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Jimmy Densmore brummte der Schädel, als er sich über die Leitersprossen zum Wachturm hinauf quälte. Warum eigentlich, ging es ihm durch den schmerzenden Kopf, musste er sich das antun, wo doch seit Monaten nicht das Geringste vorgefallen war am Grenzposten Little Apache. Die Antwort, die ihm der Captain geben würde, kannte er: Dreihundert Tage Ruhe waren keine Garantie dafür, dass am nächsten Morgen nicht die Hölle über sie hereinbrach. Weshalb es wohl klug gewesen wäre, nach dem zweiten Whisky gestern Abend in die Koje zu kriechen. Und nun war er schon fast eine Stunde zu spät. Doch als Densmore den Kopf über die Turmbodenbretter streckte und in ein mordlustiges Augenpaar starrte, war der letzte Gedanke seines Lebens, dass er wohl besser im Bett geblieben wäre. Bevor eine spitze Klinge durch das Ohr in sein Gehirn drang.
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Seitenzahl: 138
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Inhalt
Im Herzen der Hass
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Teil 1von Kolja van Horn
Es war Mittagszeit und höllisch heiß. Die Sonne stand senkrecht über Warm Springs, Nevada, und legte einen flirrenden Hitzeschleier über den Ort. Ein Reiter kam von Osten her in das kleine Wüstennest. Im Fell seines Pferdes hing der Staub der Pancake Range. Das Tier zog die Hufe müde durch den Staub. Auch der Reiter war verstaubt. Seine Augen waren gerötet. Er ritt zwischen die ersten Häuser und hatte keine Ahnung, dass er erwartet wurde.
Es waren drei junge Frauen, gekleidet wie Männer. Um die Hüften einer jeden lag ein Revolvergurt, im Holster steckte ein Revolver. Jede von ihnen hielt eine Winchester in der Hand, und in ihren Augen waren nichts als Hass und tödliche Entschlossenheit.
»Das ist er!«, stieß Rhonda Lee, die älteste der drei Schwestern, hervor. »Verteilt euch!«
Captain Morton Drew schreckte aus dem Schlaf und richtete sich kerzengerade im Bett auf, ohne zu wissen, was ihn derart schlagartig hatte erwachen lassen. Ein Blick zum Fenster verriet ihm, dass gerade erst der Morgen graute; ein zarter rosa Schimmer stieg im Osten am Himmel auf, doch er hätte noch gut und gern zwei Stunden länger schlafen können, ehe er die Männer unten im Hof zum Appell antreten ließ.
War da ein erstickter Schrei durch das halb offene Fenster an seine Ohren gedrungen, der ihn aus angenehmen Träumen in die Wirklichkeit gerissen hatte? Mit einem unwilligen Grunzen schwang er die Beine aus dem Bett und ging im Nachthemd durchs Zimmer, um hinauszuspähen.
Der Platz inmitten des Grenzpostens lag im fahlen Licht des Halbmonds menschenleer unter ihm. Gegenüber der Kommandantur, in dessen erster Etage er sich befand, ragten die Palisaden empor, in deren Mitte das Tor und daneben der Wachtturm. Darauf hätte er Jimmy Densmore erwartet, aber der versoffene Tunichtgut schien nicht auf dem Posten zu sein. Die Augen zu Schlitzen verengt, versuchte er eine Gestalt in den tiefen Schatten unter dem Turmdach auszumachen, ohne Erfolg.
»Densmore, du fauler Hund«, knurrte er kopfschüttelnd. Generell war es um die Moral unter den Federales nicht gut bestellt. Der eintönige Dienst am Grenzfluss Rio Bravo, in einem gottverlassenen Winkel fernab der Städte und unter der sengenden Sonne, die einem den lieben langen Tag das Hirn grillte, fristete seine zwölfköpfige Truppe ein wahrlich tristes Dasein. Zur Belohnung hatte ihnen die Regierung in Austin auch noch den Sold gekürzt mit der Begründung, die Gefahrenzulage sei mittlerweile obsolet, schließlich gäbe es kaum noch Auseinandersetzungen, weder mit mexikanischen Bandoleros noch mit Rothäuten.
Nun, das traf zwar zu, doch Drew ertappte sich manchmal dabei, einen Konflikt fast schon herbeizusehnen, um der bedrückenden Langeweile endlich ein Gefecht lang zu entkommen.
Jedenfalls hatte er durchaus Verständnis dafür, wenn seine Männer ihren Dienst mit schwindendem Eifer herunterrissen und nur noch auf den nicht mehr fernen Tag warteten, an dem sie endlich abgelöst werden würden. Densmore allerdings schoss mal wieder den Vogel ab, wenn es um Schludrigkeit ging. Das war jetzt das dritte Mal, dass er den Wachdienst entweder verpennte oder schlicht schwänzte in der Hoffnung darauf, niemand würde es bemerken.
Es war an der Zeit, dem Burschen gehörig die Meinung zu geigen, und der Captain würde es diesmal nicht bei scharfen Worten belassen, sondern ihnen eine drakonische Bestrafung folgen lassen müssen. Sonst stand zu befürchten, dass ihm bald die ganze Truppe auf der Nase herumtanzte.
Drew streifte das Nachthemd ab und langte nach der grauen Uniformhose. Während er sich ankleidete, blickte er auf die Uhr an der Wand. Es war zehn Minuten nach fünf.
Er knöpfte die Jacke zu und legte auch das Koppel an, denn für disziplinarische Auftritte war es unabdingbar, selbst eine tadellose Figur zu machen. In seinem Kopf spulte er den Katalog möglicher Disziplinarmaßnahmen ab: Latrine putzen, ein Fünf-Meilen-Marsch mit komplettem Sturmgepäck zur Mittagszeit, der Fassade der Kommandantur einen neuen Anstrich verpassen, vier Wochen Stalldienst ...
Ein Geräusch von draußen ließ den Captain herumfahren, als seine Hand bereits auf dem Türknauf lag. Stirnrunzelnd machte er kehrt und trat noch einmal ans Fenster.
Immer noch schien der Innenhof von Little Apache menschenleer. Doch nun stand das Tor, das vor wenigen Minuten fest verschlossen gewesen war, sperrangelweit auf.
Und als er zwischen den Torflügeln hindurch in die Prärie hinausblickte, sah er dunkle Gestalten, die sich eilig und lautlos näherten.
»All devils«, stöhnte Drew tonlos, fuhr herum und war mit zwei ausgreifenden Sätzen am Regal mit den Gewehren. Er packte seinen Karabiner, überlegte kurz, dann eilte er zurück ans Fenster. Mehrere der Schatten hatten das Tor, das wer auch immer für sie geöffnet hatte, bereits erreicht, und als er sah, wie viele ihnen noch folgten, kroch ein kalter Schauer über seinen Rücken. Das mussten um die zwanzig sein, womöglich mehr.
Der Kommandeur der Federales riss die Winchester an die Schulter, visierte kurz an und feuerte. Der Knall der Schüsse dröhnte ohrenbetäubend und brachte seine Trommelfelle zum Klingeln unter den niedrigen Deckenbalken, doch er jagte Kugel um Kugel aus dem Lauf. Zwei oder drei der Eindringlinge gingen zu Boden, dann zogen die anderen ihre Waffen. Drew brüllte Alarm, dann duckte er sich gerade noch rechtzeitig, bevor er mit einem Hagel aus heißem Blei eingedeckt wurde.
Die Fensterscheibe ging zu Bruch, kurz darauf wurde die Lampe vom Deckenbalken gerissen und zersprang in tausend Stücke. Wenigstens drangen keine Geschosse durch die Wände, denn die bestanden aus massiven Hartholzbohlen. Dennoch trat der Captain gebückt den Rückzug an. Er erreichte die Tür, riss sie auf und sprang auf den schmalen Flur hinaus. Um ein Haar hätte er dabei Nancy, seine Tochter, über den Haufen gerannt, die im Nachthemd und mit großen Augen kurz vor ihm ihre Schlafkammer verlassen hatte und wohl gerade an seine Tür hatte klopfen wollen.
»Vater!« Es mochte am Mondlicht liegen, doch Drew erschien ihr Gesicht so blass wie ein Leichentuch. »Was um Himmels Willen ist los?«
»Keine Ahnung«, erwiderte er wahrheitsgemäß. »Eindringlinge. Jemand hat ihnen das Tor geöffnet.«
»Was?« Nancy sah eher empört als entsetzt aus. »Wie ist das möglich?«
Darauf wusste er keine Antwort, also legte er ihr nur die Linke auf die Schulter und schob sie rückwärts. »Zurück in dein Zimmer. Schließ ab und schieb einen Stuhl unter die Klinke. Mach niemandem auf außer mir, hörst du?«
Sie nickte zögernd, und er hastete den Korridor hinauf. Am Ende befand sich eine steile Treppe, die aufs Dach führte. Von unten hörte er Schreie, schließlich weitere Schüsse. Jasper Hanson, sein Adjutant, brüllte einen Befehl, den Drew nicht verstehen konnte, und es zog ihn zu seinen Männern, doch er musste diesem Impuls widerstehen. Denn oben, auf dem Flachdach, befand sich ein Schmuckstück, mit dem er den Bastarden, die sie überfielen, gehörig einheizen würde.
Mit dem Gewehrlauf stieß er die Luke über sich auf und kletterte ins Freie. Ein kühler Wind empfing ihn, doch da war noch etwas anderes in der Luft. Drew zerbiss einen Fluch zwischen den Zähnen, als er den aufsteigenden Rauch sah.
Mit drei Schritten war er an der Brüstung, riss die Plane aus Segeltuch fort und legte die beiden Hebel um, die das Maschinengewehr sicherten und in der Position fixierten auf dem Drehgelenk über dem Dreibein, das fest auf den Dachbrettern verschraubt war. Er erkannte im Augenwinkel, wie die dunklen Rauchwolken vom Wachturm aufstiegen, den die Bastarde in Brand gesetzt hatten. Dem Geruch nach zu urteilen, war dabei Petroleum zu Hilfe genommen worden, und der Befehlshaber von Little Apache begann zu ahnen, dass sie es nicht nur mit ein paar dahergelaufenen Strauchdieben zu tun hatten. Diese Hundesöhne waren gekommen, um den Stützpunkt und seine Besatzung zu vernichten.
Drew biss die Zähne zusammen, während er das Band mit großkalibrigen Patronen ins Magazin einhängte. Die Gatlin ließ sich eine Elle weit nach vorn schieben auf einer Schiene über dem Drehgelenk, sodass das Gewehr weit genug über die niedrige Brüstung ragte, damit man auch den Innenhof unter Feuer nehmen konnte. Von unten erklang nun eine wilde Kakophonie aus Gewehr- und Pistolenschüssen, Schmerzensschreien und wütendem Gebrüll, und als er vorsichtig hinunterspähte, wurde das Scharmützel in der Dämmerung immerhin vom Flackern des Feuers erhellt, das bereits über sechs Fuß am Turm hinaufzüngelte und sich gierig weiter durch das knochentrockene Holz fraß.
Teufel, es herrschte ein einziges Tohuwabohu, und wenn er die Gatlin Blei spucken ließ, konnte er dabei leicht einen seiner eigenen Männer erwischen. »Zurück!«, schrie er deshalb aus Leibeskräften. »Zieht euch zurück!« Reggie Miller hob direkt unter ihm den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. Miller nickte, er hatte verstanden und wiederholte den Befehl des Captains. Die Federales gaben noch ein paar Schüsse ab, während sie zur Kommandantur zurückwichen.
Drew wartete nicht länger, richtete die Gatlin auf den Bereich vor dem offenen Tor aus und drehte die Kurbeln. Aus einem Dutzend schwarzer Mündungen zuckten Flammenzungen. Die maskierten Banditen tanzten im Bleigewitter dem Tod entgegen, doch gleichzeitig musste Drew auch hören, wie einer seiner Männer von einem Banditen getroffen aufschrie und zu Boden ging. Er erkannte den jungen Simon Bellows, dessen hellblonder Haarschopf aufleuchtete, als er im Fallen den Hut verlor und reglos liegenblieb.
Eine Feuerkugel segelte von links nach rechts an ihm vorbei und landete auf dem Dach der Stallungen. Sofort loderten die Holzschindeln darauf in hellem Orange auf. Die Gesetzlosen schienen mit Petroleum gefüllte Hohlkörper aus dünnem Holz oder Rinde zu verwenden, in deren Öffnung ein ölgetränkter Stofflappen steckte – oder etwas in der Art. Jedenfalls handelte es sich um teuflisch gut präparierte Brandsätze.
»Vater!«
Entgeistert fuhr Drew herum und sah, wie Nancy aufs Dach kletterte. »Was tust du hier!«, herrschte er sie an. »Hatte ich dir nicht befohlen ...«
»Die sind bereits im Haus«, fiel seine Tochter ihm ins Wort. »Ich habe sie auch auf der Hintertreppe gehört, und sie schlugen mit etwas auf meine Fensterläden ein.« Nancys Unterlippe bebte. »Da dachte ich, wenn ich jetzt nicht fliehe, dann haben sie mich!«
Drew schob das Kinn vor, dann umarmte er seine Tochter kurz, aber innig. »Schon gut, Kleines.« Er warf einen Blick in die Runde. »Halt dich immer dicht hinter mir, okay?« Er eilte zurück hinter die Gatlin, spähte am glänzenden Rohr des Maschinengewehrs vorbei hinunter auf den Hof. Doch da war kein Bandit mehr, auf den er hätte anlegen können.
Das panische Wiehern der Pferde ließ ihn herumfahren, und als Drew und Nancy zu den Ställen schauten, ließ sie der Anblick für einen Moment sprachlos den Atem anhalten.
Die Pferde stürmten aus den Stallungen, und als Nancy ihren geliebten Grauschimmel Misty erkannte, der die Herde anführte, kam ein Wimmern über ihre Lippen. Denn Mähne und Schweif des Pferdes standen lichterloh in Flammen, als es über den Hof galoppierte und dann zum Tor hinaus in die frühmorgendliche Prärie, gefolgt von einem Dutzend seiner Artgenossen, von deren Fell, zum Teil versengt bis aufs rohe Fleisch, Qualm aufstieg.
»Diese Schweinehunde«, stieß Drew hervor, zog die Gatlin auf der Schiene zurück und wollte sie gerade herumdrehen, um den Banditen, die unweigerlich bald in der Dachluke auftauchen mussten, einen heißen Empfang zu bereiten. Da flackerte etwas in seinem Augenwinkel auf. Er drehte sich um und sah das brennende Wurfgeschoss direkt auf sich zufliegen. Der Captain konnte noch abwehrend die Arme hochreißen, da traf die petroleumgefüllte Kugel ihn bereits, zerplatzte dabei, und ein glühend heißer Feuerregen ergoss sich über seinen Kopf, die Schultern und Arme.
Er hörte das Kreischen seiner Tochter, das nicht verstummen wollte, spürte, wie die Flammen seine Augäpfel zerplatzen ließen wie in siedendes Öl getauchte Weintrauben. Dann kam der Schmerz, doch er währte nur Sekunden, bevor die Welt um Captain Drew erst gleißend hell erstrahlte, um dann schlagartig zu erlöschen.
✰
Sechs Wochen später und zweihundertzwanzig Meilen nordwestlich von Little Apache. Nahe Desperation in New Mexico.
»Na, Lassiter?« Ma Baker* schmunzelte, während sie ihn musterte. »Wird der junge Hengst wieder unruhig und will raus in die Prärie?«
Lassiter lehnte an einem der Stützpfeiler des Vordachs und nahm einen Zug von seinem Zigarillo, während er Julio und Coralyn dabei zusah, wie sie die Wäsche von den Leinen nahmen und sich dabei Blicke zuwarfen, die wenige Fragen offenließen.
»Danke, Ma«, brummte er. »Aber der einzige junge Hengst auf deinem Hof ist der heißblütige Bursche da vorn, der offenbar fest entschlossen ist, einer zierlichen Blondine die Unschuld zu rauben.«
Ma Bakers Lachen klang rasselnd und rau wie eine rostige Dampfmaschine, Ergebnis ungezählter Zigarren sowie Glimmstängel kleineren Kalibers. »Darüber sind die zwei vermutlich längst hinweg. Und im Vergleich zu mir alter Schabracke kann man dich durchaus noch als jungen Hüpfer bezeichnen.« Sie beugte sich vor, und ihr verkrüppelter rechter Arm senkte sich dabei wie eine Vogelklaue. »Du lenkst ab, Hombre. Wenn du uns wieder verlassen musst, ist das kein Grund, Trübsal zu blasen. Immerhin hast du es fast drei Wochen lang im Bienenkorb ausgehalten. Ein Rekord, möchte ich meinen.«
Lassiter griente, als er ihr einen Blick über die Schulter zuwarf. »Du weißt genau, dass ich mich bei euch so wohl fühle wie die Made im Speck, Ma«, sagte er. »Und deine Mädchen lassen mich kaum dazu kommen, einen Gedanken an Abschied zu verschwenden.«
»Hört sich für mich fast so an, als wärst du all dessen überdrüssig und willst es nur nicht zugeben.« Ma Bakers koketter Augenaufschlag konnte es trotz ihres fortgeschrittenen Alters immer noch mit jenen ihrer Dirnen aufnehmen. Selbst wenn der graue Star das Funkeln in ihren blauen Augen allmählich verblassen ließ.
Die Besitzerin des Landbordells, eine dreiviertel Meile vor dem Kaff Desperation, und der Mann der Brigade Sieben kannten sich seit einer halben Ewigkeit. Zum ersten Mal waren sie sich in New Orleans über den Weg gelaufen, da hatte Ma Baker noch als Thekenkraft im French Quarter gearbeitet und er selbst war ein Rookie gewesen, grün hinter den Ohren, aufbrausend und immer auf der sprichwörtlichen Rasierklinge balancierend.
Ein paar Jahre später, Ma Baker hatte sich ihren Wunsch erfüllt, im Alter ein eigenes Bordell zu leiten in einer ruhigeren Gegend und dessen Angestellte besser zu behandeln, als sie selbst es hatte erfahren müssen, war der Mord an einer anderen alten Freundin Lassiters Grund eines unerwarteten Wiedersehens gewesen. Dunkle Geschäfte um Wasservorkommen in der Gegend und heimtückische Überfälle auf die Farmer der Umgebung hatten viele Todesopfer gefordert, bevor Lassiter die Bande der Schakale sowie ihren Auftraggeber hatte zur Strecke bringen können.*
Seitdem war er immer mal wieder zum Bienenkorb zurückgekehrt. Auch, um den Waisenjungen Julio aufwachsen zu sehen, den er damals als einzigen Überlebenden des Überfalls auf die Bowie-Farm gerettet und am Ende in Ma Bakers Obhut belassen hatte.
Aus dem verstörten, mageren Jungen war ein stattlicher junger Mann geworden, hübsch obendrein, weshalb er als Hahn im Bienenkorb von einem Dutzend Frauenzimmer umschwärmt wurde und dies sichtlich genoss, obwohl er mittlerweile wohl sein Herz an die eine verloren hatte, die mit ihrer goldfarbenen Mähne, den himmelblauen Augen und dem blassen, für diese Region so untypischen Teint die jüngste Attraktion in Ma Bakers Riege reizender Grazien darstellte. Wobei die Chefin in Coralyns Fall keinen Zweifel daran ließ, dass das Mädchen für die Dienstleistungen auf den Laken nicht nur zu jung war, sondern auch seelisch zu verletzt.
»Wenn sie es irgendwann aus freien Stücken tun will, dann soll es mir recht sein«, hatte sie Lassiter gegenüber erklärt. »Aber bis dahin arbeitet sie in der Küche, macht die Zimmer sauber und hat die Ruhe, die sie braucht, damit ihr Herz heilen kann.«
Darüber hinaus hatte Lassiter nur vage Informationen erhalten über Coralyns Schicksal, das sie in die liebevolle Umarmung Ma Bakers geführt hatte. So wie er generell wenig darüber wusste, auf welch verschlungenen Wegen die Herrin des Bienenkorbs ihr Personal rekrutierte. Bekannt war ihm allerdings, dass die dunkelhäutige Dame keine finanziellen Interessen verfolgte. Vielmehr betrieb sie das Etablissement vor allem als Rückzugsort für gefallene Mädchen und zwang keines von ihnen dazu, sich Kost und Logis im Bett zu verdienen. Wenn diese Einnahmen letzten Endes auch vonnöten waren, um die Gemeinschaft zu ernähren, trotz eines beträchtlichen Vermögens, über das Ma Baker zu verfügen schien.
Dies mochte mit dem Ableben eines Bordellkönigs in New Orleans zusammenhängen, welches verdächtig nah am Termin von Ma Bakers Abreise aus Louisiana gelegen. Ein Umstand, über den sie jedoch beide niemals mehr ein Wort verloren hatten.
Was Lassiter anging, tat er stets sein Bestes, sich wie ein Gentleman zu verhalten, so lange er die Gastfreundschaft des Bienenkorbs genoss. Und er verließ den Ort niemals, ohne ein großzügiges Honorar zu hinterlassen.
