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Mit der zwölfteiligen Saga um die Pferdelords entsteht die faszinierende Chronologie eines Reitervolkes. Im Verlauf der Abenteuer entwickeln sich Kultur und Technik der beteiligten Völker, vom einfachen Signalspiegel hin zum optischen Präzisionsinstrument, der Dampfmaschine und, im letzten Abenteuer, sogar dem Luftschiff. Die Pferdelords begegnen bestehenden und untergegangenen Königreichen, den Elfen des Waldes und denen der See, Zwergen, Sandbarbaren, fliegenden Lederschwingen und krebsartigen Irghil, immer wieder bedroht von den Orks des schwarzen Lords und seinen gestaltwandlerischen Magiern. Die Pferdelords lassen eine faszinierende Welt entstehen und unterhalten mit Action, Spannung und Humor. Hier liegt die Reihe nun erstmals in einer vom Autor überarbeiteten und ergänzten e-Book-Ausgabe vor. Jedes Abenteuer ist in sich abgeschlossen.
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Seitenzahl: 687
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Michael Schenk
Die Pferdelords 10 - Die Bruderschaft des Kreuzes
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1 Vorwort und Hinweise zum Roman
Kapitel 2 Prolog
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64 Karte „Pferdelords – Die Völker“
Kapitel 65 Karte „Der Spalt-Pass und Umgebung“
Kapitel 66 Karte "Festung Nerianet"
Kapitel 67 Personenregister
Kapitel 68 Einige Maßeinheiten und Definitionen
Kapitel 69 Vorschau auf "Pferdelords 11 – Die Schmieden von Rumak"
Impressum neobooks
Michael H. Schenk
Die Pferdelords 10
- Die Bruderschaft des Kreuzes -
Fantasy-Roman
© Überarbeitete Neuauflage Michael Schenk 2020
Die Leserschaft der Serie „Die Pferdelords“ wird im ersten Roman eine große Nähe zu den Verfilmungen von „Der-Herr-der-Ringe“ feststellen. Dies war eine Bedingung des damaligen Verlages, meine auf zwölf Bände festgelegte Reihe überhaupt zu veröffentlichen, da man sich dadurch einen größeren Umsatz versprach. Ich stand also vor der Wahl, nicht veröffentlicht zu werden oder mich dieser Forderung zu stellen. Ich entschied mich für meine „Pferdelords“ und nahm einen raschen Genozid an ihren ursprünglich gedachten Feinden, den Walven, vor, um diese durch die Orks zu ersetzen. Man möge mir diesen Eigennutz verzeihen, doch damals war dies der einzige Weg, meine Pferdelords in den Sattel zu heben.
Die Pferdelords bieten detailreiche und spannende Abenteuer, in der die Völker mit ihrer jeweils eigenen Geschichte und Kultur zum Leben erweckt werden. Wem die tatsächlichen oder scheinbaren Wiederholungen von Beschreibungen in den Bänden auffallen, der wird feststellen, dass sie die Entwicklung der Völker und ihrer Siedlungen aufgreifen, denn bei den insgesamt zwölf Bänden handelt es sich um eine Chronologie. Im Lauf der Zeit entsteht aus dem Tauschhandel eine Währung, aus dem schlichten Signalfeuer ein kompliziertes optisches Instrument, man entdeckt das Schießpulver und die Dampfmaschine sowie schließlich sogar das Luftschiff. Man begleitet den Knaben Nedeam, der schon bald als Schwertmann und Reiter und schließlich sogar als Pferdefürst an der Seite seiner Freunde steht. Man begleitet den ehrenhaften Orkkrieger Fangschlag und auch dessen hinterlistigen Gegenspieler Einohr.
Meine Leser begegnen alten und neuen Völkern, doch selbst jenen, die man zu kennen glaubt, gewinne ich manche neue Seite ab.
Es erwartet Sie also eine spannende Saga um mein Pferdevolk und ihre Freunde und Feinde.
Die Pferdelords-Reihe:
Pferdelords 01 – Der Sturm der Orks
Pferdelords 02 – Die Kristallstadt der Zwerge
Pferdelords 03 – Die Barbaren des Dünenlandes
Pferdelords 04 – Das verborgene Haus der Elfen
Pferdelords 05 – Die Korsaren von Um´briel
Pferdelords 06 – Die Paladine der toten Stadt
Pferdelords 07 – Das vergangene Reich von Jalanne
Pferdelords 08 – Das Volk der Lederschwingen
Pferdelords 09 – Die Nachtläufer des Todes
Pferdelords 10 – Die Bruderschaft des Kreuzes
Pferdelords 11 – Die Schmieden von Rumak
Pferdelords 12 – Der Ritt zu den goldenen Wolken
Die vorliegende Neuauflage der e-Books wurde von mir überarbeitet, ohne deren Inhalte zu verändern. Begriffe wurden vereinheitlicht und die Romane durch überarbeitete oder zusätzliche Karten ergänzt.
Viel Lesevergnügen wünscht Ihnen
Michael H. Schenk
Hinweis:
Kapitel 64: Karte der Völker, der Pferdelords-Reihe
Kapitel 65: Detailkarte "Der Spalt-Pass und Umgebung"
Kapitel 66: Detailkarte "Die Festung Nerianet"
Kapitel 67: Personenregister
Kapitel 68: Einige Maße und Definitionen
Kapitel 69: Vorschau auf "Die Pferdelords 11 – Die Schmieden von Rumak"
Vor fünftausend Jahren lebten die Reiche der Menschen in Frieden miteinander und breiteten sich langsam aus. Der Kontinent Alnaris bot guten Lebensraum mit ausgedehnten Wäldern, fruchtbaren Ebenen und erzhaltigen Gebirgen. Austausch und Handel gab es zwischen den Reichen von Julinaash, Rushaan, Jalanne, Rumak, Alnoa und den Clans des Pferdevolkes. Man stieß auf die unsterblichen Elfen und auf das fleißige Bauernvolk der Zwerge. So verschieden die Kulturen auch waren, so führten diese Unterschiede doch nicht zu ernsthaften Spannungen. Es entstand ein loses Bündnis, welches sich schon bald bewähren musste.
Alnaris trug mächtige Gebirge, die man nur an wenigen Stellen passieren konnte und die ganze Regionen voneinander trennten. Durch Eis und Stein waren die Länder des ersten Bundes von den Territorien des Ostens abgeschnitten. Dort entstand eine furchtbare Macht, als der Schwarze Lord seine Legionen von Orks heranzüchtete und dabei begehrlich auf die freien Länder blickte.
Die Menschenreiche des ersten Bundes ahnten nichts von der wachsenden Bedrohung im Osten und entwickelten sich sehr unterschiedlich.
Das Pferdevolk lebte weit im Westen und einte gerade erst seine Clans zu einem Königreich. Alnoa erlernte die Fertigkeit, Rüstungen und Waffen zu schmieden. Julinaash und Rushaan verfügten hingegen über metallene Krieger und Festungen, deren Waffen mit Licht töteten. Sie besaßen gepanzerte Wagen und Metallvögel, deren Druckbomben die Verheerung in sich trugen. Das kleine Königreich Rumak grenzte jenseits des großen Gebirges von Uma´Roll direkt an das Reich des Schwarzen Lords. Dort ahnte man die Gefahr durch den Schwarzen Lord, und aus den Schmieden floss ein steter Strom von Waffen. Aber in Rumak gab es nur wenige Kämpfer. Das südliche Reich von Jalanne verfügte ebenfalls über Waffen des Lichttodes, dennoch lag seine eigentliche Macht in der Magie seiner Zauberer und deren Stadt Lemaria.
Der Schwarze Lord wusste um die Wirkung der Menschenwaffen und auch um die Kraft, die der Wille zur Freiheit den Völkern verleiht. So bereitete er sich gründlich vor und machte sich dabei die Habgier und den Neid der Menschen zunutze.
In jenem Augenblick, da die Legionen der Orks marschierten, begann der Bund der Menschen zu zerfallen.
Die Magier von Jalanne warfen ihre magischen Sonnenfeuer auf das ferne Rushaan. Menschen und Land vergingen, doch die metallenen Krieger, die Paladine Rushaans, überlebten. Die Metallvögel warfen ihre Druckbomben auf die Stadt der Magier, die in den Fluten ihres Sees versank. Das kleine Rumak wurde von den Legionen der Orks überrannt und ging in der letzten Schlacht um die Festung von Merdoret unter.
So war das Bündnis der freien Länder auf verhängnisvolle Weise geschwächt, als die Orks über die Pässe der Gebirge drangen.
Das Volk der Zwerge lebte in den fruchtbaren mittleren Ebenen von Ackerbau und Handel. Die „kleinen Herren“ wurden als Schreiner gerühmt und ihre zierlichen und doch robusten Möbel waren in allen Reichen begehrt. Sie waren gewiss kein Volk von Kämpfern, und ihre einfachen Jagdbögen und Lederwämser erwiesen sich als schlechtes Rüstzeug gegen den heranstürmenden Feind. Die Zwerge lernten zu kämpfen und wehrten sich erbittert, während die verbliebenen Menschenreiche noch ihre Kräfte sammelten. So war das kleine Volk größtenteils auf sich allein gestellt und stand vor seinem Untergang. Den tapferen Zwergen blieb keine andere Wahl, als die alte Heimat aufzugeben. Ein großer Teil ging in die Berge und schuf dort unterirdische Höhlen und Kristallstädte. Hier entstanden die Legenden der Zwerge als Steinmetze und Krieger. Ein anderer Teil suchte seine Heimat in den schwimmenden Clanstädten auf den Meeren. Die Erinnerung an diese Ereignisse brannte sich unauslöschlich in das Bewusstsein der Zwerge und machte sie für die Zukunft zu unerbittlichen Kämpfern.
Der Krieg mit den freien Ländern auf der einen und dem Schwarzen Lord und seinen Orks auf der anderen Seite tobte über viele Jahre. An einer Front, die Tausende von Längen maß. Es gab kleine Scharmützel und gewaltige Schlachten, die Leben auslöschten und das Land zerstörten. Erst als sich Elfen und Menschen zum entscheidenden Kampf stellten, gelang es, die Legionen zu vernichten und den Schwarzen Lord hinter das Gebirge zurückzutreiben.
Die Folgen des großen Krieges waren furchtbar.
Rumak war untergegangen, die Reiche von Jalanne und Rushaan ausgelöscht, und vom nördlichen Julinaash gab es keine Nachrichten mehr. Nur das Königreich von Alnoa und das Pferdevolk hatten von den menschlichen Völkern überlebt. Geschunden und nahezu vernichtet, und doch mit der menschlichen Eigenschaft versehen, nicht aufzugeben und neu zu erstarken.
Jahrtausende vergingen, in denen Frieden herrschte. Aber die Folgen des Krieges veränderten das alte Land des Pferdevolkes. Sand eroberte die fruchtbaren Ebenen und ließ die Wälder versinken. Mit dem Sand kamen die Barbaren und der Kampf gegen die Sandclans einte das Pferdevolk. Doch der Feind war zu stark und die Pferdelords mussten weichen. Sie fanden ihre neue Heimat in jenen Ebenen, aus denen der Krieg die Zwerge vertrieben hatte. Die Clans des Pferdevolkes waren nun zu einem Königreich vereint. Ein traditionsbewusstes Volk, dem das bescheidene Leben genügte und das seine Wehrhaftigkeit in seinen Kämpfern – den Pferdelords – und auf den Rücken seiner Pferde fand.
Das Königreich von Alnoa erholte sich ebenfalls und entwickelte sich erneut. Brennsteinmaschinen stampften in den Städten und trieben die Schiffe an, Dampfkanonen schützten Stadtwälle und Festungen.
All die Jahrtausende vergingen und aus der Erinnerung an den großen Krieg gegen den Schwarzen Lord und seine Orks wuchsen Legenden.
Legenden, die an die stete Bedrohung durch die Finsternis mahnten und doch allmählich zu ihrem Vergessen beitrugen.
Dann, vor dreißig Jahren, erhob sich die Finsternis mit neuer Macht.
Unzählige Legionen von Orks standen unter dem Befehl des Schwarzen Lords.
Erneut traten ihnen Menschen und Elfen entgegen.
Über drei Pässe strömte der Feind in die Ebenen Alnoas. Die Dampfkanonenbatterien der Königsstadt Alneris und die todesmutige Attacke der Pferdelords brachen die Macht des Feindes.
Erneut herrschte Frieden.
Ein Frieden, der einem Waffenstillstand ähnelte, denn alle wussten, dass der Schwarze Lord nicht endgültig besiegt war. Dennoch empfanden die freien Völker eine gewisse Zuversicht, denn der Feind konnte nur die drei bekannten Wege wählen, um abermals vorzustoßen.
Aus dem Norden über die Ebene von Rushaan und durch den Pass des Eten.
Aus dem Osten über den Pass von Merdoret, zwischen den Gebirgen des Uma´Roll und des Noren-Brak hindurch.
Aus dem Süden durch den Pass von Dergoret und die Pforte von Alnoa.
Drei Wege.
Drei Pässe, die es zu schützen galt.
Dann kam das große Erdbeben.
Es veränderte alles.
Das Reich von Alnoa kam langsam wieder zur Ruhe.
Zwei Jahre waren seit dem furchtbaren Erdbeben vergangen, welches solche Verheerungen über das Land und seine Bewohner gebracht hatte. Jenes Beben, das Wunden geschlagen hatte, die kaum wieder verheilen würden. Viele Menschen waren getötet oder verletzt worden, und an manchen Stellen sah man noch immer Schäden an den Städten und dem Land. Bis hin zur fernen Hafenstadt Gendaneris waren Häuser und Mauern beschädigt oder eingestürzt. Selbst in der Hochmark des Pferdevolkes hatte die Erde gebebt, und es hieß, die Festung von Eternas sei schwer angeschlagen. Doch das Entsetzen hatte vor allem Alnoa getroffen.
Das Königreich von Alnoa erstreckte sich von den südlichen Bergen des großen Walls zu den weiten Ebenen im Norden, in denen die Marken des Pferdevolkes lagen. Im Westen wurde es vom Meer und dem Gebirge des Teanus begrenzt, im Osten vom gewaltigen Massiv des Uma´Roll. Hier lag die undurchdringliche Grenze zum Reich des Schwarzen Lords. Hier lauerten seine Orklegionen darauf, die Reiche der Menschen und die Städte der Zwerge auszulöschen.
Es gab nur wenige Durchlässe in dieser Grenze.
Aus dem Norden konnte der Feind nicht kommen. Sein Blut gefror in der Kälte, und die Festung am Pass des Eten wurde von den Zwergen und dem Pferdevolk gehalten. Der Weg über die weißen Sümpfe war ihm ebenso verwehrt. Jene Sümpfe, in denen die Toten keine Ruhe fanden, wurden von der Stadt Merdonan und der Westmark der Pferdelords geschützt, und das Volk der Lederschwingen kreiste über den Bergen. Tief im Süden lagen zwei große Pforten. Hier unterhielt die Garde des Reiches Alnoa starke Festungen. Dabei wurde es unterstützt vom Volk der krebsartigen Irghil, welche das Reich von Jalanne bestreiften. Der Westen war sicher, denn die Orks verstanden sich nicht auf den Schiffsbau und scheuten das Wasser. Zudem patrouillierten die Schiffe der königlichen Flotte mit ihren schweren Dampfkanonen die Küsten.
Der Osten hingegen war sicher gewesen.
Niemand gelangte über die Berge des Uma´Roll.
Das furchtbare Erdbeben hatte das geändert.
Irgendwo in dem mächtigen Gebirge hatte es seinen Anfang genommen.
Mit einem leichten Schütteln der Erde, das immer stärker wurde, bis sich kein lebendes Wesen mehr auf den Beinen halten konnte. Felsen hatten sich gelöst, dann waren die Berge selbst in Bewegung geraten. Sie wurden gegeneinander gepresst und von ihrer eigenen Masse zermahlen, die Erde tat sich auf und verschlang, was sie zuvor bedeckt hatte. Ein mächtiger Spalt entstand in den Bergen. Ein Riss, einer klaffenden Wunde gleich, der sich quer durch das Uma´Roll zog. Als alles zur Ruhe kam, hatte sich das Antlitz des Gebirgszugs dramatisch verändert.
In der so lange Zeit unüberwindlichen Grenze war eine Lücke entstanden. Niemand wusste mit Sicherheit zu sagen, ob es damit nun einen neuen Weg durch das Gebirge gab, der die verfeindeten Reiche miteinander verband. Doch wer den Spalt sah, der wusste, dass sich die Finsteren Abgründe der alten Legenden aufgetan hatten.
Die große Stadt von Nerianeris war, wie auch viele der kleinen Dörfer, von den Schwingungen des Bebens getroffen worden. Die Zerstörung war so umfangreich, dass niemand an einen Wiederaufbau dachte. Anders verhielt es sich mit den Dörfern, denn sie bildeten die Lebensgrundlage des Reiches. Hier wurde das Vieh gezüchtet und das Getreide geerntet, welches die Bäuche der Menschen füllte. Mochte die Ruinenstadt Nerianeris auch ein Mahnmal der Katastrophe bleiben, die Siedlungen und Gehöfte der Bauern mussten neu erstehen.
Zwei Jahre hatte es gedauert, bis sich Menschen und Land vom großen Beben erholt hatten. Das Leben kehrte in die zerstörten Regionen zurück. Getreide wuchs auf neu bestellten Feldern, die Herden des Hornviehs grasten wieder. Die Menschen begannen allmählich, die Schrecknisse des großen Bebens zu überwinden.
Die Öffnung zwischen den Bergen nannte man den Spaltpass, auch wenn man nicht wusste, ob der Feind ihn jemals beschreiten konnte. Dort, wo der Spalt das Gebirge durchschnitt, bestreifte die Garde das Land. Eine neue Festung befand sich im Bau, belegt von einer starken Garnison. Die Aufgabe der Feste Nerianet würde darin bestehen, die umliegenden Dörfer zu schützen und jeden Feind aufzuhalten, der durch den Spaltpass kommen mochte.
Die Lücke zwischen den Bergen des Uma´Roll war auch aus größter Entfernung zu sehen, und sie war es, die dem Alnoer Hendel als Orientierung diente.
Hendel war ein Mann in den besten Jahren. Er hatte das heimatliche Dorf nach dem Beben verlassen, um sein Glück in der Königsstadt Alneris zu suchen. Wie sein Bruder Halpert hatte er vom Vater das Handwerk des Schmieds erlernt. Zusätzlich hatte er seine Künste in der großen Hauptstadt des Königreiches verfeinert. Sein Geschick war inzwischen so groß, dass er sich längst nicht mehr mit der Anfertigung von Messern, Scheren und Beschlägen begnügte, sondern feine Geschmeide aus edlen Metallen fertigte. Seine Erzeugnisse fanden viel Anklang, vor allem bei den Adligen von Alneris. Hendels Beutel war gut gefüllt mit den goldenen Schüsselchen, die im Reich als Währung dienten.
Nun, nach zwei arbeitsreichen Jahren, sehnte er sich danach, das heimatliche Dorf und seinen Bruder wiederzusehen. So hatte er sich endlich auf die lange Reise begeben. Zunächst mit dem Gespann in der Gesellschaft anderer Reisender, später auf einem Pferd, welches er für zwei Goldschüsselchen erwarb. Die Reise führte ihn immer weiter nach Osten durch jene Region, die man nicht umsonst die Kornkammer des Reiches nannte. Manchmal schienen sich die wogenden Getreidefelder über den gesamten Horizont zu erstrecken, dann wieder waren es ausgedehnte Ebenen, auf denen das Hornvieh graste. Ein blühendes Land, dem man die furchtbaren Ereignisse nicht mehr ansah. Zumindest so lange, wie man nicht zum Uma´Roll hinüberblickte.
Hendel war kein besonders guter Reiter und konnte sich nur schwer an das Geschaukel und Geruckel auf dem Pferderücken gewöhnen. Gesäß und Schenkel schmerzten und waren wund, und er fragte sich gelegentlich, ob es nicht besser gewesen wäre, zu Fuß zu gehen. Doch wenn er sich vor Augen führte, welch weiten Weg er genommen hatte, dann musste er sich eingestehen, dass seine armen Füße sicher noch weit mehr gelitten hätten.
Es war nicht mehr weit bis zum Dorf Hemjalis.
Hendel erkannte die vertrauten, dicht bewaldeten Hügel und das kleine Waldstück, welche das Ziel noch vor seinen Augen verbargen. Hinter diesen Hügeln lag sein Heimatdorf, eingebettet in seine wogenden Getreidefelder. Dahinter erstreckte sich ein ausgedehntes Waldgebiet, welches am Spaltpass endete. Der Goldschmied wunderte sich daher nicht, als er ein Funkeln zwischen den Geländeerhebungen sah, welches sich ihm näherte und rasch an Konturen gewann. Hendel erkannte die Rüstungen der Gardekavallerie. Eine kleine Schar von zehn Reitern. Die gelben Federn wippten auf den Helmen. An der Spitze der Formation trabte ein Ritter, wie Hendel an den zwei Federn und dem kurzen grauen Umhang erkannte. Er zügelte sein Pferd und wartete ab, bis die Soldaten heran waren.
„Wohin des Wegs, guter Herr?“, fragte der hochgeborene Ritter freundlich.
„Heim nach Hemjalis und meinen Bruder besuchen“, antwortete der Schmuckschmied und fügte ein paar erklärende Worte hinzu.
Der Gardeoffizier strich sich über den dünnen Schnurrbart, der bei den Adligen des Königreiches sehr beliebt war. „Das wird Euren Bruder sicherlich erfreuen“, meinte er. „Es kommen nicht viele Reisende hierher. Die Nähe des Spaltes ist den Menschen unheimlich.“
„Man sagt in Alneris, dort lägen die Finsteren Abgründe“, bestätigte Hendel.
Der Ritter lachte auf. „Nun, von uns hat der Spalt noch keinen verschlungen.“ Sein Gesicht wurde ernst. „Wenn Ihr ihn betrachten wollt, so muss ich Euch enttäuschen. Die Feste von Nerianet bewacht ihn, und außer den Streifen der Garde darf ihm keiner nahekommen.“
„Ich habe nicht vor, in den Pass zu blicken.“ Hendel deutete vor sich. „Ich will nur meinen Bruder sehen, ein paar Tageswenden in seiner Gesellschaft verbringen und dann wieder zu meinem Geschäft zurückkehren.“
Der Ritter nickte und die kleine Schar trabte weiter.
Hendel blickte den Männern eine Weile nach. Man hörte leises Klirren und Scheppern von Rüstungen und Waffen, das allmählich verklang. Er fragte sich, wie es diese Männer schafften, mit all dem schweren Metall auf den Pferden zu bleiben. Sie kamen sicher von dieser neuen Festung. Es war beruhigend, dass die Gardekavallerie das Land so eifrig bestreifte.
Hendel trieb sein Pferd erneut an, welches den Zügeln und dem Schenkeldruck nur widerwillig zu folgen schien. Immerhin konnte er es in jene Richtung lenken, in die er zu reiten gedachte.
Je näher er seinem Ziel kam, desto deutlicher spürte er, wie sehr ihn seine Knochen schmerzten. Ein paar Tage der Ruhe in Hemjalis würden ihm gut tun. Ah, was würde sein Bruder Halpert für Augen machen, wenn er ihm eine Auswahl der Geschmeide zeigte, die er in Alneris für die hohe Gesellschaft anfertigte. Halpert hatte immer gespottet, Hendels Hände seien zu plump für feingliedrige Arbeiten, aber nun würde er filigrane Schmuckstücke sehen, die jedes Frauenherz begeisterten.
Er kam den Hügeln näher, erreichte ihren Schatten.
Zwischen den Bäumen knackte es und Hendel sah ein mächtiges Geweihtier, welches ihn anstarrte und wohl überlegte, ob von dem einsamen Reiter eine Gefahr ausging. Offensichtlich wurde er als ungefährlich eingestuft, denn das Tier begann ruhig zu äsen.
Der Schatten war angenehm. Den ganzen Tag schon brannte die Sonne unbarmherzig herab. Hendel schwitzte erbärmlich, obwohl er nur leichte Bekleidung trug. Wie mochte es da den Gardisten ergehen, die in ihren stählernen Rüstungen doch sicherlich gebraten wurden? Nein, das Waffenhandwerk war nicht nach seinem Geschmack, auch wenn es bei manchen Frauen in hohem Ansehen stand.
„Endlich“, seufzte er erleichtert, als sich die Hügel vor ihm öffneten.
Obwohl ihm die mächtige Stadt Alneris mit ihrem quirligen Leben gefiel und auch die Grundlage seines beginnenden Reichtums war, empfand er doch das warme Gefühl der Heimkehr, als er das kleine Hemjalis vor sich sah. Alles war so, wie er es in Erinnerung hatte.
Von den Hügeln führte die Straße, die hier kaum mehr als ein breiter Feldweg war, zwischen weiten Feldern hindurch in den Ort. Hendel sah Männer und Frauen, die mit der Ernte beschäftigt waren. Kappklingen fällten das Getreide, welches aufgesammelt und in Bündeln zu den Karren getragen wurde. Die meisten Wagen hatten nur zwei Räder und wurden von Erntehelfern gezogen, doch er konnte auch einen vierrädrigen sehen, vor dem zwei Horntiere eingespannt waren. Ein gutes Zeichen, denn solche Wagen konnte man sich nur leisten, wenn es reiche Ernte und guten Gewinn gab.
Von einem der Felder kam ein Mann zu Hendel heran. Er kannte ihn nicht, doch das verwunderte ihn kaum. Viele Menschen waren in den vergangenen zwei Jahren aus den großen Städten in die kleinen Dörfer gezogen, angelockt von den Schüsselchen des Königs, der die Städter mit großzügigem Handgeld belohnte, wenn sie in die Dörfer gingen. Das Reich brauchte Getreide und Brot, um nicht zu hungern, und die Dörfer brauchten Menschen, damit es beides im erforderlichen Maß gab.
„Woher des Wegs, guter Herr?“, fragte der Bauer freundlich und stützte sich dabei auf die lange Stange seiner Kappklinge.
„Aus Alneris“, antwortete Hendel. „Doch eigentlich komme ich aus Hemjalis. Ich wurde hier geboren“, fügte er hinzu, als er die Skepsis im Blick des Bauern sah. „Halpert, der Schmied, ist mein Bruder.“
„Ah, Halpert.“ Der Mann wischte sich etwas Schweiß von der Stirn. „Er wird in seiner Schmiede sein. Reitet ins Dorf und folgt …“
„Danke, doch ich kenne den Weg“, unterbrach Hendel.
„Ja, sicher, Ihr seid ja hier aufgewachsen.“ Der Bauer grinste breit. „Nun, so werdet Ihr Euren Weg finden und ich werde noch ein paar Halme kappen.“
Der Mann wandte sich wieder seiner Arbeit zu und Hendel ritt weiter.
Hemjalis hatte sich in den zwei Jahren nicht verändert.
Zwei Reihen von Häusern, die sich gegenüberstanden und zwischen denen die einzige Straße des Ortes verlief. Dort, wo sie endete, stand der mächtige Kornspeicher.
Hier waren nur wenige Menschen zu sehen, denn die Ernte erforderte alle Hände.
Hemjalis musste viele neue Bewohner angelockt haben, denn Hendel erkannte keinen von ihnen. Das irritierte ihn nun doch ein wenig. Wo war der alte Grent, der immer im Schaukelstuhl vor seinem Haus saß? Der Alte war noch rüstig. Sollte er inzwischen doch gestorben sein? Hendel hätte das bedauert, denn als er und Halpert noch klein gewesen waren, hatte Grent ihnen immer Geschichten erzählt.
Die Häuser waren klein und aus Steinziegeln gebaut. Hendel konnte sich noch an seine Jugend erinnern, als man die Steine im Uma´Roll gebrochen und mühsam in die richtige Form gebracht hatte. Die Häuser aus dem reichlich vorhandenen Holz zu errichten, wäre einfacher gewesen, doch der Stein widerstand Holzkäfern und Stürmen wesentlich besser. Alle Wände wurden weiß gestrichen, wie es im Königreich üblich war. An einigen blätterte der Putz ab, und es gab sogar ein paar kleine Risse. Das große Beben war auch an Hemjalis nicht spurlos vorübergegangen.
Hendel stutzte.
Man hatte das Haus des Dorfhändlers umgebaut. Es war nun nur noch der Anbau eines ungleich größeren Gebäudes, welches einer Lagerhalle ähnelte. Es gab ein breites Eingangsportal, zu dem zwei Stufen hinaufführten. In die beiden Flügel des hölzernen Portals waren zwei Zeichen eingearbeitet. Jedes von ihnen zeigte ein Kreuz, welches entfernt einem Schwert ähnelte und dessen stumpfe Spitze zum Boden zeigte.
War ein neuer Händler nach Hemjalis gekommen und war dies das Zeichen seines Handelshauses?
Hendel nahm sich vor, seinen Bruder danach zu fragen.
Doch das hatte Zeit. Sie würden sich viele Neuigkeiten zu erzählen haben.
Am Ende der Straße sah er die vertrauten Umrisse der Schmiede.
Hier waren er und Halpert aufgewachsen. Hier hatten sie das Schmiedehandwerk von ihrem Vater erlernt.
Das steinerne Gebäude hatte einen großzügigen Vorbau, der von hölzernen Balken gestützt wurde. Im unteren Bereich trugen sie Brandspuren, und Hendel lächelte unwillkürlich. Er konnte sich gut daran erinnern, wie oft er und Halpert glühende Eisen in das Holz gepresst hatten, bis ihr Vater sie, halb erzürnt und halb belustigt, davonjagte. Der untere Teil des Vordachs war von Ruß geschwärzt. Halpert würde die Esse mit Holzkohle heizen. Der rauchlose Brennstein, der in den Städten die Dampfmaschinen antrieb, war ihm sicherlich zu teuer.
Die vordere Seite der Schmiede war offen und man konnte in sie hineinsehen. Hendel erkannte die alte Esse, den mächtigen Amboss und das Becken, in dem die glühenden Metalle in Wasser oder Öl abgekühlt wurden.
Der Goldschmied glitt erleichtert aus dem Sattel und seufzte, während er sich streckte. Er schlang die Zügel des Pferdes durch einen Haltering und trat in den Schatten, den der Vorbau warf.
„Halpert?“, rief er in die Schmiede hinein.
Sie war nur mäßig vom Tageslicht erleuchtet. Hendel bemerkte, dass die Esse erkaltet war. Jetzt, zur Erntezeit, war das ungewöhnlich. Da gab es immer Bedarf an neuen Kappklingen oder daran, die alten zu schärfen.
„Halpert?“
Er bemerkte Bewegung im Halbdunkel. Überrascht sah er eine Frau, die näher trat und ihre Hände an einer Schürze abwischte. Sie war ein sehr ansehnliches Weib, wie er sofort registrierte. Alles genau da, wo es einen Mann begeistern musste.
„Ihr sucht meinen Mann, guter Herr?“, fragte sie freundlich. Die Stimme hatte einen sanften und zugleich lockenden Klang.
„Euren Mann?“ Hendel ächzte überrascht. Wie war sein Bruder nur an dieses Prachtweib gekommen? „Nun, äh, ja, ich suche Halpert. Wer, äh, seid Ihr, gute Frau?“
„Ich bin Halperts Weib, Inrunavga. Wartet hier. Ich werde ihn sogleich holen.“
Sie wandte sich ab und zeigte dabei jenen Hüftschwung, der in Hendel sofort Neid auf das Glück des Bruders hervorrief. Die Schöne hatte nicht nach dem Grund seines Besuches gefragt. Scheinbar war sie kein besonders neugieriges Weib, was Hendel eher ungewöhnlich fand. Andererseits war es ihm nur recht. So konnte er seinen Bruder besser überraschen, und der würde sicher große Augen machen, wenn Hendel so unvermutet vor ihm stand.
Die schöne Frau kam in Begleitung eines Mannes zurück, der die Lederschürze eines Schmiedes trug. Er war kräftig, wie man es von einem Mann dieses Handwerks erwartete, und hatte ein freundliches Gesicht, doch er war sicherlich nicht Halpert.
„Ich bin Halpert“, sagte der Fremde. „Ihr wolltet zu mir? Braucht Euer Pferd einen neuen Beschlag?“
Hendel starrte den Mann mit offenem Mund an, bevor er sich fing.
„Ihr … Ihr seid nicht Halpert“, stammelte er schließlich.
Der Schmied grinste. „Ich werde wohl wissen, wer ich bin, guter Herr.“
„Jedenfalls seid Ihr nicht Halpert. Das werde ich wohl weit besser wissen“, sagte Hendel erregt. „Ich bin sein Bruder und kenne ihn von Kindesbeinen.“
Das Gesicht des Mannes verzog sich zu einem schiefen Lächeln. „Dann seid Ihr Hendel?“
„Selbstverständlich bin ich das.“ Hendel wurde ärgerlich. Welchen Spaß erlaubte man sich hier mit ihm? „Ich bin den weiten Weg von Alneris hierhergekommen, um meinen Bruder zu besuchen. Ihr seid nicht mein Bruder. Was, bei den Finsteren Abgründen, geht hier vor?“
Der Mann sah ihn nachdenklich an. „Von Alneris? Ja, das ist wahrhaftig ein weiter Weg. Es wäre besser für Euch gewesen, ihn nicht zu gehen.“
„Was, verdammt, soll das heißen?“ Hendel beschlich plötzlich ein ungutes Gefühl.
Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück und zuckte zusammen, als er ein leises Räuspern hinter sich hörte. Erschrocken fuhr er herum und sah die schöne Frau, die eine Kappklinge in den Händen hielt.
„Was … Was hat das zu bedeuten?“, keuchte er.
„Dass wir Euch den Rückweg ersparen“, antwortete sie mit sanfter Stimme.
Die Kappklinge zuckte so schnell herum, dass Hendel zu keiner Bewegung kam.
Für einen Moment schien die Schmiede um ihn zu kreisen, bis sein Kopf auf dem Boden aufschlug und seine Augen für immer erstarrten.
Einst hatte das Pferdevolk weit im Westen in der Nähe der Küste gelebt. Seine Stämme wohnten in runden Wehrdörfern, den Weilern, und machten sich gegenseitig das Leben schwer, denn ein Kämpfer konnte sich nur bewähren, wenn er die Pferde eines anderen Clans raubte. Dann veränderte sich das Land. Der Sand bedeckte die fruchtbaren Grasebenen und ausgedehnten Wälder, und mit dem Sand kamen die Barbaren. Der erste König einte die zerstrittenen Stämme des Pferdevolks unter seinem Banner, doch es war zu spät, um die Krieger der Sandclans zu besiegen. Das Pferdevolk musste seine Heimat verlassen und floh nach Osten, wo es das verlassene Land der Zwerge übernahm. Es überlebte den Krieg gegen den Schwarzen Lord, und als das Schlachten ein Ende hatte, stand es in Waffenbruderschaft mit dem Königreich von Alnoa.
Aus den alten Clans entstanden die Marken, die von ihren jeweiligen Pferdefürsten regiert wurden und dem König verpflichtet waren. Die militärische Macht des Pferdevolkes basierte auf seinen Pferdelords. Männern, die der Treueid zum Waffendienst rief und die mit Stolz den grünen Umhang der Kämpfer trugen, wenn das Horn sie zur Schlacht rief.
Vor vielen Jahren war es aus Eifersucht zum Zwist zwischen dem damaligen König des Pferdevolkes und dessen Bruder Garodem gekommen. Um Blutvergießen zu verhindern, war Pferdefürst Garodem mit jenen, die ihm zu folgen bereit waren, in das Gebirge von Noren-Brak gezogen. Hier, im Schutz mächtiger Berge, hatte er eine Reihe fruchtbarer Täler gefunden und die Hochmark des Pferdevolkes gegründet. Im größten Tal waren die Stadt und die Festung Eternas entstanden, umringt von ertragreichen Feldern. Kleine Siedlungen, die Weiler, standen in den anderen Tälern. Auf Familiengehöften wurden Schafe und Hornvieh gezüchtet. Die Abgeschiedenheit der Hochmark schützte sie lange Zeit vor Feinden, und die Menschen vermehrten sich und ihre Siedlungen wuchsen.
Vor dreißig Jahren bedrohte der Sturm der Orks erneut den Frieden. Garodem blieb dem Eid der Pferdelords treu und stand den anderen Marken zur Seite. Sein Bruder fiel in der Schlacht um die alnoische Königsstadt Alneris. Der Pferdefürst verzichtete auf die Krone, überließ sie dem Sohn des Bruders und kehrte in seine Hochmark zurück.
Nach vielen Kämpfen schien wieder Frieden einzukehren. Ein brüchiger Frieden, denn niemand glaubte ernsthaft, dass der Schwarze Lord der Orks sein Vorhaben, alle Feinde zu vernichten, jemals aufgeben würde.
Als damals der neue Krieg gegen die Orks begann, war Nedeam ein Knabe gewesen. Inzwischen waren dreißig Jahre vergangen und aus dem Knaben war ein stattlicher und erfahrener Krieger geworden. Er war nun zweiundvierzig Jahre alt, doch wer ihn ansah, hätte ihn für allenfalls Mitte der Zwanzig gehalten. Beides entsprach auf wunderliche Art der Wahrheit. Im Alter von dreiundzwanzig Jahren hatte er im elfischen Haus des Urbaums gegen ein Graues Wesen gekämpft, einen jener unheimlichen Magier, die dem Schwarzen Lord gegen die Menschen und ihre Verbündeten zur Seite standen. Als das Graue Wesen starb, war Nedeam auf seltsame Weise mit ihm verbunden gewesen. Ein Teil der Fähigkeiten des Zauberers ging auf den jungen Pferdelord über. Seine Wunden heilten nun weit besser und schneller, zudem schien er nicht mehr zu altern. Auch die Fähigkeit, Auren zu sehen, war hilfreich, da sie auf Gefahren hinwies. Doch diese Gabe konnte Nedeam nicht kontrollieren. Manches Mal hatte sie ihn vor einer Bedrohung gewarnt, doch ebenso oft versagte sie.
Dennoch war Nedeam dankbar dafür, dass er mit dem Grauen verschmolzen war, denn die unerwartete Langlebigkeit führte ihn und die Liebe seines Herzens zusammen. Llaranya war eine Elfin aus dem Hause Deshay und hatte lange gezögert, ihrer Liebe zu einem vergänglichen Menschen nachzugeben. Nun waren sie nach elfischer Zeremonie im Bund der Ehe vereint und hatten manches Abenteuer Seite an Seite bestanden.
Im Norden des Tales von Eternas erhoben sich die Stadt und die gleichnamige Festung. Hier führte der Pass des Eten in das neue Reich der Zwerge, dann weiter zu der nördlichen Öde von Rushaan und bis hinauf in das im Eis verborgene Land von Julinaash. Der Fluss Eten teilte das Tal von Eternas. Zu seiner Linken lagen die Stadt und die Burg des Pferdefürsten. Am Flussufer erstreckten sich die Handwerksbetriebe, Gerbereien, Töpfereien und Schmieden. Hier stampften am Tag die Brennsteinmaschinen, um in der Nacht zu schweigen. Dann folgte die Stadt mit ihren meist zweigeschossigen Häusern und ihren engen Gassen und Straßen. Hier herrschte reges Treiben, denn der Handel mit den anderen Marken und den Zwergen blühte. Selbst Händler aus dem fernen Reich Alnoa kamen in die Hochmark.
Traditionell errichtete das Pferdevolk seine Häuser aus dem sonst überreichlich vorhandenen Baustoff Holz. In der Hochmark war man jedoch gezwungen gewesen, auf Stein zurückzugreifen. Der Handel mit den anderen Marken führte inzwischen zur Lieferung der verschiedensten Hölzer, und viele Häuser zeigten nachträglich angebrachte Zierelemente und Schnitzereien.
Um die Stadt lagen die Getreidefelder und der fruchtbare Boden erlaubte zwei Ernten im Jahr. Garodem und seine Gemahlin Larwyn hatten die Hochmark zur Blüte geführt. Sie waren vorausschauend vorgegangen, denn sie wussten, dass die Mark nur eine begrenzte Zahl von Menschen ernähren konnte. So war die Zuwanderung aus den anderen Marken streng reglementiert. Der Grund lag in der isolierten Lage der Hochmark. Der Zugang war nur über den Nordpass des Eten und den Südpass möglich. Im Kriegsfall konnten diese Lebensadern blockiert werden, und dann musste die Hochmark in der Lage sein, all ihre Bewohner eigenständig zu versorgen.
Als Pferdefürst Garodem bei einem tragischen Treppensturz ums Leben kam, hinterließ er einen Sohn, Garwin, der sein rechtmäßiger Nachfolger werden sollte. Doch Garwin erwies sich als ein Mann von mangelnder Ehre, der eifersüchtig auf die Erfolge Nedeams war und sogar vor einem Mordversuch an der eigenen Mutter nicht zurückschreckte. Garwin wurde vom Pferdevolk verstoßen und lebte seitdem als Gesetzloser. Seine Mutter Larwyn hatte an seiner Stelle die Mark geführt, und ihr Tod war der Grund für die Trauer, die Nedeam und Llaranya in diesem Augenblick erfüllte.
Hier, am rechten Ufer des Eten, lag der einzige richtige Wald der Hochmark. Kein Baum hatte je ohne die Zustimmung des Pferdefürsten oder seiner Gemahlin gefällt werden dürfen, und so war er noch immer eine grüne Oase inmitten der Berge.
Hier, am rechten Ufer, erhob sich der lang gestreckte Hügel, in dem man jene Menschen beigesetzt hatte, die vor knapp dreißig Jahren dem Ansturm der Orks zum Opfer gefallen waren. Hier hatte Pferdefürst Garodem seine letzte Ruhe gefunden und hier, an seiner Seite, lag nun auch seine Gemahlin Larwyn.
„Es ist nun schon zwei Jahreswenden her“, sagte Nedeam leise und sah auf den Grabhügel hinunter, der sich noch nicht so weit abgesenkt hatte wie die anderen. „Und doch kann ich noch immer nicht begreifen, dass sie nicht mehr unter uns weilt. Sie war eine gute Herrin.“
„Das war sie ohne Frage.“ Llaranyas schlanke und doch frauliche Gestalt wurde vom zartblauen Umhang des elfischen Volkes verhüllt, doch die spitzen Ohren ließen keinen Zweifel an ihrer Herkunft. Das lange Haar trug sie offen, und es fiel ihr weit über den Rücken. Elfen waren eigentlich weißblond, doch es war eine Eigenheit der Elfen des Hauses Deshay, dass sie tiefschwarzes Haar hatten.
„Sie ruht an der Seite ihres geliebten Garodem“, sagte sie leise. „Du weißt, wie sehr sie ihn vermisst hat. Nun sind sie im ewigen Frieden vereint, und das sollte uns ein Trost sein.“
Für die Menschen der Hochmark war es ein Schock gewesen.
Das furchtbare Erdbeben hatte vor zwei Jahren auch die Mark getroffen, aber es waren glücklicherweise nur seine Ausläufer gewesen. Der Boden hatte geschwankt und einige Häuser waren beschädigt worden, doch alles war glimpflich verlaufen. Allerdings nicht ohne eine Tragödie. Ausgerechnet der alte Signalturm der Festung Eternas hatte nicht standgehalten. Unter seinen Trümmern waren viele alte Weggefährten begraben worden. Darunter Nedeams Mutter Meowyn und ihr Gemahl Tasmund, die sich in den Wohnräumen des Haupthauses aufgehalten hatten. So schmerzlich diese Verluste für Nedeam waren, weit härter traf ihn der Tod der Herrin Larwyn, die zu diesem Zeitpunkt auf der Signalplattform gestanden hatte.
„Ich vermisse sie“, bekannte Nedeam. „Sie hat die Hochmark mit Weisheit und gutem Herzen geführt.“
Llaranya schob ihre Hand in die seine und drückte sie sanft. „Du bist selbst kein ungestümer Krieger mehr, mein Liebster. Du hast viel an Weisheit gewonnen und wirst ein ebenso guter Herr der Mark sein.“
„Pferdefürst.“ Das Wort klang bitter. „Der Titel lastet schwer auf meinen Schultern. Ich wollte, ich wäre ein einfacher Pferdelord, würde das Gehöft meines Vaters bestellen und nur zu den Waffen eilen, wenn der Eid und mein Pferdefürst mich rufen. Nun bin ich selbst derjenige, der die Männer zu Kampf und Tod auffordert.“
„Rede keinen Unsinn.“ Sie deutete über den Grabhügel. „Du hast genug vom Kampf und auch vom Tod gesehen und bist nie dem Kampfrausch und der Ruhmessucht verfallen. Du weißt zu gut, was es bedeutet, den Tod zu geben oder zu empfangen. Nein, Nedeam, ich bin mir sicher, dass du deine Macht als Pferdefürst der Hochmark mit Bedacht einsetzen wirst.“
„Ja, mag sein“, antwortete er zögernd. „Doch die Zweifel bleiben.“
„Zweifel sind gut.“ Wind kam auf und spielte mit ihrem langen Haar. „Zweifel sorgen dafür, dass man seine Handlungen überdenkt. Nur darfst du dich niemals den Zweifeln ergeben. Wenn es gilt, dann musst du fest in deinem Entschluss sein. Bedenke, mein Liebster, dass du niemals alleine stehen wirst.“
Er legte den Arm um sie und zog sie an sich. Sie schmiegte sich an ihn und sie gaben sich ihrem Kuss und ihrer Liebe hin. Nichts verriet in diesen Augenblicken, welch gnadenlose Kämpferin die schöne Elfin sein konnte.
Als sie sich voneinander lösten, erklang ein leises Hüsteln. Sie wandten sich um und sahen den Ersten Schwertmann der Hochmark, Arkarim, und neben ihm die mächtige Gestalt von Fangschlag.
Das Rundohr der Orks trug seine alte Rüstung, die ihn als Legionsführer des Schwarzen Lords auszeichnete. Nedeam wusste, dass dies ein besonderer Respektbeweis des Kriegers war, welcher der toten Herrin Larwyn galt. Fangschlag hatte viele Jahre gegen das Pferdevolk und seine Verbündeten gekämpft. Er hatte sich als tapferer und ehrenhafter Feind erwiesen.
Die kräftigen Rundohren überragten einen durchschnittlichen Pferdelord um mehr als Haupteslänge, waren schwer gepanzert und stellten sich in vorderster Linie zum Kampf. Häufig deckten sie mit ihren Leibern die wesentlich kleineren und schlankeren Spitzohren. Diese waren hinterlistige Gesellen, die den offenen Kampf scheuten und ihre Pfeile und Bolzen lieber aus der zweiten oder dritten Reihe lösten. Sie waren bei den Rundohren nicht besonders beliebt, denn die Spitzohren kümmerte es im Kampf oft nicht, ob ihre Geschosse Freund oder Feind trafen.
Der Verrat eines dieser Spitzohren, Einohr, hatte zum Verlust von Fangschlags Legion geführt und diesen dazu bewogen, die Seiten zu wechseln. Nun hoffte er darauf, Einohr erneut zu begegnen, um ihn töten zu können. Obwohl sich Fangschlag immer wieder als treuer Verbündeter erwies, wusste Nedeam, dass sie nur einen Bund auf Zeit geschlossen hatten. Es mochte sein, dass der tapfere Krieger erneut in die Reihen der Rundohren trat, wenn der verräterische Einohr tot war. Es sprach für die Ehrenhaftigkeit des großen Kriegers, dass er diese Möglichkeit unumwunden einräumte. Nedeam empfand Unbehagen bei diesem Gedanken, denn aus dem einstigen Feind war längst ein verlässlicher Gefährte geworden. Fangschlags Persönlichkeit bewog den jungen Pferdefürsten immer wieder, in den feindlichen Orks nicht nur Bestien zu sehen.
Fangschlag lebte nun seit einigen Jahren in der Hochmark und trug meist eine braune Kutte, die seine Gestalt und seine gescheckte Haut verbarg. Noch immer schlug ihm Feindseligkeit entgegen, denn der Hass zwischen den Völkern war zu tief verwurzelt und durchaus begründet. Das Rundohr ertrug die Anfeindungen mit scheinbar stoischem Gleichmut und hatte ein Quartier in der Festung bezogen, um möglichst wenig mit den Bewohnern der Hochmark oder Fremden in Kontakt zu kommen. Unter den Schwertmännern und Pferdelords wurde er geachtet, und niemand wagte es, in Gegenwart eines Kämpfers abfällig über Fangschlag zu reden.
Neben dem gewaltigen Rundohr wirkte Arkarim klein und schmächtig, obwohl er hochgewachsen und durchaus kräftig war. Er war Schwertmann im Dienste der Hochmark gewesen. Die Schwertmänner bildeten die stehende Truppe einer Mark. Ihr Pferdefürst kam für Ausrüstung und Versorgung auf sowie für ein bescheidenes Handgeld. Die Aufwendungen wurden aus jenem Anteil beglichen, den jeder Bewohner einer Mark seinem Herrn zu entrichten hatte. Für die Familien auf den Gehöften war es ein eher symbolischer Betrag, der daraus bestehen mochte, dass man bei der Ernte auf den Feldern der Stadt half. Für Handelsherren wie den vermögenden Herrn Helderim konnte es sich hingegen um einen ansehnlichen Beutel goldener Schüsselchen handeln.
Die Anzahl der Schwertmänner unterschied sich von Mark zu Mark. Sie hing von ihrer Größe, einer möglichen Bedrohung durch eine nahe Grenze und der Aufwendung des Pferdefürsten ab. Garodem hatte einst über nur fünfzig Kämpfer verfügt, inzwischen brachte die Hochmark acht Hundertschaften, sogenannte Beritte, in den Sattel. Für eine relativ kleine Mark war dies eine stattliche Zahl, doch die Stärke der Schwertmänner war wohlbegründet. Gemeinsam mit dem Zwergenvolk hielt die Hochmark die Nordfeste besetzt.
Gleichgültig, aus welcher Mark ein Schwertmann kam, sie alle beherrschten Schwert, Stoßlanze und Bogen in Perfektion. Sie trugen die beigefarbenen Reithosen und den metallenen Harnisch. Alles Lederzeug hatte die typische rotbraune Farbe des Pferdevolkes. Ihre Kennzeichen waren die fußlangen Umhänge aus grünem Wollstoff und die hohen Helme mit Nackenschutz und Rosshaarschweif. Wenn man die Beritte der Marken zusammenführte, so unterschieden sie sich nur an den schmalen Säumen der Umhänge und dem Rosshaar. Diese waren in den Kennfarben der Marken gehalten. Garodem hatte für seine Hochmark ein kräftiges Blau gewählt, und Pferdefürst Nedeam führte diese Tradition weiter.
Die Schwertmänner waren nicht die einzigen Kämpfer des Pferdevolkes. Jeder waffenfähige Mann konnte sich freiwillig als Pferdelord verpflichten. Er leistete den Treueid und erhielt das Recht, den grünen Umhang der Kämpfer zu tragen. Rief der Pferdefürst die Pferdelords zu den Waffen, dann sattelten sie ihre Pferde, verließen Gehöft, Weiler oder Stadt und führten an Waffen, was ihnen zur Verfügung stand. Oft genug eine kräftige Axt, mit der sich Holz und Schädel gleichermaßen spalten ließen. Einmal im Jahr wurden sie zusammengerufen, damit sie den Umgang mit der Stoßlanze übten, welche die Waffenkammer des Pferdefürsten stellte.
Kein Pferdelord war verpflichtet, in den Krieg zu ziehen, wenn die Marken nicht direkt bedroht waren. Dies war ein Brauch aus alten Tagen, der jeglichen Eroberungsgelüsten eines Pferdefürsten entgegenwirken sollte.
Der Pferdefürst war der uneingeschränkte Herr seiner Mark, und doch hatte seine Macht Grenzen. Regierte er schlecht, so konnte er vom Rat der Pferdefürsten abgesetzt werden. Die Schwertmänner seiner Mark entschieden dann über die Nachfolge und konnten einen Mann aus ihren Reihen bestimmen.
Im Fall der Hochmark hatte die Hohe Dame Larwyn das Erbe ihres Gemahls Garodem angetreten, und sie hatte sehr darunter gelitten, dass der gemeinsame Sohn Garwin zum Renegaten geworden war. Nach ihrem Tod beim Einsturz des alten Turms und Hauptgebäudes hatte die Beratung der Schwertmänner nicht lange gewährt. So trug nun der einstige Erste Schwertmann der Hochmark, Nedeam, die Bürde der Verantwortung, und er war froh, Arkarim an seiner Seite zu wissen.
Arkarim hatte Nedeam schon als Scharführer in manches Abenteuer begleitet, und so schien es selbstverständlich, dass er die Nachfolge seines Freundes als Erster Schwertmann antrat. Auch Arkarim sehnte sich nicht nach dieser Last, und doch erfüllte sich damit für ihn ein Herzenswunsch.
Den Schwertmännern einer Mark war es verwehrt, ein Weib zu nehmen und eine Familie zu gründen. Die Sorge um die Ihren sollte sie im Kampf nicht beeinflussen. Nur der Erste Schwertmann bildete eine Ausnahme, denn seine Familie hatte einst als Faustpfand der Treue zu seinem Pferdefürsten gedient. Die Zeiten, in denen sich das Pferdevolk gegenseitig bekämpfte, waren lange vorbei, doch die Tradition hatte sich gehalten. Arkarim trug nun symbolisch das Banner des Pferdefürsten, und so hatte er endlich seine geliebte Etana heiraten können. Nedeam wusste nur zu gut, dass etliche seiner Schwertmänner ihre Liebschaften hatten. Natürlich nur in aller Heimlichkeit, obwohl sicher jeder davon wusste und keiner darüber sprach. Der neue Pferdefürst der Hochmark war fest entschlossen, mit der alten Tradition zu brechen, die so vielen Männern ihr Glück verwehrte, und hatte vor, dies bei der nächsten Versammlung des Rates zur Sprache zu bringen.
„Es ist an der Zeit, Hoher Lord“, sagte Arkarim leise. „Der Beritt ist bereit.“
Nedeam erwiderte den Druck von Llaranyas Hand. „Ich weiß. Geht schon vor, Arkarim, ich werde Euch folgen.“
Die beiden Freunde, denn Nedeam zählte auch Fangschlag zu ihnen, gingen zu der kleinen Brücke, die über den Eten zur Stadt führte. Der Pferdefürst und seine Elfin wandten sich hingegen dem nahen Wald zu.
Seite an Seite und mit langsamen Schritten näherten sie sich den Bäumen. Sie wussten, dass ein Abschied nahte, den sie beide nicht wünschten.
„Ich sollte bei dir sein“, sagte Nedeam traurig.
„Ja, das würde ich mir wünschen“, bekannte Llaranya.
Als elfischem Wesen lag ihr jede Lüge fern, obwohl sich Nedeam das in diesen Augenblicken wünschte. Ein paar tröstende Worte hätten ihm die Trennung leichter gemacht.
„Es ist deine erste Schröpfung“, fügte er hinzu.
„Du könntest mir dabei nicht helfen“, sagte sie freimütig. „Und ich würde deine Präsenz kaum spüren. Aber ich bin nicht allein. Meine elfische Schwester Leoryn wird über mich wachen.“
Leoryn war nicht die leibliche Schwester Llaranyas, aber sie war immerhin eine Elfin, wenn auch aus dem Hause Elodarions. Sie und ihr Bruder Lotaras hatten entschieden, bei ihren Freunden in der Hochmark zu bleiben, als die Elfen das Land verließen. Es war ein großes Opfer, und die Hohe Dame Larwyn hatte den spitzohrigen Freunden bereitwillig den kostbaren Wald überlassen. Hier war ein typisches Haus der Elfen des Waldes entstanden, welches sich die Geschwister teilten, während Llaranya mit Nedeam in der Festung lebte.
Doch nun näherte sich ein Zeitpunkt, der für jeden Elfen von außergewöhnlicher Bedeutung war.
Das Volk der Elfen war unsterblich, sofern das Leben nicht durch Krankheit oder gewaltsamen Tod beendet wurde. Diese Unsterblichkeit hatte ihren Preis. Es gab nur wenige Geburten, und Kinder waren daher das höchste Gut des Volkes. Zudem musste sich jeder Elf in einem Abstand von ungefähr fünfhundert Jahren der Schröpfung unterziehen. So aufnahmefähig ein Gehirn auch sein mochte, so war seine Fähigkeit dennoch begrenzt. Es kam der Zeitpunkt, an dem es von den Eindrücken des Lebens überfüllt war, und dies führte unweigerlich zum Wahnsinn. Die Elfen hatten jedoch eine Möglichkeit ersonnen, sich davor zu schützen. Bei der Schröpfung wurde eine Zeremonie vollzogen, die den Geist eines elfischen Wesens von seinem Wissen befreite und nur eine rudimentäre Erinnerung übrig ließ. Damit nichts verloren ging, schrieb ein Elf, der sich der Schröpfung unterziehen musste, zuvor alle wichtigen Ereignisse nieder.
Llaranyas Zeit war nun gekommen, und sie hatte in den letzten Monaten eifrig aufgeschrieben, was ihr von Bedeutung erschien. Jetzt musste die Zeremonie vollzogen werden, die nur von Elfen durchgeführt werden konnte. Es war für Llaranya und auch für die Geschwister Lotaras und Leoryn die erste Schröpfung, und Nedeam verspürte Furcht um sein geliebtes Weib. Obwohl er Vertrauen in die elfischen Fähigkeiten hatte, nagten die Zweifel an ihm, ob Llaranya ihn nach der Schröpfung noch immer lieben würde.
Diese Furcht wurde immer größer, je näher sie dem Wald und dem elfischen Haus kamen.
Nedeam hatte beim Bau geholfen und Handreichungen gemacht, doch die meiste Arbeit hatten die drei Elfen bewältigt. Es gab wohl nur wenig, in dem es ein Elf nicht zur Vollkommenheit brachte. Das kleine Haus zeigte alle Kunstfertigkeit des elfischen Volkes. Es verfügte über mehrere Räume, die sich dem natürlichen Wuchs des Baumes anpassten und in verschiedene Ebenen eingeteilt waren. Feine Schnitzereien verzierten die Handläufe und die Rahmen der Türen und Fenster. Als Zugeständnis an die gelegentlich unfreundliche Witterung der Hochmark hatte man Klarsteinscheiben eingesetzt. Viele der Möbel waren von Tischlern des Pferdevolkes gefertigt worden und die Elfen hatten die Geschenke aus Höflichkeit angenommen, auch wenn sie, im Vergleich zu denen ihres Volkes, eher grob und kantig wirkten. Nedeam fragte sich immer wieder, wie es den Elfen wohl gelang, ihren zierlichen Möbelstücken ein solches Maß an Festigkeit zu verleihen.
Die Elfen waren geschickte Kletterer, und doch hatten sie an diesem Haus eine Konstruktion angebracht, welche diese Mühsal ersparte. Über Rollen und Gegengewichte wurde eine kleine Plattform bewegt, die den bequemen Aufstieg oder Abstieg ermöglichte. Nedeam hatte den durchaus berechtigten Verdacht, dass dies ihm zuliebe geschah, denn er besaß nicht die unnachahmliche Geschicklichkeit des elfischen Volkes.
So war es sicherlich Höflichkeit, die Llaranya dazu veranlasste, die Plattform gemeinsam mit Nedeam zu nutzen und sich langsam in die untere Ebene des Hauses hinauftragen zu lassen. Nervös glitt die Hand des Pferdefürsten dabei über das zierliche Geländer des Fahrkorbs, und er hatte keinen Blick für die filigranen Blattschnitzereien und die sorgfältige Bemalung übrig.
Lotaras und Leoryn, die elfischen Geschwister mit dem weißblonden Haar ihres Volkes, erwarteten sie bereits im gemeinsamen Wohnraum. Einige Kerzen brannten und betörende Düfte fremdartiger Essenzen erfüllten den Raum. Dies war eher ungewöhnlich, und Nedeam runzelte überrascht die Stirn.
Leoryn, die eine hervorragende Heilerin war, deutete um sich. „Dies ist die Vorbereitung der Schröpfung, Pferdelord. Llaranya hat ihr Wissen niedergeschrieben, und nun ist es an der Zeit, ihren Geist von unnötiger Last zu befreien.“
Der Pferdefürst war schon oft in diesem Raum gewesen und ihm fiel auf, dass es ein neues Regal gab, in dem sich die Schriftrollen stapelten. „Das alles ist von Llaranya?“
„Fünfhundert Jahreswenden ihres Lebens“, bestätigte die Heilerin. „Wir werden die Rollen später zu Büchern zusammenfassen. So wie es bei unserem Volk üblich ist.“
„Ihr müsst verdammt viele Bücher in euren Häusern haben“, seufzte Nedeam.
„Sehr viele.“ Lotaras grinste breit. „Da unsere Häuser zu den neuen Ufern aufgebrochen sind und ihre Bücher mitgenommen haben, ist uns nur wenig von dem alten Wissen geblieben. Vieles von dem, was unser Volk kennt, bleibt uns somit verborgen. Dies ist der Anfang eines neuen Hauses und es werden noch viele Aufzeichnungen folgen.“ Er lachte freundlich. „Wir Elfen haben ein langes Leben.“
Alle drei Elfen waren mit ihrem Alter von fünfhundert Jahren noch außerordentlich jung und sie alle standen vor ihrer ersten Schröpfung. Llaranya würde sie als Erste erleben. Fünfhundert Jahre … Dabei sah sie aus wie eine allenfalls Zwanzigjährige. Nedeam kannte den elfischen Gelehrten Mionas, der einem würdigen alten Patriarchen glich. Das Aussehen verriet nur wenig über das wahre Alter eines Elfen. Sie besaßen die Fähigkeit, den Alterungsprozess ihres Körpers zu einem beliebigen Zeitpunkt anzuhalten, ihn fortzusetzen und erneut zu unterbrechen. Sie waren in der beneidenswerten Lage, ihre Erscheinung wählen zu können. Allerdings ließ sich die körperliche Alterung nicht rückgängig machen. Immerhin blieben Elfen auch nach einem langen Leben von den Gebrechen der Menschen verschont.
„Nedeam sorgt sich.“ Llaranya sah ihren geliebten Mann mit sanftem Lächeln an.
„Wegen der Schröpfung?“
„Er fürchtet, ich könnte vergessen, wem mein Herz gehört.“
„Oh.“ Leoryn nickte. Ihr Blick war verständnisvoll, als sie zu Nedeam trat und seine Hand ergriff. „Sei unbesorgt. Die Empfindungen des Herzens und die Kenntnis von Personen bleiben unberührt. Auch ihre Fertigkeiten werden nicht angetastet. Doch die Erlebnisse einzelner Tageswenden, Monde oder Jahreswenden, sie werden aus ihrem Gedächtnis entnommen. So wird ihr Geist frei für neue Eindrücke und Erlebnisse.“
„Wie … wird das geschehen?“
Llaranya seufzte leise. Sie hatte es Nedeam in den vergangenen Wochen schon oft erklärt und doch waren seine Zweifel und Ängste geblieben. „Essenzen werden mir helfen, in einen tiefen Schlaf zu sinken. Leoryns Geist wird über mich wachen. Es ist eine … Verschmelzung … und sie kann nur von jenen durchgeführt werden, die reinen elfischen Blutes sind.“
„Sei ohne Sorge“, warf Lotaras ein. „Wir sind vom Hause Elodarions und somit von allerreinstem Blut. Du brauchst dich nicht zu ängstigen.“
„Du musst zur Feste.“ Llaranya zog Nedeam an sich und spürte das leichte Zittern seines Körpers. „Der Beritt und die Pflichten eines Pferdefürsten warten.“
Sie küssten sich, und es fiel ihnen beiden schwer, sich wieder zu trennen.
Lotaras griff neben sich und warf sich Pfeilköcher und Bogen über die Schulter. Als Nedeam die Stirn runzelte, lachte der Elf unbeschwert. „Ich werde dich auf deinem Weg begleiten, mein Freund. Llaranya würde es mir niemals verzeihen, wenn dir ein Leid geschähe. So mag es hilfreich sein, wenn du mich an deiner Seite hast.“
Nedeam war schon oft an Llaranyas Seite in den Kampf geritten. Sie war nicht nur die Frau seines Herzens, sondern auch eine überaus fähige Kriegerin, die den Umgang mit dem elfischen Langbogen und der leicht geschwungenen Elfenklinge perfekt beherrschte. Er musste sich eingestehen, dass ihre Reflexe besser als die seinen waren. Das hatte er in manchem spielerischen Übungskampf erfahren.
„Wir werden kaum zum Kampfe kommen“, antwortete er. „Es ist ein Freundschaftsbesuch im Reich Alnoa. Doch mag es nicht schaden, wenn die Ritter der Garde einen Elf zu Gesicht bekommen.“
„Gut.“ Lotaras nickte mit zufriedenem Gesicht, umarmte seine Schwester Leoryn und auch Llaranya. „Dann sollten wir gehen.“
Er packte Nedeam in freundschaftlicher Geste am Arm, denn er spürte, wie schwer dem Pferdefürsten die Trennung fiel.
Lotaras hatte unzweifelhaft recht. Es gab keinen Grund, die unausweichliche Trennung hinauszuzögern, zumal sie sich in wenigen Zehntagen wiedersehen würden. Nedeam leckte sich über die Lippen und glaubte, etwas von Llaranyas Duftwasser zu schmecken. Dann nickte er den beiden Frauen zu und wandte sich zur Plattform, die ihn gemeinsam mit Lotaras dem Boden entgegen trug.
Während sie über den weichen Waldboden schritten, sah Lotaras den Freund nachdenklich an. „Ich hoffe, du hast das nicht ganz ernst gemeint.“
„Was soll ich nicht ernst gemeint haben?“
„Dass es keinen Kampf geben wird.“
Nedeam lachte auf. „Nein, den wird es nicht geben. Wir reiten zu der neuen Festung am Spaltpass. Dort werden wir eine Weile mit der Garde Alnoas üben und unseren Freundschaftsbund festigen. Es wird nur Übungskämpfe geben.“
Lotaras seufzte. „Besser, als sich überhaupt nicht im Kampf zu messen. Weißt du eigentlich, wie langweilig mein Leben geworden ist? Leoryn zu beobachten, wie sie ihre Kräutertränke und Salben mischt und die Wirkung von Pflanzen erforscht, ist nicht gerade erfüllend. Und das Rezitieren elfischer Gedichte mag einem Krieger zwar durchaus gebühren, doch ein Krieger braucht auch das Schwirren der Bogensehne und das Singen seiner Klinge.“
„Mir scheint, du bist ein ziemlich blutrünstiger Elf.“
„Nein, Nedeam, mein Freund, nur ein gelangweilter Elf, und das ist weit schlimmer.“ Lotaras seufzte erneut. „Nun, vielleicht haben wir Glück und begegnen am Spaltpass ein paar Orks.“
Nedeam legte dem Freund die Hand auf die Schulter. „Du solltest deine Hoffnung lieber nicht darauf setzen. Seit Jahreswenden hat sich kein Ork mehr an den Grenzen gezeigt, und ich bin froh darüber. Wenn sie erscheinen, so treten sie stets mit Macht auf. Unser Winterfeldzug nach Merdoret hat gezeigt, dass sie zu kämpfen lernen. Sie werden immer gefährlicher. Ohne den flammenden Atem der Lederschwingen hätten sie damals die weißen Sümpfe überquert und Merdonan genommen.“
„Der Schwarze Lord wird keine Ruhe geben, bis alle freien Völker vernichtet sind.“
„Fangschlag ist derselben Meinung“, räumte Nedeam ein. „Gerade deshalb ist es wichtig, unser Bündnis mit dem Königreich Alnoa zu festigen.“
„Vielleicht hat das Beben sie erwischt.“ Lotaras warf einen kurzen Blick in den gut gefüllten Pfeilköcher, der an seinem Gürtel hing. „Das Tanzen der Erde soll ja im Königreich Alnoa sehr heftig gewesen sein. Ich kann mir vorstellen, dass es im Land der Orks noch weitaus schlimmer gewütet hat.“
Nedeam zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Doch auf eine solch gute Fügung des Schicksals würde ich mich nicht verlassen.“
Der Elf grinste vergnügt. „Ja, vielleicht treffen wir doch auf ein paar Orks. Spitzohren wären für Zielübungen nicht zu verachten.“
„Warum keine Rundohren? Aus Rücksicht auf unseren Freund Fangschlag?“
„Nun, ich will ehrlich sein … Du kennst doch die Rundohren. Vorneweg auf den Feind los und ein verdammt großes Ziel. Leicht zu treffen. Aber die kleinen feigen Spitzohren huschen immer umher und versuchen, sich zu verstecken. Sie sind für einen Bogenschützen die größere Herausforderung.“
Sie schritten über die kleine Brücke ans andere Ufer. Hier war der Eten noch schmal und bescheiden, da er im Quellgrundweiler entsprang. Inzwischen kannte Nedeam auch seinen Verlauf im fernen Land Julinaash, wo er stark und reißend war.
Das linke Ufer kam einer anderen Welt gleich. Vom nahen Handwerksviertel drang eine Vielzahl an Geräuschen und Gerüchen zu ihnen, und die wenigsten davon waren angenehm. Der Geruch von Urin, mit dem das Leder gegerbt wurde, und von erhitztem Eisen aus den Schmieden trieb mit dem Wind heran. Das monotone Stampfen eines Schlagwerks war zu hören.
Nedeam sah missbilligend auf eines der Abflussrohre der Kanalisation. Die einstige Herrin Larwyn hatte seinen Blick für diese Dinge geschärft. „Das Rohrsystem muss gereinigt werden“, sagte er zu sich selbst. „Und wir brauchen mehr Dungschlepper in der Stadt. All die Menschen produzieren eine Menge Abfall und das bekommt dem Fluss nicht. Da muss ich mir etwas einfallen lassen.“
Lotaras nickte. „Du solltest nicht jeden Dung aus der Stadt schlämmen. Einiges könnte man trocknen und dann verbrennen. Es riecht nicht besonders angenehm, aber zu viel Dung ist weder für den Fluss noch für die Felder gut. Ihr Menschen müsst mehr maßhalten. Lebt mit der Natur und nicht gegen sie.“
„Es ist der Fortschritt“, sagte Nedeam düster. „Dampfmaschinen stampfen, wo einst der Hammer des Schmiedes auf dem Amboss erklang. Brennsteinlampen glühen, wo zuvor offene Brennsteinbecken standen. Und es gibt sogar Maschinen, die eine Naht schneller setzen, als jede Näherin.“
„Maschinen können hilfreich sein“, gab Lotaras zu. „Doch sie können sich auch als Fluch erweisen. Denk an die einstige Macht des Reiches von Rushaan. Es besaß metallene Menschen und stählerne Schwingen, und doch ging es unter.“
„Weil es im Krieg mit den Magiern von Jalanne stand.“
„Fortschritt kommt aus dem Geist des Menschen. Doch der Geist muss diesen Fortschritt beherrschen und darf nicht hinter ihm zurückbleiben. Die Macht der Maschinen macht den Menschen bequem, Nedeam, mein Freund. Es kann eine Zeit kommen, in der die Maschinen nicht dem Menschen dienen, sondern umgekehrt.“
Nedeam lachte auf und verstummte, als er das ernste Gesicht seines Freundes sah. „Du redest, als sei dies bereits einmal geschehen.“
„Es gab Zeiten, die euch Menschen vom Pferdevolk unbekannt sind“, erwiderte der Elf. „Und die euch besser verborgen bleiben.“
Nedeam verspürte ein leichtes Frösteln zwischen den Schulterblättern. Er wusste bereits, dass die Elfen viel von ihrem Wissen geheim hielten. Er konnte sich an die Metallpferde von Julinaash erinnern, welche die Macht der Sonne gegen den Feind richteten, und auch daran, dass Llaranya diese furchtbaren Waffen offenbar erkannt hatte. Auf seine Frage hin hatte sie nur auf die Schriften der Elfen verwiesen und Nedeam wusste, dass es keinen Sinn hatte, weiter in sie zu dringen. Die Häuser des unsterblichen Volkes verbargen ihr Wissen wohl aus gutem Grund.
Rechts von ihnen lag nun die alte Festung von Eternas.
Pferdefürst Garodem hatte sie einst als erstes Bauwerk in der Hochmark errichten lassen, denn er hatte sich damals um den Schutz der Menschen gesorgt. Es war eine kleine und bescheidene Anlage gewesen, die im Verlauf von Nedeams Leben immer weiter ausgebaut wurde.
Eine wehrhafte Mauer umgab den vorderen und hinteren Burghof und eine etwas kleinere trennte die beiden Höfe voneinander. Zum Süden hin flankierten zwei quadratische Türme das mächtige Haupttor. Im Gegensatz zu den üblichen Festungstoren wurde dieses nach außen geöffnet. Dies hatte den Vorteil, dass eine Ramme das Tor noch fester in seine Bettungen presste, statt es aus den Angeln zu schmettern. Im Inneren der Anlage standen das Haupthaus mit dem Signalturm von Eternas und die alten Unterkünfte der Schwertmänner. Schmiede, Vorratshaus, Heilerstube und Ställe waren im inneren Burghof untergebracht, der nach Norden zeigte. Die dortige Mauer war im Halbrund errichtet und breit genug, dass man dort drei der neuen Dampfkanonen hatte aufbauen können. Sie zeigten zum Pass des Eten, der nun von der Nordfeste geschützt wurde.
Haupthaus und Signalturm hatten bei dem Beben schwerste Schäden erlitten, und ihr Einsturz hatte viele wertvolle Leben gekostet. Nedeam war sich unsicher gewesen, ob man es wieder aufbauen sollte, aber Llaranya und die Schwertmänner hatten ihn überzeugt. Inzwischen war das Haupthaus erneuert und die Wohnräume und die große Halle von Eternas waren wieder verfügbar. Am neuen Signalturm wurde noch immer gearbeitet. Er sollte höher werden als der alte Turm. Auf ihm würde einer der neuen Sonnenspiegel errichtet werden, den man nachts auch mit Brennsteinlampen betreiben konnte. Umlenkspiegel erlaubten es jederzeit, das Licht in die polierte Fläche zu leiten, und Klappen dienten dazu, es zu unterbrechen. Gemeinsam mit dem Reich von Alnoa hatte man ein System entwickelt, bei dem kurze und lange Lichtblitze die Übertragung von Botschaften erlaubten. Solche Signalstationen standen inzwischen im gesamten Einflussbereich des Bündnisses. Eine Kette von ihnen durchzog sogar den Pass des Eten, um die Hochmark mit der Nordfeste zu verbinden. Da der neue Signalturm von Eternas noch nicht fertig war, hatte man die Konstruktion vorerst auf einem der Südtürme installiert.
