher verbrennen könnten als Ihr Euch an Eurem Strick aufscheuern würdet, wenn er Euch aus der Hand gleitet. Also. Was wollt Ihr?«
Tamsin grunzte amüsiert.
»Ich möchte Miss Reed einen Auftrag erteilen«, erwiderte Langley.
»Worum geht es?«, fragte Tamsin.
»Um den Mann, den ich vor wenigen Tagen seinem Schicksal zugeführt habe.«
»Daniel Flang?«
»Korrekt.«
»Was ist mit ihm?«
»Ich vermute, dass er unschuldig war.«
Lance schnaubte. »Bei Bertie Colfax hat Euch das auch nicht gestört.«
»Doch, hat es«, widersprach Langley rau. Schatten huschten über seine Miene. Von seiner Hutkrempe tropfte immer noch Regen. »Mehr, als Ihr Euch vorstellen könnt.«
»Das tut nichts zur Sache«, ermahnte Tamsin. »Warum denkt Ihr, Flang wäre unschuldig gewesen?«
Unter Lances stechendem Blick schlug Langley schließlich als Erster die Augen nieder. »Weil seine Hinrichtung betreffend absolut nichts den gewohnten Gang genommen hat.«
»Was gab es für Abweichungen?«
»Zunächst einmal die Zeitspanne. Die meisten Männer und Frauen, die im Fort einsitzen, warten mehrere Jahre auf ihre Hinrichtung. Bei Flang hat es genau fünf Tage gedauert. Ich hatte keine Möglichkeit, mich mit ihm vertraut zu machen.«
Lance hob die Augenbrauen. »Mit ihm vertraut machen?«, fragte er. »Vertraut wie in vertraulich? Werdet Ihr das mit diesen Monstern?«
»Jemandem das Leben zu nehmen ist die höchste Form von Intimität, die zwei Menschen miteinander erreichen können. Zwangsläufig werde ich also vertraulich mit diesen Leuten. Das ist unabdingbar, wenn ich ihnen den Übergang so einfach wie möglich gestalten will«, erklärte Langley, als müsste er beweisen, dass nicht nur seine Augen aus Eis waren, sondern auch sein Herz. Dann wandte er sich wieder Tamsin zu. »Er wurde nachts ins Fort gebracht, vom Festland. Mit nichts am Leib als einer alten Decke, an der das Emblem einer Polizeiinspektion prangte. Pritchard, einer der Wärter, hat mir später zugeflüstert, dass am Abend vor Flangs Ankunft sogar Schichten getauscht wurden. Höchst unüblich. Offenbar wollte man die gesprächigeren Männer aus dem Weg haben.«
»Verdächtig«, sagte Tamsin.
»Das ist längst nicht alles«, versicherte Langley. »Ich bin seit acht Jahren für die Hinrichtungen des Landes zuständig. Seit der Reform wurde nicht ein einziger Delinquent gehenkt, ohne zuvor die Eisenmaske aufgelegt zu bekommen. Das Marque du mal stellt für gewöhnlich eine feste Bedingung für eine Hinrichtung dar.«
Acht Jahre inmitten von Tod und Verderben. Die kalte Aura, die diesen Mann umgab, erklärte soeben ihren Ursprung.
»Am Abend seines Ablebens hätte eine gewöhnliche Galgenprobe stattfinden sollen«, erzählte Langley weiter.
Tamsin legte den Kopf schief. Ein paar ihrer langen Zöpfchen aus schwarzem Haar fielen nach vorn. »Galgenprobe?«
»Eine Form von Folter«, antwortete Langley. »Die Gefangenen wissen nicht, ob es auf einen Probelauf oder ihren letzten Atemzug hinausläuft.«
»Das ist abstoßend«, warf Lance mit gepresster Stimme ein.
Langley straffte die bereits angespannten Schultern, bevor er ihm die Antwort ebenso frostig servierte wie seinen Blick. »Weit weniger abstoßend als die Taten der Verbrecher, welche Ihr Monster nennt.«
Lance verzog den Mund. »Was soll der Henker auch anderes sagen.«
»Schluss jetzt«, befahl Tamsin und zeigte Lance warnend eine gehobene Braue. »Das tut nichts zur Sache. Was ist während besagter Galgenprobe passiert?«
»Es wurde eine unsaubere Hinrichtung daraus«, sagte Langley, wobei er das Wort unsauber auf seltsame Weise mit Emotionen belegte, ohne es wirklich zu betonen. »Mein Strangknecht schwört auf sein Leben, Waters habe genickt. Was bedeutet, dass er nicht gewartet hat, bis ich so weit bin.«
Frank Waters war der Gefängnisleiter, der laut zahlreicher Journalisten wie ein Tyrann über das Fort Faucherre herrschte. Wie ein wütender Despot jagte auch Lances leerer Magen einen dumpfen Schmerz durch ihn hindurch. »Und was hätte Waters davon gehabt, nicht zu warten?«, fragte er unwirsch.
»Er wollte Flang unterbrechen«, sagte Langley mit einer fast dreisten Selbstverständlichkeit. »Er wollte verhindern, dass noch weitere Worte aus dessen Mund kommen. Dabei konnte der Mann ohnehin kaum sprechen.«
»Bei allen Göttern, das hier wäre so viel einfacher, wenn Ihr ein besserer Erzähler wärt«, murrte Lance und steckte die Waffe endgültig weg, um sich gegen den morschen Tisch zu lehnen und die Arme vor dem Oberkörper zu verschränken.
»Musst du deshalb gleich ungeduldig mit ihm werden?«, fragte Tamsin.
»Ja, muss ich«, konterte Lance. »Wir sind seit gestern auf den Beinen, haben nichts gegessen, mussten uns von Hunden jagen lassen und stehen zur Krönung dieses Scheißhaufens mit gezogenen Waffen im strömenden Regen, weil der königliche Aufknüpfer das hier für einen angemessenen Treffpunkt hält.« Er breitete die Arme aus, um auf die unwürdige Umgebung hinzuweisen, und bemerkte, dass ihm ein Halm Stroh an der Schuhsohle klebte. Unwillig schüttelte er ihn ab. »Verdammt, warum liegt hier überall Stroh?«, murmelte er, um entnervt fortzufahren: »Das hätten wir doch alles genauso gut bei Kaffee und Keksen besprechen können, oder nicht? Und wäre die geheimnisvolle Flüsterei nicht die erste Sache gewesen, die du an seiner Stelle erzählt hättest? Offenbar ist das, was der bedauernswerte Galgenvogel gemurmelt hat, der Schlüssel zu allem, oder? Sonst hätte Waters den Kerl wohl kaum auf so brachiale Weise zum Schweigen bringen müssen.«
»Vermutlich«, gab Tamsin zu. »Was hat Flang denn gesagt?«
Bevor Langley antworten konnte, hob Lance eine Hand über seinen schiefgelegten Kopf, um nach dem imaginären Strick zu greifen, an dem er vermeintlich hing, und würgte heiser: »Halt, nein. Ich bin unschuldig. Diesmal wirklich.«
»Findet Ihr das amüsant?«, fragte Langley düster.
»Galgenhumor, Eisherzchen. Tut bitte nicht so, als würdet ihr Kerle im Fort dergleichen Witze nicht am laufenden Band reißen. «
»Ich verbürge mich dafür, dass derartige Abscheulichkeiten noch nie über meine Lippen gekommen sind.«
»Die Abscheulichkeiten kommen Euch nur über die Hände, was?«
Sie maßen sich mit Blicken und Tamsin verlor die Geduld: »Das tut nichts zur Sache, verflucht noch mal. Können wir uns auf die Fakten konzentrieren? Also, was hat Daniel Flang zu Euch gesagt?«
Langley schob sich die behandschuhten Hände zurück in die Manteltaschen, obwohl es weder hier in der Hütte noch dort draußen kalt genug war, um ein solches Gebaren zu rechtfertigen. »Den Umstand, dass mir Waters bemüht beiläufig dieselbe Frage gestellt hat, möchte ich als weiteres Indiz anfügen. Jeder Delinquent hat mir noch etwas zu sagen, bevor ich ihn der Fähigkeit dazu beraube. Mit Mr. Flangs Gemurmel selbst kann ich leider nichts anfangen. Er hat mehr als einen Anlauf gebraucht, um den Namen Matteo zu stammeln. Dann hat er eine Abfolge von Zahlen gewispert. Elf, achtzehn, dreißig.«
»Eine Straße vielleicht?«, fragte Tamsin. »Der Code eines gut gefüllten Tresors hinter irgendeiner öden Hancock-Malerei? Der Name eines Verwandten, dem ihr diesen Code mitteilen sollt? Hatte er Kinder?«
»Eine Tochter«, erwiderte Langley.
Lance hob den Zeigefinger, als drücke er noch die Schulbank. »Pfarrerssohn möchte lösen. Matthäus-Evangelium. Kapitel elf. Verse Achtzehn und Dreißig.«
»Sag sie auf, Klosterschüler«, forderte Tamsin mit einem Handwink.
»Der zweite lautet: Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht. Also im Grunde genommen nur eine netter formulierte Beteuerung seiner Unschuld. Wie der achtzehnte Vers ins Bild passen könnte, ist mir schleierhaft.«
»Wie lautet er?«, fragte Langley angespannt.
»Johannes ist gekommen. Er isst nicht und er trinkt nicht und sie sagen: Er ist von einem Dämon besessen.«
Langleys Blick schoss nach unten und bewegte sich über den Boden, als könnte er die verstreuten Puzzleteile dort zusammenbauen. Seine Stirn lag in Falten.
Lance wechselte einen Blick mit Tamsin und sagte: »Flang soll eine kleine Familie ausgelöscht haben, nicht wahr? Hat ihnen angeblich im Schlaf die Kehlen aufgeschlitzt. Wie könnte der Spruch dazu passen?«
»Niemand hat sich gewehrt«, antwortete Langley und hob den Kopf. »Einer der Ermittler äußerte den Verdacht, die Opfer wären bereits betäubt gewesen, als der Mörder sich an ihnen zu schaffen gemacht hat. Der Gerichtsmediziner konnte das bestätigen. Allerdings erst einen Tag nach Flangs Hinrichtung, sodass er nicht mehr dazu befragt werden konnte.«
»Wie praktisch«, spöttelte Lance. »Wenn Flang also auf seine Unschuld hinweist und uns zugleich Vers Achtzehn hinwirft, würde ich zu seinen Gunsten vermuten, dass noch eine weitere Person zugegen war, als sich diese Horrorshow abgespielt hat.«
»Und sich dadurch hervortat, dass sie nichts gegessen oder getrunken hat.«
»Weil sie wusste, dass das Zeug mit etwas versetzt war. Die Frage ist, in welches Loch sich dieser Abschaum danach verkrochen hat.«
»Und ob Mr. Flang schon von Anfang an als Opferlamm auserkoren war.«
»Oder ob er genauso reingelegt wurde wie die Familie«, fügte Lance hinzu und strich sich mit dem Daumennagel die Unterlippe entlang.
»Halt! Stopp«, warf Tamsin mit erhobenen Händen ein. »Bevor ihr beide jetzt gar nicht mehr aufhört, euch gegenseitig Bälle zuzuwerfen, will ich erst mal das Wichtigste klären. Mir scheint der Fall zu umfassend für eine Person. Ich bin durchaus interessiert, aber ich will das nur mit Mr. Lombard zusammen angehen. Das würde Euch einiges kosten. Wir würden reichlich Auslagen haben. Die Ermittlungen müssten zum Großteil auf dem Festland stattfinden und allzu viele Informationen habt Ihr nicht geliefert. Also lautet die dringlichste Frage, ob Ihr genug Geld habt, uns zu bezahlen.«
Lance hob die Brauen. So schnell war er also mehr als die Rückendeckung.
Als Langley die in Leder steckenden Hände aus den Taschen zog und seinen Mantel aufknöpfte, verströmte er den unangenehmen Geruch von nassen Mottenkugeln, Desinfektionsmittel und dem Elend im Fort. Er reichte Tamsin einen Packen Scheine, den sie wie ein alter Buchmacher durchblätterte, um den Betrag zu erfassen. »Zwei Wochenlöhne für uns beide. In Ordnung. Nach Ablauf der jeweiligen Woche ist der nächste fällig. Könnt Ihr nicht zahlen, legen wir den Fall nieder. Auslagen sind extra und werden nach Erledigung des Auftrags verrechnet. Macht Euch auf einen vierstelligen Betrag gefasst.«
Langley nickte knapp. »Geld wird nie ein Streitpunkt sein, allerdings habe ich eine Bedingung.«
»Die wäre?«, fragte Tamsin, während sie die Beute in ihrer Tasche verstaute.
»Ich will Euch aufs Festland begleiten.«
Tamsin hielt mitten in der Bewegung inne und sah den Henker an, als hätte er soeben dem Strick abgeschworen. »Uns begleiten?«
»Unter gegebenen Umständen kann ich meinen Beruf nicht länger ausüben u-«
»Und ich kann meinen nicht mit einem Eisklotz am Bein ausüben«, unterbrach Tamsin kopfschüttelnd. »Das könnt Ihr vergessen.«
Langley straffte die Schultern. »Dann könnt Ihr mir das Geld gleich zurückgeben, Miss Reed«, verkündete er und brachte Lance zum Schmunzeln. Es war fast, als hätte der Kerl Tamsins wunden Punkt bereits ausfindig gemacht.
Aus dunklen Augen starrte sie ihn an. »Wenn Ihr Euren Beruf nicht ausüben könnt, lasst Euch freistellen und genießt Eure Ferien.«
»Es wäre das erste Mal in all den Jahren.«
»Würde es dann nicht auffallen, wenn Ihr auf unbestimmte Zeit mit uns aufs Festland verschwindet?«
»Wenn meine Vermutung zutrifft, hat man mich mit Absicht und auf unsauberste Art einen Unschuldigen hängen lassen. Ich will der Sache auf den Grund gehen und ich will meine Antworten ohne unnötige Verzögerung.«
Lance musterte den Mann, dessen Haltung etwas höchst Würdevolles an sich hatte. »Wenn Frank Waters wie angenommen eine Rolle in dieser Scharade spielt und wir drüben auf dem Festland den falschen oder vielmehr den richtigen Leuten auf die Füße treten, könntet Ihr hier sogar in Gefahr sein.«
»Irrelevant.«
Irrelevant? Für die meisten Menschen war die eigene Sicherheit stets von allerhöchster Relevanz. Platz eins auf einer Liste von Prioritäten, auf der danach lange nichts mehr kam.
»Lance, nein«, ermahnte Tamsin und sprühte ein paar Funken zu ihm herüber, als könnte sie die bereits hinter seiner Stirn geschmiedeten Pläne zu Asche zerfallen lassen, wenn sie sich nur genug Mühe gab.
Lance zuckte mit den Schultern. »Er hat es als Bedingung genannt.«
»Dann reden wir es ihm aus.«
»Ich glaube nicht, dass wir Eisherzchen was ausreden können«, konterte er mit einem Lächeln. »Das haben sicher schon viele andere versucht und sieh nur, wo die gelandet sind.« Er deutete ausladend auf die Umgebung, um ihr in Erinnerung rufen, dass sie sich auf einem Friedhof befanden. Nach Tamsins resignierendem Stöhnen wandte er sich erneut Langley zu: »Wie lautet Eure Adresse?«
»Das Fort hat keine Adresse.«
»Ihr wohnt dort draußen?«
»Es ist zweckdienlich.«
»Was gibt’s da zu tun, wenn nicht der Strang nach Euch ruft?«
Langleys Antwort kam mit einer Verzögerung, die einer scheinbaren Unsicherheit über diese Frage entsprang. »Tauben füttern.«
Lance schnitt eine Grimasse. »Seid Ihr irgendwie zurückgeblieben?«
»Wäre ich mir dessen bewusst, wenn es so wäre?«
Tamsin schnaubte. »Na, deinen Gedankengängen konnte er vorhin mühelos folgen. Ob das nun für oder gegen eine geistige Umnachtung spricht, weiß ich leider nicht.«
»Was tragt Ihr unter Eurem Mantel?«, fragte Lance unbeirrt weiter.
Nach einem wiederholten Zögern lüpfte Langley besagten Mantel und präsentierte einen schlichten, dunklen Anzug, der ebenso altmodisch war wie der Rest.
»Ist das eine Tarnung oder Eure übliche Garderobe?«
»Es ist zweckdienlich.« Schon wieder dieses sterbenslangweilige Wort mit der sterbenslangweiligen Bedeutung, das Langley sich wohl schon im Mutterleib bei der Entwicklung seiner Gesichtszüge gedacht hatte.
»Also Letzteres«, stellte Lance fest und legte die Stirn in Falten, ehe er sich den Vornamen seines Gegenübers in verschiedenen Tonlagen auf der Zunge zergehen ließ. »Horace. Horace. Horace.« Er schüttelte den Kopf. Wer sah denn bitte auf ein blauäugiges Baby in seinen Armen hinab und dachte: Jawohl, Horace ist der perfekte Name für dieses süße kleine Wesen? Ein eisblauer, seltsam befangener Blick ruhte auf ihm, bis er sein Urteil fällte: »Das klingt absolut grauenvoll. Gibt es eine Abkürzung?«
Wieder ein Zögern. Zögerei und Zweckdienlichkeit schienen dem Henker zu liegen. »Rake«, kam schließlich etwas heiser zur Antwort.
»Rake«, wiederholte Lance belustigt und ließ den Blick einmal an Langley auf und ab gleiten. »Selten einen Mann gesehen, der weniger wie einer wirkt.«
Tamsin schnaubte erneut. »Du lässt ja heute deinen Charme spielen, dass man glatt rot werden könnte.«
»Himmel, das wollen wir natürlich nicht, dass hier irgendjemand rot wird, also Ende der Vorstellung.« Lance klatschte in die Hände, stand auf und fing Langleys Blick ein, um ernst zu werden: »Kein Wort zu irgendjemandem. Wir haben uns nie gesehen, nie gesprochen und Ihr plant ganz sicher keinen Ausflug oder sonstige Abweichung von Eurem Alltag. Wir melden uns.« Damit wandte er sich ab und marschierte auf die Tür zu, hinter der irgendwo ein Dinner wartete.
Langley drehte sich nach ihm um. »Wann? Wie?«
»Lasst Euch überraschen. Vielleicht erscheine ich eines Nachts unter Eurem Turmfenster und rufe: Eisherzchen, lass deinen Strick herunter«, witzelte er mit der Klinke in der Hand und schickte ein Lächeln in Richtung des Henkers, der immer noch unter dem Lichtstrahl stand, sodass sein blasses Gesicht im Schatten der Hutkrempe lag. »Ihr werdet es wissen, wenn es so weit ist.« Flüchtig neigte Lance den Kopf zum Abschied.
Tamsin folgte ihm nach draußen in den Regen und hielt mühelos mit ihm Schritt. Als sie das Friedhofstor passierten, lachte sie laut auf. »Eisherzchen, lass deinen Strick herunter. Der arme Kerl tut mir jetzt schon leid.«
Lance gluckste in sich hinein.
Kapitel 1
Das Gurren der Tauben übertönte das Rauschen des Meeres tief unter ihm. Ersteres klang besonders zufrieden. Vermutlich, weil er der üblichen Körnermischung ein paar Rosinen und Apfelstückchen beigefügt hatte.
Im dämmrigen Grau des kühlen Abends lehnte Rake mit den Unterarmen an der steinernen Brüstung seiner Dachterrasse. Der Wind zerrte an seinem Hemd und seinem Haar. Gedankenverloren hielt er den Blick auf die Stadt gerichtet. Auf ein bestimmtes Gebäude in einem bestimmten Viertel. In dem kleinen Bureau über dem Polizeirevier in Passeggiata brannte in den letzten Tagen nie Licht. Trotzdem starrte er immer noch jede freie Minute hinüber.
Seit dem Treffen auf dem Friedhof, um den sich nicht mehr gekümmert wurde, waren drei Wochen vergangen. Vielleicht hatten Miss Reed und Mr. Lombard ihn längst vergessen. In der Tat hatten die beiden ein wenig unprofessionell gewirkt. Miss Reed hatte den Anschein erweckt, nur an der Bezahlung interessiert zu sein, und Mr. Lombard … Nun, der hatte den Eindruck hinterlassen, als ließe er sich allzu leicht von einem Fall ablenken. Von einem Blick auf sein Spiegelbild zum Beispiel oder dem Klang seiner eigenen – zugegeben ausgesprochen wohlklingenden – Stimme. Oder von Umständen, die nicht seine Bequemlichkeit bedienten. Er hatte dort auf dem Friedhof gesprochen wie einer, der in den letzten Stunden durch die Hölle gegangen war, dabei aber ausgesehen wie frisch seinem Kleiderschrank und dem Messer seines Barbiers entsprungen. Er hatte Nadelstreif getragen. Dazu eine dunkelrote Krawatte. Ein Blickfang für jemanden, der selten eine andere Farbe als schwarz zu sehen bekam.
Durch den Dunst eines schweren Atemzuges hinweg blickte er auf die Taube hinab, die neben seinem Ellbogen landete und neugierig zu ihm aufsah. Es war die mit dem schwarzen Nackengefieder und dem unscheinbaren Brustfleck, der wie eine Träne geformt war. Rake streichelte sie mit zwei blassen Fingern und lauschte den sanften Geräuschen, die aus ihrer Kehle drangen. Für gewöhnlich beruhigte das seine Nerven, doch heute kreisten seine Gedanken weiter.
War es ein Fehler gewesen, dieses seltsame, ungleiche Paar mit dem Fall zu betrauen? Ein gemeiner Streich des Schicksals, dass er sich an Miss Reed erinnert hatte, sobald ihm klar geworden war, dass er der Sache nicht allein nachgehen konnte? Nichts weiter als ein dummer Zufall, dass er sie bei Antonin Skálas Hinrichtung gesehen und Franks Abneigung gegen »die eingebildete Schnüfflerin« auf drei Schrittlängen Entfernung gespürt hatte?
Ein Klopfen schreckte die Taube auf und ließ sie zu den anderen flattern.
Rake wandte sich zu der offenstehenden Terrassentür um und lauschte auf eine Wiederholung, die nicht lange auf sich warten ließ. Dazu meldete sich Seydo draußen auf dem Gang dumpf zu Wort. »Horace? Brief.«
Seufzend stieß er sich von der Brüstung ab und betrachtete im Vorübergehen den Taubenverschlag, der in scharfem Gegensatz zu dem Turm, auf dem er sich befand, kein Gefängnis, sondern ein Zufluchtsort war.
Auf halbem Weg durch seine Kammer streifte er sich die Handschuhe über, die er auf dem schmalen Bett abgelegt hatte. Dann machte er die Tür auf.
Sein Strangknecht stand davor und musterte ihn aus kleinen Augen unter einer gerunzelten Stirn. »Von wem ist der, Horace?«
Er nahm Seydo, der nicht lesen konnte, den Brief ab und warf einen Blick auf die schnörkelreiche Schrift, die den Absender auswies. »Irgendein Anwalt vom Festland«, antwortete er. Dann blieben seine Augen verwirrt an seinem eigenen Namen hängen. Horace T. Langley. Die seltenen Briefe, die er bekam, waren für gewöhnlich an H. Langley oder Scharfrichter Langley adressiert. Oft genug war sein Nachname in diversen Varianten falsch geschrieben. Aber die Initiale seines zweiten Vornamens hatte noch keiner hinzugefügt.
Es musste sich um einen sehr gewissenhaften Anwalt handeln.
»Bin neugierig. Machst du ihn auf?«, fragte Seydo und hielt ihm das Taschenmesser hin, das er immer bei sich trug.
»Geht ohne«, sagte Rake und drehte den Umschlag, um erneut ins Stocken zu geraten. Ein einziger Blick verriet ihm, dass dieser Brief bereits geöffnet worden war. Benommen starrte er auf den schmalen Rand um das rote Siegel, der entstanden war, weil man das Wachs nach dem Verstoß gegen das Briefgeheimnis nicht exakt an die ursprüngliche Position geklebt hatte. Seine Fingerspitzen fühlten sich taub an.
In den Händen hielt er nun also einen weiteren Hinweis darauf, dass er keinen Hirngespinsten nachging. Sein Verdacht schien höchst berechtigt. Warum sonst sollte man plötzlich seine spärliche Korrespondenz überwachen?
»Tauben machen heut’ schöne Geräusche«, stellte Seydo mit einem Schmunzeln auf den wulstigen Lippen fest.
Rake fand, dass sie das immer taten, doch er wusste, was gemeint war. »Haben heute besonders gutes Futter bekommen«, erwiderte er und brach das Siegel in der Mitte auseinander.
Dann raschelte Papier und mehr Schnörkel in Tinte kamen zum Vorschein.
Sehr geehrter Mister Langley,
im Zuge der Testamentsverwaltung für einen meiner bedauerlicherweise verstorbenen Klienten stieß einer meiner Rechercheagenten unlängst auf die Information, dass wir in Euch einen möglichen Erben gefunden haben.
Da nie ein Wort über Euch gefallen ist, nehme ich an, Mister Russell Welsh wusste nichts von einem möglichen Verwandtschaftsverhältnis. Ebenso wenig wie es Euch bislang bekannt gewesen sein dürfte.
Mister Welsh hat nach seinem Ableben ein nicht unbeträchtliches Vermögen nicht nur finanzieller Natur hinterlassen, für das Ihr wie erwähnt als Erbe in Frage kommt. Da die Angelegenheit aufgrund des späten Bekanntwerdens Eurer Existenz und einiger anderer Umstände recht heikel ist, würde ich die weitere Vorgehensweise gerne mit Euch persönlich besprechen.
Seid versichert, dass ich mit Hochdruck daran arbeiten werde, Euren Anspruch auf das Erbe zu festigen, sollte sich herausstellen, dass er rechtmäßig ist. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, bräuchte ich Euch allerdings hier auf dem Festland. Ich möchte anmerken, dass wir uns in einer Position befinden, in dem zügiges Handeln essenziell ist, um jegliche Anfechtungen zu verhindern.
Bedauerlicherweise kann ich nicht abschätzen, wie viel Zeit unsere Nachforschungen und die Klärung der Formalitäten in Anspruch nehmen werden, wofür ich um Verständnis bitte. Ich kann Euch nur versichern, dass ich all meine Bemühungen einsetzen werde, um den Prozess so effizient als möglich zu gestalten. Dennoch können sich derartige Geschäfte durchaus über mehrere Wochen erstrecken, wie Euch bewusst sein muss.
Falls es sich einrichten lässt, wäre ich Euch sehr verbunden, wenn Ihr baldmöglichst in meinem Bureau erscheinen könntet. Ich war so frei, Euch eine Überfahrt auf der Mason zu sichern. Es ist nur ein bescheidenes kleines Handelsschiff, deren Kapitän ich als Freund bezeichnen darf, aber wenn die Sterne günstig stehen, könntet Ihr den Heimweg bereits auf Eurer eigenen Galeere antreten. Die Mason ankert derzeit im Venicer Hafen. Man ist dort über Euer Kommen informiert und wird Euch eine Kabine zur Verfügung stellen. Ich hoffe auf Euer baldiges Eintreffen und eine gewinnträchtige Zusammenarbeit für uns beide.
In loyaler Verbundenheit
Cole d’Heart
Zwei Mal musste er den Brief lesen, bevor die Erkenntnis in seinen Verstand sickerte und sich von dem ungewöhnlichen Namen des vermeintlichen Anwalts unterstreichen ließ. Cole d’Heart. Cold Heart. Eisherzchen. Raffiniert.
»Von wem ist er denn nun?«, fragte Seydo. »Und warum lächelst du?«
Rake verscheuchte das Schmunzeln, dessen er sich nicht bewusst gewesen war. »Ah … von einem Anwalt. Möglicherweise habe ich etwas geerbt.«
»Noch etwas? Deine Eltern sind doch schon lange tot. Konnten sie dir das Geld nicht im Ganzen geben?«
»Nicht von meinen Eltern, Seydo. Von jemandem, mit dem ich möglicherweise entfernt verwandt bin, ohne davon gewusst zu haben.«
»Denkst du, war der auch wie deine Eltern?«
»Jetzt ist er jedenfalls tot«, murmelte Rake und faltete den Brief zusammen. Unrast und Aufbruchstimmung trieben ihn an. Er wollte am liebsten schon mit dem nächsten Schritt auf das Schiff steigen, auf dem Mr. Lombard ihm eine Überfahrt gebucht hatte. »Ich muss zu Frank. Brauche eine Freistellung.« Er setzte sich in Bewegung, die behandschuhten Finger am Handlauf.
Nach einem Moment, den er benötigte, um das zu verarbeiten, eilte Seydo ihm nach – die schmalen, gewundenen Treppen aus kaltem Stein hinunter. »Freistellung? Gehst du fort?«
»Ich muss zu diesem Anwalt aufs Festland.«
»Für wie lange?«
»Ist noch nicht abzusehen.«
»Darf ich deine Tauben füttern, solange du weg bist?«
»Darum hätte ich dich gewiss noch gebeten.«
»Fein.«
Sie ließen das sechste Parterre hinter sich. Dann das fünfte. Jedes war mit drei Zellen ausgestattet. Beide lagen in Stille da, obwohl sie voll belegt waren. Im Gegensatz zum vierten Parterre, das nur eine einsame Opernsängerin vom Festland beherbergte. Sie hatte fünf Ehemänner erfolgreich unter die Erde gebracht, beim sechsten allerdings versagt. Jetzt drangen aus ihrer Kammer gezischte Worte, die keinen Anfang und kein Ende zu haben schienen. Ein Schwall aus Silben, der nur für sie Bedeutung hatte. Beschwörungen an einen Teufel, der bloß in ihrem Kopf existierte. In jenem Kopf, den sie gerne gegen die Wand schlug, sobald sie sich tief genug in ihren Wahn hineingesteigert hatte. Sie war nicht verrückt gewesen, als man sie hergebracht hatte. Lediglich erfüllt von Hass und Niedertracht. Aber bei klarem Verstand. Nicht alle Insassen blieben das.
Yvette Bagnielle war es nicht geblieben. Zweifellos war er eine der Ursachen dafür. So wie sie die Ursache dafür war, dass er auf dem linken Ohr nicht mehr so gut hörte wie auf dem rechten. An einem Wintermorgen vor fünf Jahren hatte er ihr die rot glühende Eisenmaske aufgelegt, um das Marque du mal auf ihrem Gesicht erscheinen zu lassen. Sie hatte ihm ins Gesicht gespuckt und sich in ihre Fesseln geworfen, hatte nach ihm getreten und ihn ein Monster geschimpft.
Sie, die fünf Ehemännern dabei zugesehen hatte, wie sie nach den Giftanschlägen an ihrem eigenen Erbrochenen erstickten.
Ihre fortwährenden Beschimpfungen hatten in Schmerzensschreien gemündet. So laut, hoch und schrill, dass sie seinem Trommelfell einen Riss zugefügt hatten. Seydo hatte sich die Hände auf die Ohren gepresst und sich wimmernd in eine Ecke verkrochen, während Tränen über seine Wangen gelaufen waren.
»Schaust du nach ihr?«, fragte Rake nun über die Schulter hinweg.
Seydo nickte. »Besser so. Wenn sie dich sieht, macht sie sich bloß wieder nass.« Dann senkte er die Stimme. »Soll ich ihr was zum Einschlafen geben?«
Frank Waters erlaubte nur in seltensten Fällen eine Ruhigstellung der Insassen.
»Nur, wenn du es für zwingend nötig erachtest«, erwiderte Rake und reichte seinem Gehilfen ein Fläschchen mit Laudanum, das meist in seiner Brusttasche steckte. Es enthielt nur mehr wenige Tropfen. Den Rest hatten sie über Wochen hinweg dem ein oder anderen Gefangenen zugeschanzt. Ein gefährliches Spiel.
Begleitet von einem ernsten Nicken nahm Seydo es an sich und verschwand.
Rake setzte seinen Weg die Wendeltreppe hinab fort, seine Schritte von etwas beflügelt, das er nicht benennen konnte. Parterre Drei lag seit Lachapelles Hinrichtung verlassen da. Unwillkürlich hielt er vor der offenen Tür inne, um an Albertien Colfax zu denken. Der unschuldig eingesessen und drei Jahre seines Lebens verloren hatte. Doch letzten Endes zumindest nicht sein Leben selbst.
Er erinnerte sich an Colfax’ lautlos geweinte Tränen in der Folterkammer und an die Entschuldigung, die aus seinem eigenen Mund gekommen war, bevor er ihm die Eisenmaske aufgelegt hatte und dabei auf keinerlei Gegenwehr gestoßen war. Er hatte es immer gespürt. Hatte gewusst, dass der Mann unschuldig war. Woher auch immer. Und es hatte ihm entgegen Mr. Lombards Annahme viele schlaflose Nächte beschert.
Er würde niemals seine Erleichterung vergessen, als der wahre Schuldige sich selbst verraten hatte und Colfax freigelassen worden war. Gezeichnet zwar, doch mit einer zweiten Chance versehen, die niemand vor ihm bekommen hatte.
Aus dem Pausenraum drang das Gegröle eines Seemannsliedes, das für heisere Kehlen unter den Wärtern sorgen würde. Kein Wunder, dass niemand die Rufe hörte, die aus dem untersten Zellentrakt drangen.
»Goodwin! Hobbs! Irgendjemand, meine Güte!« Die Stimme aus Zelle eins klang entnervt und belegt von einer mühsam gezügelten Wut, die sich hörbar lieber in Gewalt entladen würde. »Bitte!«, kam gedehnt und alles andere als bittend zwischen Zähnen hervor.
»Lass es doch endlich gut sein, bei allen Göttern«, stöhnte es aus Zelle zwei.
»Ich lasse es gut sein, wenn jemand kommt und sich der Sache annimmt.«
»Die sind am Saufen, hörst du das nicht? Da kommt heut’ keiner mehr.«
»Irgendjemand wird kommen müssen. Wird sich meinem Anliegen annehmen müssen, du elender Bauerntrampel!«
»Halt die Fresse, gestopftes Großmaul!«
Jemand erhob sich von einer Pritsche und knallte die Fäuste gegen eine Tür. »Du willst es gestopft, ja? Ich stopf’ dir deine eigene Scheiße ins Maul und sehe mir genüsslich an, wie du daran verreckst, du elendiger, kleiner …«
»Alain!«, warnte Rake mit scharfer Stimme, während aus Zelle zwei freudloses Gelächter drang.
»Horace!«, stieß Alain hervor, sein Tonfall sofort eine Spur unterwürfiger oder zumindest gnädiger. Auf jeden Fall vertraulich, was ihm nur auffiel, weil ihm Mr. Lombards Worte in den Sinn kamen. »Welch eine Erleichterung. Ich …«
»In einer halben Stunde«, wehrte Rake ab und ging weiter.
Das hörte man nicht gern. »So lange kann es nicht …«
»Acceptez-le ou périssez par vous-même.« Akzeptier es oder geh allein zu Grunde. Aber in der Sprache, in die Alain de Rochefort am liebsten seine Zunge tauchte. Fein und vornehm, ganz wie er selbst, wenn er nicht gerade Frauen in dem Teich hinter seinem Landsitz ertränkte.
Seine Hinneigung zu Wasser als Mordwaffe war einer der Gründe, warum Alain sich ein Parterre mit Feuerteufel Jim Purcell teilte. Franks Grundsätze begleiteten Rake die letzte Treppe hinunter. Gegensätze führen zu Reibungen. Reibungen sind für solche Männer schwer zu ertragen. Alles, was schwer zu ertragen ist, ist eine Strafe. Und dafür sind sie nun einmal hier. Um bestraft zu werden.
Am Ende des engen Flurs, der Fenster auf der einen und Gaslampen auf der anderen Seite beherbergte, öffnete sich die Tür zu Franks Bureau. Ein Mann mittleren Alters und von hoher Statur trat heraus. Mit dem Riemen seiner Umhängetasche beschäftigt, bemerkte er Rake nicht sofort. Als sie nur noch drei Schritte voneinander entfernt waren, hob der andere den Kopf. Die Erkenntnis, die über sein bärtiges Gesicht huschte, kündigte das Zusammenzucken an. Das scharfe Luftholen und das Verziehen des Mundes. Dann wandte der Fremde den Blick ab, bekreuzigte sich verstohlen und machte einen so großen Bogen um ihn, wie es die Schmalheit des Ganges erlaubte. Wäre ein Fenster offen gewesen, wäre er wohl ins Meer gesprungen.
Rake schenkte dem Kerl keine weitere Beachtung und klopfte an Franks Tür.
Der immer gleiche dumpfe Befehl folgte: »Eintreten.«
Rake drückte die Klinke nach unten und stand drei Schritte später in Frank Waters’ Bureau, das auf so viele Weisen geschmacklos eingerichtet war.
Seine Schuhsohlen sanken in braunes Bärenfell, während sein Blick über den Schreibtisch hinweg zu Frank huschte. Der Grauhaarige mit der ungesunden Gesichtsfarbe rang sich ein schmales Lächeln ab, das wie üblich jeder Ehrlichkeit oder Wärme entbehrte. »Horace, was führt dich zu mir?« Seine Stimme ließ die gewohnte Ungeduld vermissen. Er hatte ihn bereits erwartet. Natürlich.
»Dieser Brief hier«, antworte Rake und hielt das Schreiben in die Höhe.
»Was hat es damit auf sich?«
Also ob du das nicht längst wüsstest. »Ein Anwalt vom Festland hat mich kontaktiert.«
»Halsabschneider. Alle miteinander. Was will er denn?«
»Möglicherweise habe ich etwas geerbt.«
»Geerbt?«, hakte Frank nach und hob die weißen Augenbrauen. »Von wem könntest du denn noch was erben? Darf ich mal sehen?«
Rake legte ihm das Schriftstück auf die Schreibunterlage, die mit unleserlichen Notizen bekritzelt war. Frank griff danach und tat, als müsste er sich mit dem Inhalt des Briefes vertraut machen. Scheinheiliger Mistkerl.
Während Frank Waters sich als Schauspieler versuchte, begutachtete Rake die vollgestopfte Wand hinter dem alten Mann. Eine Sammlung von Trophäen eines Jägers, der nicht selbst jagte. Seine Beute nicht einmal selbst erlegte.
Sein Blick glitt über mehrere Pistolen und Revolver, deren Kugeln Leben gefordert hatten. Dazwischen allerlei Stich- und Hiebwaffen, altmodisch und modern, abgegriffen und neu, vernachlässigt und gehegt. Unter anderem die schlichte Axt, die Nicholas Frey benutzt hatte, um seinen Opfern die Gliedmaßen abzuschlagen. Damit er sich ihrer Leichen einfacher entledigen konnte.
Die Krawatte, mit der Michel Maré seine komplette Familie erdrosselt hatte, wirkte inmitten der anderen Gegenstände harmlos, wenn man ihre Geschichte nicht kannte. Ebenso die schwarze Pirschleine, die niemals um den Hals eines Hundes gelegen hatte. Stattdessen hatte Antonin Skála mit diesem Stück Leder neun junge Pläsierer stranguliert, die sich nur ein paar Münzen hatten erarbeiten wollen, um nicht zu verhungern. Auf ihr ruhte Rakes Blick am längsten.
»Ein Titel.«
Verwirrt wandte er sich Frank zu. »Was?«
»Ein Titel ist es, wovon der Anwalt da fabuliert. Dieser Steigbügelhalter.«
Beim besten Willen konnte Rake sich nicht vorstellen, wie Mr. Lombard irgendjemandem den Steigbügel hielt. Was, wenn ein Halm Stroh daran klebte?
»Ein Titel?«, wiederholte er, immer noch verständnislos.
»Das Erbe, das nicht finanzieller Natur ist. Ländereien und ein Titel vermutlich, sonst würde er dich nicht so hofieren, Horace. Der weiß doch, was du bist.«
Jeder wusste, was er war.
Frank seufzte und legte den Brief an die äußerste Kante des Schreibtisches, damit Rake danach greifen konnte, ohne ihm zu nahe zu kommen. »Meinetwegen kannst du gehen, aber mach dir keine allzu großen Hoffnungen und lass dich vor allen Dingen nicht über den Tisch ziehen. Aasgeier sind das alle miteinander, diese Anwälte. Am Ende erbst du einen Haufen Schulden und sollst den Stiefellecker für seine Dienste auch noch reich belohnen.«
Nickend nahm Rake den Brief an sich. Stiefellecker. Noch ein Wort, das absolut nicht mit Mr. Lombard in Einklang zu bringen war.
»Wann willst du aufbrechen?«, fragte Frank und sah ihn aus dunklen, tief eingesunkenen Augen an. Das Weiß darin war gelbstichig.
»Sofort, wenn du nichts dagegen hast.«
»Damit sind Galgenproben und Hinrichtungen ab sofort auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.« Frank ließ ein Grinsen aufblitzen und zeigte seine mit dem Alter durchscheinend werdenden Zähne. »Goodwin und Fairbanks werden untröstlich sein.«
»Bedauerlich«, erwiderte Rake ohne jegliches Bedauern.
Frank gab dieses belegte, keckernde Lachen von sich, das einen wünschen ließ, taub zu sein. »Gute Reise, Horace. Lass von dir lesen, sobald die Angelegenheit ein Ende erkennen lässt. Schließlich wirst du hier gebraucht.«
Rake senkte in einem schwachen Nicken das Haupt und trat ohne ein Wort des Abschieds den Rückzug an. Er hatte seine Sachen zu packen.
*
Keine zwei Stunden später warf er mithilfe einer Laterne im Rücken lange Schatten auf den pfützenbedeckten Asphalt des Hafens. Ein Windstoß wehte ihm den Geruch von Fisch um die Nase und er verzog das Gesicht.
Die Mason lag ruhig auf sanften Wellen und kam ihm gar nicht so bescheiden und klein vor, wie Mr. Lombard in seinem Brief angekündigt hatte. Ihre Vorstellungen von Bescheidenheit schienen sich deutlich voneinander zu unterscheiden. Eine Erkenntnis, die ihn nicht sonderlich überraschte.
Der schmächtige Bursche, der den Steg bewachte, sprang von der Holzkiste, auf der er gesessen und sich einer Scheibe Brot gewidmet hatte. Wortlos nickte er Rake mit sich und führte ihn zu den Planken, über die man das Schiff betrat.
Das Holz knarzte unter seinen Sohlen. Ein ungewohntes Gefühl, wenn man die meiste Zeit nur blanken Stein unter den Füßen hatte.
Bevor er dem Kind unter Deck folgte, warf er einen letzten Blick auf das Fort.
Düster und einsam ragte der Turm in die Nacht. Umgeben von Wasser, Wolken und einem Elend, das man bis hierher spürte. Fehlten nur noch die Blitze eines Gewitters und die flatternden Fledermäuse, um das Bild komplett zu machen. Im Märchen würde dort die böse Königin leben. In Wahrheit waren es ein böser König und seine Handlanger. Nein. In Wahrheit war es er, der ganz oben im Turmzimmer hauste.
»Sir?«, fragte der Bursche und sah ihn abwartend an.
Mit einem letzten Blick unter einer in Falten gelegten Stirn verabschiedete Rake sich von seinen Tauben.
Dann ließ er sich von der Mason verschlingen und bekam bald eine Kabine aufgeschlossen. Der Bursche drückte die Tür auf und betätigte einen Schalter, der ein trübes, gelbliches Licht entfachte. Nach einem kurzen Zögern und der offensichtlichen Überlegung, wie er vermeiden konnte, dem Henker zu nahe zu kommen, warf er ihm den Schlüssel einfach zu.
Rake fing ihn aus der Luft. Das Metall landete in dem schwarzen Leder seiner Handschuhe und der Junge suchte eilig das Weite. Rake betrat die Kammer und schloss die Tür hinter sich. Das Bullauge würde Mondlicht einlassen, wenn nicht hier drinnen bereits die schmutzige Glühbirne leuchten würde.
Er sah sich um, doch sein Augenmerk lag nicht auf der ortsbedingt kargen Einrichtung, sondern auf den Dingen, die nicht hierher zu gehören schienen.
Das fremde Gepäck am Fußende der Pritsche fiel ihm als Erstes ins Auge - ein wuchtiger Schrankkoffer und zwei Taschen. Irritiert wandte er sich nach der Tür um, als könnte er durch sie hindurch den längst entschwundenen Burschen nach der Bedeutung fragen. Hatte man ihm die falsche Kabine zugewiesen?
Da bemerkte er den Brief, der auf dem Bett lag. Er ließ seine Tasche von der Schulter gleiten und setzte sich noch im Mantel hin, um ein weiteres Siegel zu brechen.
Ihr habt es also geschafft, Eisherzchen. Perfekt. Jetzt müsst Ihr nichts weiter tun, als die Überfahrt abzuwarten und Eure Rolle zu spielen.
Wenn wir Euch in unsere Ermittlungen einbeziehen sollen, könnt Ihr natürlich nicht der Henker bleiben und schon gar nicht Horace. Ich habe Euch vorerst die Rolle meines langjährigen Geschäftspartners Rake Locklear zugedacht und werde versuchen, so wenig wie möglich zu variieren oder davon abzuweichen, um es Euch nicht unnötig schwer zu machen. (Obwohl es mich natürlich reizt, es Euch wenigstens ein bisschen schwer zu machen.) Darüber hinaus wird es uns einige Vorteile verschaffen, wenn Ihr Tamsins Ehemann gebt. Legt aber besser nicht Hand an die Frau, sonst müsst Ihr Euren Strick künftig mit den Zähnen knüpfen. Seid einfach der reservierte, schweigsame Gentleman, den sich ein liederliches Mädchen anlacht, um die Vorzüge von reichlich hübschen Scheinen genießen zu können, ohne weiter liederlich sein zu müssen.
In Eurer Kabine findet Ihr einige Sachen, von denen ich hoffe, richtig geschätzt zu haben. Lasst mir nur ja diesen Mottenkugelmantel auf dem Schiff, Mann! Der Kapitän wird ihn zusammen mit dem Rest des Gepäcks, das Ihr nicht braucht, sicher für Euch verwahren. (Wobei ich eher hoffe, dass er ihn ins Meer wirft.) Die Garderobe ist nur eine Leihgabe, aber Schuhwerk und Hut dürft Ihr behalten. Das Buch natürlich auch. Habt eine ruhige Überfahrt. Wir sehen uns.
L.P.L.
Sein Verstand kaute auf den neuesten Entwicklungen wie ein zahnloser Hund auf einem Knochen. Die Überfahrt würde ihm hoffentlich reichen, um sich auf seine Aufgabe einzustellen. Nervosität trieb ihn in die Höhe und ließ ihn das Gepäck inspizieren, das hier offenbar doch genau richtig war.
Er klappte den Kofferschrank auf und erblickte feine, modische Anzüge, die er sich nicht an sich vorstellen konnte. Den Stoffen entströmte jener reizvolle Duft, den Mr. Lombard auch am Abend ihres Treffens getragen hatte.
Im vorletzten Fach entdeckte er das angekündigte Buch und zog es heraus. Der Einband zeigte eine Taube mit ausgebreiteten Schwingen vor schwarzem Hintergrund. Flügelschläge des Vergessens. Der Text auf der Rückseite versprach einen Spannungsroman, in dem Tauben eine wesentliche Rolle spielten.
Er behielt das angenehm schwere und nach frisch bedrucktem Papier duftende Buch in der linken Hand, während er sich den Handschuh der rechten mit den Zähnen von den Fingern zog. Erst dann griff er nach dem Hut.
Schwarzer Filz mit breiter Krempe und einem edlen, schmalen Band aus rotbraunem Leder. Es war ein außerordentlich schöner Hut. Wohl nicht weiter verwunderlich, wenn man bedachte, wer ihn ausgesucht hatte. Mr. Lombard war ja auch ein außerordentlich schöner Mann.
Kapitel 2
Umgeben von dem Protz und Prunk eines der kostspieligsten Hotels dieser Stadt saß Lance in einem Sessel aus Teakholz und rotem Brokat. Seine Aufregung steigerte sich mit jeder Minute. Vor einer Stunde müsste die Mason in den Hafen eingelaufen sein. Aber hatte es der Henker an Bord geschafft? Hatte Waters ihn gehen lassen? Und was, wenn nicht?
Seine Schuhspitze hämmerte auf einen handgeknüpften Teppich in gedeckten Farben ein. Die Finger seiner Linken trommelten auf die frisch polierte Lehne des Stuhls. Seine Rechte ruhte zur Faust geballt und von seinem Ellbogen gestützt an seinem Mund. Sein unruhiger Blick glitt Richtung Uhr, die vor einem langgezogenen Spiegel neben der Eingangstür auf der Kommode stand. Er rieb sich die Lippen und erhob sich mit einem Ruck, um ihr Domizil auf Zeit zu durchstreifen, das sich die Royal Suite des Hauses nannte und dem Namen alle Ehre machte.
Wie würde es weitergehen, wenn Langley das Schiff nie betreten hatte?
Er durchschritt das Hauptschlafzimmer, die Hände in die Hosentaschen unter seiner dunkelgrauen Weste geschoben und mit dem Blick die Einrichtung überfliegend, ohne sie richtig anzusehen. Das golden und crèmefarbene Badezimmer war in den letzten rötlichen Schein der untergehenden Sonne getaucht. Es gab gewissermaßen keine Wand in Richtung Außenfassade, sondern nur ein riesiges Fenster. Befände man sich hier nicht in einem der höchsten Gebäude der Stadt, wäre dieser Umstand bedenklich. Zumindest für Leute, die nicht gerne beim Duschen beobachtet wurden.
Auf seiner Unterlippe kauend wanderte er durch das Schlafzimmer zurück in den großzügig geschnittenen Wohnraum mit der edlen Sitzgarnitur für mindestens sechs Personen, die sich rund um einen niedrigen Tisch versammelte. Letzterer wurde von einem Blumengesteck geziert. Schleierkraut und Ziergräser füllten die Lücken zwischen Hortensien, Nelken und Ranunkeln. Alles in Weiß, was ihn wissen ließ, dass man hier nichts von seiner größten Schwäche die Botanik betreffend wusste. Gut. Schließlich war er hier ja auch nicht er.
Ein Seufzen entrang sich ihm und er trat denselben Weg noch einmal an.
In die Gemächer, die für Tamsin vorgesehen waren – kleineres Schlafzimmer samt Badezimmer – wagte er sich nicht. Sie würde es merken und ihm die Ohren langziehen, weil er ihrer Meinung nach dort gewiss nichts zu suchen hatte.
Wenn alles nach Plan verlaufen war, hatte sie sich vor einer Stunde mithilfe eines Pferdeburschen samt Gepäck unauffällig an Langleys Seite gesellt, um vorzugeben, sie wären gemeinsam vom Schiff gestiegen. Berechnete man die Zeit, die es brauchte, um in dem Gewirr des Hafens eine Kutsche oder einen Wagen zu finden, der einen aus dem Chaos des Abendverkehrs aus Bayonne heraus und hierher in das ähnlich aussehende Chaos nach Sancerre brachte, müsste nun jeden Moment die Tür aufgehen.
Aber das tat sie nicht, so sehr er sie auch niederstarrte.
Die Anspannung wurde stetig schwerer zu ertragen. Er fühlte ihr Kribbeln bis in die Haarspitzen. Das Ticken der Uhr verhöhnte ihn. Er zog eine Hand aus der Hosentasche und nestelte an seiner Krawatte, die bereits ordentlich genug in der Weste steckte. Noch immer völlig sinnbefreit mit der Ziernadel beschäftigt, hörte er plötzlich die Schritte mehrerer Personen, die sich durch den langen Gang der Zimmertür näherten.
Er trat zurück ins Schlafgemach und verbarg sich hinter dem Türflügel. Reglos verharrend betrachtete er die ins Holz geschnitzten Ornamente, um besser lauschen zu können. Etwas knallte gegen eine Wand – Gepäck, das getragen wurde. Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt und gleich darauf schwang draußen die Tür der Suite auf. Schwere Koffer wurden hereingehievt und auf den Boden gestellt. Es folgte ein Murmeln. Münzen klimperten in jemandes Hand.
»Habt vielen Dank, ihr beiden.« Tamsin. Nicht mit ihrer üblichen Stimme, sondern in einem unangenehm nasalen Ton, der einer Industriellen-Gattin würdig war. Das bedeutete allerdings nicht automatisch, dass der Plan aufgegangen war. Bei ihrem verstohlenen Treffen gestern nach Einbruch der Dunkelheit am Rande des Hafenviertels hatten sie vereinbart, dass sie auch herkommen würde, sollte Langley nicht vom Schiff steigen.
Draußen erhob Tamsin erneut die Stimme einer Frau, die sie nicht war: »Wir wünschen kein Zimmermädchen, ja? Nicht vergessen.«
»Ist notiert und wird bestimmt nicht vergessen, Mrs. Locklear«, antwortete ein Bursche. Der Page mit den roten Haaren, wie Lance am Lispeln erkannte. »Diese beiden sind die einzigen weiteren Schlüssel für die Suite, die lege ich hier auf die Kommode. Den dritten hat bereits Mr. Harlow an sich genommen. Danke für das spendable Trinkgeld. Einen schönen Abend noch.«
Wieder waren Schritte zu hören und dann – endlich! – glitt die Tür ins Schloss.
Die Unterlippe zwischen die Zähne geklemmt trat Lance in den Salon hinaus.
Tamsin, die neben dem Gepäck kniete und in einer Tasche kramte, kam kaum in den Genuss seiner Aufmerksamkeit. Sein Blick fiel sofort auf die schmale, düstere Gestalt des Henkers, der unsicher im Raum stand.
»Gott, ja!«, stieß Lance hervor und strahlte sein Gegenüber an, während er mit den Fäusten etwas auswrang, das unsichtbar vor ihm in der Luft schwebte. »Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!«
Langley war von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt und hielt die behandschuhte Rechte um den Henkel einer Reisetasche geballt. Er grüßte ihn mit einem kleinen Nicken und zog sich den Hut vom Haupt. »Mr. Lombard.«
»Habt Ihr …?« Sobald Langleys Haar zum Vorschein kam, spürte Lance, wie sein Grinsen breiter wurde, während ihm mitten im Satz die Worte entfielen, die hätten folgen sollen. Der Henker trug sein Haar streng an der Seite gescheitelt und dezent geölt. Möglicherweise deutete es bereits einen Ehestandswinkel an, der mit zunehmendem Alter kommen würde. Doch all das war weit nicht so bedeutsam wie die Farbe. Dunkelblond, das an Haselnussbraun kratzte.
»Ich hatte recht«, sagte Lance mit einem triumphierenden Schmunzeln.
»Er sieht verkleidet aus«, murrte Tamsin, ehe sie die Tür abschloss und dazu ansetzte, ihren Koffer über den Boden zu schleifen.
»Er sieht verdammt gut aus«, widersprach Lance und musterte sein neu eingekleidetes Gegenüber von oben bis unten. »Dass du an dem Anblick was auszusetzen hast, verrät nur, dass du kein Interesse an Männern hast.«
»Und du ein zu großes!«, rief sie aus dem Nebenzimmer.
Lance nahm nur so lange die Augen von Langley, wie er brauchte, um sie einmal durch ihre Höhlen rollen zu lassen. Dann formte er mit Lippen und Hand ein Bla bla bla und winkte schließlich ab, um Langley zu beruhigen, obwohl das nicht nötig zu sein schien. Der Mann stand immer noch reglos im Raum.
»Offenbar hast du seine Maße schlecht geschätzt«, fuhr Tamsin fort und kehrte in den Salon zurück, um ihre Taschen zu schultern. »Er fühlt sich unwohl in den neuen Kleidern, nestelt mal hier und zupft anschließend dort herum. Einem scharfen Beobachter wird es auffallen, aber mir soll es gleich sein. Du wolltest es ihm nicht ausreden, also ist er jetzt dein Problem.«
»Kann gar nicht sein. Immerhin ist er dein Ehemann«, konterte Lance neckisch.
Tamsin rammte ihn mit einem Blick ungespitzt in den Boden. »Gibt es irgendetwas Neues? Wenn nicht, entschwinde ich nämlich jetzt in meine Gemächer.«
»Entschwindet ruhig, Miss Reed. Keine neuen Erkenntnisse.« Die letzten Silben hatten seinen Mund kaum verlassen, da knallte schon die Tür in den Rahmen. Lance schürzte amüsiert die Lippen und ließ ein paar Sekunden in Stille verstreichen. »Nun.« Lächelnd schlug er die Hände zusammen. »Falls mein Problem nicht zu müde ist, würde ich gerne meine Fortschritte mit ihm teilen.«
Langley gab ihm mit einem knappen Nicken zu verstehen, dass er auf den neuesten Stand gebracht werden wollte.
»Setzt Euch«, wies Lance an und zeigte auf das Arrangement von Sitzgelegenheiten vor dem Kamin, der kalt bleiben würde. »Habt Ihr Hunger?«
Ein Kopfschütteln kam zurück.
»Möchtet Ihr eine Tasse Tee? Ist frisch aufgebrüht. Wir könnten uns auch noch eine Kanne Kaffee machen. Die kleine Küche«, er deutete hinter sich, »lässt keine Wünsche offen.«
»Wasser.«
»Zweckdienlich«, murmelte Lance so leise, dass nur er sich hören konnte, und machte sich daran, ihnen eine Erfrischung auf der Anrichte zuzubereiten. Seine Handgriffe waren bedachter, als sie für eine derart einfache Aufgabe sein müssten, aber er nahm sich Zeit, weil er hiermit nicht das Ziel verfolgte, sie beide hydriert zu halten.
Der Spiegel über dem Buffetschrank hatte ursprünglich in einem anderen Raum gehangen, doch Lance hatte den Salon so präpariert, wie er ihn haben wollte. Während nun seine Hände damit beschäftigt waren, Tee einzuschenken und Zucker einzurühren, beobachtete er in Wahrheit seinen Klienten.
Langley stand mit dem Rücken zu ihm an der Eingangstür und hängte gerade auffallend sorgsam seinen Hut an die Garderobe. Anschließend wischte er sogar behutsam über das Lederband – er mochte ihn offenbar, wie Lance mit einem Schmunzeln registrierte. Dann schlüpfte der Mann umständlich aus dem Mantel, um ihn ebenfalls aufzuhängen. Seine Hand glitt verstohlen an seine Rippen und richtete dort etwas, bevor er an seinem Jackett herumadjustierte, obwohl es wie angegossen passte. Von »sich verschätzt haben« konnte nicht die Rede sein.
»Hattet Ihr eine angenehme Überfahrt?«, fragte Lance und griff nach einem Glas, von denen einige kopfüber auf einem Tablett parat standen.
»Ohne Komplikationen.«
»Habt Ihr das Buch gelesen?«
Die Antwort darauf folgte erst nach einem Zögern. »Zwei Mal.«
Lance schmunzelte erneut. Der Roman war ihm zufällig untergekommen, als er die Sachen für Langley zusammengesucht hatte. Aus einer Laune heraus hatte er ihn gekauft. War offenbar kein Fehler gewesen.
Während er nun in einer Langsamkeit prickelndes Wasser einschenkte, als sei es der teuerste Rote der Stadt, nahm Langley Platz. Er wählte einen der Lehnsessel statt dem Sofa und setzte sich an dessen Kante wie einer, der nicht lange zu bleiben vorhatte. Einer ruckartigen Bewegung seines rechten Fußes, als würde er vor etwas zurückschrecken, folgte ein verstohlener Griff an sein Knie, um das Hosenbein zu richten. Anschließend zupfte er ein weiteres Mal an seinem immer noch geschlossenen Jackett und verriet Lance damit alles, was er wissen musste.
Tamsin hatte Unrecht – ein Ereignis, das ihn jedes Mal aufs Neue befriedigte.
Dennoch würde er sich noch ein paar Minuten Zeit geben, bevor er das Thema ansprach. Er würde sich gedulden und auf Nummer sicher gehen, um jegliches Falschliegen auszuschließen. Vor einem Klienten wollte man das um jeden Preis vermeiden.
Tasse und Glas in den Händen drehte er sich um und setzte sich auf das Sofa zu Langleys Rechter. Er stellte das Wasser auf den Tisch, doch während er einen Schluck von seinem Tee nahm, starrte Langley sein Getränk bloß an. Er hatte die Ellbogen auf die Oberschenkel gestützt und hielt seine rechte locker in der linken Hand. Beide waren von schwarzem Leder umhüllt. Eine Tatsache, die Lance daran denken ließ, dass man den Insassen des Fort Faucherre zusätzlich zu dem Mal in ihrem Gesicht die Hände schwarz tätowierte. Die dunkle Farbe symbolisierte das Blut ihrer Opfer, in das sie die Hände getaucht hatten. Bertie Colfax hatte die ersten Wochen nach seiner Entlassung Handschuhe getragen, um wenigstens einen Teil des grauenvollen Mals zu verstecken. Wozu aber trug sie der Henker?
Er spürte Langleys Blick auf sich ruhen und beschloss, der Frage ein andermal auf den Grund zu gehen. »Nun gut, ich habe einiges zu berichten und muss ein wenig abkürzen, wenn wir nicht die ganze Nacht hier sitzen wollen. Bin schließlich schon seit neun Tagen hier.«
»Seit neun Tagen?«
»Keine Sorge, dieses Hotel habe ich erst heute Morgen bezogen. Während ich die Lage sondiert habe, war ich in einer bescheideneren Unterkunft einquartiert. Tamsin ist erst seit vier Tagen auf dem Festland und hat die Zeit in irgendeinem Loch am Hafen verbracht.«
»Wie ich bereits sagte, wird Geld niemals ein Streitthema sein.«
»Zu einem solchen sollte es aber werden, wenn sich ein Rechercheagent auf Eure Kosten bereichert. Diesbezüglich müsst Ihr Euch bei mir nicht sorgen. Wir sind teuer genug. Alles, was zu meinem Vergnügen dient, bezahle ich aus eigener Tasche. Tamsin hält es ebenso.« Meistens. Den Rest der Zeit behielt er sie im Auge. »Jedenfalls liegen meine Aufzeichnungen und alle Zeitungsartikel, die ich über den Fall finden konnte, drüben im Tresor und können jederzeit von Euch eingesehen werden. Dort steht alles detailreicher, als ich es jemals verbal liefern könnte. Der Code ist Achtzehn Dreißig. Kam mir irgendwie passend vor.«
Langley nickte ernst und rieb fortwährend mit dem rechten Daumen die Kuhle zwischen linkem Daumen und Zeigefinger. Seine Miene war undurchdringlich, sein Blick umso durchdringender. Er blinzelte seltener als andere Menschen.
»Ich hebe mir die heißeren Spuren für den Schluss auf«, kündigte Lance an. »Unterbrecht mich ruhig, wenn ich etwas näher ausführen soll. Beginnen wir bei den Opfern. Wir haben Richard Mayfield und seine Gattin Eliza, in deren Stadtvilla es passiert ist. Er über sechzig, sie noch keine dreißig. Er ein angesehener Arzt, der noch praktiziert hat. Sie eine Gouvernante, die jedoch mit der Vermählung vor etwas über einem Jahr ihre Tätigkeit niedergelegt hat. Sie hatten Mayfields Schwester Annabeth aus Valle Meraux zu Besuch. Dreiundfünfzig Jahre alt, unverheiratet und kinderlos.« Er wartete Langleys Nicken ab, ehe er weitersprach: »Das vierte Opfer dürfte durch einen grausamen Streich des Schicksals in die Sache hineingeraten sein. Ein Buchbinder von frischen achtundfünfzig, den die Schwester in einem Kaffeehaus aufgegabelt hat. Er hatte sonst keine Verbindung zu den Mayfields, was mir verdächtig vorkam, weshalb ich tiefer gegraben habe. Allerdings bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Begegnung tatsächlich ein Zufall war.«
Langley schien nicht überzeugt. »Wer hat den ersten Kontakt gesucht?«
»Dieselbe Frage habe ich mir auch gestellt«, gab Lance nicht ohne ein gewisses Maß an Anerkennung zurück. »Niemand der beiden Parteien. Das Lokal war am Tag ihres ersten Zusammentreffens brechend voll und der Ober hat sie kurzerhand an einen Tisch verfrachtet. Zusammen mit einem weiteren Herrn, von dem ich diese Information habe. Stammgast, Anwalt um die vierzig, ruhiger Mensch mit festen Gewohnheiten. War wie jeden Morgen mit dem Tagesblatt beschäftigt, hat aber mitbekommen, wie es zwischen dem Buchbinder und der Dame gefunkt hat. Meinte mit sehr einseitigem Mitleid am Ende unseres Gesprächs, dass einem die Frauen doch immer auf die eine oder andere Weise zum Verhängnis werden. Auf meine Erwiderung, dass ich das nicht beurteilen kann, hat er mir die Schulter getätschelt und ›Bleibt dabei, Junge‹ gemurmelt.«
»Vielleicht ein Scheidungsanwalt«, meinte Langley derart trocken, dass Lance sich nicht sicher war, ob der Mann scherzte oder nicht.
Daher fiel sein Lachen recht luftvoll und zurückhaltend aus. »Steuerrecht, aber es hätte mich nicht gewundert, wenn sich Eure These bewahrheitet hätte.« Das Lächeln blieb auf seinen Lippen. Zeit für eine Demonstration seines Könnens. »Im Übrigen könnt Ihr Eure Waffen jetzt ablegen.«
Für einen Moment flackerte etwas in Langleys Miene auf. Ein kaum merkliches Hochzucken der Augenbrauen ersetzte in diesem glatten, starren Gesicht offenbar das Stirnrunzeln. »Pardon?«
»Wir sitzen jetzt schon seit einer Weile hier und Ihr habt weder an Euren Manschettenknöpfen noch an der Krawatte oder Eurem Kragen genestelt. Das, was Tamsin fälschlicherweise als Unwohlsein in den neuen Kleidern verbucht hat, rührt daher, dass Ihr das verdeckte Tragen von Waffen nicht gewohnt seid. Und ein wenig ist es wohl meine Schuld. Die neuen Schuhe haben einen höheren Schaft als die, die Ihr auf dem Friedhof anhattet. Deshalb könnt Ihr den Dolch an Eurer Wade nicht an seiner üblichen Position tragen, ohne dass die Spitze in den Schuh rutscht.« Einige Herzschläge verstrichen in Stille. Lance wartete, neugierig und ein klein wenig angespannt.
Schließlich schlug Langley die Augen nieder, um die es seltsam weich wurde. Er öffnete sein Jackett, löste die Bänder eines schmalen Schulterholsters und legte es samt einem altmodischen Revolver auf den Tisch. Dann glitt seine Hand nach unten, schlug ein Hosenbein hoch und beförderte einen Dolch zu Tage, der neben dem Revolver landete. Die Scheide, in der das Messer steckte, war aus demselben dunklen Leder, aus dem auch das Schulterholster gefertigt war. Keine Risse oder sonstige Spuren von Verschleiß.
Lance, der sich mit Mühe ein Schmunzeln verkniffen hatte, griff nach dem Revolver und inspizierte ihn. Alt, aber nicht abgegriffen, was ihm eine Vermutung aufdrängte. »Ihr tragt keine Waffe im Fort?«
»Ich brauche keine.«
»Weil Ihr nicht in Bedrängnis geratet oder weil Ihr Euch ohne Waffe zu helfen wisst?« Die Antwort schien klar, aber er wollte sie aus Langleys Mund hören.
Ein blauer Blick wurde eine Spur härter. »Letzteres.«
Lance nickte ein paar Mal schwach und mehr für sich selbst. Vermutlich hatte der Henker in der Vergangenheit ausreichend Gelegenheit gehabt, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Die meisten Mehrfachmörder waren schließlich nicht für ihre Sanftheit bekannt. »Weshalb hattet Ihr dann das Bedürfnis, ein ganzes Arsenal an Waffen hierher mitzubringen?«
»Unbekanntes Terrain.«
Verständlich und nachvollziehbar, fand Lance. »Den Dolch kann ich Euch erlauben, aber den hier«, er wedelte mit dem Revolver, bevor er ihn zurück auf den Tisch legte, »werden wir bei meiner Pistole im Tresor verwahren, bis sie uns nach Absprache miteinander als unabdingbar erscheinen.«
Langley bot keinerlei Widerstand, sondern zeigte sich mit seinem gewohnt knappen Nicken einverstanden. »Was habt Ihr noch herausgefunden?«
»Mayfield war nicht nur Arzt, sondern auch Inhaber ein Wohltätigkeitsorganisation mit dem anrührigen Namen Mayfield’s Hope. Seine erste Ehefrau hat sie ins Leben gerufen und musste sie an die neue abtreten, als Mayfield entschieden hat, dass er ein bisschen frischen Wind im Haus braucht. Dieser frische Wind hat übrigens auch frisches Blut gebracht. Mayfield ist gerade erst Vater geworden.«
»Und das Baby?«, fragte Langley kaum hörbar.
»Ist wohlauf und bei seinen Großeltern.«
Langley nickte, wirkte aber nicht weniger angespannt als zuvor.
