Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Mit der zwölfteiligen Saga um die Pferdelords entsteht die faszinierende Chronologie eines Reitervolkes. Im Verlauf der Abenteuer entwickeln sich Kultur und Technik der beteiligten Völker, vom einfachen Signalspiegel hin zum optischen Präzisionsinstrument, der Dampfmaschine und, im letzten Abenteuer, sogar dem Luftschiff. Die Pferdelords begegnen bestehenden und untergegangenen Königreichen, den Elfen des Waldes und denen der See, Zwergen, Sandbarbaren, fliegenden Lederschwingen und krebsartigen Irghil, immer wieder bedroht von den Orks des schwarzen Lords und seinen gestaltwandlerischen Magiern. Die Pferdelords lassen eine faszinierende Welt entstehen und unterhalten mit Action, Spannung und Humor. Hier liegt die Reihe nun erstmals in einer vom Autor überarbeiteten und ergänzten e-Book-Ausgabe vor. Jedes Abenteuer ist in sich abgeschlossen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 849
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Michael Schenk
Die Pferdelords 01 - Der Sturm der Orks
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53 Karte „Pferdelords – Die Völker“
Kapitel 54 Detailkarte „Die Hochmark“
Kapitel 55 Personenregister
Kapitel 56 Einige Maßeinheiten und Definitionen
Kapitel 57 Vorschau "Pferdelords 2 – Die Kristallstadt der Zwerge"
Impressum neobooks
Michael H. Schenk
Die Pferdelords 1
- Der Sturm der Orks -
Fantasy-Roman
© Überarbeitete Neuauflage Michael Schenk 2020
Vorwort
Die Leserschaft der Serie „Die Pferdelords“ wird im ersten Roman eine große Nähe zu den Verfilmungen von „Der-Herr-der-Ringe“ feststellen. Dies war eine Bedingung des damaligen Verlages, meine auf zwölf Bände festgelegte Reihe überhaupt zu veröffentlichen, da man sich dadurch einen größeren Umsatz versprach. Ich stand also vor der Wahl, nicht veröffentlicht zu werden oder mich dieser Forderung zu stellen. Ich entschied mich für meine „Pferdelords“ und nahm einen raschen Genozid an ihren ursprünglich gedachten Feinden, den Walven, vor, um diese durch die Orks zu ersetzen. Man möge mir diesen Eigennutz verzeihen, doch damals war dies der einzige Weg, meine Pferdelords in den Sattel zu heben.
Die Pferdelords bieten detailreiche und spannende Abenteuer, in der die Völker mit ihrer jeweils eigenen Geschichte und Kultur zum Leben erweckt werden. Wem die tatsächlichen oder scheinbaren Wiederholungen von Beschreibungen in den Bänden auffallen, der wird feststellen, dass sie die Entwicklung der Völker und ihrer Siedlungen aufgreifen, denn bei den insgesamt zwölf Bänden handelt es sich um eine Chronologie. Im Lauf der Zeit entsteht aus dem Tauschhandel eine Währung, aus dem schlichten Signalfeuer ein kompliziertes optisches Instrument, man entdeckt das Schießpulver und die Dampfmaschine sowie schließlich sogar das Luftschiff. Man begleitet den Knaben Nedeam, der schon bald als Schwertmann und Reiter und schließlich sogar als Pferdefürst an der Seite seiner Freunde steht. Man begleitet den ehrenhaften Orkkrieger Fangschlag und auch dessen hinterlistigen Gegenspieler Einohr.
Meine Leser begegnen alten und neuen Völkern, doch selbst jenen, die man zu kennen glaubt, gewinne ich manche neue Seite ab. Der Kenner von „Der Herr der Ringe“ sollte Band 1 vielleicht als Teilantwort auf jene Frage lesen, die in der Verfilmung „Die zwei Türme“ so beiläufig zum Tragen kam: Wo blieben die Reiter der Westfold, nach denen Theodem schickte? Nimmt man meine Hochmark als Westfold, so liest man, wie ich jene Frage beantworten würde. Doch keine Sorge, aus der Anlehnung an Tolkien wird schon in Band Zwei meine vollkommen eigenständige Geschichte, auch wenn ich, wie schon erwähnt, meine Walven durch die Orks ersetzen musste.
Es erwartet Sie also eine spannende Saga um mein Pferdevolk und ihre Freunde und Feinde.
Die Pferdelords-Reihe:
Pferdelords 01 – Der Sturm der Orks
Pferdelords 02 – Die Kristallstadt der Zwerge
Pferdelords 03 – Die Barbaren des Dünenlandes
Pferdelords 04 – Das verborgene Haus der Elfen
Pferdelords 05 – Die Korsaren von Um´briel
Pferdelords 06 – Die Paladine der toten Stadt
Pferdelords 07 – Das vergangene Reich von Jalanne
Pferdelords 08 – Das Volk der Lederschwingen
Pferdelords 09 – Die Nachtläufer des Todes
Pferdelords 10 – Die Bruderschaft des Kreuzes
Pferdelords 11 – Die Schmieden von Rumak
Pferdelords 12 – Der Ritt zu den goldenen Wolken
Mein Dank gilt dem Verlag WELTBILD, der es mir ermöglichte, die von ihm lektorierten Manuskripte für die weiteren Veröffentlichungen als e-Book zu verwenden und so dazu beitrug, dass diese Serie weiterhin im Handel erhältlich ist.
Die vorliegende Neuauflage der e-Books wurde von mir überarbeitet, ohne deren Inhalte zu verändern. Begriffe wurden vereinheitlicht und die Romane durch überarbeitete oder zusätzliche Karten ergänzt.
Viel Lesevergnügen wünscht Ihnen
Michael H. Schenk
Hinweis:
Kapitel 53: Karte der Völker, der Pferdelords-Reihe
Kapitel 54: Detailkarte "Die Hochmark"
Kapitel 55: Personenregister
Kapitel 56: Einige Maße und Definitionen
Kapitel 57: Vorschau auf "Die Pferdelords 2 – Die Kristallstadt der Zwerge"
Das Haus war kaum zu entdecken, obwohl seine Erbauer sich keine Mühe
gegeben hatten, es zu verbergen. Es schien ein natürlicher Bestandteil des
riesigen Baumes zu sein, und seine Strukturen schmiegten sich förmlich
zwischen die Äste und Blätter, so als seien sie gleichsam mit diesen
verwachsen. Treppen und Gemächer folgten dem Wachstum des Stammes,
und doch boten sie alle Bequemlichkeiten, nach denen es ein
menschenähnliches Wesen verlangen mochte. Der Baum war mächtig und
sehr alt, und Gleiches galt auch für das Haus. Es war das Haus Elodarions,
und er zählte zu den Weisesten und Kraftvollsten des gesamten Elfenvolkes.
Auf den ersten Blick konnte man Elodarion für einen Mann in den besten
Jahren halten. Er war groß, von schlankem Wuchs, und seine Gesichtszüge
waren noch eben. In seinen Augen hingegen lag die Weisheit vieler erlebter
Menschenalter, und seine spitz geformten Ohren bezeugten seine
Abstammung vom elfischen Volk. Jenem Volk, welches die aufstrebende
Menschheit von Anbeginn an begleitet und den Aufstieg und Fall schon so
vieler Stämme der Menschenwesen erlebt hatte. Elodarions weißblonde Haare
fielen ihm lang und glatt über den Rücken und wurden im Nacken von einer
Spange gehalten, welche die Form einer erblühten Lilie hatte. Diese Lilie war
das Symbol seines Hauses und wiederholte sich in den feinen Mustern seines
langen Gehkleides und des blauen Umhanges, der die Schultern des
Elfenmannes verhüllte.
Elodarion war alt, selbst für die Begriffe der Unsterblichen, und er zählte
zu den begünstigten Elfen seines Volkes, denn seine Gefährtin hatte ihm vor
nunmehr fünfhundert Jahren das Glück geschenkt und ihm zwei Kinder
geboren. Kinder waren selten im Volk der Elfen, und noch dazu deren zwei
im selben Haus waren ein Segen, der nur sehr wenigen Gefährten
zuteilwurde.
Elodarion trat auf einen der kleinen Balkone seines Hauses und legte eine
Hand auf das fein geschnitzte Geländer. Die Holzkonstruktion wirkte so
zierlich, dass sie kaum in der Lage zu sein schien, einen Sturz aufzufangen,
doch sie war aus bestem Steinholz, und ihr glatter Handlauf verriet, dass er
schon oft von Händen berührt worden war. Der Elfenmann zog den blauen
Umhang enger um seine Schultern, als fröstele es ihn, obwohl ein sanfter und
warmer Wind über die kleine Waldlichtung strich, auf der sich Baum und
Haus erhoben. Elodarion blickte nach Osten, als könne er durch den Wald
und die Lande dort jenen Ort erkennen, dessen Macht er wachsen spürte. Eine
düstere Bedrohung, der das elfische Volk vor so vielen Menschenaltern und
dem Bruchteil eines elfischen Lebens schon einmal begegnet war.
Elodarion strich mit der Hand über den Handlauf des Balkons, so als wolle
er sich vergewissern, dass dieser Bestand haben und mit ihm das Haus
Elodarions unbeschadet der dunklen Macht widerstehen würde. Er spürte, wie
seine Gefährtin hinter ihn trat. »Schon einmal haben wir es gespürt«, sagte er
leise. »Das Wachsen der Dunklen Macht. Und lange haben wir ihm
zugesehen.«
»Und schon einmal wurde sie besiegt.« Seine Gefährtin trat neben ihn, und
ihre Gestalt wirkte vollendet und anmutig. Nach all den gemeinsam
verbrachten Jahren waren sie einander zutiefst verbunden, gleichsam als seien
sie ein einziges Wesen, und sie verspürten die gleiche Sorge.
»Damals waren die Stämme der Menschenwesen kraftvoll und zahlreich.
Heute gibt es deren nur noch wenige. So viele fielen zurück in die Barbarei
und entzweiten sich. Der alte Bund ist zerfallen und existiert nicht mehr. Das
Streben nach Macht und Glück erfüllt die Menschen, und in ihrer Gier danach
kennen sie kein Maß mehr.«
Sie legte ihre Hand auf die seine, und für einen Moment gaben sie sich
stumm ihrer Verbundenheit hin. »Sie haben so wenig Zeit, ein Maß zu
finden«, sagte Eolyn schließlich leise. Eolyn, Tau, der den Morgen streichelt.
Für Elodarion konnte es keinen zutreffenderen Namen für seine Gefährtin
geben.
»Das Bündnis konnte einst die Dunkle Macht bezwingen. Nun ist diese
erneut erstarkt und stärker als je zuvor. Die Macht breitet sich aus, und eines
Mondes wird sie auch die Häuser des Elfenvolkes erreichen.«
Eolyn lächelte sanft. »Unsere Häuser mögen dann schon weit jenseits der
Meere stehen.«
»Nein.« Elodarion schüttelte langsam den Kopf. »Du weißt, dass dies ein
Trugschluss ist. Eines Tages wird die Dunkle Macht selbst über die Meere
hinweg reichen. Wir müssen ihr entgegentreten. Jetzt, solange wir noch die
Kraft dazu finden und es noch Menschenwesen gibt, mit denen wir den Bund
erneuern können.«
»Werden die Menschenwesen dies auch tun? Spüren sie denn die Drohung,
die von der Dunklen Macht ausgeht, und werden sie sich ihr widersetzen oder
aber sich ihr hingeben?« Eolyn sah ihren Gefährten zweifelnd an. »Nur
gemeinsam mit den Menschenwesen werden wir der Dunklen Macht erneut
widerstehen können. Doch die meisten Stämme der Menschenwesen sind
zerfallen, und nur wenige haben sich einen Teil ihrer einstigen Macht
bewahrt.«
»Der Rat hat beschlossen, den alten Bund mit den Menschenwesen zu
erneuern.« Elodarion wies mit einer weit ausholenden Geste über den Wald.
»Die Häuser des Waldes und der See haben ihre Männer versammelt, und die
Bogenschützen des elfischen Volkes werden in den Kampf ziehen. Das
Schicksal wird zeigen, ob wir dies erneut in der Gemeinschaft eines Bundes
tun werden.« Er blickte Eolyn ernst an und umschloss ihre Hand. »Lotaras
und Leoryn sind erwählt worden, Kontakt zu den Königen der
Menschenstämme aufzunehmen und den Bund zu erneuern.«
»Lotaras und Leoryn?« Für einen Augenblick zeigte sich Sorge im Gesicht
Eolyns. »Sie währen erst fünfhundert Jahre und haben bislang noch nie
Kontakt zu den Menschenwesen gehabt.«
Elodarion lächelte. »Ich spüre deine Sorge wohl, Eolyn. Doch sie wissen,
was auch wir wissen, sind im Gegensatz zu uns aber nicht voreingenommen,
da sie die alten Könige der Menschen nicht kannten. Sie werden den neuen
Herrschern unbelastet entgegentreten. Jene Menschenwesen, die unser Volk
noch kennen, wissen um die besondere Bedeutung der Kinder für unsere
Häuser. Wenn wir unsere Kinder folglich als Botschafter zu ihnen entsenden,
werden sie diesen Umstand als besondere Ehre werten. Und habe keine Sorge.
Auf dem Weg nach Süden und später nach Osten werden sie von den
Bogenschützen unserer Häuser begleitet.«
Eolyn blickte nachdenklich nach Osten, als könne auch sie durch die
Bäume des Waldes hindurch den Ort der Gefahr erblicken, und die Luft
schien ihr plötzlich schwer und kühl.
Zunächst sah es danach aus, als habe sich einer der zahllosen Gesteinsbrocken
von den steilen Hängen des Pfades gelöst. Aus der Ferne war jedenfalls nur
das typische ungleichmäßige Grau eines großen Steines mit seinen grünen
Stellen zu erkennen, die vom Moosbewuchs herrührten. Aber als die fünf
Reiter langsam näher kamen, wurden zusätzlich auch bräunliche Flecken
sichtbar, und die Pferde spürten noch vor den Männern, dass dies kein
gewöhnlicher Felsen war. Kormunds grauer Hengst schnaubte leise, und der
stämmige Mann beugte sich ein wenig vor, um den Hals seines Tieres
beruhigend zu tätscheln. Reiter und Pferd nahmen jetzt beide den leichten
Geruch von Kupfer wahr. Den Geruch von vergossenem Blut.
»Ganz ruhig, mein Alter«, sagte Kormund leise. »Ich weiß ja, was du
meinst.«
Der kräftige Reiter hielt den Blick aufmerksam auf den zweifelhaften
Felsen und die umgebenden Hänge gerichtet und hob dann seine rechte Hand
leicht an. Er hörte das leise Pochen der Hufe, als die anderen vier Reiter
rechts und links von ihm zur Kampfformation ausschwärmten. Wobei Parem,
der noch unerfahren war, sein Pferd zu weit vortrieb, doch ein missbilligender
Blick seines benachbarten Reiters ließ ihn errötend seine Position korrigieren.
Nichts war zu hören, außer dem steten Wind, der hier über die Hänge der
Hochmark strich, und dem gelegentlichen Knarren des ledernen Sattelzeugs.
Der Wind der Hochmark ließ auch die langen grünen Umhänge der Reiter
unruhig auswehen, als seien sie eigenständige Lebewesen. Sie alle trugen die
grünen Umhänge der Pferdelords, und vor ihren rechten Schenkeln hingen die
typischen Rundschilde ihres Volkes vom Sattelknauf. Grüne Schilde mit dem
Wappen der Hochmark des Königs, einem doppelten Pferdekopf mit einem
Schmiedehammer, und diese gekreuzten Symbole wiederholten sich auch auf
den Brustharnischen der Männer. Blaue Rosshaarschweife waren an den
Kämmen ihrer runden Helme befestigt. Die Reiter trugen Lanze und Schwert
der Wache des Pferdefürsten Garodem. Schwertmänner nannte man sie, und
sie waren stolz auf diesen Ehrentitel. Von Kormunds erhobener Lanzenspitze
wehte der lange dreieckige Wimpel der Pferdelords aus und zeigte an, dass er
der Führer eines Beritts war. Der Wimpel bildete ein weißes Pferd auf grünem
Grund ab, wobei der Kopf des Tieres stets nach vorne, dem Feind entgegen,
wies, und er war rundherum mit einer schmalen dunkelblauen Borte
eingefasst. Dem dunklen Blau der Hochmark.
Kormund ließ sein Pferd im Schritt auf den vermeintlichen Felsbrocken,
der vor der Patrouille auf dem Weg lag, zugehen, und als die Gruppe näher
kam, wurde der faulige und süßliche Geruch der Verwesung, der von dem
Klumpen ausging, zunehmend für alle riechbar. Insekten begannen sich von
dem Gegenstand zu erheben, und nun wussten sie, dass hier wohl ein
menschliches Lebewesen den Tod gefunden haben musste, denn der Klumpen
vor ihnen war zu klein für ein Pferd und zu groß für ein Wolltier, aber genau
richtig für einen Menschen.
Die Gruppe hielt neben dem Toten an, und Kormund und sein Freund und
Stellvertreter Lukan schwangen sich aus den Sätteln. Sie stießen die
Lanzenenden in den Boden und gingen nebeneinander zu den menschlichen
Überresten hinüber.
»Einer der Unseren«, brummte Lukan und rümpfte wegen des Gestanks die
Nase, als er den Toten herumzog. Jetzt wurden die Konturen der Gestalt
deutlicher, ebenso wie die Verletzungen, die der Mann erlitten hatte. Auch
der vom Wind herangewehte feine Staub löste sich teilweise und entblößte
nun die Kleidung und die Wunden des Toten. Lukan zupfte an dem grünen
Umhang der Leiche. »Ein Pferdelord.«
Kormund nickte. »Einer der Unseren. Aber nicht aus der Hochmark. Habt
Ihr den Saum gesehen?«
»Natürlich.« Der Umhang war mit einem goldenen Saum eingefasst, was
ihnen zeigte, dass es sich bei dem Reiter, der vor ihnen lag, um einen Mann
aus der Mark des Königs gehandelt haben musste. Sein Gesicht war
unkenntlich. »Ich denke, er dürfte fünf oder sechs Tage hier liegen. Jedenfalls
noch keinen Zehntag.« Er sah sich um. »Kein Helm. Er hat seinen Helm
verloren. Seltsam.«
Der Helm hätte ihnen verraten können, ob der Mann direkt vom Hofe des
Königs gekommen war, denn alle Schwertmänner der königlichen Wache
trugen keine blauen, sondern helle Rosshaarschweife an ihren Helmkämmen.
Die Augen und größere Gewebeteile des Toten waren bereits von Aasfressern
und Insekten weggefressen worden. Lukan knurrte missmutig und starrte in
den halb offenen Mund der Leiche. »Die Zähne sind noch in Ordnung. Es
muss ein junger Mann gewesen sein. Was, beim Dunklen Turm, hat ein
Pferdelord des Königs hier bei uns verloren?«
»Ja, das würde mich auch interessieren.« Kormund bückte sich neben
seinem Freund und begann die Leiche zu untersuchen. »Aber zunächst
interessiert mich, was ihn getötet hat. Seht Ihr diese parallelen Risse in seiner
Kleidung? Sieht ganz nach den Krallen eines Pelzbeißers aus.«
Lukan wiegte den Kopf. »Ein Pelzbeißer? Hier bei uns? Ich weiß nicht, die
Mark liegt ziemlich hoch im Gebirge. Ein Pelzbeißer findet hier nicht viel,
was er fressen kann, und würde wohl ziemlich hungrig bleiben. Oder aber in
seinem Hunger eine der Herden anfallen und danach ein rasches Ende finden,
denn die Herdenwächter sind nicht zimperlich.«
»Vielleicht ein alter Einzelgänger, der aus den tiefen Marken zu uns
hochkam und hungrig genug war, um einen Mann anzufallen.«
Lukan grinste. »Stellt den jungen Parem auf die Probe und nicht mich,
mein alter Freund. Ihr seht selbst, dass hier nur kleine Aasfresser ihr Werk
verrichtet haben. Ein hungriger Pelzbeißer hätte sich einen ordentlichen
Happen genommen.«
Lukan sah seinen stämmigen Freund kopfschüttelnd an und zupfte dann an
den Überresten der Kleidung des Toten. Der faulige Gestank verstärkte sich
noch, als er dessen Bekleidung schließlich mit dem Dolch zerschnitt und
auseinanderzog. Unter Harnisch und Wams war der Körper bereits
aufgedunsen und sichtlich in Verwesung übergegangen. Aber die vielen tiefen
Schlitze im Leib waren dennoch gut zu erkennen. Es gab jeweils vier tiefe
Furchen, die bis zu den Organen vorgedrungen waren.
Lukan hielt eine Hand mit gespreizten Fingern über die Wunden und
nickte dann. »Sieht wirklich nach einem Pelzbeißer aus. Ein sehr großes
Exemplar. Jedenfalls sehe ich nichts, was auf Schwert, Pfeil oder Lanze
hindeutet. Nein, ich denke, es muss wohl doch ein Raubtier gewesen sein.«
»Jedenfalls werden wir nun wohl schwerlich erfahren, was der arme Kerl
bei uns wollte.« Kormund erhob sich und trat mit seinem Freund zur Seite,
um dem Gestank etwas auszuweichen. »Ein Pferdelord des Königs. Seit über
dreißig Jahren ist kein Mann des Königs mehr in der Hochmark gewesen.«
»Mit Sicherheit kam er nicht ohne Grund. Doch darüber mag sich der
Pferdefürst den Kopf zerbrechen.« Lukan stieß seinen Dolch einige Male in
den Boden, um ihn zu säubern, und steckte ihn danach wieder in die Scheide
an seinem Gürtel zurück. »Was meint Ihr, Kormund, mein Freund, soll die
Schar weiter an der Grenze entlangreiten, oder sollen wir vorzeitig nach
Eternas zurückkehren?«
»Wir suchen nach Raubzeug und Eindringlingen, Lukan. In der letzten Zeit
sind zu viele Wolltiere gerissen worden. Die Menschen in den Gehöften
und Weilern sind unruhig. Vielleicht ist es dieser Pelzbeißer, der all das
verursacht hat, und wir sind ihm nun endlich auf der Spur.«
»Fünf oder sechs Tage. Eine recht kalte Spur, alter Freund.«
Kormund zuckte die Achseln. Er sah die anderen Reiter an. »Wir sehen
uns erst einmal hier um, ob wir in der Nähe noch andere Spuren finden.
Achtet auf den Krallenabdruck eines Pelzbeißers.« Er blickte zu der Leiche
hinüber. »Und begrabt den Mann in Ehren.«
Natürlich war es Parem, der noch unerfahrene Pferdelord, dem die
undankbare Aufgabe zufiel, ein Grab vorzubereiten. Er saß mit den anderen
Männern ab und zog seinen Dolch, um am Rand des Pfades eine flache Grube
auszuheben, die man danach mit Steinen bedecken würde. Der Rest der Schar
schwärmte aus und suchte nach Spuren. Aber der Boden war hart und steinig,
sodass es nicht leicht war, etwas zu finden. Doch das waren die Männer der
Hochmark gewohnt, und sie brauchten nicht viel, um Hinweise zu finden. Ein
Stein, der umgedreht worden war und dessen mit Moos bewachsene Seite
nach oben zeigte, ein paar helle Kratzer auf den Felsen, vielleicht sogar ein
Abdruck an den wenigen weichen Stellen im Boden … Wenn es etwas gab,
würden es die erfahrenen Männer auch finden. Es war ihre Aufgabe, denn die
Wolltiere stellten den Reichtum der Hochmark dar. Die Wolltiere und das Erz, dasman hier reichlich fand. Aber Erz konnte man nicht essen, und der Verlust
von Wolltieren bedeutete eine große Gefahr. Nein, die Männer nahmen ihre
Aufgabe ernst.
Der schlaksige junge Parem, dessen rotblonde Haare unter dem Rand
seines Helmes herausschauten, hatte mittlerweile eine flache Grube fertig
ausgehoben und blickte angewidert, als ihm nun auch noch die unangenehme
Aufgabe zufiel, die Leiche dorthin zu schaffen. Kormund sah zu ihm hinüber
und verzog das Gesicht. Doch er konnte dem jungen Mann keinen ernsthaften
Vorwurf machen. Also ging er zu Parem hinüber, um ihm zu helfen.
»Ich weiß, es ist keine angenehme Pflicht«, knurrte er und packte mit an.
»Aber ein Pferdelord verdient auch im Tode eine ehrenvolle Behandlung.
Keiner der Unseren bleibt für das Raubzeug liegen. Atme stärker durch den
Mund ein, das macht es etwas leichter.«
Sie legten die Leiche in die flache Grube, und Kormund war erleichtert, als
ihnen dies auf Anhieb gelang. Er hatte schon anderes erlebt. Damals, als es
noch Kämpfe und große Schlachten gegen den Feind gegeben hatte, hatte
man für manchen Toten mehrere Handreichungen machen müssen. Sie
hüllten die Leiche notdürftig in den zerfetzten grünen Umhang mit dem
goldenen Saum der königlichen Wache ein. Der Scharführer sah Parem
zögern. »Was ist?«
»Seine Waffe«, murmelte der junge Pferdelord verwirrt. »Ich kann keine
Waffe finden. Wir müssen ihm doch seine Waffe in die Hand geben, nicht
wahr? So will es doch die Tradition.«
Kormund fluchte unterdrückt. Warum war ihm das nicht aufgefallen? Ihm
als altem Krieger und erfahrenem Pferdelord hätte dies sofort auffallen
müssen. Wo waren die Waffen des Toten? Kein Pferdelord ging ohne Waffen
durchs Leben, und kein Pferdelord ging ohne Waffen zu den Goldenen
Wolken. Wo waren die Waffen?
Kormund richtete sich auf und erhob seine Stimme. »Seine Waffen fehlen!
Lukan, wie weit kann einem Mann im Kampf ein Schwert aus der Hand
geschleudert werden?«
»Vier, vielleicht auch fünf Längen«, kam Lukans Antwort.
»Dann sucht auf zehn Längen um die Fundstelle herum«, rief Kormund.
»Seine Waffen müssen zu finden sein. Zumindest eine Waffe.«
Denn wenigstens eine Waffe mussten sie dem Toten in die Hand geben,
damit er als Pferdelord ehrenvoll zwischen den Goldenen Wolken
voranstürmen konnte. Also begannen die Männer nach dem Schwert, der
Lanze oder dem Bogen des Mannes zu suchen. Doch sie fanden nicht einmal
seinen Dolch. Nach einer Weile erfolglosen Suchens rief Kormund die
Männer zu sich zurück.
»Kein Raubtier entwendet Waffen«, knurrte Lukan grimmig. »Also muss
jemand vorbeigekommen sein und sie dem Toten abgenommen haben.«
»Und wer es auch war, dieser Jemand war kein Pferdelord, denn kein
Pferdelord würde einem Toten jemals die Waffe nehmen«, bestätigte
Kormund mit finsterem Gesicht. »Ein Dieb ist in der Hochmark. Vielleicht
ein Geächteter oder Plünderer aus den fernen Ländern.«
»Oder Orks«, wandte Parem ein.
Lukan musterte den jungen Reiter auflachend. »Orks. Seit einem
Menschenalter sind keine Orks mehr in die Marken des Königs eingedrungen.
Wer von euch, außer Kormund und mir, hat denn überhaupt schon einmal
einen Ork zu Gesicht bekommen?« Lukan spuckte aus. »Orks. Vor vielen
Jahren haben wir sie niedergeritten, und wir taten es ruhmreich. Nie wieder
werden Orks das Land der Pferdelords beschmutzen. Sie gehören ins Land
der Sage.«
»Wie die Elfen«, knurrte ein anderer Reiter.
»Das ist etwas anderes«, erwiderte Lukan. »Elfen gibt es noch.« Er zuckte
die Achseln. »Sagt man jedenfalls«, schränkte er ein. »Irgendwo in den
westlichen Landen und im Norden. Der Pferdefürst selbst hat einst einige von
ihnen am Hofe des Pferdekönigs gesehen. Nein, Elfen gibt es noch. Aber
Orks? Unsere Klingen haben sie in die Flucht geschlagen, und die Hufe
unserer Pferde haben sie in den Boden gestampft.«
»Das ist wohl wahr«, sagte Kormund leise. »Dennoch mag es noch welche
geben. Aber sie würden es nicht wagen, jemals wieder unser Land zu
betreten. Doch es gibt mehr als genug Söldner, Plünderer und Barbaren, die
auf dem Raubzug sein könnten. Hinter dem Tod des Mannes vom Hofe des
Königs scheint mir mehr zu stecken, als ich zunächst gedacht habe.« Der
Scharführer reckte sich nachdenklich. »Auch wenn es nur eine kleine
Handvoll Eindringlinge sein mag, so bilden sie doch für die abgelegenen
Gehöfte eine Gefahr. Der Pferdefürst muss davon erfahren.«
»Also kehren wir nach Eternas zurück«, stellte Lukan fest.
Kormund nickte. »Das tun wir.« Er blickte auf das unvollendete Grab.
»Zunächst erweisen wir jedoch dem Toten unsere Ehre.«
Sie traten an das offene Grab heran und blickten sich dann zögernd an. Sie
wussten, was zu tun war, doch kein Pferdelord gab gerne seine Waffe aus der
Hand. Schließlich stieß Kormund ein leises Knurren aus. Er konnte von
seinen Männern nicht erwarten, was er selbst nicht zu vollbringen bereit war.
Mit einem leisen Zischen fuhr die Klinge seines Schwertes aus der Scheide,
und er bückte sich, um die Hand des Toten um den Griff der Waffe drücken
zu können.
Lukan legte seinem Freund die Hand auf die Schulter. »Wohl getan, mein
alter Freund.«
Kormund seufzte leise. »Es gibt noch viele andere gute Klingen. Die
Hochmark ist reich an Erzen, und dieser Mann muss Ehre haben.«
Sie sprachen die rituellen Worte, zu denen sie ihre Toten in die Goldenen
Wolken entließen, und schichteten im Anschluss daran sofort mehrere Steine
über die Leiche, damit kein Raubtier sie schänden konnte. Danach standen sie
in Linie an dem einsamen Grab und schlugen ihre Waffen im Takt eines
galoppierenden Pferdes an die Rundschilde. So begleitete der symbolische
Hufschlag den Ritt des Toten zu den Goldenen Wolken.
Kormund zog seine Lanze mit dem flatternden dreieckigen Wimpel aus
dem Boden, trat an die linke Seite seines Pferdes und saß auf. Routiniert
schob er den rechten Schenkel hinter den grünen Rundschild und stellte die
Lanze in den eisernen Köcher am Steigbügel. Er wandte sich den anderen
Männern zu.
»Nach Eternas.«
Kormund ritt an, und die anderen folgten dem flatternden Wimpel. Hinter
ihnen blieb das einsame Grab zurück, das den Scharführer zunehmend
beschäftigte. Es ging etwas vor sich in der Hochmark, und dieses Etwas gefiel
ihm nicht.
Einst hatte Balwin einen großen Baum gefunden. Dieser große Baum hatte
sein Leben verloren, als Balwin den Tragebalken für die Decke seines Hauses
aus ihm gefertigt hatte, und so war aus dem großen Baum ein großes Haus
geworden. Es gab nicht viele große Bäume in der Hochmark, und in der Regel
schon gar keine, die es erlaubten, einen dicken Balken von fünf Längen aus
ihnen herauszuschälen. Die Hochmark war reich an Wolle und Erzen, sogar an üppigen Weiden, doch nicht an Bäumen. Natürlich gab es Bäume, vor
allem an der Südgrenze der Hochmark, doch diese waren meist klein und
wirkten leicht verkrüppelt, denn sie hatten um ihr Leben zu kämpfen.
Nedeam war froh, dass sein Vater ein großes Haus gebaut hatte, denn so
besaß der Zwölfjährige eine eigene Kammer. Wahrscheinlich waren auch
seine Eltern, Balwin und Meowyn, nicht unglücklich über diesen Umstand, da
die eigene Kammer des Sohnes ihnen eine gewisse Bewegungsfreiheit ließ.
Gelegentlich konnte Nedeam dies dem Knarren der Bettstatt seiner Eltern
entnehmen. Er war durchaus schon in einem Alter, in dem er wusste, warum
es Männer und Frauen zueinander zog, und gelegentlich zog es seine Eltern
ganz besonders zueinander hin. Dann stöhnten und seufzten seine Eltern recht
stark, weshalb Nedeam davon ausging, dass beide Schmerzen leiden mussten.
Erblickte er sie dann aber am nächsten Morgen, schienen sie beide
gleichermaßen ein eigenartiges Lächeln im Gesicht zu tragen, und Nedeam
fragte sich, was das wohl für Schmerzen sein mussten, die auch Freude
bereiteten und glücklich machten. Er selbst hatte sich vor einem Jahr einmal
mit dem Hammer auf die Hand geschlagen und dabei trotz der Schmerzen
keinerlei Freude empfunden.
Nedeam hatte nicht gut geschlafen. Nicht nur wegen des Knarrens, sondern
weil er aufgeregt war, denn heute sollte ein besonderer Tag für ihn werden,
das hatte ihm sein Vater angekündigt. So war Nedeam schon in aller Frühe
aufgestanden und hatte sich an den Tisch gesetzt, der im Wohnraum stand.
Der Tisch war alt, und seine massive Platte mit den zahllosen Kratzern
bewies, dass er der Familie seit Langem diente. Eine Scharte war besonders
tief und lang und rührte daher, dass sein Vater einmal mit seinem Schwert in
den Tisch gehauen hatte. Das Schwert war ebenso massiv wie sein Träger
Balwin und Balwin zudem mit einem außergewöhnlichen Temperament
gesegnet. Aber der Tisch hatte gehalten, so wie auch Nedeams Mutter
Meowyn wohlweislich ihren Mund gehalten hatte.
Der große Wohnraum war behaglich eingerichtet. Neben dem großen
Tisch und der Bank standen hier noch drei Schemel aus gutem Holz. Auf dem
gestampften Boden lagen sorgfältig behauene Steinplatten, die im Winter
zwar kalt sein mochten, dafür aber verhinderten, dass sich Nager ihren Weg
durch den Boden zu den Vorräten gruben. Der Boden war im Winter
tatsächlich kühl, aber man gewöhnte sich daran. An einer Wand stand die in
der Hochmark übliche große eisenbeschlagene Familientruhe, in der jede
Familie ihre wertvollen Besitztümer aufbewahrte. In Balwins Fall waren dies
seine Waffen. Nur sein mächtiger Rundschild lehnte neben der Tür an der
Wand, und sein Schwert lag nachts griffbereit in der Kammer, direkt neben
seiner Bettstatt.
In der gemauerten Kochstelle mit der eisernen Abdeckung glimmten noch
die Reste des letzten Feuers, und der Junge ging hinüber und blies prüfend in
die Glut. Sie war noch stark genug, und so legte er schnell einen getrockneten
Dungfladen nach. Wo Holz knapp war, gewöhnte man sich rasch an den
Geruch getrockneten Dungs. Sein verstorbener Großvater Windemir hatte
Nedeam einmal erzählt, wie er sich mit einem Pferdelord aus einer anderen
Mark geschlagen hatte, da dieser behauptet hatte, dass man die Männer der
Hochmark schon an ihrem Geruch erkennen könne. Der aufgelegte Dung fing
erst zu knistern und dann ein wenig zu rauchen an, als die Restfeuchtigkeit
verdampfte, bis er schließlich sanft flackernd zu brennen begann.
Man verschwendete nichts in der Hochmark. Getrockneter Dung wurde
niemals knapp, und das reichlich vorhandene Moos war nicht nur ein gutes
Heilmittel, sondern in getrocknetem Zustand auch ein guter Zunder.
Nedeam ging fröstelnd zur Tür und nahm seinen Umhang vom Haken. Ein
wenig neidisch blickte er dabei auf den grünen Umhang des Vaters, der sich
so sehr von seinem eigenen braunen unterschied. Der Umhang war aus
schwerer grüner Wolle und knöchellang. Sein Saum war mit feinen
Stickereien von dunkelblauer Farbe eingefasst, die verschlungene Muster
zeigten. Der Großvater hatte einmal behauptet, diese Muster seien elfischen
Ursprungs und würden noch aus der Zeit des alten Bundes stammen. Am Hals
wurde der Umhang durch eine Spange geschlossen, die zwei einander
abgewandte Pferdeköpfe zeigte. Diese Pferdeköpfe waren das Symbol des
Volkes der Pferdelords, und der Umhang versinnbildlichte somit all die
Traditionen, für die sein Träger einstand. Doch irgendwann würde auch
Nedeam den Umhang eines Pferdelords tragen dürfen. Reiten konnte er
bereits, wie fast alle in der Hochmark, aber er durfte noch keine Waffen
tragen. Der Dolch, den jeder in der Mark trug, diente ihm lediglich als
Besteck, als Werkzeug und zur Körperpflege. Und nur wenn Nedeam die
kleine Herde hütete, durfte er einen Bogen mit sich führen. Balwin hatte ihm
beigebracht, wie man einen Pfeil ins Ziel brachte, und schließlich sogar
zugeben müssen, dass sein Sohn ein ausgesprochenes Geschick darin besaß,
mit dem Bogen umzugehen. Doch bis Balwin ihn auch im Umgang mit
Schwert oder Axt unterweisen würde, würden noch Jahre vergehen.
Nedeam verspürte ein drängendes Bedürfnis und hob den schweren Riegel
der Tür aus seiner Verankerung. Kalte Luft strömte ihm entgegen, als er sie
öffnete und vor das Haus trat. Das Haus war massiv, wie alle Gebäude in der
Hochmark. Es war niedrig und lang gestreckt, um genügend Raum zu bieten
und zugleich den Stürmen des Winters zu trotzen. Der Mangel an Bauholz
hatte dazu geführt, die Bauten aus Stein und Fels zu errichten, denn auch
daran war die Hochmark reich. Aber die Männer und Frauen hatten aus der
Not eine Tugend entwickelt. Die Steine wurden nicht einfach grob
zusammengefügt, sondern kunstvoll bearbeitet und mit Verzierungen
versehen, die oftmals Motive aus der jeweiligen Familiengeschichte zeigten.
So zeigte Balwins Haus im Türsturz das Bild eines Mannes über einem
getöteten Pelzbeißer. Nedeams Großvater Windemir hatte den pelzigen
Räuber einst mit einem Dolch getötet, und die ganze Familie war stolz darauf,
denn es gab nicht viele, die sich rühmen konnten, ein solches Untier jemals
mit blanker Klinge besiegt zu haben.
Die Tür selbst war aus massiven Bohlen und mit starken Eisenbeschlägen
versehen, die ebenfalls kunstvoll geschmiedet waren. Neben der Tür befanden
sich eiserne Ringe, die in die Hauswand eingelassen waren und es einem
Reiter erlaubten, die Zügel seines Pferdes daran zu befestigen, auch wenn das
Pferd eines richtigen Pferdelords eine solche Vorrichtung gar nicht brauchte,
denn es war darauf trainiert, sich niemals weit von seinem Herrn zu entfernen.
Einige Längen vor dem Haus stand die Tränke, und Nedeam sah eine dünne
Eisschicht auf dem Wasser.
Er schüttelte sich fröstelnd und sah zu dem kleinen Verschlag hinüber, der
ein Stück neben dem Haus stand. In ihm konnte man sich erleichtern, ohne
das Haus im Sommer mit unangenehmen Gerüchen zu erfüllen. Nedeam trat
an den Verschlag heran und schob das Fell am Eingang zur Seite und ließ es
rasch wieder hinter sich zuschlagen. Er mochte die Kälte des frühen Morgens
nicht, vor allem, wenn er sein Gesäß entblößen musste. Der Knabe
vergewisserte sich, dass die gewaschenen Wolltücher bereitlagen, und
widmete sich dann seiner Verrichtung. Sorgsam reinigte er sich, wusch die
Wolltücher in dem bereitgestellten Wassereimer aus und nahm ein weiteres
Tuch, um sein Gesäß zu trocknen. Anschließend reinigte er seine Hände in
einem zweiten Eimer. Seine Mutter legte größten Wert auf diese Reinlichkeit,
obwohl Nedeam sich manchmal dachte, dass seine Hose genauso gut dazu
geeignet war, sich an ihr die Hände zu trocknen. Aber Meowyn war da stur
wie ein rossiger Hengst.
Nedeam verließ den Verschlag und kehrte zum Haus zurück. Noch immer
frierend, schlang er sich seinen braunen Umhang um die Schultern und setzte
sich wieder an den Tisch. Das Licht war trübe, denn die Fettlampe war über
Nacht ausgegangen, und obwohl es draußen bereits hell wurde, ließ das
Fenster nicht viel Licht herein. Balwin hatte dessen hölzernen Rahmen mit
dem Darm eines Wolltieres bespannt und Meowyn hielt ihn regelmäßig sauber,
aber die transparente Haut filterte das Licht trotzdem immer trübe. Nedeam
klopfte unruhig mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte. Heute würde ihm
sein Vater erstmals eine große Verantwortung übertragen. Er würde nach
Eternas reiten und dort die Stadt und die Burg des Pferdefürsten Garodem
sehen, ohne dass seine Eltern ihn mit Argusaugen beobachten konnten.
Der Zwölfjährige hörte ein vernehmliches Gähnen und Schnauben, einen
leisen Fluch, als etwas hörbar gegen die Bettstatt der Eltern stieß, und
schließlich das leise Murmeln seiner Eltern. Kurz darauf wurde das dicke
Wolltierfell zurückgeschlagen, und Balwin trat aus der Schlafkammer in den
Wohnraum. Er runzelte die Stirn, als er seinen Sohn am Tisch sitzen sah, und
grinste dann.
»Eternas ruft, was, mein Sohn?« Balwin lachte gutmütig und blickte zur
Feuerstelle. Er sah den frischen Dungfladen brennen und nickte zufrieden.
»Nun, du solltest dich stärken. Du wirst drei Tage lang fort sein, wenn alles
glatt verläuft.« Balwin erhob seine Stimme. »Meowyn, Weib, erhebe dich.«
So grob und starkknochig sein Vater Balwin wirkte, so zart und zierlich
war Meowyns Gestalt, die kaum zu der ihres Mannes zu passen schien.
Mechanisch glättete sie ihre langen blonden Haare mit ihrem Hornkamm,
während sie das Wolltierfell zur Seite drückte und ihren Kopf in den Raum
schob. »Ja, mein Gebieter«, sagte sie mit leiser Stimme und zwinkerte
Nedeam dabei fröhlich zu.
»Ihr habt wieder geknarrzt«, entschlüpfte es Nedeam.
Meowyn errötete ein wenig, und Balwin sah seinen Sohn stirnrunzelnd an.
Er drohte ihm grinsend mit dem Finger und sah dann seine Frau an.
»Verdammtes Weib. Ich habe dir schon so oft gesagt, dass du dabei nicht
einen solchen Lärm machen sollst.«
»Binde die Bettstatt neu«, erwiderte Meowyn spöttisch. »Oder leichtere
dich.«
»Ich brauche meine Muskeln«, knurrte Balwin mit gespielter Empörung.
»Und eil dich endlich, unserem Jungen etwas Ordentliches aufzutischen. Er
muss heute die Arbeit eines Mannes verrichten und nach Eternas reiten.«
Balwin nahm sich den eisernen Eimer und ging damit zur Tür. »Am besten
wirst du dir nach dem Frühstück Stirnfleck satteln. Er ist ein gutes Pferd, stark
und ausdauernd.«
Nedeam nickte stumm und sah zu, wie sein Vater das Haus verließ, um
Wasser aus dem nahe liegenden Bachlauf holen zu gehen. Meowyn trug noch
immer ein Lächeln ob der vergangenen Nacht in den Augen, als sie den
Kessel auf die Feuerstelle stellte und Brot aus der verzierten Vorratstruhe
nahm, die Nedeam einst auch als Wiege gedient hatte. Im Gegensatz zu
Balwin führte sie eine sanfte Stimme, und Nedeam war sich keineswegs
sicher, wer von seinen Eltern wirklich im Haus gebot. Balwin liebte es, seine
Stimme zu erheben, aber wenn Meowyn ihn anlächelte, beruhigte sich sein
Wesen seltsamerweise sofort.
»Wir werden Salz brauchen«, sagte seine Mutter, während sie das
Frühstück vorbereitete. »Dein Vater wird dir dafür zum Handeln ein paar
Felle und Wolle mitgeben.« Sie lächelte ihren Sohn an. »Vielleicht fällt sogar
etwas Süßwurzel für dich ab.«
Nedeam grinste erfreut. Er liebte Süßwurzeln. Man musste sie zwar
ordentlich kauen, bis sie ihren Saft endlich freigaben, aber danach waren sie
ein köstlicher, wenn auch seltener Genuss. Balwin brachte das Wasser herein
und setzte sich dann zu Nedeam an den Tisch. Er beugte sich ein wenig zu
ihm vor und senkte dabei seine Stimme, damit Meowyn nicht alle seine Worte
verstehen konnte. Was schwer war, denn Nedeam wusste, wie gut seine
Mutter hören konnte. Vor allem jene Dinge, die sie eigentlich nicht hören
sollte.
»Hör zu, mein Sohn, das mit dem Knarrzen … Halte es für dich. Es macht
deine Mutter verlegen, wenn du darüber sprichst.« Balwin bemerkte den
Blick seiner Frau und errötete ein wenig. Verlegen zupfte er an seinem
dunklen Vollbart. »Nun, wie auch immer.« Er räusperte sich. »Du wirst an
meiner Stelle zum Eisenschmied nach Eternas reiten und dort ein neues
Messer für die Wolltierschur besorgen. Guntram ist ein alter Gauner. Er wird
versuchen, dich übers Ohr zu hauen. Aber gib ihm keinesfalls mehr als ein
Fell. Der alte Gauner hat mehr als genug Eisen, und die Arbeit tut ihm nur
gut. Und achte darauf, dass die Klinge des Messers gut geschärft ist.«
»Natürlich, Vater«, sagte Nedeam ernsthaft. »Ich werde darauf achten. Soll
ich auch die alte Schurklinge mitnehmen, damit sie nachgeschmiedet werden
kann?«
Balwin nickte. »Das ist eine gute Idee. Ich schärfe sie zwar regelmäßig,
aber langsam wird sie dünn und schartig. Es wäre tatsächlich besser, wenn
Guntram ihre Schneide neu schlagen würde.« Balwin schlug seinem Sohn
freundlich auf die Schulter, und der Schlag durchfuhr den schmächtigen
Jungen. »Du denkst richtig, Nedeam, und das ist gut so. Denn irgendwann
wirst du ein eigenes Haus gründen, und dazu musst du wissen, wie ein
Herdenhüter denkt.«
»Das hat wohl noch ein wenig Zeit«, wandte Meowyn ein und brachte
Brot, Schmalz und Wolltierkäse zum Tisch.
»Hast recht, Meowyn«, sagte Balwin auflachend. »Pferde mag er schon
besteigen. Das andere hat noch Zeit.« Er lachte, bis seine Frau sich räusperte.
Nedeam spürte, dass da noch etwas anderes im Raum stand, das für ihn
wohl noch ein Geheimnis bleiben sollte, aber er konnte sich schon denken,
dass dies mit dem Knarrzen zu tun hatte, und er lächelte verstohlen. Nedeam
nahm die flachen Schüsseln entgegen und verteilte sie, während sein Vater
große Stücke vom Brot brach.
»Zwei tote Wolltiere bei uns und eines bei Halfar, das gefällt mir nicht«,
brummte Balwin und biss in Brot und Käse. Seine Stimme wurde ein wenig
undeutlich, als er fortfuhr. »Gelegentlich findet eine Raubkralle ihren Weg zu
uns, oder ein Wolltier verendet. Damit müssen wir leben. Aber hier geht es um
drei Wolltiere in einem Zehntag.« Balwin schluckte und nahm einen Becher Wasser zum Nachspülen. »Bald ist Lammzeit, da sind die Herden besonders
schutzlos.«
Meowyn sah ihn ernst an. »Du willst Ausschau halten, nicht wahr? Dich
hat das Jagdfieber gepackt, ich kenne doch diesen Blick bei dir.«
Balwin wischte sich den Mund. »Wir können kein Raubzeug zwischen den
Herden gebrauchen, das weißt du, Meowyn. Und Halfar kann sich nicht
darum kümmern. Seine Frau bekommt bald ihr Kind, und seine Tochter ist
noch zu klein, um die Herde zu hüten.«
Meowyn lächelte. »Also werde ich unsere Herde hüten, und mein großer
und stattlicher Mann wird auf die Jagd gehen.«
»Du denkst wie eine richtige Herdenhüterin«, brummte Balwin. »Wenn da
draußen wirklich eine Raubkralle ist, dann werde ich sie finden und erlegen.«
Nedeam dachte an die tote Raubkralle, die er im Vorjahr gesehen hatte, als
ein Beritt des Pferdefürsten vorbeigekommen war. Es war ein schlankes und
schönes Tier gewesen, etwa groß wie ein Wolltier, doch mit tödlichen Krallen und einem mörderischen Gebiss mit langen Reißzähnen ausgestattet. Es hatte
ein goldgelbes und unglaublich weiches Fell besessen. Schon eine einzelne
Raubkralle war nicht zu unterschätzen, doch meist lebten und jagten sie in
einem Rudel von drei oder vier Tieren.
Balwin spürte die Besorgnis der anderen und lächelte aufmunternd. »Ich
habe einen guten Bogen und scharfe Pfeile. Außerdem einen starken Arm und
eine scharfe Klinge. Es wird schon gut gehen.«
»Jedenfalls solltest du nicht allein gehen«, sagte Meowyn besorgt. »Wenn
es mehrere sind, wirst du rasch in Bedrängnis kommen. Du weißt, dass sie
angreifen, wenn sie sich bedroht fühlen oder hungrig sind.«
Nedeams Vater zuckte die Schultern und strich sich durch den dichten
Bart. »Keine Sorge, Weib, ich werde auf mich achten.« Er sah sie an und
nickte dann. »Das werde ich wirklich.« Plötzlich lachte Balwin dröhnend auf
und schlug vergnügt mit der Faust auf den Tisch. »Was rede ich da von
Raubkrallen, wo doch heute noch etwas viel Gefährlicheres geschieht? Unser
Sohn geht allein in die Stadt, das nenne ich Gefahr.« Er schlug Nedeam
erneut auf die Schulter. »Ah, er wird stumpfe Klingen zu überteuerten Preisen
kaufen«, knurrte er und zwinkerte Nedeam dabei zu. »Er wird nur auf Unsinn
achten und statt guter Messer wertlose Süßwurzeln erstehen, nicht wahr?«
Nedeam sah das besorgte Gesicht seiner Mutter und nickte mechanisch.
Für einen Moment aßen sie schweigend, bis Balwin seine Schüssel von
sich schob und Meowyn auffordernd ansah. »Ich denke, es ist an der Zeit.
Nedeam, du gehst Stirnfleck satteln, das ist deine Aufgabe, deine Mutter wird
dir währenddessen etwas Ordentliches zu essen einpacken.« Und zu Meowyn
gewandt: »Gib ihm etwas von dem getrockneten Pferdefleisch mit, es ist
haltbar und nahrhaft. Ich werde inzwischen die Felle und die Wolle holen.«
»Und die alte Klinge«, erinnerte ihn Nedeam.
Balwin nickte. »Und die alte Klinge, junger Herdenhüter.«
Nedeam folgte ihm nach draußen, während Meowyn den Reiseproviant
packte: Brot, Wolltierkäse und getrocknetes und leicht gesalzenes
Pferdefleisch. Im Land der Pferdelords gehörte Pferdefleisch zu den
Grundnahrungsmitteln, aber kein Pferdelord verzehrte jemals das Fleisch des
eigenen Pferdes. Verstarb ein Tier, so schenkte man das Fleisch dem
Nachbarn.
Ein Stück vom Haus entfernt befand sich die kleine Koppel, in der die
Pferde der Familie standen und in deren einer Ecke ein offenes Mauergeviert
errichtet worden war, das mit Grassoden und Steinen abgedeckt war. Wurde
die Witterung im Winter zu stürmisch oder aber setzten die schweren
Regenstürme ein, die gelegentlich mit Eiskörnern versetzt waren, zogen sich
die Pferde dorthin zurück. Selbst die Tiere in den Tälern suchten dann Schutz
zwischen den Felsen. Doch die Pferde der Hochmark waren bekannt dafür,
dass sie ungewöhnlich zäh und robust waren. Und sie waren Kämpfer, denn
die Männer der Hochmark trainierten ihre Reittiere für den Kampf. Ihr Huf
und ihr Gebiss konnten ebenso tödlich sein wie Pfeil, Lanze oder die blanke
Klinge.
Nedeam trat in die Koppel, sprach mit den Pferden, die ihn freudig
begrüßten und ihre Köpfe an ihm rieben. Doch an diesem Tag interessierte
ihn nur ein einziges Pferd: Stirnfleck. Der große braune Hengst hatte einen
lang gezogenen weißen Fleck an seiner Stirn und war das stärkste ihrer
Reittiere. Normalerweise wurde er nur von Balwin geritten, und so war dieser
Tag für Nedeam in doppelter Hinsicht außergewöhnlich, würde er doch nicht
nur allein nach Eternas reiten, sondern auch noch auf dem Hengst seines
Vaters. Der Hengst tänzelte aufgeregt, als er begriff, dass er nun bald aus der
beengenden Koppel herauskommen würde. Stirnfleck liebte lange Ausritte,
und als ihm Nedeam Satteldecke und Sattel auflegte, verharrte der Hengst
bereitwillig. Nedeam zog den Sattelgurt straff und sah dabei wehmütig auf
den leeren Lanzenschuh am rechten Steigbügel und die leere Halterung für
den Schildriemen. Noch vier lange Jahre würde es dauern, bis er endlich als
Kämpfer geschult werden und den Umhang des Pferdelords erhalten würde.
Vier Jahreswenden!
Nedeam seufzte leise und legte Stirnfleck das Zaumzeug an. Der Hengst
schnaubte leise, als er die großen Tragetaschen über die Kruppe aufgelegt
bekam, denn er mochte die Beengung durch diese Lastbehälter nicht. Zuletzt
befestigte Nedeam die großen Ledertaschen noch am Riemen des Sattels,
sodass sie nicht verrutschen konnten. Dann nahm er Stirnfleck am Zügel und
führte ihn aus der Koppel.
Balwin trat gerade aus dem kleinen Anbau des Hauses und trug gegerbte
Häute und Felle sowie Nedeams Jagdbogen über dem Arm. Sorgfältig schob
er Felle und Häute in die Tragetaschen und band den Bogen zusammen mit
einem Pfeilköcher am Sattel fest. »Biete dem Eisenschmied erst die zweite
Wahl an«, sagte Balwin. »Seine Augen sind nicht mehr besonders, und er
wird ohnehin versuchen, dich zu übervorteilen. Achte auf rostige Stellen an
den Klingen, die er dir bietet. Kratze den Rost sorgfältig ab. Manche sagen,
Guntram biete Klingen an, die beschädigt seien, und überdecke die
Bruchstellen mit Schmutz.« Balwin lächelte. »Ich glaube nicht, dass Guntram
wirklich solch ein Gauner ist, aber er ist immerhin Eisenschmied und ein
elender Feilscher.«
Balwin sah Meowyn mit dem Proviantsack aus dem Haus treten. »Und lass
deiner Mutter etwas von der Süßwurzel übrig, mein Sohn. Das wird sie
freuen.«
Meowyn reichte Nedeam den Proviant, und dieser schwang sich in den
Sattel. Mechanisch schob er den Jagdbogen in die richtige Position und
prüfte, ob die Pfeile richtig im Köcher saßen. Sie durften sich beim Ritt nicht
lösen, mussten aber jederzeit griffbereit sein.
»Wahre die richtige Form, Nedeam«, ermahnte sie ihn. »Das Du ist nur in
der Familie erlaubt, jedem anderen gebührt die höfliche Anrede. Achte stets
darauf, guter Herr oder gute Frau zu sagen, damit man dich nicht für
ungehobelt hält.«
»Ich weiß, Mutter«, versicherte Nedeam.
»Sollte dir der Heiler begegnen, so nenne ihn Hoher Herr.«
»Was auch für den Ersten Schwertmann gilt«, warf Balwin lächelnd ein.
»Ach,
Meowyn, Weib, er weiß doch wohl, wie er sich zu benehmen hat.«
»Ja, das tue ich«, bestätigte Nedeam und reckte sich im Sattel.
Balwin grinste beifällig. »Schneller Ritt und scharfer Tod.«
Nedeam sah seinen Vater zustimmend an, doch Meowyn legte ihre Hand
auf Balwins Arm. »Noch ist dein Sohn kein Pferdelord, Balwin.« Sie sah
Nedeam aufmunternd an. »Auch wenn er jetzt fast schon so aussieht.«
Der Zwölfjährige reckte sich stolz und strahlte glücklich. In diesem
Augenblick war es ihm gleichgültig, dass die Farbe seines Umhangs noch
Braun war und nicht das Grün der Pferdelords aufwies. So verabschiedete er
sich von seinen Eltern, zog Stirnfleck herum und trabte von dem kleinen
Gehöft in Richtung auf die große Stadt Eternas und seinem Abenteuer
entgegen.
Balwin legte den Arm um seine Frau Meowyn und zog sie zärtlich an sich.
»Keine Sorge, Weib. Er reitet ins Innere der Mark. Dort ist er sicher.«
Meowyn seufzte leise. »Die toten Wolltiere beunruhigen dich mehr, als du
eingestehst.«
Balwin erwiderte nichts. Aber das brauchte er auch nicht.
Die Sonne stand hoch am Himmel, und die Felsen warfen das Licht seltsam
gleißend zurück, sodass es unangenehm rasch blendete. Trotzdem war es
nicht heiß, denn der stete Wind der Hochmark brachte eine Linderung, die
Kormund als angenehm empfand. Sie ritten über einen der zahlreichen Pässe
der Hochmark in die Ebene von Eternas ein, und das Bild der Landschaft
verwandelte sich vor ihren Augen in ein saftiges Grün. Die Ebene, die in der
Mitte von einem Gebirgsfluss geteilt wurde, zog sich zwischen steil
aufragenden Bergen entlang, und wer die Fruchtbarkeit ihrer Weiden sah,
erkannte rasch, warum es sich hier gut leben ließ. Obwohl die Wolltierherden
die Weiden rasch abgrasten, wuchs ihr Gras schnell genug nach. Außerdem
war nahezu die gesamte Ebene von einem dichten Ring seltener
Gebirgswälder umgeben, die unter dem strengen Schutz des Pferdefürsten
Garodem standen. Um die Stadt selbst zog sich ein leuchtend gelber Gürtel
aus Getreidefeldern, deren Ernte kurz bevorstand. Man sah zahlreiche Männer
und Frauen, die sich zwischen den hoch aufragenden Halmen bewegten. Die
Ähren standen voll, und es würde wieder eine gute Ernte geben, denn der
Boden Eternas’ war fruchtbar.
Eternas war eine offene Stadt ohne Befestigungsanlagen, denn noch nie
hatte sich ein ernsthafter Feind bis hierher vorgewagt, und die Häuser der
Stadt wirkten durch ihre zwei- und dreigeschossige Bauweise und ihre
zahlreichen Schrägen und Winkel nahezu verspielt. An fast jedem Dachgiebel
waren die gekreuzten Pferdeköpfe, das Symbol des Landes der Pferdelords,
ausgearbeitet, und oft waren diese Verzierungen aus blankem Metall
geschmiedet. Der Reichtum der Hochmark zeigte sich in seinem
verschwenderisch wirkenden Umgang mit Metallen, und viele der Türen und
der Fensterrahmen waren aus geschmiedetem Eisen. Holz hingegen war
seltener zu sehen, und je mehr des kostbaren Rohstoffes an einem Haus
verarbeitet war, desto höher war die gesellschaftliche Stellung seines
Bewohners einzuschätzen. Ja, Stein und Metall dominierten das Bild von
Eternas, aber dennoch wirkte die Stadt nicht kalt. Pflanzen und Blumen
zierten fast jedes Haus, und die Freundlichkeit der Bewohner tat ein Übriges.
»Reitet langsam und blickt immer freundlich«, ermahnte Kormund seine
Männer. »Es gibt keinen Grund, die Leute zu beunruhigen.«
Er führte seine Schar die Hauptstraße entlang und wirkte dabei
vollkommen entspannt. Der Scharführer achtete darauf, dass sein grüner
Umhang die leere Scheide seines Schwertes verdeckte. Denn nachdem sich
kein Pferdelord jemals ohne triftigen Grund von seiner Klinge trennte, würde
es Fragen geben, sobald jemand die leere Lederhülle zu sehen bekäme.
Niemand sah ihm seine sorgenvollen Gedanken an, die immer mehr
zunahmen, je näher sie der Burg Eternas kamen, welche sich hinter der Stadt
erhob. Kormund kannte die Stadt des Pferdekönigs, deren überwiegend
hölzerne Bauten sich auf einem kegelförmigen Berg in einer ganz ähnlichen
Ebene erhoben, und er hatte auch dessen Fluchtburg gesehen, die in die
gewaltige Spalte eines steilen Berges hineingebaut worden war. Aber die
Burg Eternas war anders.
Massiv und aus kantigen Felsquadern errichtet, ragte sie in stumpfem Grau
am Ende der Stadt auf. Ihre hohen und mit Zinnen bewehrten Mauern wurden
nur noch von den beiden Ecktürmen und dem Hauptturm überragt. Und selbst
von der unteren Stadt aus konnte man die schlanke Nadel aufragen sehen, an
deren Spitze sich das Signalfeuer befand. Ein Feuer, das nur im Falle der
Gefahr entzündet wurde. Es gab eine ganze Kette ähnlicher Feuer, die bis
zum fernen Königshaus der Pferdelords führte. Und Kormund wusste, dass
die Kette sogar noch weiter, bis zur weißen Stadt der alten Könige reichte.
Er war stolz auf seine Männer, die sich ihre Sorge ebenfalls nicht
anmerken ließen, lediglich der junge Parem wirkte nervös. Doch das mochte
ein unbefangener Beobachter durchaus auch darauf zurückführen, dass sein
Interesse schon auf die jungen Frauen im bindungsfähigen Alter gerichtet
war. Die Schar ritt nun durch das Handwerkerviertel, und zahlreiche
geschmiedete oder gegossene Wappen zeugten von der Kunstfertigkeit der
hier Ansässigen. Kormund sah den alten Guntram vor seine Schmiede treten.
Obwohl schon etwas gebeugt, war der alte Mann noch immer muskulös, und
die Narben an seinem nackten Oberkörper bewiesen, dass er ein altgedienter
und bewährter Pferdelord war. Nur seine Augen versagten ihm zunehmend
den Dienst, was er gerne durch seine spitze Zunge wettmachte. Er galt zudem
als streitsüchtig, aber seine Arbeiten waren noch immer die besten.
Als Kormund dem alten Schmied zunickte, grinste dieser breit und zeigte
einen fast zahnlosen Mund. »Nun, Scharführer, habt Ihr nicht ein paar
stumpfe Klingen, die es zu schärfen gilt? Etwas Zerbrochenes, das ich
schmelzen und neu schmieden kann?« Der Schmied ging neben Kormund her.
»Die Eisen eurer Pferde scheinen zu klappern. Sicher sind sie lose und
müssten neu befestigt werden. Am besten überlasst Ihr mir die wertlosen
alten, guter Herr Scharführer, und nehmt dafür ein paar wundervoll
geschmiedete neue Eisen.«
»Unsere Eisen und Klingen sind noch scharf, guter Herr Guntram«,
erwiderte Kormund und lächelte auf den alten Schmied herab. »Doch bald
steht die Wolltierschur an, da werdet Ihr wohl genug zu tun bekommen.«
»Schurklingen und Messer«, seufzte Guntram. »Das ist kein Handwerk für
einen rechten Schmied. Ein gutes Schwert, das allein ist wahre
Schmiedekunst. Hart muss es sein und doch elastisch.« Er seufzte erneut.
»Doch wer braucht schon wahre Handwerkskunst, wenn kein Blut mehr
fließt.« Guntram sah die Männer der Schar an. »Fast fünfzig Jahreswenden
Frieden und dreißig Jahreswenden ohne Feldzug für den König. Ihr jungen
Männer werdet euer Handwerk nicht mehr beherrschen, wenn es einst
gefordert wird.« Guntram grinste Kormund zahnlos an. »Zu meiner Zeit,
Scharführer, da haben wir Orks gejagt. Und Barbaren. Da sind wir mit der
scharfen Klinge mitten in den Feind hineingaloppiert. Da haben wir dunkles
Blut vergossen.«
»Ja, ich weiß«, sagte Kormund gutmütig. »Ihr wart ein rechter Pferdelord.
Doch seid froh, dass die Dunkle Bedrohung nicht mehr existiert und unsere
Frauen und Kinder in Freiheit leben können.«
Guntram machte eine wegwerfende Geste. »Bah. Schurklingen und
Messer. Das ist kein rechtes Handwerk.«
Kormund lachte leise auf, trieb dann sein Pferd an, und seine Schar folgte
ihm. Sie ritten an den Häusern der Gerber vorbei, in denen Männer und
Frauen Häute und Felle säuberten und danach weich machten. Es stank nach
Urin, denn dieser war noch immer das beste Gerbmittel, und es gab Spötter,
die behaupteten, die Gerber tränken nur deshalb so viel Wein, damit sie
besseres Leder produzieren könnten. Kormund war erleichtert, als sie endlich
aus dem Gestank der Häuser herauskamen und die freie Ebene zwischen der
Stadt und der Burg Eternas überqueren konnten. Der Weg war breit und seine
Fahrspuren mit geebneten Steinen ausgelegt, damit die Wagen auch bei
schlechtem Wetter ihre Waren bequem und sicher transportieren konnten. Er
führte zwischen zwei erntereifen Feldern hindurch. Während die Hufe der
Pferde über die Steine pochten, musste Kormund erneut an den alten Schmied
denken. Der hatte vor Jahren einmal behauptet, der Weg sei nur gepflastert,
damit die betrunkene Wache des Pferdefürsten auch den Heimweg fände. Das
hatte dem muskulösen Schmied ein sehr persönliches Gespräch mit dem
Ersten Schwertmann des Pferdefürsten und zwei fehlende Schneidezähne
eingebracht. Doch seine Zunge war noch immer scharf. So scharf, dass
mancher Pferdelord gelegentlich seine Klinge gerne daran erprobt hätte.
Das große Tor der Burg Eternas stand offen, und das gewaltige
schmiedeeiserne Fallgitter war hochgezogen. Keine Wachen standen bereit,
um ihnen den Zutritt zu verwehren, nur über dem Tor winkte ein
Schwertmann der Wache freundlich zu ihnen herunter, als Kormund seine
kleine Gruppe auf den Innenhof führte. Erst wenn es dunkelte, würden mehr
Wachen aufziehen. Es gab keine Bedrohung der Burg, und die Wachen übten
ihre Kriegsfertigkeiten lediglich, indem sie lästige Schnellläufer, Nager und
Raubtiere verjagten.
Es gab zwei Burghöfe. Den vorderen, in dem sie sich nun befanden, und
einen zweiten, der durch eine Zwischenmauer vom hinteren Hof abgeteilt
war. Der vordere Innenhof wurde an drei Seiten von festen Wehrmauern
umschlossen. Diese waren nicht besonders hoch, doch sehr massiv, und ihre
Mauerkrone war breit genug, um mehreren Reihen von Männern auf ihr Platz
zu gewähren. Die der Stadt zugewandte Südmauer wies in der Mitte den
mächtigen Rundbogen des Haupttores auf und wurde an ihren Eckpunkten
von den beiden Wehrtürmen begrenzt. Dort führten auch jeweils zwei breite,
steinerne Treppen zum Wehrgang hinauf. Der Innenhof war vollständig mit
dem typischen grauen Stein der Hochmark gepflastert. Doch in dieses Pflaster
war aus schwarzem Stein, den man sorgfältig ausgewählt hatte, das Wappen
der Hochmark eingelegt worden. Pferdeköpfe und Schmiedehammer bildeten
ein Symbol von fast zwanzig Längen im Durchmesser.
Halb links erhob sich die große Steinstatue des ersten Königs der
Pferdelords. Vor ihr befand sich der Hauptbrunnen der Burg, der nach
Larwyns, des Pferdefürsten Gemahlin, Vorstellungen gestaltet worden war.
Eine niedrige Einfassung von achteckiger Form, auf der man auch bequem
sitzen konnte, umgab ein drei Längen messendes Becken, in das ein
springendes Pferd aus seinem Maul Wasser spie. Die Ränder des Beckens
waren mit den Wildblumen der Hochmark bepflanzt.
Die Nordseite des vorderen Innenhofes wurde vom Haupthaus, der
mittleren Wehrmauer und der Unterkunft der Schwertmänner eingenommen.
Das Haupthaus war ein massiger Bau mit drei Stockwerken, dessen
Erdgeschoss ein wenig zurückgesetzt war, sodass die Obergeschosse eine Art
Vordach über dem Eingangsbereich bildeten und durch schwarze Säulen aus
Stein abgestützt wurden. Zwischen diesen Säulen führten breite Stufen zum
zweiflügeligen Haupteingang des Hauses, neben dem es noch eine weitere,
massiv wirkende Tür gab, die zu einem schmalen Treppenhaus führte,
welches an der mittleren Wehrmauer endete. Das Erdgeschoss des
Haupthauses besaß keine Fensteröffnungen oder Schießscharten. Dafür waren
die Fenster in den oberen Stockwerken breit und wurden von kleinen
Rundbögen gestützt, die mehr der Aussicht als der Verteidigung zu dienen
schienen. Dort, wo das Obergeschoss an die westliche Wehrmauer stieß,
befand sich eine schmale Tür, die Mauerabschnitt und Haus miteinander
verband.
In dem kurzen Mauerabschnitt, der das Haupthaus und die Unterkunft der
Schwertmänner miteinander verband, befanden sich drei kleine Tore, die
durch den hölzernen Wehrgang geschützt wurden, der sich zwischen den
Gebäuden erstreckte und der vollkommen überdacht war. Hier postierte
Bogenschützen konnten gleichermaßen den vorderen wie den hinteren
Burghof und deren Mauerabschnitte bestreichen.
Hier drinnen, im Burghof, spürte Kormund auch zum ersten Mal die Hitze
des Tages. Der stete Wind der Hochmark war hier nur schwach zu fühlen, und
die Mauern speicherten und gaben die Wärme wieder ab. Kormund saß ab
und übergab die Zügel seines Pferdes an Lukan. Die beiden Männer sahen
sich an und verstanden sich ohne weitere Worte.
»Ich werde darauf achten, dass die Pferde gesattelt bleiben, alter Freund«,
murmelte Lukan. »Tränken, füttern und ein wenig führen. Keine Sorge, sie
werden keine Wasserbäuche haben, sollten wir sie rasch wieder benötigen.«
Lukan nahm den runden Helm ab, und seine verschwitzten roten Haare
wurden sichtbar. »Und ich werde Euch ein anderes Schwert aus der
Rüstkammer holen.«
Kormund schnallte seinen Schwertgurt mit der leeren Scheide ab und
überreichte ihn Lukan, damit dieser ein passendes Schwert aussuchen konnte,
dann nickte er dem alten Kämpen zu. Er ging die breiten Stufen des
Hauptgebäudes hoch und erreichte den Schatten des Vorbaus. Hier, am
Eingang zum Sitz des Pferdefürsten, standen zwei Schwertmänner. Im
Gegensatz zu den normalen Pferdelords, die für den Krieg ausgebildet
wurden, aber nur im Kriegsfall einberufen wurden, waren die Schwertmänner
des Pferdefürsten, wie auch die des Pferdekönigs in der fernen Hauptstadt,
disziplinierte Berufssoldaten, die stets im Dienst waren. Sie wussten, dass
Kormund viel zu früh von seiner Patrouille an der Außengrenze zurück war,
doch sie stellten keine Fragen, sondern öffneten ihm schweigend die Tür.
Kormund trat durch den schmalen Flur in den unteren Raum des
Hauptgebäudes und in die große Halle ein, in welcher schon manches Fest
und manche Zeremonie stattgefunden hatten. Im Gegensatz zu dem Rot, Grün
und Gold der Halle des Königs der Pferdelords wirkte die Halle von Eternas
jedoch kühl. Säulen aus schwarzem Stein erhoben sich vor grauen Mauern,
und trotz ihrer Kapitelle und Verzierungen wirkten sie kalt. Einige winzige
Fenster an der Westseite, die eher Schießscharten ähnelten, ließen nur trübes
Licht in die Halle einfallen, und allein wenn man die riesigen Leuchter unter
der Decke entzündete, füllte sich der Raum wirklich mit Licht. Zwischen den
Bögen standen die dreieckigen Wimpel der Beritte mit ihren Lanzen, und an
der Stirnseite hing als Farbtupfer ein riesiges grünes Tuch mit den Insignien
der Hochmark. An den Wänden entlang standen Bänke und Tische, die aber
nicht benutzt wurden. Die Besatzung der Burg verwendete andere
Räumlichkeiten für ihre täglichen Verrichtungen. So hallten Kormunds
Schritte seltsam hohl von den Wänden wider, während er an der rechten
Wand und ihrem riesigen gemauerten Kamin vorbei zur Treppe hinüberging,
die in den eigentlichen Amtsraum des Pferdefürsten führte. Er stieg die
steinernen Stufen hinauf, erwiderte den Gruß der dort postierten Ehrenwache
und klopfte an die massive Holztür.
Als er den kurzen Ruf aus dem Inneren vernahm, trat Kormund in das
Amtszimmer des Herrn der Hochmark ein und legte die Hand zum Gruß an
seine Hüfte, wo sich normalerweise der Griff seines Schwertes befand.
»Scharführer Kormund vom ersten Beritt, Hoher Lord«, meldete er, obwohl
ihm bewusst war, dass der Pferdefürst jeden seiner Männer sehr genau kannte.
Doch gerade in der kleinen Gemeinschaft der Hochmark war gegenseitiger
Respekt lebenswichtig, und die Pferdelords der Wache bewahrten die alten
Traditionen.
Garodem, der Pferdefürst der Hochmark, blickte von seinem breiten
Arbeitstisch auf. Er war eine eindrucksvolle Gestalt. Nicht besonders groß
und muskulös, aber durchaus stattlich, strahlte er eine enorme Kraft aus, und
sein Gesicht war gleichermaßen würdevoll wie freundlich. Als Pferdefürst
hatte er sich den Respekt der Bevölkerung verdient, aber Kormund wusste,
dass es vor allem der Mensch Garodem war, den die Männer und Frauen der
Hochmark schätzten. Der Pferdefürst war nun Mitte der fünfzig, und sein
einst blondes Haar war inzwischen ergraut. Falten hatten sich in sein Gesicht
gegraben, die gleichermaßen von seinen Sorgen und seinem Sinn für Humor
zeugten. Garodem trug einfache Stiefel und Beinkleider, und nur sein
dunkelblauer Überwurf mit dem golden eingestickten Symbol der Mark
zeigte, welchen Status sein Träger hatte.
»Ihr seid mir willkommen, Kormund, alter Freund.« Der Pferdefürst legte
die Feder ab, mit der er gerade geschrieben hatte, und blickte Kormund
aufmerksam an. Dieser wiederum sah fasziniert auf die Feder, die Garodem
gerade abgelegt hatte.
Garodem hatte etwas geschrieben, und Kormund begriff nicht, wie Worte
durch dunkle Tinte und eine Feder auf ein Pergament fließen und von anderen
Menschen verstanden werden konnten. Er wusste sehr wohl, dass dies die
Kunst des Schreibens und des Lesens war, doch der Sinn dieser Kunst war
ihm verschlossen geblieben. Garodem hatte ihm einmal erklärt, dass er auf
diese Weise Dinge festhalten und für spätere Generationen lesbar machen
könne. Nun, es war richtig, der Pferdefürst hatte keine Eltern mehr, die die
Aufgabe übernehmen konnten, ihren Enkeln von der Geschichte ihres Volkes
zu berichten, aber der Grund, eine schriftliche Botschaft über einen Boten zu
übermitteln, erschien Kormund trotzdem absurd. Warum sollte dieser ein
Pergament benutzen, wo er doch einen Mund zum Sprechen hatte? Zwar wäre
es vielleicht nicht von Übel gewesen, wenn er bei dem toten Reiter des
Königs eine schriftliche Botschaft hätte finden können, welche Garodem
wiederum hätte lesen können, aber trotzdem war die Schreibkunst für
Kormund eine Kunst, für die er keine Zukunft sah, zumal es selbst am Hofe
des Königs nur wenige gab, die sie beherrschten. Ja, die grauen und die
weißen Magier, sie mochten diese Kunst benötigen, denn diese weisen
Männer horteten uralte Schriften, die noch aus den Zeiten der Vorväter
stammten. Doch was sollte ein Pferdelord mit einem sprechenden Papier, wo
er einen Mund und eine Klinge hatte, um seine Meinung kundzutun?
»Ich habe Euch erst in einigen Tagen zurückerwartet«, schreckte der
Pferdefürst den Scharführer aus seinen Gedanken. »Und es scheint mir, als
brächtet Ihr sorgenvolle Gedanken mit. Zudem seid ihr ungedeckt, mein
Freund.« Er wies auf Kormunds Hüfte. »Es sieht mir ganz danach aus, als
hättet Ihr Verwendung für Eure Klinge gefunden.«
»Das ist wohl wahr«, erwiderte der Scharführer und entspannte seine
Haltung. Er trat näher an den Tisch heran. »Wir fanden am Pass zur
Nordmark einen Toten. Wie es aussieht, einen Boten des Königs. Der Mann
gehörte dessen Wache an.«
Garodem kniff die Augen zusammen und lehnte sich in seinem Stuhl
zurück. »Einen Boten des Königs? Seid Ihr Euch sicher?«
»Lukan denkt ebenso.«
Garodem lächelte knapp. »Dann war es auch ein Bote des Königs. War
etwas zu finden? Eine Botschaft? Irgendein Hinweis darauf, was er hier
wollte?«
»Nein, Garodem, mein Herr.« Kormund räusperte sich, und der Pferdefürst
winkte ihn näher heran und füllte ihm einen Becher mit kühlem Wein. »Es
sieht aus, als sei er von einem Pelzbeißer angefallen und getötet worden.«
Garodem nickte. »Und Ihr bezweifelt das. Ich höre es an Eurer Stimme.
Kommt schon, Kormund, alter Freund, wir sind schon zusammen geritten.
Also zögert nicht, Eure Gedanken frei auszusprechen.«
»Wir fanden keine seiner Waffen.«
»Verstehe.« Garodem erhob sich aus seinem Stuhl und begann im Raum
auf und ab zu gehen. Dabei legte er seine Hände auf dem Rücken zusammen
und schien schon kurz darauf vollkommen in sich versunken zu sein. Es war
dies eine Eigenheit des Pferdefürsten, wenn er sich intensiv mit einem
Problem befasste, und für Kormund war es ein gutes Zeichen, zeigte es ihm
doch, dass Garodem den Tod des Boten als ebenso bedrohlich empfand wie er
selbst. Garodem hielt für einen Moment inne. »Ihr seid Euch absolut sicher,
dass es ein Mann der Wache des Königs war? Kein Geächteter oder Räuber?«
»Es war ein Mann Theo …«
»Nicht den Namen, Kormund«, unterbrach Garodem ihn mit ungewohnt
scharfer Stimme.
Kormund räusperte sich und nahm einen erneuten Schluck, um seine
Verlegenheit zu verbergen. »Es war ein Mann des Königs, mein Herr. Der
Harnisch seiner Leibwache und der goldene Saum am Umhang …«
»Ich verstehe.« Garodem nahm seine Wanderung wieder auf.
Kormund verstand den Zwist nicht, der Garodem noch immer von seinem
Bruder, dem König der Pferdelords, fernhielt. In ihrer Jugend sollten die
Brüder unzertrennlich gewesen sein, bis irgendetwas dazu geführt hatte, dass
die beiden in einem heftigen Streit auseinandergegangen waren. Sein Bruder,
der König, hatte Garodem daraufhin die Hochmark übergeben, und dieser war
mit seinem Gefolge in das Hochland gezogen. Vielleicht wussten die Brüder
inzwischen selbst schon nicht mehr, worum es bei ihrem Streit gegangen war,
aber eine weitere Eigenheit Garodems wurde dadurch augenfällig – seine
unglaubliche Sturheit, wenn er erst einmal einen Entschluss gefasst hatte.
Garodem hatte den Kontakt mit dem Königshaus vollkommen
abgebrochen und sich auf den gelegentlichen Handel mit den anderen Marken
des Landes der Pferdelords beschränkt. Seitdem durfte niemand mehr den
Namen seines Bruders oder seines Amtssitzes aussprechen. Dennoch war und
blieb er ein Pferdelord und dem König treu, was auch die Einrichtung der
Signalfeuer bewies.
Auch Garodem schien in diesem Augenblick an die Signalfeuer zu denken.
»Wenn er in Schwierigkeiten ist und Hilfe braucht, dann wird sich die
Hochmark nicht verweigern«, knurrte er und sah Kormund an. »Wir sind und
bleiben Pferdelords und stehen zusammen. Er wird mich nicht umsonst um
Hilfe bitten.«
Garodem verharrte neben seinem Schreibtisch und blickte auf die
Landkarte, die an einer Wand des Raumes aufgespannt war. Sie war aus
bestem Pergament und sorgfältig bemalt und geölt worden, um sie
witterungsbeständig zu machen. Sie zeigte die Marken des ganzen Landes,
doch der Name der Hauptstadt war sorgsam übermalt worden. Garodem
führte seinen Finger auf der Karte entlang, und Kormund erkannte, dass der
Finger den Positionen der einzelnen Signalfeuer folgte.
»Hat das Feuer gebrannt?« Garodem sah Kormund fragend an. »Hier in
Eternas haben wir kein Feuer gesehen. Er hätte es entzünden lassen, wenn das
Land in Not wäre.«
»Kein Feuer, mein Herr.«
»Er hätte es entzündet, wenn er in Not wäre«, murmelte Garodem. »Er
hätte die Feuer entzündet und keinen Boten geschickt. Also war der Bote
nicht hier, um Hilfe zu holen. Und ich werde nur dann zu ihm reiten, wenn er
Hilfe benötigt und mich darum bittet. Egal ob als Bruder oder als
Lehnsmann.« Garodem trat erneut an die Karte. »Nein, er hätte die Feuer
entzündet.« Er hörte, wie Kormund sich abermals räusperte, und fuhr zu ihm
herum. »Ihr seid anderer Meinung?«
»Vielleicht wurde die Signalkette unterbrochen und es gab nur noch den
Weg, einen Boten zu schicken«, wandte der Scharführer ein.
Garodem nickte und neigte bedächtig seinen Kopf. »Ich muss Eurem
Einwand zustimmen. Zwar behagt mir der Gedanke gar nicht, denn er zwingt
mich, selbst Kontakt zum König aufzunehmen. Aber ich muss mich einfach
vergewissern, was der Bote wollte. Beim Dunklen Turm, Kormund, die
Sorgen gefallen mir nicht, die Ihr mir da bringt.«
Der Pferdefürst trat an die hölzerne Wand, die seinen Amtsraum von den
hinteren Räumen des Obergeschosses trennte, und schlug dagegen. Kurz
darauf später trat ein Schwertmann der Wache ein.
»Holt den Ersten Schwertmann Tasmund, ich muss ihn sprechen. Sofort.«
Garodem schenkte sich und Kormund Wein nach und blickte dann durch das
große Fenster auf den vorderen Burghof hinunter. »Was Ihr mir berichtet,
beginnt mir immer weniger zu gefallen«, seufzte er. »Dreißig Jahreswenden
hatten wir Ruhe und Frieden, und nun bringst du mir düstere Gedanken ins
Haus.« Er wandte sich Kormund zu. »Nun, wir werden uns allem stellen, was
immer es auch sei.«
Schritte hallten auf der steinernen Treppe, und hinter Kormund trat der
gerufene Tasmund in den Raum. Er nickte dem Scharführer kurz zu. »Ihr habt
mich gerufen, mein Hoher Lord?«
»Kormund hat auf seinem Ritt etwas gefunden. Darüber wird er Euch nun
berichten. Ich werde dazu schweigen, und Ihr werdet mir Eure Meinung offen
sagen, Tasmund.«
Tasmund war der Erste Schwertmann der Wache des Pferdefürsten und
somit der Befehlshaber der Burgbesatzung und der Pferdelords der
Hochmark, sofern der Pferdefürst diese nicht selbst führte. Der schlanke und
hochgewachsene Mann mit den tiefschwarzen Haaren hörte sich Kormunds
Schilderung an. Kormund wusste, was Garodem von ihm erwartete, und gab
deshalb lediglich die Fakten wieder, ohne eigene Vermutungen hinzuzufügen.
Tasmund hörte schweigend zu und blickte dann zu der Landkarte. Er schritt
hinüber, und Kormund beobachtete, wie der Erste Schwertmann ebenso wie
der Pferdefürst zuvor mit seinem Finger der Linie der Signalfeuer folgte.
Dann richtete Tasmund sich auf und sah den Pferdefürsten an.
»Die Kette der Signalfeuer kann unterbrochen worden sein, mein Hoher
Lord, und dann hätte der König allen Grund dafür gehabt, einen Boten um
Hilfe zu entsenden. Aber auch für den Fall, dass es einen anderen Grund für
den Boten gab, so müssen wir doch immer vom Schlimmsten ausgehen und
davon, dass der König uns um Hilfe ruft.«
Garodem nickte. »Ich sehe das genauso. Wenn der König uns ruft, so muss
es schlimm stehen, und er wird jeden Mann brauchen. Aber wenn er uns nicht
um Hilfe gerufen hat, entblößen wir die Hochmark grundlos um all ihre
wehrfähigen Männer und lassen Frauen und Kinder schutzlos zurück.« Er
seufzte. »Vielleicht ist es ein Fehler gewesen, jeden Kontakt abzubrechen«,
meinte er schließlich widerwillig, und man merkte, wie schwer ihm dieses
Eingeständnis fiel. Er sah Tasmund und Kormund an. »Ich brauche weitere
Anhaltspunkte. Ich muss wissen, ob das Land wirklich in Gefahr ist.
Kormund, ich habe Eure Schar im Hof gesehen. Sie scheint bereit zu sein.«
»Das ist sie, mein Herr.«
»Gut.« Garodem blickte wieder auf die Karte. »Die Besatzungen der
Signalfeuer sind vor fünf Tagen abgelöst worden. Der nächste Wechsel wird
erst in einem Zehntag fällig.« Garodem gab sich einen Ruck und trat wieder
hinter seinen Schreibtisch. »Kormund, Ihr nehmt Euren Beritt und kontrolliert
die Wachen am inneren und äußeren Signalfeuer des Passes. Reitet nicht
weiter, denn selbst das wird drei Tage dauern. Die Posten hätten die Feuer
entzündet, wenn sie ein Signal des Königs gesehen hätten. Aber sollte sie
etwas daran gehindert haben, so muss ich es wissen. Kormund, alter Freund,
Eile ist geboten.«
Kormund erhob sich und stellte den Becher mit Wein auf den Tisch
zurück. »Schneller Ritt …«
»… und scharfer Tod«, vervollständigten Garodem und Tasmund den Satz
ohne Lächeln.
Während Kormund zu seinen Männern in den Hof eilte, winkte Garodem
seinen Ersten Schwertmann zu sich heran. »Wir müssen vom schlimmsten
Fall ausgehen, Tasmund, mein Freund, und das heißt, dass wir die Pferdelords
der Hochmark zusammenrufen müssen. Wie viele Männer können wir
zusammenbekommen?«
»Knapp fünfzig Schwertmänner der Wache und zweihundertfünfzig
Pferdelords.« Tasmund sah den Pferdefürsten an und lächelte. »Mit den
Knaben und älteren Männern werden wir vielleicht dreihundertfünfzig Mann
bekommen. Aber dann werden wir schon die Wiegen auskratzen müssen.«
Garodem seufzte. »Wie viele von ihnen werden kämpfen können?«
Tasmund zuckte die Achseln. »Alle. Doch siegen können nur die
ausgebildeten Pferdelords, mein Herr. Es bleibt nicht viel Zeit, sie für den
Kriegseinsatz fähig zu machen, und nur wenige haben noch Kampferfahrung
so wie Kormund und einige andere.«
Der Pferdefürst blickte aus dem Fenster und ließ seinen Blick über die
Zinnen der Wehrmauer zur Stadt hinwandern. »Ich weiß. Die ganzen langen
Jahre des Friedens hindurch habe ich die Pferdelords nicht mehr zu
Waffenübungen einberufen. Das rächt sich nun. Waffen beschert uns die
Mark genug, aber uns fehlen die ausgebildeten Männer, sie zu tragen.«
Der Erste Schwertmann schaute in Richtung der Karte und ging dann zu
ihr hinüber. »Kämpfen können die Männer wohl. Sie sind auch nicht
ungeschickt im Umgang mit den Waffen. Was ihnen fehlt, ist die Übung, als
geschlossener Verband zusammenzuwirken. Schwerter, Rüstungen und
Helme haben wir genug. Auch Bogen für die Schützen. Was allein fehlt, sind
Lanzen, denn wir verfügen nicht über ausreichend gerade Hölzer, die auch
noch lang genug sind, um sie daraus herstellen zu können. Außerdem könnte
es nicht schaden, zusätzliche Pfeile zu produzieren.«
Unten im Hof hörten sie, wie knappe Kommandos erklangen, sowie
Kormunds Gruppe, die aus dem Burghof ritt. Das Klappern der Hufe kündete
von Eile, die dieses Mal auch den Bewohnern von Eternas nicht verborgen
bleiben würde.
Garodem langte nach seinem Becher mit Wein, stellte ihn jedoch, ohne
getrunken zu haben, wieder zurück. »Bereitet eine Gruppe vor, die im
geschützten Wald den Holzeinschlag vornimmt. Und sendet die
Waffenschmiede und die Stadtältesten zu mir. Ich werde mit ihnen sprechen.
Was auch geschieht, ich will, dass die Hochmark so gut wie möglich auf alles
vorbereitet ist.«
»Soll ich schon Boten entsenden, um die Pferdelords einzuberufen?«
Garodem schüttelte den Kopf. »Nein, ich will zunächst abwarten, was
Kormund uns berichten wird. Sind die Wachen am Pass wohlbehalten und das
Feuer intakt, so wollte der Bote wohl doch keinen Hilferuf, sondern eine
andere Botschaft zu uns bringen. In diesem Fall werde ich eine Schar
entsenden, um beim König um die Botschaft anzuhalten – die Wehrfähigen
brauchen wir dann aber nicht.«
Tasmund wies zu der Karte hin. »Die Schar Kormunds fand den Toten
innerhalb der Hochmark, mein Herr. Er muss also die Wachen passiert
haben.«
»Wir müssen Kormunds Bericht abwarten, Tasmund. Und bereit sein,
notfalls rasch zu reagieren.«
Dem hatte Tasmund nichts hinzuzufügen.
