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Weihnachtsmuffel Phil wird von seinen Brüdern zum Adventmarkt geschleppt. Als wäre das nicht schlimm genug, wird er dort von einem Idioten über den Haufen gerannt. Einem ziemlich sexy Idioten mit zuckersüßem Lächeln, der allerdings in einer völlig anderen Liga spielt. Phil kann also weder das Herzklopfen noch das Kribbeln im Bauch gebrauchen und will den Kerl so schnell wie möglich loswerden, aber seine Brüder machen ihm einen Strich durch die Rechnung. Ehe er sich's versieht, hat er ein Date mit dem attraktiven Hipster Chris. Wie soll er bloß einen ganzen Tag an dessen Seite überstehen, ohne sich anmerken zu lassen, dass er sich komplett verknallt hat?
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Dieser gottverdammte
Weihnachtsblues
Tharah Meester
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Dieser gottverdammte Weihnachtsblues
Nachwort
Über die Autorin
Impressum
Vorwort
Es war einmal eine Schriftstellerin, die glaubte, sie würde niemals eine Weihnachtsgeschichte schreiben. Aber eines Tages kamen ihr zwei Jungs in die Quere, die ihr den Irrglauben austrieben und sie zwangen, ihre herzerwärmende Geschichte aufzuschreiben, um ein paar Leute da draußen davon zu überzeugen, dass es doch Weihnachtswunder gibt. Keine großen Sensationen oder fliegenden Rentiere, sondern kleine, rührende Gesten und Geschehnisse, die dafür sorgen, dass man sich auch in der dunklen, kalten und hektischen Zeit des Jahres daran erinnert, worauf es wirklich ankommt.
Tharah
PS: Im Übrigen möchte ich den Leser darauf hinweisen, dass er sich gleich den Song »Gö, du bleibst heut Nacht bei mir« von S.T.S. bereithalten soll. Damit er schnell eingeschaltet ist, wenn es so weit ist.
PPS: Ja, ich steh total auf Austro Pop und spiele Magic. In beides bin ich vielleicht – und nur vielleicht – ein wenig vernarrt. Ich wollte es nur gesagt haben – als Vorwarnung.
Jetzt lass dich von mir auf einen kleinen, österreichischen Adventmarkt entführen!
Dieser gottverdammte Weihnachtsblues
- Wird aus zweimal Weihnachtsblues
keinmal Weihnachtsblues? -
Das zehnte ›O Tannenbaum‹ ging ihm gewaltig auf den Sack, das Gedränge der Leute vor den Ständen noch viel mehr und überhaupt hatte er sowas von keinen Bock auf Weihnachten! Blöd nur, dass Weihnachten sein Wille am Arsch vorbeiging und es trotzdem kommen und ihn nerven würde.
Phil drückte dem Glühweinmann drei Scheine in die Hand und winkte ab, als der Kerl ihm sein Wechselgeld geben wollte. Sollte er es doch behalten, als Opfergabe. Immerhin war es nicht Phils Geld, sondern das seiner Brüder. Sie würden es verkraften. Es war fast schon irre, wie viel eine Tasse Kinderpunsch und drei Tassen Glühwein kosteten, wenn man dafür heißen Orangensaft und aufgewärmten Fusel bekam, in den man vertrocknete Nelken, Zimtpulver und ein Orangenscheibchen geworfen hatte. Oder was auch immer. Was wusste er schon von Glühwein?
Die Tassen argwöhnisch im Auge behaltend, stieg er die Stufe hinab.
Welcher Idiot baute ein Podest für seinen Glühweinstand? Phil fragte sich, wie viele leicht Angeheiterte hier jeden Abend zu Boden gingen und sich ein Loch in den Schädel schlugen, bloß weil der Besitzer des Standes meinte, ein Podest würde sich gut machen.
Er kam heil unten an und nahm den Kiesweg zurück zum Tisch seiner Brüder. Kleine Schritte machend und den Leuten samt ihren Ellbogen ausweichend, kämpfte er sich durch die Menge, denen das dreizehnte ›Morgen, Kinder, wird’s was geben‹ offenbar nicht so sehr aufs Gemüt schlug wie ihm. Vermutlich die Wirkung des Glühweins. Vielleicht sollte er seine Abstinenz überdenken. Nein, keine gute Idee. Lieber wollte er bei seinen Brüdern um Gnade winseln und sich von einem der drei nach Hause fahren lassen.
Plötzlich rammte ihn jemand mit voller Wucht. Die Tassen prallten klirrend aneinander, der heiße Wein schwappte über den Rand und verbrühte ihm die Finger. Mit einem Fluch ließ er die Tassen fallen. Das Pfand konnte man vergessen.
Er gab sich alle Mühe, das Gekicher einiger Mädchen zu ignorieren, das mit Sicherheit auf ihn abzielte, und wischte sich die Finger an seinem Mantel ab. Zum Glück waren die Getränke nicht so heiß gewesen, wie der Name versprach, sonst würde seine Haut jetzt anders aussehen.
Wütend sah er den Kerl an, der das Chaos verursacht hatte.
Der Typ war einen Kopf kleiner als er und ziemlich schmal. Verdammt, wie hatte der Zusammenstoß dann so deftig ausfallen können?
Sein Blick traf auf einen erschrockenen aus geweiteten Augen, die passend zur Jahreszeit die Farbe von Tannennadeln hatten.
Phil hatte seinem Zorn Luft machen wollen, aber das hübsche Gesicht seines Gegenübers verhinderte einen Wutausbruch.
Der Mann schien ungefähr in seinem Alter, war so glatt rasiert wie der Babypopo seines Neffen und trug eine auffällige Hipsterbrille, die zu seinem Undercut passte und ebenso schwarz war wie der Wollschal um seinen Hals. Unter der Jacke ragten hübsche Beine in engen Jeans hervor.
»Scheiße, das tut mir leid, ich hab dich übersehen«, kam reuig von dem Unbekannten.
Die Entschuldigung ignorierend bückte Phil sich nach den Tassen, die nicht zerbrochen, sondern nur angeschlagen waren. Er nahm an, dass der rempelnde Glühweinmörder die Chance nutzen und abhauen würde. Stattdessen ging er ebenfalls in die Knie und griff nach zwei Tassen.
»Du hast dir doch nicht wehgetan, oder?«, fragte der Typ mit einer Stimme, die einen wohligen Schauer über Phils Rücken jagte.
Er schüttelte den Kopf, was den anderen nicht davon abhielt, nach seiner Rechten zu greifen und die leicht gerötete Haut zu begutachten. Ein Stromschlag erwischte ihn heiß und gleißend. Er zuckte zurück und wurde rot. Das hatte ihm gerade noch gefehlt.
»Lass den Scheiß«, knurrte er und entzog sich den schlanken, kalten Fingern.
»Ich bin übrigens Chris«, stellte dieser sich vor, während sie wieder auf die Beine kamen. »Nur, damit du Bescheid weißt, mit wem du schimpfen musst, falls du das nachholen willst. Ich bezahl eine neue Runde. Zur Wiedergutmachung, okay?«
»Nicht nötig. Kein Ding.«
»Keine Widerrede. Zur Entschädigung müsste ich eigentlich eine zweite Runde draufpacken«, grinste Chris und brachte Phils Herz zum Rasen. Hervorragend. »Zumindest helf ich dir tragen, ja?«
Sich seinem Schicksal ergebend trottete Phil hinter dem Kerl her und wartete, bis der bezahlt hatte, wobei er absichtlich in die entgegengesetzte Richtung starrte und seinen Blick über die vielen Köpfe in bunten Hauben schweifen ließ – nur damit er diesen süßen Typen nicht ansehen musste.
»Wohin müssen die? Bist du mit Freunden da?«, fragte Chris, als er mit vier Tassen in den Händen neben ihm auftauchte.
»Mit meinen Brüdern.« Er nickte in deren Richtung und folgte Chris, dem die Leute williger auswichen als ihm zuvor.
»Werden die mir eine aufs Maul geben, weil ich dich umgerannt habe?«, scherzte Chris und warf Phil einen Blick über die Schulter zu, der es ihm heiß werden ließ.
»Glaub ich kaum«, gab er murmelnd zurück und hoffte, dass Chris bald verschwinden würde. Am besten, bevor das Kribbeln im Bauch zu übermächtig wurde oder einer seiner Brüder was Dummes sagen konnte.
Da bogen sie um die Kurve und schon war es zu spät.
Markus, der Älteste, stieß Thomas in die Seite und meinte laut: »Seht mal, wen Phillip da mitbringt. Ist das sein Freund?«
Thomas machte große Augen. »Ich glaub’s nicht, mein kleiner Bruder hat endlich einen Freund!«
»Der sieht richtig gut aus, hätte ich ihm gar nicht zugetraut, unserem Phil«, mischte sich Harry ein und grinste so breit, dass seine Mundwinkel fast seine Ohrläppchen berührten.
Phil wusste manchmal nicht, ob er sich darüber freuen oder es verfluchen sollte, dass seine Familie so problemlos akzeptierte, dass er auf Jungs stand. In jenem peinlichen Moment tat er selbstverständlich Letzteres.
»Das ist Chris, er hat mich umgerannt«, stellte er uncharmant vor und wandte sich an den Glühweinträger: »Danke, du kannst gehen.«
»Gehen?«, rief Markus empört aus und legte die Stirn grimmig in Falten, was schon so manchen Kerl eingeschüchtert hatte. Sein ältester Bruder wurde oft mit einem Bären verglichen – groß, stämmig, vollbärtig und brummig. »Der geht nirgendwohin. Erst erklärt er mir, wieso er meinen kleinen Bruder umschubst!«
»War wirklich keine Absicht«, gab Chris zurück, wobei er nicht sonderlich beeindruckt von Markus’ Tonfall schien. Er stellte für jeden eine Tasse auf den Tisch, um die letzte Phil zu reichen.
Phil lehnte mit einem Kopfschütteln ab. »Ich trinke keinen Glühwein.«
Chris bedachte ihn mit einem Schmunzeln, das ihn noch nervöser machte. »Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum der Kerl vom Stand hier nur Kinderpunsch reingefüllt hat, als ich ihm sagte, du hättest gern noch mal dasselbe.«
»Dann sag mal, Chris«, meinte Thomas erheitert. »Wie machst du wieder gut, dass du meinen Bruder umgestoßen hast?«
Phil unterdrückte ein Aufstöhnen und fragte sich, ob die Situation noch unangenehmer werden konnte. »Ist ja nicht so, als hätte er mich umgebracht. Er hat eine neue Runde spendiert, das ist Wiedergutmachung genug.«
»Lass das mal uns entscheiden«, konterte Harry und nahm einen Schluck Glühwein, bevor er nach einem Keks griff. »Also, Chris, erzähl von dir.«
»Leute, reißt euch zusammen, das ist nur irgendein Typ von der Straße«, zischte Phil und würde am liebsten im Erdboden versinken.
»Na, direkt von der Straße bin ich nicht«, erwiderte Chris amüsiert.
»Ich meinte damit auch nicht, dass du auf der Straße lebst, sondern dass wir uns nur zufällig begegnet sind. Vielleicht gehst du jetzt besser«, schlug er vor, um zu retten, was noch zu retten war.
Aber Chris blieb und nippte an dem Kinderpunsch, den Phil nicht angenommen hatte. »Was wollt ihr wissen?«
»Alter, wohnhaft, Beruf. Das Übliche«, meinte Markus und verschränkte die kräftigen Arme auf dem Stehtisch.
»23. Krähenweg 19. Jungunternehmer, gewissermaßen.«
Thomas stieß Phil in die Rippen. »Klingt nett. Wär der nichts für dich, Phil?«
»Der Kleine hat noch gar nichts zu melden. Erst muss Chris durch den Brüdercheck«, brummte Markus. »Also, die Sühne. Was wird das sein?«
Chris lächelte, als wäre er nicht von Irren umgeben, und wandte sich Phil zu: »Du hast was gut bei mir, ja? Einen Wunsch frei.«
Warum musste der Typ so viele Sätze mit einem Fragezeichen beenden? Und weshalb suchte er nicht längst das Weite? War er betrunken, verrückt oder einfach nur blöd? Vielleicht sogar alles zusammen?
»Hört, hört!« Harry nickte anerkennend.
»Ich wünsche mir aber nichts«, erwiderte Phil.
»Du hast vorhin gesagt, du musst noch Geschenke besorgen, Phillip«, erinnerte Markus ihn in seiner gewohnten Liebenswürdigkeit – der Arsch! »Wie wär’s, wenn Chris dich fährt, wo wir doch alle Paps helfen, wenn er bei Tante Elsa in letzter Minute die Rentiere auf dem Dach montiert?«
»Klar, mach ich gern«, mischte Chris sich ein, bevor Phil ablehnen konnte.
»Ich denke nicht, dass das nötig ist«, würgte er hervor.
Thomas lachte und plapperte, obwohl ihm niemand zuhörte: »Unser Tantchen hat ein paar amerikanische Weihnachtskomödien zu viel gesehen und bildet sich jetzt ein, sie müsse auch Rentiere auf dem Dach haben. Aber selbstverständlich ohne Weihnachtsmann. Immerhin glaubt sie ans Christkind.«
»Gib dein Handy her, Chris, ich speicher dir Phils Nummer ein und schreib dir unsere Adresse auf«, bot Harry zuvorkommend an.
»Klar.« Chris, der gewaltig einen an der Zimtwaffel haben musste, holte sein Handy hervor. Ein uraltes Ding, das man noch mit Tasten bediente und das er vermutlich auf dem Flohmarkt gekauft hatte. »Wann soll ich dich abholen?«
»Wenn die Hölle zugefroren ist«, antwortete Phil, doch seine Worte fanden kein Gehör.
»Um zehn Uhr vormittags passt es ihm gut. Wir erwarten dich pünktlich«, sagte Markus und hob die Augenbrauen. »Jetzt darfst du gehen. Wir müssen mit unserem Bruder sprechen.«
»Dann bis morgen, ja?«, schmunzelte Chris und wollte schon gehen, als er sich der Tasse in seinen Händen bewusst wurde. Er streckte sie Phil entgegen: »Dein Kinderpunsch. Sorry, es fehlt ein Schluck. Schönen Abend noch.«
Phil nahm die Tasse und senkte den Kopf, bis Chris ihm den Rücken zuwandte. Dann warf er einen Blick auf dessen Hinterteil, welches ziemlich sexy war. Er sah dem Wahnsinnigen nach, bis er im Getümmel verschwand, und wandte sich anschließend den drei Verrückten zu, die aus irgendeiner Nervenklinik ausgebrochen waren, um so zu tun, als seien sie seine Brüder. »Seid ihr bescheuert? Was bildet ihr euch ein, mich so bloßzustellen?«
»Wieso denn bloßstellen?«, schüttelte Markus den Kopf, der nie begriffen hatte, wie Phil die blöden Kommentare seiner Mitschüler und Kollegen so nahe gehen konnten.
»Weil ihr mich wie einen Volltrottel habt dastehen lassen! Und den wildfremden Typen da mit reinzieht! Was soll denn der von mir denken?«
»Der findet dich ganz schön süß, wie’s aussieht«, grinste Thomas und schob ein paar Strähnen seines blondgelockten Haares unter die Haube zurück.
Phil konnte nur freudlos lachen. Als ob irgendjemand ihn süß finden könnte! Noch dazu ein so attraktiver Mann wie Chris! Und wie kamen die Idioten überhaupt auf den Gedanken, dass Chris auf Männer stand?!
»Jetzt hast du wenigstens eine Fahrgelegenheit für morgen. Freu dich«, mischte Harry sich mit vollem Mund ein und wischte sich Staubzucker vom Mundwinkel, den ein Vanillekipferl dort hinterlassen hatte.
»Eine Fahrgelegenheit. Ja, klar. Weil der wirklich auftaucht. Ihr seid doch bescheuert.« Damit machte er kehrt und beschloss, zu Fuß nach Hause zu gehen.
»Phillip, wo rennst du denn hin?«, wollte Markus wissen.
»Phil, jetzt warte mal!«, rief Thomas ihm hinterher, während Harry nur ein genervtes ›Ach, Phil!‹ stöhnte und vermutlich den Kopf über ihn schüttelte, wie er es immer tat.
*
Seine Nervosität war nicht zu bändigen, als er vor dem Einfamilienhaus parkte, dessen Adresse Harry ihm aufgeschrieben hatte. Phil hatte eigentlich recht deutlich klar gemacht, dass er keinen Wert darauf legte, von ihm irgendwohin gefahren zu werden. Trotzdem war Chris hier. Er hoffte, trotz Phils abweisendem Verhalten eine Chance bei ihm zu haben. Vielleicht war er nur schlecht drauf gewesen, weil Chris wie ein Depp in ihn reingepoltert war. Das schien nicht abwegig, sondern sogar ziemlich wahrscheinlich.
Dabei war der Zusammenstoß wirklich keine Absicht gewesen. Nach einem Abendspaziergang hatte Chris nur so schnell wie möglich durch den Park gewollt, um den Adventmarkt nicht länger als nötig ertragen zu müssen. Er hatte sich wohl ein bisschen zu sehr beeilt.
Jedenfalls war Phil zu süß, als dass er nicht alles dafür tun würde, ihn näher kennenzulernen. Deshalb warf er einen prüfenden Blick in den Innenspiegel, zog seine Fliege aus blau gewebtem Stoff zurecht und stieg aus.
Der Weg zur Haustür war wie ein Spießrutenlauf. Also kein echter, weil weit und breit niemand zu sehen war, doch er hatte das Gefühl, man würde ihn von den Fenstern aus beobachten. Er wagte es nicht, nach oben zu sehen und sich zu vergewissern, dass es nur seine Paranoia war, die ihn so denken ließ.
Das Haus sah edel aus. Groß, mit heller Fassade und einem gepflegten Vorgarten. Sein Auto war fast als kleiner Schandfleck in dieser Umgebung zu bezeichnen und er selbst sah aus wie ein eingebildeter Student aus der Stadt, der in den Ferien hier Nachhilfe gab.
»Oh Mann, beruhig dich und klingle einfach«, murmelte er und hob die Hand, um zu gehorchen.
Es dauerte nicht lange, bis ihm geöffnet wurde. Allerdings war es weder Phil noch einer seiner Brüder, der die Tür aufmachte. Stattdessen erschien eine Frau, die ihn verwirrt musterte und gewiss Phils Mutter war. Sie hatte blondes Haar und ein freundliches Gesicht mit einem offenen Blick.
»Ja bitte?«, fragte sie und lächelte ihn an.
Chris bemühte sich, seine Mundwinkel zu einem Schmunzeln zu heben, aber sie zitterten vor Aufregung. Er fühlte sich wie ein kleiner Junge, der seinen Kumpel zum Spielen abholen wollte und sich erst dessen Mutter stellen musste. »Guten Tag, ich bin Christoph. Ist Phillip da? Wir sind verabredet.« Irgendwie.
Phils Mutter machte große Augen und ihre Miene hellte sich weiter auf. »Verabredet? Davon hat er gar nichts erzählt. Kommen Sie rein.«
Chris tat, wie ihm geheißen, und erwartete, man würde Phil holen und ihn solange im hell eingerichteten Vorraum warten lassen. Tatsächlich schickte sich Phils Mutter an, nach ihrem Sohn zu rufen. Ihre Absichten waren eindeutig, als sie eine Hand auf das Stiegengeländer legte und einen Blick die Treppe hinauf warf. Plötzlich klingelte in der Küche eine Eieruhr. Phils Mutter wandte sich um und machte ein Gesicht, als hätte sie vergessen, sich den Wecker gestellt zu haben. Dann winkte sie Chris mit sich. »Ich muss die Kekse aus dem Ofen holen. Trinken Sie schnell einen Kakao mit mir.«
Das Herz sank ihm tiefer in die Hose, aber zu einem Kakao sagte er niemals Nein. Zaghaft streifte er sich die Schuhe von den Füßen und trappelte hinter Phils Mutter her. In der Küche duftete es nach Keksen, Zimt und Orangen. Ein Gesteck aus Tannenzweigen und allerlei Schmuck zierte die Fensterbank.
Chris schluckte hart. Er hatte seit dem Unfall nicht einmal einen Adventkranz gehabt, geschweige denn einen Baum. Seit seine Eltern nicht mehr hier waren, hatte er nicht das Bedürfnis verspürt, Weihnachten zu feiern.
»Setzen Sie sich, Christoph. Der Kakao kommt gleich.« Phils Mutter, deren Gastfreundschaft ihm ein warmes Gefühl in der Brust bescherte, griff nach zwei Topfhandschuhen in knallpink.
»Sie dürfen ruhig Du sagen«, meinte Chris und beobachtete sie dabei, wie sie ein Blech aus dem Rohr zog. Er nahm am Esstisch Platz, der groß genug war, dass die ganze Familie zusammen essen konnte. Wohnten alle von Phils Brüdern noch zuhause? Wohl kaum. Aber an den Wochenenden kamen sie sicher zu Besuch.
»Das muss dann aber für uns beide gelten«, sagte sie und wandte sich ihm zu, um ihm die Hand zu schütteln. Samt dem Topfhandschuh, was sie beide zum Lachen brachte. »Anni.«
Während die Milch in der Mikrowelle heiß wurde, kümmerte Anni sich um die nächste Ladung Kekse. »Wie habt ihr beiden euch denn kennengelernt?«, fragte sie in einem Tonfall, der ihr Bemühen verriet, nicht allzu neugierig zu klingen.
»Auf dem Adventmarkt«, meinte Chris lächelnd und rieb sich die Hände zwischen den Oberschenkeln. Vielleicht war es nicht nur die Kälte, sondern auch seine verhasste Schüchternheit, die ihn dazu brachte.
»Schön. Und was unternehmt ihr heute?«
»Einkaufen gehen.«
»Oh, na dann viel Spaß«, grinste Anni und stellte ihm seinen Kakao vor die Nase, für den er sich leise bedankte. »Phillip hasst Einkaufen. Genauso wie Weihnachten. Das ist nicht sein Ding, wie ihr jungen Leute sagt, aber …«
Sie wurden unterbrochen.
»Mum?« Phil kam die Treppe runter und Chris klammerte sich an seine Tasse. »Was steht da für eine Schrottkarre in der Einfahrt? Ist das wieder einer der Typen, die in der Nachbarschaft Prospekte austragen?« Damit erschien er in der Tür, die Kinnlade klappte ihm herunter und ihre Blicke trafen sich.
Phils Augen waren so unfassbar blau, dass Chris der Atem stockte.
