Maddrax 670 - Kolja van Horn - E-Book

Maddrax 670 E-Book

Kolja van Horn

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Beschreibung

Die Freundin von Dark-Force-Major Des Morane kehrt von einem Besuch bei ihren Eltern in den Alleghenys nicht zurück. Kurzerhand nimmt Morane sich Urlaub und reist ihr nach. Doch auch er taucht zum Dienst nicht wieder auf, obwohl er nur drei Tage fortbleiben und sich per Funk melden wollte. Jetzt ist man bei der WCA alarmiert genug, um ihm Matt und Aruula hinterherzuschicken. Es kommt, wie es kommen muss: Während eines Wolkenbruchs tut sich vor PROTO urplötzlich die Straße auf und sie sacken zur Hälfte meterweit in die Tiefe. Bei dem Sauwetter ist ein Entkommen vorerst unmöglich. Wie gut, dass unweit der Erosion ein Schild im Dunkeln leuchtet: Welcome to the Hotel Carnivora.

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Seitenzahl: 162

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

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Hotel Carnivora

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Impressum

Cover

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Am 8. Februar 2012 trifft der Komet »Christopher-Floyd« die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse, und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert.

In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Fliegerstaffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 versetzt wird. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn »Maddrax« nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler, der sich als lebende, schlafende Entität entpuppt – zur Erde gelangten und schuld sind an der veränderten Flora und Fauna und der Verdummung der Menschen. Nach langen Kämpfen mit den Daa'muren erwacht der Wandler, weist sein Dienervolk in die Schranken und zieht weiter. Mit zwei Daa'muren, die auf der Erde zurückblieben – Grao und Ira – haben sich Matt und Aruula sogar angefreundet.

Bei einem Abstecher zum Mars, auf dem sich eine Expedition aus dem Jahr 2010 zu einer blühenden Zivilisation entwickelt hat, erfährt Matt von der Spezies der Hydree, die vor 3,5 Milliarden Jahren hier lebten und mittels eines Zeitstrahls zur jungfräulichen Erde umzogen, als ihr Planet seine Atmosphäre und Ozeane verlor. Mit ihren Nachkommen, den telepathisch begabten Hydriten, die von den Menschen unentdeckt am Meeresgrund leben, hatte Matt schon Kontakt und nennt einen von ihnen, Quart'ol, einen guten Freund.

Diese »Tunnelfeldanlage«, die wie ein Transporter funktioniert, in dem die Zeit unendlich gedehnt werden kann, ist bis heute in Betrieb und verursachte auch den Zeitsprung von Matts Flugstaffel um 504 Jahre, als die den Strahl querte. Dabei legt der Strahl einen Tachyonenmantel um lebende Zellen, der den Altersprozess fünfzig Jahre lang drastisch verlangsamt.

Seither ist viel Zeit vergangen – wir schreiben inzwischen das Jahr 2554 –, und all die Erlebnisse unserer Helden an dieser Stelle zu schildern, wäre unmöglich. Es gibt sogar eine Erdkolonie in einem fernen Ringplanetensystem, zu dem allerdings der Kontakt abgebrochen ist. Ihre Freunde Tom, Xi und deren Tochter Xaana (die eigentlich Matts Kind ist) leben dort auf dem Mond Novis.

Nicht nur einmal haben Matthew Drax und Aruula die Erde vor dem Verderben gerettet und mächtige Feinde bekämpft – zuletzt die vampirhaften Nosfera, die die WCA (World Council Agency, kurz: Weltrat) übernehmen wollten. Auf diese Organisation traf Matt schon früh. Momentan steht ihr General Aran Kormak vor, ein in der Vergangenheit eher zwielichtiger Charakter, der sich aber gewandelt und großes Interesse zu haben scheint, Meeraka (ehem. USA) und danach andere Länder friedlich zu einen.

Auch um Kormak weiterhin im Auge zu halten, geht Matt auf seinen Vorschlag ein, zusammen mit Aruula im Auftrag des Weltrats eine schnelle Eingreiftruppe zu bilden und für ein Bündnis unter dem Dach der WCA zu werben.

Dies sind ihre Abenteuer...

Weitere Informationen und Hintergründe zur Serie findet ihr unter https://de.maddraxikon.com im Internet!

Hotel Carnivora

von Kolja van Horn

Wenige Schritte, bevor Major Des Morane den Empfangstresen im Foyer erreichte, begannen die Lampen zu flackern, und ein Beben ging durch den Bau. Stark genug, dass er unwillkürlich die Arme ausbreitete, vor sich auf den von zerschlissenen, ehemals wohl kostbaren Teppichen bedeckten Boden starrte und ein leiser Fluch über seine Lippen kam.

Die Lady hinter dem Tresen zeigte sich hingegen gänzlich unbeeindruckt. »Der Berg, auf dem wir uns befinden, Mister«, erklärte sie ihm mit einem nachsichtigen Lächeln, »ist nicht nur hoch genug, damit die Luft so klar und rein ist wie die Seele eines Neugeborenen.« Sie beugte sich vor, und ihre üppig geschminkten Augen weiteten sich bedeutungsvoll. »Er ist auch sehr, sehr tief.«

Zwanzig Stunden zuvor

Des Morane war ein geduldiger Mensch.

Das war ihm keineswegs in die Wiege gelegt worden, aber nach der Rückkehr von Keloid Island hatte er lernen müssen, dass Zeit keine mathematische Größe, sondern ein menschengemachter und damit unzulänglicher Begriff war, den jeder anders interpretierte. Für einen achtjährigen Jungen mochten zwei unbeschwerte Sommerwochen an einem Strand so schnell vergehen wie ein paar Atemzüge. Lag man aber in einem Krankenhausbett und hatte nicht viel mehr zu tun, als die Löcher in den Deckenfliesen zu zählen, dauerte jede Minute eine halbe Ewigkeit.

Täglich hatte Morane gefragt, wie lange es noch dauern würde, bevor er wieder dienstfähig sei, und immer wieder war ihm nur mit Kopfschütteln geantwortet worden. Die Infektion mit dem Rabid auf der Insel der irrsinnigen Riesin hatte er gerade so überlebt; viele seiner Kameraden allerdings waren auf der Strecke geblieben.1 Einige schon dort, andere in den Nachbarbetten der Isolierstation.

Dennoch war er über Monate ans Bett gefesselt gewesen, davon fast acht Wochen unter strengster Quarantäne, während der er seine Verlobte Naadia nur durch ein Fenster hatte sehen dürfen. Trotzdem war sie fast an jedem Tag gekommen, hatte ihre Hand auf die Scheibe gelegt und ihm zugelächelt, sobald er sie bemerkte. Diese himmelblauen Augen, die ihn beobachteten, über ihn wachten, darauf brannten, dass er ihrer gewahr wurde.

Matthew Drax und auch Aruula hatten ihn ebenfalls noch ein paar Mal besucht und sich regelmäßig nach ihm erkundigt, wie Gary Blane, sein behandelnder Arzt, nie zu erwähnen vergaß. Das hatte Morane mit einem gewissen Stolz erfüllt, schließlich war Commander Drax so etwas wie eine Legende. Und wenn eine Legende sich auch nach Abschluss einer Mission noch um einen scherte, durfte man dies wohl als Auszeichnung betrachten.

Daher hatte er einen Moment lang daran gedacht, sich an Drax zu wenden, als Naadias Besuche plötzlich ausblieben. Doch dann hatte er die Idee wieder verworfen und stattdessen einfach vier Tage Urlaub beantragt.

Savage hatte ihn über seinen Schreibtisch hinweg gemustert und gesagt: »Gerade konnten Sie es noch kaum erwarten, wieder in Dienst gestellt zu werden, Major. Und jetzt ...«

»Ich muss mich davon überzeugen, dass bei meiner Verlobten alles okee ist, Sir«, war seine Antwort gewesen. »Bei allem Respekt, aber da Sie ihr Verschwinden für nicht weiter bemerkenswert halten, bin ich gezwungen, mich in Zivil darum zu kümmern.«

Der Umstand, dass Naadia ihn weder aus dem Krankenhaus abgeholt hatte noch zu Hause gewesen war, machte ihm zu schaffen. Seine Verlobte hatte ihm zwar gesagt, sie wolle ihre Eltern besuchen, um ihnen endlich von der bevorstehenden Hochzeit zu erzählen – reichlich spät, wenn man bedachte, dass die bereits in vier Tagen hätte stattfinden sollen –, doch von dem Kurztrip in die Alleghenys wollte sie auf jeden Fall rechtzeitig zurück sein, um mit ihm die wiedergewonnene Freiheit zu feiern. Stattdessen war sie auch am nächsten Tag verschwunden geblieben. Ebenso heute, sodass Morane es für gegeben hielt, Maßnahmen zu ergreifen.

»Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, Major«, brummte Savage. »Aber Ihre ... Verlobte arbeitet doch als Tänzerin? In einem dieser Schuppen oben in Andy's Morgan.«

»Sie ist keine Bordsteinschwalbe«, stieß Morane mühsam beherrscht hervor. »Wir haben die Absicht, am Sonntag zu heiraten. Deshalb war sie zu Besuch bei ihren Eltern, um sie zur Feier einzuladen, aber sie wollte längst wieder zurück sein.«

»Haben Sie Kontakt zu den Eltern aufgenommen?« Savage Frage klang, als verstecke sich zwischen den Worten ein lautloser Seufzer.

Morane schüttelte den Kopf. »Es gibt dort oben keine Funkstation. Mr. und Mrs. Borowiin leben in den Alleghenys, ziemlich zurückgezogen.«

»Verstehe«, brummte Savage und seufzte nun wirklich. »Haben Sie schon in Betracht gezogen, dass Ihr Mädchen einfach nur kalte Füße bekommen hat bei dem Gedanken an eine feste Bindung, noch dazu mit einem Soldaten der Dark Force? Sie wissen schließlich aus eigener Erfahrung, wie schnell unser Beruf Ehefrauen zu Witwen machen kann.«

Morane presste die Antwort zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: »Das halte ich für ausgeschlossen, Sir. Ich brauche auch keine Hilfe von der Truppe, nur ein paar Tage Urlaub. Wenn das möglich wäre.«

Savage starrte aus verengten Augen zu ihm hoch, aber Morane weigerte sich, den Blick zu erwidern, schaute stattdessen auf die Landkarte an der Wand hinter seinem Vorgesetzten, als müsse er sich die Topografie von Waashton und Umgebung genauestens einprägen.

»Sie melden sich ordnungsgemäß beim Staff Sergeant ab und hinterlassen dort die genaue Position Ihres Zielorts. Außerdem erwarte ich, dass Sie sich alle sechsunddreißig Stunden über Funk melden.«

»Wie gesagt, Sir«, wandte Morane ein, »dort oben gibt es keine Möglichkeit ...«

»Sie werden ein mobiles Funkgerät mitnehmen.« Savage war schon dabei, ein Formular auszufüllen. »Und sollte es Hinweise darauf geben, dass Ihre Freundin wirklich in Schwierigkeiten steckt, geben Sie Bescheid. Das ist ein Befehl, Major. Verstanden?«

Morane nahm Haltung an und salutierte, wobei er ein Grinsen unterdrückte. »Jawohl, Sir.« Der Alte war eben doch nicht so ein harter Knochen, wie er immer tat.

Er nahm den Zettel entgegen, den der Captain ihm reichte, und verließ das Büro. Kaum eine Stunde später hatte er sein Steamtrike mit dem Funkgerät und dem Nötigsten für eine Reise in die Wildnis beladen und machte sich auf den Weg nach Norden.

Die Ausfallstraßen, über die man Waashton verließ, waren mittlerweile weitgehend in einen guten Zustand versetzt worden, sodass man den Eindruck gewann, die Region würde sich stabilisieren. Doch Des Morane mochte dem Frieden noch nicht recht trauen. Schließlich waren erst ein paar Monate vergangen, seit die Nosfera das Zentrum einer neuen Weltregierung in ein apokalyptisches Schlachtfeld verwandelt hatten, bevor man ihrer kurzen Herrschaft ein Ende bereiten konnte.

Außerdem war es mit der komfortablen Straße schon nach dreißig Meilen wieder vorbei. Kaum hatte Morane an einem Rastplatz ein spätes Mittagessen zu sich genommen und die Brennkammer seines Trikes aufgefüllt, ging der Highway in eine Buckelpiste über, die mehr Schlaglöcher aufwies als ein frisch bombardiertes Flugfeld. Er musste die Geschwindigkeit immer weiter reduzieren, wobei sich die Sonne der Bergkette im Nordwesten stetig weiter zuneigte.

Laut der Karte lagen noch mindestens fünfunddreißig Kilometer vor ihm, als er endlich die Abfahrt erreichte, an der ein rostiges Schild ihn darauf hinwies, dass er in Kürze ein Dorf namens »Solomon's Flames« erreichen würde.

Ein leeres Versprechen, wie sich kurz darauf herausstellte. In Solomon's Flames waren die letzten Lager- oder Herdfeuer offenbar bereits vor Jahren erloschen, denn er durchquerte eine Geisterstadt: ein gutes Dutzend schlichte Baracken, deren Bretterwände und flache Dächer dunkelgrün mit Moos bedeckt waren, auf denen Pilze mit handtellergroßen, rotweißen Hüten wuchsen.

Dahinter folgten ein paar größere Häuser und Ladengeschäfte, die aber ebenso leer standen. Schartig steckten die Reste der fast ausnahmslos zerstörten Fensterscheiben in ihren Rahmen wie tückische Fangzähne. Hinter einem Schaufenster glaubte Morane eine mumifizierte Leiche zu erkennen, die in einem Lehnstuhl zwischen halbhohen Regalen vergeblich darauf wartete, dass sich jemand ihrer annahm.

Er war schneller aus dem Kaff wieder heraus, als er seinen Namen dreimal hintereinander hätte aussprechen können.

Fünf Meilen hinter Solomon's Flames schien die Piste wieder etwas besser zu werden, gleichzeitig stieg sie an und war nun gesäumt von riesigen tiefgrünen Nadelbäumen, die derart hoch in den Himmel wuchsen, dass sie fast alles an Sonnenlicht verschluckten, das bis zur nahen Dämmerung noch übrig war.

Der schmale Streifen wolkenlosen Himmels ging allmählich von Indigo in eine Farbe über, die an einen frischen Bluterguss erinnerte. Morane sah sich gezwungen, Halt zu machen und die Laterne vorn zwischen den Lenkergriffen zu entzünden. Die Gaskartusche, die den Scheinwerfer mit Energie versorgte, reichte für etwa eine Stunde, also blieb ihm nur zu hoffen, dass er bis dahin am Blockhaus der Borowiins angekommen war.

Ein Röhren ließ ihn den Kopf wenden, und er bemerkte einen mächtigen Deer2, der ihn, halb von Buschwerk verborgen, aus einer lichten Stelle des Waldes heraus beobachtete. Das Tier war sicher über drei Meter groß und verfügte über ein mächtiges, dunkelrot gefärbtes Geweih. Als es noch einmal das Maul öffnete und seinen Ruf ausstieß, erkannte Morane messerscharfe Reißzähne darin. Unwillkürlich wanderte seine Hand zur Pistool, die er in einem Holster am Oberschenkel trug. Doch nach ein paar Sekunden wandte der Deer sich ab und stolzierte majestätisch tiefer in den Wald hinein, bis er aus seinem Sichtfeld verschwand.

»Klug von dir, und besser so«, murmelte Morane, warf das Trike wieder an und setzte seine Fahrt fort. Es ging weiter stetig bergauf, und nach einer Weile wurde der Baumbestand lichter. Im Westen drang die Sonne noch einmal durch und versorgte ihn mit letzten wärmenden Strahlen. Er genoss das Gefühl auf dem Gesicht, denn es wurde nun empfindlich kalt hier oben, und er trug dafür eigentlich nicht die richtigen Klamotten.

Die Stunden im Sattel hatten ihn ein wenig träge werden lassen, und er gab sich der Aussicht hin, bald von Naadia umarmt zu werden und sie erleichtert, aber auch ein wenig vorwurfsvoll zu fragen, warum sie nicht wie vereinbart zurückgekommen war, bevor er endlich ihre Eltern kennenlernen würde.

Derart abgelenkt, bemerkte er die toten Tiere nicht, die vor ihm auf der Straße lagen. Erst als deren stachlige Panzer seinen Vorderreifen zum Platzen brachten.

Das Trike bockte wie ein störrisches Horsay.3 Der rechte Lenkergriff traf Morane in die Rippen, doch er hielt die andere Seite fest und schaffte es, zu verhindern, dass sein Krad sich auf die Seite legte, obwohl der rechte Hinterreifen vom Boden abhob und er einige Meter weit quer über die Piste schlitterte.

Mit dem Stiefel trat er die Bremse und packte gleichzeitig den zweiten Lenkergriff wieder, den es ihm aus der Hand geschlagen hatte. Schotter spritzte empor, schlug ihm gegen die Hosenbeine und knallte gegen das Blech der Karosse. Noch ein Meter, dann kam das Fahrzeug endlich zum Stehen. Ein Blick zur Seite verriet ihm, dass es nicht zu früh gewesen war: Am Rand der Piste ging es gut und gern drei Meter hinab in einen Graben, in dem eine dunkel schillernde Brühe vor sich hin blubberte.

»Fack!«, schnaubte er, atmete kurz durch und wartete, bis sich sein Puls wieder beruhigt hatte, ehe er zurückschaute auf die Straße hinter sich.

Im Zwielicht der Dämmerung erkannte er drei flache Tierkörper, ordentlich aufgereiht, als hätten sie sich im Gänsemarsch über die Straße bewegen wollen und seien dabei alle gleichzeitig gestorben.

Morane runzelte die Stirn und stieg von seinem Trike. Er ging die paar Meter zurück und nahm die Viecher genauer in Augenschein. Tot waren sie allemal, außerdem so platt, als wäre er nicht der erste gewesen, der ein Fahrzeug über sie gelenkt hätte. Sie sahen ein wenig aus wie Igel, nur deutlich größer und mit Stacheln auf dem Rücken, die so spitz und fest waren wie Eisennägel. Aus ihrem Hinterteil schauten schuppige Schwänze hervor. Morane packte eines der Tiere daran und zog es von der Straße, ehe er dasselbe mit den anderen beiden tat. Er ließ die Kadaver in den Graben rutschen, und das ölige, dickflüssige Zeug darin verschluckte sie.

Nicht nötig, dass noch jemand deswegen eine Panne hatte.

Sein Malheur hingegen war nun schon geschehen, und Morane schätzte die Chance auf ein baldiges Wiedersehen mit Naadia bis auf Weiteres als gering ein.

Er schaute sich den Vorderreifen an und verzog das Gesicht. Der Mantel hing in Fetzen an der Felge, damit konnte er sich nur noch im Schritttempo fortbewegen. Nun bereute er es, nicht dem Impuls nachgegeben zu haben, einen Ersatzreifen hinter den Kessel zu binden, für alle Fälle. Er hätte auf seine Instinkte hören sollen, die hatten ihm schließlich schon bei so manchem Einsatz den Arsch gerettet.

Hier jedenfalls konnte er nicht bleiben. Er musste wenigstens eine Lichtung finden, möglichst mit einem Wasserlauf, an dem er übernachten konnte.

Morane zog die Landkarte zu Rate, war sich aber nicht sicher, ob die Piste durch den Wald der auf dem Plan entsprach. Schließlich warf er die Maschine wieder an und steuerte sein Fahrzeug mit holperndem Vorderrad und in enervierend langsamem Tempo voran.

Eine Viertelstunde später atmete er erleichtert auf, als sich der Wald zu einer breiteren Straße hin öffnete. Und nur hundert Meter entfernt ein orangefarbenes Schild am Straßenrand die kühle Dämmerung erleuchtete.

Er fuhr hinaus aus dem Wald und erblickte wenig später eine pittoreske Silhouette auf einem Hügel, die ihre Dächer und Türmchen in den sternenklaren Abendhimmel reckte. Ein paar der Fenster des zweistöckigen Gebäudes waren erleuchtet; warmes Licht fiel durch das Glas auf einen Vorplatz, der in einem Halbrund von schmiedeeiserner Umzäunung eingefasst war.

Morane blickte eine Weile auf das Haus, dann auf das Schild, das von innen beleuchtet war. Welcome to the Hotel Carnivora flackerte es unstet in einer schwungvollen Schrift. Das Schild wies ein paar Löcher im Glas auf, durch das Insekten ins Innere gedrungen waren, die nun zwischen dem Glas und den Leuchtkörpern herumflatterten, ehe sie verglühten und ihre Überreste sich mit denen ihrer Vorgänger am Boden des Kastens vereinten.

Morane zögerte. Etwas an diesem dunklen Bau fünfzig Meter entfernt gefiel ihm nicht. Die runden Fenster über dem Eingang erschienen wie die Augen einer Eule und die zweiflügelige Tür mit ihren reich verzierten Fensterrahmen aus Buntglas wie das grinsende Maul eines Untiers.

Eines hungrigen Untiers.

Er schaute sich unschlüssig um, blickte die Straße hinauf. Wie weit mochte es noch sein bis zur Hütte der Borowiins? Höchstens zwanzig Kilometer, aber mit dem kaputten Reifen konnte das zwei Stunden bedeuten oder mehr.

Der Scheinwerfer des Trikes begann zu flackern. Das Licht war bereits in den letzten Minuten stetig schwächer geworden, und als er die Anzeige des Gasstands überprüfte, erkannte Morane, dass die Lampe in den nächsten Minuten völlig erlöschen würde. Was den Ausschlag gab.

»Was soll's«, brummte er und drehte am Gashebel. Langsam rollte das Trike die Auffahrt hinauf, bevor er es an der Eingangstreppe zum Stehen brachte, abstieg und das Hotel betrat.

Niiswood, Herzogtum der Allex, im Jahr 328 nach Kristofluu

»Nein! Bleib stehen, Donna!«

Die Angesprochene gehorchte, aber dabei huschte der Anflug eines Lächelns über ihr Gesicht, das in den Schatten des Stolleneingangs so zartblau aussah wie die Blüten auf der Sommerwiese hinter ihnen. Sie breitete die Arme aus.

»Warum? Hast du Angst?«

Ihr Bruder kam keuchend neben ihr zum Stehen, beugte sich vor und stützte seine Hände auf die Knie. »Vater hat es uns verboten.«

»Na und?«

Er schaute zu ihr hoch. »Er hat seine Gründe dafür. Es ist gefährlich in den Stollen.«

»Unsinn, Glen ...« Donna trat ein paar Schritte vor. Die dunkle Öffnung im Fels, vier Meter breit und ebenso hoch, sah aus wie das Maul eines hässlichen Riesenfischs. »Es ist ... interessant. Die Arbeiter gehen schließlich auch jeden Kooltach da rein und kommen lebendig wieder raus, oder etwa nicht?«

»Nicht hier«, widersprach ihr Bruder und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Nur drüben am Osthang. Hier gibt's keine Kool mehr zu holen.«

Donna drehte sich zu ihm um und schmunzelte, als ein Schmetterling mit Flügeln so groß wie ihre Hände auf seinem blonden Haarschopf landete, ohne dass Glen es bemerkte.

»Dann kann uns auch keiner der Burschen erwischen und verpetzen«, schlussfolgerte sie, machte kehrt und tänzelte ausgelassen an der zerbrochenen Schranke vorbei.

Glen brummelte etwas Unverständliches, ehe er ihr widerwillig folgte.

Es roch ein wenig modrig im Stollen, der zu uralten Zeiten in den Berg getrieben worden war. Die Stützbalken allerdings waren jüngeren Datums und machten noch einen soliden Eindruck. Unter ihren Füßen knirschte zermahlenes Gestein.

Donna entdeckte eine rostige alte Laterne, nahm sie auf und schüttelte sie. Leises Gluckern verriet, dass noch etwas Petroleum im Sockelbehälter war. »Halt mal«, wies sie ihren Bruder an und holte, als sie die Hände frei hatte, eine Schachtel mit Schwefelhölzern aus der Tasche ihres Kleids.

»Wo hast du die denn schon wieder her?«, fragte Glen mit argwöhnisch zusammengekniffenen Augen.

»Gefunden«, kam ihre Standardantwort, der er selten glaubte. Vermutlich hatte sie die Schachtel aus einer Küchenschublade stibitzt.