In die finstere Nacht - Jim Thompson - E-Book

In die finstere Nacht E-Book

Jim Thompson

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Beschreibung

»Der Tod war da – und er roch gut.«

In die finstere Nacht ist eines von Thompsons eindringlichsten Werken: eine gnadenlose Psychostudie über einen Profikiller, der bei seinem letzten Auftrag mehr und mehr die Kontrolle verliert und seinem blutigen Untergang entgegensteuert.

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Seitenzahl: 310

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Zum Buch

Der kleinwüchsige und todkranke Carl Bigelow ist Profikiller. Es gibt keine Fotos von ihm, keine Spuren seines Lebens – wie ein Phantom erledigt er seine makabre Arbeit. Innerlich gebrochen tritt er seinen letzten Auftrag an: Für einen dubiosen Gangsterboss soll Bigelow den Hotelbesitzer Jake Winroy töten, der als Kronzeuge gegen illegale Wettgeschäfte fungiert. Ein Mord, der wie ein Unfall aussehen muss. In einem kleinen Kaff nahe Chicago nistet sich Bigelow als vermeintlicher Gast bei Winroy ein und kreist sein Opfer methodisch ein. Doch der einsame Killer entwickelt mehr und mehr paranoide Züge. Als er schließlich die körperlich entstellte Ruth kennenlernt, nimmt das tödliche Drama seinen Lauf. Beide werden von inneren Dämonen getrieben und beginnen eine obsessive Beziehung. Bigelow verliert immer weiter die Kontrolle: Es folgt ein Blutbad jenseits aller Vorstellung, das in das Reich des Wahnsinns führt.

In die finstere Nacht ist Jim Thompsons wohl eindringlichstes Werk: eine düstere, komplexe Psychostudie, mit der Thompson seiner Zeit weit voraus war und das Genre des vielschichtigen Noir-Thrillers mitbegründete. Jetzt liegt dieser legendäre Klassiker erstmals in deutscher Übersetzung vor.

Zum Autor

Jim Thompson wurde 1906 in Anadarko, Oklahoma, als James Myers Thompson geboren. Er begann früh zu trinken und schlug sich als Glücksspieler, Sprengstoffexperte, Ölarbeiter und Alkoholschmuggler durch. Obwohl er mit bereits fünfzehn Jahren seine erste Kriminalgeschichte verkauft hatte, konnte er erst seit Beginn der Fünfzigerjahre vom Schreiben leben. Für Hollywood verfasste er zahlreiche Drehbücher, unter anderem für so namhafte Regisseure wie Stanley Kubrick, Großautoren wie Stephen King zählen zu seinen Bewunderern. Thompson gilt als zentralerVertreter des Noir-Genres. Er starb 1977 in Los Angeles, seine Asche wurde im Pazifischen Ozean verstreut.

Jim Thompson

In die finstere Nacht

ROMAN

Aus dem Amerikanischenvon Simone Salitter und Gunter Blank

Mit einem Vorwortvon Ryan David Jahn

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Die amerikanische Ausgabe SAVAGE NIGHTerschien 1991 bei First Vintage Crime/Black Lizard Edition,a division of Random House Inc., New York

Vollständige deutsche Erstausgabe 06/2012Copyright © 1953 by Jim ThompsonCopyright © 2012 der deutschsprachigen Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenDer Abdruck des einleitenden Vorworts erfolgtmit freundlicher Genehmigung von Ryan David JahnRedaktion: Thomas BrillUmschlaggestaltung: Melville Brand Design, MünchenSatz: C. Schaber Datentechnik, WelsISBN: 978-3-641-07281-0V002www.heyne-hardcore.de

Der Weg in die finstere Nacht

Ryan David Jahn über Jim Thompson

Wenn man das Leben von Jim Thompson leben müsste, um wie Jim Thompson schreiben zu können, würde wohl jeder dankend ablehnen.

Die vielen finsteren Jahre, der schwere Alkoholismus mit zahlreichen Krankenhausaufenthalten, finanzielle Sorgen, Nervenzusammenbrüche und ein Hirnschlag, der einsame Tod in bitterer Armut, als die Schriftstellerkarriere auf dem Tiefpunkt ist und keines von Thompsons Büchern mehr gedruckt wird: Niemand würde ein solches Leben freiwillig leben wollen.

Aber wenn ich die Möglichkeit hätte, nur der Autor Jim Thompson zu sein, sähe die Sache schon anders aus. Vor seiner Schreibmaschine nämlich kannte Thompson keine Furcht. Beim Schreiben gab es für ihn keine Barrieren, keine Grenzen.

Wer wagt es schon, selbst einem Psychiater die tiefsten Geheimnisse preiszugeben? Jim Thompson hat seine Psyche Seite für Seite vor allen Lesern ausgebreitet. Und wichtiger noch: Er war dabei immer höllisch unterhaltsam.

Wenn ich an Thompson denke, fällt mir In die finstere Nacht ein.An einer Stelle des Buches erinnert sich der Protagonist und Erzähler Charles »Little« Bigger, wie er einmal einen Mann getroffen hat, der behauptete, menschliche Geschlechtsteile auf einer Farm in Vermont zu züchten: »die interessanteren Teile der weiblichen Anatomie«. »Ich dünge sie mit dem Mist von wilden Ziegen«, so der Mann zu Bigger. »Anfangs sind die Ziegen noch zahm, aber nach einiger Zeit werden sie wild.Vom Geruch, verstehst du. Ich füttere sie mit dem besten hochprozentigen Schnaps, und zum Baden haben sie ihren eigenen Tümpel. Doch nichts ist ihnen gut genug. Du solltest sie einmal nachts erleben, wenn sie auf dem Kopf stehen und heulen.«

Am Ende des Buches kehren die Ziegen zurück: Verglichen mit dem, was dann folgt, wirkt der düstere Schluss des Noir-Klassikers Doppelte Abfindung von James M. Cain geradezu optimistisch.

Wenn ich an Thompson denke, kommt mir die groteske Hölle in den Sinn, die Doc und Carol McCoy am Ende von Getaway vorfinden, als sie endlich in El Rey ankommen, dem vermeintlichen Ziel ihrer Träume, dem sie den ganzen Roman über entgegenhetzen.

Und dann ist da noch Lou Ford, der geistesgestörte Sheriff aus Der Mörder in mir, der spürt, wie ihn seine Krankheit mehr und mehr in Besitz nimmt.

Thompson reißt all die Fassaden und Maskeraden, mit denen wir uns schützen, gnadenlos herunter und zeigt die düsteren Seelenräume dahinter – hierin ist er konsequent wie kein Zweiter.

Immer dann, wenn ich vor einer Idee zurückschrecke, immer, wenn ich vorsichtig werde, muss ich an Jim Thompson und seine rückhaltlose Aufrichtigkeit denken.

Er war bestimmt keiner, der sich beim Schreiben Gedanken darüber machte, was seine Mutter wohl dazu sagen wird.

Ryan David Jahn

Ryan David Jahn ist Drehbuchautor und Schriftsteller. Für seinen Thriller Ein Akt der Gewalt wurde er mit dem Debut Dagger Award 2010 ausgezeichnet.

1.

Als ich in Chicago umgestiegen war, hatte ich mir eine leichte Erkältung eingefangen, und die drei Tage in New York, die ich warten musste, bis der Boss mich empfing – drei Tage mit Schnaps und Weibern satt –, hatten die Sache nicht unbedingt besser gemacht. Als ich in Peardale ankam, fühlte ich mich hundsmiserabel. Zum ersten Mal seit Jahren fand ich in meinem Auswurf wieder leichte Spuren von Blut.

Ich trat aus dem kleinen Bahnhof und inspizierte die Main Street von Peardale. Sie war vielleicht vier Blocks lang, teilte die Stadt in zwei heruntergekommene Hälften und endete am Lehrerkolleg, auf dessen fünf Hektar großem, schlecht in Schuss gehaltenem Campus ein halbes Dutzend Klinkerhäuser verstreut lagen. Das größte davon hatte drei Stockwerke. Die Wohnheime sahen ziemlich schäbig aus.

Ich hustete ein paarmal. Um dem entgegenzuwirken, zündete ich mir eine Zigarette an. Ich fragte mich, ob ich mir auch ein paar Drinks genehmigen sollte, um meinen Kater zu bekämpfen. Ich hatte sie nötig. Ich packte meine beiden Koffer und machte mich auf den Weg.

Wahrscheinlich lag es an meiner Laune, aber je weiter ich nach Peardale hineinkam, desto weniger mochte ich es. Die ganze Stadt verströmte Fäulnis undVerfall. Industrie gab es hier offenbar keine, lediglich einige Geschäfte für landwirtschaftlichen Bedarf. Und in einer fünfundneunzig Meilen von New York entfernten Stadt gab es natürlich auch keine Pendler. Das Lehrerkolleg machte die Sache zweifellos ein bisschen besser, aber garantiert nicht viel. Es lastete etwas Trostloses auf dieser Stadt, etwas, das mich an kahle Männer erinnerte, die sich die letzten Schläfenhaare quer über den Kopf kämmen.

Ich ging ein paar Blocks weiter, fand aber keine Bar, weder auf der Main Street noch in den Seitenstraßen. Schwitzend und von leichtem Schüttelfrost ergriffen, stellte ich die Koffer ab und zündete mir eine frische Zigarette an. Und hustete wieder. Im Stillen verfluchte ich den Boss und belegte ihn mit allen erdenklichen Schimpfwörtern.

Ich hätte alles dafür gegeben, wieder an derTankstelle in Arizona stehen zu können.

Aber so lief es leider nicht. Entweder gelang es mir, die dreißig Riesen vom Boss aufzutreiben, oder ich war erledigt.

Vor einem Schuhgeschäft blieb ich stehen und erhaschte im Schaufenster einen Blick auf mein Spiegelbild. Was nicht viel hermachte. Nicht, dass ich hässlich gewesen wäre. Es lag einzig und allein an meiner Größe. Ich sah aus wie ein kleiner Junge, der sich vergeblich bemüht, als Mann durchzugehen. Denn ich maß gerade mal eins fünfundfünfzig.

Ich wandte mich vom Schaufenster ab, sah dann aber doch nochmal hinein. Ich wollte keinen wohlhabenden Eindruck erwecken. Allerdings musste man ja nicht im Geld schwimmen, um ein Paar anständige Schuhe zu tragen. Neue Schuhe hatten schon immer einen merkwürdigen Reiz auf mich ausgeübt. Sie gaben mir das Gefühl, jemand zu sein, auch wenn ich nicht danach aussah. Also betrat ich den Laden.

Gleich neben dem Eingang befand sich eine Vitrine mit Socken und Haltern. Ein rundlicher, älterer Typ, vermutlich der Besitzer, stand darübergebeugt und las Zeitung.

Er sah kaum zu mir auf, sondern deutete nur mit dem Daumen über die Schulter.

»Geradeaus die Straße hoch, Junge«, sagte er, »die roten Ziegelhäuser da.«

»Was?«, entgegnete ich. »Ich …«

»Einfach hochgehen, Junge. Dort kriegst du alle wichtigen Informationen.«

Wenn es etwas gibt, was ich nicht ausstehen kann, dann, dass mich einer »Junge« nennt. Wenn es auf der ganzen gottverdammten Welt überhaupt etwas gibt, was ich absolut nicht ausstehen kann, dann dass mich einer »Junge« nennt. Ich hob die Koffer so hoch wie möglich und knallte sie mit voller Wucht auf den Boden. Das jagte dem Mann einen solchen Schreck in die Glieder, dass ihm fast die Brille von der Nase gerutscht wäre.

Dann marschierte ich zu den Anprobestühlen und setzte mich.

Rotgesichtig und ein bisschen betreten trottete der Ladenbesitzer hinter mir her und ließ sich auf den Hocker vor mir sinken.

»Das wäre nicht nötig gewesen«, sagte er vorwurfsvoll. »Wenn ich Sie wäre, würde ich mein Temperament im Zaum halten.«

Er hatte recht, ich würde lernen müssen, mich besser zu beherrschen. Ich grinste. »Schon klar. Ich mag es nur nicht, wenn mich einer ›Junge‹ nennt. Wahrscheinlich ginge es Ihnen ähnlich, wenn die Leute ›Fettsack‹ zu Ihnen sagen würden.«

Er warf mir einen finsteren Blick zu, beließ es aber bei einem kehligen Lachen. Er war kein schlechter Kerl. Nur so ein neunmalkluger Kleinstädter, der die Weisheit mit Löffeln gefressen hatte. Ich verlangte ein Paar Halbschuhe Größe siebenunddreißig mit Absätzen. Er machte sich in seinem Regal auf die Suche und versuchte dabei mich auszuhorchen.

Ob ich das Lehrerkolleg besuchen wolle. Ob es dafür nicht schon ein bisschen spät im Semester sei. Ob ich schon eine Unterkunft hätte.

Ich sagte, ich hätte mich wegen einer Krankheit verspätet und würde im Gästehaus von J. C. Winroy wohnen.

»Bei Jake Winroy«, entfuhr es ihm. Er sah mich durchdringend an. »Warum gehen Sie nicht … ich meine, warum wollen Sie dort wohnen?«

»Hauptsächlich wegen des Geldes. Es war das billigste Angebot für Kost und Logis, das man mir genannt hat.«

»Ja, ja«, nickte er, »aber wissen Sie auch, warum es so billig ist, junger Mann? Weil niemand sonst dort wohnen will.«

Ich ließ die Kinnlade fallen und schaute ihn besorgt an. »Himmel, Sie wollen doch nicht andeuten, dass es sich um den Winroy handelt?«

»Oh doch, Sir«, nickte er triumphierend. »Höchstpersönlich. Der Mann, der die Schmiergelder für den Pferdewettenring ausbezahlt hat.«

»Mein Gott, ich dachte, der sitzt im Gefängnis.«

Er belächelte mich mitleidig. »Da leben Sie aber ganz schön hinter dem Mond, mein Lieber. Wie, sagten Sie, war Ihr Name?«

»Bigelow. Carl Bigelow.«

»Tja, da haben Sie wohl einiges nicht mitbekommen, Carl. Jake ist jetzt schon seit gut sechs, sieben Monaten wieder draußen. Hatte wahrscheinlich genug vom Knast. Hat’s wohl nicht gepackt, obwohl die schweren Jungs ihn mit Geld zugeschüttet haben, damit er brav seine Zeit absitzt und die Klappe hält.«

Ich behielt meine besorgte Miene, sah ihn sogar ein bisschen verängstigt an.

»Verstehen Sie, ich will nicht behaupten, dass Sie bei den Winroys nicht gut aufgehoben wären. Die beiden haben ja schließlich schon einen Kostgänger, allerdings keinen Studenten, sondern einen Kerl, der drüben in der Bäckerei arbeitet, und der scheint ganz zufrieden. Offenbar hat sich seit Wochen kein Detective mehr blicken lassen.«

»Wird das Haus etwa überwacht?«, fragte ich verblüfft.

»Na klar. Damit Jake nicht umgebracht wird. Es ist nämlich so, Carl« – und er verklickerte es mir wie jemand, der mit einem geistig zurückgebliebenen Kind spricht – »in diesem Buchmacherprozess ist Jake der Hauptbelastungszeuge. Der Einzige, der mit dem Finger auf die ganzen korrupten Politiker und Richter zeigen kann. Und seitdem er sich bereiterklärt hat, gegen diese Leute auszusagen, haben die Cops Angst, er könnte umgelegt werden.«

»H-h-hat d-d-das …« Meine Stimme zitterte. Es machte langsam richtig Spaß, mich mit diesem Clown zu unterhalten. Ich musste mich beherrschen, nicht laut loszulachen. »Hat das denn schon mal jemand versucht?«

»Mmhmm … So, nun stehen Sie mal eben auf, Carl. Passt er? Gut, dann probieren wir den anderen. Nein, nein, das hat noch niemand versucht. Und je länger man darüber nachdenkt, desto besser versteht man auch warum. So wie es im Moment aussieht, will die Öffentlichkeit nämlich gar nicht unbedingt, dass diese Buchmacher vor Gericht kommen. Denn was ist schon so schlimm daran, bei einem Buchmacher zu wetten, wenn es auf der Rennbahn auch erlaubt ist? Aber ein paar Wetten anzunehmen ist eine Sache, Mord eine andere. Das würde die Öffentlichkeit nicht akzeptieren. Diese Buchmacher wären ganz schnell weg vom Fenster. Das würde einen solchen Wirbel verursachen, dass die Politiker gezwungen wären, den ganzen Saustall auszumisten, ganz egal, wie ungelegen ihnen das käme.«

Ich nickte. Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Man konnte Jake Winroy nicht ermorden. Zumindest nicht so, dass es wie ein Mord aussah.

»Was wird denn Ihrer Meinung nach jetzt passieren?«, fragte ich. »Werden die Ja… Mr. Winroy so einfach vor Gericht aussagen lassen?«

»Na sicher doch«, erwiderte er höhnisch. »Wenn er es noch erlebt. Wenn der Fall vor Gericht kommt, wird er aussagen – in, sagen wir mal, vierzig oder fünfzig Jahren … Wollen Sie sie anbehalten?«

»Ja, und schmeißen Sie die alten einfach weg.«

»So läuft es nämlich. Verzögern. Vertagen. Das haben sie schon zweimal gemacht. Und machen es weiter. Und ich wette hundert Dollar, dass der Fall nie vor Gericht kommt.«

Den Hunderter hätte er verloren. Der Gerichtstermin stand fest. In drei Monaten sollte die Verhandlung beginnen. Und sie würde nicht mehr verschoben werden.

»Tja«, sagte ich, »so ist es eben. Aber ich bin froh, dass Sie meinen, ich könnte trotzdem bei den Winroys unterkommen.«

»Aber ja doch.« Er zwinkerte mir zu. »Vielleicht können Sie sich sogar ein Späßchen gönnen. Mrs. Winroy ist ja ein ziemlicher Feger, wenn Sie verstehen, was ich meine. Womit ich natürlich nichts gegen sie gesagt haben will.«

»Natürlich nicht. Ein richtiger … äh … Feger also?«

»Zumindest sieht sie schwer danach aus. Jake hat sie ja geheiratet, als er von hier nach New York gezogen ist und die große Welle gemacht hat. Muss ein ganz schöner Schlag für sie gewesen sein, jetzt wieder so leben zu müssen.«

Ich ging mit ihm in den vorderen Teil des Ladens, um mein Wechselgeld zu kassieren.

Draußen bog ich an der ersten Ecke links ab und schlenderte die ungeteerte Seitenstraße hinunter. Hier standen keine Häuser. Auf der einen Seite war der hintere Teil des Geschäftsgebäudes an der Ecke zu sehen, auf der gegenüberliegenden Seite gab es einen eingezäunten Hinterhof. Der Gehweg war schmal, ein mit rohen Ziegeln gepflasterter Pfad, der sich jedoch gut unter meinen Füßen anfühlte. Ich kam mir größer vor, auf Augenhöhe mit dem Rest der Welt. Mit einem Mal wirkte der Job gar nicht mehr so mies. Ich hatte ihn zwar nicht gewollt und wollte ihn eigentlich immer noch nicht. Aber jetzt ging es mir in erster Linie um Jake.

Der arme Hund war mir gar nicht so unähnlich. Er war ein Niemand gewesen, hatte aber alles getan, um ein Jemand zu werden. Er hatte es geschafft, aus diesem Kaff rauszukommen und in New York einen Job als Friseur zu ergattern. Das war das Einzige, was er konnte, das Einzige, wovon er wenigstens ein bisschen Ahnung hatte. Er war im richtigen Laden gelandet, irgendwo in der Nähe vom Rathaus. Und er hatte die richtigen Kunden erwischt, brav über ihre abgedroschenen Witze gelacht, ihre Hintern geküsst und sich ihr Vertrauen erschlichen. Als die ganze Geschichte aufflog, hatte er zuvor jahrelang kein Rasiermesser mehr angefasst, sondern jeden Monat Schmiergelder in Millionenhöhe ausgezahlt.

Der arme Hund, keine Bildung, keine Klasse, nichts – trotzdem hatte er es an die Spitze geschafft. Und jetzt war er wieder ganz unten angekommen. Mühte sich mit dem Salon ab, mit dem er angefangen hatte und in den gerade mal ein Friseurstuhl passte. Und nebenbei versuchte er, ein bisschen Asche aus dem Familiensitz der Winroys zu schütteln, der zu heruntergekommen war, als dass er ihn hätte verkaufen können.

Die ganze Kohle, die er mit der Buchmacherei verdient hatte, war weg. Der Staat New York hatte sich die eine Hälfte unter den Nagel gerissen und die Bundesregierung die andere. Und was dann noch übrig war, hatten die Anwälte aufgezehrt. Seine Frau war alles, was er noch hatte, doch er konnte ihr kein nettes Wort mehr entlocken, geschweige denn irgendetwas anderes.

Ich schlenderte weiter die Straße entlang und dachte darüber nach. Jake Winroy konnte einem wirklich leidtun. Den fetten schwarzen Cadillac, der plötzlich neben mir hielt, bemerkte ich gar nicht. Auch den Kerl nicht, der ihn fuhr. Ich wollte gerade daran vorbeigehen, als ich hörte, wie der Typ »Pssst« machte. Dann sah ich, dass es Fruit Jar war.

Ich stellte die Koffer ab und trat auf die Straße.

»Was willst du denn hier, du dummer Pisser?«

»Schlechte Laune, was?« Die Augen zu Schlitzen verengt grinste er mich an. »Was hast du vor, Junge? Dein Zug ist schon vor einer Stunde eingetroffen.«

Vor lauter Verärgerung schüttelte ich bloß den Kopf. Der Boss hatte ihn nicht auf mich angesetzt. Wenn der Boss befürchtet hätte, dass ich kneifen und abhauen würde, hätte er mich gar nicht erst hergeschickt.

»Verpiss dich«, sagte ich. »Verdammt, wenn du dich nicht aus der Stadt verziehst, dann bin ich weg.«

»Ach ja? Und was meinst du, würde der Boss dazu sagen?«

»Frag ihn doch einfach. Erzähl ihm, du seist in deiner Zirkuskutsche hier hochgefahren und hättest mich auf der Straße angehalten.«

Verunsichert leckte er sich über die Lippen. Ich zündete mir eine Zigarette an, steckte das Päckchen in meine Tasche und zog die Hand wieder heraus. Beiläufig fuhr ich mit ihr über die Rückenlehne seines Sitzes.

»Kein Grund, sich so aufzuregen«, murmelte er. »Du bist Samstag wieder in der Stadt, oder? Dann ist der Boss zurück und, autsch …«

»Ein Klappmesser«, sagte ich. »Davon stecken zirka zwei Millimeter in deinem Nacken. Darf’s ein bisschen mehr sein?«

»Du irrer Drecks…, autsch!«

Ich lachte und ließ das Messer unter den Sitz rutschen.

»Behalt’s einfach, ich wollte es eh wegschmeißen. Und richte dem Boss aus, ich würde mich freuen, ihn zu sehen.«

Er verfluchte mich, legte dabei den Gang ein und fuhr so hart an, dass ich zurückspringen musste, um nicht umgerissen zu werden.

Grinsend kehrte ich zu meinen Koffern zurück.

Ich hatte nur auf eine Gelegenheit gewartet, Fruit Jar eins reinzuwürgen. Von Anfang an, seit er mich in Arizona kontaktiert hatte, hatte er mich gehänselt. Ich hatte ihm nichts getan, doch er fing gleich an, mich »Junge« und »Kleiner« zu nennen. Ich fragte mich, was wohl dahintersteckte.

Fruit Jar brauchte Geld so nötig wie ein Eber ein Paar Titten. Er war noch vor dem Krieg aus der Schwarzbrennerei ausgestiegen und hatte sich auf Gebrauchtwagen verlegt. Jetzt besaß er Werkstätten in Brooklyn und Queens und verdiente auf legale Weise mehr Geld, als er mit dem Schnapsschmuggel gemacht hatte.

Aber wenn er sich nicht einmischen wollte, warum markierte er dann den Harten? Er hätte heute nicht hierherfahren müssen. Im Gegenteil, dem Boss würde das überhaupt nicht gefallen. Also … warum?

Als ich das Haus der Winroys erreichte, grübelte ich immer noch darüber nach.

2.

Wenn man ein wenig im Osten herumgekommen ist, kennt man diese Häuser. Sie sind zweigeschossig, wirken aber viel größer, weil sie so schmal sind und steil abfallende Dächer haben, mit Giebelfenstern in der Mitte und einem Kamin an jedem Ende. Man könnte ihnen einen Goldanstrich verpassen, und sie würden immer noch scheußlich aussehen, für gewöhnlich allerdings sind sie in Farben gestrichen, die ihre Hässlichkeit um das Doppelte steigern. Dieses hier war schleimig-grün mit kotzbraunen Einfassungen.

Mein Mitleid mit Winroy war fast wie weggeblasen. Ein Kerl, der in einem Haus wie diesem wohnte, hatte verdient, was ihn erwartete. Vielleicht bin ich, was das angeht, ein bisschen verrückt im Kopf, aber für solche Entgleisungen gibt es einfach keine Rechtfertigung. In Arizona hatte ich auch so eine kleine Bruchbude gekauft, aber ich kann Ihnen versichern, dass sie nicht lange wie eine Bruchbude aussah. Das Haus war jetzt elfenbeinweiß gestrichen, mit blauen Einfassungen, und die Fensterrahmen waren hellrot lackiert.

Hübsch, nicht? Wie auf einer Weihnachtspostkarte.

Ich stieß das windschiefe Gartentor auf, stieg die morschen Stufen zur Veranda hinauf und läutete. Ich läutete mehrmals, lauschte der Klingel, die drinnen anschlug, erhielt aber keine Antwort. Hörte auch niemanden im Haus herumrumoren.

Ich wandte mich um und betrachtete den nackten Hof. Zu verdammt faul, um ein bisschen Rasen zu säen. Ich musterte den Zaun. Der Lack blätterte ab, die Hälfte der Pfähle war abgeknickt. Ich blickte auf und zur Straße hinüber, und dann sah ich sie.

Ich durfte mir nichts anmerken lassen, aber ich wusste, wer sie war. Selbst in Strickpulli und Jeans und mit zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen Haaren. Sie stand ein Stück die Straße hinunter im Eingang einer kleinen Bar, unschlüssig, ob ich der Mühe wert war.

Ich ging die Stufen hinunter und durch das Gartentor, während sie mir zögerlich entgegenkam.

»Ja?«, rief sie, noch ein gutes Stück entfernt. »Kann ich Ihnen helfen?« Ihre kehlige Stimme sollte offensichtlich eine gute Herkunft suggerieren. Doch ein Blick auf ihre Figur genügte, um zu erkennen, wo sie herkam: direkt aus dem Schönheitsschlaf auf dem Sprungfederbett. Und ein Blick in ihre Augen genügte, um zu wissen, dass sie mehr schmutzige Wörter kannte als ein Bataillon Rekruten.

»Ich bin auf der Suche nach Mr. oder Mrs. Winroy«, sagte ich.

»Ach ja? Ich bin Mrs. Winroy.«

»Schön, Sie kennenzulernen, ich bin Carl Bigelow.«

»Aha.« Ihre langgezogenen Vokale begannen mir auf die Nerven zu gehen. »Müsste ich mit Ihrem Namen etwas anfangen können?«

»Das kommt darauf an, ob Sie mit fünfzehn Dollar die Woche etwas anfangen können.«

»Fünf … oh ja, natürlich!« Unvermittelt lachte sie auf. »Das tut mir furchtbar leid, Carl. Ich meine, Mr. Bigelow. Unsere Hausangestellte, unser Dienstmädchen also, musste plötzlich nach Hause fahren, etwas Schlimmes in der Familie offenbar, und wir haben Sie ja schon letzte Woche erwartet, und überhaupt, hier ging ja alles drunter und drüber …«

»Gewiss, gewiss«, schnitt ich ihr das Wort ab. Ich hasste es, wenn sich jemand für ein paar Mäuse derart strecken musste. »Natürlich ist das ganz und gar mein Fehler. Kann ich das wiedergutmachen, indem ich Ihnen einen Drink spendiere?«

»Nun, eigentlich wollte ich …« Sie zögerte, wirkte verunsichert, und so gefiel sie mir ein kleines bisschen besser. »Aber wenn Sie meinen, dass Sie …«

»Das geht schon«, erwiderte ich. »Heute muss gefeiert werden. Morgen beginnt der Ernst des Lebens.«

»Nun, also wenn das so ist …«

Ich spendierte ihr zwei Drinks. Und als ich bemerkte, dass sie danach fragen wollte, drückte ich ihr die dreißig Dollar in die Hand.

»Zwei Wochen im Voraus, in Ordnung?«

»Oh, aber …«, protestierte sie mit gekünstelter Stimme und ließ ihre gute Herkunft durchscheinen wie ein Go-Go-Girl seine Nippel. »Das ist doch nicht nötig. Überhaupt, wir – also Mr. Winroy und ich – machen das ja nicht des Geldes wegen. Wir dachten nur, es sei mehr oder weniger unsere Pflicht. Ich meine, wenn man in einer Universitätsstadt wohnt und …«

»Seien wir doch einfach Freunde«, sagte ich.

»Freunde? Ich fürchte, ich verstehe nicht …«

»Dann könnten wir offen und ehrlich miteinander umgehen. Ich war noch keine Viertelstunde in der Stadt, da wusste ich schon alles über den Ärger, den Mr. Winroy am Hals hat.«

Ihre Miene versteinerte. Aber nur ein bisschen. »Das hätten Sie mir ruhig sagen können. Sie müssen mich ja für eine richtig dumme Gans …«

»Ich bitte Sie, so etwas käme mir nie in den Sinn.«

Ich schenkte ihr mein schönstes Lächeln – breit, jungenhaft und einnehmend.

»Dieses Gerede über Ihre Probleme und das alles bringt mich ganz durcheinander. Dabei wird mir schon schwindelig, wenn ich Sie nur anschaue.«

Sie lachte und drückte meine Hand. »Hört euch diesen Mann an! Haben Sie das wirklich so gemeint?«

»Sie wissen, wie ich das gemeint habe.«

»Ach, ich wette, ich sehe fürchterlich aus. Hand aufs Herz, Carl, ich … oh, also so was, jetzt sag ich schon wieder Carl zu Ihnen.«

»Das machen alle. Ich wüsste gar nicht, wie ich das auffassen sollte, wenn jemand Mister zu mir sagen würde.«

Aber hören würde ich es schon gern. Und ich schätze, es würde mir gefallen.

»Ach, Carl, das war ja so ein Theater. Monatelang konnte ich nicht an die Tür gehen, ohne dass ein Cop oder ein Reporter etwas von mir wollte, und als ich dachte, es wäre vorbei und ich könnte ein bisschen zur Ruhe kommen, da ging das Ganze wieder von vorne los. Ich will mich nicht beklagen, Carl, wirklich nicht, aber …«

Natürlich wollte sie, das wollen alle. Doch als Frau, die so lange von schmutzigem Geld gelebt hatte, war sie zu clever dafür.

Sie öffnete das Visier gerade weit genug, um freundlich zu wirken.

»Ja, das ist sicher hart für Sie«, sagte ich. »Wie lange wollen Sie denn hier wohnen bleiben?«

»Wie lange?« Sie lachte schrill auf. »Wie’s aussieht, für den Rest meines Lebens.«

»Ach, das meinen Sie doch nicht ernst. Eine Frau wie Sie.«

»Wieso sollte ich das nicht ernst meinen? Was kann ich denn dagegen tun? Ich habe alles aufgegeben, als ich Jake geheiratet habe … meine Gesangskarriere; wussten Sie, dass ich Sängerin war? Also, das habe ich aufgegeben. Ich war seit Jahren in keinem Nachtclub mehr, höchstens auf einen Drink. Ich habe alles schleifen lassen, meine Stimme, meine Verträge, alles. Tja, und jetzt bin ich kein junges Ding mehr.«

»Jetzt hören Sie aber auf.«

»Ich beklage mich doch gar nicht, Carl. Ehrlich, ich … Wie wär’s mit noch einem Drink?«

Ich ließ sie einen ausgeben.

»Nun, ich weiß nicht viel über den Fall, von daher habe ich leicht reden. Aber …«

»Ja?«

»Ich denke, Mr. Winroy hätte im Gefängnis bleiben sollen. Zumindest hätte ich das getan.«

»Natürlich hätten Sie. Jeder Mann hätte so gehandelt.«

»Aber vielleicht weiß er ja am besten, was gut für ihn ist. Wahrscheinlich handelt er einen Deal aus, der Sie beide weicher bettet als jemals zuvor.«

Ihr Kopf ruckte herum, und sie funkelte mich an. Doch ich machte nur große Augen und mimte den Naiven.

Das Funkeln erlosch, sie lächelte und drückte wieder meine Hand.

»Das ist furchtbar nett von Ihnen, Carl, dass Sie das sagen. Ich fürchte … das frisst mich alles so auf. Aber egal, was soll ich reden, wenn ich doch nichts dagegen tun kann.«

Ich seufzte und wollte uns frische Drinks bestellen.

»Nicht«, sagte sie. »Ich weiß, dass Sie es sich nicht leisten können, und ich habe sowieso genug gehabt. Ich weiß, ich bin da ein bisschen komisch. Ich kann es nicht ausstehen, wenn jemand Glas um Glas in sich hineinschüttet, obwohl er längst genug hat.«

»Ach, interessant, dass Sie das sagen. Mir geht es nämlich genauso. Ich vertrage schon einen Drink und auch drei oder vier, aber dann lasse ich es gut sein. Bei mir geht es um die gute Zeit, die man miteinander verbringt. Die Gesellschaft ist es, die zählt.«

»Oh, ja natürlich«, nickte sie. »So sollte es auch sein.«

Ich nahm mein Wechselgeld an mich, und wir verließen die Bar. Wir gingen über die Straße, und ich folgte ihr zu meinem Zimmer. Sie benahm sich ein wenig fürsorglich.

»Das sieht nett aus«, sagte ich. »Ich bin sicher, es wird mir gefallen.«

»Carl …« Sie sah mich neugierig an. Freundlich zwar, aber neugierig.

»Ja«, erwiderte ich. »Ist etwas nicht in Ordnung?«

»Sie sind doch um einiges älter, als Sie aussehen, oder etwa nicht?«

»Tja, und wie alt, meinen Sie, bin ich?« Dann nickte ich nüchtern. »Ich muss mich wohl verraten haben. Ansonsten wären Sie wohl nicht darauf gekommen.«

»Warum sagen Sie das? Wenn es Ihnen nicht gefällt …«

Ich zuckte mit den Schultern. »Was bringt es, wenn es mir nicht gefällt. Natürlich gefällt es mir. Wer wollte nicht ein Mann sein, der wie ein Junge aussieht. Und jedes Mal ausgelacht werden, wenn er sich wie ein Mann benimmt.«

»Ich habe Sie nicht ausgelacht, Carl.«

»Ich habe Ihnen auch noch keine Gelegenheit dazu gegeben. Aber nehmen wir mal an, die Dinge lägen ein bisschen anders. Nehmen wir mal an, ich wäre Ihnen auf einer Party begegnet und hätte versucht, wie es jeder klar denkende Mann versuchen würde, Sie zu küssen. Dann hätten Sie sich über mich totgelacht. Und behaupten Sie jetzt nicht, dass Sie nicht gelacht hätten. Denn Sie hätten, ich weiß es.«

Erzürnt steckte ich die Hände in die Hosentaschen und wandte mich ab. Mit gesenktem Kopf und eingezogenen Schultern stand ich mit dem Rücken zu ihr und starrte auf den abgewetzten Teppich.

Die Nummer war billig und abgedroschen, aber sie hatte fast immer funktioniert. Und ich war mir ziemlich sicher, dass sie auch bei ihr funktionieren würde.

Sie ging um mich herum, stellte sich vor mich hin, legte mir eine Hand unters Kinn und schob es nach oben.

»Weißt du, was du bist?«, sagte sie mit dieser kehligen Stimme. »Du bist ein Charmeur.«

Sie küsste mich auf den Mund.

»Ein Charmeur«, wiederholte sie und lächelte mich durch fast geschlossene Lider an. »Nur, was will ein Typ wie du auf einem drittklassigen Lehrerkolleg?«

»Ich weiß nicht«, sagte ich. »Es ist schwer in Worte zu fassen. Es ist – ach, vielleicht weißt du, wie es ist. Man macht eine Ewigkeit lang dasselbe und merkt, dass man nicht schnell genug vorankommt. Also schaut man sich nach anderen Möglichkeiten um. Und vielleicht hat man das, was man macht, schon längst so dermaßen satt, dass alles, was sich anbietet, gut aussieht.«

Sie nickte. Sie wusste, wie das war.

»Ich habe nie viel Geld verdient, und da dachte ich, ein bisschen Bildung könnte nicht schaden. Aber ja, als ich aus dem Zug stieg und sah, wie es hier aussieht, hätte ich fast wieder kehrtgemacht.«

»Ja«, erwiderte sie bitter. »Ich weiß, was du meinst. Aber … du gibst diesem Ort doch eine Chance, oder?«

»Ich schätze, ja. Aber jetzt verrat mir mal was.«

»Wenn ich kann.«

»Sind die echt?«

»Die? Was … oh«, sagte sie und lachte leise. »Junge, sind wir aber charmant. Das möchtest du gern wissen, was?«

»Tja …«

»Tja …« Plötzlich beugte sie sich vor. Ihre Augen flackerten, beobachteten mein Gesicht, gleichzeitig bewegte sie ihre Schultern auf und ab. Und ebenso plötzlich trat sie einen Schritt zurück und hielt mich mit ausgestreckten Armen auf Abstand.

»Nein, Carl! Ich weiß nicht, wie … Ich muss den Verstand verloren haben, dir das durchgehen zu lassen …«

»Solange du sonst nichts verlierst«, sagte ich, und wieder musste sie lachen.

Ihr Lachen war lauter und kehliger als zuvor – ein Lachen, wie man es spätabends in gewissen Bars hört. Sie wissen schon. Die Gäste stehen dicht gedrängt in einer Ecke, die Augen schon leicht glasig, schauen sie debil grinsend gebannt auf diesen einen Typen. Und dann erhebt dieser Typ die Stimme und haut mit der flachen Hand auf den Tresen. Und alle lachen.

»Süß«, sagte sie und tätschelte mir flüchtig die Wange. »Süßer geht’s nicht. Aber jetzt muss ich runter und was zum Abendessen zusammenmanschen. Ist in einer Stunde fertig, falls du noch ein Nickerchen machen möchtest.«

Ich sagte, das würde ich vielleicht, wenn ich ausgepackt hätte. Sie schenkte mir ein Lächeln und ging. Ich verstaute meine Sachen.

Ich war ziemlich zufrieden, so wie die Dinge liefen. Einen Moment lang hatte ich befürchtet, die Sache zu sehr zu forcieren, aber wie es schien, hatte alles ganz gut geklappt. Bei einer Puppe wie dieser konnte man die Bremsen praktisch wegschmeißen.

Als ich mit Auspacken fertig war, machte ich es mir mit einem True Detective-Magazin auf dem Bett bequem.

Ich blätterte es durch und fand die Stelle, an der ich im Zug aufgehört hatte:

»… die Geschichte von Charlie (Little) Bigger, dem tödlichsten Killer der Kriminalgeschichte, der sich wie kein anderer dem Zugriff des Gesetzes zu entziehen weiß. Die genaue Anzahl seiner Auftragsmorde wird wahrscheinlich nie bekannt werden, offiziell lastet man ihm sechzehn an. Er wird in New York, Philadelphia, Chicago und Detroit wegen Mordes gesucht.

Little Bigger verschwand 1943 unmittelbar nach dem von rivalisierenden Gangstern verübten Mord an seinem Bruder und Kontaktmann ›Big Luke‹ Bigger vom Angesicht der Erde. Was genau aus ihm geworden ist, sorgt in Polizei- wie auch in Unterweltkreisen immer noch für hitzige Debatten. Gerüchten zufolge soll er vor einigen Jahren an Tuberkulose verstorben sein. Andere behaupten, er sei wie sein Bruder ›Big‹ einer Abrechnung unter Gangstern zum Opfer gefallen. Wieder andere meinen, er sei immer noch am Leben.

Die Wahrheit hingegen lautet schlicht und ergreifend: Niemand weiß, was aus Little Bigger geworden ist, weil niemand ihn je kannte. Das heißt niemand, der die Bekanntschaft mit ihm überlebt hätte.

Alle seine Kontakte liefen über seinen Bruder. Er wurde nie festgenommen oder verhaftet, seine Fingerabdrücke wurden nie genommen und kein Foto von ihm gemacht. Natürlich konnte niemand, der so mörderisch agierte, völlig anonym bleiben, auch Little Bigger gelang das nicht. Doch das Bild von ihm, das sich aus den unterschiedlichsten Quellen speist, ist eher faszinierend denn befriedigend.

Wenn er noch lebt und sein Äußeres nicht verändert hat, dann ist Little Bigger ein sanftmütig erscheinender, klein gewachsener Mann, der kaum über eins fünfzig groß ist und höchstens fünfzig Kilo wiegt. Seine Augen sind schwach, er trägt eine Brille mit außergewöhnlich dicken Gläsern. Und man nimmt an, dass er an Tuberkulose leidet. Seine Zähne sind lückenhaft und in äußerst schlechtem Zustand. Er gilt als leicht reizbar, belesen, als moderater Trinker und Raucher. Offiziellen Schätzungen zufolge soll er um die fünfunddreißig Jahre alt sein, jedoch wesentlich jünger aussehen.

Trotz seiner äußeren Erscheinung kann Little Bigger sehr einnehmend wirken, Frauen gegenüber sogar geradezu verführerisch …«

Ich warf das Magazin beiseite, setzte mich und schleuderte die neuen Schuhe mit den Absätzen von den Füßen. Dann ging ich zu der Waschkommode, klappte den Spiegel herunter und machte den Mund auf. Ich nahm erst die obere Gebissplatte heraus, dann die untere. Ich zog meine Augenlider hoch – erst das eine, dann das andere – und entfernte die Kontaktlinsen.

Einen Augenblick lang verweilte ich so vor dem Spiegel und betrachtete mich. Die Sonnenbräune gefiel mir, auch dass ich an Gewicht zugelegt hatte. Dann hustete ich in mein Taschentuch. Was ich dort sah, gefiel mir weniger.

Ich legte mich wieder aufs Bett und dachte mir, ich müsse besser auf meine Gesundheit achten. Ich fragte mich, ob es mir schaden würde, wenn ich mit ihr schlief.

Ich schloss die Augen, dachte an sie … und ihn … den Boss … an Fruit Jar … an dieses hässliche Haus und den kahlen Hof, die morschen Stufen und … an das Gartentor.

Ich schlug die Augen auf, war plötzlich hellwach, schloss sie aber gleich wieder. Wegen des Gartentores musste ich etwas unternehmen. Jemand könnte im Vorbeigehen daran hängen bleiben.

3.

Ich traf Mr. Kendall, den anderen Gast, auf dem Weg zum Abendessen auf der Treppe. Er war ein würdevoller, kleiner alter Mann – jemand, der sogar noch würdevoll aussieht, wenn er auf einem Münzklo eingesperrt ist und unter der Tür durchkriechen muss. Er sagte, er freue sich sehr, mich kennenzulernen, und würde es als Ehre ansehen, mir beim Einleben in Peardale behilflich sein zu dürfen. Ich meinte, das wäre sehr nett von ihm.

»Ich dachte an einen Job«, sagte er, als wir das Esszimmer betraten. »Wenn man etwas verspätet eintrifft, könnte das schwierig werden. Die Teilzeitjobs sind praktisch alle schon vergeben. Aber ich werde in der Bäckerei die Augen offen halten. Ich glaube, wir beschäftigen die meisten Studenten in der Stadt, und es ist gut möglich, dass sich da bald etwas ergibt.«

»Bitte machen Sie sich meinetwegen keine Umstände.«

»Überhaupt nicht. Schließlich wohnen wir unter einem Dach und, ah – das sieht aber gut aus, Mrs. Winroy.«

»Danke«, sie zog eine Schnute und strich sich eine Strähne aus der Stirn. »Mal sehen, ob es auch so schmeckt. Der Himmel weiß, wann Jake endlich kommt.«

Wir setzten uns. Mr. Kendall übernahm mehr oder weniger die Aufgabe, das Essen herumzureichen, während Mrs. Winroy sich auf ihrem Stuhl zurücklehnte und sich mit der Hand Luft zufächelte. Sie hatte nicht gescherzt, als sie meinte, sie müsse etwas zum Abendessen zusammenmanschen. Offenbar war sie in den Laden gelaufen und hatte ein paar Büchsen gekauft.

Verstehen Sie mich nicht falsch, es war nicht schlecht. Sie hatte reichlich von allem gekauft, und nur beste Ware. Doch mit ein bisschen mehr Anstrengung hätte sie für die Hälfte des Geldes ein wesentlich schmackhafteres Essen zaubern können.

Mr. Kendall probierte den Spargel und sagte, er sei sehr, sehr gut. Er probierte die Sardellen, die importierten Sardinen, die gepökelte Zunge und befand alles für sehr, sehr gut. Als er die Serviette zum Mund führte und die Lippen abtupfte, erwartete ich fast, dass er sagen würde, sie schmecke ebenfalls sehr, sehr gut. Oder dass auch ihr Büchsenöffner ein Lob verdient habe. Doch er wandte nur den Kopf, legte ihn ein wenig schief und schaute zur Tür.

»Das muss Ruth sein«, sagte er nach einer Weile. »Glauben Sie nicht auch, Mrs. Winroy?«