Verlag: Books on Demand Kategorie: Religion und Spiritualität Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Das Ja zum Leben und zum Menschen, Band 15 E-Book

Wolfgang Nein  

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E-Book-Beschreibung Das Ja zum Leben und zum Menschen, Band 15 - Wolfgang Nein

Müssen historische Angaben in einer Predigt im wissenschaftlichen Sinne korrekt sein? Steht und fällt die Aussage einer Predigt damit, dass alle wissenschaftlich nachprüfbaren Aussagen der Prüfung standhalten? Antwort: Nein. Es ist zwar gut und wichtig, Fakten möglichst sorgfältig zu recherchieren. Eine Predigt kann aber auch dann ihren guten Zweck erfüllen, wenn der Faktencheck fehlerhafte Aussagen aufdeckt. Die Predigten dieses Buches und der ganzen Predigtsammlung sind jeweils nach bestem Wissen und Gewissen und den jeweils vorhandenen zeitlichen Möglichkeiten auf Sachaussagen hin sorgfältig recherchiert worden. Auch wenn sie nicht immer wissenschaftlichen Ansprüchen genügen werden, vermitteln sie hoffentlich dennoch ihr wesentliches Anliegen, nämlich das weiterzugeben, was im Titel der Reihe formuliert ist: Das Ja zum Leben und zum Menschen.

Meinungen über das E-Book Das Ja zum Leben und zum Menschen, Band 15 - Wolfgang Nein

E-Book-Leseprobe Das Ja zum Leben und zum Menschen, Band 15 - Wolfgang Nein

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Leben und das Leben suchen

1. Januar 1978

Neujahr

Amos 5,4 / Hebräer 13,20-21

Angst vor der Freiheit?

15. Januar 1978

Letzter Sonntag nach Epiphanias

2. Korinther 3,12-18;4,6

Vor- und Nachteile im Leben: Ist Gott ungerecht?

22. Januar 1978

Septuagesimae

(3. Sonntag vor der Passionszeit)

Römer 9,14-24

Der Kreuzestod ist kein Unsinn!

5. Februar 1978

Estomihi

Sonntag vor der Passionszeit

1. Korinther 1,18-25

Dieser Schuldspruch ist ein Freispruch

12. Februar 1978

Invokavit

(1. Sonntag in der Passionszeit)

1. Mose 3,1-19

Eigenverantwortung und unverfügbare Zukunft

5. März 1978

Lätare

(4. Sonntag in der Passionszeit)

2. Mose 16,2-9.13b-15.31.35

Der Liebe eine Chance geben

24. März 1978

Karfreitag

2. Korinther 5,19-21

Schuld und Vergebung

27. März 1978

Ostermontag

Hesekiel 37,1-14

Petrus ermahnt die Hirten der Gemeinde

9. April 1978

Misericordias Domini

(2. Sonntag nach Ostern)

1. Petrus 5,1-5

Biblische Geschichten: Worte fürs Leben heute

30. April 1978

Rogate

(5. Sonntag nach Ostern)

Konfirmation

Römer 1,16

Abendmahl: Ermutigung fürs tägliche Leben

13. Mai 1978

Samstag vor Pfingsten

Konfirmandenabendmahl

Matthäus 26,26-28

Wertvolles empfangen und weitergeben

14. Mai 1978

Pfingstsonntag

Konfirmation

1. Korinther 1,9-11

Wir empfangen das Gute auf dreierlei Weise

21. Mai 1978

Trinitatis

Epheser 1,3-14

Bibeltexte lassen sich unterschiedlich auslegen

28. Mai 1978

1. Sonntag nach Trinitatis

2. Timotheus 3,13-17

Dem Anderen Veränderungen zutrauen!

18. Juni 1978

4. Sonntag nach Trinitatis

Römer 14,7-13

Der Mensch – als „kleiner Schöpfer“ beauftragt

9. Juli 1978

7. Sonntag nach Trinitatis

1. Mose 1,26-31

Christliche Lehre und Lebenspraxis

27. August 1978

14. Sonntag nach Trinitatis

Hebräer 13,1-9b

Letzte Hoffnung:

Dem Unglaublichen eine Chance geben

3. September 1978

15. Sonntag nach Trinitatis

1. Könige 17,7-16

Danken ist eine heilsame Lebenseinstellung

1. Oktober 1979

19. Sonntag nach Trinitatis

Erntedankfest

2. Korinther 9,15

Auch schwere Erfahrungen als Hilfe auslegen

15. Oktober 1978

21. Sonntag nach Trinitatis

Hebräer 12,4-11

Die endzeitliche Katastrophe ist menschenmöglich

29. Oktober 1978

23. Sonntag nach Trinitatis

2. Thessalonicher 2,1-12

Bibel- und Zeitunglesen

19. November 1978

Volkstrauertag

(Vorletzter Sonntag Kirchenjahres)

Offenbarung 19,11-16

Er sieht uns ohne Illusionen – und doch liebevoll

22. November 1978

Buß- und Bettag

Offenbarung 3,14-22

„Die Nacht ist vorgedrungen“

3. Dezember 1978

1. Advent

Matthäus 21,1-9

Das Wirkliche im unwirklich Erscheinenden

24. Dezember 1978

Heiligabend

Lukas 2,1-20

Kraftquelle für menschenwürdiges Miteinander

24. Dezember 1978

Heiligabend

Lukas 2,10-14

Hätten wir uns für den Weg Jesu entschieden?

26. Dezember1978

2. Weihnachtstag

Johannes 1,1-14

Ambivalenz der Erfahrungen: Das Gute bewahren

31. Dezember 1978

1. Sonntag nach Weihnachten

Lukas 2,25-40

Bibelstellen

Vorwort

Müssen historische Angaben in einer Predigt im wissenschaftlichen Sinne korrekt sein? Steht und fällt die Aussage einer Predigt damit, dass alle wissenschaftlich nachprüfbaren Aussagen der Prüfung standhalten? Antwort: Nein. Es ist zwar gut und wichtig, Fakten möglichst sorgfältig zu recherchieren. Eine Predigt kann aber auch dann ihren guten Zweck erfüllen, wenn der Faktencheck fehlerhafte Aussagen aufdeckt.

Wie relevant sind korrekte Jahreszahlen und Ortsangaben? Wie wichtig sind biographische Angaben über biblische Personen? Wie bedeutsam ist es, ob die Bezugnahme auf die Entstehungsgeschichte einzelner biblischer Texte dem neuesten wissenschaftlichen Stand entsprechen? Wie wichtig ist es, dass die biblischen Aussagen selbst der wissenschaftlichen Nachprüfung standhalten? Wie wichtig ist es, dass Jesus wirklich dies und jenes gesagt und getan hat, dass wirklich all das geschehen ist, was über ihn berichtet wird, dass er wirklich gekreuzigt worden ist und dass er auferstanden ist in der Weise, wie es uns die biblischen Texte schildern? Wie wichtig ist es, dass er überhaupt gelebt hat?

Könnte es einmal dazu kommen, dass die wissenschaftliche Forschung ergibt, dass sich nicht nur zahllose Predigten auf mangelhaft recherchierte Fakten beziehen, sondern dass schon die biblischen Sachaussagen selbst wissenschaftlich nicht haltbar sind? Wäre dann der christliche Glaube null und nichtig? Antwort: Die Bedeutung des christlichen Glaubens kann durch einen wissenschaftlichen Faktencheck nicht zunichtegemacht werden.

Denn eine unwiderlegbare Tatsache bleibt die Existenz der biblischen Texte mit ihrer ca. eintausendjährigen Entstehungsgeschichte und den Erfahrungen und Gedanken und Glaubensüberzeugungen zahlloser Generationen.

Entscheidend ist, was diese Texte in uns auslösen. Sie lösen im Hörer und Leser unterschiedliche Gefühle und Gedanken aus. Sie haben aber das Potential, dem wohlwollend Interessierten Anregungen und Hilfestellungen zu geben im Umgang mit den Grundfragen und Grundproblemen des Lebens.

Wie immer die Texte im Einzelnen entstanden sein mögen, sie überliefen uns zum Beispiel Sätze wie: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ und „Vergelte das Böse mit Gutem“. Kein Faktencheck kann diese Aussagen zunichtemachen. Diese Sätze sind existent, und sie haben eine lebensgestaltende Kraft. Sie lassen uns nicht unberührt, weil sie unser tägliches Leben betreffen, unseren täglichen Umgang mit unseren Mitmenschen im kleinen Persönlichen wie im großen Politischen und Weltweiten.

Die Sätze sind auslegungsbedürftig. Man kann ihre Aussagen kleinreden, bespötteln, ablehnen, man kann sie auch als Leitbild für das persönliche und gesellschaftliche Miteinander nehmen. Sie sind von ihrer Aussage her letztlich unbegründbar und wissenschaftlich unanfechtbar, aber von immenser Bedeutung.

Sie sind zurecht immer wieder Gegenstand von Predigten, weil ihre Aussagen es wert sind, beständig vergegenwärtigt und beachtet zu werden. Die Predigt kann diese Sätze in ihren historischen Entstehungs- und Erzählungskontext hineinstellen, ohne dass von dessen wissenschaftlicher Nachprüfung der Bedeutungsgehalt abhängen würde.

Die Predigten dieses Buches und der ganzen Predigtsammlung sind jeweils nach bestem Wissen und Gewissen und den jeweils vorhandenen zeitlichen Möglichkeiten auf Sachaussagen hin sorgfältig recherchiert worden. Auch wenn sie nicht immer wissenschaftlichen Ansprüchen genügen werden, vermitteln sie hoffentlich dennoch ihr wesentliches Anliegen, nämlich das weiterzugeben, was im Titel der Reihe formuliert ist: Das Ja zum Leben und zum Menschen. Viel Freude beim Lesen!

Wolfgang Nein, Oktober 2018

Leben und das Leben suchen

1. Januar 1978

Neujahr

Amos 5,4 / Hebräer 13,20-21

Heute Morgen, am Neujahrstag, möchte ich ein paar Worte sagen über die Jahreslosung für 1978 und sie verbinden mit dem für heute vorgeschlagenen Predigttext, der ganz kurz ist.

Die Jahreslosung steht beim Propheten Amos im 5. Kapitel und lautet: „Gott spricht: Sucht mich, so werdet ihr leben.“ Und der Predigttext steht im Hebräerbrief im 13. Kapitel. Ich verkürze ihn ein wenig um des besseren Verständnisses willen. Es heißt da: „Der Gott des Friedens, er möge euch zu allem Guten fähig machen, um seinen Willen zu tun. Er wirke unter uns, was ihm wohlgefällt, durch Jesus Christus.“

Der Jahreswechsel ist ein Anlass für gute Vorsätze, für eine Neuorientierung. Die Fernsehprogramme nutzen beispielsweise den Jahreswechsel regelmäßig, ihre herkömmlichen Programme ein wenig neu zu gestalten, in einigen Fällen, um damit den Ergebnissen von Meinungsumfragen zu entsprechen. Im persönlichen Bereich hat sich manch einer vielleicht auch zu neuem Verhalten entschlossen, vielleicht von nun ab weniger zu rauchen oder weniger zu trinken. Wie schön wäre es für uns alle, wenn gerade diese Vorsätze bei möglichst vielen Wirklichkeit werden könnten.

In der Jahreslosung geht es allerdings um noch mehr. „Sucht mich“, spricht Gott, „so werdet ihr leben.“ Auch um Neuorientierung geht es, darum nämlich, auf die Suche nach Gott zu gehen, um so das Leben zu finden. Andersherum gesagt: „Wer leben will, tut gut daran, nach Gott zu fragen.“ Nun fragt sich aber, was das bedeutet. Denn wir leben ja schon, oder besser gesagt: Nach durchfeierter Nacht leben wir noch mehr oder weniger.

Wir sind lebendig, können tief einatmen und ausatmen. Das bloße Lebendigsein kann aber nicht gemeint sein. Die Jahreslosung spricht nicht von dem, was wir sind, sondern von dem, was wir sein werden. Hier meint Leben nicht die Spanne zwischen leiblicher Geburt und leiblichem Tod, nicht die Quantität der Tage, sondern ganz offenbar die Qualität unseres menschlichen Daseins. Wir, als Lebendige, haben das noch als Aufgabe vor uns, diesen verborgenen Schatz, das Leben, zu suchen. Was mag das nur sein, das Leben?

Was können wir darüber überhaupt aussagen? Was bedeutet für Sie „Leben“? Dass es mit der Zahl der Jahre nicht ausreichend beschrieben ist, darüber sind wir uns vielleicht einig. Aber was macht das Leben zu einem Qualitätsbegriff? „Das ist doch kein Leben!“, sagen wir manchmal, wenn da einiges Entscheidende fehlt, einiges in Unordnung ist. Worauf also kommt es an?

Ist es die Gesundheit, die das Wesen des Lebens ausmacht, so, wie wir es oft hören: „Hauptsache, ich bin gesund, das ist das Wichtigste!“? Kann eigentlich nicht sein. Denn es gibt zahlreiche Menschen, die kerngesund sind und sich trotzdem fragen, ob ihr Leben es wert ist, wirklich Leben genannt zu werden, zum Beispiel, weil sie sehr unter Einsamkeit leiden, keinen Anschluss an andere Menschen finden, aus mangelnder Kontaktfähigkeit vielleicht oder weil sie wenig attraktiv für andere sind oder vielleicht eine etwas ungeschickte Art haben.

Einsamkeit kann ein Leben kaputtmachen, aber auch zum Beispiel Schuld. Manch einer, der schuldig geworden ist, sei es nach dem Gesetz oder auch nur, indem er jemanden durch Worte verletzt hat, ist mit seiner Schuld nicht fertig geworden.

Oder Misserfolg. Wir kennen Geschichten aus Urgroßmutters Zeiten, in denen sich Feldherren wegen einer Niederlage im Krieg aus Schmach selbst erschossen haben. Aber auch heute fällt es vielen schwer, große Misserfolge hinzunehmen, das Gespött und mitleidige Lächeln der anderen auszuhalten. Auch von daher kann ein Leben ins Schwanken geraten.

Oder wenn wir die Liste lebensbedrohender Elemente noch fortsetzen: Die hohen Erwartungen, die an uns gestellt werden, und die Überforderung können dem einen oder anderen das Leben vollkommen verderben. Auch die bittere Erkenntnis persönlicher Schwäche, die Einsicht in die eigene Unfähigkeit, das Rechte zu tun, sich zu verändern und voranzukommen, kann wie eine Krankheit Leib und Seele zermürben. Und schließlich auch die ungerechte Behandlung durch andere Menschen und durch das Schicksal bringen manchen dazu, an seinem Leben zu verzweifeln.

Wir sind also dabei, uns zu fragen, was Leben außer Lebendigsein wohl noch heißen könnte. Wird die Spanne zwischen Geburt und Tod dadurch zum Leben in dieser besonderen Bedeutung der Jahreslosung, dass wir gesund sind, gesellig, schuldlos sind, Erfolg haben, frei von Forderungen und leistungsfähig sind und gerecht behandelt werden? Würden wir dann sagen können: „Jetzt leben wir wirklich, wenn all diese Bedingungen erfüllt sind?“

Könnten wir die Jahreslosung: „Sucht Gott, so werdet ihr das Leben haben!“, so übersetzen, dass wir sagen: „Sucht Gott, dann werden euch Gesundheit, Geselligkeit und Schuld, Erfolg, Freiheit von Forderungen, Leistungsfähigkeit, Gerechtigkeit und vielleicht einiges mehr in dieser Richtung sicher sein?“ Ist das der verborgene Schatz des Lebens, den zu suchen die Jahreslosung uns auf den Weg geschickt? Mir erscheint das mehr als zweifelhaft. Wir streben zwar nach all diesen Zielen und suchen darin die Erfüllung unseres Lebens. Wenn wir auf diesem Weg das Leben suchen, finden wir, das zeigt ein kritischer Blick auf unsere Erfahrungen, nicht selten das, was dem Tod viel ähnlicher ist.

Das Streben nach Schuldlosigkeit führt ins Pharisäertum, in Heuchelei, in Moralismus und Gesetzlichkeit, in Selbsttäuschung und Augenwischerei. Das Streben nach Erfolg führt zur Zerstörung menschlicher Beziehungen, zur Zerstörung anderer um des eigenen Fortkommens willen, zur Beschränkung der Kräfte auf ein begrenztes Ziel, während das Leben doch so viele wichtige Aufgaben für uns bereithält.

Es ließe sich zeigen, dass unser Streben nach jedem der genannten Ziele gewissermaßen den Keim des Todes schon in sich trägt, zur Erfolglosigkeit verurteilt ist und in seinen vielen Nebenwirkungen eher zerstörend als aufbauend wirkt.

„Sucht Gott, so werdet ihr leben!“ Leben zu definieren ist furchtbar schwierig. Vielleicht ist es so, dass wir einfach mit diesem Satz von vorn anfangen müssen. „Sucht Gott!“ Diese Suche könnte uns Aufschluss darüber geben, was Leben heißt. Dann wäre es so, dass wir im Grunde noch gar nicht wissen, was das eigentlich heißt: „Leben“. Dann wäre die Suche nach Gott nicht der Weg zur Erfüllung unserer schon vorhandenen Wünsche, sondern der Weg der Entdeckung von etwas ganz Neuem, etwas, das anders ist als alles, was wir uns im Augenblick vorstellen können.

Der Weg der Suche nach Gott führt über Jesus Christus, in dem Gott zu Weihnachten Mensch geworden ist. Auf ihn weist uns der kurze Predigttext. Über Jesus Christus finden wir zu Gott und so zum Leben. „Ich bin der Weg des Lebens“, sagt er einmal. An ihm können wir schon einiges erkennen. Durch sein Leben und schließlich auch durch sein Sterben und Auferstehen setzt er neue Maßstäbe, gibt er unserem Leben eine neue Richtung.

Er macht uns deutlich: Der Weg zum Leben führt nicht über das Streben nach Schuldlosigkeit, sondern über die Annahme der Vergebung, nicht über Streben nach Erfolg und Leistung und Erfüllung hoher Erwartungen, sondern über die Annahme der persönlichen Grenzen und Schwächen und Entfaltung der Gaben, die uns als Einzelnen gegeben sind. Der Weg zum Leben führt nicht über das Streben nach körperlicher Gesundheit, sondern über die Aufnahme des heilenden Wortes Gottes. Er führt nicht über das Streben nach gerechter Behandlung durch andere, sondern über die Zufriedenheit mit der Güte und Gnade Gottes. Und der Weg aus der Einsamkeit führt nicht über die Anbiederung an andere, sondern über die Aufnahme unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Weitergabe seiner Freundlichkeit an die vielen Menschen, die sie brauchen.

Vielleicht ist das jetzt alles ein bisschen viel und kompliziert so früh am Morgen nach einer langen Silvesternacht. Was ich nur vorhatte, ist dies: die Jahreslosung nachsprechen. Was Leben heißt, bleibt für uns noch zu entdecken. Wenn wir Gott suchen, werden wir das Leben finden. Der Weg dorthin ist Jesus Christus. Es wird für uns, die wir hier sitzen, vielleicht keine Neuorientierung sein, wenn wir uns auf diesen Weg machen. Denn wir gehen ihn ja schon, der eine mehr, der andere weniger. Aber es ist doch gut, sich zu Beginn des neuen Jahres in dem Vorsatz, diesen Weg zu gehen, ein wenig stärken zu lassen durch das Wort Gottes aus dem Prophet Amos: „Sucht mich, spricht Gott, so werdet ihr leben!“

Angst vor der Freiheit?

15. Januar 1978

Letzter Sonntag nach Epiphanias

2. Korinther 3,12-18;4,6

Vor mehr als sieben Jahren habe ich als Abschluss meiner Studienzeit in den USA mit einem Freund zusammen eine Busreise in den Westen bis hin nach Kalifornien gemacht. Wir haben uns bei den zahlreichen Sehenswürdigkeiten unterwegs nach Lust und Interesse mal kürzere, mal längere Zeit aufgehalten. Wir fuhren auch nach Los Angeles und nach Hollywood.

Dort in der Filmmetropole haben wir uns Studios angesehen. Eines ist mir durch den Predigttext wieder besonders in Erinnerung gekommen: die Universal City Studios. Darunter darf man sich nur nicht nur ein paar Räume vorstellen, in denen Filme hergestellt werden. Bei diesen Universal City Studios handelt es sich um eine ganze Stadt. Wir haben eine Führung mitgemacht. In einem offenen Bus fuhren wir durch die Straßen dieser Filmstadt. Sie liegt in einem kleinen Tal, eine Stadt, die alle paar Tage ein wenig anders aussieht, je nachdem, was gerade für ein Film gedreht wird.

Unterwegs erklärte man uns – ich hatte das selbst noch gar nicht richtig bemerkt –, dass da an den Straßenseiten gar keine richtigen Häuser standen, sondern nur Fassaden, veränderbare Fassaden, die allerdings so echt aussahen, dass sie zumindest nachher im Film niemand mehr von richtigen Häusern würde unterscheiden können. Wir durften allerdings hinter die Fassaden schauen und waren ganz erstaunt und ein wenig erschrocken, dass da nichts war als nur Gerüste, ansonsten gähnende Leere. An diese Geisterstadt – Menschen können da ja nicht leben – hat mich der heutige Predigttext erinnert.

Aber bevor ich das erläutere, möchte ich noch von einer anderen Erfahrung erzählen, die gewissermaßen das Gegenstück liefert zu dem, was ich eben berichtet habe. Und zwar, wenn Sie in Hamburg in der Innenstadt spazieren gehen und in die Bugenhagenstraße kommen – das ist eine der Straßen, die parallel zur Mönckebergstraße verlaufen –, mit einer langen Reihe von, wenn ich recht erinnere, Backsteingebäuden mit ausdrucksloser Fassade, die wegen der Enge der Straße und der Höhe der Gebäude nur wenige Augenblicke am Tag von der Sonne beschienen ist –, wenn sie also da spazieren gehen und vor der Nummer 21 stehen bleiben, dann werden sie nichts als trostlosen, dunklen, schmucklosen Backstein vor Augen haben. Sie werden an dieser Fassade den grauen Großstadtalltag ablesen, das Unpersönliche, das Fremde, Gefühlslose, das Erdrückende und Unmenschliche. Sie möchten vielleicht schnell weitergehen zu einem freundlicheren, farbenfroheren, helleren Ort, wo sie wieder frei atmen, die Augen sich erholen können und das Herz sich weiten kann.

Aber wenn sie, statt schnell weiterzugehen, eintreten in dieses Gebäude, die Fassade durchdringen, um zu entdecken, was sich dahinter verbirgt, wenn Sie durch die Räume hindurchgehen, sich mit Menschen unterhalten, dann wird Ihnen Schritt für Schritt deutlicher werden, welche Fülle an Leben, an menschlicher Wärme sich hinter der toten, glanzlosen Fassade verbirgt.

Sie befinden sich nämlich in der Zentrale des Diakonischen Werkes der ehemals Hamburgischen Landeskirche, wo die vielen Maßnahmen koordiniert werden, die die Liebe Gottes in praktischen Diensten am Mitmenschen verwirklichen sollen: in der Betreuung alter Menschen, Kranker, Suchtgefährdeter, Strafentlassener, Arbeitsloser, überarbeiteter Mütter, unverheirateter Mütter, in der Betreuung von Ausländern und hilfsbedürftigen Menschen in aller Welt und vieles andere mehr.

Nichts davon hat sich an der Fassade ablesen lassen, ja, eigentlich bestand ein gewisser Gegensatz zwischen dem eher beängstigenden Äußeren und dem lebendigen Inneren. Nur der beherzte Schritt hinein, ausgelöst vielleicht durch die kleine Aufschrift am Eingang: „Diakonisches Werk“, hat die erstaunliche Erkenntnis ermöglicht.

Diese beiden Erfahrungen, die von der Filmstadt und die vom Diakonischen Werk, liefern uns die Bilder, die uns helfen können, den heutigen Predigttext zu verstehen. Denn Paulus spricht auch von einem vordergründigen Schein und einer dahinterliegenden Wirklichkeit.

Die Fassade ist für ihn das Gesetz Mose, die Gesetze, die Mose von Gott auf steinernen Tafeln empfangen hatte. Diese Gesetze geben die Regeln, die äußeren Regeln für ein gottwohlgefälliges Leben, nicht nur die zehn Gebote, sondern die vielen Gesetze des Alten Testaments. Unter Verheißung von Lohn und Androhung von Strafe weisen sie festgelegte Wege. Sie sind wie eine große Stadt, in der alles seinen Platz hat, in der die Straßen und Wege vorgegeben sind. Wenn wir da hindurchgehen, uns alles ansehen, fragen wir uns vielleicht, was sich da hinter der Fassade verbirgt, hinter den grauen, eintönigen und den schönen, geschmückten Fassaden. Wir fragen uns vielleicht, warum die Straßen so verlaufen müssen und nicht anders, warum manche breit und andere so schmal sind, einige so verschlungen und andere so gerade und kurz sind.

Aber wie groß ist unsere Neugierde oder wie groß ist unser Mut zu hinterfragen? Eine Stadt, fertig gebaut – gibt sie uns bei manchem, was uns fragwürdig erscheint, nicht auch Sicherheit, ja, das Gefühl, dass alles seine Ordnung hat, auch wenn wir uns in der Ordnung manchmal eingeengt fühlen? Mit dem, was wir sehen, begnügen wir uns, geben wir uns zufrieden, damit finden wir uns ab, danach richten wir uns aus.

Paulus macht es den Israeliten zum Vorwurf, dass sie in dieser Weise mit den Gesetzen des Mose umgegangen seien. Er sagt: Ihr geht mit den Gesetzen um, als seien sie schon das Letzte, das Höchste. Ihr nehmt ihre Forderungen ernst und meint, damit sei es genug.

Diese Gesetze haben, so sagt Paulus, ihre unbestreitbare Bedeutung für unser Leben. Sie sind um unserer Schwächen willen nötig, sollen uns zwischen dem Rechten und dem Unrechten unterscheiden lehren und legen uns den erforderlichen Zwang auf, um ihren Forderungen nachzukommen.

Und weil sie von Gott gegebene Gesetze sind, sind sie auch von einem göttlichen Glanz umgeben. Aber sie sind noch nicht das Größte und Wichtigste, sind noch nicht das Letzte, was Gott uns zu sagen hat. Sie sind etwas Vorläufiges. Sie haben eine begrenzte Aufgabe.

Der in ihnen zum Ausdruck kommende Wille Gottes, den Menschen zu helfen, nimmt noch ganz andere Gestalt an, die wesentlicher, bedeutsamer ist, hinter der die Gesetze ihren Glanz verlieren, nämlich die Gestalt Jesus Christus. In ihm bringt sich Gott auf neue, endgültige Weise zum Ausdruck.

Das, so sagt Paulus, haben die Juden nicht erkannt. Mose hat sich in einer Decke verhüllt, damit niemand das Schwächerwerden seines Glanzes merken würde. Und bei der Verlesung des Alten Testaments liegt den Israeliten eine Decke auf ihren Herzen, sodass sie nicht merken, dass in Jesus Christus ein Größerer zu ihnen gekommen ist als in Mose.

Den Vorwurf, den Paulus hier an die Juden richtet, dürfen wir auch als an uns gerichtet verstehen. Auch wir sind geneigt, die äußeren Formen zu verherrlichen, die Gesetze, die traditionellen Verhaltensregeln: „Das gehört sich nicht!“ Wir sind geneigt, uns an Äußerlichkeiten zu halten, weil sie sichtbar sind, berechenbar. Sie geben uns eine gewisse Sicherheit. Wir wissen, woran wir sind.

Und lieber nehmen wir die Zwänge der Gesetze, der überkommenen Verhaltensregeln auf uns, als dass wir sie hinterfragten und uns damit in eine Ungewissheit hineinbegäben. Wir geben uns mit den Fassaden zufrieden, weil sie uns den Eindruck einer in sich geschlossenen Welt bereits vermitteln. Wir halten es nicht für nötig – oder besser: „Wir wagen es nicht“ –, hinter die Fassaden zu schauen, vielleicht aus der Angst heraus, der vielleicht unbewussten Angst heraus, hinter ihnen eine große Leere zu entdecken.

Es mag sein, dass diese Angst in uns steckt, dass, wenn wir zu viel hinterfragen, wir keine Antwort mehr bekommen werden, dass wir dann mit unseren Fragen allein bleiben und uns das mehr zu schaffen machen würde, als mit vorläufigen unvollkommenen Antworten zu leben. Die Angst, ins Leere zu stoßen, mag in uns stecken.

Aber an dieser Stelle hat Paulus uns etwas zu sagen. Er will uns Mut machen, uns die Decke von unseren Herzen nehmen zu lassen und weiter zu blicken als bis zur Fassade. Er will uns Mut machen, dahinter zu schauen; denn nicht gähnende beängstigende Leere werden wir finden, sondern einen Reichtum an Leben, eine neue große Freiheit, all das, was Jesus Christus für uns bereithält. Wenn wir eintreten, durch die Fassade hindurch ins Innere, dann wird sich uns eine weite Welt auftun des Verständnisses, der Annahme, der Versöhnung, der Vergebung, der Freude und Fröhlichkeit, der Barmherzigkeit, des Friedens, der Liebe.

Von draußen ist all das nicht zu erkennen, fast nur zu erahnen. Die äußeren Bedingungen unseres Lebens, die Gesetze und Ordnungen, sind so fad, dass es nur die Hoffnung ist, die uns nach mehr suchen lässt, die uns alles Vorläufige und Vorgegebene hinterfragen lässt.

Solche Hoffnung hat Paulus gehabt. Sie hat sich genährt aus dem, was er über Jesus Christus wusste. Über diesen sagt uns der erste Vers des Liedes, dass wir nun singen wollen: „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude; A und O, Anfang und Ende steht da. Gottheit und Menschheit vereinen sich beide; Schöpfer, wie kommst du uns nah!“ Und im zweiten Vers heißt es: „Jesus ist kommen, nun springen die Bande, Stricke des Todes, die reißen entzwei. Unser Durchbrecher ist nunmehr vorhanden; er, der Sohn Gottes, der machet recht frei.“

Vor- und Nachteile im Leben: Ist Gott ungerecht?

22. Januar 1978

Septuagesimae

(3. Sonntag vor der Passionszeit)

Römer 9,14-24

Ist Gott ungerecht? In der kurzen Zeit, in der ich von Berufs wegen auf Gott angesprochen werde, ist mir diese Frage in dieser oder ähnlicher Form schon oft gestellt worden. „Wenn es überhaupt einen Gott gibt, warum gibt es dann so viel Ungerechtigkeit in der Welt?“