Escoffier: Dem Schuft verfallen - Tharah Meester - E-Book

Escoffier: Dem Schuft verfallen E-Book

Tharah Meester

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Beschreibung

Lange vor dem Ende seiner desaströsen Ehe schwört sich der verruchteste Dandy der Stadt, sich niemals wieder zu verlieben. Unglücklicherweise hat Jackie jenes Gelübde ohne das Einverständnis seines Herzens abgelegt. Hals über Kopf verschenkt sich das eigenwillige Ding an einen Mann, dessen Hände wie dafür geschaffen scheinen, es endgültig in Scherben zu zerbrechen. Nach einem fatalen Streit erwartet er nichts anderes, als ein weiteres Mal inmitten eines Trümmerhaufens zurückgelassen zu werden. Doch sein heiß geliebter Schuft setzt alles daran, ihn zurückzuerobern, und lässt ihn hoffen, worauf er nicht mehr zu hoffen gewagt hat. Kann er nach all der Zeit, in der er für jedermann der Schurke gewesen ist, noch lernen, jemandes Held zu sein? Diese Geschichte enthält ein lang ersehntes Happy Ever After und erfordert daher Vorkenntnisse aus »St. Sycamore: Eine schicksalhafte Ehe« und »Colfax: Der Pflicht unterworfen«. Für ein vollkommenes Leseerlebnis ist es von Vorteil, auch »St. Garner: Eine undenkbare Affaire« bereits zu kennen.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Escoffier

Dem Schuft verfallen

 

Tharah Meester

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Venice, du meine Liebe!

Die Stadt

Personenverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Epilog

Nachwort

Danksagung

Über die Autorin

Impressum

 

 

 

 

Für all jene, die sich ihr HappyEver After genauso hart erkämpfen mussten wie die Jungs. Und für alle, die den Kampf noch vor sich haben.

 

Vorwort

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser.

 

Wie bereits des Öfteren erwähnt, haben mich diese Kerle im Laufe der Buchseiten so einige Dinge gelehrt. (Dank ihrer Eigenheiten hatte ich ja auch sehr viel Zeit zum Lernen.) Unter anderem ließen sie mich die Erkenntnis gewinnen, dass sogar in den abgedroschensten Phrasen ein Fünkchen Wahrheit zu finden ist.

 

Aller guten Dinge sind drei.

 

Drei Bücher haben die beiden gebraucht. Drei Bücher, die als einziger Wälzer zu betrachten sind, wenn man es genau nimmt. Nur gut, dass ihre ausschweifenden Memoiren auf besagte drei Bände aufgeteilt sind. Nicht auszudenken, wenn der Jungs wegen jemand in seinem Bett erschlagen wird, weil ihm diese unendliche Geschichte aus den Händen gleitet und auf den Kopf fällt.Tja, Gefahr gebannt, für deine Sicherheit ist gesorgt, also kannst du die Reise nach Venice beruhigt antreten.

 

Deine Tharah

 

PS: Ja, immer noch tiefrotes Herzblut, glitzernde Tränen und kaputte Nerven, aber wem erzähl ich das? Taschentücher erforderlich.

 

Jackie lugt mir über die Schulter und hebt mokant eine seiner unverschämt hübsch geschwungenen Augenbrauen. »Du hättest burgunderrot schreiben sollen.«

 

 

 

Venice, du meine Liebe!

Ich drück dich fest an meine Brust

und säusle dir ins Ohr:

»Mein Herz schlägt für dich.

Mon cœur bat pour toi.

Il mio cuore batte per te.«

 

 

 

Die Stadt

 

 

Personenverzeichnis

 

 

Albertien »Bertie« de Medici – Schriftsteller

 

Jacques-René »Jackie« Escoffier – Maler

 

Dante de Medici, Lord St. Sycamore – Dirigent des königlichen Orchesters

 

Nikolai de Medici – Dantes Vater, Politiker, Kabinettsmitglied

 

George Colfax – Albertiens Vater, Politiker, Kabinettsmitglied

 

Clément Robespierre – Major

 

Lucien Robespierre – dessen Bruder, Tenor des königlichen Orchesters

 

Vincent Motley – Opernschreiber

 

Josephine »Josy« Motley – dessen Ehefrau, Studentin der Archäologie

 

Lynette Moreau – Porträtmalerin

 

Lance Preston Lombard – Privatdetektiv

 

Tamsin Reed – Privatdetektivin

 

»Lord Johnse« Johnson Wadegrave – Polizist

 

Ives Rainiér – Lieutenant, Ordonnanzoffizier

 

Galen Sinclair, Lord St. Garner, Marquis de Reuvaliér – Colonel, Exmann von Jackie

 

Liam Sinclair – Galens Ehemann

 

Vittorio Phillippe Bastiano Emilio de Montmarcé – König von Venice

 

Jean-Jacques Vaudrec de Lille – Aktfotograf und Agent

 

Ira Kingsley – Besitzer eines Herrenclubs

 

Teo – Wirt

 

Dario Mancini – ein reisender Magier

 

Teofila Toscano – Hôtelière

 

Miss Bethany Stanhope – Kurgast, Goldschmiedin

 

Mrs Lucy Pearce – Kurgast

 

Mrs Howland – Kurgast

 

Mrs Louise Abernathy – Kurgast

 

Joe – ein redseliger Stallknecht

 

Mrs Davonport – Kurgast

 

Séraphin Bourdillon – Violinist des königlichen Orchesters

 

Jack Shillingford – Schlagwerker des königlichen Orchesters

 

Walter Fox – Albertiens Freund aus Studienzeiten

 

Jean-Pierre Lévesque – Schneider

 

Gaia – Albertiens Stute

 

Fabrizio – Jackies Hengst

 

Gustave – Lacroixs Hund

 

 

Prolog

 

Sechs Jahre zuvor

 

Mit einem krampfhaft tiefen Atemzug, der seine überbordende Nervosität nicht zu bezähmen wusste, stieg Jackie aus der Kutsche, von der man soeben seinen Koffer herunterzerrte, um ihm das Ungetüm wortlos in die Hand zu drücken. Er bedankte sich leise und ließ eine Münze Trinkgeld in die Finger des Kutschergehilfen wandern. Der Bursche bedachte ihn mit einem schiefen Lächeln und sprang zu seinem Herrn auf den Bock. Die Pferde setzten sich in Bewegung und zogen das Gefährt aus Jackies Sichtfeld, in dem statt diesem nun die Villa auftauchte. Sie erstrahlte in hellem Weiß, während das Dach im Licht der tief stehenden Nachmittagssonne schiefergrau glitzerte.

Jackie bemerkte das verräterische Beben seines Körpers und wie seine Lungen immer heftiger um Atem rangen. Nach einem schweren Schlucken fand er die Kraft, auf das Haus zuzugehen. Er folgte dem Kiesweg um den kleinen Teich, der zwischen Torbogen und Eingang lag und einem Besucher weiße Wasserlilien und allerhand Grünpflanzen präsentierte. Ein Entenpärchen zog seine Kreise um die Seerosenblätter und entlockte Jackie ein Schmunzeln, das sich gleich darauf verflüchtigte und seine Lippen erneut jener Verkniffenheit opferte, die sie sich in den letzten Wochen angewöhnt hatten. Mit jedem unendlich scheinenden Tag des Wartens und Verzagens ein bisschen mehr. Jede verstreichende Stunde hatte seinem Herzen ein wenig Wärme geraubt, seinen Augen ein wenig Glanz und seinen Zügen ein wenig Unbeschwertheit. Er hatte die Wandlung im Spiegel beobachtet und sich darüber entsetzt. Ungeachtet dessen hatte sie sich weiterhin vollzogen.

Er passierte die steinerne Skulptur, die Gaétan so penibel sauber hielt, dass Jackie der Überzeugung anhing, sie sei die einzige Statue in ganz Venice, die stets frei von Taubenweiß war.

Stufe für Stufe nahm er die Treppe zur Eingangstür. Eine drückende Schwere legte sich mit jedem Schritt unbarmherziger über ihn. Oben angekommen stellte er den Koffer ab und zog den Schlüsselbund hervor, um aufzuschließen. Seine Handflächen waren von jenem kalten Schweiß bedeckt, von dem Kingsley sagte, er sei eines wahren Dandys nicht würdig.

Kingsley. Jackie hätte niemals zu ihm gehen dürfen.

Dann hätte Galen ihn nicht vor vier Wochen von sich gestoßen und ihn feindselig gefragt, wer ihm so etwas beigebracht hatte. Jackie wäre nicht überrumpelt und panisch in das verräterische Schweigen gefallen, welches ihn mit den stummen Antworten zwischen unausgesprochenen Silben einen Großteil von Galens Zuneigung gekostet hatte. Sie hätten sich nicht tagelang angeschwiegen und Galen hätte ihn vermutlich nicht zurückgewiesen, als Jackie ihn um einen Ausflug aufs Land gebeten hatte, um die hässlichen Sprünge im Porzellan ihrer Ehe zu kitten. So jedoch hatte Galen ihn angesehen, als hätte er den Verstand verloren. »Ein Ausflug? Spürst du nicht, dass mir deine Gegenwart im Moment unerträglich ist? Also tu mir den Gefallen und geh mir aus den Augen.«

Jackie hatte die schmerzvolle Aufforderung mit höchstem Ernst behandelt und war aus der Stadt geflohen. Neunzehn Tage hatte er in einem Kurhotel auf dem Lande ausgeharrt und darauf gehofft, dass Galen ihm nachkam.

Doch sein Ehemann war nicht aufgetaucht und Jackie hatte kapituliert.

Er hatte es schlichtweg nicht länger ertragen, ohne Galen zu sein. Ohne seinen Gemahl, der seit dem Krieg ein anderer war und den er doch immer noch als den Seinen betrachtete, obwohl er ihm langsam zu entgleiten drohte.

Jetzt stand er unschlüssig im Vorraum und fürchtete sich vor Galens Reaktion auf seine Heimkehr. War dessen Zorn inzwischen besänftigt genug, um ihn seine Nähe wieder ertragen zu lassen? Jackie betete zu allen Göttern, es möge so sein. Er leckte sich die Lippen, zog den Koffer herein und schloss die Tür.

Das Haus kam ihm kühl vor. Ihm war fast so, als würde ihm ein eisiger Wind über die Haut kriechen. Die Härchen an seinen Armen stellten sich auf. Er fühlte sich unerwünscht und unwillkommen – in seinem eigenen Heim.

Das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er den Flur entlangging. Leise Stimmen drangen aus Galens Arbeitszimmer. Jemand lachte verhalten. Jackie würgte an der Enge in seiner Kehle. Aurélien Épernée. Dessen Anwesenheit hier verwunderte ihn nicht, wenngleich sie ihm auch vor Eifersucht die Galle hochkommen ließ. Dieser Mann war zumeist der Einzige, den Galen seit dem Krieg um sich haben wollte. Es war nicht schwer zu erraten, dass sie eine Affäre miteinander pflegten. Jackie wusste das, war aber nicht Manns genug, etwas dagegen zu unternehmen. Er redete sich ein, er schwiege um Galens Willen. Sein Ehemann brauchte nach dem Erlebten Halt und Épernée schien ihm diesen geben zu können. Im Gegensatz zu Jackie, der darin auf voller Linie versagte.

In Wahrheit hatte er bloß Angst, Galen könnte sich – einmal vor die Wahl gestellt – für den anderen entscheiden.

Aber hatte er das nicht vielleicht längst im Stillen getan?

Zumindest hatte er recht deutlich klar gemacht, wo die Grenzen seiner Zuneigung lagen. Jackie war es ihm nicht wert gewesen, ihm nachzureiten. Auf diese Weise hatte Galen ihn zurechtgewiesen, ohne ein einziges Wort sagen zu müssen. Sein Fortbleiben hatte das für ihn erledigt und Jackie seine Schranken aufgezeigt.

Zögerlich hob er jetzt die Faust, knackte mit den Knöcheln und klopfte an. Die Unterhaltung hinter der Tür verstummte abrupt. Ein Moment verging in Stille, dann ertönte Galens verwunderte Stimme. »Herein?«

Jackie umfasste die Klinke, verlor den Mut und wünschte sich weit fort, ehe er die Courage aufbrachte, einzutreten. Was bedeutete, dem Mann unter die Augen zu treten, der ihn bei ihrem letzten Gespräch gewissermaßen fortgejagt hatte.

Galens Blick traf auf den seinen und verpasste ihm einen Schlag in die Magengrube, der ihm zugleich auch noch die Kraft in den Beinen raubte.

»Ah, der Abtrünnige kehrt zurück«, kommentierte Aurélien spöttisch und tätschelte den Schreibtisch, gegen den er sich zu Galens Linker lehnte. »Dann lasse ich euch beide allein, damit Jackie in Ruhe die weiße Fahne schwenken kann.« Er stieß sich von der Kante ab und kam elegant in die Höhe, um die Hand kurz auf Galens Schulter zu legen und sie zu drücken.

Jackie starrte auf die Finger, die seinen Ehemann so vertraulich berührten, und kämpfte gegen die unangenehmen Gefühle, die der Anblick heraufbeschwor. Er stand alledem derart machtlos gegenüber, dass ihn Wut befiel.

Aurélien stolzierte an ihm vorbei, wie der Soldat auf Heimaturlaub, der er war, und murmelte ihm ins Ohr: »Fataler Fehler, Jungchen.«

Gleich darauf war Jackie mit Galen allein. Schon früher war es nicht einfach gewesen, aus dessen glatter, stets etwas hochmütig oder gleichgültig wirkender Miene zu lesen, doch seit dem Krieg kam es Jackie ganz und gar unmöglich vor, diesen Zügen eine Regung zu entnehmen.

Galen legte den Stift beiseite, lehnte sich in seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch zurück und ergriff als Erster das Wort: »Du bist also zur Vernunft gekommen.« Seine Stimme klang unterkühlt. Noch mehr als sonst.

»Schon seit einer Weile, aber ich … ich hatte gehofft, du kommst mich holen.« Jackie schämte sich sofort für das Geständnis und die romantische Träumerei, der er nachgehangen war. Unsicher griff er sich ans Ohrläppchen.

Die Stirn seines Ehemannes warf tiefe Falten. »Dich holen kommen? Wie hast du dir das vorgestellt? Was hätten die Leute gesagt? Darüber hinaus habe ich hier Verpflichtungen, falls du das vergessen haben solltest. Ich habe nicht alles hingeschmissen, weil mich jemand ein wenig gemaßregelt und dabei meinen Stolz verletzt hat.«

»Er hat mich nicht nur gemaßregelt, er hat mich vor all meinen Kommilitonen bloßgestellt«, versuchte Jackie, sich zu verteidigen.

»Dann hättest du die Zähne zusammenbeißen und es wie ein Mann nehmen müssen«, schleuderte Galen ihm ärgerlich entgegen. »Stattdessen bringst du mich mit deinen unreifen Anwandlungen in Verlegenheit. Ich habe dich nur um etwas Abstand gebeten. Du hättest aus dem Zimmer gehen können, anstatt in deiner Torheit gleich aus der Stadt zu verschwinden und den Klatschweibern die Geschichte zum Sonntagskaffee zu liefern. Dein Abgang war unnötig dramatisch. Du weißt, wie wenig ich so etwas leiden kann.«

»Glen, bitte. Es tut mir leid«, würgte Jackie hervor und bediente sich der Koseform, die er so gerne in Galens Ohr flüsterte, wenn sie miteinander intim waren. Bezeichnend, dass ihm der Name schon seit sehr langer Zeit nicht mehr über die Lippen gekommen war. »Ich habe einen Fehler gemacht.«

»Das ist mir nicht entgangen«, gab Galen frostig zurück und seine starre Haltung ließ keinen Zweifel daran, dass er nicht von Jackies Flucht, sondern von seinem Fremdgehen sprach. Von den Dingen, die Jackie nicht zugeben durfte und die Galen somit auch nicht als das erkennen konnte, was sie waren: ein verzweifelter Versuch, seine Gunst zurückzuerlangen.

»Können wir den Streit denn jetzt wenigstens beilegen?«, fragte Jackie rau.

Scheinbar gleichmütig zuckte Galen mit den Schultern. »Wenn du in Zukunft ein wenig mehr Disziplin und tenue aufbringen kannst, bin ich dazu bereit.«

Mühsam schluckte Jackie jenen Stolz hinunter, den Galen kurz zuvor bemängelt hatte. »Ich werde mir Mühe geben.«

»Dann wäre das geklärt«, versetzte Galen knapp und hob den Stift auf, um sich demonstrativ seiner Arbeit zu widmen.

Für einige Pulsschläge stand Jackie einfach nur da. Die Kränkung über dieses kalte Willkommen reichte so tief, dass er sie noch nicht gänzlich fassen konnte.

»Hast du mich auch vermisst?«, konnte er in einem Flüstern fragen, obwohl alles an diesem Mann ihm die Antwort bereits entgegenbrüllte.

Galen hob nicht einmal flüchtig den Blick. »Ich denke, die Auszeit voneinander hat uns beiden gutgetan.«

So fühlt sich also ein Todesstoß an, dachte Jackie. Als müsse man dabei zusehen, wie jemand ein Meisterwerk von Abramo Battalone mit gewalttätigen, oxidschwarzen Pinselstrichen übermalt, um es von dieser Welt zu tilgen. Nein, gar schlimmer noch. Wie ein freier Fall ins Nichts.

War das das Ende? War es vorbei? Galen gab ihm keine zweite Chance? Keine Möglichkeit, ihm zu beweisen, dass er aus Liebe gehandelt hatte?

Widerwillig blinzelte er gegen heißes Nass an und bemühte sich um eine Grimasse, die seine Gefühle mit Überheblichkeit übertünchen sollte, obwohl Galen ihm ohnehin keine Aufmerksamkeit schenkte. Dann machte er auf dem Absatz kehrt. Wie gerne würde er die Tür in die Angeln knallen – so fest, dass sie im Rahmen erzitterte – aber er brachte das von seinem Gatten verlangte tenue auf und zog sie leise und beherrscht hinter sich ins Schloss.

Die Sehnsucht danach, sich jemandem in die Arme zu werfen und dort hemmungslos zu schluchzen, war übermächtig. Doch es gab niemanden. Er hatte niemanden mehr. Nur einen Ehemann, der ihn nicht länger liebte, und einen Grabstein, an dem er seine Eltern heimlich beweinte. Nun wünschte er, er hätte sich bei jener zweiten Beerdigung, die er allein hatte durchstehen müssen, mit seiner Mutter zusammen in das kalte, stille Dunkel hinabbegeben.

Der ewige Schlaf tat schließlich niemals so weh wie das Leben.

 

 

 

Kapitel 1

 

 

Jemanden wie die Luft zum Atmen brauchen … Diese Metapher war ihm stets übertrieben vorgekommen. Wie eine Übersteigerung, die man in Liebesromanen benutzte. Doch seit er Bertie den Rücken gekehrt hatte, befiel ihn ständig das Gefühl zu ersticken. Tiefschwarzer Kummer hatte sich in seiner Brust breitgemacht und ließ weder seinem Herzen noch seinen Lungen ausreichend Platz, um ihre Pflicht zu tun. Seine Seele war zersprungen, ihre Oberfläche von einem feinen Rissnetz überzogen, als hätte er sie wie ein Gemälde mit Krakelierlack bearbeitet.

Zärtlich strich er mit dem Daumen über die Carte de Visite. Eine Fotografie von Bertie, auf edlen Karton geklebt und klein genug, um sie in der Brusttasche zu tragen. Tausende Male hatte er sie in den letzten Tagen in der Hand gehabt, tausende Male sein Sehnen damit geschürt, obwohl er bereits lichterloh in den Flammen des Vermissens stand.

Seit seiner Ankunft hier bereute er seine überstürzte Flucht. Täglich raffte er sich zusammen mit dem Morgengrauen hoch, weil er ohnehin kaum schlafen konnte, und erledigte ohne Sorgfalt seine Toilette, um anschließend den Kulturbeutel in dem Koffer zu verstauen, den er nicht ausgepackt hatte. Jeden Tag nahm er sich vor, endlich abzureisen und zu retten, was noch zu retten war. Jeden Tag scheiterte er aus ein und denselben Gründen.

Er hatte Bertie eine schreckliche Szene gemacht, obwohl ihm das nicht zustand. Er hatte Forderungen gestellt – auf Dinge, auf die er kein Anrecht besaß. Er hatte wieder einmal bewiesen, eine menschliche Katastrophe zu sein.

Berties Annahme, er habe Dante geküsst, und dessen erbarmungslose Rage mit ihm hatten im ersten Moment fürchterlich wehgetan. Das taten sie immer noch. Heftiger als er in Worte fassen konnte. Aber nachdem er über den Vorwurf nachgedacht hatte, hatte er begriffen, dass die Schuld daran ihm allein zuzuschreiben war. Er hatte kein Recht darauf, so verletzt zu sein. Es war immerhin sein ehemaliger Lebenswandel, der die Leute nur das Schlimmste von ihm denken ließ. Acht Monate waren eben nicht genug, um zu beweisen, dass er sich ändern konnte. Das hätte er wissen müssen. Er hätte sich bezüglich der Scheidung auf die Zunge beißen und Bertie mehr Zeit zugestehen müssen. Vielleicht hätte er dann irgendwann das Bedürfnis verspürt, mit ihm darüber zu reden. Sich ihm anzuvertrauen. Zumindest als Freund.

Er zwang sich, einen Zug von seiner Zigarette zu nehmen, obwohl der Rauch alles in ihm zu verätzen schien. Nicht für eine Sekunde löste sich sein Blick dabei von Berties Ebenbild. War der Mann wütend auf ihn? Würde sich sein Viridiangrün vor Groll verdunkeln, sobald Jackie ihm wieder unter die Augen trat? Würde seine Miene jene Kälte ausstrahlen, die auch Galen oft zur Schau gestellt hatte, um seiner Missbilligung Ausdruck zu verleihen?

Wie tausend kleine Scherben, die einem die Haut aufschnitten, traktierte eine weitere Frage sein Herz. Hatte Bertie überhaupt bemerkt, dass er fort war? Oder war es ihm möglicherweise nicht einmal aufgefallen, weil er darauf wartete, dass Jackie den ersten Schritt zur Versöhnung machte?

Sollte das tatsächlich wahr sein, wollte er sich lieber im See ersäufen, als je wieder nach Hause zu reiten.

Das wäre vermutlich die bessere Option, da er ohnehin nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Ohne Bertie konnte er nicht leben – ja kaum existieren. Aber wenn eine Freundschaft alles war, was dieser ihm geben konnte, wusste er nicht, wie er das ertragen sollte. Es würden mehr Männer wie Lombard kommen und eines Tages würde einer von denen Berties Herz erobern. Auf eine Weise, die er nicht zustande brachte. Wie sollte er jemals akzeptieren, dass dieses Herz einem anderen gehörte? Wie könnte er das seinige nach dessen Vernichtung zum Weiterschlagen bringen?

Oder wohnte dem Kuss auf der Klippe doch mehr Bedeutung inne, als er ihm in seiner Verzweiflung hatte zugestehen wollen? Musste es nicht etwas heißen, wenn ausgerechnet Bertie ihn trotz seiner Loyalität gegenüber Dante und trotz seines Ehrgefühls küsste? Und wenn ja … war nun alles verloren, weil er das Zugeständnis verkannt und nicht angenommen hatte?

Aufstöhnend schloss er die Lider und drückte sich Daumen und Zeigefinger in die Augenwinkel, wobei der Rauch des Glimmstängels das trockene Brennen seines Blickes noch zu verschlimmern schien.

Bei allen Göttern, dieser Kuss! Dieser verfluchte, herzerschütternde Kuss hatte ihm schmerzlich klargemacht, was er bereits wusste. Bertie war sein Gegenstück. Der Eine, auf den er sein ganzes Leben lang gewartet hatte.

Genau das war die Geißel, die ihn am stärksten an diesen Ort fesselte, obwohl er nichts lieber täte, als vor Bertie zu Kreuze zu kriechen. Aufgrund der Heftigkeit seiner Liebe fürchtete er sich zu sehr davor, ein weiteres Mal zu hören zu bekommen, dass niemand ihn vermisst hatte.

In der Vergangenheit war ihm oft genug demonstriert worden, für wie entbehrlich man seine Person hielt. Herrgott, nicht mal sein eigener Ehemann hatte ihn vermisst, wie könnte Bertie es tun?!

Bei allen Heiligen, er musste nach Hause, musste sich entschuldigen und dabei bangen, hoffen und beten, dass Bertie ihm die Anmaßung noch einmal vergeben konnte! Aber woher sollte er den Mut dazu nehmen, wenn ihn eine solche Angst plagte, Bertie für immer verloren zu haben? Solange er hier draußen in der Abgeschiedenheit auf dem Land hockte, konnte er sich einreden, noch eine Chance zu haben. Konnte sich einreden, die Zeit stünde still. Doch sobald er in die Stadt zurückkehrte, müsste er sich der Realität stellen. Einer Realität, die vielleicht zu grausam war, um sich unter ihrer Last wieder aufzurichten.

Teufel, was hatte er angerichtet?

»Bei unserer letzten Begegnung hast du ge-«

Sein Keuchen ließ die raue Stimme verstummen, die nicht an diesen Ort zu gehören schien. Jackie wirbelte herum und erhob sich mit einem Ruck. Die Zigarette fiel ihm aus der Hand und beinahe hätte er das Bild in der Faust zerdrückt, die sich bei dem Anblick, der sich ihm bot, von selbst ballte.

Kaum blickten sie einander in die Augen, stieß Bertie Luft aus und verzog die Miene voll bitterem Kummer. Tränen stürzten sich seine fahlen Wangen hinab. »Gott, du hast mir so gefehlt«, würgte er mit einem Wimmern hervor und wischte sich mit beiden Daumenrücken das Nass von der Haut.

Ein Sturm tobte durch Jackies Herz und zwang ihn fast in die Knie. Er hatte Bertie gefehlt? Worte, die mit solcher Ehrlichkeit gesprochen worden waren und dennoch in ihrer Bedeutung so obskur wirkten. Der Mund stand ihm offen, seine Lippen bebten und der Blick verschwamm ihm. Er hatte Bertie gefehlt. In seinem Magen zog sich vor lauter Hingabe und Glückseligkeit alles zusammen.

Berties Zungenspitze schnellte hervor. Er rang sichtlich um Fassung. Für einen Pulsschlag hatte es beim ersten Aufeinandertreffen ihrer Blicke so ausgesehen, als wolle Bertie die Distanz zwischen ihnen überwinden und ihn in seine Arme reißen. Doch er tat es nicht.

Jackie wurde sich seines nachlässigen Aussehens gewahr sowie der Tatsache, dass er keinen Duft aufgelegt hatte. Für wen auch? Unsicher fuhr er sich mit den Fingerspitzen über das seit Tagen unrasierte Kinn, wobei er die Fotografie in seiner Linken bemerkte. Verstohlen steckte er sie zurück in die Brusttasche, ohne die Augen von Bertie lassen zu können.

Der Mann stand nur drei Schritte von ihm entfernt, musste sich ihm schräg von hinten genähert haben. Alles an ihm erinnerte an einen Soldaten, der nach einer Schlacht gefährliches Terrain durchwandert hatte, um nach Hause zu kommen. Die schlichte Kleidung, die ihn vor dem Feind tarnte und in ihrer Derangiertheit auf eine beschwerliche Reise hindeutete; die gut gefüllte Umhängetasche, deren Riemen ihm quer über die Brust lag und an dem er sich festkrallte – mit Fingern, die zu Jackies verwirrtem Bedauern in Leder gehüllt waren; und nicht zuletzt der Revolvergriff, der aus einem Gürtelholster ragte und Jackie ein mühevolles Schlucken abverlangte.

Dunkle Halbmonde zierten ebenso dunkle Augen, die während des letzten Gefechts all ihr Grün eingebüßt hatten. Jackie kannte dieses Phänomen, deshalb erschien ihm der Vergleich mit dem Krieg fürchterlich passend. Berties Gesicht wirkte eingefallen und mager, sein langes Haar unter dem schwarzen Hut war zerzaust, sein Bart seit einer Weile nicht gestutzt worden. Jackies Herz zertrümmerte ihm das Brustbein. Dieser Mann war so wunderschön. So unaussprechlich liebenswert und über alles erhaben, dass Jackie sich neben ihm schäbig vorkam.

 »Noch mal von vorne«, murmelte Bertie nach einem verkrampften Luftholen und hob das Kinn, wie um seinen Tränen zu trotzen. »Du hast gesagt, du willst, dass wir einander gehören. Ich gehör dir längst, Jacques. Ich gehöre dir, seit du auf der Klippe nach meinem Handgelenk gegriffen und mich gezwungen hast, dir in die Augen zu sehen. Seit dem ersten Blick bin ich dein.« Er schluckte sichtbar. »So abgedroschen es klingen mag, so wahr ist es auch. Erst habe ich mir eingeredet, es wäre nur eine Schwärmerei, die irgendwann vorübergeht, aber mir ist schnell klar geworden, dass es so viel mehr ist als das. Schneller, als mir lieb war. Als du … als du damals in der Nacht zum Jagdschloss geritten bist und ich nicht wusste, ob es dir gut geht, da … musste ich mir zum ersten Mal eingestehen, was es wirklich ist.« Er knetete den Riemen seiner Tasche derart gewaltvoll, als wolle er den Stoff zu Staub zermahlen. »Dass ich es dir nicht zeigen kann, liegt unter anderem an meiner festen Überzeugung, dass du was Besseres verdienst als mich.« Neue Tränen liefen ihm über die Wangen und er hob die Rechte, um sich mit dem Jackenärmel zu trocknen, während Jackie weder atmen geschweige denn sprechen konnte. Bertie fuhr fort, so ernst und gequält, als würde er den Dreck glauben, den er da von sich gab. »Und an meiner Angst, dich nicht glücklich machen zu können. An meiner verheerenden Furcht, dich eines Tages endgültig zu verlieren, weil ich es verderbe, indem ich weiterhin derart schrecklich dumme Dinge tue, wie … wie schweigen, wenn ich reden müsste.« Seine gelegentlich brechende Stimme wurde leiser, zärtlicher und sein Blick so durchdringend, dass Jackie vor Wohligkeit erbebte. »Oder dich zu küssen, anstatt dir endlich zu gestehen, dass ich dich liebe.«

Drei Worte nur und doch besaßen sie die Macht, jeden anderen Gedanken in Jackies Kopf auszulöschen. Wieder öffneten sich seine Lippen und er atmete flach durch den Mund, um dem Brennen seiner Augen standzuhalten. Seine bereits sinkende Welt drohte, endgültig unterzugehen. Das hier war so unverfälscht und real, dass er nicht damit umzugehen wusste. Berties Gefühle schienen von einer Echtheit, wie sie ihm zum ersten Mal in seinem Leben entgegengebracht wurde. Er hatte nie gelernt, wie man solch ein Geschenk annahm.

Bei allen Göttern, seit Monaten wünschte er sich verzweifelt Berties Liebe, nur um jetzt heillos überfordert davon zu sein. Ihm war, als hätte ihm jemand das Herz aus der Brust gerissen und es schlüge in der Ferne weiter. Dumpf und verwirrt.

»Jacques, es tut mir leid«, flüsterte Bertie eindringlich. »Die schändlichen Vorwürfe, die ich dir gemacht habe, ebenso wie meine Unzulänglichkeit in Gefühlsbelangen. Auch mein Schweigen bezüglich der Scheidung. Ich hätte es dir sagen müssen. Wenn schon nicht aus Hoffnung, dann aus Freundschaft. Ich habe dir das Recht auf eine eigene Entscheidung genommen. Darüber, ob du auf mich warten kannst oder willst. Mein Verhalten ist unverzeihlich.« Er leckte sich die Lippen. »Ich kann dir nicht versprechen, dass wir nie wieder streiten werden. Aber ich kann dir schwören, dass mich die letzten Tage davon kuriert haben, dich noch einmal so zu behandeln, wie ich es getan habe. Der Gedanke, dich vielleicht niemals wiederzusehen, war mir so unerträglich, dass ich …« Bertie wandte sich von ihm ab. Seine Schultern erbebten in einem Schluchzen und er nahm die Hand vor die Augen. Eine Geste so anrührend, die Emotionen dahinter so gewaltig, dass die heißen Tropfen, die schon die ganze Zeit über in ihm gelauert hatten, nun letztendlich Jackies Wangen benetzten. Er fand nicht die Kraft, sie fortzuwischen. Zu nichts fand er Kraft. Nicht einmal zum Atmen, was daran lag, dass ihm nicht verborgen blieb, mit welch verstohlener Flüchtigkeit Berties Finger zu dem Revolver an seiner Seite geglitten waren, womit er unbeabsichtigt den Satz vollendete, für den er mit Worten keinen Abschluss gefunden hatte.

Hatte er ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, sich etwas anzutun? Die Vorstellung brachte Jackie fast um.

Bertie wischte sich schniefend übers Gesicht und bekam sich unter Kontrolle. Nervös griff er an sein dunkelrotes Halstuch, ehe er sich wieder an den Taschenriemen klammerte. »Ich habe dir einmal zuvor gesagt, dass ich ohne dich verloren bin. Die vergangenen Tage haben bewiesen, wie sehr es stimmt. Als du verschwunden bist, hast du ein Stück von mir mitgenommen. Es war unvermeidlich, weil du es immer bei dir trägst.«

Schuld und Reue schlugen Jackie unerbittlich in die Magengrube, weil er sich allzu gut daran erinnerte, was er auf Berties Geständnis damals erwidert hatte. Den Schwur, ihn niemals jener Verlorenheit preiszugeben. Er hatte sein Versprechen gebrochen, weil er nur an sich gedacht hatte. Ein rauer Klagelaut entrang sich ihm und weitere Tropfen benetzten seine Wangen.

Bertie hingegen erlangte eine merkwürdige Gefasstheit. Er nahm einen tiefen Atemzug. »Denk nicht, dass ich deine sofortige Vergebung erwartet habe. Das habe ich nicht. Aber glaub bloß nicht, dass ich mich kampflos zurückziehe und dich gehen lasse. Das kann ich nicht.« Er straffte die Schultern und drückte den Rücken durch. Seine Miene veränderte sich und durch die Pein schimmerte eine entschlossene Härte, die einen anderen Mann aus ihm zu machen schien. Einen, dem Jackie mindestens einmal zuvor begegnet war. Damals im Jagdschloss, als er die Nacht in Berties schützender Umarmung verbracht hatte. »Ich will es auch gar nicht«, presste Bertie zwischen den Zähnen hervor. »Ich will dich nämlich nicht bloß zum Geliebten, falls du das immer noch annimmst. Ich will dich zum engsten Freund, zum Partner, zum Vertrauten, zum Rivalen auf dem Pferd, zum Gegner auf dem Karo, zum Liebhaber wo immer du willst und verdammt noch mal zum Ehemann. Und ich werde alles dafür tun, um dich zu bekommen, und dann noch mal genauso viel, um dich zu halten, bis sie mich in den Sarg werfen.« Die Schärfe in Berties Auftreten, welche Jackie am ganzen Körper Gänsehaut verursachte, verflüchtigte sich und überließ dem Elend erneut das Feld. Die feinen Muskeln an Berties Hals, die Jackie mit Zunge und Lippen nachfahren wollte, bewegten sich in einem Schlucken. »Das war vorerst alles«, murmelte er heiser und wandte sich nach einem Zögern von ihm ab.

Keuchend stolperte Jackie einen Schritt hinter ihm her, als wäre er mit einem unsichtbaren Band an diesen Mann geknüpft, was wohl auch der Wahrheit entsprach. Kurz fürchtete er, vor Schwäche und Ergebenheit auf die Knie zu sinken. »Wo gehst du hin?« Zu spät bemerkte er, dass er überreizt und unbeherrscht klang – so spröde, als hätte er in seinem Leben noch nicht eine Silbe gesprochen.

Bertie hielt inne und bedachte ihn mit einem Blick über die Schulter. »Zurück zum Hotel«, erwiderte er mit leiser Stimme, die seine offenkundige Erschöpfung grausam unterstrich und Jackie die Hände erneut zu Fäusten ballen ließ.

»Musst du denn sofort zurück in die St-« Der Druck in seinem Hals schnürte ihm die Kehle zu. Er leckte sich die Lippen und schmeckte Salz. »Reist du gleich wieder ab?«

»Nicht ohne dich«, flüsterte Bertie und musterte ihn eingehend, als würde er sich jeden Zug seines Gesichts einprägen – jede nasse Wimper, jede Kummerfalte, jede feuchte Tränenspur. So etwas wie unterdrückte Enttäuschung kroch ihm über die Miene. Woher die Ernüchterung kam, war nicht schwer zu erraten. Mit Sicherheit hatte er sich ihr Wiedersehen anders vorgestellt. Allein für sein Kommen hätte er jede nur erdenkliche Liebesbekundung verdient, die ein Mann zu geben imstande war – von seinen Worten ganz zu schweigen.

Doch Jackie wusste nicht, wie man es anstellte, und besaß keinen Instinkt, der es ihm verriet. Grover oder Brigham hätten es gewusst. Jeder Held in einem von Berties Romanen hätte es gewusst. Aber er war nun mal nicht der Held, sondern der Schurke. Der Bösewicht. Das war seine Prophezeiung, die sich ständig selbst erfüllte, auch wenn er noch so hart dagegen ankämpfte. Seine gute Seite strahlte nicht hell genug, um den Schatten der schlechten zu trotzen.

Bertie presste die Lippen aufeinander, als ihm ein weiterer Tropfen über die Wange lief. Er verabschiedete sich mit einem Senken seines Hauptes und wandte sich endgültig von ihm ab, um den Weg zurückzugehen, den er gekommen war.

Jackie starrte ihm nach und bemerkte Berties leichtes Hinken. Hatte er sich verletzt? Auf dem Weg hierher oder in Venice? Was war passiert? Litt er Schmerzen?

Überwältigende Fassungslosigkeit erfasste ihn und brachte ihm Schwindel ein, als ihm letztendlich die volle Tragweite der Ereignisse bewusst wurde.

Bertie war hier. Er war gekommen.

Hatte Jackie davon geträumt?

Ununterbrochen.

Hatte er ernsthaft zu hoffen gewagt?

Nicht für eine Sekunde.

Immerhin hatte Bertie dem König gegenüber eine Verpflichtung. Ähnlich wie Galen sie gehabt hatte, doch anders als diesem war es Bertie nicht möglich, die seine mit einer Bitte um Beurlaubung abzustreifen. Dennoch war er hier.

Was bei Galen keine drei Wochen vollbracht hatten, schafften nur wenige Tage bei Bertie. Die Trennung hatte offenbar eine Sehnsucht in ihm geschürt, derer er nicht hatte standhalten können. Sehnsucht nach ihm. Weitere Tränen ließen ihm den Blick verschwimmen, bevor sie über seine Wangen liefen und sich in seinem Bart verloren. Wie hatte Bertie auch nur auf den Gedanken kommen können, ihm zu folgen? Dass es ihm überhaupt in den Sinn gekommen war, erschien Jackie bereits unbegreiflich. Dass er es dann sogar wahrhaftig getan hatte, überstieg in jeglicher Weise seine Vorstellungskraft, obwohl er Bertie gerade mit eigenen Augen gesehen hatte. Ihn genau genommen so lange angegafft hatte, bis er zwischen den Bäumen verschwunden war.

Zwei Mal dieselbe Flucht, zwei Männer, ein massiver Unterschied. Doch eine Sache hatte sich nicht geändert. Damals wie heute hatte Jackie es nicht verdient, dass ihn jemand holen kam.

Er fühlte sich niederträchtig und nichtswürdig. Sein Verschwinden hatte Bertie Kummer gemacht. Der Mann hatte offenkundig gelitten. Wegen einem wie ihm. Einem, der nicht einmal den Bruchteil von Berties Wert mit dem seinen aufwiegen könnte. Das war zum Kotzen, verdammt noch mal!

Er schnitt eine hasserfüllte Grimasse und raufte sich das Haar in einer Grobheit, die trotz seiner Bemühung nie Strafe genug sein würde. Er verabscheute sich dafür, Bertie wehgetan zu haben. Die Tatsache, dass er nie im Leben erwartet hatte, ihn mit seiner Flucht so entsetzlich zu verletzen, war keine Entschuldigung. Er hatte Bertie im Stich gelassen. Und jetzt enttäuschte er ihn gleich noch mal auf ganzer Linie, indem er nicht auf seinen Liebesbeweis reagierte.

Ein Wimmern kam ihm über die Lippen, kündigte ein Schluchzen an, welches ihm fast die Brust zerriss. Anstatt es sich zu erlauben, nahm er die Hand vor den Mund und biss in die Mulde zwischen Daumen und Zeigefinger, wie Kingsley es ihm beigebracht hatte. Weil selten ein Mann auf einen Bettgespielen erpicht war, der seinen Schmerz in unerotischen Lauten äußerte.

Schwer atmend wandte er sich dem See zu und schloss die Augen, als ihm die schwarzen Flecken davor ohnehin die Sicht raubten. Er war ein Ausbund an Versagen. Einer, der nur Albträume wahr werden ließ, aber niemals die schönen.

Eine Erinnerung durchfuhr seinen Verstand und seine Seele wie ein greller Blitz, dem ein mächtiges Donnergrollen folgte. In gestochen scharfen Rückblenden sah er sich selbst auf dieser verdammten Geburtstagsfeier in einer juliheißen Vollmondnacht. Sah sich durch die Menge schlendern und mit ein paar Offizieren scherzen, um den charmanten, sorglosen Gastgeber zu mimen. Jemand klopfte ihm auf die Schulter und ließ die Hand zu lange darauf verweilen. Das Lachen der Leute klang spöttisch, ihre Blicke muteten anzüglich an. Plötzlich tauchte Galen neben ihm auf und zupfte ihm die Zigarette aus dem Mund, um etwas von Widerwärtigkeit zu murmeln. Jackie erinnerte sich an den Moment, in dem er begriff, dass nicht allein der Glimmstängel, sondern vielmehr er in seiner Gesamtheit gemeint war. Mit einem Lecken seiner nass-salzigen Lippen sah er sich in den Salon fliehen, um dort mit den Tränen zu kämpfen. Und zu verlieren. Eingeklemmt zwischen dem Lehnsessel, den nie jemand benutzte, und einer mannshohen Zimmerpflanze kauerte er auf dem Boden an der Wand und gab sich der von Galen verhassten Unmännlichkeit hin.

Cesar Arsenau, ebenfalls Gatte eines höheren Offiziers, gesellte sich irgendwann schweigend zu ihm. Schulter an Schulter, Knie an Knie.

Draußen zerrte jemand einen anderen in den Vorraum. Kleidung raschelte und Galens Stimme ertönte – schneidend kalt wie eine Landschaft aus Eis.

Jackie würde niemals dessen Worte vergessen, die sein Herz mit bitterem Frost überzogen hatten. Silbe für Silbe hatte er sie nach all den Jahren immer noch im Gedächtnis, wo sie vermutlich auf ewig bleiben würden.

Sobald erneut Stille einkehrte, flüsterte Arsenau ihm Beschwichtigungen zu. Von wegen, dass er das kannte. Dass die Soldaten mit Vorliebe ignorierten, dass ihre Frauen und Männer zuhause ebenfalls Gelüste hatten. Dass sie die ihren im Verborgenen aneinander stillten und das als Kriegsopfer abtaten, doch von ihren Partnern höchste Treue erwarteten.

Hohle Phrasen, von denen Jackie einige später selbst benutzen würde, um vor Galen – seinem kalten Ehemann, der nichts mehr für ihn fühlte außer Abscheu – nicht zugeben zu müssen, dass all das nur begonnen hatte, weil Jackie jedes Mittel recht gewesen wäre, um ihre Ehe zu retten.

Er sah in der Dunkelheit seiner Erinnerungen, wie Arsenau ihm mit einem Lächeln seinen Handspiegel reichte. Er spürte sich zögern, hörte den anderen beteuern, wie sehr es einem das Dasein erleichterte, sich den Erwartungen zu fügen, anstatt zu versuchen, einen ruinierten Ruf wiederherzustellen. Und Jackie war dumm und verzweifelt genug, die schmale Linie aus weißem Pulver von dem kleinen, gold gerahmten Spiegel zu schnupfen, in dem er einen Blick auf sein Gesicht erhaschte. Jenes Gesicht, welches Galen in diesem Leben nicht mehr lieben würde. Er erinnerte sich an die unbändige Trauer darüber und an die grässliche Wut, in der er Galen nun beweisen wollte, dass es für Liebe auch keinen Grund mehr gab. Das hatte er schließlich mit größter Sorgfalt erledigt, um nebenbei zudem unter Beweis zu stellen, dass es eigentlich auch für niemand anderen einen Grund gab, ihn zu lieben.

Er wollte nicht so sein. Aber er war so lange der Schurke gewesen, dass er vielleicht nicht mehr lernen konnte, wie man der Held war. Bertie kannte ihn besser als jeder andere und dessen Vertrauen in ihn war bei der ersten Prüfung nicht nur ins Wanken geraten, sondern zu Fall gebracht worden.

Haareraufend öffnete er die Augen und starrte aufs Wasser. »Wie kannst du mich lieben? Das solltest du nicht. Das dürftest du nicht. Das ist …« Er schüttelte den Kopf und presste sich die Handballen in die Augengruben.

Wie ein Besessener hatte er sich gewünscht, dass Bertie sich in ihn verliebte. Jetzt erfasste ihn Panik, weil er sich fragte, ob sie nicht alles, was sie hatten, aufs Spiel setzten. Bertie sprach von der Angst, es zu verderben und ihn zu verlieren. Bedachte man Vergangenheit und Gegenwart, musste man sich jedoch eingestehen, dass es viel eher Jackie sein würde, der es kaputtmachte und Bertie verlor. Das Erste und Einzige in seinem Leben, das zu verlieren ihn umbrächte.

Das nächste Schluchzen war zu intensiv, zu erfüllt von Schmerz, um es sich zu verbieten. Zusammen mit einem Laut des trotzigen Zornes stieß er es hervor, ließ es über den See und die Landschaft hallen und konnte nur hoffen, dass ihn niemand hörte. »Du verdammter Vollidiot!«, brüllte er sich an und riss so fest an seinem stumpfen, ungeölten Haar, dass ihm die Kopfhaut brannte.

Mit einem Tritt brachte er die Staffelei zu Fall. Das hässliche Gemälde stürzte ins Gras. Knurrend packte er es und trat darauf ein, bis der Rahmen mit einem Knacken entzweibrach. Er schleuderte die Bruchstücke auf den See hinaus und hielt heftig atmend inne, als sie ins Wasser platschten. Keuchend drückte er die Handflächen an sein verzerrtes Gesicht.

Bertie ritt ihm hinterher, um ihm seine unerklärliche Liebe zu gestehen, die er von weiß der Teufel woher nahm, und er schaffte es nicht mal, ihn in den Arm zu nehmen, obwohl er es so sehr gewollt hatte, dass es an Wahnsinn grenzte!

Bei allen Göttern, wie konnte er diesem Mann so viel wert sein?

 

 

»Wenn Ihr nicht augenblicklich den Mund haltet und Euch Eurer Manieren entsinnt, muss ich Euch bitten, mein Haus zu verlassen. Ihr befindet Euch auf meiner Geburtstagsfeier und besitzt die Dreistigkeit, Euch das Maul über meinen umtriebigen Ehemann zu zerreißen. Das wird Euch nicht wohl bekommen, Beauchêne. Man sollte sich nicht über das Martyrium mokieren, das einem anderen von den Göttern auferlegt wurde, wenn man nicht riskieren will, dass einem dasselbe widerfährt. Wer weiß, vielleicht seid auch Ihr eines Tages mit einem großmäuligen Betrüger seines Schlages gestraft. Und wenn Ihr Euch jetzt nicht zügelt, bin ich dann der Erste, der das durch die Gassen der Stadt schreit.«

 

Kapitel 2

 

Die Linke am Handlauf der Wendeltreppe warf Bertie auf seinem Weg nach unten im Vorübergehen einen Blick aus dem Fenster, das sich über alle Stockwerke erstreckte. Abendliche Dunkelheit hatte sich über die Landschaft gelegt. Im Garten brannten ein paar Laternen. Dahinter gab es nur jene Finsternis, die man in Venice nicht fand, weil man sie dort mit unzähligen Lichtern verscheuchte, als hätten die Städter Angst vor ihr. Bertie war nach all den durchrittenen Nächten daran gewöhnt.

Die letzten Stunden waren schleppend verstrichen. Nachdem er einen kurzen Brief an Dante verfasst und auf den Weg geschickt hatte, hatte er versucht, ein wenig zu schlafen, doch es war ihm nicht gelungen. All die Gedanken, die durch seinen Schädel rasten, gönnten ihm keine Sekunde Ruhe. Schließlich hatte er sich ein eiskaltes Bad eingelassen, welches zweierlei Zweck erfüllt hatte. Es hatte die Müdigkeit vorerst vertrieben und die blau-grünen Andenken an seinen Sturz vom Pferd eine Winzigkeit zum Verblassen gebracht. Erst der Ganzkörperspiegel, der in seinem Hotelzimmer an der Wand stand, hatte ihm das volle Ausmaß des unglückseligen Zwischenfalls vor Augen geführt. Die hässlichen Blutergüsse zogen sich großflächig über seinen Rücken und in Sprenkeln über seine Arme. Der Badewannenrand hatte ihn unsanft auf eine Stelle an seinem Hinterkopf aufmerksam gemacht, die höchst empfindlich auf Druck reagierte. Dabei hatte er den Kopf wie jeder sturzerprobte Reiter absichtlich hoch gehalten, um ihn sich nicht zu stoßen oder einzuschlagen. Anscheinend nicht hoch genug.

Mit klopfendem Herzen erreichte er die letzte Stufe und trat auf den Marmor der Eingangshalle hinab. Zwei ältere Damen überholten ihn, ohne Notiz von ihm zu nehmen. Plaudernd steuerten sie den Speisesaal an, der sie verschlang, sobald sie seine hohen, weißen Flügeltüren passierten. Das Stimmengewirr verriet, dass sich schon der Großteil der Gäste zum Abendessen eingefunden haben musste.

Bertie hatte sich absichtlich Zeit gelassen. Er legte es darauf an, dass Jackie seinen Platz als Erster einnahm, um ihm keine Wahl zu lassen, ob er seine Gesellschaft wollte oder nicht. Miss Beth hatte ihn zwar ausdrücklich an ihren gemeinsamen Tisch eingeladen – eher beordert –, doch Jackie könnte sich ja auch zu jemand anderem setzen oder dem Dinner gleich ganz fernbleiben, um ihm zu entgehen. Wenn er allerdings bereits saß, würde ihm der Anstand verbieten, sich einfach zu erheben und zu gehen. So hoffte Bertie wenigstens.

Nervös knetete er seine behandschuhten Finger, bis er sich lächerlich vorkam, die Hände zu Fäusten ballte und sie in die Hosentaschen stopfte. Trocken schluckend dachte er an ihre kurze Begegnung am Nachmittag. Jackie hatte zwar nichts auf all die Geständnisse erwidert, seine Reaktion hatte jedoch verraten, dass ihn Berties Erscheinen zumindest nicht kalt ließ. Ob lediglich aus traurigem Unglück und Enttäuschung über Berties Misstrauen oder weil er ihn auch vermisst hatte, ließ sich nicht so leicht feststellen, wenn man nicht in jemandes Herz blicken konnte.

Die bei seinem Abgang ungehalten hervorgestoßene Frage, wohin er denn jetzt wolle, war ihm allerdings wie ein kleines Zugeständnis erschienen. Offenbar war es Jackie nicht egal, wo er war und wohin er ging. Das war mehr, als er erhofft hatte. Genau genommen hatte er erwartet, Jackie würde ihm den Rücken kehren und ihm befehlen, für immer aus seinem Leben zu verschwinden.

Das war nicht passiert. Nicht einmal annähernd. Stattdessen war ihm Jackies heftiges Nachhaken eher wie eine Bitte zu bleiben vorgekommen. Vielleicht gar ein Hinweis darauf, dass es nicht zu spät war und er ihm eine zweite Chance einräumen konnte? Bitte lass es so sein …

»Entschuldigt, mein Herr.«

Bertie zuckte zusammen und wandte sich zu einem ordentlich gekleideten, in die Jahre gekommenen Stallknecht um, der nach Pferd und Heu roch. »Ja?«

»Wollt’ Euch nur wissen lassen, dass der andere Herr, der hier logiert, heut’ Nachmittag Eure Stute geschätzeleint hat.«

Tiefe Verwirrung furchte Bertie spürbar die Stirn. »Bitte was hat er?«

»Ihr Städter«, murrte der Alte mit einem Augenrollen und beförderte den Kautabak von der einen in die andere Backe. »Geschätzeleint hat er sie. Geherzt, gebusselt, ihr die Stirn geküsst und ihr was Liebes zugeflüstert. Ihr hat’s gefallen, drum hab ich ihn gelassen. Der kommt ja am Tag sowieso drei Mal in den Stall, auch wenn er nicht ausreitet. Da sieht er dann nach seinem Gaul und überhäuft ihn mit Liebe, als wär’s nicht bloß ’n Ross.« Der Mann zuckte die Schultern. »Was soll ich tun, wenn’s bei Eurer Stute noch mal vorkommt?«

»Nichts«, brachte Bertie heiser hervor und hoffte, sein wild schlagendes Herz ließe sich bald wieder an die Kandare nehmen. Die Vorstellung von Jackie, wie er Gaia mit Zärtlichkeiten bedachte, war gerade zu viel für das ohnehin bereits überforderte Ding. Bertie würgte an seiner Rührung und war zugleich froh, dass ihn niemand dabei erwischt hatte, wie er Fabrizio zur Begrüßung geschätzeleint hatte. Sonst würde der gewissenhafte Alte auch Jackie davon in Kenntnis setzen müssen. Nach einem Räuspern fügte er sanft hinzu: »Der Herr darf meine Stute herzen, wann immer er möchte.«

»Schätzeleinen«, korrigierte ihn der Stallknecht grinsend und tippte sich an die Schirmkappe. »Alles klar, hab’s trotzdem kapiert. Schönen Abend.«

Bertie rang sich ein Nicken ab und drehte dem Kerl den Rücken zu. Mit der Faust an den Mund gepresst, versuchte er, seinen Atemzügen das Tempo zu nehmen. Bei allen Göttern, Jackie hatte Gaia gekost. Zumindest sie hatte er also noch lieb. Aber warum auch nicht? Sie war es nicht gewesen, die ihm die Kränkungen zugefügt hatte. Das hatte ihr dummer Herr ganz allein vollbracht.

Hinter sich, auf den Treppenstufen vor der weit offen stehenden Eingangstür, vernahm er jemandes lautes Ausspucken von Kautabak und die darauffolgende Schimpferei der ungnädigen Hôtelière. Ein flüchtiges Schmunzeln huschte über Berties Lippen, war jedoch nicht in der Lage, seine Anspannung zu lindern. Nicht mal einen Bruchteil davon. Sie hatte sich in jedem Muskel, jedem Nerv, jeder Faser festgebissen, zog und zerrte an ihm, wollte ihm den Tic aufdrängen. Jenen Tic, dem er mit derart gewaltsamer Beharrlichkeit standhielt, als hinge sein Leben davon ab.

Es kostete ihn viel Überwindung, auf die Seitentür zuzugehen, und schließlich noch einmal dasselbe Maß an Kraft, einen Blick in den Speisesaal zu werfen. Als er Jackie nach einem Umherschweifen eben dieses Blickes in der Menge ausmachte, büßte er die Fähigkeit zu atmen ein.

Ganz allein saß der Mann an einem runden Tisch für vier. Das gedimmte Licht der Kronleuchter verlieh seinem Haar den üblichen Schimmer von dunkler Schokolade. Der Schein einer einzelnen Kerze in der Mitte des Tisches wirkte ihren Zauber auf seinem ernsten Gesicht. Er schien nervös, zupfte verstohlen an seinen Haarspitzen, bevor er sich über die Wange strich, als wolle er die Glattheit seiner Rasur prüfen. Sie war gründlich wie immer, derart perfekt, wie sie außer Jackie nur ein Barbier beherrschen konnte. Der feine, nicht besonders dichte Bart, der Bertie verblüfft und an den er im Laufe des Nachmittags gelegentlich hatte denken müssen, hatte nicht die geringste Spur hinterlassen.

Jackies Blick huschte in stetigen Abständen zur Flügeltür hinüber. Seine breiten Schultern, von einem schwarzen Smokingjackett umspannt, hoben sich in einem schweren Atemzug. Mit den Fingern nestelte er an der weißen Fliege über dem gestärkten Kläppchenkragen herum und zupfte sie zurecht, obwohl sie bereits überkorrekt saß. Sie war aus demselben festen Stoff wie die weiße Weste über dem weißen Hemd. Jedes noch so kleine Detail stimmig, jeder Zentimeter sinnliche Perfektion, die Berties Nackenhaare dazu brachte, sich wie elektrisiert aufzustellen.

Jackie war wieder ganz Dandy. Dass Bertie der Auslöser dafür war, schien unbestreitbar. Der Bart hatte verraten, dass er sich für die Damen keine solch große Mühe gemacht hatte. Weshalb hatte er nach all den Tagen nun den Drang verspürt, sich seinem Dandytum hinzugeben? Benutzte er es, um Bertie mit jener vornehmen Unnahbarkeit auf Distanz zu halten? Oder wollte er ihm schlichtweg gefallen? Ersteres empfand er als beängstigend, Zweiteres als ebenso unwahrscheinlich wie unnötig.

Abgesehen davon, dass Jackie in jedem Zustand mühelos dazu fähig war, ihn unter Strom zu setzen, entschädigten ihn der maßgeschneiderte Anzug, das Werk des scharfen Rasiermessers und der feine Hauch von Brillantine nicht für das, was fehlte. Das, was er in Jackies Miene gerade schmerzlich vermisste, war das, was der Streit ihm offenbar ausgetrieben hatte. Sein Lächeln.

Jenes Lächeln, welches auf Jackies reizvollen Lippen unzählige Facetten beherrschte und ihm Falten um die Augen sowie ein Leuchten in den Blick zauberte, wenn es von Herzen kam. Das Lächeln, das von charmant über scheu, zärtlich und spielerisch bis hin zu herausfordernd anmuten konnte.

Das Heben jener Mundwinkel übte eine Faszination auf Bertie aus, wie er sie sein Leben lang nicht gekannt hatte. Nun hatte er es zu verantworten, dass diese Lippen ihre Kunst verlernt zu haben schienen, und er verfluchte sich dafür.

Jackie leiden zu sehen, war ein größerer Albtraum als alle schlaflosen Nächte im Fort Faucherre zusammen.

Aufstöhnend wischte er sich übers Gesicht. Als er die Hände sinken ließ, sah er mit an, wie Miss Beth auf ihren Tisch zu marschierte und sich mit dem Rücken zu ihm neben Jackie setzte. Dieser gab sichtlich einsilbige Antworten auf vielsilbige Fragen. Er bemühte sich sichtlich, seine Miene aufzuhellen, doch es gelang ihm nicht. Bertie schluckte trocken. Sein Herzinnig war zu unglücklich, um noch charmant sein zu können.

Mit einem Straffen seiner Schultern riss er sich zusammen. Wenn er es wiedergutmachen wollte, musste er verdammt noch mal endlich die Courage aufbringen und damit anfangen.

Entschlossen betrat er den Saal und bahnte sich hintenherum einen Weg durch das Meer aus Tischen – mit Schritten so quälend langsam, wie die Zeit ohne Jackie verstrichen war. Sein Herz klopfte derart unbeherrscht und in einer Lautstärke, dass es jedes andere Geräusch übertrumpfte und ihm unangenehm in den Ohren dröhnte. Sein Knöchel wollte ein paar sanfte Wellen des Schmerzes durch seinen Körper spülen, doch sie erreichten nicht einmal den Strand. Die Nervosität war zu mächtig und drängte alles andere fort. Je näher er Jackie kam, desto heftiger pulsierte das Blut durch seine Adern. Er wusste nicht mehr, ob ihm heiß oder kalt war. Er war sich nicht einmal sicher, ob er atmete oder die Luft anhielt. Sein Brustbein tat sich zunehmend schwer damit, ein Pochen nach dem anderen abzufedern. Nur noch zwei Meter trennten sie voneinander. Jackie müsste bloß über die Schulter sehen, um ihn zu bemerken. Die nächsten Schritte fielen ihm fast schwerer als jene, die er am Nachmittag auf den Mann zugemacht hatte. Er biss die Zähne zusammen und begab sich in die Schlacht.

Als er neben dem Tisch zum Stehen kam, hob Jackie mit einem Ruck den Kopf. Ihre Blicke trafen sich, was Bertie vorkam wie ein kräftiger Schlag in die Magengrube. Sein Herz implodierte. Mit aller Macht wollte er sich seiner Manieren entsinnen und zuerst die Dame begrüßen, doch Jackie kam ihm zuvor, indem er sich wie ein Gentleman für ihn erhob.

Bertie musste schon wieder schlucken, während ein Schauer sein Rückgrat hinab kroch. Er hatte fast vergessen, wie es war, so nah vor Jackie zu stehen, dass er dessen Duftwasser riechen konnte. So nah, dass er den kleinen Schönheitsfleck unter dem rechten Auge ausmachen konnte. Mühsam streckte er Jackie die Hand entgegen und hoffte, dass dieser das leichte Zittern seiner Finger nicht bemerkte. »Mr Bellamy, richtig?«, fragte er mit brüchiger Stimme.

Jackies Augenbrauen schnellten eine Winzigkeit in die Höhe und machten keinen Hehl aus seiner Verwirrung. Sein Mund öffnete sich einen Spalt und präsentierte die erotische Unebenheit seiner Schneidezähne, deren Anblick Bertie ein Lippenlecken abverlangte. Berties ausgestreckte Hand wurde ignoriert. Ob aus Perplexität oder Widerwillen, war nicht auszumachen. So oder so drehte sich ihm deswegen der Magen um. Er ließ die Finger sinken, um nicht wie ein noch größerer Idiot dazustehen, als er es bereits tat.

Miss Beth ergriff mit hörbarem Amüsement das Wort. »Harry, darf ich vorstellen? Das ist Mr Escoffier. Er wartet hier auf seinen Bruder und wird uns bei Tisch Gesellschaft leisten.«

Bei der Nennung seines Namens war Jackies Blick schmal geworden. Jener Blick, der sich für keine Sekunde von Bertie löste. »Escoffier?«, hakte er rau nach und klang nicht sonderlich angetan.

Bertie würgte an seinem Unbehagen. Die kühle Reserviertheit in Jackies Miene bemühte sich, seinem Körper jegliche Wärme zu entziehen. Aber davon durfte er sich nicht abschrecken lassen. Er war gekommen, um zu kämpfen – nicht, um zu kapitulieren. Niemand hatte gesagt, dass es einfach werden würde. Kühn starrte er Jackie in die Augen, obwohl der Feigling in ihm den Blick senken wollte, und hielt ihm erneut die Hand hin. »Albie für Euch«, meinte er heiser.

Die Erwähnung des vertraulichen, fast schon intimen Kosenamens, den nur Jackie benutzte, schaffte es nun doch, einige Risse in dessen Distanziertheit zu hämmern. Sein Gesicht nahm etwas Leidendes an, ein bebendes Keuchen entrang sich ihm und er griff endlich nach Berties Fingern. Mit beinahe grimmiger Besitzgier barg er sie in seiner Hand und drückte kräftig zu, was Bertie einen wohligen Schauer nach dem anderen über den Rücken trieb. Putain, er wollte dringlich die Handschuhe loswerden, um Jackies Haut auf der seinen zu spüren. Nach ein paar Atemzügen, die so heftig gingen, als legten sie es darauf an, seine Erregung zu verraten, bemerkte er, wie geweitet Jackies Pupillen waren. Seinetwegen. Eine Erkenntnis, die ihm die Beine bedenklich schwach machte. Auch die leise Verehrung in dem fast schwarzen Blick entging ihm nicht. Mit diesem Ausdruck in den Augen musste Jackie das Gemälde angefertigt haben, das in seinem Schlafgemach hing. Hier hatte Bertie nun die Antwort auf die Frage, die ihn gequält hatte. Ja. Jackie hatte ihn noch gern. Mehr als gern sogar.

Die Härte, die er gleich darauf in seine Züge zwang, um seine Gefühle zu verstecken, stellte jedoch unmissverständlich klar, wie verletzt er immer noch war. Bertie schwor ihm in Gedanken, es wiedergutzumachen.

Nach einem verstohlenen Räuspern machte Jackie sich von ihm los. So ruckartig und forsch, als hätte er dabei gegen seinen Willen anzukämpfen.

Eine belustigte Miss Beth rief ihnen ihre Anwesenheit in Erinnerung: »Ich sehe, meine ausgesprochene Einladung war ganz in Eurem Sinn, Harry. Jetzt lasst den jungen Mann bitte Platz nehmen. Hingerissen anstarren könnt Ihr ihn auch dann noch, wenn er sitzt, aber da hat er es bequemer.«

Erneut klärte Jackie hinter vorgehaltener Faust seine Kehle. Eine hauchzarte Röte kroch ihm über Wangen, die nicht dafür gemacht schienen. Mit gesenktem Haupt setzte er sich wieder hin und Bertie tat es ihm gleich.

Miss Beth nickte zufrieden, sobald das Zurechtrücken der Stühle abgeschlossen war und Bertie sein Jackett geöffnet hatte. Um ihre Mundwinkel zuckte es. »Ich stelle fest, dass es für eine Vorstellung noch nicht gereicht hat, Ihr Euch aber schon gesehen haben müsst. Zumindest Ihr seid Harry bereits aufgefallen, Mr Escoffier.«

»Was lässt Euch so denken?«, fragte Bertie unruhig, obwohl nichts darauf hindeutete, dass sie ihr Gespräch am See beobachtet hatte.

»Na, für mich hat er sich noch kein einziges Mal rasiert, seit er hier ist. Ich hätte ihn fast nicht erkannt beim Hereinkommen«, scherzte sie mit einem Augenzwinkern. »Ein Wunder, dass ich den Tisch trotzdem gefunden habe, so wie der feine Herr sich heute in Schale geworfen hat. Man könnte meinen, wir erwarten den geheimnisvollen Bertie höchstpersönlich.«

»Miss Beth«, stieß Jackie verlegen hervor und warf ihr einen Blick zu, der sich nicht zwischen ermahnend und flehend entscheiden konnte.

»Ihr habt recht. Über den Halunken sprechen wir nicht.« Sie tat das Thema mit einem Handwink ab und während Jackie noch dankbar wirkte, trieb sie ihm das beiläufig aus: »Den heben wir uns für die Nachspeise auf.« Jackie wollte protestieren, doch die Miss ließ ihm keine Zeit. »Möchtet Ihr nicht ein wenig von Euch erzählen, Mr Escoffier?«

»Oh, ich … äh …«, stammelte Bertie und strich sich mit der Fingerspitze flüchtig über die Augenbraue. »Auf dem Weg hierher musste ich so oft meine Lebensgeschichte herunterleiern, dass ich es begrüßen würde, nicht ein weiteres Mal dazu gezwungen zu werden.«

Ein enttäuschtes Seufzen entrang sich der resoluten alten Dame. »Dann werde ich mit ein paar Anekdoten aufwarten. Harry muss man nämlich auch jede Silbe einzeln aus dem Mund klauben. Meine Possen werden ihn langweilen, weil er das meiste davon bereits gehört hat, aber vielleicht wird ihm das eine Lehre sein und ihn in letzter Konsequenz zum Reden bringen.« Ihr mokanter Blick streifte Jackie, ehe sie sich sofort wieder Bertie zuwandte: »Ich hoffe, Ihr habt Erfahrung darin, angeschlagene Herzen zu reparieren.«

»Ich fürchte, mein Können besteht eher darin, sie zu brechen«, gab Bertie mit ernstlichem Kummer zurück.

»Oh, das hat in seinem Fall schon ein anderer vollbracht«, konterte Miss Beth. »Äußerst gründlich, wie mir scheint.«

»Miss Beth«, entfuhr es Jackie abermals. »Können wir bitte nicht über mein gebrochenes Herz sprechen?«

»Wie Ihr möchtet, mein Lieber, auch wenn ich der Ansicht bin, Gefühle sollten nicht totgeschwiegen werden. Und vor Fremden lässt es sich oft besser das Herz ausschütten als vor denen, die es betrifft«, erwiderte Miss Beth, womit sie unwissentlich ihren Ratschlag untergrub. Sie wusste ja nicht, dass der, den es betraf, zu ihrer Linken saß.

Bertie griff sich unwillkürlich an die Brust. Jackie selbst sein Herz als gebrochen bezeichnen zu hören, zerrte an den Scherben des seinen. Wie hatte er ihm das antun können, wo er diesen Mann doch so sehr liebte, dass es all seine Gedanken und Empfindungen aufzehrte?

Ein Ober kam herbei und nahm ihre Getränkebestellung auf, welche die Dame für sie übernahm. Kaum war der livrierte Diener zum nächsten Tisch weitergezogen, richtete Miss Beth erneut das Wort an Bertie: »Habt Ihr den Kurarzt aufgesucht, wie ich es Euch empfohlen habe, Mr Escoffier?«

»Habe ich«, bestätigte er mit einem Nicken und ignorierte das Brennen, welches Jackies forschender Blick in ihm auslöste. »Nur eine Verstauchung«, tat er ab und hoffte, sie könnten das unangenehme Thema fallen lassen, welches er vor Jackie wahrlich nicht in allen Einzelheiten besprechen wollte.

Miss Beth lächelte. »Ein höchst attraktiver Mann, der Herr Kurarzt, wenngleich natürlich auch schrecklich alt. Viel zu alt für jeden hier am Tisch. Hat er Euch ein Moorbad verschrieben? Bei mir wirken sie wahre Wunder.«

»Er hat es mir angeboten, aber ich habe ein kaltes Bad vorgezogen.«

»In meinem Alter kann einen sowas glatt umbringen«, scherzte Miss Beth. »Ich rate Euch dringend das heiße Moorbad an. Nach zehn Tagen auf dem Pferd habt Ihr ein wenig Entspannung verdient. Der Muskelkater muss unerträglich sein.«

Bertie verzog unwillkürlich die Miene, als jene zehn Tage erwähnt wurden, die jedoch ohnehin nicht auf ewig ein Geheimnis bleiben konnten, und tat besagten Muskelkater mit einem Kopfschütteln ab. Sein Blick huschte zu Jackie hinüber, der die Stirn in Falten legte und die Welt nicht mehr zu verstehen schien.

»Seid Ihr es gewohnt, viel Zeit im Sattel zu verbringen?«, fragte die Miss, während ein Kellner zwei Karaffen auftischte. Eine mit Wein, eine mit prickelndem Wasser. Offenbar war es üblich, dass man sich selbst einschenkte, denn Jackie griff wie selbstverständlich nach dem Dekanter und füllte erst Miss Beths, dann Berties und schließlich sein eigenes Glas mit Weißwein.

»Ich … äh …« Schon wieder kam Bertie ins Stocken, weil er sich fragte, wie viel er von sich preisgeben durfte. Wenn er bloß wüsste, was Jackie über seinen herzensbrechenden Halunken erzählt hatte. »Ich arbeite als Bereiter«, wagte er sich vorsichtig aufs Glatteis.

Es hielt stand. In Miss Beths Augen zeigte sich kein Hauch von Misstrauen. Sie nickte angetan. »Harry hat ebenfalls eine Schwäche für Pferde. Das wäre doch ein guter Ansatz für eine Unterhaltung, zu der auch er mehr als drei Worte beitragen kann. Selbstverständlich muss dieses Gespräch nicht in meinem Beisein geführt werden. Nur ein Denkanstoß.« Amüsiert nippte sie an ihrem Wein und erging sich in Schwärmereien über die fruchtige Note des edlen Gesöffs.

Die Vorspeise wurde aufgetragen. Gebackene Feigen auf einem Parmesantörtchen mit Roquefort gefüllt. Allein der Duft vollbrachte es, dass Bertie das Wasser im Mund zusammenlief. Wann hatte er zum letzten Mal ordentlich gegessen? Er leckte sich die Lippen und langte nach Messer und Gabel.

Miss Beth war bereits dabei, ihre Feige zu zerteilen, und bewunderte das cremige Innere. »Die sieht ausgesprochen köstlich aus.« Den ersten Bissen kommentierte sie mit einem Seufzen samt genießerischem Augenrollen, während Bertie sich das seine mühsam verbiss.

Jackie widmete sich der Mahlzeit wesentlich zögerlicher, doch Bertie hegte die Hoffnung, dass das Dessert seinen Appetit wieder nachhaltig anregen würde.

»Wie kommt es, dass ein Gentleman, den ich Euch wohlwollend zuschreiben will, beim Essen nicht die Handschuhe ablegt?«, fragte Miss Beth.

»Gießereiunfall. Kein schöner Anblick«, gab Bertie zurück und führte eilig die nächste Gabelladung zum Mund. Es behagte ihm nicht, die Dame zu belügen, so wollte er zumindest nicht jede Unwahrheit auch noch ellenlang ausschmücken müssen.

»Ich dachte, Ihr seid Bereiter?«

»Das war ich nicht immer.«

»Gießerei«, wiederholte sie fröhlich. »Dann haben wir sogar etwas gemeinsam. Ich bin Goldschmiedin.«

Bertie zwang ein gequältes Lächeln auf seine Lippen und betete im Stillen zu allen Göttern, sie mögen sich gnädig zeigen und die Lady nichts zu Metall oder Legierungen fragen lassen. Davon hatte er – Überraschung! – nicht die geringste Ahnung. »Eine Goldschmiedin? Das stelle ich mir spannend vor. Abwechslungsreich vor allem.«

Miss Beth schluckte den Köder mit Freuden. »Oh ja, das ist es in der Tat. Ich habe ganze Mappen voller Fotografien meiner angefertigten Geschmeide und Ihr werdet dennoch kaum ein Duplikat finden. Meine Arbeiten sind so vielfältig wie die Menschen, die sie in Auftrag geben.«

Der Blauschimmelkäse zerging Bertie auf der Zunge, vermischte sich mit der Süße der Feige und dem angenehm sauren Essig der Salatbeilage. Himmlisch. »Gibt es ein Schmuckstück, an dem Ihr besonders hängt?«

»Sicherlich«, lächelte Miss Beth. »Mehr als eines sogar. Am Herzen liegen tun mir die meisten, außer die ganz hässlichen Sonderwünsche, die sich so mancher Exzentriker nicht hat ausreden lassen.«

»Zum Beispiel?«

»Ich hatte einen Zahnarzt, der sich die herausgerissenen Zähne seiner berühmten Kundschaften vergolden und zu einem Ring hat einfassen lassen.«

»Bei allen Göttern.« Bertie schnitt eine angewiderte Grimasse, die ihm bei dem erstklassigen Essen kaum gelingen wollte.

»Ihr sagt es«, pflichtete Miss Beth ihm kauend bei. »Die waren nicht besonders appetitlich anzusehen. Immerhin hatte es seine Gründe, dass sie nicht länger in jemandes Kiefer steckten. Das Schlimmste war allerdings, dass er diese Abscheulichkeiten tatsächlich getragen hat. Bei der Arbeit«, fügte sie nachdrücklich hinzu. »Stellt Euch vor, wie so ein Scharlatan in Eurem weit aufgesperrten Mund herumfuhrwerkt, während er damit prahlt, in wessen Gebiss der Zahn an seinem Ring sich früher mal befunden hat. Ich würde mich panisch fragen, ob er mir auch einen ausreißt, bloß um seine Sammlung erweitern zu können.«

Bertie schabte die letzten Krümel vom Teller und leckte dann sogar das Messer sauber, wofür er sich schon eine Sekunde später ungehobelt vorkam. »Ich würde das Weite suchen, sobald ich einen Blick auf seine Hand geworfen habe.«

»Sehr weise, mein Lieber«, nickte Miss Beth erheitert und legte ihr Besteck beiseite, um nach der Stoffserviette zu greifen. Sie musterte Jackie, der sich gerade vornehm den letzten Bissen in den Mund schob. »Ich sehe, Ihr habt wieder einen halbwegs gesunden Appetit.«

Bertie hegte die Hoffnung, dass das ein gutes Zeichen war, obgleich Jackie die Feststellung unkommentiert ließ. Über die sanft flackernde Kerze hinweg warfen sie sich einen Blick zu. Jackies Miene war undurchdringlich und in seinen Augen lag eine Finsternis, die nicht einmal der Kerzenschein zu vertreiben wusste. Die Ernsthaftigkeit, die sich wie ein Schatten über seine Züge legte, ließ Berties Erinnerung an heimelige Nachmittage in einträchtigem Schweigen, ausgelassene Picknicks und alberne Kindereien wie ein Trugbild dastehen. Eine verlogene Fantasie, die nie Wirklichkeit gewesen war. Wie könnte er sie aber so heftig vermissen, wenn sie nie real gewesen wäre? Wie könnte er sich derart brennend danach sehnen, dass es wieder wie zuvor sein konnte?

Nein, nicht wie zuvor, sondern besser. Nämlich mit dem Versprechen, einander für immer zu gehören. Mit dem Schwur, einander einen Ehering überzustreifen, sobald diese verdammten drei Jahre vorüber waren.

»Mr Escoffier?«

Erst als sie sich beide ruckartig der Dame am Tisch zuwandten, begriff Bertie, dass mehr als ein flüchtiger Moment verstrichen sein musste.

Während er sich noch fragte, ob es nicht ein Fehler gewesen war, sich unter Jackies Namen einzuschreiben, brachte er ein raues »Hm?« hervor. Eines der Serviermädchen trug die leeren Teller ab. Bertie griff nach seinem Glas und nippte an dem Wein, den er gerne gegen etwas Stärkeres tauschen würde.

»Ich fragte mich nur, woher der Name Albie wohl kommen mag«, wiederholte Miss Beth, was zuvor auf taube Ohren und beschäftigte Herzen gestoßen war.

»Oh, äh …« Bertie zögerte unbehaglich, ehe er in all dem Morast seines Kummers auf ein wenig Dreistigkeit und Humor traf. »Ihr werdet es nicht glauben, aber das kommt tatsächlich von Jacques.«

Jackie stieß abgehakt etwas Luft durch die Nase, was er mit einem Räuspern zu kaschieren versuchte. Zur Tarnung seiner amüsiert zuckenden Mundwinkel hielt er sich die Faust vor, doch Bertie blieben sie nicht verborgen. Sein Herz bebte. Er konnte Jackie also noch zum Lachen bringen.

»Wie kommt man von Jacques auf Albie?«

»Das müsst Ihr meinen Bruder fragen, wenn er eintrifft. Es ist seine Kreation.«

»Wie heißt denn Euer Bruder?«

»René«, antwortete Bertie ohne ein Wimpernzucken, woraufhin Jackie sich flüchtig abwandte. Vielleicht um einen weiteren Anflug von Erheiterung vor ihnen zu verbergen.

Miss Beth lächelte. »Sehr hübsche Namen, wie ich anmerken muss.«

»Ich kann nur zustimmen. Ausgesprochen melodisch. Ein Schriftsteller könnte sich vom Wohlklang der Silben höchst inspiriert fühlen«, erwiderte Bertie sanft, während er mit dem Stiel seines Glases spielte. Er wagte einen Blick in Jackies Augen, die sich eine Winzigkeit für ihn aufhellten und somit einen Hauch ihres gewohnten Dunkelbrauns zeigten.

»Oh, sagt so etwas Wunderliches lieber nicht, Mr Escoffier«, ermahnte ihn Miss Beth. »Der Halunke, der unserem Harry hier das Herz gebrochen hat, ist nämlich einer. Ein Schriftsteller. Der Talentierteste und Beste, den die Welt je gelesen hat, behauptet Harry. Dennoch hindert er mich geschickt daran, mir eine eigene Meinung zu bilden, indem er mir partout nicht verrät, unter welchem Pseudonym dieser Schurke seine Romane veröffentlicht.«

»Der Talentierteste?«, hakte Bertie unwillkürlich nach und während Jackie die Miene noch weiter zu verschließen schien, nickte Miss Beth offenherzig.

»So begnadet wie kein anderer, sagt Harry. Und er hat viel gelesen.«

»Miss Beth«, versuchte Jackie erneut, die Dame zur Raison zu bringen, was wie gewohnt an ihr abprallte.

»Was denn?«, säuselte sie, als spräche sie mit einem peinlich berührten Enkelsohn. »Er hört es ja nicht. Diesem Falott würde ich niemals verraten, dass Ihr mir gestanden habt, vor seiner Wortgewandtheit auf die Knie sinken zu wollen. Aber Mr Escoffier wird bestimmt nirgends ausplaudern, wie sehr Ihr Euren Bertie bewundert. Nicht wahr, Sir? Wir sind doch hier unter uns.«

Wieder wurden Jackies Wangen von jener Röte heimgesucht, die seine Männlichkeit nicht im Geringsten untergrub, sondern gar noch seltsam unterstrich. Er wirkte dankbar, als die Hauptspeise aufgetragen wurde, die aus dunkel gewürztem Hühnerbrustfilet mit Reis und buntem Salat bestand. Eine vornehme Variante ihrer Leibspeise. Was für ein Zufall. Im Gegensatz zum Dessert war das hier wirklich einer. Bedauerlich fand er bloß, dass Jackie sie diesmal ohne seine heiß geliebte Dandybrause verspeisen musste. Er verspürte den Drang, noch mal bis ans andere Ende der Insel zu reiten, um ihm eine Flasche davon zu besorgen.

Miss Beth lobte die ansprechend angerichtete Mahlzeit, ehe sie ihre Beilagen zu einem barbarischen Durcheinander vermischte. Bertie, dem schon wieder der Mund wässrig wurde, goss sich Hühnerfett aus der porzellanenen Sauciere auf Reis und Fleisch. So reichlich, dass ein kleiner, glänzender See entstand. Er fischte eines der drei hellen Brötchen aus dem Korb und legte es neben seinen Teller, bevor er mit dem Essen anfing. Die ersten paar Bissen schlang er so hastig hinab, dass Miss Beth sich zu einem neckischen Tadel berufen fühlte.

»Ihr müsst ja wirklich ausgehungert sein, mein Lieber.«

»Verzeiht meine mangelhaften Tischmanieren«, murmelte er und zwang sich, seine Eile zu bezähmen, obwohl sein Magen gegen diese Galanterie rebellierte.