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So hört meine Geschichte.
Es war das Jahr, als der Kaiser Augustus über das römische Reich herrschte. Rom hatte Germanien besetzt, doch nie völlig unterworfen. So erhob sich in jenem Jahr einer, der eigentlich ein Verbündeter der Römer war und sich das Vertrauen ihres Statthalters Publicus Quinctilius Varus erworben hatte. Man nannte ihn Arminius, und er kam aus dem Stamm der Cherusker.
Arminius rief Morrigan an, die Geisterkönigin, die den Krieg, den Kampf und das Chaos über alles liebte. Morrigan half Arminius, und in seiner Armee wandelten fortan Krieger, die dem Schlund der Hölle entsprungen waren und von keiner menschlichen Hand besiegt werden konnten ...
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Seitenzahl: 143
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Legionäre der Finsternis
Vorschau
Impressum
Legionäre der Finsternis
von Michael Schauer
So hört meine Geschichte.
Es war das Jahr, als der Kaiser Augustus über das römische Reich herrschte. Rom hatte Germanien besetzt, doch nie völlig unterworfen. So erhob sich in jenem Jahr einer, der eigentlich ein Verbündeter der Römer war und sich das Vertrauen ihres Statthalters Publicus Quinctilius Varus erworben hatte. Man nannte ihn Arminius, und er kam aus dem Stamm der Cherusker.
Arminius rief Morrigan an, die Geisterkönigin, die den Krieg, den Kampf und das Chaos über alles liebte. Morrigan half Arminius, und in seiner Armee wandelten fortan Krieger, die dem Schlund der Hölle entsprungen waren und von keiner menschlichen Hand besiegt werden konnten ...
Mit ihrer Hilfe metzelte er an drei trüben Herbsttagen in einem dunklen Wald tausende Legionäre grausam nieder, und auch vor den Frauen und Kindern ihres Trosses machte er nicht Halt. Die Schreie der Sterbenden zerrissen die Luft, und der metallische Geruch ihres Blutes war noch Tage danach zwischen den Bäumen und Sträuchern wahrzunehmen.
Doch das Töten durfte nicht enden, so forderte es Morrigan, und so wollte es also auch Arminius. Er schickte die Krieger der Finsternis aus, um Rom niederzubrennen, seine Feinde zu vernichten, ihr Reich zu erobern und fortan selbst über die Welt zu herrschen. Der Rausch des Bösen hatte ihn ergriffen, und in seinem Wahn war er ein williges Werkzeug in den Händen der Göttin, in deren Namen er unsägliches Leid und niemals endenden Schrecken über die Menschheit bringen sollte.
Wenn niemand seine Krieger aufhielt.
†
Germanien, 9 n. Chr.
Arminius wischte sich das vom Regen feuchte Haar aus dem Gesicht. Es war kühl an diesem Nachmittag, und sein Kettenhemd schien hart und kalt direkt auf seiner Haut zu liegen, denn seine Tunika war bereits völlig durchnässt und bot keinen Schutz mehr vor dem Metall. Wenn er ausatmete, bildeten sich vor seinem Mund kleine Wölkchen aus Dampf.
»Fang endlich an, Halvor«, verlangte er.
Der Angesprochene drehte sich um. Halvor war einen guten Kopf kleiner als Arminius, und im Gegensatz zu dessen muskelbepackter Statur wirkte er kaum breiter als eine kümmerliche Weide. Doch Halvor war Priester, und er fürchtete sich nicht vor Arminius, obwohl dieser fähig gewesen wäre, ihm mit einem einzigen mächtigen Schwertstreich den Kopf vom Hals zu trennen. Aber der Krieger brauchte den Priester, und das wusste Halvor.
»Geduld ist eine der Tugenden, die den Mann zum Sieg führt, Arminius«, antwortete er mit seiner dünnen Stimme, die immer ein wenig heiser zu sein schien.
Seine dünnen, blutleeren Lippen verzogen sich zu einem boshaften Lächeln, das offenbarte, dass der Priester keinen einzigen Zahn mehr im Mund hatte. Seine Haut war bleich, die kalten, eisgrauen Augen lagen tief in ihren Höhlen. Sein gelber Umhang und seine strähnigen langen Haare waren wie Arminius' Tunika tropfnass von den nicht enden wollenden Wolkengüssen.
Arminius schnaubte, sagte aber nichts.
Sie standen zu viert auf der Lichtung, Arminius hatte seine Vertrauten Brandolf und Norbert mitgebracht. Obwohl sie fast ebenso groß waren wie er und sich mächtige Muskeln unter ihren Hemden wölbten, war der ängstliche Ausdruck in ihren Augen nicht zu übersehen.
Brandolf, trotz seiner Jugend ein Mann mit Kampferfahrung, hatte eine Hand auf den Griff seines Schwerts gelegt, das in einer Holzscheide an seiner Hüfte baumelte. Seine Finger öffneten und schlossen sich unentwegt. Der um einige Sommer ältere Norbert, der mit einer roten Narbe quer über seinem faltigen Gesicht einen furchterregenden Anblick bot, trat nervös von einem Fuß auf den anderen.
In der Mitte der Lichtung stand ein schwarzer Fels im Gras. Er hatte eine ebene Oberfläche und reichte Arminius bis zur Hüfte. Ein erwachsener Mann hätte sich bequem darauf ausstrecken können.
Aus dem Unterholz war ein Rascheln zu hören. Einige Augenblicke später erschien Ulf zwischen den Bäumen. Halvors Diener hatte ein junges Mädchen im Schlepptau, die Hände waren gefesselt. Ulf hielt das Ende des Stricks gepackt und zog es grob hinter sich her.
Arminius musterte das Opfer. Das Mädchen mochte kaum vierzehn Jahre alt sein. Seine Augen waren riesengroß vor Angst, das rabenschwarze Haar klebte an seinen Schultern, und durch das vom Regen durchweichte Kleid zeichnete sich sein zarter Körper ab.
Er hob die Brauen. Es war unübersehbar, dass aus der Kleinen eine wunderschöne Frau hätte werden können. Doch leider würde das nie geschehen. Ein Jammer.
»Gut, Ulf, sehr gut«, lobte Halvor.
Seine Blicke glitten gierig über den Körper der Gefangenen. Mit seiner seltsam grauen Zunge leckte er sich über die Lippen, was Arminius mit einem missbilligenden Blick quittierte. Geiler alter Bock, dachte er, doch er sagte nichts.
»Danke, Herr«, antwortete Ulf in der ihm eigenen, ungelenken Aussprache.
Er war noch ein Kind gewesen, als er vor dreizehn Jahren beim Klettern von einem Baum abgestürzt war und nur knapp überlebt hatte. Was man von seinem Verstand allerdings nicht sagen konnte. Kaum fähig, mehr zu leisten, als die Schweine zu hüten, hatten ihn seine Eltern verstoßen, und er war von Halvor aufgenommen worden, der einen ebenso willenlosen wie dankbaren Diener gut gebrauchen konnte.
Ulf war mit einem stattlichen Körper und einem blendenden Aussehen gesegnet, was in einem scharfen Kontrast zu seinem verwirrten Geist stand, und es gab Gerüchte darüber, in welcher Art und Weise der blonde Jüngling dem Priester des Nachts dienen musste, aber darüber wollte Arminius gar nicht nachdenken.
»Leg sie auf den Altar, Ulf«, befahl Halvor.
Ulf nickte hektisch, dann zerrte er die junge Frau zu dem Felsen. Mit einer schnellen Bewegung packte er sie an der Hüfte, riss sie hoch und warf sie auf den Stein. Sie stieß einen Schmerzensschrei aus und wollte sich aufrichten, doch da schlug ihr Ulf mit der Faust gegen das Kinn, sodass sie das Bewusstsein verlor und zurücksackte. Er packte das Ende des Stricks und verknotete es mit einem am Kopfende in den Stein getriebenen, eisernen Ring.
Der Regen schien noch stärker zu werden. Ein Wassertropfen löste sich aus Arminius' Bart und rann über das Kettenhemd. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass Brandolf und Norbert wie gebannt auf das Geschehen starrten.
Ulf stand kichernd über das Mädchen gebeugt da. Halvor trat einen Schritt vor, packte ihn an der Schulter und zerrte ihn so ruppig zurück, dass er durch den Schwung das Gleichgewicht verlor und auf den Hosenboden plumpste, sodass Wasser aus der feuchten Erde spritzte. Ohne ein weiteres Wort rappelte sich Ulf auf und zog sich in den Schatten der Bäume zurück.
Halvors rechte Hand verschwand unter seinem Umhang, und als sie wieder zum Vorschein kam, hielt er einen schmucklosen Dolch in den Fingern. Mit einem tiefen Seufzer legte er den Kopf in den Nacken und stimmte einen schaurigen Singsang an, bei dem es selbst Arminius eiskalt den Rücken herunterlief. Dann packte er den Dolch mit beiden Händen und hob die Arme empor.
In diesem Moment erwachte die Frau aus ihrer Benommenheit. Als sie die scharfe Klinge über sich schweben sah, begann sie zu schreien. Halvor steigerte seine Lautstärke und übertönte sie mühelos. Sein Singsang entsprang einer fremden Sprache, die weder Arminius noch seine Begleiter verstehen konnten. Hinter ihnen begann Ulf zu grunzen und zu gurgeln, womit er wohl seine Begeisterung ausdrücken wollte. Arminius verzog angewidert den Mund.
Halvor verstummte. Ein Wassertropfen rann von der Spitze des Dolchs und landete auf der Brust des Mädchens, das im selben Moment zu schreien aufhörte und den Priester nur noch voller Furcht anstarrte. Wie aus dem Nichts kam ein starker Wind auf und zerrte an den Kleidern der Germanen.
Der Priester verdrehte die Augen, bis nur noch das Weiße zu sehen war. Dann öffnete er den Mund und schrie aus voller Kehle einen Namen: »Morrigan!«
Ein Blitz zuckte über den düstergrauen Himmel, unmittelbar gefolgt von einem Donnerschlag, der lauter war als alle, die Arminius jemals gehört hatte. Er konnte nicht verhindern, dass er erschrocken zusammenzuckte. Brandolf ging es ebenso, und Norbert sprang sogar einen kleinen Schritt zurück.
Halvors Dolch sauste nach unten, die Klinge bohrte sich in das Herz seines Opfers. Blut spritzte, vermischte sich mit dem Regenwasser und färbte das Kleid rosa. Das Mädchen schrie auf vor Schmerz, zerrte ein letztes Mal an seinen Fesseln, dann kippte sein Kopf zurück.
Halvor begann, mit dem Dolch durch das Fleisch zu schneiden. Als er sein Werk vollendet hatte, nickte er zufrieden, steckte die blutverschmierte Waffe unter seinen Umhang und griff mit beiden Händen in die klaffende Wunde.
Arminius hörte hinter sich einen dumpfen Schlag. Er vermutete, dass Ulf in Ohnmacht gefallen war, drehte sich aber nicht um, um nachzusehen.
Der Priester entriss seinem Opfer das Herz und hob es in die Höhe, den am Himmel dahinrasenden Wolken entgegen. Das Organ zuckte noch, wie Arminius schaudernd bemerkte. Das ist unmöglich, dachte er, doch ihm war klar, dass sich die Grenzen des Möglichen verschoben, wenn die dunklen Mächte ihre Finger im Spiel hatten.
In dem Moment, als Halvor nach dem Herz gegriffen hatte, war es schlagartig kühler geworden. Jetzt spürte Arminius eine Präsenz, die er einen Augenblick vorher noch nicht wahrgenommen hatte.
Jemand war hier.
Oder etwas.
Der Priester stimmte wieder seinen Singsang an. Kurz darauf begann die Luft zu flirren. Dann bildete sich über der Leiche des Mädchens eine glühende rote Kugel, die so groß war wie das Rad eines Ochsenwagens. Der Regen prallte an der Kugel ab wie an einem mit Tierfett eingeriebenen Umhang und rann an den Seiten herunter. Halvor machte einen Schritt auf die Kugel zu und tauchte seine Hände mit dem pochenden Herz mitten hinein, sodass nur noch seine Oberarme zu sehen waren.
Als er sie wieder herauszog, war das Herz verschwunden.
»Morrigan hat das Opfer angenommen. Sie wird mit dir sprechen, Arminius«, sagte er mit tonloser Stimme.
Im Inneren der Kugel war nun ein Schatten zu sehen. Er wurde rasch heller, bis sich ein Gesicht daraus hervorschälte. Zuerst war es verschwommen, gewann aber zunehmend an Schärfe, bis Arminius schließlich alle Details erkennen konnte.
Das war kein Gesicht. Sondern eine Fratze des Schreckens.
Morrigan hatte lange weiße Haare, die in alle Richtungen von ihrem Kopf abstanden, wie die Stacheln eines Igels, wenn er sich bedroht fühlte. Ihre Nase war flach und breit, ihre Augen glühten in einem intensiven Rot. Die grünlich schimmernde Haut wirkte vernarbt und war von hässlichen, eitergelben Ausschlägen übersät. Arminius erschauerte, als ihm auffiel, dass die Ausschläge nicht an ihrem Platz blieben, sondern über Morrigans Wangen wanderten und mal hier und mal dort verharrten. Als sie die Lippen zu einem boshaften Lächeln verzog, entblößte sie dreieckige, spitze Zähne. Ein Raubtiergebiss, vor dem jeder Wolf und jeder Bär voll Ehrfurcht die Flucht ergriffen hätte.
Das war sie also, die Göttin des Krieges und des Chaos.
Eine Gänsehaut lief Arminius über den Rücken, und für einen Moment fragte er sich, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, mit einem solchen Wesen einen Pakt schließen zu wollen, doch rasch verdrängte er die Zweifel wieder. Er brauchte Morrigans Hilfe, wenn er den verhassten Feind endlich schlagen wollte. Es gab keinen anderen Weg.
»Arminius«, richtete die Göttin das Wort an ihn. Ihre Stimme klang verblüffend sanft. »Du begehrst meine Hilfe?«
Der Germane musste sich räuspern, bevor er antworten konnte. »Ja«, sagte er. Regenwasser lief ihm über die Stirn und in die Augen. Er blinzelte, aber widerstand dem Drang, es wegzuwischen. »Kämpfe an unserer Seite, Morrigan, dann werden wir die römischen Besatzer, die uns knechten und unser Gold rauben, aus unserem Land vertreiben. Dies ist meine Bitte an dich.«
Morrigan kicherte boshaft. »Eine Aufgabe, die starke Krieger wie du nicht allein lösen können?«
»Nein. Ihre Soldaten kämpfen gut und tapfer, und sie haben Waffen, die den unseren überlegen sind.«
»Vor allem aber kämpfen sie vereint und nicht gegeneinander. Ganz im Gegensatz zu euch, nicht wahr?«
»So ist es. Unsere Stämme sind zerstritten, und viele haben sich bereits mit den Römern arrangiert. Nur mit vereinter Kraft könnten wir sie aus unserem Land jagen, aber dies scheint unmöglich.«
Die Worte schmerzten Arminius, doch es war die Wahrheit. Immer wieder mal erhob sich ein Stamm und begehrte gegen die Römer auf, aber diese schlugen jeden Aufstand gnadenlos nieder, denn ein einzelner Stamm oder zwei hatten stets zu wenig Männer, um ihnen ernsthaft gefährlich werden zu können.
Es war eine traurige Tatsache, dass zu viele von ihnen ihre eigenen Ziele verfolgten, zu viele Häuptlinge vor allem persönliche Interessen im Blick hatten. Einen Oberbefehlshaber, der sie alle gemeinsam in eine Schlacht führte, wollten die meisten nicht akzeptieren, weil sie dies als Schmälerung ihrer eigenen Macht begriffen. Ja, ihre Uneinigkeit war ihre größte Schwäche.
Immerhin war es ihm gelungen, die Marser, die Chatten, die Angrivarier und die Brukterer hinter sich zu scharen. Es waren viele tapfere Männer, aber noch lange nicht genug. Bald würden sie eine Schlacht schlagen, eine einmalige Gelegenheit hatte sich vor ihnen aufgetan. Die Römer würden in eine Falle laufen. Doch ohne die Hilfe der Göttin war der Ausgang dennoch ungewiss.
»Ein großer Mann scheut nicht das wahre Wort, und mag es noch so bitter sein«, sagte Morrigan. »Das spricht für dich, Arminius. Ich glaube, du bist derjenige, der sein Volk zurück in die Freiheit führen könnte. Du erbittest von mir Hilfe, und du wirst sie bekommen, denn auch ich bin der Römer überdrüssig. Mit ihren Armeen kamen ihre Götter in dieses Land, und sie sind ebenso hochmütig wie jene, von denen sie sich anbeten lassen.«
Morrigans Fratze verzerrte sich vor Zorn. Arminius hob eine Braue. Interessant, dachte er, dass offenbar auch die Götter ihre Schlachten schlugen.
»Wie wirst du mir helfen?«, fragte er.
»Ich werde dir dreizehn Krieger geben.«
»Nur dreizehn? Aber ...«
»Unterbrich mich nicht«, fauchte sie.
Arminius senkte demütig den Kopf. »Verzeih mir, Morrigan.«
»Diese Dreizehn werden keine gewöhnlichen Krieger sein. Ich selbst werde ihre Rüstungen und ihre Waffen stählen. Kein Schwert wird sie verletzen, kein Speer wird sie niederstrecken. Sie werden unbesiegbar sein. Jeden römischen Legionär, der sich ihnen in den Weg stellt, werden sie niedermetzeln, und die Überlebenden werden schreiend vor Furcht aus diesem Land fliehen. Und du bist ihr Befehlshaber.«
Arminius senkte demütig den Kopf.
»Doch dein Kampf ist mit dem Sieg über die Römer noch lange nicht beendet, Arminius. Höre meine Bedingung. Ich will, dass du diese Krieger in weitere Schlachten führst. Gehe mit ihnen nach Rom, töte den Kaiser, ergreife das Zepter der Macht, und sei der neue Herrscher über diese Welt. Deinen Namen wird man fürchten. Du wirst mein Bote sein und mit Feuer und Schwert jedes Dorf, jede Stadt und jedes Land erobern. Zu meinem Ruhm, zu meiner Ehre und für meine Macht. Ich selbst werde auf dem Götterthron Platz nehmen, und allen anderen bleibt nur, sich mir zu Füßen zu werfen und um Gnade zu bitten, damit ich sie nicht für immer aus den himmlischen Gefilden verstoße.«
Der Germane verzog bei diesen Worten keine Miene, aber in seinem Kopf rasten die Gedanken. Etwas Derartiges war ihm nie in den Sinn gekommen. Ihm ging es darum, Germanien von den Besatzern zu befreien. Jetzt sollte er sich selbst zum Herrscher über andere Länder aufschwingen?
Allerdings, so musste er sich nach kurzem Nachdenken eingestehen, hatte diese Aussicht durchaus ihren Reiz. Er könnte die Welt nach seinen Vorstellungen gestalten. Thusnelda, seiner Frau, würde es bestimmt gefallen, an seiner Seite Königin zu sein. Oh ja, ganz sicher sogar.
Ein Gefühl der Euphorie und der Leichtigkeit durchströmte ihn, so stark, wie er es nie zuvor empfunden hatte.
»Du zögerst, Arminius?«
Morrigans Stimme riss ihn aus seinen Überlegungen. Er hob den Kopf, sein Blick streifte Halvor, der etwas versetzt hinter der Kugel Position bezogen hatte. Der Priester warf ihm einen warnenden Blick zu für den Fall, dass Arminius mit dem Gedanken spielte, Morrigans Wunsch zurückzuweisen.
»Ich bin bereit, zu tun, was du verlangst, Morrigan«, sagte er, und seine Stimme war voller Überzeugung.
»Gut, sehr gut.«
»Wann wirst du mir die dreizehn Krieger schicken?«
»Sende deine Männer aus, auf dass sie dreizehn römische Legionäre gefangen nehmen. Diese bringst du hierher und schneidest ihnen die Herzen heraus. Ich werde kommen, ich werde die Herzen an mich nehmen, und mein Gift wird diese Männer zu einem neuen, schrecklichen Leben erwecken. Einem Leben als deine Krieger der Finsternis. Aber beeile dich, denn schon in der nächsten Vollmondnacht muss es geschehen.«
Das waren drei Tage. Sicher würden sie bis dahin eine Patrouille abfangen können, überlegte Arminius.
»Ich werde dich nicht enttäuschen«, versprach er.
»Das würde ich dir auch nicht raten. Denn wer mich enttäuscht, den trifft meine Rache. Vergiss das nie.«
Im nächsten Moment gab es einen ohrenbetäubenden Knall. Eine unsichtbare Faust erfasste die drei Germanen und warf sie zu Boden. Mit einem Ächzen landete Arminius auf dem Rücken, für einen kurzen Moment tanzten Sterne vor seinen Augen. Als er wieder klar sehen konnte, waren die Kugel und die Göttin verschwunden. Der Wind wehte nicht mehr, und es hatte aufgehört zu regnen.
Halvor stand hinter dem steinernen Altar, mit einer Hand stützte er sich auf dem Fußknöchel des toten Mädchens ab. In seinen Augen funkelte eine Mischung aus Triumph und abgrundtiefer Boshaftigkeit. Zwischen den Bäumen hörte er Ulf leise wimmern.
»Erhebe dich, Arminius«, sagte Halvor. »Erhebe dich, und schicke deine Männer auf die Jagd.«
†
»Hast du's schon gehört, Marius?«
Legionär Marius Annius war tief in Gedanken versunken gewesen und erschrak, als er die Stimme direkt neben seinem Ohr hörte. Lucius Messius kicherte.
