Lassiter 2774 - Kolja van Horn - E-Book

Lassiter 2774 E-Book

Kolja van Horn

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Beschreibung

Der Gewehrschuss rollte über die weite Ebene wie Donnerhall. Ein Kaliber, das große Löcher riss, so viel glaubte Lassiter selbst über die Distanz hinweg am Geräusch erkennen zu können. Möglicherweise hatte jemand einen der wenigen Büffel erlegt, die noch durch die Great Plains von Oklahoma streiften. Oder aber er kam zu spät, um einen Mord zu verhindern. Mit kräftigen Hackentritten versetzte er den dreijährigen Wallach in den Galopp, denn es konnte nicht mehr weit sein bis zum Siedlercamp New Hope. Eine Gräfin erwartete ihn, offenbar einflussreich genug, um einen Agenten der Brigade Sieben in Marsch setzen zu lassen. Blieb abzuwarten, ob ihr das jetzt noch von Nutzen war.

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Seitenzahl: 146

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

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Lassiter und der Australier

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Impressum

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Lassiter undder Australier

von Kolja van Horn

Der Gewehrschuss rollte über die weite Ebene wie Donnerhall. Ein Kaliber, das große Löcher riss, so viel glaubte Lassiter selbst über die Distanz hinweg am Geräusch erkennen zu können. Möglicherweise hatte jemand einen der wenigen Büffel erlegt, die noch durch die Great Plains von Oklahoma streiften. Oder aber er kam zu spät, um einen Mord zu verhindern.

Mit kräftigen Hackentritten versetzte er den dreijährigen Wallach in den Galopp, denn es konnte nicht mehr weit sein bis zum Siedlercamp New Hope. Eine Gräfin erwartete ihn, offenbar einflussreich genug, um einen Agenten der Brigade Sieben in Marsch setzen zu lassen. Blieb abzuwarten, ob ihr das jetzt noch von Nutzen war.

»Grundgütiger!« Die Frau mit der zu einem Turm hochgesteckten Lockenpracht erbleichte und sank in die Lederpolster des Landauers zurück. »Harriet, bitte ...«

Das junge Mädchen im Kleid einer Zofe beeilte sich, dem unausgesprochenen Wunsch zu entsprechen, zückte ein Fläschchen mit Riechsalz und hielt es ihrer Herrin unter die Nase. Die begann postwendend zu blinzeln, nieste und schob die Hand von Harriet brüsk beiseite, während sie ihre Fassung zurückgewann.

»Dieser schreckliche Unhold«, stieß sie hervor und hob ein zierliches Fernglas, sonst wohl eher für die Verwendung in einer Theaterloge gedacht, an einem Silberstab vor ihre Augen. »Hat er etwa wirklich auf uns geschossen, Herr Dollinger?«

Der Angesprochene, ein stämmiger Mittfünfziger mit beeindruckendem, stahlgrauen Walrossbart, stemmte beide Fäuste auf das Sattelhorn seines Falben, starrte zum Hügel hinauf und brummte: »Eher nicht. Die Kugel ging meterweit über unsere Köpfe hinweg. Reines Imponiergehabe, wenn Sie mich fragen, Gräfin zu Wurtemberg.«

»Eine Vokabel, die die Dinge über Gebühr verharmlost, Mr. Dollinger«, meldete sich ein jüngerer Mann zu Wort, der neben der Gräfin saß. »Diese Schurken gebärden sich wie Barbaren. Ich denke, wir sollten Hilfe bei der Armee einfordern. Fort Kiowa befindet sich nur vierzig Meilen nordöstlich von hier.«

»Die Zu Wurtembergs schreien nicht gleich nach der Armee, wenn so ein Wiesel versucht, uns in die Ferse zu beißen.« Die Gräfin straffte die Schultern und hob herrisch das ausgeprägte Kinn empor. Ihre dunkelblauen Augen funkelten im Schatten des aufgespannten Sonnenschirms, den Albert, ihr schwarzer Page, vom Trittbrett hinter dem Fond aus schützend über sie hielt.

Zwar verfügte der Landauer auch über ein Verdeck, aber Gräfin Carlotta gefiel es so besser. Weil Albert dadurch die ganze Zeit über unbequem auf einem schmalen Tritt stehen und den Schirm halten musste oder weil sie einfach gern so viel Dienerschaft wie irgend möglich auf Trab hielt, blieb ihr Geheimnis.

»Außerdem hat mir Onkel Titus in die Hand versprochen, dass ein Mann zu unserem Schutz abgestellt wurde, der heute noch eintreffen soll.«

»Ein Mann?« Der junge Stutzer im himmelblauen Rock, der neben der Gräfin saß, kicherte affektiert. »Ist das dein Ernst, Kusine Carlotta? Ein Mann soll diese halbwilden Hinterwäldler zur Räson bringen? Wovon träumst du des Nachts?«

»Sie haben das Recht auf Ihrer Seite, werte Gräfin.« Ein hagerer Melonenträger, der einen leicht schäbig wirkenden steingrauen Anzug trug, welcher ihm deutlich zu weit war, und das dritte der Pferde besetzte, die neben der Droschke auf der Anhöhe standen, setzte ein Lächeln auf, das wohl ermutigen sollte. Er klopfte auf eine Ledertasche, die hinten an seinen Sattel gebunden war. »Die Dokumente sind juristisch einwandfrei, mein Sekretär wird morgen die Abschriften erstellen. Dann können diese Burschen da drüben sich auf den Kopf stellen, sie werden früher oder später dennoch die Quelle räumen müssen.«

»Ich habe meine Zweifel, ob die Australier sich von ein paar Blatt Papier überzeugen lassen, Mr. Muirfield«, kommentierte ein junger Bursche mit rostrotem Haar auf einem Braunen, der rechts der Droschke mit seinen Hufen scharrte, spöttisch. Er klopfte auf den Kolben seines Karabiners, der links vor dem Sattel in einem Scabbard steckte. »Wir werden wohl eher Blei mit Blei beantworten müssen, damit die Bastarde die Segel streichen. Das läuft hier genau wie mit den Indsmen in den Plains: Mach ihnen klar, wer der Stärkere ist, sonst tun sie das mit dir. Und wenn Blut fließen muss, sei besser dazu bereit, es zu vergießen.«

»Die Turners führen einen Treck mit fast hundert Pionieren an, Mr. Griffin«, erwiderte Dollinger. »Wir haben gerade mal sechzehn bewaffnete Wachleute. Da scheint's mir geraten, auf Argumente zu setzen statt auf Schießeisen.«

Griffin ignorierte den Bärtigen und lenkte sein Pferd stattdessen nah an den Landauer, ehe er sich soweit zur Gräfin vorbeugte, dass die indigniert ein Stück vor ihm zurückwich und sich ein Seidentaschentuch vor Mund und Nase hielt.

Davon unbeeindruckt brummte Griffin mit breitem Grinsen: »Mein Bruder Lesley verfügt über fast drei Dutzend hartgesottene Burschen, Ma'am. Hervorragend bewaffnet und kampferprobt. Ein Wink von Ihnen, und sie machen sich aus Fresnoe auf den Weg. Könnten in einem halben Tag hier sein.«

Die Gräfin nickte huldvoll. »Sie haben dieses Angebot zur Genüge unterbreitet, Herr Griffin«, sagte sie. »Ich schätze Ihre Expertise, und bei Bedarf werden wir ein Arrangement mit ihrem werten Herrn Bruder in Erwägung ziehen. Wenn auch die von Ihnen ins Spiel gebrachte Honorarforderung noch verhandelt werden müsste.« Als Griffin zu einer Erwiderung ansetzte, hob sie die Hand und schaute nach Osten. »Erkenne ich da etwa eine Staubwolke am Horizont, meine Herren?«

Die Männer um sie herum und auch Harriet schauten in die Richtung, in die sie zeigte, und es war Dollinger, der nickte und antwortete: »Sieht ganz so aus. Der Bursche, den Ihr Onkel zur Unterstützung schicken ließ?«

Griffin verdrehte die Augen. »Kanonenfutter für Turner. Fressen für die Geier.«

»Scheint mir auch kein Grund, zu applaudieren ...« Der Cousin der Gräfin schüttelte den Kopf, während er sich eine Zigarette in sein elfenbeinfarbenes Mundstück steckte und sie mit einem goldenen Feuerzeug anzündete. »Griffin hat recht. Diese Bauern verstehen nur die Peitsche.«

»Halt besser deine vorlaute Klappe, Hagen«, wies die Gräfin den jungen Geck neben sich zurecht. »Du weißt, weshalb du hier bist. Und dass dein Vater mir die Aufsicht über dich anvertraut hat.«

»Aber ich habe doch gar nicht ...«

»Still jetzt!« Die Gräfin wandte sich an den Mann mit dem Walrossbart. »Wären Sie vielleicht so gut und reiten unserem Besucher entgegen, Herr Dollinger?« Sie schaute demonstrativ zur Felsformation eine Viertelmeile südlich hinüber, vor der sich ein paar Zelte um eine Wasserquelle gruppierten. Und von dem aus sie immer noch beobachtet wurden, durch Männer mit Gewehren in ihren Händen.

»Man sollte doch besser vermeiden, dass der Herr in falsche Gesellschaft gerät.«

Lassiter zügelte den Wallach auf einem Hügelkamm, von dem aus er weit über die grünen Ebenen hinwegblicken konnte.

Weit genug, um das Camp im Westen auszumachen, vielleicht zwei Meilen entfernt. Doch direkt unter ihm war eine Szenerie erkennbar, die vermutlich offenbarte, warum Mord und Totschlag drohte.

Linker Hand erstreckte sich ein Halbrund karstiger Felsen, etwa drei Acre im Durchmesser fast wie eine natürliche Burg mit Spitzen nicht höher als fünfzig Fuß, aus denen eine Wasserquelle entsprang. Kristallklar sprudelte das Nass aus dem steinernen Schoß der Erde, lief als munterer Bach in Kaskaden hinab und verbreiterte sich, ehe es quer vor seiner Warte als gut sechs Yard breiter Creek vorüberfloss.

Nahe der Quelle, im Schatten junger Kiefern und einer majestätischen Eiche, gruppierten sich einige Zelte. Über einem davon war eine Flagge gehisst, und etwa dreißig Männer bewegten sich durch das Lager. Ein halbes Dutzend davon stand, Gewehre in Händen, abwartend an der Kuppe des Hügels und spähte zu einer Droschke hinüber, die einige hundert Yards entfernt, eskortiert von drei Reitern, in der Prärie stand.

Lassiter machte einen Mann und zwei Frauen im Fond des Einspänners aus und ahnte, dass die Lady unter dem Sonnenschirm wohl jene Gräfin war, wegen der er den Ritt angetreten hatte.

Der Mann der Brigade Sieben war wenig angetan gewesen, als man ihm seine Aufgabe erläutert hatte. Eine deutsche Adlige mit einflussreicher Verwandtschaft in Washington, die mindestens zweifelhafte Gebietsansprüche durchsetzen wollte gegenüber einer Gruppe von Pionieren? Das war so gar nicht nach seinem Geschmack, instinktiv fühlte er sich bereits auf der Seite der schwächeren, vermutlich nahezu mittellosen Siedler, als sein Gewährsmann ihm die unklare Rechtslage geschildert hatte.

»Justin Turner, ein Australier, führt den Siedlertreck aus Boston an. Er besteht steif und fest darauf, als Erster die Flagge gesteckt und das Gelände markiert zu haben«, hatte Richard Densmore, Notar und Kontaktperson der Brigade Sieben, ihm erklärt. »Nur behauptet die Gräfin zu Wurtemberg das Gegenteil, und ihr Anwalt hat angeblich alle beglaubigten Papiere zusammen, um dies zu untermauern.«

»Beglaubigt von wem?«, hatte Lassiter stirnrunzelnd gefragt und ein humorloses Lächeln geerntet. »So genannte beleumundete Zeugen, darunter sogar einige Indsmen aus dem Territorium. Mir erscheint das alles eher zweifelhaft, ebenso wie der Ruf des Anwalts, der für die Gräfin arbeitet. Ein Mr. Muirfield. Nur haben die Siedler um Mr. Turner noch weniger zu bieten, nämlich lediglich ihre eigenen Beteuerungen.«

»Ist die Landnahme im Territorium denn überhaupt rechtens?«, hatte Lassiter gefragt. »Die Verhandlungen mit den Cherokee, Muscogee und Seminolen sind doch noch gar nicht abgeschlossen.«

»Da haben Sie recht. Und meines Wissens kann es auch noch Monate dauern, bevor die Verträge unterschriftsreif sind.« Densmore hatte geseufzt und hinzugefügt: »Dennoch haben sich bereits Dutzende Trecks auf den Weg gemacht, um an der Spitze des Booms zu stehen. Jetzt gibt es gute Äcker und saftigen Grund noch in Hülle und Fülle.«

»Was sagen die Indsmen dazu?«, hatte Lassiter gefragt.

Densmore hatte die Achseln gehoben. »Wenig, Sie sind bereits weitestgehend aus der Region vertrieben worden und werden durch Armeestützpunkte in Schach gehalten.«

»Washington schafft Tatsachen, noch während man angeblich verhandelt«, hatte Lassiter gebrummt und dafür ein vielsagendes Heben buschiger Augenbrauen geerntet.

»Aber die Besiedelung ist dennoch nicht legal?«

Densmore hatte die Hände gehoben. »Strenggenommen nicht, es ist eine Wette auf die Zukunft. Wenn in einigen Monaten der Vertrag mit den Stämmen unterzeichnet ist, wird vermutlich niemand mehr die Gebietsansprüche anzweifeln, die erhoben wurden.«

»Das stinkt zum Himmel, wenn Sie mich fragen.«

»Ich stimme Ihnen zu, Lassiter. Nur ...«

»Eine Gräfin! Goddam, lassen Sie diesen Kelch an mir vorübergehen.«

»Ich fürchte, das liegt nicht im Rahmen meiner Möglichkeiten«, hatte Densmore eingestanden. »Die Sache ist dringlich, und Sie sind der einzige verfügbare Mann, der das Siedlercamp binnen eineinhalb Tagen zu erreichen vermag. Es tut mir leid, aber ...« An seiner gut ausgestatteten Bar in der Ecke des Büros stehend, hatte Densmore mit traurigem Hundeblick eine Flasche besten Kentucky-Bourbon geschwenkt. »... vor dem bitteren Kelch kann ich wenigstens noch etwas Delikateres anbieten. Einen Doppelten?«

Lassiters Augen verengten sich zu Schlitzen, als er erkannte, wie sich einer der Reiter aus der Eskorte der Gräfin auf den Weg zu ihm machte und dabei einen weiten Bogen beschrieb. Offenbar wollte er den Männern an der Quelle nicht zu nahe kommen und damit einen Grund liefern, ihn aus dem Sattel zu schießen.

Er glitt vom Rücken des Braunen, zog sein Fernglas aus der Satteltasche und schob es auseinander, bevor er hindurchspähte. Nicht in Richtung des Reiters, der sich näherte, sondern zu den Kerlen auf dem Hügel hinab.

Die Männer wirkten durchaus entspannt, unterhielten sich und lachten dabei. Der Größte unter ihnen hatte eine langläufige Browning mit dem Kolben ins Gras gestützt und beide Hände über die Mündung gelegt. Der Schütze von vorhin, wie Lassiter vermutete. Er mochte etwa dreißig sein, trug einen breitkrempigen Hut und ein rotes Tuch um den Hals, dazu sandfarbene Hosen, eine Weste in derselben Farbe und darunter ein helles Hemd.

Plötzlich wandte der Mann den Blick und schien ihn direkt anzuschauen, offenbar hatte er Lassiter mit seinem Fernglas bemerkt. Ein Grinsen strich über seine attraktiven Züge, ehe er kurz die Hand zum Gruß hob.

Im nächsten Moment drehte er Lassiter die Kehrseite zu und zog seine Hosen herunter, um ihm den nackten Hintern darzubieten.

Der Mann der Brigade Sieben ließ das Fernrohr sinken, während seine Mundwinkel sich um eine Nuance hoben. Das Gelächter der Kumpane des Burschen war bis zu ihm hinauf zu hören, während der sich die Hosen wieder hochzog.

Die Männer feixten und beobachteten ihn dabei, als der Reiter Lassiter erreichte und ein paar Schritte vor ihm seinen Falben zügelte.

»Mr. Lassiter? Mein Name ist Dollinger«, stellte der stämmige Bartträger sich vor, ehe er einen Blick zu den Männern auf dem Hügel warf. »Hat Turner da gerade ... ich meine, hat er seinen ...?«

»Ein Angebot«, erwiderte Lassiter, und der Anflug eines Lächelns blieb noch eine Weile auf seinem Gesicht. »An die deutsche Gräfin und ihre Handsmen. Könnte sein, dass der Mann gebildeter ist, als sie vermuten.«

»Wie meinen?« Dollinger blinzelte irritiert. »Gebildet, weil er seinen Hintern entblößt?«

»Gibt es da nicht dieses Stück von Ihrem Mr. Goethe, mit einem Ritter, der ...« Als Lassiter die verständnislose Miene des Mannes im Sattel registrierte, winkte er ab und schwang sich selbst zurück auf den Rücken seines Wallachs. »Wie auch immer. Reiten wir.«

Justin Turner zog seinen Gürtel stramm, ehe er sich die langläufige Browning-Büchse von seinem Bruder zurückgeben ließ. Die anderen Männer lachten immer noch über die derbe Darbietung ihres Anführers, Joshs Miene hingegen war grimmig geblieben.

»Du hättest der aufgeblasenen Schabracke den Kopf von den Schultern pusten sollen«, murrte er, während die beiden Reiter oben auf dem Hügelkamm ihre Pferde wendeten und hinab trabten zur Kutsche. »Die wird niemals Ruhe geben. Ich kenne diesen Menschenschlag ...«

»Ach, tatsächlich?« Justin musterte den um drei Jahre Jüngeren mit nachsichtiger Herablassung. »Woher denn, Josh? Habe ich ein paar Jahre deiner Jugend verpasst, in denen du Stallbursche bei hohen Herrschaften gewesen bist? Würde mich wundern. Seit Mom und Dads Tod sind wir nie länger als zwei Tage auseinander gewesen.«

»Du weißt genau, was ich meine«, behauptete Josh und kickte einen Stein mit der Stiefelspitze heftig genug beiseite, dass er zehn Yards weit flog und von einem Findling abprallte. Kenny, einer ihrer Kumpels, die ein paar Schritte voraus waren, drehte sich daraufhin um und zeigte ihm den Vogel. Josh antwortete, indem er die Faust schüttelte.

»Lass den Unsinn«, mahnte Justin und stieß Josh gegen die Schulter. »Du musst hier nicht den starken Mann markieren, kapiert? Ich weiß, was ich tue. Und wir kommen zu unserem Recht. Aber wenn wir's auf Ärger anlegen, dann ...«

»Was dann?«, zischte Josh und starrte seinen Bruder herausfordernd an.

»Es war ein langer Weg bis hierher«, sagte Justin leise. »Wir sind so weit gekommen, also versaue es nicht noch einmal.«

»Tu nicht so, als wäre ich damals allein schuld gewesen«, gab Josh missgelaunt zurück, doch sein Bruder hörte heraus, dass er verstanden hatte und einlenkte.

Wenigstens für diesen Moment.

Vor den Zelten hatten die Verteidiger sich versammelt und schauten Justin erwartungsvoll entgegen. Die jungen Burschen des Trecks erwarteten Anweisungen, wohl auch ein paar aufmunternde Sprüche, und er war bereit dazu. Selbst wenn er sich ihrer gemeinsamen Sache längst nicht mehr so sicher war, wie er sich stets gegeben hatte.

»Die feine Lady hat sich verpisst«, verkündete Gordon McCoy. Der halbwüchsige Rotschopf, der zurückgeblieben war, um die Gräfin und ihre Eskorte im Blick zu behalten, kam hinter ihnen angerannt, die sommersprossigen Wangen glühend vor Aufregung. »Mit ihren Männern und dem Fremden, der gerade angekommen ist.«

»Danke dir, Gordy«, brummte Justin und klopfte dem Jungen auf die Schulter. »Aber jetzt geh wieder hoch auf den Posten oben im Krähennest, okay? In zwei Stunden löst dich jemand ab.«

Gordy nickte, scharrte dabei aber betreten mit dem linken Fuß und starrte zu Boden, während er zögerte, Justin Turners Anweisung zu befolgen.

»Ist noch was?«

Gordy druckste einen Moment herum, dann bekannte er: »Hab seit gestern nichts mehr gegessen, Sir, mir hängt der Magen auf den Sohlen.«

Justin lachte, und ein paar der anderen Männer stimmten ein, während er einen Kanten Brot aus seiner Manteltasche zog und ihn dem Jungen in die ausgestreckten Hände drückte. »Das muss fürs Erste reichen, Kleiner. Nachher bringen wir ein ordentliches Stew aus dem Camp mit, versprochen.«

»Danke sehr!« Das Brot in der Faust, flitzte der kleine Bursche wieselflink davon, um oben auf den höchsten Felsen Posten zu beziehen. Justin wandte sich dem Kreis der Boomer zu, die er über Wochen und hunderte Meilen von der Ostküste hierhergeführt hatte.

Die meisten von ihnen stammten aus Irland und waren vor einer Hungersnot geflohen, durch Missernten bedingt. In New York, Boston und Baltimore begegnete man den katholischen Einwanderern mit Argwohn und Verachtung, bezeichnete die Kartoffelfäule, die die Felder in Irland heimgesucht hatte, als »Strafe des Herrn für die ketzerischen Papisten«. Die Yankees zogen über die Neuankömmlinge her und erwiesen sich damit als ebenso bigott und intolerant wie jene, vor denen sie einst selbst hatten fliehen müssen.

Aber es gab auch einige Italiener, Spanier, Belgier und Schotten unter den Pionieren. Alle waren arm wie Kirchenmäuse und hatten die letzten Pennies zusammengekratzt, um Planwagen und Begleiter bezahlen zu können. Gepäck war deshalb wenig auf den Ladeflächen, die Siedler kamen buchstäblich wie dem, was sie am Leib trugen. Und hatten all ihre Hoffnungen in die Gebrüder Turner gesetzt, die ihnen versprachen, sie wohlbehalten ins Gelobte Land zu führen. Dabei waren Justin und Josh alles andere als erfahrene Scouts. Genau genommen hielten sie sich nicht einmal sehr viel länger in den Vereinigten Staaten auf als die Pioniere, was sie aber tunlichst für sich behielten.

Denn eines hatten sie in den Straßen von Boston schnell gelernt: In Amerika zählte nicht, woher man kam oder was man gewesen war. Sondern, was man sein wollte und wie entschlossen man dieses Vorhaben verfolgte.