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Gregory würde den langweiligen, nervtötenden Spießer Harsh am liebsten zum Mond schießen! Es ist schlimm genug, dass die Streitigkeiten zwischen ihnen regelmäßig eskalieren, aber nach dem jüngsten Eklat werden sie von ihrem Boss Levinstein dazu verdonnert, ihn auf eine Dienstreise an die stakische Grenze zu begleiten! Ihm fallen auf Anhieb eintausend Arten ein, auf welche dieses Unterfangen schiefgehen könnte. Am wahrscheinlichsten ist es, dass Harsh und er sich schon auf dem Weg dorthin die Köpfe einschlagen. Bedauerlich, wo Harsh doch ein so hübsches Exemplar davon auf den breiten Schultern trägt ... Dieser Roman kann für sich allein gelesen werden, gehört aber zur "Ascot Crime and Drama"-Reihe. Die Protagonisten haben bereits einen kleinen Auftritt in "Der Liebreiz einer Hyazinthe".
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2024
Tharah Meester
Der Schreiber des Widerspenstigen
Ascot Crime and Drama
Inhalt
Landkarte
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Epilog
Leseprobe zu »Der Liebreiz einer Hyazinthe«
Die Autorin
Impressum
Trotz des kalten Winters war es in dem Konferenzsaal, in dem man die Krisensitzung einberufen hatte, heiß und stickig. Die Beamten samt ihren Schreibern waren fast vollständig versammelt und lauschten Levinsteins wütendem Geschrei: »Lord Harringtons Gartenpavillon wurde aufgrund eines dummen Fehlers abgerissen! Einer der Anwesenden wird hier und heute die Verantwortung dafür übernehmen!«
Irgendjemand hatte eine falsche Ziffer auf ein Formular geschrieben und so war statt einem Bau ein Abriss auf dem Nebengrundstück vorgenommen worden. Jackson konnte sich nicht mehr an die Papiere erinnern, die gewiss auch durch seine Hände gewandert waren. Er konnte sich nicht entsinnen, ob ihm dieses fatale Missgeschick passiert war. Er konnte nur beten, dass dem nicht so war. Andernfalls würde er seine Anstellung verlieren und mit ihr seinen mageren Lohn, den er dringend nötig hatte, um sich über Wasser zu halten. Dumpfe Panik plagte ihn.
Neben ihm grinste Daxx Ocean in seiner gewohnten Gehässigkeit. Der eingebildete Kerl mit dem hüftlangen, weißblonden Haar schien seine Gedanken zu erraten und warf ihm einen boshaften Seitenblick zu. »Plagt Euch ein schlechtes Gewissen, Harsh? Wart es in Eurer Dummheit etwa Ihr, der die Katastrophe zu verantworten hat?«
»Vielleicht war es ja Euer Schreiber«, biss Jack zurück und hoffte, dass man ihm die Verzweiflung nicht ansah. Zumindest weniger als die zornige Hilflosigkeit, die sich ihm angesichts der Beleidigung aufdrängte.
»Was wollt Ihr damit andeuten?«, mischte sich eben dieser Schreiber ein. »Wollt Ihr sagen, ich sei nicht fähig, eine Adresse und ein paar Zahlen auf ein verdammtes Stück Papier zu kritzeln?«
Jack wandte sich zu dem Mann mit dem ebenholzschwarzen Haar um und musterte dessen seltsames Gewand. Ein dunkelrotes Cape mit Ärmelschlitzen. Seine Beinkleider waren hauteng und seine Stiefel zu lang, um für den Alltag geeignet zu sein. »Möglicherweise wart Ihr zu sehr mit Eurer Kleidung beschäftigt, um die richtige Nummer zu Papier zu bringen!«
Merriweather schnappte nach Luft und sah flüchtig an sich hinab. »Was gibt es nun wieder an meiner Kleidung auszusetzen?«
»Ihr seht aus, als würdet Ihr einen Kostümball besuchen!«
»Ach ja? Und Ihr seht aus, als kämet Ihr gerade aus dem Wald. Vom Holzfällen!«
Zustimmendes Gekicher von ein paar Umstehenden kam ihm zu Ohren.
»Und Ihr stolziert herum wie ein aufgeblasenes Gockelküken!«
»Go... Gockelküken?«, wiederholte Merriweather und verschränkte die Arme vor der schmalen Brust. »Ihr müsst es ja wissen«, kam schließlich überraschend ruhig zurück und ein böses Lächeln huschte über ein feines Gesicht, als Merriweather hinzufügte: »Bauerntrampel.«
»Nehmt das zurück!«, donnerte Jack so laut durch den Saal, dass es um sie herum peinlich still wurde.
»Zwingt mich dazu, Blödmann!«
Jack wollte sich auf den anmaßenden Mistkerl stürzen und die Herausforderung annehmen. Auch Merriweather gedachte offenbar, sich mit ihm zu prügeln. Was für ein Dummkopf! Er musste doch sehen, dass er ihm unterlegen war!
Ehe es zu einem Raufhandel kommen konnte, wurden sie beide von hinten gepackt und voneinander ferngehalten.
»Das werdet Ihr bereuen!«, spuckte Jack und versuchte, sich gegen die vielen Hände zu wehren, die es brauchte, um ihn zu bändigen.
»Ihr noch viel mehr, Harsh! Das schwöre ich Euch!« Merriweather konnte allein von seinem Dienstherrn Daxx Ocean zurückgehalten werden, der sich köstlich zu amüsieren schien. Zumindest grinste er wie blöde.
Unvermittelt ertönte der Klang einer Posaune direkt neben ihnen. Levinsteins Ersatz eines Richterhammers. Sehr wirkungsvoll. Ebenso wie das Gebrüll, das folgte: »In. Mein. Bürooo!«
»Mister Levinstein«, mischte sich Stephen Bishop zaghaft ein.
Der weißhaarige, stellvertretende Leiter der Bauaufsichtsbehörde wandte sich um. »Was ist denn jetzt?!«
»Ich … ich glaube, ich habe den Fehler gemacht. Meine Handschrift war wohl an dem Tag etwas … krakelig«, gestand der Blonde mit einem entschuldigenden Lächeln, als hätte er nicht für den Abriss eines lordschaftlichen Pavillons gesorgt.
Jack fühlte für einen Moment Erleichterung, da er nicht für das Chaos verantwortlich war. Dann wurde ihm bewusst, was er sich soeben geleistet hatte. Dieser Streit würde ein gewaltiges Nachspiel haben, wenn nicht gar seine Kündigung herbeiführen. Schuld daran war nur der aufgeblasene Stutzer, der ihn giftig anstierte und dessen Blick er ebenso feindselig erwiderte!
»Ihr werdet Euch später vor Lord Harrington verantworten, Bishop. Erst kümmere ich mich um diese beiden Herren«, verkündete Levinstein und nickte in Richtung Tür, um sich gleich darauf hinter ihnen in Bewegung zu setzen.
»Vielen Dank auch, Harsh«, kam stichelnd von Merriweather, während sie nebeneinander hergingen.
Jack knirschte mit den Zähnen, wobei einer von ihnen schmerzte, sagte jedoch nichts, um nicht ein weiteres Mal die Beherrschung zu verlieren.
Im Rücken hörte er Lord Harrington kreischend gegen die Unterbrechung protestieren und etwas vom Höllenfeuer brüllen, doch Jack hatte jetzt wahrlich andere Sorgen als den Teufel. Ehrlich gesagt wäre ihm eine Auseinandersetzung mit dem Herrn der Unterwelt lieber als eine mit Levinstein. Doch so einfach machte das Schicksal es ihm nicht.
*
Aus dem Augenwinkel betrachtete er den Bauerntrampel mit dem dunklen, dichten Vollbart, hinter dem er sich und seine Lähmung zu verstecken versuchte. Eine Seite seines Gesichts war stets entspannt, selbst wenn er noch so zornig war. Allerdings kam es selten vor, dass sich irgendeine Gefühlsregung in seinen Zügen zeigte. Jetzt erkannte man jedoch die Sorge darin, die auch Gregory erfasste. Levinstein würde nicht gnädig mit ihnen sein. Der Mann hieß sie, vor seinem Schreibtisch geradezustehen wie Soldaten, und betrachtete sie. In seinem Kopf balgten sich gewiss die verrücktesten Fantasien, wie er sie bestrafen konnte. Gregory graute vor dem, worauf die Würfel fallen würden.
Billy behagte die Atmosphäre ebenfalls nicht. Er strich eine Weile nervös um Gregorys Beine und maunzte leise, wovon zum Glück niemand Notiz nahm. Der rabenschwarze Kater setzte sich schließlich und begann, seine Pfoten zu säubern, als stünde sein Herrchen nicht kurz davor, sich die Schelte seines Lebens einzufangen.
»Der Idiot und der Geck«, murmelte Levinstein in die unangenehme Stille und brachte Gregory dazu, missbilligend die Augenbrauen zusammenzuziehen. Sollte der Mann Harsh einen Idioten nennen, so viel er wollte, aber ihn als Geck zu bezeichnen, ging eindeutig zu weit!
Jedoch würde er sich hüten, seinen obersten Dienstherrn darauf aufmerksam zu machen, was er von der Beschimpfung hielt. Harsh hatte sie schon tief genug in die Jauche geritten! Er wollte bei Gott nicht darin ersaufen.
»Was mache ich mit denen?«, fuhr Levinstein fort, als wären sie nicht mit ihm im selben Raum. Auch blieb unklar, mit wem er eigentlich sprach.
Gregory warf einen Blick auf die Standuhr hinter dem Alten und fragte sich, wie lange die Angelegenheit dauern würde. Immerhin hatte er noch anderes zu tun, als hier herumzustehen und sich wegen dem Blödmann Harsh bestrafen zu lassen. Was bildete der Idiot sich ein, ihn als Gockelküken zu beschimpfen?! Gockelküken! Das war doch die Höhe! Das würde der Mistkerl bereuen!
»Es trifft sich wunderbar, dass einer meiner eigenen Schreiber krank geworden ist und der andere bei seiner schwangeren Frau daheimbleiben will. Gott allein weiß, weshalb. Die Herren Merriweather und Harsh werden mich statt ihrer auf eine Geschäftsreise nach Denriff an der stakischen Grenze begleiten, damit ich sie beobachten kann.« Levinstein lächelte. Das Lächeln Satans, das Gregory zusammen mit der Ankündigung den Atem raubte. »Ich kann die Streitigkeiten nicht länger dulden. Ihr arbeitet in einer Abteilung und die ständigen Reibereien machen mich nervös, versprechen sie doch ein Desaster, das ich um jeden Preis vermeiden möchte.«
»Eine Geschäftsreise? An die stakische Grenze?«, wagte Gregory vorzubringen und hoffte inständig, sich verhört zu haben oder sich das Gerede von dem gemeinsamen Ausflug nur einzubilden.
Auf Levinsteins Lippen lag immer noch ein kaltes Lächeln – es gefiel ihm, sie zu quälen. Vielleicht war er ja doch der Teufel. »Die Herren werden lernen müssen, miteinander auszukommen.«
»Wir kommen wunderbar miteinander aus!«, log Gregory das Rote aus der Hölle herauf. Hilfesuchend sah er zu Harsh hinüber: »Nicht wahr, Harsh? Sagt ihm, wie gut wir uns verstehen.«
»Ganz ausgezeichnet«, zischte Harsh wenig glaubwürdig und warf ihm unter halbseitig gerunzelter Stirn einen bitterbösen Blick zu. Nicht mal schauspielern konnte der Trottel! Nicht einmal um ihr Seelenheil wollte er kämpfen!
»Dann mögen sich die Herren zur Versöhnung die Hand reichen«, schlug Levinstein in unschuldigem Tonfall vor, doch sein Grienen verriet grimmige Belustigung.
Gregory streckte Harsh ohne zu überlegen die Rechte entgegen, um zu retten, was noch zu retten war.
Harsh jedoch blieb stur. Der Kerl war ebenso wenig zu fassen, wie er zu ertragen war! Er verschränkte die Arme vor der breiten Brust und murrte: »Lieber soll mich auf der Stelle der Schlag treffen!«
»Hat er doch schon oder woher rührt sonst Eure seltsame Visage?!«, konterte Gregory.
Darauf folgte ein Knurren. Eine Sekunde später wollte Harsh sich auf ihn stürzen, doch Levinstein intervenierte zeitgleich mit Billys empörtem Fauchen: »Schluss damit! Morgen um sechs Uhr früh vor dem städtischen Stall! Warme Kleidung für einige Tage! Wer ein eigenes Pferd hat, bringt es mit! Ende der Diskussion!«
»Ein eigenes Pferd? Ich kann nicht mal reiten, Sir!«, warf Gregory aufgebracht ein.
»Ende. Der. Diskussiooon!«, donnerte Levinstein und rammte seine Faust gegen einen Stapel Papiere, dessen einzelne Blätter sich wild flatternd im Raum verteilten.
Er hatte ein einziges Mal auf einem Pferd gesessen, aber das hatte seine Mutter geführt, während sein Vater den kleinen Jungen, der Gregory gewesen war, sicher im Arm gehalten hatte. Seine Miene verzog sich flüchtig zu einer Grimasse, als er in seinem Kopf das schöne Lachen seiner Eltern hörte. Seine Zunge schnellte hervor und er räusperte sich, um die Enge im Hals zu vertreiben.
Vor sich sah er den Treffpunkt und erblickte die schwarze Kutsche, neben der ein reisebereiter Levinstein stand. Von Harsh war nichts zu sehen. Vielleicht war er ja krank geworden? Oh bitte, lass ihn krank geworden sein. Nichts Schlimmes. Nur eine Erkältung, die ihn daran hinderte, mitzukommen.
Gregory beschleunigte seine Schritte, was sich schwierig gestaltete, weil er den größten Koffer, den sein Großvater zu bieten hatte, samt einer Zusatztasche hinter sich herschleppte. Immerhin waren sie eine Weile unterwegs und er wollte gut aussehen, darum hatte er seine halbe Garderobe eingepackt. Nein, das war übertrieben. Immerhin füllten seine modischen Besitztümer eine ganze Dachkammer. Sein Ankleidezimmer über den Dächern Ascots. Es war sein ganzer Stolz. Neben Billy natürlich.
In der freien Hand hielt er das Körbchen, in dem sich sein Kater befand – sehr zu dessen Unmut. Er maunzte unzufrieden vor sich hin.
»Guten Morgen«, schnaufte Gregory, als er sein Ziel erreichte und Koffer und Korb abstellen konnte. Seine Hände schmerzten und er rieb sich die Abdrücke der Trageriemen. Billy tapste mit der Pfote gegen das Weidengeflecht, in dem er gefangen war.
»Ich sehe, Ihr habt Eure Katze mit«, stellte Levinstein missbilligend fest.
»Ja, Sir. Wäre es ein Problem, wenn mein Kater in Eurer Kutsche reisen würde?«
»Meinetwegen stellt den Käfig in mein Gefährt«, winkte sein Dienstherr ab. »Ich hoffe nur, das Tier ist still. Ich brauche meine Ruhe.«
»Oh, er wird sich vortrefflich benehmen.« So sicher war er sich da nicht. Billy konnte recht beharrlich sein, wenn ihm etwas nicht passte. Das brauchte Levinstein aber nicht zu wissen. Die Dinge würden sich entwickeln. Wer wusste schon, ob er nicht möglicherweise doch brav sein würde? Man musste nicht gleich die Pferde scheu machen. Das wollte Gregory auf keinen Fall. Ganz wörtlich genommen nicht.
Er tat, wie ihm so freundlich erlaubt, und stellte den Korb in die Kutsche, vor die ein weißes Pferd gespannt war. Mit einem Finger streichelte er Billy durch das Gitter. Obwohl der Kater böse mit ihm war, rieb er sich schnurrend an ihm. »Sei lieb. Sonst bekommen wir Ärger.«
Hinter sich vernahm er das Klappern von Hufeisen auf Pflasterstein, doch das Geräusch kam nicht vom Stall. Verwirrt wandte er sich um und hielt unwillkürlich den Atem an, als er Harsh erblickte. Der Mann war wie immer in abgetragene und größtenteils erdfarbene, also herzlich wenig modische Kleidung gehüllt, in der er aussah wie ein Bauer oder ein Holzfäller oder … irgendetwas anderes Dämliches eben. Sein dunkelbraunes Haar war zu demselben Scheitel wie stets gekämmt. Alles wie gewohnt. Bis auf den Rappen mit beeindruckend glänzendem Fell, den er an ledernen Zügeln an seiner Seite führte.
Gregory hatte gewiss nie ein schöneres Pferd gesehen und sicher auch kein größeres. Trotz der Tatsache, dass Harsh ebenfalls ungewöhnlich groß war, wirkte das Tier neben ihm riesig. Es hatte lange, elegante Beine und einen eben solchen Hals. Sein Gang war anmutig und der Takt zog einen in den Bann. Der Umstand, dass der Trampel ein so wunderschönes und erstklassiges Reittier besaß, irritierte ihn. Ein Esel würde besser zu ihm passen.
»Guten Morgen, Sir«, grüßte Harsh ihren Arbeitgeber und ignorierte Gregory mit voller Absicht.
»Dann können wir jetzt endlich los«, brummte Levinstein und pfiff nach einem Lakaien. »Wir brauchen noch ein Pferd!« Damit wandte er ihnen den Rücken zu und stieg in die Kutsche, um lautstark den Verschlag zu schließen.
Ein Stallmädchen drückte Gregory die Zügel eines braunen Tieres in die Hand. »Sein Name ist Ericson. Er ist ein braver Kerl«, meinte die Kleine aufmunternd und verschwand, ohne Anstalten zu machen, ihm in den Sattel zu helfen.
»Wollen wir’s hoffen«, murmelte er, um danach unschlüssig an der Seite des Pferdes zu stehen, die Lederriemen in den feuchten Händen. Die Steigbügel befanden sich nicht dort, wo sie zum Aufsteigen sein sollten, sondern waren am Sattel festgemacht. Er zog sie herunter und überlegte, wie er seinen Fuß bis nach da oben bekommen sollte. Darüber hinaus wollte er dabei gut aussehen, weil Harsh in der Nähe war. Wie aber sollte er das anstellen?
Ericson tänzelte nervös hin und her, als könnte er Gregorys Unsicherheit spüren.
»Ihr müsst erst den Sattelgurt nachziehen und die Steigbügel richten«, warf Harsh mürrisch ein.
»Danke für den Tipp, Blödmann«, zischte Gregory, ohne sich umzudrehen. Wenn er wissen würde, wie das funktionierte, hätte er es längst getan!
Einen Moment später stand Harsh neben ihm und erledigte wortlos, was zu tun war. Das Pferd wurde seltsamerweise ruhiger und Gregory warf einen Blick über die Schulter.
»Läuft es nicht weg, wenn Ihr es nicht anbindet?«, fragte er, als er Harshs imposanten Rappen frei stehen sah.
Harsh folgte flüchtig seinem Blick, ehe er sich wieder den Steigbügelriemen widmete. »Läuft Euer Kater weg, wenn Ihr ihn nicht anbindet?«
Gregory schüttelte den Kopf, obgleich Harsh ihm keine Aufmerksamkeit schenkte und auch keine Antwort zu erwarten schien. Warum auch? Den Kerl interessierte nicht, was er dachte oder sagte.
Schließlich richtete er sich auf. »Rauf mit Euch. Ich halte ihn solange.«
»Erteilt mir keine Befehle«, wies Gregory den Mann zurecht, der sich andauernd anmaßte, so herrisch mit ihm zu sprechen.
Harsh knirschte sichtbar mit den Zähnen, sein Kiefer war angespannt und sein Blick wurde schmal. »Wollt Ihr alleine aufsteigen?«
»Nein! Ihr haltet ihn!«
»Dann macht endlich. Ich bin nicht Euer Knappe.«
»Seid beruhigt! Wenn ich mir einen Knappen suchen würde, dann würde ich einen nehmen, der weniger wie Ihr ist.«
Trotz der Beleidigung verweilte Harsh dort unten mit den Zügeln in der großen Hand, bis Gregory sicher – tatsächlich? – im Sattel saß. »Danke«, murmelte er unwillkürlich in einem Tonfall, der ihm fast schon widerlich sanft vorkam.
Harsh murrte Unverständliches und kehrte ihm den Rücken, um auf sein eigenes Pferd zu steigen. Was er mit einer Eleganz tat, die Gregory dazu brachte, den Mund ohne Absicht zu öffnen. Noch nie hatte er einen Mann so anmutig auf einem Ross sitzen sehen. Er wünschte, er würde hier oben eine solch gute Figur machen, doch daran zweifelte er.
Levinsteins Kutsche setzte sich in Bewegung.
»Wie … wie mach ich, dass er geht?«, fragte Gregory verlegen, sobald er die Zügel halbwegs richtig in den Fingern hielt. Sein Großvater hatte ihm letzte Nacht ein paar grundlegende Dinge erklärt, doch all die wohlgemeinten Ratschläge halfen ihm gerade herzlich wenig. Vor allem, da er einen Großteil davon schon wieder vergessen hatte.
»Gebt Ihm etwas Druck mit den Waden. Zügel locker halten. Füße nicht so weit in die Steigbügel. Fersen nach unten.«
Er tat, wie ihm geheißen – zumindest bemühte er sich – und Ericson setzte sich in Bewegung. Es war ein seltsames Gefühl. Nicht unangenehm, aber auch nicht besonders erquickend.
»Weiter aus den Steigbügeln raus«, ermahnte Harsh und trieb seinen Rappen neben den Braunen.
Als wäre das so einfach! »Warum, zum Teufel?«
»Weil Ihr sonst im Falle eines Sturzes hängenbleiben und vom Pferd nachgezogen werden könntet«, kam geknurrt zurück.
Das leuchtete ihm ein und er mühte sich damit ab, die Bügel nur mit den Zehenspitzen zu berühren. Er räusperte sich und setzte zu einer Entschuldigung an. Wegen der blöden Bemerkung, die er am Tag zuvor über Harshs Lähmung gemacht hatte. Es tat ihm leid, etwas derart Respektloses gesagt zu haben. Vor allem, weil seine Worte nicht im Geringsten widerspiegelten, was er wirklich über Harshs Aussehen dachte.
Noch ehe er einen Laut vorbringen konnte, machte der Blödmann allerdings jede Reue überflüssig: »Der ganze vermeintlich schöne Schein Eurer Kleidung hilft Euch gerade wenig. Ihr hängt auf dem Ross wie ein alter Kartoffelsack.«
»Oh, Ihr mieser …« Während Gregory nach einem passenden Schimpfwort suchte, ließ Harsh sich zurückfallen. »Schwachkopf!«
Das leise, hämische Lachen verstummte. »Schönling!«
»Blödian!«, rief Gregory nach hinten, ohne sich umdrehen zu können.
»Zierbengel!«
»Ruuuhe da hinten!«, donnerte Levinstein und hämmerte mit der Faust gegen das Dach der Kutsche, was sie beide zum Schweigen brachte.
Diese Reise würde ein Trip ins Fegefeuer werden. Ja, er spürte es schon in seinem Magen brennen.
*
Zähneknirschend starrte er Merriweather auf den viel zu schmalen Rücken, den er nach vorne gekrümmt hielt. Der Geck würde Kreuzschmerzen bekommen, ganz zu schweigen von seinem nicht vorhandenen Hinterteil, das ihm wehtun würde. Doch das hatte Jack nicht weiter zu kümmern, deshalb hielt er den Mund. Merriweather würde selbst darauf kommen, dass er sich um eine aufrechte Haltung zu bemühen hatte. Früh genug.
Levinsteins Kutsche wurde schneller, als sie die Stadt hinter sich ließen und die Straße eine höhere Geschwindigkeit zuließ. Ericson, der Braune, war an derartige Reisen gewöhnt und zog dem Gefährt im Trab hinterher, ohne dass Merriweather ihn antreiben müsste. Dieser stürzte beinahe aus dem Sattel und klammerte sich an den Knauf. »Harsh! Harsh!«
Jack ließ Bassiano einen Sprung nach vorne tun. Er griff dem Schreiber in die Zügel, um Ericson in Schritt verfallen zu lassen. »Ich bin ja hier«, knurrte er.
Merriweather, blasser als je zuvor, sah ihn aus großen, grünen Augen an. »Ich weiß, wir können uns nicht ausstehen, aber ich flehe Euch an, lasst nicht zu, dass er mich umbringt«, wisperte er – ängstlicher und dramatischer als angebracht war.
»Ich war eine Pferdelänge hinter Euch und sofort hier, als es nötig war, also kann man mir kaum vorwerfen, Euch nicht beizustehen.«
»Es war keineswegs ein Vorwurf, nur eine Bitte und ein Dankeschön.«
Jack, der das gesäuselte Geschwätz nicht hören wollte, gab das Pferd frei und richtete den Blick nach vorn. Es sah Merriweather ähnlich, dass er sich anbiederte, wenn er etwas brauchte, ihn aber beschimpfte, wenn das nicht der Fall war. »Ihr werdet Euch überwinden müssen, wenn wir Levinstein nicht aus den Augen verlieren wollen.«
»Ihr meint, wir sollen galoppieren?«
»Zumindest eine schnellere Gangart wählen«, erwiderte er ungeduldig. »Treibt ihn an.«
Der Stutzer gehorchte nach einem sichtbaren Schlucken und Ericson setzte sich brav in Bewegung. Der Zelter war ein schönes Pferd, kleiner und weniger geschmeidig als Bassiano, doch recht hübsch.
»Noch einmal«, wies Jack an. Der Braune verfiel in Tölt. Nach einem zufriedenen Nicken ließ Jack Bassiano traben und erleichterte es ihm, indem er in regelmäßigen Abständen aufstand, um wieder in den Sattel zu gleiten.
»Muss ich das auch tun?«, fragte Merriweather verwirrt.
»Euer Pferd bewegt sich in einer völlig anderen Gangart. Bleibt einfach sitzen und versucht, nicht in den Dreck zu fallen.«
»Wie Ihr meint, Blödmann«, keifte der Schreiber und für eine Weile war es still. Lediglich die Hufschläge brachten den Kies unter ihnen zum Knirschen. »Wie heißt Euer Pferd? Ist es … ein Männchen?«
Beinahe hätte Jack über die Wortwahl gelacht, doch er konnte sich beherrschen. »Sein Name ist Bassiano. Ja, er ist ein Männchen.«
»Was hab ich nun wieder Falsches gesagt, dass Ihr mich verspotten müsst?«
»Ihr habt Männchengesagt statt Hengst«, erklärte Jack eine Grimasse schneidend. Männchen! Ha! Wer war jetzt der Idiot von ihnen beiden?
»Es kommt doch auf dasselbe hinaus«, kam peinlich berührt zurück.
»Das tut es wohl, aber das eine klingt halt genauso dämlich, wie Ihr in diesem dunkelroten Ding ausseht«, konterte Jack und genoss es gegen seinen Willen, einmal die Oberhand zu haben. Merriweather kam sich als etwas Besseres vor und ließ ihn das für gewöhnlich recht deutlich spüren.
»Ihr müsst es wissen.« Der Zierbengel zuckte mit den Schultern. »Ist Euch schon mal aufgefallen, dass sich Euer Nachname auf Arsch reimt?«
Jack stieß scharf Luft aus. Er war dermaßen entsetzt, dass ihm nicht mal eine Antwort einfiel. Wütend stierte er den kleinen Gockel an, der ihm so sehr auf die Nerven ging, dass er ihn meist ans andere Ende der Welt wünschte.
*
Gegen Mittag saßen sie auf einer Bank vor einer Baumgruppe am Wegesrand. Billy lag auf seinem Schoß und schnurrte friedlich vor sich hin, was Gregory zum Lächeln brachte. Laut Levinstein war der Kater während der Fahrt brav gewesen. Es war eben sein Billy, wer hätte jemals Gegenteiliges erwartet?
Neben ihm kramte Harsh nach seiner Mahlzeit, die sich als Schwarzbrot mit reichlich Schmalz herausstellte.
»Widerlich. Wie könnt Ihr das essen?«, schüttelte Gregory den Kopf und knabberte an einem Hörnchen mit Marmeladenfüllung samt Schokoladenüberzug. Sein Großvater hatte ein paar davon gemacht, damit er etwas mitnehmen konnte, das ihn an Zuhause erinnerte. Es wirkte.
»Solltet Ihr auch mal versuchen«, gab Harsh zurück, der sich seinem Brot nur zögerlich widmete. Er schien lediglich auf einer Seite zu kauen.
»Warum?«
»Dann würde vielleicht irgendwann ein ganzer Kerl aus Euch werden.«
»Ach, und was bin ich Eurer Meinung nach?«, fragte er zornig, weil ihm mächtig auf die Nerven ging, dass Harsh ihn nicht ernst nahm.
Dieser schluckte hinunter, ehe er eine Antwort gab: »Ein Bürschchen.«
»Leckt mich an meinem Bürschchenarsch, Harsh«, konterte er und warf Harsh ein zusammengeknülltes Stück Papier an den Kopf.
»Schluss mit dem Gezanke!«, ermahnte Levinstein, der gerade aus dem Wäldchen zurückkehrte, in dem er sich erleichtert hatte. Er nahm zwischen ihnen Platz, um zu gewährleisten, dass sie sich nicht an den Kragen gingen. »Wie können zwei erwachsene Leute sich nur so schrecklich kindisch benehmen?«
Niemand erwiderte etwas darauf, weil Levinstein es nicht zu erwarten schien.
Ihr Dienstgeber breitete eine Serviette auf seinen fülligen Oberschenkeln aus und wickelte ein paar Gemüsestangen aus einem Tuch. Offenbar war der Mann beim Abnehmen. Oder wurde von seiner Frau dazu gezwungen. Der Chef kaute appetitlos an einer Karottenhälfte und ergriff schließlich erneut das Wort: »Ich habe in der Nähe von Denriff einen wichtigen Auftrag zu erledigen. Es muss alles glatt laufen, haben die Herren das verstanden?«
»Ja, Sir«, gaben Gregory und Harsh zeitgleich zurück.
»Gut«, nickte Levinstein einigermaßen beschwichtigt. »Gut.«
Neugierig forschte Gregory nach: »Dürfen wir erfahren, worum es geht?«
»Wir werden einen Adligen auf seinem Landsitz besuchen. Er braucht Hilfe in einer speziellen Angelegenheit und verlässt sich darauf, dass alles zu seiner Zufriedenheit erledigt wird. Ihr beiden werdet tun, was der Lord will, sollte er je das Wort an euch richten, Ihr werdet euch keinem seiner Wünsche widersetzen, ist das klar?«
»Ja, Sir«, beeilte Harsh sich vorzubringen, doch Gregory sagte nichts.
Was sollte das heißen, sich keinem seiner Wünsche widersetzen? Ein solches Versprechen würde man ihm nicht abringen. Er war niemandes Speichellecker und würde gewiss nicht jeden Auftrag blind gehorchend ausführen. Wer wusste schon, was des Lords Wünsche waren? Vielleicht etwas Anstößiges, Brutales oder Niederträchtiges. Dafür war er nicht zu haben.
»Was ist das für eine Angelegenheit, Mister Levinstein?«, fragte er und leckte ein paar Krümel von seinen Fingern.
»Eine besonders heikle, die streng vertraulich behandelt werden muss«, wich der Chef aus und trieb Gregory damit die Neugier aus. Wenn man tausendmal nachfragen musste, war es nur halb so interessant. Die meisten Geheimnisse, um die derart viel Aufhebens gemacht wurde, waren dieses gar nicht wert.
»Müssen denn Berichte verfasst werden, Mister Levinstein?«, fragte Harsh hörbar vorsichtig.
»Eventuell. Das kann ich jetzt noch nicht sagen.«
Harshs Augen weiteten sich. »Warum habe ich dann meinen Schreiber nicht dabei? Ihr wisst doch, dass ich ihn brauche.«
Gregory runzelte die Stirn, begriff nicht, was er damit meinte. Harshs Schreiber Theobald Wimm war ein unansehnlicher, unappetitlicher, alter Kauz, der nie ein Wort sagte. Was sollte an dem so Besonderes sein, das seine Hilfe unabdinglich machte?
»Merriweather ist für die kommende Zeit Euer Schreiber«, erklärte Levinstein mit einem Lächeln auf den Lippen. Es war ebenso kalt, wie es gewesen war, als er sie zu dieser Geschäftsreise verdonnert hatte. Er erhob sich, um die Diskussion zu beenden, doch Harsh eilte ihm nach.
»Das könnt Ihr nicht meinen, Sir«, begehrte Letzterer auf, während sich die beiden von Gregory entfernten.
Der verstand die Welt nicht mehr. Warum war es Harsh dermaßen wichtig, seinen eigenen Schreiber dabeizuhaben? Die Beamten mussten derartige Berichte fertigen, damit sie Gültigkeit hatten. Die Schreiber prüften sie nur. Traute Harsh ihm nicht zu, ein paar Zeilen zu überfliegen?
Er konnte nicht hören, was Levinstein sagte, ehe er in die Kutsche stieg, doch es war definitiv unwirsch und nicht zu Harshs Zufriedenheit. Der große Mann stand auf freiem Feld zwischen Sitzbank und Gefährt und wischte sich über die Wangen.
Gregory erhob sich und setzte Billy in sein Körbchen. Als er es an Harsh vorbeitrug, blieb er kurz stehen. »Glaubt Ihr, ich bin nicht in der Lage, eine ordentliche Korrektur Eurer Abschriften zu gewährleisten?«
»Ihr seid zu gar nichts in der Lage«, kam zurück. In einem Ton, der sogar für Harsh ungewohnt heftig war.
Zähneknirschend verzog sich Gregory und stellte Billy zu Levinstein in die Kutsche, ehe er sein Pferd losband und sich in den Sattel schwang. Mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt, auf Ericson zu sitzen und ihn einfach laufen zu lassen. Wenn er ehrlich war, musste er sich eingestehen, dass er Gefallen an dem Tier gefunden hatte.
Müde trabte Ericson vor sich hin und Gregory hing ebenso erschöpft im Sattel. Sein Kreuz tat ihm weh, von seinem Hintern ganz zu schweigen. Es dämmerte bereits und Levinsteins Kutsche war kaum mehr vom abendlichen Horizont zu unterscheiden, sondern fügte sich beinahe nahtlos in die Landschaft ein.
Herzhaft gähnend hielt Gregory sich die Hand vor den Mund und dann ging alles so schnell, dass er nicht mehr folgen konnte. Ein Ruck, ein Stolpern, das ihn durchrüttelte, und eine Sekunde später lag er im Dreck. Als er sich den Kopf an einem Stein stieß, zog er scharf Luft ein.
»Gregory!« Gleich darauf war Harsh an seiner Seite und zog ihn am Arm auf die Beine. »Habt Ihr Euch wehgetan?«
»Merdes de chien«, fluchte er, wie er es von Daxx gelernt hatte. Hundescheiße. »Nein, alles bestens«, murrte er giftig und machte sich mit einem Ruck los, um unwirsch seine Kleidung abzuklopfen.
Levinsteins Gefährt hatte angehalten. »Was ist nun wieder los, zur Hölle?«
Niemand gab ihm eine Antwort. Stattdessen eilten sie zu Ericson hinüber, der unruhig in der Nacht stand. Hatte ihn etwas erschreckt oder warum hatte er ihn abgeworfen? Gregory griff nach den Zügeln, während Harsh sich an den Beinen des Braunen zu schaffen machte. Es war wundersam, wie vertrauensvoll Ericson ihm den Huf reichte. Nur als Harsh eine Stelle seines Beines betastete, schnaubte er und schüttelte den Kopf, als müsste er etwas loswerden.
»Er kann nicht mehr geritten werden«, war Harshs Diagnose, die Gregory das Herz schwer machte. »Er hat sich was gestaucht und muss geschont werden.«
»War es meine Schuld?«, fragte Gregory mit belegter Stimme, die ihm kaum gehorchen wollte. In seiner Brust verkrampfte sich alles.
Vielleicht zum ersten Mal seit sie sich kannten, blickten sich Harsh und er ohne Feindseligkeit in die Augen. »Er ist gestolpert. Darauf hattet Ihr keinen Einfluss.«
Levinstein streckte den Kopf aus der Kutsche. »Was ist denn jetzt? Redet mal einer von euch Tölpeln mit mir?!«
»Der Wallach muss in den nächsten Leihstall gebracht werden, um sich auszukurieren. Dort unten ist ein Dorf«, erklärte Harsh. »Ich kann das Pferd dort hinbringen und Euch dann wieder einholen.«
»Dann müsst Ihr Merriweather mitnehmen. Der Mann ist starr vor Dreck und riecht gewiss nach Schweiß. Das mag ich nicht. Wir übernachten im Dillan's Inn in Corkran!« Ohne eine Antwort abzuwarten, wies er den Kutscher mit einem Klopfen an, das Pferd anzutreiben und fuhr in der nahenden Dunkelheit davon.
Gregory stand der Mund offen. »Billy ist bei ihm.« Für einen Moment war er versucht, dem Gefährt nachzulaufen und seinen Kater zu retten.
»Levinstein wird ihn schon nicht fressen«, winkte Harsh müde ab und fügte trocken hinzu: »Er hat ja seine Karotten noch nicht mal aufgegessen.«
Unwillkürlich und der Situation zum Trotz musste Gregory lachen.
Harsh starrte ihn verwirrt an und Gregory räusperte sich peinlich berührt. Herrgott, dieser Mann war ein himmelschreiender Idiot und er wollte über nichts lachen, was der sagte, verdammt! Harsh war nicht witzig, er war ein Arsch. Und er hatte keinFünkchenHumor!
»Was machen wir jetzt?«, fragte Gregory und bemühte sich um einen gleichmütigen Tonfall.
»Wir gehen zu Fuß ins Dorf. Dort bekommen wir gewiss ein Pferd für Euch.«
»Soll mir recht sein.« Er folgte Harsh den Hügel hinab und tätschelte im Gehen unauffällig Ericsons Hals. Der arme Junge.
Dort unten funkelten die Lichter von Straßenlaternen und Kerzen, die hinter geschlossenen Fenstern flackerten. Es war eisig kalt und würde gewiss kälter werden. Nicht nur, weil es Nacht wurde, sondern weil sie sich dem Stakreich näherten. Umso weiter man in diese Richtung ging, umso hässlicher wurde das Wetter. Ebenso die Leute. »Was haltet Ihr davon, dass wir so nah an der Grenze verweilen werden?«
»Ist mir gleich«, kam wortkarg zurück. »Warum fragt Ihr?«
»Der Gedanke behagt mir nicht«, wich Gregory aus, entschied sich jedoch dann dazu, es einfach zu sagen. »Ihr wisst, dass ich die Gesellschaft von Männern bevorzuge. Das ist ja kein Geheimnis.« Weil er einerseits angeben wollte und andererseits fürchtete, Harsh würde wie viele andere glauben, er sei in Daxx Ocean verknallt, machte er einen Scherz, der ihn wie einen unbekümmerten Verführer dastehen lassen sollte: »Ich habe keine Lust darauf, dass mich die Staken in ihr Land verschleppen und hinrichten, nur weil ich irgendeinen Kerl küsse.«
»Wie wäre es dann, wenn Ihr einfach keinen Kerl küsst, für die Zeit, die wir hier sind?«, schlug Harsh feindselig vor.
»Solche Versprechungen kann ich nicht machen. Man weiß nie, wem man begegnet. Was, wenn mir der heißeste Typ der Welt über den Weg läuft? Soll ich mich zügeln, nur weil die Staken einen Dachschaden haben?«
»Ich bezweifle, dass Ihr den heißesten Typen der Welt an der stakischen Grenze finden werdet. Darüber hinaus seid Ihr ziemlich arrogant, zu glauben, dieser Mann würde ausgerechnet Euch küssen wollen!«
Nun, Harsh wollte es schon mal nicht, wie sie alle wussten!
Gregory fletschte die Zähne, weil er an zerknüllte Papierschnitzereien in einem Mülleimer dachte. »Davon abgesehen, dass ich ihn vielleicht gar nicht frage, ob er will, sondern es einfach tue. Warum sollte er nicht?«
»Weil Ihr ein Zierbengel seid.«
»Vielleicht steht er drauf?!«
»Vielleicht steht er auch auf richtige Männer.«
»Auf solche Männer, wie Ihr einer seid?«, konterte Gregory bemüht spöttisch.
»Vielleicht«, kam bissig und mit einem Schulterzucken zurück.
»Ihr klingt, als würdet Ihr einen Wettstreit vorschlagen.«
»Möglicherweise tue ich das.«
»Bleibt stehen!«, befahl Gregory in jähem Zorn und Harsh tat, wie ihm geheißen, um sich verwundert umzudrehen. »Ich wette mit Euch, dass ich den Kerl, den wir aussuchen, vor Euch ins Bett bekomme.«
Harsh stieß in einem freudlosen Lachen Luft aus und sein Blick huschte unstet in Gregorys Gesicht umher. Seine freie Hand strich über seine Wange. »Das war nur blödes Gerede. Ich wette nicht mit Euch. Das ist lächerlich!«
»Habt Ihr Angst davor, gegen mich zu verlieren?«
»Nein, aber Euer Vorschlag ist kindisch und dämlich!«
»Nicht halb so kindisch und dämlich wie Ihr!« Er wurde lauter, ohne es zu wollen. »Seid Ihr nicht Manns genug, eine Wette mit mir einzugehen?!«
»Es gilt, Merriweather!«, brüllte Harsh und streckte ihm die Hand hin, damit sie den Pakt grob und schmerzhaft besiegeln konnten.
»Möge der Bessere gewinnen«, zischte Gregory. Er gab sich überheblich, hatte aber das Gefühl, aus der Sache nur als Verlierer hervorgehen zu können – ganz gleich, wie sie ausgehen mochte.
Dann wandte der Blödmann sich ab und ging zielstrebig auf das Dorf zu. Er eilte dermaßen voran, dass es den Anschein machte, als wollte er Gregory abhängen. Gewiss war das auch sein Anliegen, doch Gregory blieb ihm dicht auf den Fersen. Er würde Harsh nicht den Triumph lassen, er sei der Männlichere von ihnen. Er würde dem Idioten zeigen, wie man einen Kerl flachlegte. Immerhin hatte er Charme und Witz und elegante Klasse! All das hatte Harsh nicht! Der Auserwählte würde sich schneller mit ihm in den verdammten Laken wälzen, als ihnen allen lieb war!
*
»Das kann nicht Euer Ernst sein«, sagte Harsh feindselig zu dem Stallbesitzer, der ihnen einen besonders netten Hengst zur Leihe geben wollte. Ein Tier, das seit einer Viertelstunde gegen die hölzerne Wand der Box trat und unzufriedene Laute von sich gab.
Gregory hatte keine Lust, es zu reiten – besser gesagt, sich von ihm abwerfen und niedertrampeln zu lassen. »Ich sagte doch, dass ich nicht reiten kann«, erhob er nun selbst die Stimme für sich, obgleich er kaum Kraft dazu hatte, weil er so verflucht müde war. Er wollte einfach nur in ein weiches Bett und sich unter einem sauberen Laken verstecken, um zu schlafen. Es war ihm nicht vergönnt.
»Das ist Euer Pech«, grinste der bärbeißige Alte und zeigte ihnen seine gelblichen Zähne, die der Kautabak verfärbt hatte. In seinem Haar und an seiner Kleidung befanden sich Stroh und Heu, was ihn wirken ließ, als würde er die Nacht in einer Pferdebox verbringen. »Wenn Ihr ein Pferd braucht, müsst Ihr das nehmen, das ich Euch gebe.«
Gregory seufzte und ergab sich: »Meinetwegen. Sattelt ihn.«
Der Stallbesitzer nickte fast anerkennend und schien zufrieden, während Harsh ihm einen Blick zuwarf, als wollte er fragen, ob er den Verstand verloren hatte. Seine Eingebung war richtig gewesen, wie er feststellte, als Harsh das Wort an ihn richtete: »Seid Ihr wahnsinnig? Das könnt Ihr vergessen. Ich lasse nicht zu, dass Ihr Euch auf diesen Wildhengst setzt! Euch ist ja wohl klar, dass Ihr Euch den Hals brechen würdet!«
»Warum interessiert Euch das? Seid doch froh, dann habt Ihr ein Problem weniger«, erwiderte er mit dem letzten Rest Abneigung, den er an diesem Abend noch aufbringen konnte. Allerdings klang er viel weniger forsch, als er wollte.
»Wohl eher eines mehr, weil Levinstein mir die Schuld an dem Desaster geben würde! Wahrscheinlich denkt er noch, ich hätte Euch umgebracht!«
Fast hätte Gregory gelacht. »Was ist dann Eure Lösung für das Problem?!«
»Ich weiß es nicht!«, erwiderte Harsh und fuhr sich in einer wilden Geste durchs Haar. Er war ebenfalls müde. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen.
Der Stallbesitzer lehnte sich in seinem Stuhl hinter dem Tischchen mitten im Stall zurück und beobachtete, wie sie sich kurz anschwiegen.
»Ihr habt ein Händchen für Pferde. Ihr könntet den Burschen da hinten reiten und mir Euren Hengst leihen«, schlug Gregory schließlich vor und lobte sich für den guten Einfall.
Harsh schien weniger begeistert. »Ihr müsst vorhin ganz schönauf den Kopf gefallen sein, wenn Ihr glaubt, ich lasse Euch mein Pferd reiten! Eher verschreibe ich meine Seele dem Teufel.«
Das schmerzte ziemlich deftig. »Ja, ich bin auf den Kopf gefallen und es tut verdammt weh! Deshalb will ich in ein Bett und schlafen, à l'enfer!« Zur Hölle, wie Daxx ihm beigebracht hatte. Immerhin fluchte es sich in der antiquierten Amtssprache gleich viel vornehmer.
»Dann werdet Ihr eben mit mir reiten«, stieß Harsh widerwillig hervor und stürmte ohne einen Gruß hinaus.
Gregory verabschiedete sich knapp von dem lachenden Tabakkauer, tätschelte Ericson ein letztes Mal und folgte Harsh nach draußen. Der nestelte grob am Sattel und stieg auf seinen Rappen. In jeder angespannten Faser seines Körpers schien blanke Wut zu liegen. Man konnte sie fast spüren. Die Vorstellung, Gregory auf seinem kostbaren Pferd dulden zu müssen, behagte ihm ganz offensichtlich herzlich wenig. Trotzdem wollte er den Gentleman spielen. Vermutlich, damit Gregory in seiner Schuld stand. Darauf hatte der jedoch keine Lust.
Trocken schluckend fasste er einen Entschluss und verschränkte die Arme vor der Brust, als Harsh ihm die Hand reichte, um ihm beim Aufsitzen zu helfen, und ihm ein leises 'Macht schon' zuknurrte.
»Ich gehe zu Fuß«, verkündete Gregory. »Es ist ja nicht mehr weit.«
Harshs Miene wurde vor Verwirrung merkwürdig weich. Wie konnte ein so unsympathischer Kerl so schön sein? »Soll das ein Scherz sein?«
Um zu beweisen, dass es keiner war, stapfte Gregory in jene Richtung, die ihm ein Schild in Form eines Pfeiles wies.
»Merriweather!«, rief Harsh ihm nach und trieb Bassiano an seine Seite, um neben ihm herzureiten. »Was soll der Irrsinn?«
»Ich brauche Eure Gnade nicht, sondern komme sehr gut allein zurecht. Und da ich auch auf Eure Gesellschaft keinerlei Wert lege, erteile ich Euch die Erlaubnis, vorauszureiten. Die Wölfe werden mich gewiss verschonen. An so einem mageren Zierbengel wie mir ist nicht genug dran, um ihren Appetit zu wecken.«
»Benehmt Euch nicht wie ein störrisches Kind!«
»Wenn ich Euch so sehr auf die Nerven falle, dann haut doch ab, Blödmann!« Mehr denn je wünschte er sich, Harsh möge einfach verschwinden. »Tut mir den Gefallen«, fügte er müde hinzu. Der Tag war eindeutig zu lang gewesen und ununterbrochen in der Nähe dieses Idioten zu sein, schlug ihm aufs Gemüt.
»Wollt Ihr, dass ich bettle? Muss ich tatsächlich darum bitten, Euch helfen zu dürfen?«, donnerte Harsh und wischte sich über die bärtigen Wangen.
»Ich will überhaupt nichts von Euch. Bloß, dass Ihr mich allein lasst!« Gregory marschierte entschlossen den Kiesweg entlang, dessen Steinchen unter seinen Stiefelsohlen knirschten. Der Mond hing mittlerweile hell und hoch am Himmel, begleitet von Sternen. Ihm stand ein Spaziergang von knapp einer Stunde bevor und trotz der Kälte bedauerte er das nicht, da der klare Nachthimmel ihn entschädigte – wenn doch nur Harsh endlich weg wäre, damit er die Aussicht genießen konnte.
»Gut, hier, ich bitte Euch, auf mein Pferd zu steigen! Seid Ihr jetzt zufrieden?«
Warum ließ er nicht locker? Weshalb lag ihm so viel daran?
»Glaubt Ihr wirklich, Levinstein würde Euch verdächtigen, wenn mir etwas passiert?«
»Natürlich nicht! Aber es muss ja nicht unbedingt dazu kommen, dass Euch etwas zustößt, wenn wir es verhindern können!«
»Ich werde nicht mit Euch auf einem Pferd reiten. Schluss. Aus. Ende der Diskussion, wie Levinstein zu sagen pflegt.« Es hatte seine Gründe, warum er sich auf diese Weise verhielt. Es war nicht bloß sein Bestreben, sich nicht bei Harsh für den Gefallen revanchieren zu müssen. Es war auch mehr, als seine lächerliche Gekränktheit, weil Harshs Pferd ihm wichtiger war als er – warum sollte es anders sein? Nun, jedenfalls war da noch etwas, das mehr Bedeutung hatte, als alles andere. Es war der Umstand, dass es ihm gefallen würde, Harsh so nahe zu sein. Ihm und seinem Schwanz, was der andere gewiss spüren würde – und oh Himmel, darauf konnte er verzichten!
Nach ein paar weiteren Metern zügelte Harsh den Hengst und Gregory blieb irritiert stehen, um ihm dabei zuzusehen, wie er sich aus dem Sattel schwang. Was hatte der Kerl jetzt wieder vor?
Harshs Mund und sein dunkler Blick wurden schmal, seine Haltung war leicht gebeugt und seine Finger umschlossen die Zügel, sodass man seine Knöchel trotz der Finsternis weiß hervortreten sah. »So, jetzt habt Ihr Euren Willen. Steigt auf mein Pferd, ehe mich Euretwegen der Schlag trifft.«
Gregory standen die Lippen einen Spalt offen. Mit dieser Geste hatte er nicht gerechnet und er wusste auch nicht, was er davon halten sollte.
Harsh fuhr fort, weil er so lange zögerte: »Er ist leicht nervös zu machen, doch er wird brav sein, wenn ich ihn führe. Steigt Ihr nun endlich auf?«
Was bezweckte er mit dieser Galanterie? »Nein«, meinte Gregory bestimmt und wandte sich um, ehe er leise hinzufügte: »Vielen Dank.«
Für eine Weile blieb es still hinter ihm, dann hörte er Schritte und Hufe, die sich im Kies vergruben. Kurz darauf gesellte sich Harsh wortlos an seine Seite, die Zügel in der Linken. Offenbar hatte er ebenfalls vor, zu Fuß zu gehen. Die Situation war lächerlich, doch dermaßen verfahren, dass keiner von ihnen nachgeben konnte, ohne sein Gesicht zu verlieren. Oder zumindest das Gefühl zu haben, es zu verlieren.
Schweigend setzten sie den Weg fort und wanderten auf das Dorf zu, in dessen Gasthaus Levinstein auf sie wartete. Nach den vergangenen Stunden hatte er noch weniger Lust, an die stakische Grenze zu gehen. Gedankenverloren schlang er die Arme um seinen Oberkörper, um sich zu wärmen. Er fragte sich, wie der Auftrag vorangehen würde. Und wie es war, so nah am Stakreich zu sein, in dem man ihn schneller aufknüpfen würde, als er Sodomie sagen konnte. So nannten sie es. Die Staken waren harte Leute, mit denen man nichts zu tun haben wollte, wenn man halbwegs bei Verstand war. Innerlich aufseufzend vertrieb er die Grübeleien und konzentrierte sich auf seine Schritte, um nicht vor Müdigkeit über seine eigenen Füße zu stolpern.
Es war gewiss eine halbe Stunde vergangen, als Harsh die Stille brach: »Macht Gavenish Euch noch Probleme?«
Gregory knirschte mit den Zähnen, sobald er an den Beamten dachte, der mit Vorliebe seine Hunde auf Billy hetzte oder ihm sonst irgendwie das Leben schwer machte. Er würde sich bei dessen Vorgesetzten beschweren, doch einem Schreiber war es nicht gestattet, Beschwerde gegen einen Beamten einzureichen – und Daxx hatte seine Bitte, er möge es für ihn tun, ausgeschlagen.
»Seit dem letzten Vorfall hat er sich zurückgenommen. Es ist fast, als hätte er plötzlich Angst, sich mit seinen dummen Spielchen in die Nesseln zu setzen.« Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass Harsh lächelte. Es stand ihm dermaßen gut, dass es fast erschreckend war. »Was findet Ihr daran so amüsant?«
»Ich habe mich bei Erlmaier über ihn beschwert«, kam leise zurück.
»Huh?«, war alles, was Gregory vorbringen konnte.
»Ich sagte ihm, was Gavenish mit seinen Hunden treibt. Erlmaier hat veranlasst, dass ihm die Tiere weggenommen und an einen verantwortungsvollen Besitzer übergeben werden.«
»Warum habt Ihr das getan?«, fragte er und mochte nicht, wie heiser seine Stimme klang. War Harsh vielleicht doch nicht so ein Arschloch?
»Weil mir die Hunde leidtun und ich nicht sehen will, wie einer der Putzer irgendwann die Überreste Eures Kätz... Katers vom Boden kratzt.«
Gregory legte die Stirn in Falten. Hatte der Mann gerade Kätzchen sagen wollen? Das verführte ihn zu einem Grinsen, welches er verbarg, indem er sich wegdrehte. »Dann bin ich Euch genau genommen schon etwas schuldig.«
»Seid Ihr nicht. Ich habe das immerhin nicht für Euch getan, sondern für die Tiere«, erwiderte Harsh ablehnend.
»Trotzdem Danke. In Billys Namen und jenem der Hunde.«
»Gern geschehen«, murmelte Harsh kaum hörbar und schien wahrhaftig verlegen, weil er etwas Nettes getan und ein Lob dafür bekommen hatte.
Der Kerl war nicht zu begreifen. Gregory schüttelte den Kopf über ihn und lächelte noch einmal über das Kätzchen, ehe er ernst wurde und sich erneut dem Gehen und seiner Schläfrigkeit widmete.
*
Völlig erschöpft lehnte er sich an die Theke des Gasthauses und lauschte Harsh, wie er sie vorstellte und ihre Anwesenheit sowie ihre Zugehörigkeit zu Levinstein erklärte. Es war weit nach Mitternacht und die Stube war leer. Der Gastwirt hatte eine Zipfelmütze auf dem Kopf und war in einen dicken Morgenmantel gehüllt, unter dem er gewiss sein Schlafgewand trug.
Sanft tätschelte Gregory den Kopf des Gasthaushundes, der bis auf die grauen Fleckchen ums Maul schwarz war. Es würde Billy nicht behagen, den Geruch eines Hundes an ihm zu riechen, doch Gregory konnte dem alten Rüden nicht widerstehen, der sich an seine Beine drückte, als hätte er besonderen Gefallen an ihm gefunden.
»Ja, ja, der sagte schon, dass ihr kommt«, meinte der Wirt und schob einen Schlüssel über den Tresen. »Das Zimmer ist den Gang runter, die mittlere Tür.«
»Das Zimmer?«, wiederholten Harsh und er wie aus einem Mund.
Gregory ärgerte sich darüber. Warum musste es immer wieder passieren, dass sie gleichzeitig sprachen, Herrgott?!
»Der Mister hat nur ein weiteres Zimmer bestellt. Wenn ihr mich jetzt entschuldigt, ich bin hundemüde.« Damit ließ er sie stehen und verschwand durch die Hintertür, die wohl in seine Privatkammer führte.
»Das kann er nicht ernst meinen«, knurrte Harsh und wirkte, als würde er gleich ausrasten.
»Ich bin auch nicht begeistert, aber so müde, dass ich die Nacht sogar auf Euch verbringen würde. Bei dem Gedanken kommt mir das neben Euch gar nicht mehr so schlimm vor«, murmelte Gregory und griff nach dem Schlüssel. Der Anhänger stellte ein Hirschgeweih dar. »Lasst uns einfach schlafen gehen.«
Er ging voraus und hörte, wie Harsh ihm nach einem Zögern folgte. Offenbar gab er sich geschlagen. Und wenn nicht, war es ihm auch recht. Sollte der Kerl doch die Nacht im Stall bei Bassiano verbringen. Was kümmerte es ihn, solange er sich unter einer warmen Decke verkriechen konnte?
Er schloss auf und gleich darauf hinter Harsh wieder ab, der nur langsam in den Raum kam und in dessen Mitte stehen blieb. Gregory warf seine Umhängetasche auf einen Stuhl und sah sich um. Es war eine kleine Kammer mit einem Waschtisch, einem schmucklosen Wandschirm, hinter dem man sich ungestört umziehen konnte, und einem Bett, das für einen Lord und seinen Kammerdiener gemacht war. Unter der erhöhten Schlafstätte für den Herrn befand sich eine zum Ausziehen für den Diener.
»Wundervoll«, merkte Gregory sarkastisch an. »Ihr werdet gewiss darauf bestehen, oben zu liegen, aber es soll mir recht sein.«
Harshs Augen weiteten sich und er sah ihn an, als hätte Gregory vorgeschlagen, den Teufel zu beschwören. Dann errötete er und wandte sich mit einem Ruck von ihm ab. »Ihr könnt oben schlafen. Das macht mir nichts aus.« Er war kaum zu hören und nuschelte mehr, als dass er sprach.
Gregory wunderte sich über die seltsame Reaktion und das Angebot, doch er würde es heute Nacht nicht mehr hinterfragen. »Da sag ich nicht Nein.«
Ein leises Miau verriet ihm, dass Billy nicht bei Levinstein war, sondern hier im Zimmer. Eine Sekunde später entdeckte er den Käfig, der auf dem restlichen Gepäck stand, und beeilte sich, die Gittertür zu öffnen. »Mein Junge«, flüsterte er lächelnd und nahm Billy auf den Arm, um ihn zu herzen. Der Kater schnurrte und war offenbar zu abgekämpft, um sich über den Hundegeruch an Gregorys Hand zu beschweren. Er setzte den Kater ab und Billy rollte sich auf dem Kissen zusammen.
Harsh stand noch immer unschlüssig im Zimmer und rührte sich nicht, von dem nervösen Geknete seiner Hände abgesehen. Auch nicht, nachdem Gregory die Decken – auch jene von Harsh – ausgeschüttelt und in seinem Koffer nach dem Schlafgewand gekramt hatte. »Wollt Ihr dort Wurzeln schlagen? Ihr seht aus, als würdet Ihr gleich im Stehen einschlafen.«
Es war ihm sichtlich unangenehm, dass sie im selben Zimmer nächtigen sollten, doch darauf war jetzt keine Rücksicht zu nehmen. Immerhin konnten sie es nicht ändern.
Harsh gab ihm keine Antwort und so begab sich Gregory seufzend hinter den Wandschirm, wo sich ein weiterer Waschtisch samt zwei Schüsseln Wasser befand. In die rechte davon träufelte er ein paar Tropfen Rosenöl. »Möchtet Ihr auch etwas Duft in Euer Waschwasser?«
»Danke«, kam rau zurück und Gregory war sich nicht gänzlich sicher, ob das nun ein Ja oder ein Nein sein sollte. Schulterzuckend ließ er ein paar Tropfen in Harshs Schüssel fallen. Er war nicht geizig.
Ein Krug mit Wasser stand neben einem weiteren Behälter aus Zinn. Er putzte sich die Zähne und spuckte in das kleine Gefäß, welches dafür vorgesehen war.
Es war verdammt kalt und er wollte die kühle Luft nicht länger als nötig auf der Haut spüren, so beeilte er sich beim Entkleiden und Waschen ganz besonders.
»Levinstein gefällt es, uns zu bestrafen. Ein bisschen zu gut, wenn Ihr mich fragt«, meinte er, nachdem er gehört hatte, wie Harsh sich setzte.
Nach einem leisen Räuspern kam eine noch leisere Antwort: »Ja, es fällt auf.«
»Und sein sadistisches Grinsen immer, wenn er jemandem eins reinwürgt«, fuhr Gregory fort und zeitgleich setzten Harsh und er hinzu: »Das Lächeln des Teufels.«
Für einen Moment trat Stille ein, dann mussten sie beide lachen. Harsh nur sehr zurückhaltend, doch er lachtewirklich und wahrhaftig. Es hörte sich schön an. Zu schön, um Gregorys Herz unberührt zu lassen. Wie es stolperte, gefiel ihm nicht und er versuchte, es zu ignorieren.
»Wir sollten uns vor ihm in Acht nehmen.« Gregory streifte sich sein Nachtgewand über, einen tiefschwarzen, hautengen Overall, der alles von ihm verdeckte. Dann schlüpfte er in dicke Strümpfe, ehe er hinter dem Paravent hervortrat.
Harsh, der vor der Kommode mit dem Rücken zum Spiegel saß, blickte mit leicht geöffneten Lippen zu ihm auf. Seine Miene war weich wie selten zuvor und in seinen müden Augen lag ein merkwürdiger Glanz. Wieder wandte er sich mit einem Ruck ab und verschwand hinter dem Wandschirm.
Was war mit dem Kerl los? Seit sie die Kammer betreten hatten, war ihm, als stünde ein komplett anderer Harsh vor ihm. Der Mann wirkte schüchtern, ja fast eingeschüchtert, und beschämt, wenn nicht verklemmt. Es machte ihn nervös, aber er wollte nicht darüber nachdenken. Einen derartigen Aufruhr in seinem Inneren konnte er nach all den Anstrengungen des Tages nicht gebrauchen.
Er warf sich aufs Bett und drückte den Kater an seine Brust. Billy schnurrte laut und beruhigend, was ihn noch schläfriger machte, sollte das überhaupt möglich sein.
Das Krähen eines Hahns, welches man in der Stadt selten zu hören bekam, weckte ihn. Ausgeschlafen und erholt streckte er sich, wobei er bemerkte, dass Billy nicht mehr bei ihm lag. Verwirrt sah er sich um, konnte seinen Kater jedoch nirgends entdecken. Gähnend rieb er sich die Augen, um erneut den Blick schweifen zu lassen.
