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Finja Bartels, erfolgreiche Journalistin aus Hamburg, reist ins Zillertal, um die kleine Familienpension ihrer Tante zu verkaufen. Ein klarer Plan - bis ihr das Dorf und seine Menschen näherkommen, als sie geahnt hat. Denn die Pension birgt nicht nur Erinnerungen an unbeschwerte Kindheitstage, sondern auch ein Versprechen, das tief in der Dorfgemeinschaft verwurzelt ist. Ausgerechnet Franz, der smarte Biobauer und Nachbar, stellt Finjas Welt auf den Kopf. Seine Bodenständigkeit und Wärme lassen sie zweifeln: Will sie wirklich in ihr altes Leben zurück - zu Fred, dem erfolgreichen, aber bestimmenden Zahnarzt? Oder findet sie in den Bergen etwas, das ihr bisher fehlte: Zugehörigkeit, Freiheit und ein Zuhause fürs Herz?
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Seitenzahl: 117
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Inhalt
Das Erbe der Tante Alicia
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Finja muss sich entscheiden, was Heimat für sie bedeutet
Von Verena Kufsteiner
Finja Bartels, erfolgreiche Journalistin aus Hamburg, reist ins Zillertal, um die kleine Familienpension ihrer Tante zu verkaufen. Ein klarer Plan – bis ihr das Dorf und seine Menschen näherkommen, als sie geahnt hat. Denn die Pension birgt nicht nur Erinnerungen an unbeschwerte Kindheitstage, sondern auch ein Versprechen, das tief in der Dorfgemeinschaft verwurzelt ist.
Ausgerechnet Franz, der smarte Biobauer und Nachbar, stellt Finjas Welt auf den Kopf. Seine Bodenständigkeit und Wärme lassen sie zweifeln: Will sie wirklich in ihr altes Leben zurück – zu Fred, dem erfolgreichen, aber bestimmenden Zahnarzt? Oder findet sie in den Bergen etwas, das ihr bisher fehlte: Zugehörigkeit, Freiheit und ein Zuhause fürs Herz?
Finja blickte auf die Uhr. Sie war auf die Minute pünktlich und öffnete schwungvoll die Eingangstür des Maklerbüros »Immobilien Sattler«. Die Sekretärin erwartete sie bereits und brachte sie sofort zu Paul Sattler, dem Chef des Unternehmens. Der kam ihr mit einem professionellen Lächeln und einem herzlichen »Grüß Gott« entgegen.
»Hatten Sie eine gute Anreise? Hamburg ist ja nicht gerade um die Ecke!«, flötete er freundlich und bot ihr einen Platz in der gemütlichen Sitzecke an.
Finja lächelte. »Ja, da haben Sie recht. Ich bin mit dem Wagen angereist und war lange unterwegs. Zum Glück konnte ich einen Zwischenstopp bei einer Freundin in München machen.« Sie nahm ihren Schal ab und legte ihn zur Seite. Ihr war ungewöhnlich warm. Finja schob es auf die Aufregung. »Heute bin ich aber von Mayrhofen aus angereist.«
Der Makler nickte. »Kaffee? Tee? Womit kann ich Ihnen etwas Gutes tun?«
Finja nahm das Angebot gern an und wählte einen Kaffee. Sie war angespannt und konnte ein Getränk zum Festhalten gut gebrauchen. Denn für sie ging es heute um viel: Sie hatte vor, ihre Vergangenheit zu verkaufen.
Paul Sattler verschwand kurz im Vorzimmer, und Finja hörte, dass er seine Sekretärin um das Getränk bat. Dann kam er mit einem Ordner in der Hand zu ihr und setzte sich. Sie sah ihn intensiv an und überlegte, ob sie ihm vertrauen könnte. Aber er wirkte nicht nur smart, sondern auch souverän und solide.
Er war Ende fünfzig, groß und sportlich, und Finja fielen sofort seine seegrünen Augen auf, die sie freundlich anblitzten. Finja hatte als Journalistin viel mit Menschen zu tun und sich dadurch im Laufe der Jahre eine gute Menschenkenntnis erworben. Dieser Mann, der jetzt den Maklervertrag auf den Tisch legte, erschien ihr durch und durch seriös. Sie hatte sich den Namen aus dem Netz geholt und die Bewertungen geprüft. Alles klang sehr positiv. Sie war bereit, ihm zu vertrauen.
Bis der Kaffee kam, nutzten beide noch die Zeit für den üblichen Smalltalk. Finja erzählte, dass sie die Region gut kenne, hier geboren sei und bis zum Abitur hier gelebt habe. Nachdem sie am Kaffee genippt hatte, kam sie zur Sache.
»Sie wissen ja, um welches Objekt es sich handelt und den Preis, den Sie mir telefonisch avisiert hatten, ja, der erscheint mir angemessen. Ich habe mich natürlich schon etwas im Netz umgesehen.«
Sie schluckte und strich sich etwas nervös eine Haarsträhne aus dem Gesicht, bevor sie weitersprach. Dieser Besuch hier ging ihr doch näher als erwartet.
»Was glauben Sie denn, wie lange es dauert, bis Sie einen Käufer gefunden haben?«
Der Makler sah sie lächelnd an.
»Ganz ehrlich, Sie haben hier eine Perle. Das Objekt wird schnell einen Liebhaber finden. Ich kann natürlich nichts versprechen, aber nach meiner Erfahrung müsste ein Vierteljahr ausreichend sein.«
Finja nickte, empfand aber keine wirkliche Freude, höchstens Erleichterung. Gut, sie hätte Geld auf dem Konto und könnte sich davon in Hamburg etwas Hübsches leisten. Aber es war auch ein Abschied, und damit konnte sie schon lange nicht mehr umgehen. Sie hatte zu viele Abschied erleben müssen.
Paul Sattler unterbrach ihre Gedanken.
»Wenn Sie mir das hier unterschreiben, starte ich sofort. Ich lasse Drohnenaufnahmen machen und komme im Laufe der Woche vorbei für die Innenaufnahmen. Bitte lassen Sie mich wissen, an wen ich mich dann wenden muss, denn Sie sagten ja schon, dass Sie nur kurz hier sind und schnell zurückmöchten.«
Finja räusperte sich und drehte den Kaffeebecher zwischen ihren Händen.
»Ich schicke Ihnen die Fotos von der Webseite. Ich möchte sie bitten, auf einen Besuch zu verzichten, damit die Gäste nicht unruhig werden. Die Pension ›Alpenglück‹ ist nämlich ausgebucht.« Sie wischte sich ihre braunen Locken zurück und versuchte, ihre Unruhe in den Griff zu bekommen. »Ja, genau«, nahm sie das Thema Abreise noch mal auf. »Ich habe mich im Sporthotel ›Am Sonnenhang‹ eingebucht, und danach geht es wieder heim.«
»Heim?« Paul Sattler stutzte und grinste breit. »Ich kenne wenige Österreicher, für die der hohe Norden eine Heimat ist. Aber Spaß beiseite. Schön, dass Sie sich da oben so gut eingelebt haben.«
Finja tat die Auflockerung gut.
»Ja, ich hätte es auch nie für möglich gehalten, mal ein Nordlicht zu werden. Aber ich bin jetzt schon sechzehn Jahre dort, arbeite bei einem großen Zeitschriftenverlag und...«, sie lächelte, »...habe auch die Liebe im Norden gefunden. Neben der Natur macht das ja auch die Heimat aus.«
»Dann gebe ich mein Bestes, dass Sie bald wieder nach Hause kommen.« Paul Sattler klappte den Ordner mit den Vertragsunterlagen auf und schob die Formulare zu Finja hinüber. Die griff nach dem hingehaltenen Stift und setzte ihren Namen an die vorgesehene Stelle.
»Jetzt geht alles seinen Weg«, seufzte sie, stand auf und drückte dem Makler fest die Hand. »Ich bin sicher, Sie werden einen passenden Käufer finden.«
Paul Sattler brachte seine Kundin zur Tür.
»Was haben Sie jetzt vor?«
»Ich möchte noch Abschied nehmen und dann wieder meinen Alltag leben. Zwei, drei Tage in den Alpen werden ein stimmungsvoller Abschluss sein.«
Der Makler nickte. »Das klingt gut. Dann Servus, Frau Bartels.«
***
Finja hatte sich gerade in ihren Wagen gesetzt, als ihr Handy klingelte und sich Fred nach ihrem Makler-Besuch erkundigte. »Und? Hat alles geklappt?«
Seit zwei Jahren waren sie und der erfolgreiche Zahnarzt liiert. Sie wohnten zwar noch getrennt, aber nur, weil Fred für sie beide ein ganz besonderes Zuhause suchte. Es sollte alles passen, damit sie in dem neuen Heim schnell eine Familie gründen konnten. Finja freute sich darauf, und mit dem Erlös aus dem Immobilienverkauf könnten sie ihren großen Traum quasi sofort starten. Sie konnte Freds Ungeduld deshalb nur zu gut verstehen.
»Ja, es war alles perfekt. Ich habe den Auftrag unterschrieben«, sprudelte sie ins Telefon, während sie ihre Tasche auf dem Beifahrersitz abstellte und sich kurz zurücklehnte, um einen Moment zu entspannen.
»Und der Preis? Können wir bekommen, was wir uns ausgerechnet hatten?«, bohrte Fred nach.
Finja nickte. »Jaja, es passt alles. Und er meinte, ich muss nicht lange warten. Das Objekt sei gefragt.«
»Das klingt gut.« Fred schien spürbar erleichtert. »Ich freue mich, dass du bald endgültig abschließen kannst! Glaub mir Süße, wir werden es schön haben, in einer zauberhaften Wohnung. Vielleicht sogar mit Alsterblick. Vertrau mir, es ist der richtige Weg.« Er machte eine kurze Pause. »Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe. Es ist einfach doof hier ohne dich. Seitdem ich weiß, dass du nicht in Hamburg bist, ist mein Zufriedenheitslevel auf dem Nullpunkt.«
Finja musste schmunzeln. »Du bist ein Charmeur. Dafür hältst du es aber immer sehr gut aus, wenn du mit deinen Freunden beim Golfen bist.«
»Das ist doch etwas anderes«, wiegelte er lachend ab. »Im Moment sitze ich aber nur den ganzen Tag in der Praxis und denke daran, dass ich heute am Abend in eine leere Wohnung komme und nicht darauf hoffen kann, dass meine Süße gleich in der Tür steht.« Er lachte. »Also, Glück sieht anders aus.«
»Ich weiß, ich vermisse dich auch. Aber es sind ja nur noch ein paar Tage, dann liegen wir uns wieder in den Armen.«
»Deshalb bin ich ja auch kompromissbereit«, ulkte er. »Fährst du jetzt in das Hotel? Dieses Sporthotel?«
Finja nickte. »Ja, ich muss jetzt auch wirklich los. Es ist noch viel zu tun.«
»Alles klar, mein nächster Patient wartet auch schon.« Fred warf ihr einen akustischen Schmatzer durch das Telefon zu und legte auf.
Finja überprüfte im Rückspiegel ihr Make-up. Sie war zufrieden. Ihre langen braunen Locken wirkten perfekt frisiert, ihr roter Lippenstift gab ihr Frische, und der fein gezogene Kajal ließ ihre braunen Augen strahlen. Aber sie erkannte auch, dass sie blass wirkte. Kein Wunder, dachte sie. Sie fühlte sich emotional angegriffen, und das würde in den kommenden zwei Tagen auch so bleiben. Bald würde sie das Sporthotel »Am Sonnenhang« erreichen – einen Ort, mit dem sie viele schöne, aber auch schmerzliche Erinnerungen verband. Erst vor sechs Wochen war sie schon einmal hier gewesen, zur Beerdigung ihrer Tante Alicia.
Sie lehnte den Kopf zurück und murmelte »Du schaffst das«, um sich selbst Mut zu machen, und als sie den Wagen startete, spürte sie trotz aller emotionaler Bedenken wieder Zuversicht. Sie war jetzt fünfunddreißig Jahre alt, studierte Medienwissenschaftlerin und musste endlich das Leben so akzeptieren, wie es nun mal war und nach vorn sehen, in eine bestimmt schöne Zukunft.
Sie lenkte den bequemen SUV durch die malerische Innenstadt, vorbei an herrlich bemalten Häuserfronten, an denen auch jetzt im Herbst noch immer üppig bepflanzte Balkonkästen für den typischen Charme der Bergregion sorgten. Es war ein sonniger Spätherbsttag mit milden vierzehn Grad, und die immer noch rot blühenden Geranien erstrahlten in der goldenen Alpensonne. Sie sah am Horizont die imposante Gebirgskette und erfreute sich an den Schneehauben, die wie Mützen auf den grauen Felsmassiven thronten.
Hinter einem Parkplatz sah sie einen Skilift, der bereit war, beim nächsten Schneefall in Betrieb genommen zu werden. Finja bekam Herzklopfen. Hier hatte sie mit ihrer Mutter zum ersten Mal die Skier angeschnallt. Sie war noch ein ganz kleines Mädchen gewesen und konnte sich die damals empfundene Begeisterung sofort wieder abrufen. Sie seufzte leise. Ganz offenbar fühlte sie sich mit der Region viel mehr verwachsen, als sie erwartet hatte. Das musste mit dem Abschied zusammenhängen, und Finja musste lernen, das zu akzeptieren. Wehmut gehört zum Leben, appellierte sie an sich und wollte glauben, was sie selbst zu sich sagte.
Als sie an einer roten Ampel halten musste, schloss sie kurz die Augen und entschied, eine Pause zu machen. Sie parkte auf dem Innenstadt-Parkplatz, entdeckte eine kleine Gaststube und beschloss spontan, einzukehren. In ihrer Jeans, dem Tweedblazer und den schwarzen Stiefeletten war sie zünftig gekleidet. Sie hing sich noch die schwarze Cross-Body-Tasche um und steuerte schnurstracks auf den Gasthof zu. Mit etwas Glück würde sie bald Kasknödel essen – ihr ganz persönliches Comfort Food, an dem sie sich seit ihrer Kindheit nie sattessen konnte. Allein bei der Vorstellung lief ihr bereits das Wasser im Mund zusammen, und sie konnte die leckere Mischung aus Knödel, geschmolzener Butter und Alpenkäse riechen.
Sie fand einen wunderbaren Platz am Fenster, bestellte ihren Gourmet-Traum, dazu ein Glas hausgemachter Holunderschorle und genoss die Ruhe und die Zeit zum Durchatmen und Kräfte tanken.
Sie sah hinaus auf die Hauptstraße und das beschauliche Treiben. Trotz der recht kühlen Temperaturen waren viele Touristen in der Stadt unterwegs. Es war die Zeit zwischen der Wandersaison und dem Sportwinter mit Skifahren und Rodeln. Eigentlich eine kleine Atempause. Aber sie sah reichlich Urlauber, Frauen mit Dirndl und Strickjacken und Männer in Lederhosen und Jankerln, die auch jetzt das Bergflair genossen. Alles wirkte so beschaulich und ruhig, so heil und gesund.
Was für ein Unterschied zu ihren quirligen Hamburger Impressionen mit Motorengeräuschen, Hupen und Baulärm. Sogar die Signale der Schiffe hatte sie plötzlich im Ohr, denn ihr Verlagshaus lag in Hafennähe.
Hier, in Mayrhofen, verzauberte sie eine fast schon unwirklich anmutende Idylle, und als Finja den Teller mit den Knödeln bekam und den ersten Bissen probierte, fühlte sich alles wieder so vertraut an. Der würzige Duft nach geschmolzenem Käse hing schwer in der Luft, und Finja spürte, dass sie eigentlich ein echtes Alpenkind war.
Sie war in Mayrhofen geboren, als Ergebnis eines Urlaubsflirts, den ihre Mutter Anne mit einem unbekannten deutschen Skifahrer gehabt hatte. Sie war damals noch in der Ausbildung gewesen, aber zwei Wochen Après-Ski sollten ihr Leben verändern, denn neun Monate später war Finja auf die Welt gekommen.
Anne hatte damals trotz der Geburt ihrer Tochter wenig später ihr Volontariat abgeschlossen und war von der österreichischen Lokal-Zeitung übernommen worden. Annes Mutter, Oma Martha, hatte im nahe gelegenen Ferienort St. Christoph die gutgehende Pension »Alpenglück« geführt, und Finjas Tante Alicia, Annes drei Jahre jüngere Schwester, hatte gerade eine Ausbildung zur Hotelkauffrau in einem schicken Luxusresort in Mayrhofen gemacht.
In diesem Familienterzett war Finja gut behütet aufgewachsen. Doch Anne war die journalistische Luft schließlich zu eng geworden, und sie hatte sich entwickeln wollen. Als Finja das Abitur in der Tasche hatte, war von Anne den Vorschlag gekommen, gemeinsam nach Hamburg zu ziehen, und Finja war begeistert gewesen, die große Welt kennenzulernen. Anne hatte einen tollen Job beim Rundfunk ergattern können, und Finja entschied sich, in die großen Fußstapfen ihrer Mutter zu treten und ein Medienwissenschafts-Studium zu beginnen.
Finja war der Umzug damals alles andere als schwergefallen. Im Gegenteil. Sie hatte sich auf die Großstadt gefreut und war mit ihrer Mutter in ein kleines Häuschen in Stadtnähe gezogen, hatte jede Menge Freunde gefunden, eine spannende Universitätswelt kennengelernt und die Möglichkeit genossen, die kompletten Semesterferien weiterhin in den Bergen zu verbringen. Sie hatte sich schnell an den Kontrast zwischen quirliger Großstadt und idyllischer Bergwelt gewöhnt und sich von beiden Welten das Beste herausgesucht.
»In der Stadt kann alles passieren, wenn man nur mutig ist. Nur wenige Menschen kennen einen und man kann neue Rollen ausprobieren«, hatte sie früher immer geschwärmt, wenn sie auf ihr Leben in Hamburg angesprochen worden war. Sie liebte die Vielfalt, die Mode, Kunst und Kultur, das Tempo und das Gefühl, immer zu wissen, was gerade »in« war.
