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Der beherrschte Lord Strickland sucht einen Begleiter für einige Tage und wird in einem einschlägigen Etablissement fündig. Allerdings bemerkt er schnell, dass der störrische, junge Mann mit dem schurkischen Lächeln eine Spur zu temperamentvoll für ihn ist. Remy, den alle nur Varlet nennen, ist wenig begeistert davon, dass er ausgerechnet diesem prüden Langweiler Gesellschaft leisten soll. Ihm bleibt jedoch nicht lange verborgen, dass in dem faden Lord ein leidenschaftlicher Mann schlummert und plötzlich brennt er darauf, diesen zu erobern.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Tharah Meester
Der Schurke des Gentleman
Farefyr Lovers
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Epilog
Nachwort
Leseprobe – Der Anwalt des Don
Über die Autorin
Impressum
Der Regen prasselte auf das Dach der Kutsche, die ihn durch die neblige Nacht brachte. Die Laternen warfen ihren Schein durch die nassen Fenster in das Innere des schwarzen Gefährts, in dem er mit überschlagenen Beinen saß. Gedankenverloren sah er nach draußen, obgleich sich ihm die Fassaden der Häuser nur verschwommen offenbarten. Die kommenden Tage, in denen er einige Vorlesungen und Konversationen zu überstehen hatte, bereiteten ihm Sorge. Man hatte den Termin vorgezogen und deswegen fehlte ihm nun noch jemand, der ihm während dieser Zeit als Begleiter zur Seite stand. Jemand, den er präsentieren konnte. Um das zu ändern, befand er sich auf dem Weg zu seiner üblichen Anlaufstelle, wenn es galt, Anhang zu finden.
Seine Sehnsucht nach Gesellschaft hielt sich in Grenzen, doch er wollte nicht alleine auf dem Schloss eintreffen, welches wie jedes Jahr als Tagungsstätte diente. Man würde ihm unangenehme Fragen stellen, die sein Alter und sein Ledigsein betrafen. Er hasste das und wollte es vermeiden, soweit es möglich war. Hoffentlich konnte er den gewohnten jungen Mann bekommen, den er stets für derartige Anlässe buchte. Es war etwas kurzfristig, da er sofort abreisebereit zu sein hatte. Das Wetter war schlecht und die geringe Aussicht auf Besserung hatte dazu geführt, dass sein Kutscher meinte, sie sollten sich noch heute auf den Weg machen, um rechtzeitig anzukommen. Demnach konnte er nun nicht allzu wählerisch sein, was seinen Gesellschafter betraf.
Mehr oder weniger war es ihm gleichgültig. Es war nur ein Arrangement für ein paar Tage, in denen er darüber hinaus recht beschäftigt sein würde.
Die Pferde hielten an und sein Diener sprang vom Kutschbock, um den Verschlag zu öffnen und ihm einen Regenschirm übers Haupt zu halten, während er ausstieg. Die wenigen Schritte zum Eingang des Etablissements waren schnell getan und sie standen wieder im Warmen und Trockenen. Die plötzliche Veränderung der Luftverhältnisse brachte ihn zum Husten. Er hielt sich die Hand vor und dämpfte das Geräusch.
Mister Coll, der seit einem Jahr in seinem Dienst stand, schüttelte die Tropfen vom Schirm. »Ich werde hier warten, Mylord.«
Mit einem leisen Dank nickte George seinem Butler zu und betrat den Salon, in dem sich der Empfang befand. Seiner Ungeduld tat es nicht sonderlich wohl, dass niemand hinter dem massiven Tisch stand, der den Bereich des Rezeptionisten in der Form eines Sichelmondes vom Rest des Raumes trennte.
Einige gepolsterte Sitzgelegenheiten standen dekorativ und leer herum.
George ging zum Tresen, um dort auf jemanden zu warten, der ihm weiterhelfen konnte. Nur wenige Schritte von ihm entfernt stand ein junger Mann, der keinerlei Notiz von ihm nahm. Stattdessen schien er in die Tageszeitung vertieft, während er sich nonchalant an den Tisch lehnte. Etwas in der Haltung des Mannes verriet ihm, dass er kein Kunde, sondern Stricher war. Dunkelblondes Haar fiel in ein hübsches Gesicht, dessen Profil er nur flüchtig musterte, ehe er sich abwandte und auf die Hintertür starrte. Wie lange würde man ihn warten lassen?
Nach einer Weile – die ihm wie eine Ewigkeit vorkam – begann er ohne es mit Absicht zu tun, mit den Fingerspitzen auf die Holzplatte zu hämmern, da seine Ruhelosigkeit sich einen Weg an die Oberfläche bahnte.
»Da hat es jemand nötig, hm?«, kam unverschämt von der Seite, ohne dass der Blonde den Kopf heben würde.
»In der Tat habe ich das«, gab George bemüht gleichgültig zurück und klopfte weiterhin auf den Tisch, da er sich nicht daran hindern konnte.
»Ich versuche hier zu lesen«, tadelte der junge Mann ihn entnervt, wovon er sich nicht beeindrucken ließ.
»Soll ich es Euch beibringen?«, konterte er überheblich und leicht gereizt. Die Beleidigung brachte den Blonden schließlich doch noch dazu, ihm in die Augen zu sehen. Sein Blick war schmal und von hellem Blau.
Erst jetzt erkannte George den jungen Stricher, der ihm bereits des Öfteren aufgefallen war. Besonders durch sein undiszipliniertes Verhalten und seine Unhöflichkeit ihm gegenüber.
»Soll ich dich hier schnell durchficken, damit der größte Druck nachlässt? Der Teppichboden ist ja zum Glück sehr bequem. Oder wir könnten dabei einfach stehen. Darfst dir gerne eine Stellung aussuchen. Ich bin nicht wählerisch.«
Die Worte wurden ihm trocken entgegengeschleudert und ließen ihn nach Luft schnappen. Was für eine Unverschämtheit erlaubte sich dieser Kerl?
»Ich verzichte, vielen Dank«, brachte er zwischen den Zähnen hervor.
Breite Schultern, um die sich ein weißes Hemd spannte, zuckten knapp. »Wie du meinst. Ich wollte nur freundlich sein.«
In dem Moment erschien zu seiner Erleichterung endlich der Mann, der die Rezeption meist betreute. »Lord Strickland, Euer Junge ist bedauerlicherweise gerade beschäftigt«, verkündete er teilnahmsvoll und klappte das Buch auf, in dem die Buchungen verzeichnet waren.
Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Seine Finger strichen über seine Stirn, die feucht war. »Dann müsst Ihr mir dringend einen anderen zuteilen«, erwiderte er in drängendem Tonfall, ehe er die Hand vor den Mund hielt, um zu husten. »Ich brauche einen Begleiter für die gesamte Woche. Der Mann muss sofort reisebereit sein. Meine Kutsche steht draußen und wartet.«
Tiefschwarze Augenbrauen hoben sich eine Winzigkeit, ehe sein Gegenüber in einer fahrigen Bewegung nickte. »Äußerst kurzfristig, doch ich werde sehen, was sich machen lässt«, murmelte er und widmete sich dem Kalender.
Das Papier raschelte leise und der hilfsbereite Rezeptionist gab ein nachdenkliches Grummeln von sich, das nicht sehr vielversprechend klang.
»Varlet hier wäre soweit frei«, hob der Schwarzhaarige schließlich den Kopf und wandte sich dem jungen Mann zu, der gewiss ein ebenso erschrockenes Gesicht machte wie George. »Die paar Termine kann ich leicht verschieben.«
»Das ist keine sonderlich gute Idee, Prince.« Der Blonde schüttelte den Kopf und sein Tonfall verriet, dass er genauso wenig Wert darauf legte, eine Woche mit George zu verbringen, wie es ihm selbst widerstreben würde.
»Trotz unserer Differenzen muss ich Euch zustimmen«, nickte George und richtete den Blick auf den irritierten Prince. »Das ist keine sonderlich gute Idee.«
Der Empfangschef räusperte sich unterdrückt und schien leicht verwirrt. »Nun, dann werdet Ihr die kommende Woche bedauerlicherweise allein verbringen müssen. Jemand anderen kann ich Euch nicht anbieten.«
Ein ganzes Haus voller Männer und dieser ungehobelte Blonde war der Einzige, der verfügbar war? Wie konnte das sein? Welch höhere Macht hatte hier ihre Finger im Spiel und versuchte, ihn mit ihrer Boshaftigkeit zu triezen? Es wäre gewiss wahrscheinlicher gewesen, dass ihn auf dem kurzen Weg von der Kutsche zur Tür ein Blitz getroffen hätte. Nun, da ihm ohnehin nicht mehr viel Zeit blieb, wäre das eine Option gewesen, die er begrüßt hätte.
»Kann er sich denn benehmen?«, fragte er Prince und sah argwöhnisch zu Varlet hinüber, dessen Augen erneut schmal wurden. Allzu viel Hoffnung hatte er nicht, doch wenn er nicht ohne einen Mann an seiner Seite auf dem Schloss auftauchen wollte, war dieser Kerl seine einzige Option.
»Ich bin kein Haustier und auch nicht taub, zum Teufel! Rede nicht über mich, als stünde ich nicht direkt neben dir«, warf der junge Mann erzürnt ein.
Das lautstarke Fluchen brachte George dazu, die Augen zu verdrehen und sich besorgt zu fragen, in welche Katastrophe er da gerade schlitterte.
»Gewiss doch kann er sich benehmen«, lächelte Prince gezwungen. »Nicht wahr, Varlet?« Der warnende Unterton war deutlich in der dunklen Stimme des Rezeptionisten zu vernehmen und brachte den Blonden zur Vernunft.
»Gut, dann will es wohl das Schicksal«, seufzte George resignierend und zückte seine Geldklammer, um die übliche Anzahl an Scheinen abzuzählen.
»Sehr gern«, entgegnete Prince und trug ein paar Worte und Ziffern in das Formular einer Rechnung ein, um das Geschäft abzuschließen.
»Und wenn ich mich weigere, mit ihm zu gehen?«, fragte Varlet hart und brachte Prince dazu, zum wiederholten Mal die Brauen zu heben.
»Dann darfst du dich mit Blake auseinandersetzen. Wenn du das vermeiden möchtest, gehst du jetzt nach oben und packst.«
Varlet gab einen Laut des Unwillens von sich und schlug mit der Handfläche auf seine Zeitung, ehe er sich Richtung Treppen entfernte.
George blickte ihm nach. »Ihr werdet einen Anzug brauchen. Nehmt einen mit, falls sich derartige Kleidung in Eurem Schrank befindet.«
Der stattliche Mann wandte sich lediglich flüchtig zu ihm um, ohne etwas zu antworten. Dann war er verschwunden.
»Er scheint mir etwas schwierig«, merkte er mit rauer Stimme an und zweifelte im Stillen an seiner Entscheidung. Den Jungen konnte man nicht gerade als umgänglich beschreiben und George hatte nicht das Gefühl, er würde sonderlich gut mit ihm zurechtkommen. Immerhin war er Harry Michaelson gewohnt, der sich stets zurückhaltend und überaus freundlich zeigte. Es war durchaus angenehm gewesen, den Mann auf den Tagungen dabeizuhaben. In diesem Augenblick konnte er sich nicht vorstellen, dass sich eine Woche mit dem unzugänglichen Varlet sonderlich harmonisch gestalten lassen würde.
»Ja, das kann man wohl sagen«, schmunzelte sein Gegenüber wenig ermutigend und reichte ihm die Rechnung.
*
Leise fluchend stopfte er Kleidung in eine dunkle Tasche. Was bildete sich dieser arrogante Bastard ein, mit ihm zu sprechen, als wäre er irgendein Köter, den er sich für Geld ausleihen konnte?
Im Grunde genommen war er nichts anderes, doch was erlaubte sich der Mistkerl, ihn auf so erniedrigende Weise zu behandeln?
Die kommenden Tage würden die Hölle werden. Wenn sie nicht von selbst dazu bereit waren, dann würde er höchstpersönlich dafür sorgen!
»Hat es diesmal dich erwischt, hm?« Eine helle Stimme schreckte ihn auf und ließ ihn irritiert Harrys Blick erwidern. Der Kerl hatte soeben die Kammer betreten, die sie sich miteinander teilen mussten, und warf sich auf sein Bett.
»Ich dachte, du seiest beschäftigt?«, brachte er zornig hervor und fragte sich, welch übles Spiel hier gespielt wurde.
»Ich sah seine Kutsche vor dem Bordell halten und bat Prince um Gnade«, stöhnte Harry theatralisch und griff sich an die Stirn. »Morgen kommt Lord Ellser und den heißen Dreckskerl werde ich mir nicht wegen dem faden Strickland entgehen lassen.«
Wie konnte dieser Idiot es erregend finden, für Geld mit einem Freier ins Bett zu steigen? Jedes Mal wenn Ellser oder einer von Harrys anderen unzähligen Stammkunden auftauchte, war das dreckige Grinsen nicht mehr aus seinem Gesicht zu wischen. Darüber hinaus besaß er die Angewohnheit, fortwährend von seinen sexuellen Abenteuern zu erzählen. Als würde das irgendjemand hören wollen! Nun, zumindest er könnte darauf verzichten. Er war keineswegs prüde, es interessierte ihn nur schlichtweg nicht. Was unter anderem daran lag, dass er den Schönling Michaelson nicht leiden konnte.
Für einen Moment hielt er in seiner Tätigkeit inne, um den zierlichen Mann mit dem dunkelbraunen Haar zu mustern, der lasziv auf seiner Schlafstätte lag, da er niemals aus seiner Rolle als williger Liebhaber fiel.
Allein in ihrem Äußeren unterschieden sie sich dermaßen deutlich, dass er den Charakter gar nicht zu erwähnen brauchte. Der Kerl da drüben entsprach Lord Stricklands Geschmack. Die Tatsache, dass er selbst das Gegenteil von diesem darstellte, ließ ihn sich sorgenvoll fragen, welches Ausmaß der Reinfall der kommenden Woche annehmen würde.
»Der Langweiler hockt die ganze Nacht am Fenster und beobachtet seine dämlichen Sterne. Mit dem Mann ist wahrlich nichts anzufang-«
»Ja, Harry! Das musste ich mir alles schon hundert Mal anhören. Was bin ich froh darüber, dass du diesen aufregenden Kerl mir überlässt!«, unterbrach er seinen Zimmergenossen mit einem winzigen Hauch Ironie und zog grob die Schnüre seiner Tasche zu, um sie gleich darauf zu schultern und nach seinem Ausgehjackett zu greifen.
»Ich wünsche dir viel Vergnügen mit dem ermüdenden Lord«, grinste Harry frech und hob die schmalen Schultern, während er eine Miene zog, die wohl unschuldig wirken sollte und das Gegenteil davon tat.
»Du kannst mich mal«, knurrte er missmutig und trat in den Gang hinaus.
Die verdammte Tür war nicht schnell genug geschlossen, so vernahm er trotz seines Widerwillens den übermütigen Harry, der ihm Anzügliches nachrief. »Mit dem größten Vergnügen, Süßer. Mit deinen harten Bauchmuskeln und den durchtrainierten Oberarmen fällst du genau in mein Beuteschema.«
Das würde dem Kerl so passen, doch Harry Michaelson war der letzte Mann auf der Welt, mit dem er schlafen wollte.
Lautstark nahm er die Stufen nach unten und warf einen flüchtigen Blick zu Prince hinüber, als er im Salon ankam.
»Können wir gehen?«, forderte er den Lord ungeduldig auf, während er an ihm vorüber aus dem Haus stürmte und sich unaufgefordert in die Kutsche setzte, die vor dem Eingang stand. Der Regen hatte ihn auf dem kurzen Weg völlig durchnässt, doch er war nicht zimperlich und wischte sich die Tropfen und einige Strähnen seines Haares mit Vehemenz aus dem Gesicht.
Erst im Nachhinein fiel ihm auf, dass sein Verhalten peinlich sein könnte. Immerhin bestand die Möglichkeit, dass Lord Strickland es sich inzwischen anders überlegt hatte.
Erleichtert bemerkte er eine Sekunde darauf, dass der Adlige sich auf den Weg in sein Gefährt machte. Ein Diener hielt ihm einen Regenschirm über den Kopf und schloss den Verschlag hinter seinem Herrn, während dieser auf der Bank ihm gegenüber Platz nahm.
Die Pferde setzten sich einige Momente später in Bewegung und die Räder machten auf dem Pflasterstein Geräusche, die sich zu jenen des prasselnden Regens gesellten.
»Varlet?«, fragte der Lord mit in Falten gelegter Stirn.
»Ein Begriff aus dem Empire, den man mit Schurke übersetzt. Wegen meines verschmitzten Lächelns«, klärte er ihn auf und gab ihm eine erzwungene und gewiss wenig überzeugende Kostprobe dieses Schmunzelns.
»Schurke, hm? Ich bin sicher, man kann Varlet auch mit Bengel übersetzen«, kam trocken zurück, worauf ein unterdrücktes Husten folgte.
Unwillkürlich knirschte er mit den Zähnen. »Ich bin mir sicher, man kann Lord George Strickland auch mit Lord prüder Langweiler übersetzen.« Er ignorierte das entsetzte Gesicht seines Gegenübers. »Bengel? Sehe ich aus wie ein unbedarfter Jüngling? Ich bin nicht Harry Michaelson.«
»Oh nein, das seid Ihr bei Gott nicht«, stimmte Strickland ihm herabsetzend und begleitet von einem freudlosen Lachen zu. Schwach schüttelte der Mann den Kopf, ehe er kaum hörbar seufzte. Offenbar gedachte er, die Beleidigung zu ignorieren. Schlanke Finger berührten in einer langsamen Bewegung eine immer noch gerunzelte Stirn. »Ich möchte Euch ungern Varlet nennen müssen. Wenn Ihr mir also bitte Euren richtigen Namen verraten würdet?«
Ein trockenes Schlucken folgte der leise vorgebrachten Frage des Lords, ehe er sie heiser beantwortete: »Remus.«
»Ungewöhnlich, dennoch sehr schön«, murmelte Strickland einlenkend.
»Du musst nicht freundlich zu mir sein. Immerhin hast du genug Geld ausgegeben, um dir derartige Floskeln sparen zu können«, konterte er bissig.
Lord Strickland warf ihm einen undeutbaren Blick aus grünen Augen zu. »Ich bemühe mich lediglich darum, dass die bevorstehenden Tage kein komplettes Desaster werden. Darüber hinaus erwarte ich, dass Ihr Euch anständig benehmt und mich nicht vor meinen Kollegen in Verlegenheit bringt.«
Der Mann mit dem tiefschwarzen Haar und den attraktiven Gesichtszügen machte eine schrecklich ernste Miene. Es war überdeutlich, dass diese Woche ihm wichtig war.
Gegen seinen Willen musste Remy nun leise lachen. Tatsächlich amüsierte ihn der prüde Strickland. »Sehe ich aus wie ein Kind oder weshalb sprichst du auf diese Weise mit mir?«, fragte er schmunzelnd und als der Adlige nichts darauf erwiderte, fuhr er mit rauer, gesenkter Stimme fort: »Soll ich einen Beweis erbringen, dass ich kein kleiner Junge mehr bin?« Um zu verdeutlichen, was er meinte, legte er die Hand auf das Knie seines Gegenübers. Der Stoff fühlte sich gut unter seinen Fingern an. Jedoch konnte er dies und die Wärme darunter nur für einen Moment auskosten, da er eine Sekunde darauf eilig abgeschüttelt wurde.
»Nein, vielen Dank. Ich glaube Euch«, erwiderte Lord Strickland heiser und räusperte sich hinter vorgehaltener Hand, ehe er peinlich berührt aus dem Fenster starrte.
Den Umstand bedenkend, dass er für seine Gesellschaft bezahlte, war der Mann alles andere als angetan von ihm. Hätte Remy diese Tatsache nicht bereits vor zwei Jahren bemerkt, als Lord Strickland den Idioten Michaelson statt ihm gewählt hatte, wäre es ihm spätestens jetzt aufgefallen. Immerhin war er nicht stumpfsinnig und es war auch kaum zu übersehen. Obwohl es ihm gleichgültig sein konnte und sollte, fühlte er sich auf seltsame Art zurückgewiesen. Zum wiederholten Mal.
Was seinen Zorn heraufbeschwor, der sich erst kurz zuvor gelegt hatte. Oh, er würde dem arroganten, kaltschnäuzigen Mistkerl die schlimmste Woche seines Lebens bereiten! Er würde ihn vor seinen dämlichen Kollegen bloßstellen und …
»Möchtet Ihr vielleicht eine Decke? Es ist kalt und Ihr seid nass«, murmelte der Lord plötzlich mitten in seine boshaften Gedanken.
Irritiert hob Remy den Kopf und erkannte, dass man ihm zuvorkommend etwas zum Zudecken entgegenstreckte. Einen leisen Dank vorbringend griff er danach und schlang sich das riesig wirkende Stück Stoff aus dunkler Wolle um die Schultern.
Der Lord streifte sich die schwarzen Stiefel von den Beinen und streckte sich der Länge nach auf seiner Sitzbank aus. Remy, der keine Ahnung hatte, wohin die Reise sie führen und wann sie am Ziel ankommen würden, tat es ihm zögerlich gleich. Unvermittelt spürte er eine angenehme Hitze unter seinen Fußsohlen. Im fahlen Schein der kleinen Laternen erkannte er ein Ding aus Eisen, welches an der Kutschenwand festgemacht war. »Was ist das?«
Strickland wandte sich ihm zu, um sehen zu können, wohin Remys fragender Blick führte. »Man nennt es Schlittenwärmer. Eine Erfindung aus dem Ossreich. Ich dachte mir, wenn es einen Schlitten warmhalten kann, dann ist es auch für meine Kutsche gut.«
»Nett«, gab Remy kaum hörbar und bemüht gleichmütig zu, war jedoch sehr beeindruckt von dem Luxus, der ihm die eiskalten Füße wärmte.
Der Lord sah ihn immer noch an und aus dem Augenwinkel erkannte Remy mit leiser Überraschung, dass sich ein Lächeln auf den vollen Lippen des Adligen ausbreitete. Was ihn dazu zwang, das Augenmerk gänzlich auf ihn zu richten. Verständnislos wollte er fragen, was so amüsant war, doch es hatte ihm zu seiner Verwunderung die Sprache verschlagen. Wie war das geschehen?
»Wenn Ihr eine Schwäche für die neuesten Errungenschaften der Technik habt, dann wird Euch Schloss Blackriver gefallen«, meinte der Lord sachte.
»Weshalb?«, hakte Remy nach und stellte fest, dass er heiser war.
Das reizvolle Schmunzeln vertiefte sich noch ein klein wenig. »Das werdet Ihr sehen, wenn wir angekommen sind«, kam leise und schläfrig zurück, ehe der Mann sich umdrehte, um es sich bequem zu machen.
Remy war hellwach und wusste genau, er würde jetzt nicht schlafen können. Immerhin war er darauf vorbereitet gewesen, die Nacht zu wachen und auf Freier zu warten, denen er sich mit vorgetäuschter Willigkeit hinzugeben hatte. Obgleich er dort draußen vor lauter Regentropfen nichts erkennen konnte, starrte er aus dem Fenster.
Leises Hüsteln machte ihn auf den Lord aufmerksam, der ihm gegenüber auf der Bank ruhte und mit welchem er die nächsten Tage verbringen würde.
Gegen seinen Willen war er neugierig auf die technischen Spielereien, die ihn auf dem Schloss erwarteten. Er war noch nie auf einem Schloss gewesen. Die vornehmen Freier wählten zumeist Harry oder Alan, weil diese mit ihrer zierlichen Erscheinung wohl besser in die Welt des Adels passten. Oder war es ihr vornehmes Getue, welches Remy als lächerlich empfand?
Wieder vernahm er das unterdrückte Husten des offenbar erkälteten Adligen, der mit dem nicht sonderlich breiten Rücken zu ihm lag.
»Lord Strickland?«, brachte er mit gesenkter Stimme hervor, bekam jedoch keine Antwort.
Zwar wusste er nicht, warum er das nun plötzlich wollte, doch er nahm sich vor, einen guten Eindruck bei den Kollegen des Lords zu machen. Der Mann hatte einige Scheinchen dafür hingelegt und ihm kam es nur gerecht vor, wenn er etwas dafür bekam. Entgegen Stricklands Annahmen war Remy sehr wohl klar, wie er sich in feiner Gesellschaft zu benehmen hatte. Nun gut, er konnte es zumindest erahnen und Dinge vermeiden, von denen er wusste, dass sie auf Unmut stoßen würden.
Ein drittes Hüsteln des Lords brachte ihn dazu, sich zu erheben und dem Mann die wollene Decke zu überlassen, die er dringender zu brauchen schien als Remy. Behutsam breitete er sie über Strickland aus, der die Hände unter der linken Wange gefaltet und die Augen geschlossen hatte. Die feinen Züge seines Gesichts muteten aristokratisch an, das sonst so ordentlich gekämmte Haar war durcheinandergeraten und hing ihm wirr in die Stirn.
Für einen Moment betrachtete Remy den schlafenden und in dem Moment sehr unschuldig wirkenden Lord im schwachen Schein der Laternen.
Allein der Anblick vollbrachte es, dass er diese seltsame Wut verspürte, von der er nicht wusste, woher sie kam. Seine Finger griffen nach der Decke und zogen den Stoff über die Schulter des Adligen, ehe er sich von ihm abwandte und sich fragte, weshalb er den Kerl dermaßen wenig leiden konnte.
Mit einem Aufseufzen ließ er sich auf seinem Schlafplatz nieder und schloss die Augen, um zumindest zu versuchen, ein wenig Schlaf zu bekommen.
Die Kutsche bewegte sich in sanftem Rhythmus. Das hatte tatsächlich etwas Beruhigendes an sich und machte ihn müde.
Zwei Diener schleppten das viele Gepäck Lord Stricklands hinter ihnen her und keuchten dabei fortwährend. Remy hatte darauf bestanden, seine Tasche selbst zu tragen. Er war bei Gott stark genug, um sie heben zu können, und brauchte keinerlei Hilfe bei derartigen Dingen.
Mit aller Mühe verbarg er sein unbestreitbares Staunen, während er die riesige und prunkvoll eingerichtete Eingangshalle durchschritt. War denn hier alles aus Gold oder warum glänzte der Saal so verdammt hell? Tatsächlich machte es den Anschein, als wären die Einfassungen der Türen und deren Klinken aus massivem Gold. Heller, beigefarbener Marmor ließ die Umgebung noch heller erscheinen. Der Boden war mit fein gearbeiteten Teppichen ausgelegt, über die er mit seinen dreckigen Schuhen kaum zu gehen wagte.
Nachdem er einige Schritte zurückgefallen war, um die Umgebung zu betrachten, kam er neben Lord Strickland an der Rezeption an. Dieser war bereits dabei, sie anzumelden, und bekam soeben einen Schlüssel überreicht. Auch Remy schob man einen solchen vor die Nase, was ihn verwirrte. Würden sie denn nicht im selben Zimmer nächtigen?
»Nur, falls du etwas aus unseren Gemächern brauchst oder dich ausruhen möchtest und ich mich gerade in einem Seminar befinde«, erklärte der Adlige, dem sein irritierter Gesichtsausdruck nicht verborgen geblieben war.
Remy nickte knapp und schob den Schlüssel mit dem golden schimmernden Anhänger in die Tasche seiner Beinkleider.
»Sind denn schon alle Teilnehmer eingetroffen?«, fragte der Lord, als er sich wieder dem Mann hinter dem massiven Empfangstisch zuwandte.
»Ja, Mylord«, nickte der schmächtige Kerl mit dem verschlagenen Blick. »Vor einer halben Stunde traf der vorletzte Gast ein. Mit Euch sind die Herrschaften nun vollzählig.«
Zwei elegant gekleidete Männer stürmten plötzlich lautstark streitend aus einem der Räume, die zu Remys Rechter lagen.
»Deine Verschwörungstheorie ist doch Wahnsinn, Niall! Warum sollte dieser Mann solche Lügen verbreiten?«, brüllte der eine aufgebracht und der andere schrie wild gestikulierend zurück: »Es ist ein Wahnsinn, dass du als Allerletzter zu begreifen gedenkst, dass das nur Gewäsch ist, Austin!«
»Was streitet ihr euch über derartigen Unsinn?«, hakte ein dritter Kerl, der soeben den Empfangssaal betrat, schnaubend nach.
Hinter dem Beleibten blieb ein kleines Mädchen im rosafarbenen Kleid im Türrahmen stehen und verdrehte die dunklen Augen.
»Da ist George!«, rief der Blonde namens Austin erleichtert, als sein Blick auf Lord Strickland fiel. »Der wird dir sagen, dass alles wahr ist! Jedes einzelne Wort des Berichts!« Er wedelte mit einem dünnen Heft vor Nialls Nase herum. Sie sahen sich auffällig ähnlich. Vermutlich waren sie miteinander verwandt, vielleicht gar Brüder.
»Gewiss ist er auf meiner Seite, weil er erkennt, was für ein Trottel du bist!«, widersprach Niall bissig und eilte an Stricklands Seite, um diesem die Hand in den Rücken zu legen. »Bitte, George, sagt diesem Dilettanten, dass er im Unrecht ist.«
»Dem Himmel sei Dank, dass Ihr hier seid, George. Die beiden Idioten hören einfach nicht auf, mir in die Ohren zu brüllen«, warf der Dicke ein und trug eine entnervte Miene zur Schau.
»Ach, haltet den Mund, Lennard. Ihr wisst doch nicht, worum es hier geht!«, fuhr Austin ihn an und gesellte sich zu Lord Stricklands Linker, um ihm ebenfalls den Arm um die Taille zu legen. »Bitte, George, Ihr müsst Euch diesen Bericht ansehen und Austin erklären, dass das alles Unsinn ist.«
»Du kommst zurecht, ja?«, murmelte Strickland in Remys Richtung und warf ihm lediglich einen flüchtigen Blick zu, ehe er sich von dieser kleinen Gruppe, die nur aus Wahnsinnigen bestand, mitschleifen ließ.
Mit leicht geöffneten Lippen blickte Remy dem Lord nach, der nach dem Heft griff und leise etwas auf das Geplapper der gackernden Kerle erwiderte.
Was bildete der blasierte Affe sich eigentlich ein? Ließ ihn hier einfach wie den letzten Deppen stehen! Es war nicht zu fassen, wie der eingebildete Stutzer ihn behandelte!
»Bist du der neue Freund von Lord Strickland?«, fragte ein zartes Stimmchen neben ihm und er blickte zu dem dunkelhaarigen Mädchen hinab.
»Das bin ich wohl«, gab er zurück, um dem Kind nicht erklären zu müssen, dass er nur ein armseliger Bastard war, der für Geld alle möglichen Dinge tat, die er zumeist lieber nicht tun würde.
»Schön«, lächelte die Kleine zufrieden. »Ich bin froh, dass Mister Michaelson dieses Jahr nicht hier sein wird.«
Da hatten sie ja schon etwas gemeinsam. »Das bin ich ebenso.«
»Mein Name ist Thomasina.« Dürre Finger wurden ihm entgegengestreckt und er griff behutsam danach, um sie zur Begrüßung sanft zu schütteln.
»Remy.«
»Komm mit. Ich stell dir die anderen Begleiter vor. Quintrell wird froh sein, nicht mehr der einzige Junge unter uns Mädchen zu sein«, meinte Thomasina und nahm ihn bei der Hand, um ihn durch den Saal zu führen.
»Quintrell?«, hakte er verständnislos nach, während er ihr gehorsam folgte.
Das Mädchen nickte. »Er ist mit Lord Niall Whitestone verheiratet.«
Unwillkürlich knirschte Remy mit den Zähnen. Wenn der gute Niall bereits einen Mann hatte, dann sollte er gefälligst die Finger von Lord Stricklands Rücken lassen und diese stattdessen an seinen eigenen Kerl legen.
»Lord Austin Whitestone ist Nialls Bruder, wie man an ihren Nasen ja ganz gut erkennen kann«, erklärte die Kleine weiter, um ihn in den Lauf der Dinge während des Kongresses einzuführen. »Und der Dicke ist mein Papa.«
»Ich denke, es würde deinem Vater nicht gefallen, wenn er wüsste, dass du ihn als den Dicken vorstellst«, grinste Remy amüsiert.
»Oh, es macht ihm nichts, wenn ich ihn Dickerchen nenne«, wehrte sie ab und machte dabei eine ernsthafte Miene, die ihn weiter belustigte.
Thomasina zog ihn in einen hellen Salon mit großen Fenstern, in dem bis zu ihrem Eintreten leise Unterhaltungen geführt worden waren, die nun verstummten. Vier Augenpaare waren neugierig auf ihn gerichtet, was ihm leichtes Unwohlsein verursachte. Er räusperte sich unterdrückt, um das Kratzen im Hals zu verscheuchen.
»Das ist Lord Stricklands Neuer«, stellte die Kleine ihn unbekümmert vor, was seine Nervosität nicht gerade besänftigte.
Der Lord hatte ihm nämlich nicht mitgeteilt, wie er etwaige Fragen nach ihrer Beziehung beantworten sollte. Das war ein Sprung ins eiskalte Wasser, der ihm den Zorn des Adligen einbringen könnte, wenn er sich falsch verhielt.
Doch war das seine Schuld? Nein! Strickland hätte ihm eben sagen müssen, was er von ihm erwartete, und ihn nicht wie einen Dummkopf im Regen stehen lassen sollen!
»Wie erfreulich!«, riefen die drei Damen beinah einstimmig und allesamt freundlich lächelnd aus, von denen eine in seinem Alter zu sein schien und die anderen etwas betagter waren.
»Was bin ich froh!«, stieß der einzige Mann im Raum hervor und stellte sein Whiskeyglas ab, um ihm die kräftige Hand zu reichen. »Quintrell Whitestone, aber Ihr dürft mich gerne Quin nennen.«
»Remus Hunter. Remy«, brachte er seinen Namen vor und bemühte sich um Ruhe, die er brauchen würde, um auf gewiss kommende Nachforschungen nichts Falsches zu erwidern und sich auch alles zu merken, was er sagte, um sich nicht in einem Gewirr aus Lügen zu verstricken.
»Sehr erfreut, Remy«, lächelte der dunkelblonde Quin und deutete ihm an, sich den Frauen gegenüber zu setzen. Remy tat, wie ihm befohlen, und nahm Platz, während der Mann ihm einen Drink einschenkte.
Die Damen stellten sich als Kimberly, Jayne und Alexis vor und er schüttelte drei weitere Hände, ehe er sich an das kristallene Glas klammerte, das bis an den Rand mit Whiskey gefüllt war. Er war Quin, der es offenbar gut mit ihm meinte, sehr dankbar dafür.
»Ihr seid zum ersten Mal hier, doch Ihr werdet merken, dass es der Weingeist ist, der uns hilft, dieser Tristesse zu entfliehen«, verkündete Quintrell lachend und setzte sich an seine Seite.
»Rede nicht solchen Unsinn, Quin«, tat die junge Alexis ab und schüttelte die blonden Locken. »Unsere Ehegatten schenken uns zwar keinerlei Aufmerksamkeit während der Kongresstage, doch ab und an kann das ja ganz erholsam sein.«
Remy zwang sich zu einem Lächeln und nahm einen Schluck. Die kommende Woche war alles, was er von Lord George Strickland jemals bekommen würde. Daher war es wenig erfreulich, dass der Mann ihn hauptsächlich ignorieren würde. Erneut musste er sich räuspern. Es war ihm doch vollkommen gleichgültig, ob Strickland sich je wieder blicken ließ! Nein, er war sogar froh, wenn er so wenig wie möglich mit diesem Idioten zu tun haben musste!
»Wenn man einmal so lange verheiratet ist wie ich mit meinem Henry, dann lernt man diese Seminare und das bisschen Ruhe, das sie einem einbringen, zu schätzen«, sagte Jayne und erntete Gelächter für ihre Aussage. »Ich muss mir den ganzen Tag von seinen Zahlen anhören. Da ist es durchaus erleichternd, dass er zumindest für ein paar Tage andere Leute damit in Grund und Boden plappert.«
»Zahlen?«, fragte Remy verwirrt. Er hatte angenommen, es ginge hier um die Astronomie. Immerhin war Lord Strickland Astronom.
»Die Mathematik und die Kosmologie sind eng miteinander verbunden, sagt mein Papa immer«, klärte Thomasina ihn auf und nickte, als wüsste sie ganz genau, wovon sie sprach. Remy wünschte, er hätte auch nur die leiseste Ahnung, worum sich diese Wissenschaft genau drehte.
»Ja, das sagen sie alle, Kindchen. Das sagen sie alle«, seufzte Kimberly ohne von ihrer Näharbeit aufzusehen.
»Eure Reaktion lässt mich darauf schließen, dass Ihr noch nicht lange Lord Stricklands Liebhaber seid?«, kam interessiert von Quintrell.
»Erst ein paar Wochen«, log er eilig und hoffte, dass er glaubwürdig klang.
»Darf man nach der spannenden Geschichte des Kennenlernens fragen?« Die schmalen Augenbrauen der rothaarigen Jayne hoben sich und sie bedachte ihn mit einem auffordernden Blick.
Remy brauchte noch etwas mehr Whiskey, um ein Lächeln vollbringen zu können. »Gewiss doch«, gab er ungezwungen zurück. Sobald mir eine Geschichte einfällt, die halbwegs glaubhaft klingt. Kalter Schweiß sammelte sich auf seiner Stirn und seine Finger zitterten kaum merklich.
»Dann spannt uns nicht länger auf die Folter«, warf Quin ein und deutete ihm mit einem Handwink an, zu sprechen.
Reiß dich zusammen, Trottel!, ermahnte Remy sich selbst und dachte einen Augenblick darüber nach, wie er George Strickland vielleicht ein klein wenig lieber kennengelernt hätte, als in dem verdammten Bordell.
»Wir begegneten uns eines Abends in seinem Club«, begann er zögerlich, um wenigstens einen Anfang zu tun, der ihm vielleicht das Fortfahren erleichtern würde. Tatsächlich hatte er plötzlich ein Bild im Kopf. »George stand alleine an der Bar, als ich den Saal betrat. Unsere Blicke trafen sich und ich wusste sofort, dass ich ihn haben wollte. Die Anwesenden haben gewiss bemerkt, dass das Grün seiner Augen recht faszinierend ist«, erzählte er leise die Geschichte, die niemals passiert war. Er war heiser geworden.
Thomasina zuckte mit den schmalen Schultern und legte den Kopf schief, während ihre Lippen sich zu einem Schmunzeln verzogen. »Smaragdgrün ist doch immer hübsch.«
»Mir ist dieser Umstand ebenfalls nicht verborgen geblieben«, pflichtete Quintrell ihr grinsend bei, während die Damen nur lächelnd nickten.
»Ihr seid verheiratet, Quin«, rief Remy ihm ermahnend in Erinnerung, ehe er fortfuhr. »Zu meinem Bedauern bevorzugte George zu diesem Zeitpunkt noch die Gesellschaft Harry Michaelsons. Es galt also, diesen loszuwerden.«
»Es wird spannend«, merkte die grauhaarige Kimberly an und beugte sich vor, um besser lauschen zu können. »Wie konntet Ihr den unguten Kerl von Lord Stricklands Seite verscheuchen?«
Remy leckte sich die Lippen. Wenn er es doch bloß wüsste. »Ich sorgte dafür, dass man den guten Harry für eine Weile ablenkte, sodass ich den Lord für mich allein beanspruchen konnte.« Sein Blick fiel kurz auf die Tür, die ins Freie führte. »Unter dem Vorwand, ihn etwas über ein bestimmtes Sternenbild fragen zu wollen, lockte ich ihn nach draußen auf den Balkon.« Er musste sich räuspern, als seine Fantasie mit ihm durchging. »George wollte mir erklären, wonach ich gefragt hatte, und sah zu den Sternen hinauf, während ich mich nicht von seinem Anblick losreißen konnte. Ich stahl ihm einen Kuss und dieser reichte aus, um Michaelson aus seinem Leben und seinen Gedanken zu verbannen«, schloss er seine Erzählung, die nicht bloß gelogen war, sondern schrecklich lächerlich anmutete. Wer sollte ihm diesen Schund glauben?
»Er hat den Mann für Euch verlassen. Wie romantisch«, warf Alexis mit einem leisen Seufzen ein.
Nun, vielleicht klang seine Geschichte lediglich in seinen Ohren dümmlich.
»Nach einem einzigen Kuss?«, hakte Quin verwundert nach und Remy wurde bereits nervös, weil die Sache tatsächlich wenig glaubhaft war.
Der Mann an seiner Seite verschaffte ihm jedoch sogleich Erleichterung, als er grinste und ihm neckisch in die Seite stieß: »Wenn Ihr so gut küssen könnt, dann werde ich gerne für einen Moment vergessen, dass ich verheiratet bin, und Euch um eine Kostprobe bitten.«
»Quin, sowas tut man nicht«, ermahnte Jayne, die älteste Dame der Runde, und schüttelte missbilligend den Kopf.
»Nur ein kleiner Scherz. Ihr müsst mich nicht alle immer so schrecklich ernst nehmen«, tat Quintrell ab und verdrehte lächelnd die Augen.
»Keine Sorge, niemand nimmt dich ernst, Jungchen«, stellte Kimberly richtig und sah flüchtig von ihrer Stickerei auf.
»Hast du nicht gesagt, wir machen einen Spaziergang?«, warf Thomasina ein, die sich offenbar nun langweilte und schüttelte Quintrell an der Schulter, der sich mit einem resignierten Seufzen erhob.
»Etwas frische Luft schadet uns nicht«, stimmte Alexis zu.
Quin bedachte Remy mit einem Lächeln. »Meinetwegen. Unterwegs kann Remy noch ein wenig von sich erzählen.«
*
Der Tag war vergangen, als sie den ersten Vortrag beendeten und sich auf den Weg in den Speisesaal machten, um das Dinner einzunehmen.
»Mahlzeit«, wünschte jemand neben ihm und die Gruppe von zwanzig Männern teilte sich, um an verschiedenen Tischen Platz zu nehmen.
Der prunkvolle Saal war in sanften Kerzenschein getaucht, denn draußen war es inzwischen dunkel. Es war also mehr als genug Zeit für seinen unkonventionellen Begleiter gewesen, um ihn zu blamieren, und er fürchtete, dass der junge Mann die Zeit nicht tatenlos hatte verstreichen lassen. Er musste zugeben, etwas unruhig zu sein, als er den Raum betrat, in dem sie ihr Abendessen einnahmen.
Im nächsten Moment erblickte er Remus, der mit Quintrell Whitestone an einem Tisch saß, und konnte kaum seine Überraschung darüber verbergen.
Wenn Harry ihn begleitet hatte, hatten sie für gewöhnlich alleine gegessen. Die wenigen anderen Anhängsel waren nie sehr angetan von ihm gewesen, obgleich sein Benehmen stets tadellos war. George hatte daher angenommen, die Leute wären ungesellig oder kämen sich als etwas Besseres vor. Wie hatte dieser Rüpel von einem Gesellschafter es bloß geschafft, Nialls adligen Gatten an seinen Tisch zu bekommen? In einem Anflug von Misstrauen befürchtete er, der Mann habe sich den vornehmen Leuten unangenehm aufgedrängt.
Ihre Blicke trafen sich, doch Remus wandte sich sogleich von ihm ab.
»Ist das Euer Begleiter, den ich heute Morgen in meiner Rage derart unfreundlich übergangen habe?«, fragte Niall interessiert und reuig, während sie sich zu den beiden Männern setzten, die auf sie gewartet hatten.
Noch ehe George darauf antworten konnte, hatte Remus sich erhoben und reichte Niall die Hand. »Remus Hunter. Sehr erfreut.«
Der Kerl konnte sich also doch benehmen. Das war beruhigend zu wissen.
»Ihr seid nicht nachtragend, das kommt mir recht gelegen. Ebenfalls erfreut«, grinste Whitestone, schüttelte kräftige Finger und zog seinen Stuhl näher, um sich erschöpft darauf fallen zu lassen.
»Hattest du einen anstrengenden Tag?« Quintrell legte seinem Ehemann die Hand an den Unterarm und beugte sich vor, um den seufzenden Niall auf die Wange zu küssen.
George griff gerade nach der irrsinnig langen Speisekarte, als Remus sich zu ihm vorbeugte und mit drängendem Unterton murmelte: »Können wir kurz sprechen? Allein?«
Irritiert blickte er in zwei blaue Augen und nickte knapp, um sich in derselben Sekunde zu erheben. Was konnte so unaufschiebbar sein? Was konnte sein Begleiter überhaupt von ihm wollen? Hatte er etwas angestellt?
»Du musst nicht schüchtern sein, Remy. Küss ihn ruhig. Wir haben heute alle bemerkt, wie sehr du ihn vermisst hast«, zwinkerte Quin und hob sein Glas in Richtung des jungen Mannes, der sich lautstark räusperte.
Zu seiner Verwunderung fühlte George eine warme Hand, die sich ihm in den Rücken legte, um ihn Richtung Vorraum zu schieben.
In diesem angekommen wandte er sich seinem Gesellschafter zu, der sogleich die Finger von ihm nahm. Unwillkürlich musterte er den schlanken und doch muskulösen Körper des jungen Mannes, der in einem schwarzen Anzug steckte. George musste gegen seinen Willen zugeben, dass Remus die elegante Kleidung ausgesprochen gut stand.
»Remy?«, wiederholte er verwirrt. Der Kosename gefiel ihm noch besser als die lange Version.
Sein Gegenüber ging nicht darauf ein. Stattdessen brachte er mit rauer Stimme hervor: »Ich … ich habe den Leuten erzählt, wir wären … zusammen.«
»Und? Wir sind doch auch zusammen hier. Das werden sie kaum übersehen haben.« George begriff nicht, worauf das hinauslief und legte ohne Absicht die Stirn in Falten, während er sachte den Kopf schüttelte.
»Himmel, Herrgott …«, fluchte Remy leise stöhnend und fuhr sich unwirsch durchs schimmernde Haar. »Zusammen! Wie ein Paar, du Dummkopf«, zischte er dann aufgebracht und starrte ihn aus geweiteten Augen an.
George sollte aufgrund der Ehrverletzung beleidigt oder gar wütend sein. Anstatt einer solchen Emotion erfasste ihn unerwarteterweise Belustigung. Er unterdrückte ein Schmunzeln. »So, sind wir das also?«
»Wenn du nicht willst, dass alle erfahren, dass du jemanden dafür bezahlst, mit dir hierher zu kommen, sind wir das. Ja!«, kam zornig und trotzig zurück. Blaue Augen funkelten ihn böse an.
»Wie kamst du überhaupt darauf, jemandem von der Art unserer Beziehung zu erzählen?«, wollte er amüsiert wissen.
Remy starrte ihn so entgeistert an, als wäre er von Sinnen, derart ahnungslos zu sein. »Man hat mich gefragt, wie wir uns kennenlernten. Ist das nicht zu erwarten gewesen? Menschen sind neugierig.«
Soweit George sich erinnern konnte, hatte man Harry Michaelson niemals nach Derartigem gefragt. Man hatte sich eher von ihm ferngehalten. In dieser Hinsicht hatte er also eine Ausrede für seine Unwissenheit. Anstatt sich zu verteidigen, gab er seiner Neugier nach: »Wie lernten wir uns denn kennen?«
»Das wollte ich dir doch gerade erzählen. Wenn du mir einfach mal zuhören würdest«, entgegnete Remy entnervt und gestikulierte mit den Händen, was George zum Lachen gebracht, wenn er sich nicht so mühsam beherrscht hätte. »Wir begegneten uns vor ein paar Wochen in deinem White Tigers Club.«
»Woher weißt du, dass ich …?« Weiter kam er nicht, da sich warme Finger um sein Handgelenk schlossen, um ihm seine eigenen Manschettenknöpfe zu zeigen, die das Clublogo darstellten. Für einen Moment spürte er weiche Haut an der seinen. Er lächelte. »Du? In meinem Club? Das hat man dir geglaubt?«
Sein neckischer Einwurf wurde mit einem missmutigen Knurren abgetan.
»Ich habe dich auf die Terrasse gelockt und dort geküsst und du hast ihn verlassen.« Der junge Mann hatte sich von ihm abgewandt und war mit jedem Wort leiser geworden.
»Wen habe ich verlassen?«, fragte George verwirrt und hielt sich die Hand vor den Mund, um dem Hustenreiz nachzugeben. Er hatte doch niemanden, den er verlassen konnte. Warum hatte Remy so jemanden erfunden? Es schien ihm etwas unnötig.
»Michaelson«, erklärte Remy mit aufeinandergepressten Zähnen und betonte jede Silbe auf unangebracht feindselige Weise.
Gegen seinen Willen grinste George, obwohl er selbst nicht wusste, was er so amüsant fand. »So? Habe ich das? Deinetwegen?« Er hob die Augenbrauen.
»Ja, hast du«, bestätigte sein Begleiter gedehnt.
»Gut, dann soll es so sein.« Ein schwaches Nicken sollte Remy zeigen, dass er mit der Geschichte einverstanden war. Er fand es sogar sehr nett, dass sie etwas zu erzählen hatten. Das war nun wirklich lächerlich, immerhin war es eine Lüge. Doch zumindest eine, die besser klang als die Wahrheit.
Ohne es mit Absicht zu tun, streckte er die Hände nach der lasch gebundenen Krawatte seines Gegenübers aus und löste vorsichtig den Knoten um Remys Hals, ehe er einen Neuen in den schwarzen Stoff machte. Er schluckte hart, als er die Wärme des anderen an seinen Fingerrücken spürte.
»Das hast du etwas ungeschickt gemacht«, erklärte er sein merkwürdiges Tun mit gesenkter, heiserer Stimme. Für gewöhnlich richtete er nicht die Halstücher von anderen Männern.
»Nicht einmal das kann ich dir recht machen.« Mit den verbitterten Worten riss Remy sich aufgebracht von ihm los und stürmte in den Speisesaal zurück.
Es war nicht Georges Absicht gewesen, ihn zu tadeln. Viel mehr hatte er rechtfertigen wollen, weshalb er überhaupt die Finger an ihn legte.
Allerdings fehlte ihm die Erklärung dafür, warum ihm jetzt der Schweiß auf der Stirn stand.
*
Oh, wie sehr er den eingebildeten Lackaffen dafür verabscheute, dass er ihn auf diese Art demütigte! Es war Strickland nicht genug, ihm sehr deutlich und klar zu verstehen zu geben, für wie bescheuert er seine Geschichte hielt. Nein, der gemeine Mistkerl bildete sich darüber hinaus ein, ihn für diesen lächerlich kleinen Makel an seiner Garderobe rügen zu müssen.
»Haben die vornehmen Herren ihre Sehnsucht nacheinander gestillt?«, fragte Quin scherzend, doch weder der Lord noch Remy gab ihm eine Antwort.
Strickland war immerhin genauso interessiert an ihm wie eine Raubkatze am Heu, doch auch Remy könnte nicht von sich behaupten, den prüden, faden Adligen zu begehren. Keinesfalls. In keiner Weise. Warum sollte er?
Es trat Stille ein, da sich jeder der Speisekarte widmete. Erst nachdem sie bestellt hatten, ergriff Niall das Wort. »Ich muss immer noch den Kopf über diesen Redner schütteln, der allen Ernstes be-«
Noch ehe er den Satz zu Ende bringen konnte, wurde er von seinem Gemahl unterbrochen. »Niall, nein! Ich will nichts von den Seminaren hören. Schon gar nicht während des Dinners«, ermahnte Quin und griff nach seinem Weinglas. »Wenn es mich interessieren würde, würde ich dir dabei Gesellschaft leisten.«
»Man kann den Vorträgen beiwohnen?«, fragte Remy, der für diese Reden durchaus Faszination aufbringen könnte.
»Gewiss kann man das«, bestätigte Niall. »Die wenigen Damen und Herren, die ihre verrückten Astronomen hierher begleiten, können sich bloß nicht dazu durchringen, einmal einem Vortrag zu lauschen.«
»Du würdest dich nur langweilen«, warf Strickland abwehrend ein, noch ehe Remy ihm überhaupt einen fragenden Blick hatte zuwerfen können. »Die behandelten Themen sind anspruchsvoll. Selbst für fortgeschrittene Gelehrte dieses Gebiets. Du würdest den Reden nicht folgen können.«
Remy biss sich auf die Zunge, um nicht die Beherrschung zu verlieren. Bemüht ruhig gab er zurück: »Es reicht, wenn du sagst, du willst mich nicht dabeihaben. Du musst nicht jeden auf meine Unbedarftheit bezüglich der Astronomie hinweisen.«
Der Lord öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch Quin kam ihm zuvor: »Mach dir nichts draus, Remy. Lassen wir den Gelehrten doch ihren kleinen Triumph, dass sie so viel klüger sind als wir anderen, während wir uns derweil den aufregenden Dingen des Lebens widmen.«
»Wozu stiftest du den jungen Mann schon wieder an, Quin?«, fragte Niall, während der Kellner die Vorspeisen brachte.
»Ich stifte ihn zu gar nichts an, mein Liebster«, tat Quintrell unschuldig ab und griff nach einem Löffel, um ihn in die Suppe zu tauchen.
Aus dem Augenwinkel bemerkte Remy, wie Lord Strickland leise hüstelnd eine Serviette auf seinem Schoss ausbreitete. Was für eine schreckliche Angewohnheit, die ihn wirken ließ wie einen alten Sack, der nicht essen konnte ohne zu kleckern. Wenn da nicht seine feinen Züge wären, die so jugendlich anmuteten, obgleich der Mann sechsunddreißig war.
Unvermittelt stand Thomasina an Remys Seite und drückte ihm lächelnd einen Zettel in die Hand, ehe sie Quin den seinen überreichte. Beide schoben das Stück Papier schweigend in die Innentaschen ihrer Jacketts. Das Spiel, mit dem sie sich die kommende Zeit vertreiben wollten, begann.
»Solltest du nicht längst essen, Thomy?«, schmunzelte Remy die Kleine an.
»Bei der geschmacklosen Brühe verpasst sie nichts«, schüttelte Quin den Kopf und das Mädchen lachte, ehe es nach Remys Oberarm griff.
Thomasina stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm kichernd ins Ohr zu flüstern: »Quins Aufgabe ist gemein für ihn, aber lustig für uns. Für dich habe ich mir etwas Besonderes einfallen lassen, weil du heute so lieb warst.«
Remy lächelte und wusste, was sie meinte. Er hatte sie eine Weile auf seinen Schultern spazierengetragen, obwohl sie mit ihren zehn Jahren eigentlich zu alt dafür war.
Dann lief sie davon, um sich zu ihrem Vater zu setzen, der mit einigen anderen Männern diskutierte und ihr kurz übers Haar fuhr.
»Scheint, als hätte Lennys Tochter einen Narren an Euch gefressen«, stellte Niall leise lachend fest, während Remy sich seiner Vorspeise widmete.
»Ach«, wehrte er kopfschüttelnd ab.
»Lass dich nicht von seiner Bescheidenheit täuschen«, mischte Quintrell sich in ernstem Tonfall ein. »Das hat sie wirklich.« Das Grinsen kehrte zurück und kündigte eine Scherzerei an. »Es ist auch kein Wunder. Immerhin ist er fast näher an ihrem Alter als an unserem.«
»So ein Unsinn.« Remy mochte es nicht, wenn man ihn als kleinen Jungen sah, und Quin war gerade dabei, ihn als einen solchen hinzustellen. Er fühlte sich gerade sehr unwohl, da jeder am Tisch ihn anzustarren gedachte.
Niall runzelte die Stirn und musterte ihn so scharf, als könne er ihm das Alter an der Nasenspitze ablesen. »Dann dürfte er ja keine achtzehn Jahre alt sein, wenn du uns nicht alle älter machen willst, als wir es tatsächlich sind.«
»Nah dran.« Quin amüsierte sich köstlich über Remys peinliche Berührtheit, die er mühevoll zu verbergen versuchte.
Was ihm zu seinem Unmut ganz offenbar eher weniger gelang.
Der Umstand, dass auch Stricklands Blick auf ihn gerichtet war und dieser gar mit dem Essen aufgehört hatte, wühlte ihn weiter auf.
»Verratet uns, wie viele Jahre der gute George sich mit Euch an seiner Seite jünger fühlt. Wie alt seid Ihr, Remy?« Der Mann, der ihm direkt gegenübersaß, wartete gespannt auf eine Antwort, die Remy wohl oder übel geben musste.
»Einundzwanzig«, gab er widerwillig zurück und ignorierte, dass dem langweiligen Lord neben ihm der Löffel aus den Fingern glitt. »Allerdings ist das nicht von Belang, da ich meinem Alter stets voraus bin.«
»Ich kann Euch beruhigen, Ihr wirkt keineswegs unreif«, beschwichtigte Niall ihn mit leicht geneigtem Kopf. »Dennoch möchte ich George gratulieren. Rein des Scherzes wegen versteht sich«, neckte er den schweigenden Strickland.
Remy würdigte den Adligen keines Blickes, sondern starrte in die Suppe. Er versuchte, sich mit der Wissbegier das Zettelchen betreffend abzulenken, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass er verlegen war. Das hasste er nämlich über die Maßen.
Ja, das kleine Spiel, welches Thomasina sich für sie ausgedacht hatte, würde ihn ablenken und ihn die paar Tage mit Leichtigkeit hinter sich bringen lassen. Er würde sich einfach darauf konzentrieren.
Dann musste er sich zumindest nicht mit dem faden Lord Strickland und seiner ebenso langweiligen Astronomie beschäftigen.
*
Zwar sah er sich oft mit Zahlen konfrontiert, doch diese eine hämmerte beinah schmerzhaft in seinem Kopf. Einundzwanzig. Was hatte er sich dabei gedacht, einen so jungen Mann mit auf den Kongress zu nehmen? Nein, er sollte sich keinen Vorwurf machen. Ihn traf keine Schuld, denn er hatte es nicht gewusst. Nicht einmal geahnt hatte er, wie recht er mit seinem Bengel gehabt hatte! Bei Gott, der junge Mann war noch viel mehr ein Junge denn ein Mann.
Zudem kam das unangenehme Gefühl in ihm auf, schrecklich alt zu sein.
Immerhin trennten ihn fünfzehn Jahre von Remy. Fünfzehn. Eine zweite Zahl, die der ersten dabei half, seinen Schädel zu malträtieren.
Hinzu kam die Tatsache, dass ihm kein ganzes Jahr mehr blieb. Der Gedanke beraubte ihn kurz seines Atems und er stützte sich an der Kommode ab, da ihm schwindlig wurde. Sein Herz pochte hart in seiner Brust.
Mühevoll lenkte er seine Aufmerksamkeit zurück zu Remy.
Die Jugend seines Begleiters erklärte dessen Benehmen. Er war stur, er war trotzig und er war überzeugt davon, viel reifer zu sein, als er alt war.
Zusammengefasst war er also ein typischer Mann seines Alters.
Nebenbei eingeworfen war George gar in seiner Jugend niemals so gewesen, sondern hatte sich immer beherrscht und unaufdringlich verhalten.
Zurück zu Remy. Das alles wäre nicht schlimm, wenn er nicht zusätzlich so verdammt attraktiv wäre, dass es gar ihm auffiel. Und wenn George nicht zu allem Übel auch noch bemerkt hätte, wie gern die Leute Remy mochten. Er dachte an Lennys kleines Mädchen und Quintrell Whitestone. Selbst Niall war angetan von ihm.
Gedankenverloren stand er in dem edel eingerichteten Salon ihrer Gemächer, in dem etwas abseits der Sitzgruppe vor dem Kamin ein großes Bett samt Himmel stand. Er würde es kaum benutzen, da er seine Nächte meist mit den Sternen verbrachte. Sein Begleiter hatte ein eigenes, geräumiges Zimmer und war gerade dabei, sich dort einzurichten und vermutlich über all den Luxus zu staunen, der ihm sicherlich gefiel.
Georges Blick fiel auf seinen Arbeitsplatz. Mister Coll hatte bereits all seine Utensilien gewissenhaft aufgebaut. Das wertvolle Teleskop, an dem sein Herz so irrsinnig hing, stand vor dem Fenster und schimmerte silbern im Kerzenlicht, welches er alsbald löschen würde, um in den Himmel hinaufsehen zu können. Seine Bücher lagen aufgeschlagen auf dem Tischchen neben dem bequemen Ohrensessel, in dem er den Großteil der kommenden Nächte verweilen würde.
Eigentlich hatte er sich vorgenommen, sofort nach dem Abendmahl seinen Berechnungen nachzugehen, doch nun fand er keine Ruhe. Nicht nur könnte er seine Konzentration jetzt nicht auf die Aufzeichnungen lenken – nein, es war gar schlimmer, denn er konnte nicht einmal damit aufhören, auf und ab zu laufen. Dabei war er sich nicht sicher, was genau ihn dermaßen aufwühlte.
Ein leises Räuspern machte ihn auf den Mann – den Jungen – aufmerksam, der plötzlich im Türrahmen seines Schlafgemachs erschien.
Abrupt hielt er inne und musterte Remy, der das Jackett abgelegt hatte und in Hemd und Anzughose vor ihm stand. Die Krawatte hatte er gelöst.
George fühlte die Enge in seiner Kehle, die ihn zum Husten zwang.
»Wirst du mich heute Abend noch brauchen?«, fragte Remy merkwürdig leise.
Aus seiner Miene wurde George ebenso wenig schlau, wie aus diesen Worten. Er bedachte Remy mit einem verständnislosen Blick, was sein Gegenüber dazu brachte, knapp in Richtung des Himmelbettes zu nicken. Als er begriff, was man von ihm wissen wollte, stieß er vor Entsetzen scharf Luft aus. Nebenbei hatte er auch noch einen unangebracht wohligen Schauer zu ignorieren, der seinen Körper durchwanderte.
»Bist du völlig von Sinnen? Ich werde doch nicht mit dir das Bett teilen!«, stieß er heiser hervor und schüttelte heftig den Kopf.
Der Ausdruck in Remys hübschem Gesicht veränderte sich, wurde hart, obgleich er kurz zuvor noch ungewohnt weich angemutet hatte.
»Weshalb? Denkst du, ich kann’s nicht?«, spuckte er ihm verärgert entgegen.
Davon wollte George nichts wissen. »Warum hast du mir nicht gesagt, dass du erst einundzwanzig bist?«
»Ich dachte, man sieht mir vielleicht an, dass ich kein Greis bin.« Beleidigt verschränkte er die muskulösen Arme vor der breiten Brust. Sein Körperbau verriet niemandem, dass er so blutjung war.
George schnaubte zornig. Was für eine hilfreiche Antwort! Hätte er es also erahnen müssen? Und für wie alt hielt man ihn hier eigentlich? Greis?
Er fuhr sich flüchtig übers Gesicht. »Harry sieht ebenfalls sehr jung aus und ist bereits dreißig«, gab er feindselig zurück, um sich zu verteidigen.
»Ich bin nicht Harry Michaelson, zur Hölle!«, brüllte Remy unvermittelt und unverkennbar wutentbrannt.
Was sollte die lächerliche Aussage? Er war noch nicht so alt, um schon blind zu sein! Auch wenn dieser unverschämte Kerl das offenbar annahm!
»Natürlich bist du das nicht!«, schrie er aufgebracht zurück. Ihm war gerade vollkommen gleichgültig, ob man sie bis in die Empfangshalle hinunter hören konnte oder nicht.
»Hör auf, mir das ständig zu sagen!«, donnerte Remy eine Sekunde später so ohrenbetäubend laut, dass George vor Irritierung der Mund offen stand.
Dieser Forderung folgte das markdurchdringende Knallen der Tür. Es würde ihn nicht wundern, wenn sie aus dem Rahmen fallen würde, doch sie blieb, wo sie war.
Hatte der Junge nicht gerade dasselbe gesagt? Warum war das in Ordnung, doch George wurde angebrüllt, wenn er es wiederholte?
Seine Verwirrung brachte seine Stirn dazu, sich von selbst in Falten zu legen, als er den Kopf schüttelte. Was war das gerade eben gewesen? Weshalb hatten sie gestritten? Worüber hatten sie überhaupt gestritten? Ein Streit zwischen einem Kunden und seinem Gesellschafter schien ihm recht unüblich.
Nun gut, dass Remy sich nicht an die Konventionen zu halten pflegte, hatte er nach dem ersten Wortwechsel geahnt. Doch dass ausgerechnet er die Stimme erhoben hatte, war unerwartet gekommen. Das Schlimmste daran: er hatte noch nicht genug und stürmte, ehe er sich aufhalten konnte, in Remys Schlafzimmer.
»Was genau ist dein Problem mit mir?!«, forderte er lautstark zu wissen, während er mitten im Raum innehielt und Remy musterte, der mit freiem Oberkörper vor dem Bett stand und gerade dabei gewesen war, sein Hemd zusammenzufalten. Unwillkürlich leckte er sich die Lippen.
Ihm wurde bewusst, wie lange er nicht mehr mit einem Mann geschlafen hatte. Es erklärte die Verwirrung seiner Emotionen.
Ein irritierter Blick traf auf den seinen und verwandelte sich noch im selben Moment in einen wütenden. »Mein Problem mit dir? Du bist ein verdammter Spießer! Ein prüder Langweiler und es geht mir auf die Nerven, dass ich mit dir hier sein muss!«
Es wäre eine Lüge, wenn er behaupten würde, dass es ihn nicht verletzte. Vor allem, weil er wusste, dass der junge Mann nicht ganz Unrecht hatte.
Da er zwar vielleicht ein Spießer, doch kein Idiot war, hatte er bereits zuvor bemerkt, dass es Remus widerstrebte, seinen Begleiter zu spielen. Allerdings war es noch ein klein wenig schmerzhafter, die Worte tatsächlich aus dem schönen Mund seines Gegenübers zu hören. Sein Magen verkrampfte sich auf unangenehmste Weise und er musste ein Husten unterdrücken.
»Darf ich dich daran erinnern, dass ich dich dafür bezahle, hier zu sein?«, gab er etwas ruhiger zurück.
»Leg noch ein paar Scheine drauf, wenn du willst, dass ich nett zu dir bin! Es fällt mir schwer, mich dazu durchzuringen, weil ich dich nicht leiden kann.«
Dieser Satz verursachte ein kurzes Stechen in der Herzgegend und George war mit einem Mal völlig gefasst. Seine zitternden Finger griffen nach der Klammer in der Innentasche seines Jacketts. Er warf das Bündel mit Scheinen auf das Bett. »Das ist dafür, dass Ihr nicht freundlich zu mir seid. Ich bin nicht verzweifelt genug, um mir falsche Höflichkeit zu erkaufen.«
Remy antwortete nicht sofort darauf und George sah ihm nicht einmal mehr ins Gesicht, sondern verließ das Zimmer.
Schwach ließ er sich auf das Polstermöbel im Salon sinken und nahm die Hände vor die Augen. Ein Seufzen entrang sich seiner trockenen Kehle. Es war der letzte Kongress, an dem er teilnehmen konnte. Er hatte sich auf ein paar interessante Tage gefreut, deren Abende er mit jemandem am Tisch sitzen und so tun konnte, als wäre er nicht völlig allein.
Sein Plan war nicht aufgegangen. Ganz im Gegenteil. Statt der Illusion, da wäre jemand, der ihn ein klein wenig gern hatte, sagte man ihm ins Gesicht, dass man ihn nicht mochte.
Das Stechen in seinen Lungen war schmerzhaft und kaum zu ignorieren, obgleich er sich bemühte. Das Husten war nicht mehr zu unterdrücken.
Irritierung vermischte sich mit leiser Verzweiflung und er beschloss, Remy aus dem Weg zu gehen. Die Woche würde schnell vorüberziehen. Dann würde alles wieder beim Alten sein. George konnte sich in seinem Gemach einschließen und seine letzten Tage damit verbringen, in seiner gewohnten Einsamkeit die Sterne zu betrachten.
Das Alleinsein war ihm an diesem Abend immer noch nicht vergönnt. Die Tür ging abermals ruckartig auf und eine Sekunde später traf ihn das Bündel mit Geldscheinen an der Schläfe, ehe es zu Boden fiel. »Was zum …?«
»Du bildest dir ein, du wirfst mir ein paar Scheine vor die Nase und ich tue, was man mir befiehlt? Was denkst du eigentlich, wer du bist, so mit mir umzuspringen? Ich bin kein dressierter Affe, zur Hölle!«
George blickte verschwommen auf. »Ich habe heute Abend keine Kraft mehr, um weiter mit Euch zu streiten. Vielleicht könntet Ihr zumindest darauf Rücksicht nehmen«, murmelte er bittend und krampfhaft hustend.
Die Wut seines Begleiters schien unvermittelt zu verfliegen. »Was fehlt dir? Ist es die Erkältung? Brauchst du etwas?«, fragte Remy zu seiner Überraschung nach und vollbrachte es – gewiss nur unter Aufbringung all seiner Willenskraft –, tatsächlich besorgt zu klingen.
George schüttelte zur Antwort den Kopf. Was er brauchte, war ein Wunder. Nein, gleich mehrere.
Remy räusperte sich unterdrückt, ehe er mit gesenkter Stimme erneut das Wort an ihn richtete: »Ich könnte dir etwas Gesellschaft leisten, während du … durch dieses Ding da siehst.« Er zeigte in einer flüchtigen Handbewegung auf das Teleskop.
Ein seltsames Angebot, bedachte man den Umstand, dass sie sich soeben recht heftig angebrüllt hatten, und die Tatsache, dass Remy gerade erst seine Ablehnung offengelegt hatte.
»Danke, ich bin nur müde«, gab er freundlich, doch abwehrend zurück und straffte die Schultern. Es reichte, dass der Mann einen Greis in ihm sah, da wollte er nicht zusätzlich auch noch wie ein Häufchen Elend vor dem jungen, attraktiven Remy hocken.
Dieser nickte in einer fahrigen Bewegung und machte auf dem Absatz kehrt, um in sein Gemach zu verschwinden. George blickte ihm nach, bis sich die Tür leise hinter ihm schloss.
»Was meinst du damit, ich soll dir die Wahrheit sagen?«, fragte Remy irritiert, während er mit Thomasina an dem Geländer stand, das die Terrasse vom weitläufigen Garten trennte. Er wedelte mit dem Zettel, um sie daran zu erinnern, dass sie ihn in dieser Nachricht dazu aufgefordert hatte.
»Ich meine damit, dass du mir die Wahrheit sagen sollst«, erklärte sie wenig hilfreich und machte große Augen, ehe sie in einer seltsamen Bewegung den Kopf schüttelte.
Remy begriff nicht, was das Mädchen von ihm wollte. Besser gesagt: er wollte es nicht begreifen. »Die Wahrheit worüber?«
Mit beiden Händen stützte Thomy sich an der Brüstung ab, um in die Höhe zu hüpfen und sich auf den steinernen Zaun zu setzen. »Den Lord und dich.«
»Was?«, krächzte Remy und zupfte an seinem Halstuch. Flüchtig um sich blickend vergewisserte er sich, dass sie nicht belauscht wurden. Was wusste die Kleine und wie war sie zu diesem Wissen gekommen?
»Du hast gelogen. Er ist nicht dein Freund.« Ihre Miene verzog sich zu einer missbilligenden Grimasse. »Ich finde es überhaupt nicht gut, wenn man mich anlügt. Aber ich verzeihe dir, Remy«, meinte sie gnädig und musterte ihn mit gehobener Nasenspitze von oben herab, ehe sie fortfuhr: »Ich kenne mich mit Jungs aus, also kannst du mich gerne um Rat fragen.«
Wäre die Situation nicht so seltsam aus der Fassung bringend, würde er jetzt lachen. Stattdessen raufte er sich das Haar. »Du wirst doch niemandem etwas davon sagen, oder?«
»Natürlich nicht«, gab sie eingeschnappt zurück, wohl aufgrund seines mangelnden Vertrauens.
»Wie hast du herausgefunden, dass …?« Er sprach den Satz nicht zu Ende, da er nicht wusste, was genau er sagen sollte. Was daran lag, dass er sich nicht sicher war, was sie wusste. Seine Vorsicht sollte ihn davor bewahren, weitere Fehler zu machen. Zumindest hoffte er, dass ihm das gelingen würde.
»Ich habe euch gestern vor dem Dinner belauscht«, erklärte sie freimütig.
»Das war nicht sehr nett. Man soll niemanden belauschen.«
»Man soll auch nicht lügen«, konterte sie mit gehobenen Augenbrauen und warf sich das dunkle Haar über die Schulter. Ja, da hatte sie recht. »Tadle mich nicht, Remy. Sei lieber froh, dass ich Bescheid weiß. So kann ich dir helfen.«
Unwillkürlich lachte er einmal freudlos auf. Das war doch lächerlich. »Du kannst mir nicht helfen, Thomy. Wobei überhaupt?«
»Du willst, dass Lord Strickland sich in dich verliebt. Offenbar hat das noch nicht funktioniert. Gut, dass du jetzt mich als Beraterin hast.«
Remy stand vor Fassungslosigkeit der Mund offen. »Dass Lord Strickland was? Nein!«, brachte er eilig und atemlos hervor. »Nein, nein! Das will ich ganz und gar nicht! Wie kommst du auf so einen Unsinn?«
»Ich kenne mich eben mit Jungs aus«, zuckte sie entschuldigend mit den Schultern. »Du musst nicht mehr lügen. Ich weiß schon alles.«
Gar nichts wusste sie! Das Mädchen hatte offenbar Fantasie! Was ja im Grunde genommen löblich war, doch die ihre schoss gerade übers Ziel hinaus. So einen Blödsinn hatte er nie zuvor gehört!
»Selbst wenn ich das wollen würde, was ich aber nicht tue, wäre es unmöglich! Den Kerl kann man nicht einmal für eine Stunde von seinen dämlichen Sternen weglocken.« Oder von seinem verdammten Favoriten, dem idiotischen Harry, abbringen. Aufgewühlt ging er vor Thomasina hin und her und gestikulierte dabei mit den Händen, während sie mit den kurzen Beinen baumelte und gelegentlich verständnisvoll nickte. »Den ganzen Tag über hockt er in seinen blöden Seminaren und am Abend starrt er in den Himmel hinauf. Er sieht mich überhaupt nicht! Das will er auch gar nicht! Die ganze Zeit sagt er mir nur, dass ich nicht wie sein dämlicher Harry bin! Und wenn er mal mit mir redet, dann streiten wir nur!« Wütend stieß er mit dem Schienbein gegen einen Pfosten des Geländers. Der Schmerz brachte ihn zur Vernunft. Wovon redete er da? Irgendetwas musste in dem spärlichen Frühstück, das er appetitlos verspeist hatte, gewesen sein. Irgendetwas, das ihm nicht bekam.
»Mister Michaelson ist ein Idiot, den wird er schon von selbst vergessen. Außerdem ist er nicht hier. Wegen der Sache mit den Sternen kann ich dir sagen, du bist nicht der Einzige, der seine liebe Mühe damit hat, seinen Mann vom Fenster wegzubekommen. Alexis fällt das aber nicht so schwer wie den anderen. Sie ist noch jünger und braucht sich bloß auszuziehen, hat sie gesagt. Vielleicht kann sie dir einen Rat geben.«
Remy grinste, obgleich ihm eigentlich nicht danach zumute war. Allerdings war es belustigend, wie Thomy von Dingen sprach, von denen sie absolut keine Ahnung hatte. Die ernste Miene, die sie dabei zur Schau trug, war ebenfalls sehr amüsant.
»Sag Lord Strickland doch einfach, er soll damit aufhören und statt den Sternen dir seine Aufmerksamkeit widmen«, schlug sie so unbekümmert vor, als würde sie annehmen, George würde irgendetwas tun, nur weil er das befahl. Er wünschte, es wäre tatsächlich so einfach.
Mit einem Seufzen lehnte er sich an die Brüstung. »Und wenn er die Sterne lieber mag als mich?«, gab er mit heiserer Stimme zu bedenken.
»Dann musst du das eben ändern«, kam beharrlich zurück. »Bring ihn zum Lachen, mach ihm Komplimente, sag kluge Sachen.«
»Kluge Sachen«, wiederholte Remy schwach. Wenn ihm doch nur eine einzige kluge Sache einfallen würde. Oder etwas Amüsantes, um ein Lächeln auf die vollen Lippen des Lords zu zaubern. Von den Komplimenten hingegen sollte er lieber Abstand nehmen. Oh, er hätte viele Dinge vorzubringen, die er an dem Mann anziehend fand, doch er würde sich lediglich blamieren. Nicht nur, weil Lord Strickland von ihm gar keine Schmeicheleien hören wollte, sondern weil Remy sich dabei so dumm anstellen, dass er einen Idioten aus sich machen würde.
Nicht zu vergessen stand ihm nun der schrecklich dumme Streit, in dem er fürchterlich blöde Sachen gesagt hatte, im Weg. Es war die neuerliche Zurückweisung gewesen, die ihn so verdammt wütend gemacht hatte. Konnte er vielleicht einfach so tun, als wäre das niemals passiert?
»Das kann so schwer nicht sein. Du bist ein süßer Junge und Lord Strickland muss das doch einsehen«, meinte Thomasina ermutigend und tätschelte ihm mit ihrer kleinen Hand die Schulter.
Remy zwang sich mühsam zu einem Nicken, da er das Mädchen nicht enttäuschen wollte. Jedoch hegte er keinerlei Hoffnung und das machte ihm schwer zu schaffen, obgleich er sich das niemals eingestehen würde.
*
George war nicht zum Abendessen gekommen und er war darüber in Sorge.
Entweder war die Erkältung schlimmer geworden oder der Lord wollte vermeiden, dass ihre Wege sich kreuzten. Ersteres beunruhigte ihn und die zweite Möglichkeit ließ ihn darüber nachdenken, dass er besser abreisen sollte. Immerhin war es nicht seine Absicht, dem Mann die Woche so dermaßen zu verderben, dass er nicht einmal das Dinner einnehmen wollte.
Remy hatte zwar geglaubt, dass er begehrte, dem Adligen die gemeinsamen Tage zur Hölle zu machen. Jedoch wusste er jetzt, dass das nicht wirklich sein Wunsch war.
Unentschlossen klopfte er an die Tür ihrer Gemächer, da er nicht einzutreten wagte. »George?«
Als keine Antwort kam, hob er erneut die Faust gegen das Holz, diesmal etwas lauter. Immer noch keine Erwiderung. Seine Finger schlossen sich um die Klinke und er trat zögerlich ein. Lord Strickland lag schlafend und völlig bekleidet auf seinem Bett. Langsamen Schrittes überwand er die Distanz zwischen ihnen. Es wäre klüger, zu verschwinden. Dennoch nahm er an der Bettkante Platz, um den Adligen zu betrachten. Die feinen Gesichtszüge faszinierten ihn unweigerlich, obwohl er den Kerl doch überhaupt nicht leiden konnte. Sein Blick wanderte von der glatten Stirn, in die einige schwarze Strähnen fielen, hinunter zu den geschlossenen Augen, zu der geraden Nase, bis er schließlich bei vollen Lippen ankam und ohne Absicht über die seinen leckte. Stricklands Wangen waren zart gerötet. Weshalb machte ihn das nervös und warum klopfte sein Herz schon wieder so schnell?
Vielleicht sollte er fühlen, ob der Mann Fieber hatte? Gewiss. Es war gar seine Pflicht, das zu tun. Immerhin könnte der Lord ernsthaft krank sein.
Seine Hand bebte, als er sie hob, um sie dem Adligen auf die Stirn zu legen. Die Haut unter seinen Fingern fühlte sich angenehm warm, doch nicht heiß an.
Nun, da er die Temperatur geprüft hatte, wäre der Moment gekommen, um sich zurückzuziehen. Stattdessen strich er vorsichtig durch rabenschwarzes Haar, das wie Seide zwischen seinen Fingern hindurchlief. Wie oft hatte er sich gefragt, wie es sich anfühlte? Viel zuoft war die Antwort, die er nicht geben wollte. Jetzt war er überwältigt von dem Gefühl, das es ihm einbrachte.
Ein wohliger Schauer lief ihm über den Rücken, als er die Wange des Mannes berührte, der ihm vermutlich an den Kragen gehen würde, sollte er bemerken, dass Remy ihn anfasste. Es war ihm ein Rätsel, weshalb er sich den Stutzer nicht aus dem hohlen Kopf schlagen konnte, obgleich er wusste, dass dieser ihn verabscheute. Strickland hatte bereits bei ihrer ersten Begegnung einen anderen bevorzugt und ihm seither stets aufs Neue bewiesen, dass er ihn nicht leiden konnte und dass sich das niemals ändern würde.
Warum wollte sein bescheuertes Herz das nicht endlich begreifen?
Wann könnte er endlich
