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Clara König war als Flugbegleiterin immer unterwegs, bereiste die schönsten Orte der Welt und liebte das Gefühl grenzenloser Freiheit. Doch ein traumatisches Erlebnis verändert alles: Ein plötzlicher Druckabfall in einer Maschine führte zu einer Notlandung mitten auf dem Atlantik. Clara blieb äußerlich unversehrt, doch seither quält sie panische Angst vor dem Fliegen. Nach einem längeren Klinikaufenthalt ist an die Rückkehr zur Arbeit noch nicht zu denken. Clara ist für weitere zwei Monate krankgeschrieben, als sie auf Rat ihrer Kollegin ins Berghotel reist. Hier will sie Ruhe finden und neue Kraft tanken. Doch statt der erhofften Erholung fühlt sie sich gefangen. Ihr Leben besteht aus Reisen - was bleibt ihr, wenn sie das nicht mehr kann? Da begegnet sie Markus Dorn, einem furchtlosen Paragliding-Lehrer, der sie mit seiner Lebenslust und unerschütterlichen Ruhe herausfordert ...
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Seitenzahl: 141
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
Aufwind für zwei
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Eine Flugbegleiterin stellt sich in den Bergenihrer Angst
Von Verena Kufsteiner
Als Flugbegleiterin war Clara König in den letzten Jahren ständig in der Welt unterwegs. Sie lebte aus dem Koffer und liebte jeden Augenblick dieser grenzenlosen Freiheit. Doch ein einziger Moment riss ihr Leben aus der Bahn: Ein plötzlicher Druckabfall, eine Notlandung über dem Atlantik – Sekunden voller Angst, die sich für sie wie ein Sturz ins Bodenlose anfühlten.
Äußerlich blieb Clara unversehrt, doch tief in ihr brach etwas. Seitdem nimmt ihr die panische Furcht vor dem Fliegen die Luft zum Atmen.
Nach einem langen Klinikaufenthalt ist an eine Rückkehr in den Himmel, der einst ihr Zuhause war, nicht zu denken. Clara ist für weitere zwei Monate krankgeschrieben, als sie auf den Rat ihrer Kollegin ins Berghotel reist. Sie hofft auf Ruhe, auf ein paar Tage, in denen sie sich wieder selbst spüren kann. Doch die Stille bringt nicht nur Frieden, sondern auch Zweifel hervor, die lauter werden als alles, was sie verdrängen wollte – bis eines Abends ein unerwartetes Ereignis ihr Leben in eine Richtung lenkt, mit der sie niemals gerechnet hätte ...
Hedi Kastler stand schon früh hinter der Rezeption, das Dirndl frisch gestärkt. Es gab an diesem Tag wenig zu tun, was sie aber nicht wirklich genießen konnte. Im Gegenteil, es machte sie nervös, wenn die Tage zu ruhig waren.
Die hügelige Wiese vor der Terrasse war noch vom Tau bedeckt, auf der Terrasse selbst hüpften Spatzen herum, und vom Tal herauf waren Kuhglocken zu hören. Sie schenkte sich gerade einen starken Kaffee ein, als sie einen Blick auf die aufgeschlagene Lokalzeitung warf. Die Titelseite zeigte das Bild eines zerschellten Flugzeugs, darunter die Schlagzeile: Flug 827 – Tragödie über dem Atlantik.
Hedi las die Zeilen ein zweites und dann ein drittes Mal, diesmal langsamer. Unter den Überlebenden war der Name »Clara K.« aufgeführt – eine Flugbegleiterin, die die Notlandung überlebt hatte.
Der Name löste etwas in ihr aus. Clara K. ... das war doch die Kollegin von Julia. Julia, die vor etwa einem Jahr als Gast im Hotel gewesen war. Hedi erinnerte sich an ein Gespräch auf der Terrasse mit Julia, an eine leise Traurigkeit, die Julia wie ein Schatten begleitet hatte.
»Andi, komm einmal her«, rief sie und wartete, bis er sich neben sie stellte und auch einen Blick in die Zeitung warf. »Diese ›Clara K.‹, um die es hier in dem Artikel geht, das ist doch die Freundin von Julia, der netten Flugbegleiterin, die hier im Hotel gewesen ist.«
Andi blickte gedankenverloren zu der schwarzen Limousine, die vor dem Eingang hielt. Ein älterer Herr stieg aus und wurde schon von Lokaljournalisten erwartet.
»Hm«, sagte er. »Gregor Thalberg ist angekommen. Der berühmte Autor. Und schon jetzt gibt es draußen Unruhe. Ich gehe mal raus und sorge für Ordnung. So geht das doch net. Unsere Gäste wollen Ruhe und Frieden und net so ein Theater haben.«
Hedi legte ihm eine Hand auf die Schulter.
»Warte noch kurz, gib denen da draußen fünf Minuten. Was ich sagen wollte: Julia hat doch vor Kurzem angerufen, sie wollte Prospekte vom Hotel haben, um sie ihrer Freundin Clara zu geben ... Sag mal, hörst mir überhaupt zu?« Sie schüttelte den Kopf, berührte ihren Mann noch einmal und begann erneut: »Andi, erinnerst du dich noch an die Stewardess, die hier war? Julia ... irgendwas? Sie hatte doch diese Kollegin, Clara König. Die ist jetzt in diesem Zeitungsartikel über den Flugzeugabsturz erwähnt.«
»Hm? Ja, vielleicht. Julia mit den blonden Haaren, oder? Schau doch mal in der Gästeliste nach.«
Hedi seufzte. Das würde sie tun.
»Dann geh schon nach draußen und kümmere dich um das Chaos!«
***
Sie hatte als Flugbegleiterin einfach den schönsten Beruf der Welt, das hatte Clara noch bis vor Kurzem gedacht. Der Anblick eines Flugzeugs war für sie immer wie ein Versprechen grenzenloser Freiheit und aufregender Abenteuer gewesen.
Nun betrachtete sie mit weichen Knien die silbern glänzende Außenhaut der Maschine, die im grellen Schein der Morgensonne auf dem Münchner Rollfeld wartete. Sie atmete tief durch, um die aufkommende Panik zu bekämpfen – vergeblich. Ihr Herz pochte so heftig, als würde es versuchen, sich aus ihrem Brustkorb zu befreien. Ihre Hände zitterten, während sie ihren Koffergriff fester umklammerte. Wie oft war sie diesen Weg über das Rollfeld bereits gegangen, in ihrer makellosen, dunkelblauen Uniform, lächelnd, souverän und sicher? Wie oft hatte sie dabei an ihren nächsten aufregenden Aufenthalt gedacht, an sonnendurchflutete Strände oder lebendige Metropolen voller fremder Düfte und Stimmen?
Heute war nichts davon mehr übrig. Sie fühlte sich wie ein Schatten ihrer selbst, jeder Schritt in Richtung Gangway kostete sie unvorstellbare Überwindung.
»Clara, alles okay?«, fragte jemand neben ihr.
Sie drehte sich um und zwang sich zu einem Lächeln, bei dem sich ihre Gesichtsmuskeln verkrampften.
Julia, ihre Kollegin, sah sie besorgt an. Julia war noch ganz neu dabei, sie trug mit sichtbarem Stolz ihre dunkelblaue Uniformjacke, der seidige Schal war akkurat um ihren Hals geschlungen. Julia war jung, dynamisch und voller Elan – genau so, wie Clara es bis vor wenigen Monaten gewesen war.
»Geht schon«, murmelte Clara wenig überzeugend und straffte ihren Oberkörper. Wenn sie eins nicht wollte, war das, nun ihre Panik einzugestehen.
Die Gangway ragte vor ihr auf wie ein bedrohlicher Pfad in den Himmel. Jeder Schritt, den sie tat, verstärkte das Zittern ihrer Beine, ihre Knie fühlten sich an wie aus Gummi. Doch sie zwang sich vorwärts, als könnte bloße Willenskraft ihre Panik niederringen. Das metallene Klappern ihrer Absätze auf den Stufen dröhnte laut in ihren Ohren. Es kam ihr vor, als würden alle Geräusche wie durch ein mehrfaches Echo verstärkt, sie nahm alles in übermäßiger Intensität wahr.
Oben angekommen, registrierte sie diesmal auch den Geruch des Flugzeuginnenraums besonders intensiv, der ihr früher so vertraut gewesen war: ein Gemisch aus Kaffee, Reinigungsmittel und jenem speziellen Duft, den nur Flugzeuge hatten – kühl, steril, metallisch. Ihr Herz raste noch schneller, ihr Atem wurde flach und hektisch.
»Hallo, Clara, schön, dich nach deiner Auszeit endlich wieder dabeizuhaben«, sagte Kapitän Hartmann und legte zur Begrüßung beruhigend seine Hand auf ihre Schulter. Der ältere Pilot war ihr in all den Jahren fast etwas wie ein Freund geworden, er hatte bereits unzählige Flüge mit ihr absolviert und war bekannt für seine Ruhe und Souveränität.
»Danke«, flüsterte sie kaum hörbar und versuchte krampfhaft, ihren inneren Zustand nicht nach außen dringen zu lassen. Sie wollte sich vor ihm keine Blöße geben.
Julia warf ihr erneut einen fragenden Blick zu, während sie gemeinsam in die Bordküche traten. Die Enge des Raumes schnürte Clara augenblicklich die Kehle zu, sodass sie kurz glaubte, zu ersticken. Die Seitenwände schienen sich auf sie zuzubewegen, immer näher, bis sie kaum noch atmen konnte. Sie wandte sich ab, presste sich an die Wand, konzentrierte sich auf das kühle Metall an ihrem Rücken und kämpfte gegen die aufsteigende Übelkeit an.
»Clara?«, fragte Julia, ihre Stimme klang jetzt alarmiert. »Du bist blass wie die weiße Wand. Willst du dich setzen?«
»Nein, geht schon ... ich brauche nur einen Moment.«
Doch damit war es nicht getan, im Gegenteil. Ihre Angst steigerte sich zu einer ausgewachsenen Panikattacke. Sie wurde durchflutet von Bildern, Gerüchen und Geräuschen von damals, so deutlich, als geschähe es jetzt gerade wieder: der schrille Ton der Kabinendruck-Warnung, das panische Geschrei der Passagiere, das Geräusch der Sauerstoffmasken, die plötzlich aus der Decke gefallen waren. Das Gefühl, ins Bodenlose zu stürzen, während die Maschine mit bedrohlichem Knacken und Knirschen in die Tiefe sackte. Die völlige Hilflosigkeit, nichts tun zu können außer zu beten, zu hoffen, zu warten, ob sie überleben würde.
Ja, sie hatte überlebt, während über die Hälfte der Passagiere gestorben war. Doch um welchen Preis? Sie fühlte sich wie ein emotionales Wrack, wie ein Schatten ihrer selbst. All die positiven Einschätzungen der Psychologen, die sie mit Optimismus aus der Klinik entlassen hatten, waren nun hinfällig. Nichts hatte sich gebessert. Im Gegenteil. Ihre Panik war sogar noch schlimmer als je zuvor.
Ein Zittern durchlief Claras Körper, ihr Blick verschwamm, ihr Mund war staubtrocken. Panisch tastete sie sich an der Wand entlang, ihre Hand und ihr Arm bebten so stark, dass sie sich kaum halten konnte.
»Clara, du hyperventilierst!«, hörte sie Julia wie aus der Ferne. Die Stimme klang seltsam dumpf und tief.
Hände griffen nach ihr, versuchten, sie festzuhalten. Doch es war zu spät. Eine überwältigende Welle aus Angst und Verzweiflung zog ihr den Boden unter den Füßen weg, riss sie fort aus der Realität und ließ sie in einem Meer aus Panik versinken.
»Ich ... ich muss raus! Sofort raus hier!«, stieß Clara hervor, ihre Stimme klang schrill und fremd.
»Komm, setz dich erst mal, alles wird gut, gleich ist es bestimmt wieder vorbei«, redete Julia beruhigend auf sie ein, während der Kapitän herbeigerufen wurde.
»Nein! Nein! Ich schaffe das net!«
Clara kämpfte sich los, rannte durch den Gang zwischen den noch leeren Sitzen, hastete hinaus zur Gangway, drängte an den Passagieren vorbei, die nun vom Bus ausstiegen und mit dem Einstieg begannen, deren fragende und besorgte Blicke sie trafen.
Draußen angekommen, taumelte sie auf das Rollfeld, rang nach Luft und fiel beinahe, als sie begriff, dass sie nun keine Angst mehr haben musste. Sie war wieder im Freien. Der Enge der Maschine entkommen.
In der warmen Morgenluft blieb sie stehen, keuchend und bebend, das Herz hämmerte so laut in ihren Ohren, dass es alle Geräusche von außen übertönte.
Die Tränen liefen ihr unaufhaltsam über das Gesicht, mischten sich mit Schweiß und tropften auf ihre Uniform, wo sie dunkle Flecken hinterließen.
Langsam begriff sie, was geschehen war. Verzweiflung und Scham breiteten sich in ihr aus. Wie hatte sie nur glauben können, sie könnte wieder in ein Flugzeug steigen, als hätte es den Flugzeugabsturz nie gegeben?
»Clara«, sagte eine männliche Stimme hinter ihr.
Sie drehte sich um. Der Kapitän näherte sich langsam, blieb aber in respektvollem Abstand stehen.
»Nimm dir Zeit. Ich habe für dich schon einen Ersatz angefordert. Es ist noch zu früh. Du solltest heute nicht mit uns fliegen. Du brauchst mehr Abstand zu dem, was passiert ist. Niemand hier verlangt, dass du so schnell wieder funktionierst.«
»Aber ... wenn ich das jetzt net schaffe, wer bin ich dann noch?«, schluchzte sie und hielt sich die Hände vors Gesicht, als könne sie so die Realität ausblenden. »Fliegen war – nein, Fliegen ist mein Leben. Das bedeutet mir alles. Und was gebe ich für ein Bild ab? Das ist mir so peinlich. Ich kriege Panik, nur weil ich ein Flugzeug betrete.«
»Es ist keine Schwäche, Clara«, erwiderte der Kapitän ruhig. »Es ist menschlich. Und du brauchst vielleicht einfach eine längere Auszeit, um dich neu zu sortieren.«
Clara ließ sich seine Worte durch den Kopf gehen, dann nickte sie, unfähig zu sprechen, noch immer erschüttert von ihrer Reaktion. Die Wahrheit traf sie hart: Sie musste tatsächlich Abstand gewinnen, einen Ort suchen, an dem sie sich sicher fühlte, an dem sie wieder zu sich selbst finden konnte. Und das konnte keine sterile Klinik-Umgebung sein, die in gewisser Weise eine Scheinwelt darstellte, das wurde ihr nun klar.
Eine andere Stewardess wurde über das Rollfeld gefahren, der Wagen hielt direkt neben der Gangway. Kapitän Hartmann begrüßte die Stewardess freundlich und half Clara beim Einsteigen in den Wagen, der sie zurück zum Flughafengebäude bringen sollte.
Auf dem Weg über das Rollfeld sah Clara vom Beifahrersitz aus, wie das Flugzeug ohne sie abhob, mit lautem Dröhnen, wie es am Himmel immer kleiner wurde, bis es schließlich in der Ferne verschwand. Es war, als hätte man ihr den letzten Rest ihres alten Lebens genommen.
Erst jetzt bemerkte sie, dass sie eine Nachricht auf ihrem Handy erhalten hatte. Sie war von Julia.
Vielleicht solltest du für eine Weile irgendwo hinfahren, wo du Ruhe hast und dich erholen kannst. Versuch, es nicht zu schwer zu nehmen. Liebe Grüße, Julia.
Clara nickte in Gedanken versunken. Genau das war es, was sie jetzt brauchte: einen Ort, an dem sie ihre Ängste bezwingen und sich selbst wiederfinden konnte. Bloß, wo war dieser Ort?
Nun war der Wagen an einem der Seiteneingänge zum Flughafengebäude angekommen. Der Fahrer half ihr, den Rollkoffer aus dem Kofferraum zu heben, und nickte ihr zum Abschied zu. Clara öffnete die Glastür und atmete noch einmal tief ein. Die frische Luft schmeckte nach Frühling und Neuanfang.
»Du hast recht, Julia«, flüsterte sie, auch wenn Julia sich längst in weiter Ferne befand und sie nicht mehr hören konnte. »Es ist Zeit für eine echte Pause, ich schaffe es einfach nicht mehr. Der Plan, so schnell wie möglich in ihren Job zurückzukehren, war gescheitert.«
Und mit diesem Gedanken nahm Clara König zum ersten Mal seit Monaten wieder so etwas wie zaghafte Hoffnung in sich wahr. Sie würde darüber in der nächsten Therapiesitzung mit ihrer Ärztin sprechen.
***
Die Praxis von Dr. Marion Feldmann lag in einer ruhigen Nebenstraße in München-Schwabing. Clara hatte sich auf dem Weg dorthin in Gedanken verloren, nun stand sie vor der Praxistür und zögerte. Sie hatte nie Schwierigkeiten gehabt, offen mit Ärzten über körperliche Beschwerden zu sprechen, aber diese tiefgreifende, lähmende Angst, die ihren Alltag beherrschte, fühlte sich beschämend an.
»Reiß dich einfach mal zusammen«, das hatte niemand aus ihrer Familie oder dem Freundeskreis je zu ihr gesagt, doch ihre innere Stimme war unbarmherziger und hielt ihr genau diesen Satz immer wieder vor. Rational wusste sie, dass das Leben so nicht funktionierte. »Zusammenreißen« und Verdrängung halfen ihr nicht weiter. Aber trotz dieser Erkenntnis fühlte sie sich wie eine Versagerin, die ihr Leben nicht mehr im Griff hatte.
Mit klopfendem Herzen drückte sie schließlich die Türklinke herunter und trat in den hell erleuchteten Eingangsbereich. Im Wartezimmer nahm sie auf einem der hellgrünen, modernen Sessel Platz, blickte auf die farbenfrohen, abstrakten Bilder an den Wänden und versuchte, tief durchzuatmen. Eine ältere Dame blätterte leise raschelnd in einer Zeitschrift, während ein junger Mann konzentriert auf seinem Smartphone tippte.
Clara war so nervös, dass sie sich weder auf eine Zeitschrift noch auf etwas anderes konzentrieren konnte. Diese alltägliche Normalität erschien ihr so fern, als hätte sie nie dazugehört. Das Warten verstärkte ihre Nervosität und die Minuten schienen immer langsamer zu vergehen. Erst wurde der junge Mann aufgerufen, dann die ältere Dame.
»Frau König, bitte«, rief die Arzthelferin sie schließlich ins Behandlungszimmer.
Dr. Feldmann begrüßte Clara mit einem warmherzigen Lächeln, das so voller Verständnis war, dass Clara sich zwingen musste, nicht sofort in Tränen auszubrechen. Mit Freundlichkeit kam sie oft noch schlechter zurecht als mit allem anderen. Ihr Mund wurde trocken, als sie sich setzte und nervös die Hände ineinander verkrampfte.
»Frau König, wie geht es Ihnen heute?«, fragte Dr. Feldmann.
Clara atmete tief ein und versuchte, ihre Stimme zu kontrollieren.
»Nicht gut, ehrlich gesagt. Ich dachte, ich könnte es schaffen, wieder einzusteigen, ich dachte, ich würde den Alltag irgendwie wieder auf die Reihe kriegen, aber ...« Ihre Stimme brach, und sie schluckte schwer.
»Erzählen Sie mir, was passiert ist. Vorgestern sollte Ihr erster Arbeitstag sein, soweit ich mich erinnere.«
Clara berichtete stockend von dem Versuch, wieder ein Flugzeug zu betreten, von der unerwarteten, übermächtigen Panikattacke, die sie überfallen hatte, von ihrem Zusammenbruch und der überwältigenden Hilflosigkeit. Dass sie sich wie eine Versagerin fühlte und nicht mehr aus noch ein wusste. Während sie sprach, wurde ihre Stimme immer leiser, ihre Worte brüchiger. Sie stellte sich vor, wie sich vor ihr der Boden auftäte und sie verschlingen würde.
Dr. Feldmann hörte aufmerksam zu und nickte gelegentlich. Als Clara schließlich verstummte, blätterte die Ärztin und Psychotherapeutin noch einmal in der Patientenakte, dann wandte sie sich Clara zu.
»Frau König, Sie leiden unter einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung, darüber haben wir ja schon gesprochen. Das ist keine Kleinigkeit, und es ist auch nichts, was Sie einfach durch ›Zusammenreißen‹ überwinden könnten. Sie brauchen dringend eine Pause, um das Erlebte verarbeiten zu können. Dass Sie sich entschieden haben, die Klinik zu verlassen, dass das für Sie nicht die reale Welt ist, das kann ich verstehen. Wichtig ist, dass Sie für sich eine Alternative finden, eine Möglichkeit, um Ihrer Seele Zeit zu geben, sich wieder vollständig zu erholen.«
Clara blickte frustriert auf, ein innerer Widerstand flackerte in ihr auf.
»Aber körperlich bin ich doch völlig unverletzt. Ich verstehe das einfach nicht. Wie kann es sein, dass ich mich trotzdem so ... so hilflos fühle? Warum schaffe ich es net?«
Die Ärztin richtete ihren Oberkörper auf.
»Weil net alle Verletzungen sichtbar sind. Ihr Körper mag gesund sein, aber Ihre Seele hat ein schweres Trauma erlitten. Sie müssen sich erlauben, zu heilen, und dafür braucht es Zeit und Geduld, wie ich schon sagte. Der erste Schritt zur Heilung wäre, dass Sie das anerkennen und sich von dem Anspruch befreien, sofort wieder im Alltag und Berufsleben funktionieren zu müssen.«
Clara schluckte erneut, ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen, während die Ärztin ein Formular ausfüllte und es ihr schließlich reichte.
