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In einer regnerischen Nacht sieht James Hartwick seine Chance gekommen. Der blutjunge Anwalt will seinen ärgsten Feind, den Verbrecherboss Salvatore DeLuca, überführen. Als er in dessen Geschäfte platzt, um ihn festzunehmen, kommt es jedoch anders als geplant und er ist gezwungen, sein Leben in die Hände des Don zu legen. Plötzlich aufeinander angewiesen, müssen beide Männer erkennen, dass sie mehr verbindet als die Abscheu, die sie glauben, füreinander zu empfinden ... Doch können sie ihre Streitigkeiten lange genug beiseitelassen, um zu bemerken, dass die gegenseitige Zuneigung stärker ist, als sie sich eingestehen wollen?
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Tharah Meester
Der Anwalt des Don
Farefyr Lovers
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Nachwort der Autorin
Leseprobe – Der Schatten des Ruhmes
Über die Autorin
Impressum
Ein Blitz erhellte den Nachthimmel, ein Donner grollte und im nächsten Moment ergoss sich ein Wolkenbruch über seinem Kopf.
Jimmy fluchte leise und schob seinen Notizblock in die Innentasche seines Jacketts, um ihn nicht an den Starkregen zu verlieren.
Salvatore DeLuca, dieser verbrecherische Fettsack, war gerade dabei, irgendein krummes Ding abzuziehen. Zusammen mit seinem Leibwächter Oliver Hallcott stand er in der Nische eines Hauses und wartete auf jemanden. Der bullige Hallcott hielt seinem Dienstherrn einen Schirm über den Kopf, damit dieser bloß nicht feucht wurde und in Ruhe an seiner Zigarre paffen konnte.
Jimmy war innerhalb weniger Augenblicke nass bis auf die Knochen. In Nächten wie diesen wünschte er beinah, er könne einen Privatdetektiv mit dieser Sache beauftragen, anstatt DeLuca selbst beschatten zu müssen. Doch weder hatte er das Geld dafür, noch wollte er die Angelegenheit in irgendeiner Form aus der Hand geben. Wenn man die Dinge nicht selbst in Angriff nahm, konnte man sich nie darauf verlassen, dass sie ordentlich erledigt wurden. Gerade seine Fehde mit DeLuca war von so großer Bedeutung, dass er nichts dem Zufall oder dem Können eines anderen überlassen wollte.
Vor Monaten hatte er sich in den Kopf gesetzt, diesen Dreckskerl ins Gefängnis zu bringen. Bislang war es ihm nicht gelungen, doch er stand kurz vor dem Durchbruch. Das war gut so, denn langsam gingen ihm die Mittel – und die Puste – aus, diesen Fall weiter zu verfolgen. Die halbe Stadt lachte über ihn, weil er so verbissen daran arbeitete, DeLuca hinter Gitter zu bringen. Deshalb durfte er jetzt nicht aufgeben.
Sein verdammter Vater würde sich in seiner Meinung über ihn bestätigt fühlen, sollte ihm je zu Ohren kommen, dass Jimmy gescheitert war.
Das würde er nicht ertragen. Nicht, nachdem er sich die meiste Zeit seines Lebens anhören hatte müssen, was für ein jämmerlicher Schwächling und himmelschreiender Dummkopf er war. Es war an der Zeit, seinem Vater und dem Rest der verfluchten Welt zu beweisen, dass er kein vollkommener Idiot war. Die Tatsache, dass er sein Studium mit Auszeichnung bestanden hatte, zählte für niemanden. Als er seinem Vater davon erzählt hatte, hatte dieser gelacht und gefragt, wem er für diese Noten einen runtergeholt habe. Jimmy knirschte mit den Zähnen. Er hatte sich diese Noten hart erarbeitet. Nächtelang hatte er über den Büchern gebrütet, war am Schreibtisch eingeschlafen, um am nächsten Tag in den Vorlesungen sein Bestes zu geben. Niemand hatte ihm dafür auf die Schulter geklopft oder ein Lob ausgesprochen. Ein Räuspern klärte seine eng gewordene Kehle. Sollte ihm bloß recht sein, er war nicht darauf angewiesen, dass jemand stolz auf ihn war, aber er würde es allen zeigen! Unwirsch fuhr er sich mit der Rechten durchs völlig durchnässte Haar und übers ebenso nasse Gesicht, den Blick starr auf DeLuca gerichtet, um nicht zu versäumen, sollte dieser sich vom Fleck rühren. Er musste das Schwein überführen – auf frischer Tat ertappen!
Die Leute nannten Jimmy den Giftzwerg,aber sie würden sich nicht mehr über ihn lustig machen, wenn er für die Verhaftung des berühmt berüchtigten Don Salvatore verantwortlich wäre. Dann würde es niemand mehr wagen, über den fähigenAnwalt James Hartwick zu lachen.
Deswegen stand er hier im Regen, verborgen vor neugierigen Blicken, und gaffte heimlich zu DeLuca, diesem hassenswerten Fettsack, hinüber.
Endlich tat sich etwas. Er straffte die Schultern, als ein vornehm gekleideter Mann über den Marktplatz stolzierte – samt Leibwächter und Schirm über dem Kopf.
Sein Herz klopfte schneller. Heute war die Nacht gekommen, in der DeLuca die gerechte Strafe bekommen würde. Durch Jimmys Hand! Für diese Tat erwartete er Ruhm und Befriedigung. Diese Dinge waren ihm das Risiko, welches er einging, wert. Was zählte die Gefahr für einen Mann, der nichts zu verlieren hatte? Und Jimmy hatte nichts zu verlieren.
Um sein heruntergekommenes Büro im Keller eines Bordells, das aus einem einzigen Zimmer bestand und zugleich seine Wohnung war, wäre es ihm nicht leid. Er hatte keine Freunde und keine Familie, weil sein Vater nicht zählte. Er besaß einen schäbigen, alten Mantel, genau zwei Anzüge und drei Hemden, die er im Wechsel trug. Wenn er Glück hatte, konnte er sich täglich eine warme Suppe leisten. Wenn er Pech hatte – und davon hatte er viel – reichte es nur für jeden zweiten Tag. Die Miete bezahlte sich nicht von allein und seine Aufträge hielten sich in Grenzen. Meist waren seine Klienten selbst nicht gut bei Kasse und zahlten ein Minimum für die Dienste, die sie in Anspruch nahmen. Darüber hinaus war Jimmy die meiste Zeit über damit beschäftigt, Informationen über Salvatore DeLucas gesetzeswidrige Aktivitäten zu sammeln. Dies war der Fall, der sein Leben verändern konnte. Und sein verschissenes Leben hatte eine Veränderung bitter nötig. Darum ergriff er die Chance, als der Fremde, der mit dem Rücken zu ihm stand, DeLuca eine Tasche überreichte.
All seinen Mut zusammennehmend trat Jimmy aus den Schatten ins Licht der Straßenlaternen, um mit schnellen Schritten den Platz zu überqueren und einen Revolver zu ziehen. „DeLuca, Ihr verdammtes Arschloch!“
Salvatore DeLuca starrte ihn unverwandt an und wirkte viel mehr rügend als sonst etwas, während sein Leibwächter auf Jimmy losgehen wollte. Der Don hielt ihn zurück, indem er den Arm nach ihm ausstreckte und den Kopf schüttelte. Vermutlich hatte der Fettsack begriffen, dass es ihm jetzt an den Kragen ging.
„Wer zur Hölle ist dieser Wicht?“, forderte DeLucas verbrecherischer Geschäftspartner – gekleidet in teuersten Zwirn und fein zurechtgemacht – zu wissen und schickte wortlos seinen zwei Meter großen Wachhund vor, um Jimmy aus dem Weg zu schaffen.
„Ich bin kein Wicht, sondern Euer schlimmster Albtraum!“, brüllte dieser aufgebracht und fuchtelte mit der Pistole herum, was niemanden zu beeindrucken schien. Panik befiel ihn und er zweifelte plötzlich an seinem unausgereiften Plan. Er zitterte vor Kälte und Angst.
Salvatore DeLuca ergriff das Wort, bevor der groß gewachsene Leibwächter einen Schritt tun konnte: „Halt! Das ist nicht nötig. Lass mich das regeln.“
Der Mann, mit dem DeLuca illegale Machenschaften trieb, sah diesen skeptisch an, nickte jedoch. „Wie du meinst, Sally. Kümmere dich um dieses Problem.“ Er musterte Jimmy abwertend und wich ein paar Schritte zurück, um ihnen Privatsphäre zu bieten.
Jimmys Finger, die um den Griff des Revolvers lagen, bebten und auch seine Stimme tat dies, als er sprach: „Ich habe Euch auf frischer Tat ertappt. Nun könnt Ihr nichts mehr leugnen, ich werde Euch überführen. Ihr… Ihr werdet jetzt mitkommen.“ Mühsam hielt er dem dunklen Blick des übergewichtigen Mannes im schwarzen Anzug stand.
„Ich schlage vor, Ihr nehmt Reißaus und lasst die Sache auf sich beruhen“, brachte der miese Fettsack ruhig hervor.
„Nichts dergleichen werde ich tun! Ihr seid verhaftet, DeLuca! Ich nehme Euch hiermit im Namen des Gesetzes fest!“
Ein kaum merkliches Schmunzeln umspielte die vollen Lippen DeLucas. „Macht Euch nicht lächerlich. Wir beide wissen, dass das nicht so laufen wird. Verschwindet jetzt, bevor Euch etwas passiert.“
„Soll ich ihn aus dem Weg räumen, Boss?“, seufzte Hallcott, doch DeLuca winkte ab, was den Leibwächter zu einem genervten Aufstöhnen verführte. Der Regen prasselte auf den Schirm ein, den er über den Kopf seines Dienstgebers hielt.
„Ihr kommt mit oder ich schieße!“, drohte Jimmy lauter als der Regen.
„Wie ich Euch kenne, ist die Waffe nicht geladen“, stellte DeLuca fest und Jimmy schluckte trocken, weil es die Wahrheit war.
„Doch, ist sie!“, konterte er dennoch mit aller Bestimmtheit. Seine aufkommende Verzweiflung ließ sich schwerlich zurückdrängen, da er gerade am Verlieren war. Schon wieder. Wie immer. Er blinzelte nervös.
DeLuca griff sich flüchtig an die Stirn und schüttelte den Kopf, ehe er die Arme ausbreitete und wütend forderte: „Dann erschießt mich, Hartwick! Erschießt mich oder verschwindet endlich!“
Ein Schuss hallte durch die Luft, gleich darauf ein zweiter. Der vornehme Herr und sein Diener gingen zu Boden. DeLuca und Hallcott zogen ihre Revolver und richteten sie in die Dunkelheit. Jimmy sah gehetzt um sich und erkannte mit Entsetzen, dass sie umzingelt waren. Gleich darauf wurde er von hinten niedergeschlagen. Die Waffe glitt ihm aus den Händen und ihm wurde schwarz vor Augen…
*
Der hartnäckige und zumeist sehr anstrengende Anwalt ging im selben Moment zu Boden, in welchem sie auch Oliver niederschlugen.
Sal ließ den Anführer der Black Rats in seine Revolvermündung blicken und knirschte mit den Zähnen. Seine Leute kamen aus ihren Verstecken, um ihn zu verteidigen, doch es sah nach einer Pattsituation aus.
Nein, eigentlich war seine aktuelle Lage viel mehr aussichtslos. Die Ratten waren ihnen zahlenmäßig überlegen und ein Blutbad war das Letzte, was er anrichten wollte.
„Guten Abend, Sally“, grinste Pietre Korvacs und zog sich die Kapuze vom Kopf, damit Sal in sein Gesicht blicken konnte.
„Pietre“, nickte er knapp. Er sah aus dem Augenwinkel, wie sich einer der Ratten Hartwick näherte und die Pistole hob, um dem jungen Mann in den Kopf zu schießen. „Das überlegst du dir lieber ein zweites Mal!“, brüllte Sal und zielte auf den Kerl im schwarzen Umhang. Er war sich gewiss, dass er den Abzug schneller ziehen würde als die Ratte, sollte es darauf ankommen.
Korvacs war das ebenfalls klar. „Na, na, wer wird denn gleich überreagieren?“, murmelte der dreckige Bastard und deutete seinem Untergebenen an, die Waffe sinken zu lassen. „Verrätst du mir, wer dieser Jüngling ist, der unter deinem Schutz steht, Sally?“
„Das ist mein Anwalt und ihr rührt ihn nicht an!“, gab Sal donnernd zurück. Neben ihm zog jemand Oliver die Geldbörse aus dem Jackett. Sie würden Hallcott nichts antun, da sein Bruder die rechte Hand Korvacs war, was Sal in diesem Augenblick sehr erleichterte. Er konnte sich nicht um Hartwick und seinen Leibwächter kümmern.
„Dein Anwalt“, nickte Pietre Korvacs in einer fahrigen Bewegung. Er schien nachzudenken – einen seiner dämlichen Pläne zu entwerfen. „So ein Anwalt ist doch furchtbar wichtig und ein guter ist sicher schwer zu finden. Wenn ich verspreche, ihn nicht umzulegen… pfeifst du dann deine Schergen zurück und kommst mit auf einen kleinen Ausflug?“
Sal schluckte hart und überdachte seine beschissene Situation. Er könnte es darauf ankommen lassen. Vielleicht würde es seinen Männern gelingen, ihm den Arsch zu retten. Oder sie bekämen von den Ratten die Lichter ausgeblasen, was er nun wirklich nicht wollte. Zudem war da noch das Hartwick-Problem… Sein Blick wanderte zu dem Jungen hinüber, der bewusstlos in einer Pfütze lag. Sein haselnussbraunes Haar klebte ihm am Kopf und der friedliche Ausdruck auf seinem Gesicht würde niemanden je auf die Idee kommen lassen, wie zanksüchtig und giftig der Bursche sein konnte. Sein zerschlissener Mantel hatte sich geöffnet. Darunter trug er einen schwarzen Anzug, der seine besten Zeiten hinter sich hatte und ihm eine Spur zu groß war.
„Ich verlasse mich auf dein Wort“, knurrte er Korvacs zu und deutete seinen Männern mit einem Handwink an, die Waffen runterzunehmen. Nach einem Zögern und einem erneuten Mustern des jungen Anwalts warf er dem Anführer der Ratten seinen Revolver vor die Stiefelspitzen.
Korvacs grinste zufrieden und nahm zwei Finger in den Mund, um nach seinem Kutscher zu pfeifen. Man hörte Hufschläge. Die dunklen Pferde erschienen gleich darauf und die Tür des Gefährts schwang auf. „Ich lasse dir den Vortritt, Sal. Wie ein echter Gentleman.“
Salvatore blieb nichts anderes übrig, als unter den entsetzten Blicken seiner Männer in die große Reisekutsche zu steigen. Er deutete ihnen mit einer beschwichtigenden Geste an, dass alles in Ordnung und Ruhe zu bewahren sei. Sein richtiger Anwalt würde sich um die Sache kümmern und alles regeln. Ja, Bill würde alles im Griff haben.
Eine Sekunde später bereute er es, gelogen zu haben, was James Hartwicks Anwesenheit hier betraf.
„Sals Anwalt wird mit uns reisen. Helft dem feinen Herrn in die Kutsche“, wies Korvacs an.
Sals Herz schlug ihm bis zum Hals. „Ist das wirklich nötig? Wozu brauchst du ihn? Ich denke, ich reiche als Geisel aus.“
Der Stake lächelte und zeigte ihm seine vergilbten Zähne. „Oh, ich habe so im Gefühl, dass wir eine Absicherung brauchen, um dich in Schach zu halten. Wie wir beim letzten Mal gesehen haben, bist du nicht so einfach zu handhaben, wie ich mir das wünschen würde.“
Der letzte Entführungsversuch war nicht so glimpflich verlaufen. Dabei hatte Sal ein paar Ratten erschossen. Nach diesem unschönen Vorfall hatte Bill darauf bestanden, die Sicherheitsmaßnahmen zu erhöhen. Sal hatte das abgelehnt, weil er sich eingesperrt vorkam, wenn so viele Leibwächter um ihn herumscharwenzelten. Jetzt wünschte er, er hätte auf seinen Anwalt gehört. „Tu ihm etwas an und ich finde einen Weg, mich auf eine Weise an dir zu rächen, die dich winseln lässt, Korvacs.“
Der Rattenanführer lachte auf und schüttelte den Kopf. Seine schwarzen Locken bewegten sich mit. „Keine Sorge. Ich habe dir immerhin mein Wort gegeben. Vertraust du mir nicht?“
Die Pferde setzten sich in Bewegung, die Räder der Kutsche ratterten über den Pflasterstein. „Sollte ich das tun?“
„Gewiss. Wir sind Freunde, trotz allem. Nicht wahr? Und jetzt nimmst du zehn Tropfen hiervon. Die werden dich eine Weile schlafen lassen. Wir wollen doch nicht, dass du dich auf der langen Reise langweilst. Als dein Gastgeber wäre mir das überaus peinlich.“
Sal nahm das Fläschchen an sich und ließ einige Tropfen auf seine Zunge fallen. Kurz darauf fühlte er die eintretende Schläfrigkeit. Er lehnte sich mit dem Kopf gegen die hölzerne Wand. Wenn er wieder aufwachte, würde er nicht wissen, wo er war, und während er schlief, konnten sie mit ihm machen, was sie wollten – und mit James Hartwick.
Ein trockenes Schlucken ließ ihn bemerken, wie eng seine Kehle geworden war. Sein Herzschlag verlangsamte sich aufgrund des Mittels, doch es würde rasen, hätte er es nicht genommen. Vor Angst.
Seine Lider wurden schwerer und schwerer, bis er schließlich in einen tiefen, ruhigen Schlaf verfiel.
Als er aus diesem erwachte, saß er an einen Stuhl gebunden in einem verdunkelten, modrig riechenden Raum.
Stunden vergingen, bis er etwas hörte. Stimmen drangen von draußen zu ihm in das leere Zimmer.
„Pietre, warum muss das ausgerechnet jetzt sein?“, forderte einer von Korvacs Untergebenen zu wissen und schien aufgebracht. „DeLuca ist hier, was willst du drüben im Dorf?“
„Das fette Schwein soll ein wenig schmoren, bis ich mit ihm rede. Wir müssen ihn mürbe machen, ihn weich klopfen! Klopfen, verstehst du? Wie ein gutes Steak!“ Korvacs donnerte die Faust gegen eine der Wände.
„Ein Steak klopft man nicht“, kam trocken zurück.
„Dann eben irgendetwas, das man klopft“, presste der Rattenführer zwischen den Zähnen hervor und verlor die Geduld.
„Wie willst du das tun, wenn du fort bist?“
Noch einmal schlug Korvacs gegen das Holz. Diesmal aus Wut. „Zum Teufel mit dir. Wenn du zu dumm bist, um zu verstehen, was ich vorhabe, kann ich dir nicht helfen! Der Fettsack bleibt in diesem Zimmer, bis ich entschieden habe, dass er lange genug da drinnen war! Hast du kapiert?! Keiner geht zu ihm! Keiner redet mit ihm!“
„Du warst nicht zu überhören“, meinte der andere patzig, der verdächtig nach Lonnie Hallcott klang.
„Hamlin wird mich begleiten. Du und die drei Hornochsen, ihr bleibt hier und passt auf, dass dieser Jammerlappen von Anwalt nicht verschwindet.“
Ohne auf eine Erwiderung zu warten, stürmte Korvacs aus dem Haus und ebnete den Weg für Sals Flucht. Es würde um ein Vielfaches einfacher sein, zu entkommen, wenn die Ratten ohne ihren Anführer dastanden. Zudem waren es nur vier Kerle, mit denen er es aufnehmen musste. Das sollte kein allzu großes Problem werden. Die Schwierigkeit lag darin, herauszufinden, wo sie sich befanden. Er ahnte, dass sie weit von Zuhause weg waren. Korvacs hatte sie gewiss mit dem Boot hierher, wo auch immer das sein mochte, geschafft. Seine Kleidung roch nach Meerwasser und wie könnte sie das tun, wenn er nicht eine Weile auf See verbracht hätte?
Er spürte seine schweren Ringe nicht mehr an den Fingern und das Messer im Gürtel hatten sie ihm abgenommen. Die Ratten waren nicht so dumm, wie sie aussahen. Doch sie waren bei Weitem nicht so klug, wie sie sein sollten, wenn sie Salvatore DeLuca in Gefangenschaft halten wollten. Die Black Rats waren ein Haufen von Schwachköpfen, aber durchaus gefährlich, weil sie viel zu viel wollten und in ihrer Blödheit glaubten, dass es ihnen zustand. Korvacs scharte verrückte Straftäter, die er aus dem stakischen Gefängnis nach Farefyr holte, um sich. Damit wollte er den Leuten Angst einjagen und diese Furcht, wenn man sie denn empfand, war nicht unberechtigt. Viele dieser Männer waren wegen mehrfachen, grausamen Mordes weggesperrt worden. Jetzt liefen sie frei herum und halfen einem ebenso Verrückten bei Dingen, die Korvacs seine Pflichten nannte.
Sal schüttelte den Kopf und versuchte, einen klaren Kopf zu bewahren, was nicht einfach war. Nicht, solange er James Hartwick in den Fängen dieser durchgeknallten Bastarde wusste. Er musste ihn hier rausschaffen. Gleich nachdem er sich selbst befreit hatte, was nicht einfach werden würde… aber auch nicht unmöglich. Immerhin hatte er Erfahrung.
*
Zitternd und mit verbundenen Augen saß er auf einem Stuhl, an den er gefesselt war. Er konnte sich nicht rühren und kaum atmen. Ein Knebel hinderte ihn am Sprechen. DeLuca, dieses dreckige Schwein, hatte ihn gefangen genommen! Dieses Arschloch würde für das hier büßen! Das schwor er sich im Stillen, um gegen die Panik zu kämpfen, die ihn zu übermannen versuchte. Doch eigentlich war ihm klar, dass DeLuca ihn hier nicht lebend rauskommen lassen würde. Verzweifelt kämpfte er gegen die Tränen, die in seinen Augen brannten. Er war nicht alleine im Raum, das spürte er. Jemand beobachtete ihn. Vielleicht DeLuca selbst.
Er hörte, wie eine weitere Person den Raum betrat und sich ihm mit langsamen Schritten näherte. Nur mit Mühe konnte er ein Wimmern unterdrücken.
Aus der Ecke ertönte eine dunkle Stimme: „Jak, du hast hier nichts verloren. Geh und kümmer dich um deinen eigenen Scheiß.“
Heißer Atem streifte seine Wange und er erbebte.
„Was für ein Leckerchen hat Korvacs denn mit dir eingefangen, hm?“, fragte jemand dicht an seinem Ohr.
Ihm wurde übel, als er die Bierfahne des Mannes roch.
„Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe, Jak?“, mischte sich der Kerl aus der Ecke ein und trat in die Mitte des Raumes.
„Vielleicht hältst du einfach mal die Fresse, hm? Wie wäre das, Stanley?“
„Pietre hat angeordnet, dass Archie und ich auf den Anwalt aufpassen.“
„Ist Korvacs hier?“
„Nein, ist er nicht. Trotzdem gilt sein Wort.“
„Korvacs ist nicht mein Gott. Wenn ich mich mit dem hübschen Ding hier vergnügen will, dann tue ich das.“
Die Augenbinde wurde ihm abgenommen. Verängstigt blickte Jimmy um sich. Ein bulliger, großer Mann war neben ihm. Ein weiterer Kerl befand sich zwei Schritte von ihm entfernt und starrte den Typen namens Jak feindselig an. Ein junger Bursche stand unweit der verdunkelten Fenster und stierte schweigend auf seine Schuhspitzen.
„Einen Dreck wirst du mit dem tun, Jak. Ich warne dich, wenn Piet…“
Stanley konnte den Satz nicht zu Ende sprechen, da ihn eine Kugel zwischen die Augen traf. Jak hatte eine Waffe gezogen, noch ehe es jemand gewahrte, und sie benutzt, um seinen Kollegen zu töten.
Fassungslos starrte Jimmy auf die Leiche zu seinen Füßen hinab. Eine Blutlache bildete sich um den Kopf des Mannes. Nun konnte er die Tränen nicht länger bändigen. Sein Schicksal war besiegelt. Der Magen drehte sich ihm einige Male um, bittere Säure kam ihm hoch und er schwitzte.
„Er gehört dir, Archie“, meinte Jak in Richtung des Jungen, der jetzt aufsah und Jimmy angrinste, während er auf ihn zukam.
„Ich dachte schon, du lässt dir ewig Zeit. Ich kann es kaum mehr erwarten, mit dem Anwalt zu spielen.“
„Ich musste Lonnie ausschalten. Hab ihm was in den Drink getan.“
„Guter Junge, Jak, guter Junge. Wenn Pietre fragt, wollte dieser heiße Attorney fliehen, hat Stanley umgebracht und wollte dann mich angreifen. Deshalb mussten wir ihn erschießen. Kapiert?“
Erschießen, erschießen, erschießen hallte es in James' Kopf. Die Frage, was sie mit ihm vorhatten, erübrigte sich. Schwer atmend drehte er sich weg, als Archie ihm durchs Haar fuhr. Der Geruch von billigem Rasierwasser drang ihm in die Nase, brachte ihm einen erneuten Schwall Magensäure hoch, die auf seiner Zunge brannte.
„Stell ihn hin“, wies der Mann an, der so unschuldig anmutete, doch alles andere als das war. Er zog etwas aus seinem Gürtel hervor, das wie eine Pferdepeitsche aussah.
Jak, der Jimmy um zwei oder drei Köpfe überragte, befreite ihn von den Fesseln, zog ihn in die Höhe und hielt ihn auf den Beinen, die unter ihm nachgeben wollten.
„Ich will ihn ohne Hemd“, grinste Archie breit.
James senkte den verschwommenen Blick. Er vernahm das Reißen des dünnen Stoffes und fühlte die Kühle, die seine Haut umspielte.
„Nur ein paar Striemen, damit ein bisschen Blut fließt, dann legen wir ihn um. Ich will ihn kalt.“
Man gab ihn frei und Archie ließ die Peitsche nach ihm züngeln. Kraftlos fiel Jimmy auf die Knie und versuchte zu sprechen. Er wollte betteln. Um sein Leben, welches er kurz zuvor noch verflucht hatte. Mit einem Mal hing er sehr daran. Niemand schenkte seinen unartikulierten Lauten, die durch das Leinen drangen, Beachtung. Bei jedem Schlag zuckte er zusammen. Er spürte das warme Blut, das seinen Bauch hinablief.
„Das reicht mir. Hoch mit ihm“, befahl Archie und stöhnte leise.
Er wurde auf die Beine gezogen. Verängstigt erwiderte er den dunklen Blick des jungen Mannes, als dieser auf ihn zukam, um ihm das Leinen aus dem Mund zu reißen und es mit einem Pistolenlauf zu ersetzen.
Schluchzend presste James die Lider aufeinander, starrte in die Dunkelheit, die dabei entstand. Archie entsicherte den Revolver und zog den Hahn zurück. In diesem Moment fühlte er die heiße Nässe, die seine Beinkleider zwischen den Schenkeln benetzte, und schämte sich trotz Todesangst.
Er sah Sternchen in der Finsternis, roch Bier und Whiskey und dieses grauenvolle Rasierwasser, fühlte die Panik in jeder Faser seines Körpers.
Dann fiel ein Schuss – er zuckte zusammen – und gleich darauf ein zweiter.
Irritiert bemerkte er, dass sein Atem immer noch heftig ging und sein Herz immer noch kräftig schlug. Warum war er noch am Leben?
Zaghaft machte er die Augen auf und erkannte, dass Archie und Jak tot am dreckigen Boden des Raums lagen. Blut, überall Blut. Jimmy übergab sich auf seine Schuhspitzen und glaubte, das Gleichgewicht zu verlieren. Ehe er auf der Erde aufschlagen konnte, wurde er aufgefangen und an einen ungewöhnlich weichen Körper gezogen. Im Reflex legte er die Hände an eine breite Brust und hing zitternd in den Armen des anderen.
„Es ist alles gut“, murmelte ihm jemand zu und stützte ihn. „Hoch mit Euch. Wir müssen von hier verschwinden.“
Diese Stimme kannte er, aber konnte sie im ersten Moment nicht zuordnen. Erst als er verwirrt und unter halb geschlossenen Lidern aufblickte, erkannte er das Gesicht seines Erzfeindes DeLuca. Er würde sich losreißen, wäre er dazu imstande, doch sein Körper gehorchte ihm nicht.
„Hartwick, Ihr müsst Euch zusammennehmen“, bat DeLuca eindringlich. „Ich kann Euch nicht tragen, wir müssen Proviant mitnehmen.“
Endlich erlangte Jimmy die Macht über sich zurück. Er schniefte leise und stand dann auf seinen eigenen Beinen, die sich wackelig anfühlten.
DeLuca zog sein Jackett aus und wollte es ihm um die Schultern legen, doch er wich zurück und warf dem Fettsack einen bösen Blick zu, um das Unmögliche möglich zu machen und irgendwie zu überspielen, dass er halbnackt, heulend und in eingenässten Hosen vor dem Mann stand, den er bis aufs Blut verabscheute. Ganz gewiss brauchte er nicht dessen Überbekleidung, die ihm fünfzig Mal zu groß war.
Sein Gegenüber blinzelte und räusperte sich unterdrückt. „Sicher ist hier irgendwo im Haus etwas zum Anziehen für Euch. Wir müssen nach allem Brauchbaren Ausschau halten.“ Somit beugte er sich zu den leblosen Männern hinab, nahm deren Waffen an sich und warf sie in die Umhängetasche, die er bei sich trug. „Kommt.“
DeLuca eilte aus dem Raum und Jimmy folgte ihm, ohne einen Blick über die Schulter zu werfen. Er hastete hinter dem Fettsack in ein Zimmer, das wie eine Küche aussah. Wahllos riss der Verbrecher einige Schränke auf und packte alles, was er in die wulstigen Finger bekam, in die Tasche.
Im nächsten Raum, dessen Fenster nicht abgedunkelt waren, sondern einen in die Nacht hinausblicken ließen, fand DeLuca etwas zum Ankleiden und reichte es ihm. „Beeilt Euch.“ Mit diesen Worten verschwand er in den Gang hinaus und lehnte die Tür hinter sich an.
So schnell es ihm möglich war, tauschte James die nasse gegen trockene Kleidung, um sich zu DeLuca zu gesellen, an dessen Seite das Haus zu verlassen und den dichten Wald zu betreten.
* * *
Schwer atmend lehnte Jimmy sich an einen Baumstamm und griff sich an die Peitschenwunde, an der das fremde Hemd wegen des Blutes nass und warm klebte. Sie tat höllisch weh.
Er wusste nicht, wie lange sie schon durchs Dickicht irrten, doch ihm fehlte langsam die Kraft, um weiterzugehen.
DeLuca blieb ebenfalls stehen und wandte sich zu ihm um. Sein Blick streifte den Blutfleck. „Soll ich mir das mal ansehen?“
„Lasst Eure dreckigen Finger von mir, Fettsack!“, keifte Jimmy zurück, um den Verbrecher von sich fernzuhalten. „Warum habt Ihr das getan? Warum habt Ihr mir das Leben gerettet?“
Im ersten Moment schien sein Erzfeind von dieser Frage irritiert und wusste nichts zu sagen, ehe er sich fasste und ihn böse ansah: „Was blieb mir denn anderes übrig? Kurz vor dieser unsäglichen Sache hatten wir einen öffentlichen Streit! Könnt Ihr Euch nicht daran erinnern, dass Ihr mir grundlos ins Gesicht geschlagen habt?!“
„Ihr habt Unterlagen aus meinem Büro gestohlen und meinen Schlag mehr als verdient! Aber was hat das hiermit zu tun?!“
„Ich habe nichts gestohlen! Und das hat viel hiermit zu tun. Nur wenige Tage, nachdem Ihr mich wieder einmal vor unzähligen Ballgästen brüskiertet, werdet Ihr entführt! Solltet Ihr nicht zurückkehren, würde alle Welt glauben, ich hätte etwas damit zu tun! Ich kann es mir nicht leisten, dass die Leute denken, ich hätte Euch ins Gras beißen lassen!“
„Weil Ihr schon so viele Verbrechen begangen habt, nicht wahr?! Ihr könnt es Euch nicht leisten, dass die Leute Euch des Mordes an mir bezichtigen, weil sie dann bemerken könnten, dass Ihr zwar nicht mich, dafür aber einen Haufen anderer Menschen auf dem Gewissen habt!“
„Einen Scheißdreck hab ich!“
„Ach, und was ist mit den beiden Leichen in diesem Haus da hinten? Habt Ihr diese Männer etwa nicht umgebracht?!“, forderte Jimmy zu wissen und deutete mit dem Finger in jene Richtung, aus der sie kamen.
Der Zorn schien mit einem Schlag von DeLuca abzufallen. Er schüttelte den Kopf und nahm den Blick von ihm, um sich über die Stirn zu wischen, ehe er ihm wieder in die Augen sah. „Ihr wollt mir also anlasten, dass ich Euch das Leben gerettet habe? Gut, dann tut das. Wir sehen uns vor Gericht, sollten wir Farefyr lebend erreichen. Ich werde nichts leugnen.“ Damit drehte er sich um und ging weiter.
Jimmy leckte sich nervös über die trockenen Lippen und strich sich in einer unbewussten Geste über den Nacken. Was er gesagt hatte, war nicht fair. Ihm war klar, dass diese Kerle ihn getötet hätten, hätte DeLuca sie nicht niedergeschossen. Er verdankte ihm sein Leben. Eine Tatsache, die er nur schwer akzeptieren konnte, da Salvatore DeLuca der Mann war, den er so dringlich ins Gefängnis bringen wollte. Der Bastard war sein ärgster Feind und er wollte ihn leiden sehen, ganz gleich was geschehen war! Es war ja nicht so, als hätte DeLuca ihn aus Selbstlosigkeit gerettet. Er hatte selbst gestanden, es aus Eigennutz getan zu haben.
Warum sollte er dem Mann also etwas schuldig sein?
Er straffte die Schultern und holte DeLuca ein, um nicht plötzlich allein in diesem stockdunklen Wald zu stehen. „Wohin gehen wir?“
„Korvacs hat uns mit einem Boot hierher gebracht. Wir müssen zur Küste.“
„Was tun wir dort? Stehlen wir das Boot?“
„Zu gefährlich. Wir werden uns orientieren. Dann fliehen wir landeinwärts ins nächste Dorf, wo ich per Kurier Hilfe anfordere.“
Jimmy fröstelte nicht bloß vor Kälte. „Und wenn diese Männer uns folgen?“
„Das werden sie. Darauf könnt Ihr Euch verlassen.“
Nun schluckte er trocken. „Was werden wir tun, wenn sie uns einholen?“
„Ich kümmere mich darum, damit Ihr ein paar weitere Anklagepunkte gegen mich vorbringen könnt.“
„Glaubt nicht, dass ich aufgebe, nur weil Ihr mich gerettet habt! Ich bringe Euch ins Gefängnis, Fettsack!“
„Wie Ihr meint, Arschloch“, gab DeLuca bissig zurück. „Tut, was Ihr nicht lassen könnt. Wenn Ihr Gefallen daran findet, Euch lächerlich zu machen.“
„Ich bin nicht lächerlich!“, brüllte Jimmy zornig und gab DeLuca einen Stoß gegen den Oberarm. „Ihr verdammter Hurensohn!“
„Seid froh, dass Ihr verletzt seid“, knurrte der Verbrecher kaum hörbar.
„Warum?“
„Weil ich sonst gezwungen wäre, Euch eine Lektion zu erteilen.“
In einem freudlosen Lachen stieß Jimmy Luft aus. „Dass ich nicht lache! Als wärt Ihr überhaupt dazu in der Lage, Euch zu wehren, fettes Schwein!“ Er gab ihm einen weiteren Schubs gegen die Schulter, war aus unbestimmtem Grund auf eine Prügelei aus, doch DeLuca starrte stur geradeaus und dachte nicht daran, ihn wie gewohnt niederzurangeln. Schweiß stand Jimmy auf der Stirn und die Wunde an seinem Bauch brannte wie verrückt. „Kommt schon!“ Es folgte ein weiterer Stoß, den der Fettsack ignorierte. „Seid Ihr nicht Manns genug, Euch mit mir zu schlagen?!“
„Ich bin Manns genug, um mich nicht an jemandem zu vergreifen, der mir unterlegen ist.“
„Ich bin Euch nicht unterlegen! Habt Ihr gehört?! Ich zeige Euch, wer wem unterliegt!“, schrie er hysterisch, drängte sich vor den Bastard und hob die Faust, um ihm ins Gesicht zu schlagen.
Ehe er traf, packte DeLuca ihn am Handgelenk. „Genug jetzt, James! Ich weiß, dass Ihr Euch an jemandem scheuern müsst, doch ich bin müde und habe im Augenblick keinen Nerv dafür!“
Irritiert wich Jimmy einen Schritt zurück, als DeLuca seinen Vornamen benutzte. „Ihr wisst gar nichts über mich! Gar nichts!“ Im selben Moment mit seinem Gezeter grollte ein Donner über ihren Köpfen.
Sein Gegenüber blickte zum Himmel hinauf, den sie vor lauter Baumkronen kaum sehen konnten. „Wir sollten eine Weile schlafen und uns vor dem Regen schützen. Korvacs ist ins nächste Dorf geritten und wird nicht allzu bald zurückkehren, um zu sehen, was sich ereignet hat.“
Schweigend beobachtete Jimmy seinen Erzfeind dabei, wie dieser sich seines Jacketts entledigte, um mit der Hilfe von ein paar Ästen daraus eine kleine Überdachung zu bauen. Er zog eine Decke aus seiner Tasche, um sie darunter zu legen. Dann wies er ihn wortlos an, unter dem schützenden Stoff Platz zu nehmen. Nach einem Zögern verkroch er sich in dem notdürftigen Versteck, um ein wenig Schutz zu finden. Die ersten Regentropfen fielen aus den Wolken und ein weiterer Donner war zu hören. Irgendwo schreckten Vögel auf, um wild durcheinanderzuflattern, ehe sie wieder ruhiger wurden. Jimmy zuckte zusammen, als DeLuca sich neben ihn legte – so dicht, dass sich ihre Körper beinah berührten. Er gab ihm einen Stoß gegen die Brust, um ihn auf Abstand zu halten. „Bleibt mir fern, Ihr widerlicher Bastard“, zischte er aufgebracht.
„Wenn Ihr nicht erfrieren wollt, werdet Ihr meine Widerwärtigkeit für ein paar Nächte ertragen müssen“, knurrte der Verbrecher.
„Lieber gefriere ich zu einem Eisklotz, als Eure Ekelhaftigkeit zu spüren.“
„Wie Ihr meint, Hartwick“, seufzte DeLuca resignierend.
Angestrengt lauschte Jimmy in den Wald hinein und hoffte, dass sich die wilden Tiere dort versteckten, anstatt einen Angriff zu wagen. In der Nähe hörte er den Ruf einer Eule und irgendwo in der Ferne heulten ein paar Wölfe, um sich miteinander zu verständigen. Tropfen klatschten gegen das Jackett über ihren Köpfen. Sollte der Regen stärker werden, würde der Stoff die Nässe durchlassen. Jimmy umschlang sich selbst mit den Armen und klapperte unwillkürlich mit den Zähnen, denn der Wind war eiskalt. Er zog die Beine ein wenig an, doch auch das half nicht.
Nach einer Weile wurden DeLucas Atemzüge ruhiger – er schien eingeschlafen zu sein. Den rechten Arm hatte er unter den Kopf gelegt, der linke ruhte an seiner Seite. Jimmy bemerkte die vielen schweren und sündteuren Ringe an seiner Hand und die Blutflecken an seinen weißen Manschetten. Von Neugier getrieben streckte er die Finger danach aus, schob den Stoff beiseite und erblickte die tiefen Wunden, die das dünne Seil, mit dem er gefesselt gewesen war, seiner Haut zugefügt hatte. Er berührte DeLuca nicht, fühlte aber dennoch die Wärme, die er aussandte, und beneidete ihn darum, während er vor Kälte zitterte. Diese kroch ihm unter die Kleidung und brachte ihm Gänsehaut ein, die beinah schmerzte. Das Aufeinanderschlagen seiner Zähne war nicht aufzuhalten oder zu kontrollieren. Die Furcht, in dieser Nacht tatsächlich zu erfrieren, schien ihm berechtigt. Vielleicht hätte er DeLuca nicht daran hindern sollen, ihn zu wärmen. Jetzt war es allerdings zu spät. Von sich aus würde er nicht in die Arme dieses Bastards kriechen – komme was wolle! Er hatte seinen Stolz, auch wenn man ihm diesen oft streitig machen oder absprechen wollte.
„Hartwick, hört sofort mit diesem enervierenden Geräusch auf oder kommt endlich her“, stieß DeLuca unvermittelt hervor.
Jimmy zuckte vor Schreck zusammen und konterte böse: „Ich hasse Euch, nur damit das klar ist.“ Kapitulierend und sehr zaghaft rückte er näher an den Mann, den er verabscheute.
DeLuca umfasste ihn mit dem Arm und zog ihn mit einem Ruck an sich. So nah, dass James die Luft anhielt, weil er nicht zu atmen wagte.
Für gewöhnlich kam er anderen Menschen nicht so nahe – die Rangeleien mit DeLuca waren der einzige Körperkontakt, den er überhaupt hatte…
„Ja, das ist mir schon klar. Wir können morgen damit weitermachen, uns zu beschimpfen, wenn es Euch solche Befriedigung bereitet.“
„Nichts, was mit Euch zu tun hat, bereitet mir Befriedigung.“
Darauf kam keine Antwort und es verging eine Weile, ehe Jimmy sich halbwegs entspannen konnte. Alles an DeLuca war weich und angenehm warm. Er fühlte die aufkommende Schläfrigkeit, und das Geräusch des Regens, der ihre Beine feucht werden ließ, tat sein Übriges dazu.
Immer wieder fielen ihm die Augen zu. Unbewusst schmiegte er sich in die Umarmung seines Erzfeindes. Er vernahm dessen Herzschlag nah an seinem Ohr – er ging ungewöhnlich schnell und übte eine beruhigende Wirkung auf ihn aus. Man sollte meinen, die Nähe des Mannes, den man auf der Welt am meisten hasste, brächte einem mehr Hass und mehr Wut ein, doch im Augenblick fühlte er sich lediglich gewärmt und – was noch viel schlimmer war – sicher… Wäre er nicht so schrecklich müde, müsste er darüber nachdenken.
Vorsichtig löste er sich von dem jungen Anwalt, der noch friedlich schlief. Wieder war da dieser sanfte Ausdruck auf seinem Gesicht, der nie vermuten lassen würde, wie gehässig Jimmy Hartwick war. Wie gut, dass Sal sich früh abgewöhnt hatte, sich von Worten verletzen zu lassen. Ihm machte das nichts aus. Er hörte öfter ‚fettes Schwein’ als seinen Vornamen. Das juckte ihn nicht und das durfte es auch nicht. Vor allem, wenn er in Hartwicks Nähe war, denn der Mann beschimpfte ihn mit Vorliebe. Sal konnte das ertragen, er war hart im Nehmen.
Nur sein Rücken war das nicht und tadelte ihn mit einem Stechen für die Nacht auf dem unbequemen Waldboden.
Mit einem Aufstöhnen vor Schmerz ließ er sich auf einem umgestürzten Baumstamm nieder, der ihm in der Dunkelheit verborgen geblieben war. Jetzt graute der Morgen und gab ihm die Möglichkeit, seine Umgebung zu mustern. Weit und breit sah er nur den Wald und hörte nur den Wald. Nun, zumindest die Geräusche, die eben in einem Wald üblich waren. Es war kein Meeresrauschen zu vernehmen. Ein Umstand, der ihm verriet, dass sie noch eine anstrengende Reise vor sich hatten. Er warf einen Blick in die Tasche und in Anbetracht des Mangels an Lebensmitteln klappte er die Lasche zu, ohne sich ein Stück Brot genommen zu haben. Es war klüger, sparsam damit umzugehen. Vermutlich war es besser, er würde Hartwick einen Großteil davon überlassen. Der Junge brauchte die Kraft mehr als er. Immerhin war er nur Haut und Knochen, wie Sal jedes Mal bemerkte, wenn Hartwick sich mit ihm prügeln wollte.
Sein leerer Magen stimmte nicht mit ihm überein und knurrte grantig. Sal ignorierte dieses unhöfliche Verhalten.
Ein leises Geräusch lenkte seine Aufmerksamkeit auf einen Vogel, der im Laub herumhüpfte und keine Angst vor ihm zu haben schien.
„Na, du? Hast du auch Hunger?“, fragte er murmelnd und schmunzelte, als ein schüchternes Tschiep zurückkam und das Tier zu ihm aufsah.
So griff er doch nach ihrem Proviant und brach ein Stückchen Brot vom halben Laib, um es für das braun gefiederte Tierchen zu zerkrümeln. Die Krumen wurden verspeist und der kleine Mann tschiepte ihn erneut an.
„Du bist ganz schön fordernd“, lachte Sal leise und gab nach, indem er ein paar weitere Krümel verstreute, die ebenso hastig gegessen wurden wie die erste Portion. Erst hiernach erkannte Sal, dass der rechte Flügel des Tieres verletzt war. Etwas Blut schien daran zu kleben.
Vorsichtig streckte er die Hand nach dem Vögelchen aus, um sie auf den Boden zu legen und mit ein paar Brotkrümeln zu bestreuen. „Kommst du ein bisschen näher, damit ich mir deinen Flügel ansehen kann?“
Seine Finger wurden skeptisch beäugt, doch schließlich hüpfte der Kleine in seine Richtung und ihm tatsächlich auf die Hand, die er ganz behutsam um das Tier schloss, damit es nicht auf den Boden stürzte und sich weitere Verletzungen zuzog. Der Vogel machte keinerlei Anstalten zu fliehen, sondern ließ sich geduldig betrachten. Es war, als würde er spüren, dass Sal ihm nicht wehtun, sondern ihm helfen wollte.
Als er sich ihm mit dem Gesicht näherte, um besser sehen zu können, überraschte ihn der Vogel, indem er näher hüpfte und das Köpfchen an Sals Wange rieb. „Du bist kein Wildvogel, hm? Hat dich jemand ausgesetzt?“, fragte er, als könne ihm das Tier eine Antwort geben. Es tschiepte leise und er kraulte es am winzigen Kopf. Wenn der Vogel jemandem gehörte, hieß das doch zugleich, dass in der Nähe jemand lebte. Geflogen konnte er mit dem verletzten Flügel nicht weit sein. Oder hatte er sich erst wehgetan, als er schon eine Weile von Zuhause fortgewesen war? Das war eine Möglichkeit und darüber hinaus wahrscheinlicher, als dass hier in den Wäldern jemand wohnte.
„Keine Sorge, das kommt wieder in Ordnung“, murmelte er sachte, da er erkannte, dass die Verletzung bereits verheilt und das Blut getrocknet war.
Mit einem flüchtigen Blick auf den Anwalt, bemerkte er, dass dieser wach war und ihn beobachtete. Mit einem Räuspern verscheuchte Sal das Lächeln von seinen Lippen. Die verschiedenfarbigen Augen des Anwalts brachten ihn wie gewohnt durcheinander, da sie ein faszinierender Anblick waren.
„Was macht Ihr da?“, fragte Hartwick verschlafen und irritiert. Seine Stimme war geplagt von Morgenheiserkeit. Nun hatte Sal das Gefühl, dass er etwas gehört hatte, was er nicht hätte hören sollen. Der Klang der Stimme eines Menschen, wenn sie rau von der Nacht war, sollte einem Liebhaber vorbehalten sein. Es war etwas Vertrautes, etwas Intimes.
„Freundschaften knüpfen“, gab er knapp zurück. „Wir sollten weiter.“
Hartwick nickte und wischte sich in einer tollpatschigen Geste über die Augen und das Gesicht. Sal senkte den Kopf, weil er lächeln musste.
„Glaubt Ihr, sind sie uns bereits auf den Fersen?“
„Nein, das glaube ich nicht.“ Dass er sich täuschen könnte, erwähnte er nicht. Er wollte den jungen Mann nicht zusätzlich beunruhigen, denn dieser war aufgebracht genug.
„Wer sind diese Kerle?“, wollte der Anwalt wissen, als er sich erhob und die Decke zusammenlegte.
„Sie nennen sich Black Rats. Ein Haufen von Idioten. Gewalttätigen Idioten. Gefährlichen Idioten. Aber es bleiben Dummköpfe.“
„Was wollen die von Euch? Was wollen sie von mir?“
„Ich…“ Es war seine Schuld, dass sie Hartwick mitgenommen hatten. Das sollte er lieber für sich behalten.
James fuhr sich in einer flüchtigen Geste durchs zerzauste Haar. „Ihr?“, forderte er ihn zum Weitersprechen auf und starrte ihn an.
„Was sie von mir wollen steht wohl außer Frage. Korvacs will sich meine Geschäfte unter den Nagel reißen. Was sie von Euch begehren, ist mir unklar.“ Eilig nahm er den Blick von seinem Gegenüber. Er setzte das Vögelchen, das einen Namen brauchte, kurz auf dem Stamm ab, um sein Jackett auszuwringen. Das konnte er nicht anziehen. Es musste erst trocknen. Vermutlich bekam nur Wüstendürre den Stoff wieder frei von Nässe. Eine solche konnte er jedoch momentan nicht bieten.
„Wir gehen also zum Meer, sagtet Ihr?“, fragte Hartwick, als Sal ihm eine Scheibe Brot reichte, die der Junge ohne Dank entgegennahm.
Sal nickte zur Antwort, hängte sich die Tasche um und ließ den Vogel in seine Hand hüpfen, um ihn zu tragen, was ihm zu gefallen schien. Er lächelte über das leise Tschiepen in Hartwicks Richtung. Er war süß. Der Vogel – nicht Hartwick! Der Anwalt war alles andere als süß… mit seiner unfreundlichen und bitterbösen Art war er viel mehr der Giftzwerg, den die Leute in ihm sahen, obgleich Sal ihn nie so nennen würde.
„Im Übrigen habe ich noch mal über alles nachgedacht“, begann der Junge kauend, als sie den Weg zum Meer antraten. „Ich erwarte von Euch, dass Ihr mich beschützt, DeLuca! Immerhin wäre das alles nicht passiert, wenn Ihr nicht so ein krimineller Bastard wärt!“
„Ach, ist das Eure Meinung?“, biss Sal zurück und erklomm eine Anhöhe. „Dann liegt es in meiner Verantwortung, dass Ihr mir hinterhergeschnüffelt habt? Wenn Ihr Eure kleine Nase nicht in meine Angelegenheiten stecken würdet, wärt Ihr niemals in Gefahr geraten! Oder wenn Ihr auf mich gehört hättet, als ich sagte, Ihr sollt gehen, damit Euch nichts passiert! Ihr hättet nur verschwinden müssen, anstatt mich mit einer ungeladenen Waffe zu bedrohen!“
„Dreht den Spieß jetzt bloß nicht um, Fettsack! Wenn Ihr keine illegalen Geschäfte abwickeln würdet, gäbe es für mich gar keinen Grund, Euch zu beschatten!“
„Mich beschatten?! Macht Euch nicht lächerlich! Ich habe Euch die ganze Zeit über gesehen! Ich hatte nur gehofft, Ihr wärt klug genug, Euch nicht einzumischen!“ Kaum hatte er zu Ende gesprochen, traf ihn eine Faust kräftig in den Oberarm. Sal knirschte verärgert mit den Zähnen, ignorierte diesen Angriff jedoch ansonsten geflissentlich.
„Ihr habt mich nicht gesehen!“, brüllte der Anwalt. „Und stellt mich nicht schon wieder wie einen Idioten hin, fettes Schwein!“
„Gut, dann habe ich Euch eben nicht gesehen“, seufzte Sal entnervt auf und verdrehte die Augen. Der Bursche konnte wirklich eine Pein sein, wenn er es darauf anlegte und er legte es eigentlich immer darauf an.
„Ha! Ich wusste es!“, schrie Hartwick triumphierend durch den Wald.
Gleich darauf keuchte er erschrocken auf und als Sal sich umdrehte, konnte er ein leises Lachen nicht unterdrücken, da der Anwalt über einen Stein gestolpert und hingefallen war. Sal trat einige Schritte zurück und streckte die Hand nach dem Anwalt aus. „Habt Ihr Euch wehgetan?“
Hartwick ignorierte die angebotene Hilfe und rappelte sich auf. „Als würde Euch das interessieren!“, schleuderte er ihm entgegen und stürmte an ihm vorbei, um in die falsche Richtung zu stapfen.
In diesem Moment schwang sich der Vogel in die Höhe und verschwand zwischen ein paar Baumwipfeln. Vermutlich wurde ihm das Gezanke auch schon zu blöd.
„Wir müssen nach links“, rief Sal nach einem weiteren Seufzen.
Der Junge gab einen missmutigen Laut von sich und schlug den richtigen Weg ein. Sal leckte sich über die trockenen Lippen und schmunzelte, ehe er Hartwick folgte, der sich zumeist wie ein Kleinkind benahm.
*
Wütend trampelte er auf den Waldboden ein und drückte seinen Unterarm gegen die Peitschenwunde, die wieder blutete, seit er gestürzt war.
Ihm war zum Heulen zumute, aber er biss sich auf die Zunge, um es zu verhindern. Er wollte nach Hause, wollte allein sein und sich unter seiner schäbigen Decke verkriechen. Das hier war doch alles ein schrecklicher Albtraum!
Ein trockenes Schluchzen entrang sich seiner Kehle und er stolperte erneut über seine eigenen Füße, weil ihm schwindlig war und er schwarze Flecken vor den Augen sah. Bevor er hinfallen konnte, hatte DeLuca ihn am Arm gepackt und auf die Beine gezogen, um ihn gegen einen Baumstamm zu lehnen. „Ihr habt nichts getrunken. Hier“, murmelte der Verbrecher und reichte ihm eine Flasche mit Wasser, aus der Jimmy einen Schluck nahm. DeLuca drückte ihm eine weitere Scheibe Brot in die Hand. „Ihr blutet. Darf ich mir das ansehen?“
Widerwillig nickte Jimmy, da er das Gefühl hatte, Hilfe zu benötigen, auch wenn er sie nicht annehmen wollte. Er biss in sein Frühstück und sein Magen beruhigte sich. Misstrauisch musterte er DeLuca, während dieser sich an seinem Hemd zu schaffen machte, um den Stoff in die Höhe zu schieben und einen Blick auf die Wunde zu werfen. Warme Finger streiften seine nackte Haut am Bauch und Jimmy hielt mit vollem Mund inne. Ihm war plötzlich schrecklich heiß, obgleich sein Zorn sich in Grenzen hielt und viel mehr als Verzweiflung zu bezeichnen war.
DeLuca tropfte etwas Flüssigkeit auf ein Stück Stoff. „Das wird brennen, hilft aber gegen etwaige Entzündungen.“ Behutsam tupfte er ihm die lange Wunde damit ab.
Es brannte tatsächlich, doch Jimmy kaute auf seinem Brot herum, um etwas zwischen den Zähnen zu haben. Auf diese Weise war der Schmerz gleich erträglicher.
Vorsichtig wickelte DeLuca ihm einen schmalen Verband um die Taille und Jimmy gewahrte, dass seine Atemzüge sich beschleunigten, jedes Mal, wenn er DeLucas Haut an der seinen spürte. Was war das bloß? Hasste er den Mann so sehr, dass gar sein Körper auf dessen Berührungen reagierte?
Er geriet noch mehr aus dem Gleichgewicht, als er DeLuca eingehender betrachtete und bemerkte, dass sein für gewöhnlich glattes und streng zurückgekämmtes Haar sich in sanfte Wellen gelegt hatte. Es schimmerte wie schwarzer Satin und verdeckte den kleinen, dunklen Leberfleck, der DeLucas rechte Schläfe zierte, aber Jimmy wusste, dass er dort war.
Sein Blick wanderte aus unbestimmtem Grund zu dem vollen Mund seines Erzfeindes hinab. Auch dort befand sich, wie ihm bereits tausende Male zuvor aufgefallen war, ein winziges Muttermal, genau über der linken Rundung des Lippenbogens. Seine Zungenspitze schnellte hervor.
„So, das sollte für eine Weile halten. Die Wunde ist nicht tief und müsste bald verheilt sein.“ DeLuca räusperte sich und wich zurück. Die plötzliche Distanz zwischen ihnen verursachte Jimmy Gänsehaut und brachte ihm ein Frösteln ein. Was war los mit ihm? Erst war ihm heiß, dann war ihm kalt… Er senkte den Blick und nahm einen weiteren Bissen Brot, um keinen Dank vorbringen zu müssen.
„Seit wann habt Ihr Locken?“, murmelte er stattdessen unwillkürlich und mit vollem Mund. Seit sein Vater ihn nicht mehr mit dem Rohrstock an seine Manieren erinnerte, ließ er sie mit Vorliebe außen vor.
„Hm?“ DeLuca blinzelte ihn verständnislos an.
„Euer Haar“, gab Jimmy rau zurück und deutete schwach in Richtung seines eigenen Kopfes.
Sein Erzfeind fuhr sich mit den Fingern durch die seidig wirkende Masse und knurrte missmutig. „So sehen sie aus, wenn ich nicht mit heißem Eisen nachhelfe. Das wird in den nächsten Tagen noch schlimmer.“
Jimmy wollte etwas Böses sagen, um zu überspielen, dass er ohne ersichtlichen Grund nervös war. „Ihr seid so eingebildet, Euch die Haare zu machen, aber nicht eingebildet genug, um nicht so viel zu fressen?“
Sein Blick wurde flüchtig erwidert, ehe DeLuca sich von ihm abwandte, um weiterzugehen. „Offensichtlich bin ich das“, kam ungerührt zurück.
Sobald der Fettsack ihm den Rücken kehrte, drängte es ihn schon wieder dazu, irgendetwas zu tun, um dessen Aufmerksamkeit zu erregen. „Wieso seid Ihr Euch so sicher, dass wir in die richtige Richtung gehen? Vielleicht irrt Ihr Euch und wir verlaufen uns im Wald!“
„Werden wir nicht.“
„Was, wenn doch?“
„Ich habe alles im Griff, Hartwick. Wir werden uns nicht verlaufen.“
„Wenn Ihr alles im Griff hättet, dann hätte man uns gar nicht erst gefangen genommen!“, brüllte Jimmy, während er hinter dem Dicken herlief.
„Wärt Ihr mir nicht gefolgt, dann hätte man Euch nicht entführt! So einfach ist das!“, donnerte DeLuca. „Und jetzt haltet für eine Stunde den Mund!“
„Ich lasse mir von Euch nicht das Sprechen verbieten! Habt Ihr gehört?!“
Der kriminelle Bastard winkte aufstöhnend ab und ignorierte sein Gezeter.
Wenn Jimmy eines nicht ertragen konnte, dann war es definitiv, ignoriert zu werden. Das hasste er mehr als alles andere. Die meisten Leute ignorierten ihn. Lediglich DeLuca ließ sich stets auf einen Streit mit folgender Prügelei mit ihm ein. Während andere Menschen keine Notiz von ihm nahmen, war DeLuca der einzige Mann, der ihm Beachtung in irgendeiner Form schenkte. Tat er es nicht, brachte es Jimmy gegen seinen Willen zur Verzweiflung und halb um den Verstand.
„Ich rede, wann es mir passt!“, schrie er durch den Wald, doch erneut kam keine Antwort. „Ihr sollt mich nicht ignorieren!“ Er schnitt DeLuca den Weg ab und stieß ihm mit den Händen gegen die breite Brust, um ihn dazu zu zwingen, ihn zu bemerken. „Ihr könnt mich nicht ignorieren!“
Ein dunkler Blick traf auf den seinen. „Ich ignoriere Euch nicht, James! Ich gehe bloß nicht auf jeden Unsinn ein, den Ihr sagt! Oder besteht Ihr darauf, dass ich auf jeden einzelnen Satz, den Ihr vorbringt, reagiere?“
„Ja, darauf bestehe ich, verdammt noch mal!“, konterte er brüllend und knirschte mit den Zähnen. Seine Lippen bebten und er konnte sie nicht dazu bringen, damit aufzuhören. Ihm war flau im Bauch und übel. Sein Herz schlug schneller, als es sollte und für gewöhnlich tat.
DeLuca strich sich mit der Rechten durchs Haar und seufzte entnervt auf.
„Ich würde Euch ja sagen, für wie anstrengend ich Euch empfinde, aber ich vermute, Ihr wisst das schon selbst.“
Für eine Sekunde senkte Jimmy den Blick, ehe er mit den Schultern zuckte und patzig erwiderte: „Damit werdet Ihr eine Weile zurechtkommen müssen, wie es aussieht.“
Sein Gegenüber nickte und ein Schmunzeln umspielte unvermittelt dessen Mund. „Ich werde mir alle Mühe geben. Können wir jetzt ein paar Meter gehen, ohne dass Ihr Euch vor mich werft und uns aufhaltet?“
„Wenn Ihr mich nicht weiter ignoriert, können wir das.“ Er machte auf dem Absatz kehrt und ließ DeLuca den Vortritt, um ihm zu folgen.
„Ich werde mich hüten“, erwiderte der Verbrecher und schien amüsiert.
„Macht Ihr Euch über mich lustig?“
„Auf diesen Gedanken würde ich nie kommen.“ Das klang spöttisch. „Ich finde es lediglich erheiternd, dass Ihr immer noch behauptet, es würde Euch nicht tiefste Befriedigung verschaffen, mit mir zu zanken.“
„Tut es nicht“, widersprach er, ohne zu wissen, ob das stimmte.
„Wie Ihr meint, James“, kam von DeLuca zurück und Jimmy glaubte zu hören, dass er grinste. „Ihr müsst es nicht vor mir zugeben, aber ich hoffe, es ist Euch zumindest selbst klar.“
Er sollte wütend sein, doch die Aufmerksamkeit, die DeLuca ihm schenkte, wiegte schwerer als diese Beleidigungen. Seine Bauchschmerzen waren fort und sein Herzschlag normalisierte sich. „Ihr redet dummes Zeug. Mir ist gar nichts klar“, meinte er gespielt gleichmütig.
DeLuca lachte leise und warf ihm einen Blick über die Schulter zu. „Ja, diese Befürchtung hege ich auch manchmal.“
Dass sie sich mit den übelsten Schimpfwörtern bewarfen, war ihm wohlbekannt, aber diese Art von Angriff war ihm in diesem Krieg gänzlich neu. „Warum hackt Ihr auf mir herum?“
„Ich hacke nicht auf Euch herum. Ich necke Euch. Das ist ein gewaltiger Unterschied, den Ihr lernen solltet, zu erkennen.“
„Ihr verspottet mich also?“ Unbewusst legte er die Stirn in Falten.
„Ich scherze mit Euch, Hartwick. Für jemanden, der seinen Abschluss an der Universität mit solch hervorragenden Noten bestanden hat, seid Ihr gerade etwas schwer von Begriff.“
Misstrauisch musterte er den breiten Rücken des Mannes, der vor ihm ging.
„Woher wisst Ihr von meinen Noten?“
„Man muss seine Feinde kennen, um ihnen stets einen Schritt voraus zu sein.“
„Ach, seid Ihr das?“ Er verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich bin es zumindest im wörtlichen Sinne“, grinste DeLuca und bedachte ihn erneut mit einem kurzen Blick über die rechte Schulter.
Jimmy schmunzelte verstohlen und verbarg dies, indem er den Kopf senkte und sich von DeLuca abwandte. „Bildet Euch nicht zu viel darauf ein.“
„Das tue ich nicht. Ich bin immer wachsam.“
„Nicht wachsam genug, wie wir an unserer derzeitigen Situation sehen.“
„Vielleicht gestattet Ihr mir die Verteidigung, dass mich Eure Einmischung ein klein wenig abgelenkt hat. Euer Auftritt war ja sehr… mutig.“
Ihr haltet mich für mutig?
Was für ein Glück, dass James sich daran hindern konnte, diese Worte auszusprechen. Natürlich hielt DeLuca ihn nicht für mutig. Der Mann hielt ihn für einen Idioten, einen Nichtsnutz und einen Jammerlappen.
Und Jimmy war es natürlich völlig gleichgültig, was DeLuca über ihn dachte. Immerhin war der Kerl bloß ein Verbrecher. Warum sollte ihn dessen Meinung interessieren? Das tat sie nicht im Geringsten.
„Wer war der vornehme Mann, mit dem Ihr Euch am Marktplatz getroffen habt?“, wollte er wissen, hegte jedoch wenig Hoffnung auf eine Antwort.
„Seinen Namen zu kennen, würde Euch in große Schwierigkeiten bringen.“
„Noch größere, als jene, in denen ich mich augenblicklich befinde?“, fragte Jimmy ungläubig und in ironischem Tonfall nach.
DeLuca blieb abrupt stehen und wandte sich zu ihm um. Er sah ihm tief in die Augen und machte eine ernste Miene. „Ich kann Euch versichern, dass Euch unsere aktuelle Lage wie ein Frühlingsball vorkommen würde. Ihr versprecht mir hier und jetzt, dass Ihr Euch von ihm fernhaltet.“
Vor Verwunderung klappte Jimmy die Kinnlade hinunter. „Ich verspreche Euch gar nichts! Wie käme ich dazu, Euch gegenüber irgendeinen Schwur zu leisten?!“
Er wollte kopfschüttelnd weitergehen, doch DeLuca packte ihn am Arm und drückte kräftig zu. Sein Blick, der für gewöhnlich die Farbe von sehr dunklem Honig hatte, war in diesem Moment beinah schwarz. „Das ist mein voller Ernst! Versprecht es mir!“
Jimmy wollte sich losmachen, doch man ließ ihn nicht gehen. „Warum sollte ich? Was interessiert Euch das überhaupt?“
„Vielleicht denkt Ihr, Ihr könnt Euch mit jedem Verbrecher auf jene Weise anlegen, wie Ihr es bei mir tut. Doch glaubt mir, dass sich niemand sonst Euer Verhalten gefallen lassen würde, Hartwick. Ein falscher Blick in die Richtung dieses Mannes könnte Euch zum Verhängnis werden, also schwört mir, dass Ihr Euch von ihm fernhaltet!“
Bei diesen Worten drehte sich Jimmy der Magen um. Seltsamerweise war das ein sehr angenehmes Gefühl, dessen Ursprung und Ursache er nicht ausmachen konnte. Es war einfach da. Und ebenso schnell war es wieder fort. „Ich habe ohnehin kein Interesse daran, einem weiteren Kriminellen das Handwerk zu legen. Ich habe genug mit Euch zu tun“, gab er zischend zurück und riss sich los. Diesmal gab sein Gegenüber ihn frei.
„Gut“, murmelte DeLuca und nickte knapp, ehe er sich umdrehte und wieder die Führung übernahm.
Jimmys Neugier war geweckt, doch was er gesagt hatte, war die Wahrheit. DeLuca war der Bastard, den er hinter Gitter bringen wollte. Darauf wollte er sich konzentrieren und auf nichts anderes.
Vielleicht war es ja auch so, dass DeLuca dachte, mit diesem Theater könne er sein Interesse auf den geheimnisvollen Kerl lenken und ihn loswerden. Gewiss war es so, denn aus welchem Grund sollte der Mann sich um ihn sorgen? Jimmy schluckte hart. Jetzt hatte er den Kriminellen durchschaut. Er glaubte, er könne sich seiner mithilfe dieses Tricks entledigen. Da irrte er sich aber gewaltig, der Fettsack!
„Im Übrigen habt Ihr soeben gestanden, ein Verbrecher zu sein.“
„Dass ich das bin, wissen wir beide gut genug. Wozu soll ich es leugnen?“
„Dann habt Ihr also die Unterlagen aus meinem Büro gestohlen?“
„Wie oft soll ich noch beteuern, dass ich nichts dergleichen getan habe?“
„Ich glaube Euch nicht“, konterte Jimmy frustriert.
DeLuca stöhnte genervt auf. „Dann glaubt Ihr mir eben nicht.“
„Ihr habt jemanden beauftragt, der diese Unterlagen entwendet, weil Ihr Angst hattet, ich könne Euch anhand dieser Dokumente überführen!“
„Ja, Hartwick. Ich sitze den ganzen Tag in meinem Arbeitszimmer und fürchte mich davor, Ihr könntet mich überführen“, gab DeLuca trocken zurück, ehe er lauter wurde: „Was für ein Schwachsinn! Mein Leben dreht sich nicht um Euch!“
„Meines dreht sich auch nicht um Euch!“, brüllte Jimmy, obwohl es das tat.
„Ach nein? Ihr kommt zu jeder Veranstaltung, auf welcher ich zugegen bin, um mich entweder scharf zu beobachten oder eine Prügelei mit mir anzufangen! Ihr schnüffelt mir hinterher, wenn ich zu meinem Schneider gehe! Ja, da habe ich Euch auch bemerkt, denn Eure Taktik, hinter der Tageszeitung versteckt durchs Schaufenster zu sehen, war nicht besonders glorreich! Ihr schleicht oft genug um mein Anwesen herum, was ebenfalls niemandem verborgen bleibt, da ich einige Leibwächter um mich habe, wie Ihr wissen solltet! Vielleicht sollte ich ja in Zukunft auch einen für Euch engagieren, wenn Ihr mir dauernd hinterherlauft und Euch dabei in Gefahr bringt!“
Schien, als wäre seine Beschattungstechnik noch nicht gänzlich ausgereift.
Jimmy wusste nichts zu sagen. Es war ihm peinlich, diese Dinge über sich zu hören. Wüsste er nicht, dass DeLuca von ihm sprach, würde er sich fragen, von welchem belämmerten Verrückten die Rede war. Er kratzte sich im Nacken. Seine Wangen brannten heiß und er befürchtete, rot geworden zu sein.
DeLuca war noch nicht fertig, sondern wirkte, als hätte er gerade erst angefangen. „Ich meine, welcher Mensch kommt auf die Idee, sich mit einer ungeladenen Waffe in das Geschäft zweier Bandenführer einzumischen?! Ihr müsst nicht mehr ganz bei Sinnen sein! Ist Euch eigentlich klar, dass die Euch umgebracht hätten, hätte ich nicht behauptet, Ihr wärt mein Anwalt?! Man hätte Euch erschossen, ist Euch das bewusst?!“
Plötzlich machte es Sinn, dass man ihn mitgenommen hatte. Diese Leute hatten geglaubt, er wäre jemand von Bedeutung – was für ein lächerlicher Gedanke. Das hieß, DeLuca hatte ihm bereits zweiMal das Leben gerettet. Er begriff nicht, warum. „Weshalb habt Ihr es nicht zugelassen? Ihr hättet mich so einfach loswerden können.“
Niemand hätte ihn vermisst, wenn überhaupt jemandem aufgefallen wäre, dass er fort war…
„Ich mag zwar ein Verbrecher sein, aber ich bin nicht der kaltblütige Mörder, für den Ihr mich augenscheinlich haltet.“
„Ihr hättet nicht einmal selbst den Abzug drücken müssen. Das ist also keine ordentliche Ausrede.“
DeLuca drehte sich so ruckartig zu ihm um, dass Jimmy zurückzuckte. Die Worte, die er ihm entgegenbrüllte, waren gewiss bis nach Farefyr zu hören: „Ihr macht Euch lächerlich mit diesem Gerede! Wie könnte ich jemals zulassen, dass man Euch etwas antut, verdammt noch mal?!“
Für einige Momente sahen sie sich bloß an, dann fuhr DeLuca sich mit der Rechten durchs Haar und wandte sich von ihm ab, um sich übers Gesicht zu wischen. „Ich meine… Nun…“ Er räusperte sich unterdrückt. „… weil Ihr doch unschuldig seid.“ Damit eilte er weiter und Jimmy musste sich Mühe geben, um mit ihm Schritt zu halten.
Erneut wusste er nichts zu sagen und versank stattdessen in Gedanken.
Was sollte das bedeuten, DeLuca könne nicht zulassen, dass ihm etwas geschah? Warum nicht? Wäre das nicht die perfekte Lösung für ihn, um ihn vom Hals zu haben? Immerhin hatte der Mann kurz zuvor gesagt, dass er ihn für eine schreckliche Nervensäge hielt. Eine Anschuldigung, die schwerlich von der Hand zu weisen war, wenn er es sich eingestehen wollte.
Er war völlig verwirrt und kam nicht auf eine Antwort, so sehr er sich auch im Kreis drehte. DeLuca hasste ihn. Aufrichtige Sorge konnte es nicht sein. Was aber war es dann? Jimmy wusste es nicht. Nicht einmal eine Ahnung hatte er…
Stunden waren vergangen, in denen sie sich angeschwiegen hatten. Zu Sals Erleichterung hatte der junge Anwalt nicht nachgefragt, was er meinte. Er hätte es ihm nur ungern erklärt.
Nein, er hätte es ihm gar nicht erklärt, sondern irgendeine Ausrede erfunden. Gut nur, dass es ihm erspart geblieben war. Er zweifelte nämlich stark daran, dass ihm etwas Plausibles eingefallen wäre.
Von Weitem hörte er endlich das Meer rauschen und war gleichermaßen zufrieden wie erleichtert, dass sie sich nicht verlaufen hatten. Stattdessen hatten sie ihr Ziel beinah erreicht und es war noch nicht einmal dunkel.
Er beschleunigte seine Schritte den nächsten Hügel hinauf und einige Sekunden später sah er, dass die See zu ihren Füßen lag und ihre Wellen langsam an Land rollen ließ. Zu seinem Schrecken erblickte er noch etwas anderes, das ihm nicht behagte. Ratten. Korvacs’ Ratten.
Hartwick achtete wieder mal nicht darauf, wohin er ging, und stolperte von hinten gegen ihn. Ein leises Keuchen war zu vernehmen. Sal griff nach dem Arm des Jungen, um ihn in die Höhe zu ziehen, und flüsterte ihm ein ‚Sh’ zu. Er drängte den Anwalt hinter sich und ließ ihn los, als er auf seinen eigenen Beinen stand. Eilig und so lautlos wie möglich zog Sal eine Pistole aus der Umhängetasche, trat jedoch zugleich den Rückzug an.
Dort vorne befanden sich drei bewaffnete Männer, die auf der Suche nach entflohenen Gefangenen waren, und sie würden nicht zögern, die Waffen zu benutzen. Vor allem nicht in Jimmy Hartwicks Fall. Es galt also, um jeden Preis zu verhindern, dass die Ratten auf sie aufmerksam wurden.
„Was jetzt?“, wisperte der Junge mit zittriger Stimme. Seine Angst war nicht zu übersehen. Er war unnatürlich blass im Gesicht.
„Nehmt die hier“, murmelte er und drückte seinem Gegenüber eine Pistole in die bebende Hand, ehe er ihm die Tasche über die Schulter hängte.
Hartwick starrte die Waffe mit einer Mischung aus Feindseligkeit und Furcht im verschiedenfarbigen Blick an. „Ich kann nicht.“
„Ihr werdet es können, wenn Ihr es müsst“, beruhigte Sal ihn im Flüsterton. Zur Sicherheit lud und entsicherte er sie dem unerfahrenen Anwalt. „Nun braucht Ihr nur den Abzug zu drücken. Keine große Sache. Ihr geht jetzt in diese Richtung in den Wald hinein, dann nach links und geradeaus, bis Ihr irgendwo ankommt.“
„Was ist mit Euch? Was habt Ihr vor?“
„Ich muss mich darum kümmern“, gab Sal schlicht zurück.
„Können wir uns nicht verstecken? Ihnen davonlaufen?“
„Sie werden unsere Spuren entdecken und uns folgen.“
„Dann warte ich hier oder ich… oder ich helfe Euch“, schlug der Junge vor und brachte Sal dazu, heftig den Kopf zu schütteln.
„Ihr werdet laufen, James. Damit ist die Diskussion beendet.“
„Wie wollt Ihr denn alleine mit drei Männern fertig werden?“
„Ich schaff das schon.“ Die drei Kerle waren nicht das Problem. Das Problem waren die vielen anderen, die vielleicht bereits auf dem Weg hierher waren. Er hätte die betäubte rechte Hand des Rattenführers nicht am Leben lassen sollen, dann würde ihnen diese Jagd erspart bleiben, von der Korvacs vermutlich noch nicht einmal etwas wusste. Doch der Mann war trotz allem Olivers Bruder. Familie schaffte man nicht aus dem Weg.
„Aber wie wollen wir uns wiederfinden, wenn wir uns jetzt trennen?“
Sal leckte sich nervös über die Lippen, weil er keine Antwort wusste. Die Frage war, ob er überhaupt vermeiden konnte, sich erneut gefangen nehmen zu lassen, um die Aufmerksamkeit der Ratten von Hartwick abzulenken. „Das werden wir schon. Jetzt geht!“
Der zierliche Bursche sah ihn ungläubig und unsicher an, doch nahm schließlich Reißaus. Als er ihn zwischen den Bäumen verschwinden sah, atmete er auf . Zumindest für den Moment war der Junge außer Gefahr.
Dann erklomm er den Hügel und sah zu den Ratten hinab, die den Sand nach Fußspuren absuchten und lauthals diskutierten.
In seiner Jacketttasche befand sich genug Munition, und ein paar Fläschchen Betäubungsmittel. Vielleicht konnte er vermeiden, die Kugeln gebrauchen zu müssen. Er erblickte das Boot, das unweit des Strandes auf den Wellen schaukelte. Wenn er die Männer betäuben und sie in das Boot bringen könnte, wären ihre Spuren für eine Weile verwischt.
Ja, das klang nach einem guten Plan. Besonders gut gefiel ihm daran, dass Hartwick in Sicherheit und er selbst nicht wieder in Gefangenschaft war.
Langsam trat er aus dem Gebüsch hervor und machte sich auf den Weg zum Strand, zu den Ratten. Die nutzlosen Bastarde bemerkten ihn nicht einmal. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, den Boden abzusuchen, sodass sie nicht erkannten, dass das Gesuchte direkt vor ihnen stand. Über so viel Einfältigkeit konnte er nur den Kopf schütteln. Es sollte nicht allzu schwer werden, seinen Plan in die Tat umzusetzen.
Endlich sahen sie auf und grinsten dümmlich, als hätten sie über ihn triumphiert, obgleich er sich eigenmächtig in ihre Fänge begab.
„Na, Fettsack! Du gibst die Flucht also auf?“
„Ja, ihr habt es erraten. Nehmt mich gefangen.“ Er hob die Hände, die Waffe in seinem Hosenbund versteckt.
„Wo hast du deinen Anwalt gelassen?“
„Dem ist leider ein Unglück passiert“, gab Sal mit ruhiger Stimme zurück.
Die Männer kamen näher, ohne ihre Revolver zu ziehen. Wie praktisch und wie dumm. Als der Erste nah genug war, holte Sal aus und schlug ihm so hart ins Gesicht, dass er zu Boden ging.
Die anderen rissen ihre Pistolen aus den Holstern und zielten auf ihn. Er war schneller und schoss einem von ihnen ins Bein. Der Mann ließ die Waffe fallen und stürzte in den Sand.
Im nächsten Moment streifte Sal eine Kugel. Er fühlte den stechenden Schmerz und versuchte ihn zu ignorieren. Erneut drückte er den Abzug und traf seinen Feind in den Arm.
Wimmernd und winselnd wollten die Männer fliehen, doch Sal träufelte ihnen ein paar Tropfen auf die Zungen.
Als es ruhig wurde, warf er einen Blick auf die Schusswunde an seiner linken Seite. Sein weißes Hemd färbte sich rot. Ein Knurren entrang sich seiner Kehle und er machte sich an die Arbeit.
*
Ein Schuss hallte durch die Luft. James hielt abrupt inne. Schwer atmend blickte er zurück. Der Gedanke, sie könnten DeLuca erschossen haben, traf ihn auf unangenehmste Weise.
Seine Finger schlossen sich fester um die Waffe und er rannte zurück in jene Richtung, aus der er gekommen war. Er lief schneller, als er je gelaufen war – in jener Geschwindigkeit, in der auch sein Herz zum ersten Mal schlug. Schreckliche Bilder drängten sich ihm auf und in diesem Moment würde er dem Teufel seine Seele versprechen, wenn bloß DeLuca nichts geschehen war…
Völlig außer Atem stürmte er den Hang hinunter, erreichte den Strand und... erkannte DeLuca, der langsam auf ihn zukam. Seine Erleichterung war so übergroß, dass er nicht in Worte fassen konnte, wie er fühlte.
Ihre Blicke trafen sich und seinem Gegenüber war die Verwirrung deutlich anzusehen. „Was zum Teufel tut Ihr hier?“
Jimmy schnappte nach Luft und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. „Ich habe Schüsse gehört“, brachte er mühevoll hervor.
„Das war zu erwarten, oder etwa nicht?“, konterte der Don feindselig.
