Dieser gottverdammte Weihnachtsblues - Tharah Meester - E-Book

Dieser gottverdammte Weihnachtsblues E-Book

Tharah Meester

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Beschreibung

Weihnachtsmuffel Phil wird von seinen Brüdern zum Adventmarkt geschleppt. Als wäre das nicht schlimm genug, wird er dort von einem Idioten über den Haufen gerannt. Einem ziemlich sexy Idioten mit zuckersüßem Lächeln, der allerdings in einer völlig anderen Liga spielt. Phil kann also weder das Herzklopfen noch das Kribbeln im Bauch gebrauchen und will den Kerl so schnell wie möglich loswerden, aber seine Brüder machen ihm einen Strich durch die Rechnung. Ehe er sich's versieht, hat er ein Date mit dem attraktiven Hipster Chris. Wie soll er bloß einen ganzen Tag an dessen Seite überstehen, ohne sich anmerken zu lassen, dass er sich komplett verknallt hat?

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Die­ser gott­ver­damm­te

Weih­nachts­blues

 

 

 

Tha­rah Mees­ter

 

 

In­halts­ver­zeich­nis

 

In­halts­ver­zeich­nis

Vor­wort

Die­ser gott­ver­damm­te Weih­nachts­blues

Nach­wort

Über die Au­to­rin

Im­pres­s­um

 

 

 

Vor­wort

 

Es war ein­mal eine Schrift­stel­le­r­in, die glaub­te, sie wür­de nie­mals eine Weih­nachts­ge­schich­te schrei­ben. Aber ei­nes Ta­ges ka­men ihr zwei Jungs in die Que­re, die ihr den Irr­glau­ben aus­trie­ben und sie zwan­gen, ihre herz­er­wär­me­n­de Ge­schich­te auf­zu­schrei­ben, um ein paar Leu­te da drau­ßen da­von zu über­zeu­gen, dass es doch Weih­nachts­wun­der gibt. Kei­ne gro­ßen Sen­sa­ti­o­nen oder flie­gen­den Ren­tie­re, son­dern klei­ne, rüh­ren­de Ges­ten und Ge­scheh­nis­se, die da­für sor­gen, dass man sich auch in der dunk­len, kal­ten und hek­ti­schen Zeit des Jah­res dar­an er­in­nert, wor­auf es wirk­lich an­kommt.

 

Tha­rah

 

PS: Im Üb­ri­gen möch­te ich den Le­ser dar­auf hin­wei­sen, dass er sich gleich den Song »Gö, du bleibst heut Nacht bei mir« von S.T.S. be­reit­hal­ten soll. Da­mit er schnell ein­ge­schal­tet ist, wenn es so weit ist.

 

PPS: Ja, ich steh to­tal auf Aus­tro Pop und spie­le Ma­gic. In bei­des bin ich viel­leicht – und nur viel­leicht – ein we­nig ver­narrt. Ich woll­te es nur ge­sagt ha­ben – als Vor­war­nung.

 

Jetzt lass dich von mir auf einen klei­nen, ös­ter­rei­chi­schen Ad­vent­markt ent­füh­ren!

 

 

Die­ser gott­ver­damm­te Weih­nachts­blues

 

 

- Wird aus zwei­mal Weih­nachts­blues

kein­mal Weih­nachts­blues? -

 

 

Das zehn­te ›O Tan­nen­baum‹ ging ihm ge­wal­tig auf den Sack, das Ge­drän­ge der Leu­te vor den Stän­den noch viel mehr und über­haupt hat­te er so­was von kei­nen Bock auf Weih­nach­ten! Blöd nur, dass Weih­nach­ten sein Wil­le am Arsch vor­bei­ging und es trotz­dem kom­men und ihn ner­ven wür­de.

Phil drück­te dem Glüh­wein­mann drei Schei­ne in die Hand und wink­te ab, als der Kerl ihm sein Wech­sel­geld ge­ben woll­te. Soll­te er es doch be­hal­ten, als Op­fer­ga­be. Im­mer­hin war es nicht Phils Geld, son­dern das sei­ner Brü­der. Sie wür­den es ver­kraf­ten. Es war fast schon irre, wie viel eine Tas­se Kin­der­punsch und drei Tas­sen Glüh­wein kos­te­ten, wenn man da­für hei­ßen Oran­gen­saft und auf­ge­wärm­ten Fu­sel be­kam, in den man ver­trock­ne­te Nel­ken, Zimt­pul­ver und ein Oran­gen­scheib­chen ge­wor­fen hat­te. Oder was auch im­mer. Was wuss­te er schon von Glüh­wein?

Die Tas­sen arg­wöh­nisch im Auge be­hal­tend, stieg er die Stu­fe hin­ab.

Wel­cher Idi­ot bau­te ein Po­dest für sei­nen Glüh­wein­stand? Phil frag­te sich, wie vie­le leicht An­ge­hei­ter­te hier je­den Abend zu Bo­den gin­gen und sich ein Loch in den Schä­del schlu­gen, bloß weil der Be­sit­zer des Stan­des mein­te, ein Po­dest wür­de sich gut ma­chen.

Er kam heil un­ten an und nahm den Kies­weg zu­rück zum Tisch sei­ner Brü­der. Klei­ne Schrit­te ma­chend und den Leu­ten samt ih­ren Ell­bo­gen aus­wei­chend, kämpf­te er sich durch die Men­ge, de­nen das drei­zehn­te ›Mor­gen, Kin­der, wird’s was ge­ben‹ of­fen­bar nicht so sehr aufs Ge­müt schlug wie ihm. Ver­mut­lich die Wir­kung des Glüh­weins. Viel­leicht soll­te er sei­ne Ab­sti­nenz über­den­ken. Nein, kei­ne gute Idee. Lie­ber woll­te er bei sei­nen Brü­dern um Gna­de win­seln und sich von ei­nem der drei nach Hau­se fah­ren las­sen.

Plötz­lich ramm­te ihn je­mand mit vol­ler Wucht. Die Tas­sen prall­ten klir­rend an­ein­an­der, der hei­ße Wein schwapp­te über den Rand und ver­brüh­te ihm die Fin­ger. Mit ei­nem Fluch ließ er die Tas­sen fal­len. Das Pfand konn­te man ver­ges­sen.

Er gab sich alle Mühe, das Ge­ki­cher ei­ni­ger Mäd­chen zu igno­rie­ren, das mit Si­cher­heit auf ihn ab­ziel­te, und wisch­te sich die Fin­ger an sei­nem Man­tel ab. Zum Glück wa­ren die Ge­trän­ke nicht so heiß ge­we­sen, wie der Name ver­sprach, sonst wür­de sei­ne Haut jetzt an­ders aus­se­hen.

Wü­tend sah er den Kerl an, der das Cha­os ver­ur­sacht hat­te.

Der Typ war einen Kopf klei­ner als er und ziem­lich schmal. Ver­dammt, wie hat­te der Zu­sam­men­stoß dann so def­tig aus­fal­len kön­nen?

Sein Blick traf auf einen er­schro­cke­nen aus ge­wei­te­ten Au­gen, die pas­send zur Jah­res­zeit die Fa­r­be von Tan­nen­na­deln hat­ten.

Phil hat­te sei­nem Zorn Luft ma­chen wol­len, aber das hüb­sche Ge­sicht sei­nes Ge­gen­übers ver­hin­der­te einen Wut­aus­bruch.

Der Mann schien un­ge­fähr in sei­nem Al­ter, war so glatt ra­siert wie der Ba­by­po­po sei­nes Nef­fen und trug eine auf­fäl­li­ge Hips­ter­bril­le, die zu sei­nem Un­der­cut pass­te und eben­so schwa­rz war wie der Woll­schal um sei­nen Hals. Un­ter der Ja­cke rag­ten hüb­sche Bei­ne in en­gen Jeans her­vor.

»Schei­ße, das tut mir leid, ich hab dich über­se­hen«, kam reu­ig von dem Un­be­kann­ten.

Die Ent­schul­di­gung igno­rie­rend bück­te Phil sich nach den Tas­sen, die nicht zer­bro­chen, son­dern nur an­ge­schla­gen wa­ren. Er nahm an, dass der rem­peln­de Glüh­wein­mör­der die Chan­ce nut­zen und ab­hau­en wür­de. Statt­des­sen ging er eben­falls in die Knie und griff nach zwei Tas­sen.

»Du hast dir doch nicht weh­ge­tan, oder?«, frag­te der Typ mit ei­ner Stim­me, die einen woh­li­gen Schau­er über Phils Rü­cken jag­te.

Er schüt­tel­te den Kopf, was den an­de­ren nicht da­von ab­hielt, nach sei­ner Rech­ten zu grei­fen und die leicht ge­röte­te Haut zu be­gut­ach­ten. Ein Strom­schlag er­wi­sch­te ihn heiß und glei­ßend. Er zuck­te zu­rück und wur­de rot. Das hat­te ihm ge­ra­de noch ge­fehlt.

»Lass den Scheiß«, knurr­te er und ent­zog sich den schlan­ken, kal­ten Fin­gern.

»Ich bin üb­ri­gens Chris«, stell­te die­ser sich vor, wäh­rend sie wie­der auf die Bei­ne ka­men. »Nur, da­mit du Be­scheid weißt, mit wem du schimp­fen musst, falls du das nach­ho­len willst. Ich be­zahl eine neue Run­de. Zur Wie­der­gut­ma­chung, okay?«

»Nicht nö­tig. Kein Ding.«

»Kei­ne Wi­der­re­de. Zur Ent­schä­di­gung müss­te ich ei­gent­lich eine zwei­te Run­de drauf­pa­cken«, grins­te Chris und brach­te Phils Herz zum Ra­sen. Her­vor­ra­gend. »Zu­min­dest helf ich dir tra­gen, ja?«

Sich sei­nem Schick­sal er­ge­bend trot­te­te Phil hin­ter dem Kerl her und war­te­te, bis der be­zahlt hat­te, wo­bei er ab­sicht­lich in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung starr­te und sei­nen Blick über die vie­len Köp­fe in bun­ten Hau­ben schwei­fen ließ – nur da­mit er die­sen sü­ßen Ty­pen nicht an­se­hen muss­te.

»Wo­hin müs­sen die? Bist du mit Freun­den da?«, frag­te Chris, als er mit vier Tas­sen in den Hän­den ne­ben ihm auf­tauch­te.

»Mit mei­nen Brü­dern.« Er nick­te in de­ren Rich­tung und folg­te Chris, dem die Leu­te wil­li­ger aus­wi­chen als ihm zu­vor.

»Wer­den die mir eine aufs Maul ge­ben, weil ich dich um­ge­rannt habe?«, scherz­te Chris und warf Phil einen Blick über die Schul­ter zu, der es ihm heiß wer­den ließ.

»Glaub ich kaum«, gab er mur­melnd zu­rück und hoff­te, dass Chris bald ver­schwin­den wür­de. Am bes­ten, be­vor das Krib­beln im Bauch zu über­mäch­tig wur­de oder ei­ner sei­ner Brü­der was Dum­mes sa­gen konn­te.

Da bo­gen sie um die Kur­ve und schon war es zu spät.

Mar­kus, der Äl­tes­te, stieß Tho­mas in die Sei­te und mein­te laut: »Seht mal, wen Phil­lip da mit­bringt. Ist das sein Freund?«

Tho­mas mach­te gro­ße Au­gen. »Ich glaub’s nicht, mein klei­ner Bru­der hat end­lich einen Freund!«

»Der sieht rich­tig gut aus, hät­te ich ihm gar nicht zu­ge­traut, un­se­rem Phil«, misch­te sich Har­ry ein und grins­te so breit, dass sei­ne Mund­win­kel fast sei­ne Ohr­läpp­chen be­rühr­ten.

Phil wuss­te manch­mal nicht, ob er sich dar­über freu­en oder es ver­flu­chen soll­te, dass sei­ne Fa­mi­lie so pro­blem­los ak­zep­tier­te, dass er auf Jungs stand. In je­nem pein­li­chen Mo­ment tat er selbst­ver­ständ­lich Letz­te­res.

»Das ist Chris, er hat mich um­ge­rannt«, stell­te er un­char­mant vor und wand­te sich an den Glüh­wein­trä­ger: »Dan­ke, du kannst ge­hen.«

»Ge­hen?«, rief Mar­kus em­pört aus und leg­te die Stirn grim­mig in Fal­ten, was schon so man­chen Kerl ein­ge­schüch­tert hat­te. Sein äl­tes­ter Bru­der wur­de oft mit ei­nem Bä­ren ver­gli­chen – groß, stäm­mig, voll­bär­tig und brum­mig. »Der geht nir­gend­wo­hin. Erst er­klärt er mir, wie­so er mei­nen klei­nen Bru­der um­schubst!«

»War wirk­lich kei­ne Ab­sicht«, gab Chris zu­rück, wo­bei er nicht son­der­lich be­ein­druckt von Mar­kus’ Ton­fall schien. Er stell­te für je­den eine Tas­se auf den Tisch, um die letz­te Phil zu rei­chen.

Phil lehn­te mit ei­nem Kopf­schüt­teln ab. »Ich trin­ke kei­nen Glüh­wein.«

Chris be­dach­te ihn mit ei­nem Schmun­zeln, das ihn noch ner­vö­ser mach­te. »Das ist wahr­schein­lich der Grund da­für, war­um der Kerl vom Stand hier nur Kin­der­punsch rein­ge­füllt hat, als ich ihm sag­te, du hät­test gern noch mal das­sel­be.«

»Dann sag mal, Chris«, mein­te Tho­mas er­hei­tert. »Wie machst du wie­der gut, dass du mei­nen Bru­der um­ge­sto­ßen hast?«

Phil un­ter­drück­te ein Auf­stöh­nen und frag­te sich, ob die Si­tua­ti­on noch un­an­ge­neh­mer wer­den konn­te. »Ist ja nicht so, als hät­te er mich um­ge­bracht. Er hat eine neue Run­de spen­diert, das ist Wie­der­gut­ma­chung ge­nug.«

»Lass das mal uns ent­schei­den«, kon­ter­te Har­ry und nahm einen Schluck Glüh­wein, be­vor er nach ei­nem Keks griff. »Also, Chris, er­zähl von dir.«

»Leu­te, reißt euch zu­sam­men, das ist nur ir­gend­ein Typ von der Stra­ße«, zisch­te Phil und wür­de am liebs­ten im Erd­bo­den ver­sin­ken.

»Na, di­rekt von der Stra­ße bin ich nicht«, er­wi­der­te Chris amü­siert.

»Ich mein­te da­mit auch nicht, dass du auf der Stra­ße lebst, son­dern dass wir uns nur zu­fäl­lig be­geg­net sind. Viel­leicht gehst du jetzt bes­ser«, schlug er vor, um zu ret­ten, was noch zu ret­ten war.

Aber Chris blieb und nipp­te an dem Kin­der­punsch, den Phil nicht an­ge­nom­men hat­te. »Was wollt ihr wis­sen?«

»Al­ter, wohn­haft, Be­ruf. Das Üb­li­che«, mein­te Mar­kus und ver­schränk­te die kräf­ti­gen Arme auf dem Steh­tisch.

»23. Krä­hen­weg 19. Jung­un­ter­neh­mer, ge­wis­ser­ma­ßen.«

Tho­mas stieß Phil in die Rip­pen. »Klingt nett. Wär der nichts für dich, Phil?«

»Der Klei­ne hat noch gar nichts zu mel­den. Erst muss Chris durch den Brü­der­check«, brumm­te Mar­kus. »Also, die Süh­ne. Was wird das sein?«

Chris lä­chel­te, als wäre er nicht von Ir­ren um­ge­ben, und wand­te sich Phil zu: »Du hast was gut bei mir, ja? Einen Wunsch frei.«

War­um muss­te der Typ so vie­le Sät­ze mit ei­nem Fra­ge­zei­chen be­en­den? Und wes­halb such­te er nicht längst das Wei­te? War er be­trun­ken, ver­rückt oder ein­fach nur blöd? Viel­leicht so­gar al­les zu­sam­men?

»Hört, hört!« Har­ry nick­te an­er­ken­nend.

»Ich wün­sche mir aber nichts«, er­wi­der­te Phil.

»Du hast vor­hin ge­sagt, du musst noch Ge­schen­ke be­sor­gen, Phil­lip«, er­in­ner­te Mar­kus ihn in sei­ner ge­wohn­ten Lie­bens­wür­dig­keit – der Arsch! »Wie wär’s, wenn Chris dich fährt, wo wir doch alle Paps hel­fen, wenn er bei Tan­te Elsa in letz­ter Mi­nu­te die Ren­tie­re auf dem Dach mon­tiert?«

»Klar, mach ich gern«, misch­te Chris sich ein, be­vor Phil ab­leh­nen konn­te.

»Ich den­ke nicht, dass das nö­tig ist«, würg­te er her­vor.

Tho­mas lach­te und plap­per­te, ob­wohl ihm nie­mand zu­hör­te: »Un­ser Tant­chen hat ein paar ame­ri­ka­ni­sche Weih­nachts­ko­mö­di­en zu viel ge­se­hen und bil­det sich jetzt ein, sie müs­se auch Ren­tie­re auf dem Dach ha­ben. Aber selbst­ver­ständ­lich ohne Weih­nachts­mann. Im­mer­hin glaubt sie ans Christ­kind.«

 »Gib dein Han­dy her, Chris, ich spei­cher dir Phils Num­mer ein und schreib dir un­se­re Adres­se auf«, bot Har­ry zu­vor­kom­mend an.

»Klar.« Chris, der ge­wal­tig einen an der Zimt­waf­fel ha­ben muss­te, hol­te sein Han­dy her­vor. Ein ur­al­tes Ding, das man noch mit Tas­ten be­dien­te und das er ver­mut­lich auf dem Floh­markt ge­kauft hat­te. »Wann soll ich dich ab­ho­len?«

»Wenn die Höl­le zu­ge­fro­ren ist«, ant­wor­te­te Phil, doch sei­ne Wor­te fan­den kein Ge­hör.

»Um zehn Uhr vor­mit­tags passt es ihm gut. Wir er­war­ten dich pünkt­lich«, sag­te Mar­kus und hob die Au­gen­brau­en. »Jetzt darfst du ge­hen. Wir müs­sen mit un­se­rem Bru­der spre­chen.«

»Dann bis mor­gen, ja?«, schmun­zel­te Chris und woll­te schon ge­hen, als er sich der Tas­se in sei­nen Hän­den be­wusst wur­de. Er streck­te sie Phil ent­ge­gen: »Dein Kin­der­punsch. Sor­ry, es fehlt ein Schluck. Schö­nen Abend noch.«

Phil nahm die Tas­se und senk­te den Kopf, bis Chris ihm den Rü­cken zu­wand­te. Dann warf er einen Blick auf des­sen Hin­ter­teil, wel­ches ziem­lich sexy war. Er sah dem Wahn­sin­ni­gen nach, bis er im Ge­tüm­mel ver­schwand, und wand­te sich an­schlie­ßend den drei Ver­rück­ten zu, die aus ir­gend­ei­ner Ner­ven­kli­nik aus­ge­bro­chen wa­ren, um so zu tun, als sei­en sie sei­ne Brü­der. »Seid ihr be­scheu­ert? Was bil­det ihr euch ein, mich so bloß­zu­stel­len?«

»Wie­so denn bloß­stel­len?«, schüt­tel­te Mar­kus den Kopf, der nie be­grif­fen hat­te, wie Phil die blö­den Kom­men­ta­re sei­ner Mit­schü­ler und Kol­le­gen so nahe ge­hen konn­ten.

»Weil ihr mich wie einen Voll­trot­tel habt da­ste­hen las­sen! Und den wild­frem­den Ty­pen da mit rein­zieht! Was soll denn der von mir den­ken?«

»Der fin­det dich ganz schön süß, wie’s aus­sieht«, grins­te Tho­mas und schob ein paar Sträh­nen sei­nes blond­ge­lock­ten Haa­res un­ter die Hau­be zu­rück.

Phil konn­te nur freud­los la­chen. Als ob ir­gend­je­mand ihn süß fin­den könn­te! Noch dazu ein so at­trak­ti­ver Mann wie Chris! Und wie ka­men die Idi­o­ten über­haupt auf den Ge­dan­ken, dass Chris auf Män­ner stand?!

»Jetzt hast du we­nigs­tens eine Fahr­ge­le­gen­heit für mor­gen. Freu dich«, misch­te Har­ry sich mit vol­lem Mund ein und wisch­te sich Staub­zu­cker vom Mund­win­kel, den ein Va­nil­le­kip­ferl dort hin­ter­las­sen hat­te.

»Eine Fahr­ge­le­gen­heit. Ja, klar. Weil der wirk­lich auf­taucht. Ihr seid doch be­scheu­ert.« Da­mit mach­te er kehrt und be­schloss, zu Fuß nach Hau­se zu ge­hen.

»Phil­lip, wo rennst du denn hin?«, woll­te Mar­kus wis­sen.

»Phil, jetzt war­te mal!«, rief Tho­mas ihm hin­ter­her, wäh­rend Har­ry nur ein ge­nerv­tes ›Ach, Phil!‹ stöhn­te und ver­mut­lich den Kopf über ihn schüt­tel­te, wie er es im­mer tat.

 

*

 

Sei­ne Ner­vo­si­tät war nicht zu bän­di­gen, als er vor dem Ein­fa­mi­li­en­haus park­te, des­sen Adres­se Har­ry ihm auf­ge­schrie­ben hat­te. Phil hat­te ei­gent­lich recht deut­lich klar ge­macht, dass er kei­nen Wert dar­auf leg­te, von ihm ir­gend­wo­hin ge­fah­ren zu wer­den. Trotz­dem war Chris hier. Er hoff­te, trotz Phils ab­wei­sen­dem Ver­hal­ten eine Chan­ce bei ihm zu ha­ben. Viel­leicht war er nur schlecht drauf ge­we­sen, weil Chris wie ein Depp in ihn rein­ge­pol­tert war. Das schien nicht ab­we­gig, son­dern so­gar ziem­lich wahr­schein­lich.

Da­bei war der Zu­sam­men­stoß wirk­lich kei­ne Ab­sicht ge­we­sen. Nach ei­nem Abend­spa­zier­gang hat­te Chris nur so schnell wie mög­lich durch den Park ge­wollt, um den Ad­vent­markt nicht län­ger als nö­tig er­tra­gen zu müs­sen. Er hat­te sich wohl ein biss­chen zu sehr be­eilt.

Je­den­falls war Phil zu süß, als dass er nicht al­les da­für tun wür­de, ihn nä­her ken­nen­zu­ler­nen. Des­halb warf er einen prü­fen­den Blick in den In­nen­spie­gel, zog sei­ne Flie­ge aus blau ge­web­tem Stoff zu­recht und stieg aus.

Der Weg zur Haus­tür war wie ein Spieß­ru­ten­lauf. Also kein ech­ter, weil weit und breit nie­mand zu se­hen war, doch er hat­te das Ge­fühl, man wür­de ihn von den Fens­tern aus be­ob­ach­ten. Er wag­te es nicht, nach oben zu se­hen und sich zu ver­ge­wis­sern, dass es nur sei­ne Pa­ra­noia war, die ihn so den­ken ließ.

Das Haus sah edel aus. Groß, mit hel­ler Fas­sa­de und ei­nem ge­pfleg­ten Vor­gar­ten. Sein Auto war fast als klei­ner Schand­fleck in die­ser Um­ge­bung zu be­zeich­nen und er selbst sah aus wie ein ein­ge­bil­de­ter Stu­dent aus der Stadt, der in den Fe­ri­en hier Nach­hil­fe gab.

»Oh Mann, be­ru­hig dich und klin­g­le ein­fach«, mur­mel­te er und hob die Hand, um zu ge­hor­chen.

Es dau­er­te nicht lan­ge, bis ihm ge­öff­net wur­de. Al­ler­dings war es we­der Phil noch ei­ner sei­ner Brü­der, der die Tür auf­mach­te. Statt­des­sen er­schien eine Frau, die ihn ver­wirrt mus­ter­te und ge­wiss Phils Mut­ter war. Sie hat­te blon­des Haar und ein freund­li­ches Ge­sicht mit ei­nem of­fe­nen Blick.

»Ja bit­te?«, frag­te sie und lä­chel­te ihn an.

Chris be­müh­te sich, sei­ne Mund­win­kel zu ei­nem Schmun­zeln zu he­ben, aber sie zit­ter­ten vor Auf­re­gung. Er fühl­te sich wie ein klei­ner Jun­ge, der sei­nen Kum­pel zum Spie­len ab­ho­len woll­te und sich erst des­sen Mut­ter stel­len muss­te. »Gu­ten Tag, ich bin Chri­s­toph. Ist Phil­lip da? Wir sind ver­ab­re­det.« Ir­gend­wie.

Phils Mut­ter mach­te gro­ße Au­gen und ihre Mie­ne hell­te sich wei­ter auf. »Ver­ab­re­det? Da­von hat er gar nichts er­zählt. Kom­men Sie rein.«

Chris tat, wie ihm ge­hei­ßen, und er­war­te­te, man wür­de Phil ho­len und ihn so­lan­ge im hell ein­ge­rich­te­ten Vor­raum war­ten las­sen. Tat­säch­lich schick­te sich Phils Mut­ter an, nach ih­rem Sohn zu ru­fen. Ihre Ab­sich­ten wa­ren ein­deu­tig, als sie eine Hand auf das Stie­gen­ge­län­der leg­te und einen Blick die Trep­pe hin­auf warf. Plötz­lich klin­gel­te in der Kü­che eine Ei­er­uhr. Phils Mut­ter wand­te sich um und mach­te ein Ge­sicht, als hät­te sie ver­ges­sen, sich den We­cker ge­stellt zu ha­ben. Dann wink­te sie Chris mit sich. »Ich muss die Kek­se aus dem Ofen ho­len. Trin­ken Sie schnell einen Ka­kao mit mir.«

Das Herz sank ihm tie­fer in die Hose, aber zu ei­nem Ka­kao sag­te er nie­mals Nein. Zag­haft streif­te er sich die Schu­he von den Fü­ßen und trap­pel­te hin­ter Phils Mut­ter her. In der Kü­che duf­te­te es nach Kek­sen, Zimt und Oran­gen. Ein Ge­steck aus Tan­nen­zwei­gen und al­ler­lei Schmuck zier­te die Fens­ter­bank.

Chris schluck­te hart. Er hat­te seit dem Un­fall nicht ein­mal einen Ad­vent­kranz ge­habt, ge­schwei­ge denn einen Baum. Seit sei­ne El­tern nicht mehr hier wa­ren, hat­te er nicht das Be­dürf­nis ver­spürt, Weih­nach­ten zu fei­ern.

»Set­zen Sie sich, Chri­s­toph. Der Ka­kao kommt gleich.« Phils Mut­ter, de­ren Gast­freund­schaft ihm ein war­mes Ge­fühl in der Brust be­scher­te, griff nach zwei Topf­hand­schu­hen in knall­pink.

»Sie dür­fen ru­hig Du sa­gen«, mein­te Chris und be­ob­ach­te­te sie da­bei, wie sie ein Blech aus dem Rohr zog. Er nahm am Ess­tisch Platz, der groß ge­nug war, dass die gan­ze Fa­mi­lie zu­sam­men es­sen konn­te. Wohn­ten alle von Phils Brü­dern noch zu­hau­se? Wohl kaum. Aber an den Wo­chen­en­den ka­men sie si­cher zu Be­such.

»Das muss dann aber für uns bei­de gel­ten«, sag­te sie und wand­te sich ihm zu, um ihm die Hand zu schüt­teln. Samt dem Topf­hand­schuh, was sie bei­de zum La­chen brach­te. »Anni.«

Wäh­rend die Milch in der Mi­kro­wel­le heiß wur­de, küm­mer­te Anni sich um die nächs­te La­dung Kek­se. »Wie habt ihr bei­den euch denn ken­nen­ge­lernt?«, frag­te sie in ei­nem Ton­fall, der ihr Be­mü­hen ver­ri­et, nicht all­zu neu­gie­rig zu klin­gen.

»Auf dem Ad­vent­markt«, mein­te Chris lä­chelnd und rieb sich die Hän­de zwi­schen den Ober­schen­keln. Viel­leicht war es nicht nur die Käl­te, son­dern auch sei­ne ver­hass­te Schüch­tern­heit, die ihn dazu brach­te.

»Schön. Und was un­ter­nehmt ihr heu­te?«

»Ein­kau­fen ge­hen.«

»Oh, na dann viel Spaß«, grins­te Anni und stell­te ihm sei­nen Ka­kao vor die Nase, für den er sich lei­se be­dank­te. »Phil­lip hasst Ein­kau­fen. Ge­nau­so wie Weih­nach­ten. Das ist nicht sein Ding, wie ihr jun­gen Leu­te sagt, aber …«

Sie wur­den un­ter­bro­chen.

»Mum?« Phil kam die Trep­pe run­ter und Chris klam­mer­te sich an sei­ne Tas­se. »Was steht da für eine Schrott­kar­re in der Ein­fahrt? Ist das wie­der ei­ner der Ty­pen, die in der Nach­bar­schaft Pro­spek­te aus­tra­gen?« Da­mit er­schien er in der Tür, die Kinn­la­de klapp­te ihm her­un­ter und ihre Bli­cke tra­fen sich.

Phils Au­gen wa­ren so un­fass­bar blau, dass Chris der Atem stock­te.

---ENDE DER LESEPROBE---