Tannenbäumchen, wechsle dich! - Tharah Meester - E-Book

Tannenbäumchen, wechsle dich! E-Book

Tharah Meester

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Beschreibung

Ausgerechnet an ihrem ersten gemeinsamen Weihnachtsfest gerät Aleks heftig mit seinem Freund aneinander. Während Vali unbedingt der Familie vorgestellt werden will, ist Aleks jedes Mittel recht, um genau das zu verhindern. Allerdings hat er weder mit Valis Hartnäckigkeit noch mit der Gewieftheit seiner eigenen Cousine gerechnet. Mit vereinten Kräften sorgen die beiden für ein Verwirrspiel unter dem festlich geschmückten Tannenbaum, das nicht ohne Folgen bleibt.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Tan­nen­bäum­chen, wechs­le dich!

 

Tha­rah Mees­ter

In­halts­ver­zeich­nis

 

In­halts­ver­zeich­nis

Vor­wort

Dank­sa­gung

Tan­nen­bäum­chen, wechs­le dich!

Über die Au­to­rin

Im­pres­s­um

 

Vor­wort

 

Lie­be Le­se­rin, lie­ber Le­ser!

 

Die­je­ni­gen, die mich be­reits ken­nen, er­war­ten an die­ser Stel­le be­stimmt den fast schon ob­li­ga­to­ri­schen Mu­sik­tipp. Ich will dich na­tür­lich nicht ent­täu­schen, also such dir bit­te This wo­man’s work her­aus. Öff­ne aber nicht das wun­der­vol­le Ori­gi­nal, son­dern die Co­ver­ver­si­on von Liam Tamne, und drück auf Play, so­bald der Song in der Ge­schich­te er­wähnt wird.

 

Ich wün­sche dir ein wun­der­schö­nes Weih­nachts­fest, glü­ck­li­che Fei­er­ta­ge und ganz viel Freu­de mit mei­nen Jungs.

 

Dei­ne Tha­rah

 

Dank­sa­gung

 

Ich be­dan­ke mich von gan­zem Her­zen bei Sa­bri­na und Su­san­ne für das Vo­r­ab­le­sen. Euer Lob war Bal­sam für mei­ne See­le.

 

Ein be­son­de­rer Dank geht an Jes­si­ca, die es im­mer wie­der schafft, das Bes­te aus mei­nen Tex­ten her­aus­zu­ho­len, und die mir mit ih­ren An­re­gun­gen die Au­gen öff­net, wenn ich mal wie­der blind war. Du bist ein­ma­lig!

Tan­nen­bäum­chen, wechs­le dich!

 

Aleks

 

Wie so vie­le an­de­re Weih­nachts­ge­schich­ten be­ginnt auch mei­ne mit ›Last Christ­mas‹. Als ich un­se­re Woh­nung be­trat, be­sang Ge­or­ge Mi­cha­el – Gott hab ihn se­lig – je­man­den, der ihn an Weih­nach­ten hat sit­zen las­sen. Zu dem Zeit­punkt wuss­te ich noch nicht, dass mir ge­nau das­sel­be be­vor­stand. Ich hät­te mei­ne Plä­ne sehr sorg­fäl­tig über­dacht, hät­te ich auch nur die lei­ses­te Ah­nung ge­habt.

 

Vali steckt den Kopf zur Wohn­zim­mer­tür raus und grinst mich an. Mit je­nem char­man­ten Lä­cheln, das mir schon vor über ei­nem Jahr den Kopf ver­dreht hat und mich auch dies­mal aus den Strick­so­cken haut. Ich ver­mei­de an die­ser Stel­le, all­zu aus­schwei­fend da­von zu er­zäh­len, wie un­be­schreib­lich at­trak­tiv Vali ist, weil ich mich sonst in der­ar­ti­gen Ne­ben­säch­lich­kei­ten ver­stei­ge. Ja, es pas­siert mir des Öf­te­ren, dass ich ins Schwär­men ge­ra­te, wenn ich von mei­nem Freund er­zäh­le. Sein stroh­blon­des Haar und die Art, wie es in Lo­cken sein schma­les Ge­sicht mit den brau­nen Au­gen um­rahmt, sind schon ziem­lich was fürs Auge. Sein Lä­cheln ist strah­len­der als je­des falsche Grin­sen in ei­ner Zahn­pa­s­ta­wer­bung. Dass ich für ihn So­cken mit Ren­tier­ge­sich­tern an­zie­he, sagt wohl ge­nug über die Wirk­sam­keit die­ses Lä­chelns.

Aber las­sen wir das. Va­len­tin ist ver­dammt hübsch und ver­dammt ver­ge­ben, mehr braucht ihr nicht zu wis­sen!

»Da bist du ja end­lich«, be­grüßt er mich und fällt mir um den Hals. Sei­ne Lip­pen strei­fen mei­ne Wan­ge und ich ma­che die Au­gen zu, weil es sich ein­fach zu gut an­fühlt. »Hat Lum­pi sich mit dem Häuf­chen Zeit ge­las­sen?«

Ich war mit dem Hund un­se­res be­tag­ten Nach­barn un­ter­wegs. Ei­gent­lich ge­hen wir sonst ge­mein­sam mit dem pum­me­li­gen Da­ckel Gas­si, aber heu­te woll­te sich Vali statt­des­sen dar­um küm­mern, al­les für un­se­ren ers­ten ge­mein­sa­men Hei­lig­abend vor­zu­be­rei­ten.

»Das Abend­es­sen ist gleich so weit und dein Ge­schenk war­tet un­term Baum«, kün­digt er mit un­über­hör­ba­rer Vor­freu­de an.

Als er sich von mir lö­sen will, lege ich mei­ne Arme fest um ihn und zie­he ihn an mich. Wä­ren mei­ne Hän­de nicht so kalt, wür­de ich sie ihm un­ter den Ren­tier­pull­over schie­ben, der un­glaub­lich ge­schmack­los ist, ihm aber in eben sol­chem Maß Freu­de macht. Ehr­lich ge­sagt sieht er ver­dammt süß dar­in aus. Ich zer­wu­schle mit der Nase sei­ne Lo­cken und atme den Duft sei­nes Pa­rf­ums ein, von dem stets ein Sprit­zer in sei­nen Haa­ren lan­det. »Weißt du ei­gent­lich, wie lieb ich dich hab?«, flüs­te­re ich ihm ins Ohr.

»Das wird sich gleich in Ge­schenk­form zei­gen, hof­fe ich«, grinst er an mei­ne Wan­ge ge­presst. »Du re­dest seit Wo­chen da­von und tust so heim­lich, dass ich vor Neu­gier fast plat­ze.« Da liegt et­was kaum hör­bar Spöt­ti­sches in sei­nem Ton­fall, das in mir die Ver­mu­tung auf­kom­men lässt, dass er her­um­ge­schnüf­felt und längst ent­deckt hat, was ich ge­heim­hal­ten woll­te.

Ich be­schlie­ße, ihm zu ver­zei­hen, weil ich ihm so­wie­so nie böse sein kann, und ma­che einen Vor­schlag, der mir si­cher ein paar Plus­punk­te ein­bringt: »Wenn das so ist, kön­nen wir die Be­sche­rung ja vor­zie­hen. Das heißt, so­lan­ge un­ser Es­sen in der Zwi­schen­zeit nicht zu Tode kö­chelt.«

Vali rückt ein Stück von mir ab und macht gro­ße Au­gen. »Dem Es­sen wird nichts pas­sie­ren, kei­ne Sor­ge.« Er schleift mich ins Wohn­zim­mer, wo ich vor dem Baum plat­ziert wer­de. Im Schnei­der­sitz un­ter der Tan­ne war­te ich dar­auf, dass Vali zwei Tas­sen Ka­kao aus der Kü­che holt und sich zu mir ge­sellt.

Ge­or­ge Mi­cha­el und sein ›Last Christ­mas‹ wer­den von El­vis Pres­ley und ›Blue Christ­mas‹ ab­ge­löst. Wie ich mei­nen Freund ken­ne, kommt da­nach Frank Si­na­tra mit ›Whi­te Christ­mas‹. Va­len­tin mag es, wenn al­les sei­ne Ord­nung hat. Was der ein­zi­ge Grund da­für ist, war­um un­se­re Woh­nung so ge­pflegt aus­sieht. In mei­ner vor­he­ri­gen Bude ver­hielt sich die Sach­la­ge an­ders. Ich will hier nicht von halb ver­gam­mel­ten Pizza­stü­cken und schimm­li­gen Saft­glä­sern an­fan­gen, dar­um lass ich das. Ich den­ke, man kann sich eine un­ge­fäh­re Vor­stel­lung da­von ma­chen.

»Darf ich dir deins zu­erst ge­ben?«, fragt er mit leuch­ten­den Au­gen und greift nach dem Päck­chen, wel­ches so hübsch ver­packt ist, dass man ein schlech­tes Ge­wis­sen be­kommt, wenn man das Pa­pier zer­reißt. Vali hat ein Ta­lent da­für, Klei­nig­kei­ten mit so viel Sorg­falt zu ge­stal­ten, dass sie einen al­lein durch ih­ren An­blick zum Lä­cheln brin­gen. Das­sel­be macht er mit mei­nem Le­ben. Er bringt mich zum Schmun­zeln, zum La­chen, zum Glü­ck­lich­sein. Er ist für mich da, wenn ich ihn am meis­ten brau­che und es am we­nigs­ten zu­ge­ben will. Er macht ein­fach al­les bes­ser – und mich ziem­lich sen­ti­men­tal, wie mir auf­fällt. Ein Le­ben ohne Va­len­tin kann ich mir nicht mehr vor­stel­len. Das ist der schlich­te Grund für das Ge­schenk, das ich ihm ma­chen wer­de. Mei­ne Ner­vo­si­tät stei­gert sich und mir wird übel vor Auf­re­gung. Was wird er dazu sa­gen? Wird er mir vor Freu­de um den Hals fal­len oder mir einen die­ser Bli­cke zu­wer­fen, die mich ohne ein Wort wis­sen las­sen, dass ich Mist ge­baut habe?

»Aleks, willst du es nicht? Soll ich es be­hal­ten?«, scherzt Vali und holt mich aus mei­nen Ge­dan­ken. Er schürzt die Lip­pen und sieht mich pro­vo­kant an – sexy.

»Das könn­te dir so pas­sen.« Ei­lig grei­fe ich nach mei­nem Päck­chen, be­vor er es sich an­ders über­legt. Be­hut­sam löse ich das Ge­schenk­band und öff­ne das Pa­pier an der Li­nie, an der das Tixo klebt, um es nicht zu zer­rei­ßen. Es ist ba­by­blau mit klei­nen Weih­nachts­bäu­men dar­auf und es ge­fällt mir, ob­wohl ich das nie laut sa­gen wür­de. Zum Vor­schein kommt ein sünd­haft teu­res Head­set, das ich mir nie­mals ge­leis­tet hät­te, ob­wohl ich es gut für die Ar­beit ge­brau­chen kann. Ich bin ge­rührt, will es mir aber nicht an­mer­ken las­sen. Ganz lei­se mei­ne ich: »Vali, das Alte ist doch noch gut. War­um hast du so viel Geld für mich aus­ge­ge­ben?«

Va­len­tin sieht mir for­schend ins Ge­sicht, ich füh­le das Lä­cheln auf mei­nen Lip­pen und die Hit­ze in mei­nen Wan­gen. Ich kann es nicht lei­den, rot zu wer­den, aber Vali scheint be­geis­tert. »Du freust dich«, stellt er zu­frie­den fest.

So ehr­fürch­tig, wie ich die Ver­pa­ckung des Dings an­tat­sche, ist das wohl kaum zu über­se­hen. »Na­tür­lich freu ich mich, aber du weißt, dass ich es nicht mag, wenn du mir so teu­re Sa­chen schenkst. Das ist nicht nö­tig.«

»Pu­rer Ei­gen­nutz, ich will dein al­tes Head­set. Meins ist im Arsch«, sagt er, um es mir leich­ter zu ma­chen. Sei­ne Kopf­hö­rer funk­tio­nie­ren näm­lich ein­wand­frei, was uns bei­den klar ist.

»Du bist ein­ma­lig, weißt du das?«, murm­le ich hin­ge­ris­sen von sei­nem Grin­sen und beu­ge mich vor, um ihm zum Dan­ke­s­chön einen Kuss auf den Mund zu hau­chen.

»Klar weiß ich das, ich bin ja nicht blöd.« Er ver­dreht scher­zend die Au­gen und knufft mich in die Sei­te. Das tut er lie­bend gern. Bei so ziem­lich je­der Ge­le­gen­heit – wenn er wü­tend auf mich ist; wenn ich was ma­che, was er süß fin­det; wenn wir auf der Couch ku­scheln, einen Film an­schau­en und ich ihm sei­nes Er­ach­tens nach zu we­nig Chips üb­rig las­se und so wei­ter und so fort. Zum al­le­r­ers­ten Mal hat er es ge­macht, als ich ihn ge­fragt habe, ob er mit mir aus­ge­hen will. Wir ha­ben uns vor ei­nem Café ge­trof­fen, weil ich ihm ein paar alte Con­trol­ler ab­kau­fen woll­te. Da kann­ten wir uns schon ein paar Wo­chen übers In­ter­net, aber kei­ner von uns schien sich si­cher zu sein, ob wir mit­ein­an­der flir­ten oder nur her­um­blö­deln. Zu­min­dest ich war mir nicht si­cher. Ich bin näm­lich der Typ, der im­mer mit bei­den Bei­nen auf al­len Lei­tun­gen steht, wenn’s um so­was geht. Als ich ihm dann per­sön­lich be­geg­net bin, konn­te ich mir aber we­der mei­ne emo­ti­o­na­le Dumpf­heit noch mei­ne Schüch­tern­heit leis­ten. Schon wäh­rend un­se­rer Cha­te­rei wur­de mir klar, dass ich sei­nen Cha­rak­ter mag und dass man sich her­vor­ra­gend mit ihm un­ter­hal­ten kann. Durch sei­ne Ga­ming-Vi­de­os wuss­te ich au­ßer­dem, dass er ver­bo­ten gut aus­sieht und eine schö­ne Stim­me hat. Aber dass ich Bauchkrib­beln be­kom­me, wenn ich ihm in der ech­ten Welt in die Au­gen sehe, und mich der Blitz ins Herz trifft, wenn sich un­se­re Hän­de zu­fäl­lig be­rüh­ren, wur­de mir erst be­wusst, als wir uns ge­gen­über­stan­den und er mir die Kis­te mit dem Zeug über­reich­te. Als ich ihm nach ein biss­chen Ge­schwa­fel ge­stan­den habe, dass ich ihn ger­ne ins Kino oder wo­hin auch im­mer aus­füh­ren wür­de, hat er mir einen vor­wurfs­vol­len Blick zu­ge­wor­fen und mich zum ers­ten Mal in die Sei­te ge­zwickt. »Dar­auf war­te ich schon, seit du mir ge­sagt hast, dass du den neu­en King Ar­thur-Film ge­nau­so schei­ße fin­dest, wie ich, Mann.« Nach dem re­gel­rech­ten Be­fehl, wo und wann ich ihn ab­zu­ho­len habe, hat er mich ste­hen ge­las­sen – mit dem blö­des­ten und vor al­lem dem glü­ck­lichs­ten Grin­sen, das ich in mei­nem bis­he­ri­gen, drei­und­zwan­zig­jäh­ri­gen Le­ben ge­grinst habe.

»Vali an Aleks, bist du noch da drin?«, lacht Va­len­tin und tippt mir ge­gen die Stirn, hin­ter der sich meist al­les um ihn dreht.

»Ich geh dein Ge­schenk ho­len«, höre ich mich hei­ser sa­gen. Ich grei­fe nach sei­nem spit­zen Kinn und küs­se ihn noch mal, wäh­rend ich auf­ste­he.

Un­ser Schlaf­zim­mer liegt im Dun­keln. Ich ma­che das Licht an und set­ze mich mit wild klop­fen­dem Her­zen auf die Bett­kan­te. Mit der Rech­ten fi­sche ich das Käst­chen un­ter der Ma­trat­ze her­vor. Ich ver­ge­wis­se­re mich mit ei­nem Blick zur Tür, ob Vali nicht dort steht und mich be­ob­ach­tet. Tut er nicht. Des­halb ma­che ich die Schach­tel auf und hal­te un­will­kür­lich den Atem an, als ich den In­halt er­bli­cke. Zwei sil­ber­ne Rin­ge. Gold konn­te ich mir nicht leis­ten. Aber es sind ja nur die Ver­lo­bungs­rin­ge. Die, die wir für den Rest un­se­res Le­bens tra­gen, soll Vali aus­su­chen. Er hat den bes­se­ren Ge­schmack von uns bei­den. Dar­über hin­aus hät­te ich Angst, dass ihm der Schmuck, den ich aus­wäh­le, nicht zu­sa­gen könn­te.

Er würd’s wahr­schein­lich nicht mal sa­gen, wenn es so wäre, son­dern aus Rück­sicht schwei­gen und et­was am Fin­ger tra­gen, das ihm nicht ge­fällt.

War­um hab ich plötz­lich sol­che Pa­nik? Jetzt ist mir wirk­lich kotz­übel und ich las­se die Schach­tel zu­schnap­pen, da­mit ich mich nicht über die Rin­ge über­ge­be. Was, wenn er Nein sagt? Oder um Be­denk­zeit bit­tet? Schon al­lein das wür­de mich völ­lig aus der Bahn wer­fen. Ich wi­sche mir über Mund und Kinn, be­füh­le mei­nen Drei­ta­ge­bart und wür­ge an dem Kloß im Hals. Die letz­ten drei Wo­chen habe ich je­den Mor­gen vor dem Spie­gel ge­übt. Ich habe so­gar den Knie­fall ge­probt. Mehr als ein­mal. Aber was, wenn er das al­bern fin­det? In Fil­men mag er so­was, aber wenn es sein ei­ge­ner Kerl macht, ist es ihm viel­leicht bloß pein­lich?

»Aleks? Wenn wir uns nicht be­ei­len, wird un­ser Es­sen un­ge­ni­eß­bar«, ruft Vali aus der Kü­che und bringt mich zur Be­sin­nung.

Ich stop­fe die Box mit den Rin­gen dort­hin zu­rück, wo sie ge­we­sen ist, weil mir klar wird, dass ich das jetzt nicht über mich brin­ge. Viel­leicht war es eine dum­me Idee, den Hei­lig­abend für einen An­trag aus­zu­su­chen. Geht man da­für nicht in ein schi­ckes Re­stau­rant? Macht man nicht mehr Auf­he­bens dar­um? Da we­der Vali noch ich all­zu gern un­ter frem­den Leu­ten sind, dach­te ich, dass es in un­se­ren ei­ge­nen vier Wän­den am bes­ten passt. Aber was, wenn ich mich irre und Vali in ei­ner sol­chen Aus­nah­me­si­tua­ti­on nun doch aus­ge­führt wer­den will? Viel­leicht wünscht er sich ein we­nig Ex­tra­va­ganz zu die­sem An­lass und viel­leicht kommt ihm das Ja auch leich­ter über die Lip­pen, wenn ich ihn aus­wärts über­rum­p­le?

Ich den­ke mir alle mög­li­chen Aus­re­den aus, um mir einen Auf­schub zu ver­schaf­fen, weil ich ein fei­ger Dumm­kopf bin. Schließ­lich schnap­pe ich mir das Päck­chen, das ich un­ter dem Bett ver­steckt habe. Eine Si­cher­heits­maß­nah­me. Soll­te Vali rum­schnüf­feln, wür­de er die­ses Ge­schenk zu­erst ent­de­cken und die Su­che zu­frie­den auf­ge­ben, ohne die Ver­lo­bungs­rin­ge ge­se­hen zu ha­ben. Das Pa­pier wirkt je­doch un­an­ge­tas­tet. Es hat nicht mal einen Knick, der zu­vor noch nicht da ge­we­sen wäre.

Ich tre­te in den Gang hin­aus und blei­be vor dem Wohn­zim­mer ste­hen, um mei­nen Freund zu be­trach­ten, der mir das Herz im­mer noch bis zum Hals schla­gen lässt, ob­wohl die Zeit der ers­ten Ver­knallt­heit längst vor­bei ist. Die war schon zu et­was Hef­ti­ge­rem, In­ni­ge­rem, viel Erns­te­rem ge­wor­den. Und doch wird mir ab und an noch mul­mig vor Bauchkrib­beln, wenn ich ihn an­se­he.

War­um trau ich Scheiß­feig­ling mich dann nicht, um sei­ne Hand an­zu­hal­ten?

Weil ich Angst habe, dass es ihm nicht ge­nau­so geht wie mir.

Er dreht sich zu mir um und schenkt mir ein Lä­cheln, ehe er das Ge­schenk an­vi­siert und leuch­ten­de Au­gen be­kommt. Be­geis­tert und über­rascht re­gis­triert er die Ver­pa­ckung und si­cher auch den Um­stand, dass ich mir viel Mühe da­mit ge­ge­ben habe, was sonst nicht mei­ne Art ist. Aber ich weiß, dass ihm Weih­nach­ten wich­tig ist – wich­ti­ger als sein Ge­burts­tag und alle an­de­ren Fest­ta­ge zu­sam­men­ge­n­om­men. Dar­um habe ich mich ins Zeug ge­legt. Und des­we­gen habe ich mir die­sen Tag für den An­trag aus­ge­sucht. Nur, um dann zu knei­fen.

Ich schie­be den Är­ger über mich selbst fort, um den Abend nicht zu ver­sau­en, und über­rei­che ihm fei­er­lich und im Ge­gen­zug für einen Kuss das Päck­chen.

Er reißt es auf, ohne – wie ich zu­vor – auf die Ver­pa­ckung zu ach­ten oder dar­auf, sie nicht zu be­schä­di­gen. Als er sich bis zu dem Pull­over mit dem kit­schi­gen Christ­baum durch­ge­wühlt hat, kommt ein Quiet­schen aus sei­ner Keh­le und er wird rot, weil er es hasst, wenn ihm das pas­siert. Ganz im Ge­gen­satz zu mir. Ich grin­se bis über bei­de Oh­ren und kann gar nicht da­mit auf­hö­ren, weil Vali lang­sam zu be­grei­fen be­ginnt, was das ei­gent­li­che Ge­schenk ist. Er zieht den zwei­ten Pul­li in der­sel­ben Aus­füh­rung her­vor und wirft einen ver­wirr­ten Blick auf das Schild mit der Grö­ße. Es ver­rät ihm, dass der zwei­te für mich ist und ich mich so­mit sei­ner Vor­lie­be für den Part­ner­look beu­ge.

»Ja, das ist schon rich­tig so«, murm­le ich und be­mü­he mich um einen bei­läu­fi­gen Ton­fall. »Die kön­nen wir mei­net­we­gen bis Neu­jahr an­ha­ben, wenn’s dich glü­ck­lich macht.«

Ich höre ihn nur noch rau mei­nen Na­men sa­gen, be­vor ich rü­ck­lings auf dem Tep­pich lan­de, weil er mir so hef­tig um den Hals fällt. Ich spü­re sein leich­tes Ge­wicht auf mir und schlin­ge die Arme um ihn, da­mit er ge­nau dort bleibt, wo er ist. Sei­ne Küs­se rau­ben mir den Atem und las­sen mein Herz noch hö­her schla­gen. Va­len­tin ist das Bes­te, was mir je pas­siert ist, und ich wer­de ihn nicht wie­der ge­hen las­sen. Ge­ra­de sieht es zu mei­nem Glück so aus, als wür­de er so­wie­so nicht weg wol­len. Wir sind der­ma­ßen ver­tieft in un­ser Ge­k­nut­sche, dass wir das Es­sen auf dem Herd ver­ges­sen. Die Sup­pe muss uns mit ei­nem zi­schen­den Über­ko­chen dar­an er­in­nern, dass sie noch da ist und dar­auf war­tet, ge­ges­sen zu wer­den.

Vali löst sei­ne Lip­pen von mir, ob­wohl ich in die un­te­re bei­ße, um ihn bei mir zu be­hal­ten. »Ich seh schon, dass ich heu­te auf dei­nem Schoß sit­zend es­sen muss«, meint er atem­los. »Aber erst­mal muss das Zeug ser­viert wer­den.« Da­mit steht er auf und zer­zaust mir das Haar, be­vor er in die Kü­che geht.

Ich blei­be noch kurz lie­gen und schaue ihm nach, um mich zu sam­meln. Dann fol­ge ich ihm, um beim Auf­ti­schen zu hel­fen.

 

*

 

Beim Früh­stück am Weih­nachts­mor­gen füt­tert Vali mich mit Müs­li und fri­schen Obst­stü­ck­chen, wäh­rend wir im Schlaf­an­zug auf der Couch rum­gam­meln. An­statt den Fern­se­her an­zu­ma­chen, se­hen wir aus dem Fens­ter, weil die Aus­sicht schö­ner ist, als jede Fern­seh­sen­dung es sein könn­te. Der Him­mel ist blau wie Eis­was­ser und kei­ne Wol­ke ist zu se­hen. Über Nacht hat es ge­schneit und der Baum vor dem Haus trägt die wei­ße, flo­cki­ge Mas­se auf sei­nen grün be­na­del­ten Äs­ten.

Vali kaut auf ein paar Ha­fer­flo­cken mit Pfir­sich her­um. »Ich freu mich dar­auf, aus der Stadt raus­zu­kom­men«, sagt er lä­chelnd. »Aber ich bin to­tal ner­vös.«

Mich trifft halb der Schlag, als er das sagt, denn es kann nur be­deu­ten, dass er die An­kün­di­gung mei­nes Be­suchs bei mei­ner Tan­te miss­ver­stan­den hat. Ich ver­wei­ge­re den nächs­ten Bis­sen, der mir an den Mund ge­führt wird. »Vali, ich fahr al­lein«, wür­ge ich her­vor und mer­ke zu spät, wie hei­ser ich klin­ge – und wie sehr ich ihn vor den Kopf sto­ße.

Er senkt den Blick und lässt den Löf­fel in die Scha­le sin­ken. Sein Kör­per ver­spannt sich. »Das war so nicht aus­ge­macht«, er­wi­dert er zäh­ne­knir­schend.

»Ei­gent­lich schon. Ich hab dir ge­sagt, dass es mir lie­ber wäre, du wür­dest nicht mit­kom­men, und du hast okay ge­sagt«, rufe ich ihm in Er­in­ne­rung.

Die Milch schwappt über, als er die Müs­li­schüs­sel auf den Tisch stellt, da­mit er von mir ab­rü­cken kann. »Ich habe zur Kennt­nis ge­nom­men, dass dir das lie­ber wäre, und be­schlos­sen, trotz­dem mit­zu­kom­men. Wie lan­ge willst du mich noch vor dei­ner Fa­mi­lie ver­ste­cken?«, schreit er mich an, wäh­rend er auf­springt. Er schreit nie. Dass er es jetzt tut, zeigt mir, wie hef­tig ich ihn ver­letzt habe.

»Mei­ne Fa­mi­lie«, wie­der­ho­le ich spöt­tisch. »Vali, die­se Leu­te seh ich viel­leicht fünf Mal im Jahr! Ich fahr da bloß hin, weil Leo­nie mich dar­um ge­be­ten hat.« Mei­ne Cou­si­ne wird von un­se­rer Groß­mut­ter ge­pie­sackt, wo es geht, und Leo­nie be­haup­tet, dass es nur dann bes­ser ist, wenn ich da­bei bin. So las­se ich mich an ih­rem Ge­burts­tag, Os­tern, Weih­nach­ten und sons­ti­gen Fest­ta­gen dazu breit­schla­gen, mit zu ih­ren El­tern zu fah­ren. Die­ses Jahr hät­te sie sich fast die Zäh­ne an mir aus­ge­bis­sen, weil ich bei Va­len­tin blei­ben woll­te. Schließ­lich hat sie mich aber doch zu ei­nem kur­z­en Pflicht­be­such über­re­det. Jetzt könn­te ich mich für mei­ne Nach­gie­big­keit win­del­weich prü­geln.

»Trotz­dem ge­hö­ren sie zu dei­ner Fa­mi­lie! Und du wei­gerst dich nach fast ei­nem Jahr im­mer noch, mich ih­nen vor­zu­stel­len! Was soll ich da­von hal­ten?«

»Vali, ich hab dich mei­nen El­tern als mei­nen fes­ten Freund vor­ge­stellt, da hat­te ich dich noch nicht mal ge­fragt, ob du mit mir ge­hen willst! Was hältst du denn da­von? Oder hast du das ver­ges­sen?«

Er ver­sucht es mit dem Wel­pen­blick. Ver­mut­lich, ohne es be­wusst zu tun. »Lass uns zu­sam­men hin­fah­ren, Aleks. Bit­te. Ich will über Weih­nach­ten bei dir sein.«

Ich muss weg­schau­en, sonst wer­de ich weich. Aber jetzt weich zu wer­den, könn­te mich vie­les kos­ten. Al­les. »Es geht nicht. Ein an­der­mal, ja? Ich ver­spre­che dir auch, nicht lan­ge zu blei­ben. Am spä­ten Nach­mit­tag bin ich wie­der da und dann kön­nen wir noch was un­ter­neh­men. Nur wir bei­de.«

Va­len­tin hört mir gar nicht zu. »Als Weih­nachts­ge­schenk?«, schlägt er ei­lig, fast ver­zwei­felt vor. »Du musst den Pul­li nie­mals an­zie­hen, wenn du nicht magst. Du kannst ihn so­gar zu­rück­ge­ben, wenn du mich bloß mit­nimmst.«

»Vali«, flüs­te­re ich eben­so ge­quält wie ver­bis­sen. »Es geht nicht. Es geht ein­fach nicht, bit­te glaub mir.«

Sei­ne Schul­tern sin­ken nach un­ten. Ihn scheint ein Ver­dacht zu über­kom­men. Als er mir eine Fra­ge stellt, zit­tert sei­ne Stim­me: »Darf die­ser Teil der Fa­mi­lie etwa nicht wis­sen, dass du auf Jungs stehst?«

Mei­ne Au­gen wer­den weit. Ich schlu­cke müh­sam ge­gen mei­ne en­ger wer­den­de Keh­le an, die vor Ma­gen­säu­re brennt. Blut rauscht in mei­nen Oh­ren. »Nein«, stamm­le ich kaum hör­bar. Die Art, wie er mich dar­auf­hin an­sieht, lässt mir das Herz ste­hen blei­ben. Als er sich ohne ein wei­te­res Wort um­dreht, be­grei­fe ich, dass ich einen Feh­ler ge­macht habe. »Va­len­tin!« Ich sprin­ge auf, als er sich zu mei­nem Ent­set­zen den Man­tel über dem Schlaf­an­zug an­zieht und in Stie­fel schlüpft. »Wo willst du hin? Das tust du mir jetzt nicht ernst­haft an, oder?«

»Ich tu dir was an? Ja klar, Aleks. Denk mal in Ruhe dar­über nach, was du da ge­ra­de ge­sagt hast. Kei­ne Sor­ge, ich lass dir ge­nug Zeit dazu und wer­de dich nicht wei­ter be­drän­gen. Fro­hen ers­ten Weih­nachts­tag.« Da­mit stürmt er aus der Woh­nung und knallt dir Tür hin­ter sich zu.

Ich will ihm hin­ter­her, kann mich aber nicht be­we­gen, weil mir klar wird, dass ich rich­tig Mist ge­baut und un­ser ers­tes ge­mein­sa­mes Weih­nach­ten gründ­lich ver­saut habe. Wie bei je­dem Streit be­kom­me ich es mit der Angst zu tun. Was, wenn Vali er­kennt, dass er nicht mit so ei­nem Trot­tel zu­sam­men­sein will? Um die­se Ein­sicht zu­min­dest hin­aus­zu­zö­gern, kom­me ich end­lich in die Gän­ge und has­te die Trep­pen hin­un­ter.

Un­ten an­ge­kom­men rei­ße ich die Ein­gangs­tür auf, bli­cke nach links und rechts, aber die Stra­ße ist men­schen­leer. Ich blinz­le, um mich dann ein wei­te­res Mal zu ver­ge­wis­sern, dass Vali nicht mehr in der Nähe ist, wäh­rend mei­ne So­cken sich mit Schnee­matsch voll­sau­gen. Mein Herz re­bel­liert laut und schmerz­haft ge­gen sein Fort­s­ein und die Tat­sa­che, dass ich ihn weg­ge­jagt habe. Mei­ne Lun­gen zie­hen sich zu­sam­men, als woll­ten sie ver­hin­dern, dass ich wei­ter atme.

Frös­telnd lau­fe ich rauf in die Woh­nung. Be­vor ich rein­ge­he, strei­fe ich die So­cken ab, weil Vali mir an­dern­falls den Hals um­dreht, wenn er nach Hau­se kommt. Ich tra­ge sie ins Bad und grei­fe zum Han­dy, um ihn an­zu­ru­fen. Er geht nicht ran und ich muss war­ten, bis ich auf der Mail­box lan­de.

---ENDE DER LESEPROBE---