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Eddie Toast ist ein ganz gewöhnlicher Junge. Doch eines Tages bricht seine Welt vollkommen zusammen. Sein Bruder wird entführt. Aber das ist noch nicht alles. Nun muss er feststellen, dass seine Eltern nicht die sind, für die er sie immer gehalten hat – und er auch nicht. Während sich seine Eltern auf eine lange Reise begeben, um die Ursache der Entführung zu ergründen, wird Eddie immer weiter in Dinge Verwicklungen verstrickt, die seine Fähigkeiten weit übersteigen. Zum Glück gibt es einen Begleiter, der ihm dabei zur Seite steht – und der ihm dabei hilft, zu begreifen, wie die Welt wirklich ist und welche Rolle er darin spielt. Ein Abenteuer reiht sich ans nächste. Bleibt die Frage, ob er seiner Begleitung wirklich vertrauen kann – oder ob sie ihn nur für ihre eigenen Zwecke benutzt? Kann Eddie seinen Bruder finden und das Geheimnis aufklären…?
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Martin Cordemann
Eddie Toast
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Schlimmes Erwachen
Auf dem Schulweg
Maskerade
Phantombilder
Puzzlesteine
Die Masken fallen
Ed Vent’sha
Abschied von den Eltern
Allein
Überraschung
Das Paket
Aufbruch
Überraschungsgäste
Die Flucht gelingt
Entsetzen!
Der Babysitter
Flucht von der Erde
Auto fahren
Fast Food
Schlüsselmomente
Das Puzzle setzt sich zusammen
Der Plan
Angriff
Verrat!
Peter wird befreit
Entdeckt
Schlussfolgerungen
Eine neue Spur
Ferngespräch
T’onn D’orr
Großer Rat und große Enttäuschung
Ein gutes Ende
Impressum neobooks
Als Eddie Toast an diesem Morgen aufwachte, wusste er noch nicht, dass sich sein Leben an diesem Tag von grundauf ändern würde.
Zunächst war alles ganz normal. Sein Wecker klingelte. Er drückte auf die Schlummertaste und drehte sich um. Seine Mutter würde ihn schon wecken. Seine Mutter weckte ihn immer. Jeden Morgen. Immer, wenn er zur Schule musste. Immer, wenn er die Schlummertaste seines Weckers drückte.
Heute kam sie nicht.
Die Zimmertür blieb zu.
Mutter kam nicht herein gestürmt und rief, er solle endlich aufstehen.
Stattdessen hörte er ein Summen. Das Summen seines Weckers. Laut. Unangenehm. Anstrengend. Er kannte das Geräusch nicht. Hatte es noch nie gehört. Seine Mutter kam immer, bevor sich der Wecker noch mal meldete.
Langsam wurde Eddie wach. Drehte sich auf die Seite. Öffnete ein Auge. Der Wecker gab sein nerviges Geräusch von sich. Als wollte er von einem Schuh getroffen werden. Eddie tastete mit einer Hand nach einem Schuh. Unter seinem Bett musste doch einer sein.
Er fand keinen. Und im Hause blieb es still. Seine Mutter kam nicht. Nicht, um ihn zu wecken. Nicht, um seinen nervtötenden Wecker auszuschalten. Sie blieb einfach weg. Nichts war zu hören. Gar nichts.
Eddie wurde mulmig zumute. Irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas war hier ganz und gar nicht in Ordnung. Schon vor einiger Zeit hätte jemand in sein Zimmer kommen müssen. Um ihn zu wecken. Um ihn auszuschimpfen. Um dieses nervige Geräusch abzustellen. Um... aus welchem Grund auch immer. Wo blieben die alle?
War heute Sonntag und niemand hatte es ihm gesagt? Oder ein Feiertag, über den ihn niemand informiert hatte? Klingelte sich sein Wecker gerade völlig sinnlos zu Tode, obwohl er eigentlich friedlich hätte weiter schlummern können?
Mühsam bekämpfte Eddie den Kloß in seinem Hals. Es war kein Feiertag! Es war nicht Sonntag! Es war nur niemand gekommen, um ihn zu wecken. Etwas musste passiert sein. Etwas Unerwartetes. Etwas... Schlimmes?!
Vorsichtig tastete Eddie nach dem Wecker. Schickte ihn zurück in den Schlaf. Dann stand er auf. Langsam. Vorsichtig. Leise. Schlich sich zur Tür. Nur im Schlafanzug. Und presste sein Ohr an die Tür.
Draußen war es ruhig. Im Haus. In dem Haus, in dem er wohnte. Mit seinen Eltern und seinem kleinen Bruder. Alles war still. Es war niemals still, wenn er aufwachte. Irgendwelche Küchengeräte waren an, der Rasierer seines Vaters surrte, das Radio lief, sein Bruder quengelte. Nichts davon war zu hören. Gar nichts.
Eddie versuchte ruhig zu atmen. Es gab keinen Grund, sich zu ängstigen. Warum sollte es einen Grund dafür geben? Okay, er war nicht geweckt worden wie jeden Morgen. Okay, niemand schien im Haus zu sein. Okay...
Nein! Nichts war okay! Überhaupt nicht! Aber... was konnte er tun? Sich in seinem Bett verkriechen, bis alle wieder da waren. Ja, das war eine gute Idee. Vielleicht noch ein bisschen schlafen. Moment. Ihm kam ein Gedanke. Schlafen! Das war es! Das war die Lösung! Er schlief noch. Er war gar nicht wach. Das alles war ein Traum. Ein merkwürdiger Traum zwar, aber ein Traum. Das war... gut?
Eddie war sich nicht sicher. Er kannte seine Träume. Er wusste, was in ihnen passierte. Man traf auf irgendein unheimliches Wesen und wollte weglaufen... aber man kam nicht von Fleck. Im Traum kam man niemals vom Fleck, wenn man flüchten musste. Und wenn er wirklich träumte, würde da draußen irgendein Ungeheuer auf ihn warten. Also warum sollte er da hinaus-
Ein Geräusch. Etwas fiel laut scheppernd zu Boden. Da war jemand. Da war jemand! Oder... etwas!
Eddie schluckte und drückte vorsichtig die Klinke herunter. Es war nur ein Traum. Es war nur ein Traum! Nein! Falscher Weg! Kein Traum! Es war alles, nur kein Traum! Kein Traum, kein Ungeheuer, keine Angst. Es war alles ganz normal und jemand war in der Küche und schmiss einen Topf oder so etwas auf den Boden.
Er schob langsam die Tür auf und lugte durch den Spalt. Niemand zu sehen. Nichts zu hören. Alles war wieder still. Alles war...
Ein weiterer Topf ging zu Boden. Scheppernd. Laut. Eddie atmete tief durch. Vielleicht waren es Einbrecher. Sie hatten seine Eltern gefesselt und jetzt schmissen sie mit Pfannen und Töpfen herum. Was nicht unbedingt ein cleverer Plan war. Aber wer sagte ihm denn, dass Einbrecher clever sein mussten? Eddie dachte nach. Er konnte weglaufen. Auf die Haustür zu rennen, auf die Straße laufen und um Hilfe schreien. Aber vielleicht war ja alles in Ordnung?
Getuschel kam aus der Küche. Leises Kichern. Kichern war gut. Kichern bedeutete Sicherheit. Freude. Friede. Dass alles in Ordnung war.
Eddie nahm all seinen Mut zusammen. Alles war in Ordnung. Er ging einen Schritt auf die Küchentür zu. Sie war halb offen. Alles war in Ordnung. Ein weiterer Schritt. Durchatmen. Alles war in Ordnung. Kein Grund für Angst. Er war eben nur nicht geweckt worden. Alles war in Ordnung. Er erreichte die Küchentür. Ein Schatten bewegte sich schnell hinter den Küchentisch. Alles war in Ordnung. Eddie trat in den Türrahmen. Sah in die Küche. Alles war in Ordnung. Er atmete noch einmal tief durch und ging hinein. Unsicher flüsterte er: „Hallo?“ Alles war in-
„Uaaaaaaahhhhrggghhhhhh!“
Ein grüngesichtiges Monster sprang hinter dem Küchentisch hervor.
Eddie schrie auf vor Angst.
Es war nur ein Traum, es war nur ein Traum, es war nur ein Traum!
Er drehte sich um, um aus der Küche zu rennen. Aber er konnte nicht. Nicht, weil er nicht vom Fleck kam. Das funktionierte ganz gut. Offenbar war es doch kein Traum. Aber er kam keinen Schritt weit, weil ein anderes Monster ihm den Weg versperrte. Es hatte keine grüne Haut, sondern blaue. Aber das half Eddie auch nicht weiter.
Schreiend versuchte er, sich an dem Monster vorbei zu kämpfen. Er wollte die Haustür erreichen. Wollte auf die Straße laufen und schreien. Wollte...
Lachen?
Eddie hörte auf zu strampeln. Was war das? Die Monster lachten? Tatsächlich. Na, wenigstens würde er von freundlichen Ungeheuern gefressen werden. Was für ein Trost.
Das Monster, das ihn im Arm hielt, griff sich mit einer Hand an den Kopf. Eddie befürchtete schlimmes. Er hatte genug Filme über Außerirdische und andere Dämonen gesehen. Das Ding griff sich an ein Horn und zog daran. Seine Gesichtshaut begann sich zu straffen. Die Haut... löste sich vom Gesicht. Jetzt war es aus. Jetzt war alles vorbei. Wenn sich ein Monster die Haut vom Gesicht zog, das wusste er, würde alles ein schlimmes Ende nehmen. Dann würde er ein schlimmes Ende nehmen.
Mit einem Plopp zog sich die komplette Haut vom Kopf des Monsters und was darunter zum Vorschein kam, war... das Gesicht seines Vaters. Es grinste ihn lachend an und schrie: „Fröhliches Halloween!“
Eddies Vater lachte. Sie hatten ihn reingelegt. Es war alles nur ein Spaß gewesen. Denn sie hatten gewusst, dass er so reagieren würde. Sein Vater knuffte ihn freundlich in den Arm, während er sich die Tränen aus den Augen rieb.
„Wir wussten, dass du darauf reinfallen würdest!“ sagte er lachend.
Seine Mutter lächelte ihn an.
„Du bist so ein misstrauischer kleiner Bursche“, sagte sie und strich ihm eine Strähne aus der Stirn. „Wir wussten, dass du so reagieren würdest, wenn ich dich nicht wecken würde.“
Was sie alles wussten.
Und was er nicht wusste! Halloween. Natürlich. Damit hatte er nicht gerechnet. So lange wurde dieser Tag in diesem Land noch nicht gefeiert. An Karneval war er gewöhnt, seit er sich erinnern konnte. Da gab es Umzüge mit Wagen, da flogen Süßigkeiten durch die Luft und da verkleidete man sich. Aber Halloween hatte man erst vor kurzem auch in Deutschland eingeführt. Und noch wurde es nicht mit vorhersehbarer Regelmäßigkeit gefeiert. Ein Umstand, den sich seine Eltern zunutze gemacht hatten. Um ihn hereinzulegen. Und sogar sein kleiner Bruder hatte mitgespielt. Eddie seufzte. Das Leben eines Zwölfjährigen konnte schon sehr anstrengend sein.
„Natürlich gehst du nicht verkleidet in die Schule!“
„Aber ich will aber!“
Peter, Eddies kleiner Bruder, sträubte sich. Er war wie irgendein Monster gekleidet, das sich nachts unter den Betten von Kindern versteckte und dann später mit seinen Kollegen von der Spätschicht in der Kneipe an der Ecke einen trinken ging. Jedenfalls war das oft Eddies Eindruck, wenn er zu Karneval den nach Alkohol riechenden Monstern begegnete, die Mühe zu haben schienen, sich auf den Beinen zu halten. Kein Wunder, dass die Kinder erschrocken waren, wenn sie voller Angst unter ihr Bett lugten und ihnen ein Schwall alkoholisierter Luft entgegen schlug. Wahrscheinlich, dachte Eddie, war das der eigentliche Grund, warum sich die Kinder vor den Wesen unter ihren Betten überhaupt fürchteten. Was das anging, hatte er keine Sorge. Eddie glaubte nicht an Monster. Jedenfalls nicht an die Art, vor der man als Kind für gewöhnlich Angst hatte.
Mutter half Peter, sich aus dem engen Kostüm herauszuwinden. Es hatte eine schuppige grüne Haut, zwei riesige Glubschaugen, ein Horn genau in der Mitte der Stirn und buschiges blaues Haar. Um cool zu wirken hatte Peter dem Monster außerdem eine Sonnenbrille aufgesetzt. In Eddies Augen wirkte das eher lächerlich. Aber immerhin war er es, der beinahe schreiend auf die Straße gerannt wäre und der Nachbarschaft gesagt hätte, dass die Erde von außerirdischen Invasoren angegriffen wurde, also entschied er sich, besser nichts zu sagen.
Sein Vater, jetzt in Anzug, Krawatte und ekliger Monstermaske, kam in die Küche und griff nach seiner Tasse Kaffee. Durch die Maske hindurch hörte Eddie noch immer sein Lachen über einen gelungenen Streich.
„Ähm, Papa“, setzte Eddie an, aber es war zu spät. Da sein Vater es irre witzig fand, ein Monster im Anzug darzustellen, hatte er vergessen, dass die Maske keinen vernünftigen Mund hatte. Jedenfalls keinen, durch den man trinken konnte. Was zur Folge hatte, dass ihm der heiße Kaffee statt wie üblich in den geöffneten Mund nun über das geschlossene Gummi der Maske hinunter auf seinen braunen Anzug lief.
„Au!“ schrie Eddies Vater, während er versuchte, den heißen Kaffee von seinem Jackett zu reiben, was die Sache noch schlimmer machte. Er kam schnell zu derselben Erkenntnis. Seufzend nahm er die Maske ab. Darunter kam ein verschwitzter, roter Kopf mit feuchten Haaren zum Vorschein, die alle am Kopf klebten. „Du hättest mich warnen können!“
„Hab ich ja versucht“, sagte Eddie.
Vater streichelte ihm über den Kopf, als er aus der Küche ging, um sich einen neuen Anzug anzuziehen. Mutter hatte Peter jetzt so weit umgezogen, dass er für die Schule bereit war. Das heißt, keine Verkleidung, sauber gekämmtes Haar und frisch geputzte Zähne.
„Aber wenn ich mich verkleide wird mich niemand erkennen“, sagte Peter gerade, während Eddie in eine Scheibe Toast biss.
Seine Mutter ging in die Knie, damit sie mit Peter auf Augenhöhe war. „Und wer soll dich nicht erkennen, mein kleiner Schatz?“ fragte sie.
„Na... na...“
„Seine Lehrer?!“ warf Eddie ein.
„Genau“, nickte Peter, als wäre das die Antwort, nach der er gerade gesucht hatte. „Meine Lehrer.“
„Aber wenn deine Lehrer dich nicht erkennen, glauben sie, dass du nicht da bist. Und dann machen sie sich Sorgen. Und dann rufen sie mich an. Und dann muss ich in die Schule kommen und dich suchen und den Lehrern sagen, dass du von einem ekligen glibberigen Monster aus dem Weltraum aufgefressen worden bist!“ Während sie das sagte, rieb sie ihre Nase an die von Peter und beide begannen zu lachen.
„Also ist es gut, wenn man mich erkennt“, stellte Peter fest, während Eddie sein Frühstück beendete und zum Zähneputzen ins Bad ging. Die anderen hatten schon vorher gefrühstückt. Bevor sie ihm diesen Streich gespielt hatten. Jetzt musste er sich beeilen. Sein Vater kam aus dem Bad. In einem sauberen grauen Anzug und ohne Maske auf dem Kopf. Als er Eddie sah, musste er lächeln.
„Na, wieder auf Monsterjagd?“ fragte er.
„Zuviel Kaffee tut dir nicht gut!“ konterte Eddie und schloss die Badezimmertür hinter sich.
Als sich Eddie angezogen hatte und mit seiner Schultasche in die Küche kam, stand sein kleiner Bruder schon da, den Tornister auf dem Rücken, und wartete ungeduldig.
„Mami hat gesagt, du sollst mich zur Schule bringen“, sagte er.
Eddie sah Mami an. Mami nickte.
„Ja, das hat sie gesagt.“
Es schellte an der Haustür. Peter lief los, wobei er mit dem Tornister kämpfte, der beinahe genau so groß war, wie er selbst. Als er die Tür öffnete, stand da ein Mann im braunen Anzug und mit Monstermaske. Peter fuhr erschrocken zurück und schrie. Eddie musste lächeln. So war das also, wenn man anderen einen Streich spielte. Heulend lief Peter zurück in die Küche, während das Monster seine Maske abnahm und sich als Viktor Horschell entpuppte, ein Kollege ihres Vaters.
„Morgen Eddie“, sagte Horschell. „Und ein fröhliches Halloween!“
„Ja, auch so“, murmelte Eddie.
Vater kam mit einer Aktentasche in der Hand und der Monster-Maske unter dem Arm aus der Küche und winkte Horschell zu. „Komme sofort“, sagte er und drückte seiner Frau zum Abschied einen Kuss auf die Wange. „Bis später“, sagte er und zu seinen Kindern: „Bis später, ihr kleinen Racker! Und Vorsicht von Monstern!“
Eddie sah ihm hinterher. Im Rausgehen hörte er noch Horschell sagen: „Ich hab meinen Sohn auch damit erschreckt. Es war einfach unglaublich. Woher hast du nur solche Ideen?“ Dann schloss sich die Tür. Es war nicht ungewöhnlich, dass Horschell seinen Vater abholte. Zum Beispiel, wenn sie zu einem Geschäftstermin mussten. Oder wenn Mutter das Auto brauchte.
„Alles in Ordnung bei dir?“ Seine Mutter sah ihm in die Augen. „Es war doch nur ein Scherz!“ Sie begann ihn zu kitzeln, bis er lachte. „Alles wieder okay?“ fragte sie. Er nickte. Es war alles okay. Die Sonne schien, es war ein schöner Tag, was konnte da nicht okay sein?
„Und vergiss nicht, deinen Bruder in die Schule zu bringen!“
Er wusste, da war irgendwas!
Die Sonne spiegelte sich in den Fenstern auf der anderen Straßenseite. Es war eine ruhige Wohngegend. Ganz in der Nähe gab es einen Spielplatz. Mit Rutsche und Schaukeln und einem Klettergerüst. Und es gab viel Grün. Ein kleines Wäldchen begann hinter dem Spielplatz. Dort waren Wiesen und ein Bach und jede Menge Brennnesseln. Eddie wusste das. Er hatte sie schon oft genug zu spüren bekommen. Beim Versteckenspielen zum Beispiel.
„Du hast dich wirklich erschreckt, oder?“ fragte Peter, der unter seinem Schultornister fast verschwand.
„Ja, das hab ich“, gab Eddie zu. Es war ihm ein bisschen unangenehm. Immerhin war er der Ältere von ihnen. Und doch hatte es sein Vater geschafft, ihm einen Streich zu spielen. Dabei glaubte er noch nicht mal an Monster. Er glaubte, dass Menschen schlimmes tun konnten und dass manche von ihnen es auch taten. Manchmal bekam er etwas davon mit. Wenn seine Eltern ihn die Nachrichten kucken ließen. Das machte ihm Angst. Was da draußen in der Welt passierte. Was die Menschen da draußen in der Welt einander antaten. Er war der Meinung, Kinder sollten keine Nachrichten sehen. Nachrichten waren für Kinder definitiv nicht geeignet! Aber an Monster, die aussahen wie Monster, an so was glaubte er nicht. Und doch hatte sein Vater es geschafft, ihm einen höllischen Schrecken einzujagen...
Mit quietschenden Reifen hielt ein Wagen vor ihnen an. Sie waren an der Ampel gegenüber dem Spielplatz stehen geblieben. Eine Hauptstraße trennte sie von dem kleinen Waldstückchen. Es war immer die gefährlichste Stelle und ihre Mutter hatte immer Angst, wenn sie alleine die große Straße überqueren mussten. Nun blieb vor ihnen ein Wagen stehen, der definitiv zu schnell gefahren war. Zwei Türen öffneten sich und zwei Männer sprangen heraus.
Nein, korrigierte sich Eddie beim näheren Hinsehen. Es waren keine Männer. Es waren zwei Monster in Anzügen. Das war ja mal etwas ganz neues. Die beiden steuerten direkt auf sie zu. Eddie unterdrückte ein Gähnen und sah den beiden entgegen.
„Was wollen die von uns?“ fragte Peter.
Eddie hob die Schultern.
„Vielleicht haben wir irgendwas vergessen und Papa bringt es uns jetzt oder vielleicht fahren sie uns zur Schule oder vielleicht... entführen sie uns?“
Die beiden gut gekleideten Monster blieben vor ihnen stehen. Sie hatten eine violette Haut mit roten Wulsten über den Augen und zwei Fühler auf der Stirn. Das eine trug einen passenden blauen Anzug, das andere einen braunen Zweireiher.
„Was ist?“ wollte Eddie, der keine Lust auf weitere „Scherze“ mehr hatte, von den beiden wissen. Sie blieben abrupt stehen und sahen einander an. „Haben wir was vergessen?“
Nach kurzem Überlegen nickten die beiden. Ein Lächeln erschien auf ihren Masken.
„Die sind aber gut gemacht“, meinte Peter.
„Und was haben wir vergessen? Wir sind langsam spät dran!“ Eddie sah auf die Uhr. Wenn sie weiter trödelten, würden sie zu spät zur Schule kommen.
Eins der Anzug-Monster deutete auf Eddies Bruder.
„Sie haben mich vergessen“, sagte Peter.
„Aha.“ Eddie hatte die Faxen dicke. „Und was jetzt?“
„Ich glaube, Papa will mich in die Schule fahren“, meinte Peter.
„Ja, das wäre vielleicht eine gute Idee“, murmelte Eddie. Peter trippelte auf den Wagen zu, da fiel Eddie etwas ein. „Moment!“
Die Armani-Ungeheuer sahen Eddie überrascht an.
Da war irgendwas. Eddie wusste es. Irgendwas... Er deutete auf die beiden Monster: „Papa hatte einen grauen Anzug an und Herr Horschell einen braunen!“
Die Monster waren in blau und braun gekleidet. Und ihre Lippen hoben und senkten sich langsam... ihre Augen bewegten sich, sahen einander an... waren das wirklich Masken, oder...
Bevor Eddie seinen Gedanken zu ende führen konnte, stieß ihn eins der beiden Monster um. Das andere schnappte sich seinen Bruder und trug ihn zum Wagen. Eddie versuchte sich hoch zu rappeln, aber er war nicht schnell genug. Die Monster zerrten Peter in den Wagen und das Auto fuhr mit quietschenden Reifen los. War das wieder nur ein Scherz seines Vaters gewesen? Hatte er ihm nur wieder einen Streich spielen wollen? Hatte er mit seinem Kollegen angehalten und Eddies Bruder „entführt“?
„Na? Du glaubst doch nicht etwa an Außerirdische, oder?“ Horschell lächelte Eddie aus dem Fahrerfenster an und zog sich die Alien-Maske über das Gesicht. Eddie schüttelte den Kopf. Das konnte doch nicht sein. Das war doch völlig unmöglich! „Deinem Sohn hat es wohl die Sprache verschlagen“, meinte Horschell, aber auf dem Gesicht von Eddies Vater zeichneten sich erste Zweifel ab.
Langsam stand Eddie auf. Er deutete die Straße entlang, dorthin, wo vor wenigen Augenblicken das Auto verschwunden war. Das Auto, in das zwei maskierte Männer seinen Bruder gezerrt hatten. Das Auto, in dem zwei maskierte Männer mit seinem Bruder losgebraust waren...
„Ist das nur ein dummer Scherz?“ Eddie sah Horschell und seinen Vater an. „Noch ein dummer Scherz?“
Horschell zog beleidigt die Maske vom Gesicht.
„Dein Vater meinte, das wäre witzig“, murrte er.
„Und Sie machen alles, was mein Vater witzig findet?“ fuhr Eddie ihn sauer an. Er hatte genug von diesen „Witzen“. Leute in Anzügen, die sich wie Außerirdische verkleideten, seine Eltern, die sich wie Außerirdische verkleideten und ihn erschrecken wollten. Und nun auch noch sowas. In seinen Augen übertrieben sie es ein wenig zu sehr.
„Naja...“ Horschell begann rum zu stottern und sah Hilfe suchend Eddies Vater an. Der hob nur die Schultern. Horschell hatte sich selbst in diese Situation gebracht. Und er kannte seinen Sohn. Da konnte Horschell jetzt niemand helfen.
Eddie stand auf. Er wurde langsam wütend. Man hatte ihm schon vor dem Frühstück Angst einjagen wollen und so etwas wirkte sich nicht so positiv auf seine Stimmung aus. Und jetzt kam ihm der Geschäftsfreund seines Vaters auch noch großspurig. Also würde er seine angestaute Wut an ihm auslassen. Auch wenn eigentlich sein Vater hinter der ganzen Sache steckte.
„Und wenn mein Vater sagt...“ fuhr Eddie Horschell an, schwenkte dann aber in Richtung seines Vaters. Das hatte zwei Gründe. Zum einen mochte er es nicht, wenn die Leute Klischees aussprachen. Dazu gehörte auch der berühmte Satz mit dem „von der Brücke springen“. Er hasste es, wenn die Leute das taten. Als hätten sie keine eigenen Ideen, als müssten sie immer nur die Sprüche aufsagen, die ihnen andere bereits vorgesagt hatten. Zum anderen aber auch deshalb, weil das ganze nicht Horschells Schuld war. Sondern die seines Vaters. Der hatte sich diese ganze Alien-Geschichte ausgedacht und Horschell hatte dabei nur mitgespielt. Eddie mochte es auch nicht, wenn die Leute ihre Wut am Nächstbesten ausließen und nicht an denen, die für diese Wut verantwortlich waren!
„...oh ja, mein Vater...“ Eddies Blick richtete sich auf seinen Vater. Der wusste sofort, dass für Horschell keine Gefahr mehr bestand. Sein Sohn hatte ein neues Ziel gefunden. Das richtige Ziel. Es gab nur eine Möglichkeit, aus dieser Sache herauszukommen...
„Gib Gas!“ zischte er Horschell zu.
Der sah ihn perplex an.
„Was?“
„Gib Gas!“ wiederholte Eddies Vater, diesmal eindringlicher. „Er weiß jetzt, dass ich an allem Schuld bin. Wenn du nicht sofort losfährst, krieg ich enormen Ärger mit meinem Sohn!“
Horschell nickte. Ja, das war wohl wahr. Er sah in den Rückspiegel, um zu sehen, ob die Straße frei war, doch da war es bereits zu spät. Eddie stand vor dem Auto und sah die beiden Erwachsenen verärgert an.
„Zu spät“, murmelte Eddies Vater. „Du hast es verpatzt!“
„Nur weil heute Halloween ist“, begann Eddie säuerlich, „oder irgendein anderer blöder Feiertag...“
„Es ist kein Feier...“ begann Horschell, wurde bei Eddies bösem Blick aber schnell still.
„...heißt das noch lange nicht, dass ich mir von jedem Erwachsenen“, er sah seinen Vater an, „oder Leuten, die nur das machen, weil es mein Vater auch macht“, Eddies Blick streifte Horschell nur ganz am Rande, aber es war dem Mann besonders unangenehm, „auf der Nase herumtrampeln lassen muss, oder?“ Er sah Horschell direkt in die Augen. „Oder?“
Horschell schüttelte nervös den Kopf.
Eddie seufzte. Ja, er musste es ja zugeben, er war darauf hereingefallen. Er hatte sich selbst zum Narren machen lassen. Er hatte geglaubt, Aliens hätten seine Familie aufgefressen. Oder irgendetwas in der Art. Ja, er hatte es sich ja selbst zuzuschreiben. Wenn man ihn an der Nase herumgeführt hatte mit etwas so völlig unsinnigem, dann war er ja selbst schuld.
„Okay“, meinte er also deshalb, „ich bin ja schon schön blöd, wenn ich diesen Alien-Quatsch geglaubt habe, aber einmal hätte doch wohl gereicht, oder.“ Er sah seinen Vater an. „Ich meine, mich nicht zu wecken und die Sache in der Küche und so, das war ja ganz okay. Aber denselben Gag noch mal zu machen und Peter zu entführen, das reizt den Scherz doch ein bisschen zu sehr aus.“
