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Ausgerechnet an ihrem ersten gemeinsamen Weihnachtsfest gerät Aleks heftig mit seinem Freund aneinander. Während Vali unbedingt der Familie vorgestellt werden will, ist Aleks jedes Mittel recht, um genau das zu verhindern. Allerdings hat er weder mit Valis Hartnäckigkeit noch mit der Gewieftheit seiner eigenen Cousine gerechnet. Mit vereinten Kräften sorgen die beiden für ein Verwirrspiel unter dem festlich geschmückten Tannenbaum, das nicht ohne Folgen bleibt.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Tannenbäumchen, wechsle dich!
Tharah Meester
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Danksagung
Tannenbäumchen, wechsle dich!
Über die Autorin
Impressum
Liebe Leserin, lieber Leser!
Diejenigen, die mich bereits kennen, erwarten an dieser Stelle bestimmt den fast schon obligatorischen Musiktipp. Ich will dich natürlich nicht enttäuschen, also such dir bitte This woman’s work heraus. Öffne aber nicht das wundervolle Original, sondern die Coverversion von Liam Tamne, und drück auf Play, sobald der Song in der Geschichte erwähnt wird.
Ich wünsche dir ein wunderschönes Weihnachtsfest, glückliche Feiertage und ganz viel Freude mit meinen Jungs.
Deine Tharah
Ich bedanke mich von ganzem Herzen bei Sabrina und Susanne für das Vorablesen. Euer Lob war Balsam für meine Seele.
Ein besonderer Dank geht an Jessica, die es immer wieder schafft, das Beste aus meinen Texten herauszuholen, und die mir mit ihren Anregungen die Augen öffnet, wenn ich mal wieder blind war. Du bist einmalig!
Wie so viele andere Weihnachtsgeschichten beginnt auch meine mit ›Last Christmas‹. Als ich unsere Wohnung betrat, besang George Michael – Gott hab ihn selig – jemanden, der ihn an Weihnachten hat sitzen lassen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass mir genau dasselbe bevorstand. Ich hätte meine Pläne sehr sorgfältig überdacht, hätte ich auch nur die leiseste Ahnung gehabt.
Vali steckt den Kopf zur Wohnzimmertür raus und grinst mich an. Mit jenem charmanten Lächeln, das mir schon vor über einem Jahr den Kopf verdreht hat und mich auch diesmal aus den Stricksocken haut. Ich vermeide an dieser Stelle, allzu ausschweifend davon zu erzählen, wie unbeschreiblich attraktiv Vali ist, weil ich mich sonst in derartigen Nebensächlichkeiten versteige. Ja, es passiert mir des Öfteren, dass ich ins Schwärmen gerate, wenn ich von meinem Freund erzähle. Sein strohblondes Haar und die Art, wie es in Locken sein schmales Gesicht mit den braunen Augen umrahmt, sind schon ziemlich was fürs Auge. Sein Lächeln ist strahlender als jedes falsche Grinsen in einer Zahnpastawerbung. Dass ich für ihn Socken mit Rentiergesichtern anziehe, sagt wohl genug über die Wirksamkeit dieses Lächelns.
Aber lassen wir das. Valentin ist verdammt hübsch und verdammt vergeben, mehr braucht ihr nicht zu wissen!
»Da bist du ja endlich«, begrüßt er mich und fällt mir um den Hals. Seine Lippen streifen meine Wange und ich mache die Augen zu, weil es sich einfach zu gut anfühlt. »Hat Lumpi sich mit dem Häufchen Zeit gelassen?«
Ich war mit dem Hund unseres betagten Nachbarn unterwegs. Eigentlich gehen wir sonst gemeinsam mit dem pummeligen Dackel Gassi, aber heute wollte sich Vali stattdessen darum kümmern, alles für unseren ersten gemeinsamen Heiligabend vorzubereiten.
»Das Abendessen ist gleich so weit und dein Geschenk wartet unterm Baum«, kündigt er mit unüberhörbarer Vorfreude an.
Als er sich von mir lösen will, lege ich meine Arme fest um ihn und ziehe ihn an mich. Wären meine Hände nicht so kalt, würde ich sie ihm unter den Rentierpullover schieben, der unglaublich geschmacklos ist, ihm aber in eben solchem Maß Freude macht. Ehrlich gesagt sieht er verdammt süß darin aus. Ich zerwuschle mit der Nase seine Locken und atme den Duft seines Parfums ein, von dem stets ein Spritzer in seinen Haaren landet. »Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?«, flüstere ich ihm ins Ohr.
»Das wird sich gleich in Geschenkform zeigen, hoffe ich«, grinst er an meine Wange gepresst. »Du redest seit Wochen davon und tust so heimlich, dass ich vor Neugier fast platze.« Da liegt etwas kaum hörbar Spöttisches in seinem Tonfall, das in mir die Vermutung aufkommen lässt, dass er herumgeschnüffelt und längst entdeckt hat, was ich geheimhalten wollte.
Ich beschließe, ihm zu verzeihen, weil ich ihm sowieso nie böse sein kann, und mache einen Vorschlag, der mir sicher ein paar Pluspunkte einbringt: »Wenn das so ist, können wir die Bescherung ja vorziehen. Das heißt, solange unser Essen in der Zwischenzeit nicht zu Tode köchelt.«
Vali rückt ein Stück von mir ab und macht große Augen. »Dem Essen wird nichts passieren, keine Sorge.« Er schleift mich ins Wohnzimmer, wo ich vor dem Baum platziert werde. Im Schneidersitz unter der Tanne warte ich darauf, dass Vali zwei Tassen Kakao aus der Küche holt und sich zu mir gesellt.
George Michael und sein ›Last Christmas‹ werden von Elvis Presley und ›Blue Christmas‹ abgelöst. Wie ich meinen Freund kenne, kommt danach Frank Sinatra mit ›White Christmas‹. Valentin mag es, wenn alles seine Ordnung hat. Was der einzige Grund dafür ist, warum unsere Wohnung so gepflegt aussieht. In meiner vorherigen Bude verhielt sich die Sachlage anders. Ich will hier nicht von halb vergammelten Pizzastücken und schimmligen Saftgläsern anfangen, darum lass ich das. Ich denke, man kann sich eine ungefähre Vorstellung davon machen.
»Darf ich dir deins zuerst geben?«, fragt er mit leuchtenden Augen und greift nach dem Päckchen, welches so hübsch verpackt ist, dass man ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man das Papier zerreißt. Vali hat ein Talent dafür, Kleinigkeiten mit so viel Sorgfalt zu gestalten, dass sie einen allein durch ihren Anblick zum Lächeln bringen. Dasselbe macht er mit meinem Leben. Er bringt mich zum Schmunzeln, zum Lachen, zum Glücklichsein. Er ist für mich da, wenn ich ihn am meisten brauche und es am wenigsten zugeben will. Er macht einfach alles besser – und mich ziemlich sentimental, wie mir auffällt. Ein Leben ohne Valentin kann ich mir nicht mehr vorstellen. Das ist der schlichte Grund für das Geschenk, das ich ihm machen werde. Meine Nervosität steigert sich und mir wird übel vor Aufregung. Was wird er dazu sagen? Wird er mir vor Freude um den Hals fallen oder mir einen dieser Blicke zuwerfen, die mich ohne ein Wort wissen lassen, dass ich Mist gebaut habe?
»Aleks, willst du es nicht? Soll ich es behalten?«, scherzt Vali und holt mich aus meinen Gedanken. Er schürzt die Lippen und sieht mich provokant an – sexy.
»Das könnte dir so passen.« Eilig greife ich nach meinem Päckchen, bevor er es sich anders überlegt. Behutsam löse ich das Geschenkband und öffne das Papier an der Linie, an der das Tixo klebt, um es nicht zu zerreißen. Es ist babyblau mit kleinen Weihnachtsbäumen darauf und es gefällt mir, obwohl ich das nie laut sagen würde. Zum Vorschein kommt ein sündhaft teures Headset, das ich mir niemals geleistet hätte, obwohl ich es gut für die Arbeit gebrauchen kann. Ich bin gerührt, will es mir aber nicht anmerken lassen. Ganz leise meine ich: »Vali, das Alte ist doch noch gut. Warum hast du so viel Geld für mich ausgegeben?«
Valentin sieht mir forschend ins Gesicht, ich fühle das Lächeln auf meinen Lippen und die Hitze in meinen Wangen. Ich kann es nicht leiden, rot zu werden, aber Vali scheint begeistert. »Du freust dich«, stellt er zufrieden fest.
So ehrfürchtig, wie ich die Verpackung des Dings antatsche, ist das wohl kaum zu übersehen. »Natürlich freu ich mich, aber du weißt, dass ich es nicht mag, wenn du mir so teure Sachen schenkst. Das ist nicht nötig.«
»Purer Eigennutz, ich will dein altes Headset. Meins ist im Arsch«, sagt er, um es mir leichter zu machen. Seine Kopfhörer funktionieren nämlich einwandfrei, was uns beiden klar ist.
»Du bist einmalig, weißt du das?«, murmle ich hingerissen von seinem Grinsen und beuge mich vor, um ihm zum Dankeschön einen Kuss auf den Mund zu hauchen.
»Klar weiß ich das, ich bin ja nicht blöd.« Er verdreht scherzend die Augen und knufft mich in die Seite. Das tut er liebend gern. Bei so ziemlich jeder Gelegenheit – wenn er wütend auf mich ist; wenn ich was mache, was er süß findet; wenn wir auf der Couch kuscheln, einen Film anschauen und ich ihm seines Erachtens nach zu wenig Chips übrig lasse und so weiter und so fort. Zum allerersten Mal hat er es gemacht, als ich ihn gefragt habe, ob er mit mir ausgehen will. Wir haben uns vor einem Café getroffen, weil ich ihm ein paar alte Controller abkaufen wollte. Da kannten wir uns schon ein paar Wochen übers Internet, aber keiner von uns schien sich sicher zu sein, ob wir miteinander flirten oder nur herumblödeln. Zumindest ich war mir nicht sicher. Ich bin nämlich der Typ, der immer mit beiden Beinen auf allen Leitungen steht, wenn’s um sowas geht. Als ich ihm dann persönlich begegnet bin, konnte ich mir aber weder meine emotionale Dumpfheit noch meine Schüchternheit leisten. Schon während unserer Chaterei wurde mir klar, dass ich seinen Charakter mag und dass man sich hervorragend mit ihm unterhalten kann. Durch seine Gaming-Videos wusste ich außerdem, dass er verboten gut aussieht und eine schöne Stimme hat. Aber dass ich Bauchkribbeln bekomme, wenn ich ihm in der echten Welt in die Augen sehe, und mich der Blitz ins Herz trifft, wenn sich unsere Hände zufällig berühren, wurde mir erst bewusst, als wir uns gegenüberstanden und er mir die Kiste mit dem Zeug überreichte. Als ich ihm nach ein bisschen Geschwafel gestanden habe, dass ich ihn gerne ins Kino oder wohin auch immer ausführen würde, hat er mir einen vorwurfsvollen Blick zugeworfen und mich zum ersten Mal in die Seite gezwickt. »Darauf warte ich schon, seit du mir gesagt hast, dass du den neuen King Arthur-Film genauso scheiße findest, wie ich, Mann.« Nach dem regelrechten Befehl, wo und wann ich ihn abzuholen habe, hat er mich stehen gelassen – mit dem blödesten und vor allem dem glücklichsten Grinsen, das ich in meinem bisherigen, dreiundzwanzigjährigen Leben gegrinst habe.
»Vali an Aleks, bist du noch da drin?«, lacht Valentin und tippt mir gegen die Stirn, hinter der sich meist alles um ihn dreht.
»Ich geh dein Geschenk holen«, höre ich mich heiser sagen. Ich greife nach seinem spitzen Kinn und küsse ihn noch mal, während ich aufstehe.
Unser Schlafzimmer liegt im Dunkeln. Ich mache das Licht an und setze mich mit wild klopfendem Herzen auf die Bettkante. Mit der Rechten fische ich das Kästchen unter der Matratze hervor. Ich vergewissere mich mit einem Blick zur Tür, ob Vali nicht dort steht und mich beobachtet. Tut er nicht. Deshalb mache ich die Schachtel auf und halte unwillkürlich den Atem an, als ich den Inhalt erblicke. Zwei silberne Ringe. Gold konnte ich mir nicht leisten. Aber es sind ja nur die Verlobungsringe. Die, die wir für den Rest unseres Lebens tragen, soll Vali aussuchen. Er hat den besseren Geschmack von uns beiden. Darüber hinaus hätte ich Angst, dass ihm der Schmuck, den ich auswähle, nicht zusagen könnte.
Er würd’s wahrscheinlich nicht mal sagen, wenn es so wäre, sondern aus Rücksicht schweigen und etwas am Finger tragen, das ihm nicht gefällt.
Warum hab ich plötzlich solche Panik? Jetzt ist mir wirklich kotzübel und ich lasse die Schachtel zuschnappen, damit ich mich nicht über die Ringe übergebe. Was, wenn er Nein sagt? Oder um Bedenkzeit bittet? Schon allein das würde mich völlig aus der Bahn werfen. Ich wische mir über Mund und Kinn, befühle meinen Dreitagebart und würge an dem Kloß im Hals. Die letzten drei Wochen habe ich jeden Morgen vor dem Spiegel geübt. Ich habe sogar den Kniefall geprobt. Mehr als einmal. Aber was, wenn er das albern findet? In Filmen mag er sowas, aber wenn es sein eigener Kerl macht, ist es ihm vielleicht bloß peinlich?
»Aleks? Wenn wir uns nicht beeilen, wird unser Essen ungenießbar«, ruft Vali aus der Küche und bringt mich zur Besinnung.
Ich stopfe die Box mit den Ringen dorthin zurück, wo sie gewesen ist, weil mir klar wird, dass ich das jetzt nicht über mich bringe. Vielleicht war es eine dumme Idee, den Heiligabend für einen Antrag auszusuchen. Geht man dafür nicht in ein schickes Restaurant? Macht man nicht mehr Aufhebens darum? Da weder Vali noch ich allzu gern unter fremden Leuten sind, dachte ich, dass es in unseren eigenen vier Wänden am besten passt. Aber was, wenn ich mich irre und Vali in einer solchen Ausnahmesituation nun doch ausgeführt werden will? Vielleicht wünscht er sich ein wenig Extravaganz zu diesem Anlass und vielleicht kommt ihm das Ja auch leichter über die Lippen, wenn ich ihn auswärts überrumple?
Ich denke mir alle möglichen Ausreden aus, um mir einen Aufschub zu verschaffen, weil ich ein feiger Dummkopf bin. Schließlich schnappe ich mir das Päckchen, das ich unter dem Bett versteckt habe. Eine Sicherheitsmaßnahme. Sollte Vali rumschnüffeln, würde er dieses Geschenk zuerst entdecken und die Suche zufrieden aufgeben, ohne die Verlobungsringe gesehen zu haben. Das Papier wirkt jedoch unangetastet. Es hat nicht mal einen Knick, der zuvor noch nicht da gewesen wäre.
Ich trete in den Gang hinaus und bleibe vor dem Wohnzimmer stehen, um meinen Freund zu betrachten, der mir das Herz immer noch bis zum Hals schlagen lässt, obwohl die Zeit der ersten Verknalltheit längst vorbei ist. Die war schon zu etwas Heftigerem, Innigerem, viel Ernsterem geworden. Und doch wird mir ab und an noch mulmig vor Bauchkribbeln, wenn ich ihn ansehe.
Warum trau ich Scheißfeigling mich dann nicht, um seine Hand anzuhalten?
Weil ich Angst habe, dass es ihm nicht genauso geht wie mir.
Er dreht sich zu mir um und schenkt mir ein Lächeln, ehe er das Geschenk anvisiert und leuchtende Augen bekommt. Begeistert und überrascht registriert er die Verpackung und sicher auch den Umstand, dass ich mir viel Mühe damit gegeben habe, was sonst nicht meine Art ist. Aber ich weiß, dass ihm Weihnachten wichtig ist – wichtiger als sein Geburtstag und alle anderen Festtage zusammengenommen. Darum habe ich mich ins Zeug gelegt. Und deswegen habe ich mir diesen Tag für den Antrag ausgesucht. Nur, um dann zu kneifen.
Ich schiebe den Ärger über mich selbst fort, um den Abend nicht zu versauen, und überreiche ihm feierlich und im Gegenzug für einen Kuss das Päckchen.
Er reißt es auf, ohne – wie ich zuvor – auf die Verpackung zu achten oder darauf, sie nicht zu beschädigen. Als er sich bis zu dem Pullover mit dem kitschigen Christbaum durchgewühlt hat, kommt ein Quietschen aus seiner Kehle und er wird rot, weil er es hasst, wenn ihm das passiert. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich grinse bis über beide Ohren und kann gar nicht damit aufhören, weil Vali langsam zu begreifen beginnt, was das eigentliche Geschenk ist. Er zieht den zweiten Pulli in derselben Ausführung hervor und wirft einen verwirrten Blick auf das Schild mit der Größe. Es verrät ihm, dass der zweite für mich ist und ich mich somit seiner Vorliebe für den Partnerlook beuge.
»Ja, das ist schon richtig so«, murmle ich und bemühe mich um einen beiläufigen Tonfall. »Die können wir meinetwegen bis Neujahr anhaben, wenn’s dich glücklich macht.«
Ich höre ihn nur noch rau meinen Namen sagen, bevor ich rücklings auf dem Teppich lande, weil er mir so heftig um den Hals fällt. Ich spüre sein leichtes Gewicht auf mir und schlinge die Arme um ihn, damit er genau dort bleibt, wo er ist. Seine Küsse rauben mir den Atem und lassen mein Herz noch höher schlagen. Valentin ist das Beste, was mir je passiert ist, und ich werde ihn nicht wieder gehen lassen. Gerade sieht es zu meinem Glück so aus, als würde er sowieso nicht weg wollen. Wir sind dermaßen vertieft in unser Geknutsche, dass wir das Essen auf dem Herd vergessen. Die Suppe muss uns mit einem zischenden Überkochen daran erinnern, dass sie noch da ist und darauf wartet, gegessen zu werden.
Vali löst seine Lippen von mir, obwohl ich in die untere beiße, um ihn bei mir zu behalten. »Ich seh schon, dass ich heute auf deinem Schoß sitzend essen muss«, meint er atemlos. »Aber erstmal muss das Zeug serviert werden.« Damit steht er auf und zerzaust mir das Haar, bevor er in die Küche geht.
Ich bleibe noch kurz liegen und schaue ihm nach, um mich zu sammeln. Dann folge ich ihm, um beim Auftischen zu helfen.
*
Beim Frühstück am Weihnachtsmorgen füttert Vali mich mit Müsli und frischen Obststückchen, während wir im Schlafanzug auf der Couch rumgammeln. Anstatt den Fernseher anzumachen, sehen wir aus dem Fenster, weil die Aussicht schöner ist, als jede Fernsehsendung es sein könnte. Der Himmel ist blau wie Eiswasser und keine Wolke ist zu sehen. Über Nacht hat es geschneit und der Baum vor dem Haus trägt die weiße, flockige Masse auf seinen grün benadelten Ästen.
Vali kaut auf ein paar Haferflocken mit Pfirsich herum. »Ich freu mich darauf, aus der Stadt rauszukommen«, sagt er lächelnd. »Aber ich bin total nervös.«
Mich trifft halb der Schlag, als er das sagt, denn es kann nur bedeuten, dass er die Ankündigung meines Besuchs bei meiner Tante missverstanden hat. Ich verweigere den nächsten Bissen, der mir an den Mund geführt wird. »Vali, ich fahr allein«, würge ich hervor und merke zu spät, wie heiser ich klinge – und wie sehr ich ihn vor den Kopf stoße.
Er senkt den Blick und lässt den Löffel in die Schale sinken. Sein Körper verspannt sich. »Das war so nicht ausgemacht«, erwidert er zähneknirschend.
»Eigentlich schon. Ich hab dir gesagt, dass es mir lieber wäre, du würdest nicht mitkommen, und du hast okay gesagt«, rufe ich ihm in Erinnerung.
Die Milch schwappt über, als er die Müslischüssel auf den Tisch stellt, damit er von mir abrücken kann. »Ich habe zur Kenntnis genommen, dass dir das lieber wäre, und beschlossen, trotzdem mitzukommen. Wie lange willst du mich noch vor deiner Familie verstecken?«, schreit er mich an, während er aufspringt. Er schreit nie. Dass er es jetzt tut, zeigt mir, wie heftig ich ihn verletzt habe.
»Meine Familie«, wiederhole ich spöttisch. »Vali, diese Leute seh ich vielleicht fünf Mal im Jahr! Ich fahr da bloß hin, weil Leonie mich darum gebeten hat.« Meine Cousine wird von unserer Großmutter gepiesackt, wo es geht, und Leonie behauptet, dass es nur dann besser ist, wenn ich dabei bin. So lasse ich mich an ihrem Geburtstag, Ostern, Weihnachten und sonstigen Festtagen dazu breitschlagen, mit zu ihren Eltern zu fahren. Dieses Jahr hätte sie sich fast die Zähne an mir ausgebissen, weil ich bei Valentin bleiben wollte. Schließlich hat sie mich aber doch zu einem kurzen Pflichtbesuch überredet. Jetzt könnte ich mich für meine Nachgiebigkeit windelweich prügeln.
»Trotzdem gehören sie zu deiner Familie! Und du weigerst dich nach fast einem Jahr immer noch, mich ihnen vorzustellen! Was soll ich davon halten?«
»Vali, ich hab dich meinen Eltern als meinen festen Freund vorgestellt, da hatte ich dich noch nicht mal gefragt, ob du mit mir gehen willst! Was hältst du denn davon? Oder hast du das vergessen?«
Er versucht es mit dem Welpenblick. Vermutlich, ohne es bewusst zu tun. »Lass uns zusammen hinfahren, Aleks. Bitte. Ich will über Weihnachten bei dir sein.«
Ich muss wegschauen, sonst werde ich weich. Aber jetzt weich zu werden, könnte mich vieles kosten. Alles. »Es geht nicht. Ein andermal, ja? Ich verspreche dir auch, nicht lange zu bleiben. Am späten Nachmittag bin ich wieder da und dann können wir noch was unternehmen. Nur wir beide.«
Valentin hört mir gar nicht zu. »Als Weihnachtsgeschenk?«, schlägt er eilig, fast verzweifelt vor. »Du musst den Pulli niemals anziehen, wenn du nicht magst. Du kannst ihn sogar zurückgeben, wenn du mich bloß mitnimmst.«
»Vali«, flüstere ich ebenso gequält wie verbissen. »Es geht nicht. Es geht einfach nicht, bitte glaub mir.«
Seine Schultern sinken nach unten. Ihn scheint ein Verdacht zu überkommen. Als er mir eine Frage stellt, zittert seine Stimme: »Darf dieser Teil der Familie etwa nicht wissen, dass du auf Jungs stehst?«
Meine Augen werden weit. Ich schlucke mühsam gegen meine enger werdende Kehle an, die vor Magensäure brennt. Blut rauscht in meinen Ohren. »Nein«, stammle ich kaum hörbar. Die Art, wie er mich daraufhin ansieht, lässt mir das Herz stehen bleiben. Als er sich ohne ein weiteres Wort umdreht, begreife ich, dass ich einen Fehler gemacht habe. »Valentin!« Ich springe auf, als er sich zu meinem Entsetzen den Mantel über dem Schlafanzug anzieht und in Stiefel schlüpft. »Wo willst du hin? Das tust du mir jetzt nicht ernsthaft an, oder?«
»Ich tu dir was an? Ja klar, Aleks. Denk mal in Ruhe darüber nach, was du da gerade gesagt hast. Keine Sorge, ich lass dir genug Zeit dazu und werde dich nicht weiter bedrängen. Frohen ersten Weihnachtstag.« Damit stürmt er aus der Wohnung und knallt dir Tür hinter sich zu.
Ich will ihm hinterher, kann mich aber nicht bewegen, weil mir klar wird, dass ich richtig Mist gebaut und unser erstes gemeinsames Weihnachten gründlich versaut habe. Wie bei jedem Streit bekomme ich es mit der Angst zu tun. Was, wenn Vali erkennt, dass er nicht mit so einem Trottel zusammensein will? Um diese Einsicht zumindest hinauszuzögern, komme ich endlich in die Gänge und haste die Treppen hinunter.
Unten angekommen reiße ich die Eingangstür auf, blicke nach links und rechts, aber die Straße ist menschenleer. Ich blinzle, um mich dann ein weiteres Mal zu vergewissern, dass Vali nicht mehr in der Nähe ist, während meine Socken sich mit Schneematsch vollsaugen. Mein Herz rebelliert laut und schmerzhaft gegen sein Fortsein und die Tatsache, dass ich ihn weggejagt habe. Meine Lungen ziehen sich zusammen, als wollten sie verhindern, dass ich weiter atme.
Fröstelnd laufe ich rauf in die Wohnung. Bevor ich reingehe, streife ich die Socken ab, weil Vali mir andernfalls den Hals umdreht, wenn er nach Hause kommt. Ich trage sie ins Bad und greife zum Handy, um ihn anzurufen. Er geht nicht ran und ich muss warten, bis ich auf der Mailbox lande.
