Lassiter 2792 - Kolja van Horn - E-Book

Lassiter 2792 E-Book

Kolja van Horn

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Beschreibung

Die Morgenluft über den Wiesen war gesättigt vom sauren, metallischen Geruch vergossenen Blutes, und der Anblick, der sich Sheriff Nathaniel Parker und seinen Männern bot, rief im Sternträger Erinnerungen an den Krieg zurück, von denen er geglaubt hatte, sie ein für alle Mal tief in seinem Unterbewusstsein vergraben zu haben. Es mochten an die hundert Pioniere sein, die hier massakriert worden waren, auf einem sanften, üppig von Frühlingsblumen bestandenen Hügel, deren farbenfrohe Blüten sich wie ein grausamer Scherz des Schöpfers zwischen den Leichen der Sonne zuwandten, die von einem strahlend blauen Himmel schien.

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Seitenzahl: 143

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

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Das Daisy- Meadows- Massaker

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Impressum

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Das Daisy-Meadows-Massaker

von Kolja van Horn

Die Morgenluft über den Wiesen war gesättigt vom sauren, metallischen Geruch vergossenen Blutes, und der Anblick, der sich Sheriff Nathaniel Parker und seinen Männern bot, rief im Sternträger Erinnerungen an den Krieg zurück, von denen er geglaubt hatte, sie ein für alle Mal tief in seinem Unterbewusstsein vergraben zu haben.

Es mochten an die hundert Pioniere sein, die hier massakriert worden waren, auf einem sanften, üppig von Frühlingsblumen bestandenen Hügel, deren farbenfrohe Blüten sich wie ein grausamer Scherz des Schöpfers zwischen den Leichen der Sonne zuwandten, die von einem strahlend blauen Himmel schien.

Gordon Ramsey, Kutscher der Wells Fargo, hatte den von brennenden Planwagen aufsteigenden Rauch im Morgengrauen bemerkt, als er mit seinem Fuhrwerk auf dem Overlandtrail Richtung Pleasant Hill unterwegs gewesen war – und daraufhin dem Sechsergespann die Peitsche gegeben, um es in halsbrecherische Geschwindigkeit zu treiben. Wohl, weil er eine Heidenangst davor hatte, die Mörder könnten noch in der Nähe sein; oder aber, um schnellstmöglich Parker zu alarmieren, wie er stattdessen bei seiner Ankunft beteuerte.

Parker hatte sich gerade mit seinem ersten Kaffee auf den Sidewalk vor dem Office begeben und auf die Zeitung von letzter Woche gefreut, mit der er den Morgen eigentlich im Schaukelstuhl schön langsam angehen lassen wollte, als die Postkutsche über die Mainstreet hereinrauschte, als wäre der Leibhaftige hinter ihr her. Passagiere hatte Ramsey nicht dabei, nur ein paar Postsendungen, und die spielten fürs erste auch keine Rolle. Völlig außer sich, sprudelte ein wirrer Sermon über die Lippen des bärtigen Mittfünfzigers und bereitete Parker, der kein Morgenmensch war – nie gewesen, vielen Dank auch –‍, postwendend Kopfschmerzen. Als es dem Sheriff endlich gelang, Ramsey ein wenig zu beruhigen und ihm ein paar gezielte Fragen zu stellen, stellte sich heraus, dass der Kutscher nicht viel gesehen hatte im fahlen Licht des anbrechenden Tages, ehe er geflohen war.

Aber brennende Planwagen und Dutzende lebloser Körper, von denen er berichten konnte, reichten, damit Parker eilig ein paar Männer zusammentrommelte, darunter Huey und Dave Lewis, seine Zwillingsdeputies, und sich auf den Weg machte zu den Daisy Meadows.

Es war Huey, der fünf Minuten jüngere, der nun mit Leichenbittermiene auf ihn zukam und dabei einem korpulenten Toten ausweichen musste, der mit eingeschlagenem Schädel bäuchlings über einer Kutschendeichsel hing. Die Siedler hatten ihre Wagen in einem Kreis um die Feuerstellen aufgebaut, eine gängige Methode, um sich einen gewissen Schutz vor Angriffen zu verschaffen.

Diesem Treck hatte er nicht im Geringsten geholfen.

»Schon irgendwelche Überlebende gefunden?«, fragte Parker ohne große Hoffnung in der Stimme und erntete umgehend ein Kopfschütteln. Huey blinzelte, und sein rechtes Auge schaute wie üblich nicht ganz präzise Parker an, sondern knapp eine Handbreit an ihm vorbei; Ergebnis einer nicht ganz glatt gelaufenen Geburt und ein probates Kennzeichen, um ihn von seinem Bruder zu unterscheiden, dem er ansonsten glich wie ein Ei dem anderen.

»Es ist grauenhaft, Sir. Die armen Leute wurden regelrecht abgeschlachtet. So etwas habe ich noch nie zu Gesicht bekommen.«

Parker schon, aber darüber sagte er nichts, sondern wiederholte seine Frage: »Überlebende, Huey?«

»Scheint nicht so.« Hilflos hob der Deputy die Achseln. »Wer auch immer das hier getan hat, wollte wohl auf keinen Fall Zeugen zurücklassen.« Huey schob sich den Stetson in den Nacken und warf einen Blick in die Runde, während die anderen Männer durch das Camp schritten und sich dabei so behutsam wie Schlafwandler bewegten. »Was glaubten diese Hundesöhne, hier rauben zu können? Das sind doch ausnahmslos arme Schweine gewesen, die alles Geld in Wagen und Ausrüstung gesteckt haben in der Hoffnung, in Nebraska ihr Glück zu machen.«

»Manchmal schließen sich auch Leute den Trecks an, die etwas mehr besitzen – was sie nach Kräften zu verbergen versuchen«, erklärte Parker. Dabei wusste er, das war in diesem Fall unwahrscheinlich. Zwei Tage zuvor hatte die Karawane der Siedler unweit von Pleasant Hill kampiert und er hatte ihnen einen kurzen Besuch abgestattet, um nach dem Rechten zu schauen. Es hatte sich zum größten Teil um Iren gehandelt, die vor sechs Monaten mit Schiffen aus der Alten Welt in New York angelandet waren – und dort alles andere als mit offenen Armen empfangen wurden.

Immer noch war der Hass gegen die »Papisten« in New York ausgeprägter als irgendwo sonst in den Vereinigten Staaten. Katholiken galten in der Metropole noch weniger als Schwarze und waren ständigen Drangsalierungen ausgesetzt, weshalb die meisten von ihnen, die der Hungersnot in der alten Heimat entflohen waren, sich gezwungen sahen, nun ein weiteres Mal das Weite zu suchen, sprichwörtlich in jenen Regionen der Great Plains, die noch dünn besiedelt waren.

Es hatte sich um bescheidene Männer und Frauen gehandelt, deren Armut in den ausgemergelten Gesichtern überdeutlich zutage trat. Sie waren ihm mit höflicher Zurückhaltung begegnet und hatten das Gespräch mit dem Ordnungshüter, dessen Stern sie sichtlich einschüchterte, einer weiblichen Begleiterin überlassen.

Die Frau war ein höchst sonderbarer Kauz gewesen mit ihrer wuchtigen Statur, dem schwarzen, ledernen Regencape über der dunklen speckigen Jacke, einem verschossenen Hexenhut, unter dem verfilztes Haar in alle Richtungen wucherte, der Zigarre im Mundwinkel und ihrem leicht irre klingenden Lachen, das jedem Piratenkapitän Ehre gemacht hätte. Doch als sie ihn beiseitezog und ihm ein Schreiben des Bundesmarshals aus Lincoln präsentierte, welches sie als »im Regierungsauftrag handelnde Aufsicht und Eskorte« auswies, der »von Seiten der Ordnungskräfte auf Anforderung Unterstützung zu leisten ist«, hatte er den strengen Körpergeruch der Lady namens Misty Maroon nonchalant ignoriert und ihr und allen Schutzbefohlenen weiterhin eine gute Reise gewünscht.

Die Siedler hatten ihre Tiere am Fluss getränkt, ein paar mächtige Stücke Bisonfleisch am Feuer gebraten, denn offenbar hatten sie mehrere Tiere Tage zuvor erlegt – wenn auch um einen hohen Preis, wie Miss Maroon ihm verraten hatte. Schon am nächsten Morgen waren sie wieder von dannen gezogen, ohne dass sich jemand zum Einkauf von Proviant in Pleasant Hill hatte blicken lassen. In Ermangelung jeglicher Barschaft, wie Parker vermutet hatte. Ihm war noch durch den Kopf gegangen, ob er bei den Mitbürgern nicht für ein paar mildtätige Gaben hausieren gehen sollte, aber er wollte die Iren auch nicht beschämen. Im Übrigen gab es auf dem Weg nach Westen noch reichlich Bestände an Bisons, gerade zu dieser Jahreszeit, und die Natur hielt darüber hinaus ausreichend Baumfrüchte und wild wachsendes Gemüse bereit, damit man über die Runden kam.

Solange man nicht von einer Horde mordlustiger Galgenvögel überfallen wurde.

»Haben Sie etwas von Banditen gehört, die sich bei uns herumtreiben, Sir?«, fragte Huey ihn. »Mir ist jedenfalls nichts zu Ohren gekommen, und auch bei den Steckbriefen und amtlichen Mitteilungen, die mit der Postkutsche kamen vergangene Woche, gab es keine Hinweise dergleichen, oder?«

Parker verzog das Gesicht. »Du nimmst deine Aufgabe ernst, Huey, und du hast Recht – da war nichts, was uns hätte warnen müssen. Sonst hätte ich das dieser Frau auch mitgeteilt.«

»Misty Maroon ...« Ein flüchtiges Grinsen huschte über Hueys längliches, sommersprossiges Gesicht. »Das war mal ne Schabracke, oder?« Er hatte den Sheriff mit seinem Bruder begleitet, als der den Treck besuchte.

Parker runzelte die Stirn und bedachte seinen Deputy mit einem unwilligen Blick. »Hat jemand schon ihre Leiche entdeckt? Bin mir sicher, dass sie sich und die Siedler bis zum letzten Atemzug und ihrer letzten Kugel verteidigt hat.« Er wartete die Antwort des Deputies nicht ab, sondern hob die Stimme und rief über das Camp hinweg: »Hey, Leute! Hat jemand die Frau gesehen, ihr wisst schon, die ganz in Schwarz mit dem komischen Hut?«

Einige Köpfe drehten sich in seine Richtung, bevor sie geschüttelt wurden. Dann, nach ein paar Augenblicken, bückte sich Dashiell Cooper, der Hufschmied von Pleasant Hill, zog etwas unter einem undefinierbaren Haufen aus Klamotten hervor und schwenkte es durch die Luft.

Es war unverkennbar der Hut von Misty Maroon.

»Goddam.« Parker schloss für einen Moment die Augen und schüttelte den Kopf. Bis ein Schrei ihn bewog, alarmiert aufzuschauen.

»Hey! Stehenbleiben, verdammt!« Es war Dave Lewis, Hueys Bruder, welcher einem schlanken Burschen hinterherrief, der sich unvermittelt zwischen toten Leibern erhoben hatte und nun anschickte, wieselflink Fersengeld zu geben.

Der Bursche hatte schon fast die Wagen erreicht, als mehrere der Männer Warnschüsse abgaben. Einer davon riss ein Loch in die Seitenabdeckung der Kutsche. Dicht genug neben ihm, damit der Mann stehenblieb und langsam die Hände hob.

»Schau mal an«, brachte Huey entgeistert hervor und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Doch noch jemand am Leben, man glaubt es kaum.«

Parker schob grimmig das Kinn vor und marschierte los. Als er an Huey vorbei war, knurrte er: »Komm schon.«

»Nein!« Aufgebracht trat Lassiter einen Schritt vor und packte sein Gegenüber am Kragen. »Das kann nicht sein!« Er schüttelte den Mann mit dem Stern eines Bundesmarshals, ohne dass der Anstalten machte, sich zu wehren.

Hunter Collins hob nur beide Arme und brummte: »Beruhige dich, Mann! Ich bin nur der Überbringer, was soll ich tun?«

Sekundenlang starrte Lassiter dem Sternträger mit flammendem Blick in die Augen, nachdem er ihn am Hemdkragen so dicht herangezogen hatte, dass zwischen ihrer beider Gesichter keiner der Bierkrüge mehr gepasst hätte, die neben ihnen auf der Theke standen. Dann endlich ließ er Collins los, und Dotty, die Barkeeperin, der der Saloon seit dem Tod ihres Mannes allein gehörte, fragte sichtlich beunruhigt: »Alles okay mit euch zwei Hübschen? Sonst würde ich den Marshal rufen, aber der steht ja schon vor mir ...«

Dottys Worte trugen immerhin dazu bei, dass Lassiter sich weiter entspannte und die Schultern sinken ließ, aber seine Züge blieben finster, während er nach dem Bier griff und einen langen Zug nahm. Er fragte: »Was zur Hölle ist geschehen, Hunter? Ich dachte, sie hätte sich zur Ruhe gesetzt.«

Der Marshal ließ sich auf einem der Barhocker nieder und warf Dotty einen kurzen Blick zu. Die verstand sofort und entfernte sich, so dass die beiden Männer unter sich waren. Außer ihnen hockte an diesem Nachmittag nurmehr ein einsamer Oldtimer zeitunglesend an einem der Fenstertische, und der war außer Hörweite.

»Nun ja«, sagte Collins, neben seinem Amt als Bundesmarshal auch Kontaktmann der Brigade für das Grenzland zwischen Nebraska und Iowa, »das trifft zwar zu, aber du kennst ...«, er unterbrach sich, überlegte und fuhr dann einfach fort: »... du kanntest Misty Maroon gut, viel besser als ich. Die ließ sich die Butter nicht vom Brot nehmen, selbst wenn sie Rheuma plagte und bei den Schießtests nicht mehr alles so abräumte wie früher.«

»Ist kaum zwei Jahre her, dass sie mir mal wieder den Arsch gerettet hat«, erwiderte Lassiter grimmig. »Ohne Sie hätte Nestor Bridget seine Rache bekommen. Und dabei hat die Lady keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, dass immer noch mit ihr zu rechnen ist.«*

»Ich habe davon gehört«, entgegnete Collins, die breite Stirn von Falten gefurcht. »Und ich weiß, wie nahe ihr beide euch standet. Es tut mir aufrichtig leid, Lassiter. Aber Misty ist tot, daran besteht kein Zweifel.«

»Ich werde mich trotzdem selbst davon überzeugen«, sagte Lassiter. Der Blick aus seinen stahlblauen Augen forderte Widerspruch und machte zugleich deutlich, dass dieser nicht geduldet werden würde. »Sag mir einfach, wo es geschehen ist.« Er hielt kurz inne, ehe er anfügte: »Und was überhaupt.«

»Natürlich wirst du die Sache untersuchen, sonst hätte ich dich nicht kommen lassen.« Collins hob die Achseln. »Außerdem hat es sich günstig ergeben, weil du ganz in der Nähe warst. Der Überfall ereignete sich unweit von Pleasant Hill, eine kleine Stadt etwa hundert Meilen südwestlich von hier.«

Lassiter trank noch einen Schluck Bier. Statt etwas zu erwidern, hob er nur die Brauen, um den Marshal zum Weiterreden aufzufordern.

»Misty hat einen Siedlertreck begleitet, der von der Ostküste nach Nebraska unterwegs war«, sagte Collins. »Es hatte eine Anfrage gegeben, jemanden von der Brigade als Begleitung abzustellen, und irgendwie muss Misty davon Wind bekommen haben, als sie in der Hauptstadt war. Daraufhin hat sie sofort alles getan, damit ihr die Mission übertragen wurde.«

»Misty war in Washington?« Lassiter runzelte die Stirn, denn die Kollegin hatte schon seit ein paar Jahren zurückgezogen auf einer Farm in der Sierra Nevada gelebt, auf der anderen, westlichen Seite der USA.

Collins hob die Achseln. »Vielleicht hat sie alte Kollegen besucht, weil sie sich einsam fühlte? Ich kann dir nicht sagen, was sie nach D.C. führte, jedenfalls wollte sie unbedingt diesen Treck aus New York begleiten. Vielleicht findest du ja heraus, was der Grund dafür war.«

Dazu war Lassiter entschlossen. »Ich sollte am besten sofort aufbrechen. Weiß der Sternträger dort Bescheid darüber, dass ich komme?«

»Ich habe bereits ein Telegramm geschickt«, erwiderte Collins. »Aber er zählt nicht zu unseren Kontaktleuten, also halte dich bedeckt über die Brigade Sieben. Sag einfach, du bist von der Staatsanwaltschaft betraut worden, Sheriff Parker bei der Aufklärung zu unterstützen.« Er griff nach seinem Bierkrug und trank einen Schluck, bevor er hinzufügte: »Misty hatte einen Schrieb dabei, halboffiziell, der ihr eine gewisse Autorität verlieh. Aber wenn du jetzt mit etwas Ähnlichem dort aufkreuzt, könnten zu viele Leute Fragen stellen. Und die Sache ist heikel.«

»Heikel?« Lassiters Miene war bitter. »Weil Misty Maroon es nicht verhindern konnte, dass eine Bande Mordgesellen einen ganzen Treck von Siedlern abschlachtet?« Er schüttelte den Kopf. »Wenn die Gegend dort so unsicher ist oder die Pioniere gefährdet waren, warum hat sie den Job dann allein gemacht?«

»Nicht nur, aber das ist auch so eine offene Frage«, sagte Collins. »Eigentlich gilt die Region um Pleasant Hill als recht ruhige Gegend. Und bei den Siedlern handelte es sich um ganz einfache Leute, bei denen kaum etwas zu holen war. Schwer zu verstehen, warum sich eine Bande aus dem Norden oder Osten aufgemacht hat, um ausgerechnet derartige Hungerleider zu überfallen.«

»Aber weshalb wurde dann überhaupt jemand von uns zur Eskortierung abgestellt?«

»Keine große Sache im Grunde.« Collins zündete sich eine Zigarette an. »Es gibt Berichte über Betrüger, die sich den Pionieren als Scouts oder Bewacher andienen und sie dann bestehlen und sie irgendwo in der Wildnis im Stich lassen. Kaum mehr als ein Ärgernis, das man aber in Washington dennoch nicht mehr hinnehmen will. Vor allem, seit es vor kurzem auch einen Treck betraf, dem einige Gents mit Beziehungen zur Politik angehörten. Die haben Krach geschlagen, und im Justizministerium dachte man wohl, es könne nicht schaden, die Brigade einzuschalten.«

»Verstehe«, brummte Lassiter. »Die Sache« war etwas gewesen, was man der alternden Veteranin guten Gewissens hatte überlassen können. Weder allzu bedeutend noch offenkundig gefährlich, doch diese Einschätzung hatte sich als Trugschluss erwiesen.

»Da ist noch etwas.« Collins' Miene und die Art, wie er die Worte aussprach, verhießen nichts Gutes. Dabei hatte Lassiter keine Vorstellung davon, was noch schlimmer sein könnte als die Hiobsbotschaft, welche er bereits zu verdauen hatte.

Er wappnete sich mit einem langen Schluck Bier, ehe der Bundesmarshal sagte: »Misty scheint irgendwie in den Überfall verwickelt gewesen zu sein, Lassiter.«

Für eine Sekunde war Lassiter sprachlos, dann ballte er die Fäuste und zischte: »Bist du noch ganz bei Trost?«

Beschwichtigend streckte Collins die Hände vor. »Ich kann das so wenig glauben wie du, Kumpel. Aber es gibt einen Zeugen, und ein paar Indizien, die gegen sie sprechen.« Er zog eine dünne, zusammengerollte Akte aus der Innentasche seines Mantels, die er Lassiter überreichte. »Hier drin steht alles, was du wissen musst, schwarz auf weiß. Der Zug nach Pleasant Hill fährt in einer halben Stunde am Bahnhof ab. Viel Glück!«

Zwei Wochen zuvor. Iowa, im Grenzgebiet zum Territorium von Nebraska.

»Schaut nur, da unten!«

Misty Maroon hob die Hand und deutete hinab auf eine langgestreckte Senke, in der sich immer noch ein weicher Teppich morgendlichen Frühnebels ausbreitete, himmelblau und scheinbar weich wie Watte. Mehrere Dutzend dunkle Schatten wurden davon fast vollständig verborgen; nur ihre breiten Rücken und mächtigen Schädel mit den gekrümmten Hörnern ragten aus dem Dunstmeer heraus.

Das junge Paar auf dem Kutschbock des Planwagens folgte ihrem Fingerzeig, und die Frau lachte begeistert. »Bisons! Und so viele!«

Mistys schiefes Grinsen wurde ein wenig wehmütig. Denn die Herde, die dort unten graste, war eher kümmerlich im Vergleich zu den hunderttausenden Tieren, die noch vor einer Dekade durch die Great Plains gestreift waren. Seit der weiße Mann sich hier breitmachte und Büffel nicht mehr ausschließlich gejagt wurden, um sich zu ernähren, sondern aus purem Vergnügen am Töten einerseits und dem grausamen Plan, den Indsmen ihre Lebensgrundlage zu entziehen, andererseits, waren selbst kleine Herden wie diese ein seltener Anblick geworden.

Gerade erst war sie Bill Cody wieder über den Weg gelaufen, an der Ostküste, während der sich mit seinem Zirkus einschiffte nach Europa und sie die Aufsicht über den Treck übernommen hatte, den sie nun seit einigen Wochen gen Westen führte. Cody, den immer noch viele als Helden feierten, obwohl er in Misty Maroons moorgrauen Augen nichts als ein großspuriger, skrupelloser Geschäftemacher war, der ganze Expeditionen schießwütiger reicher Schnösel in die Plains gekarrt hatte, damit sie aus den Zugwaggons heraus unschuldige Tiere zu Hunderten abknallen konnten.

Buffalo Bill ... was für ein zynischer Hurensohn! Er hatte sie nicht wiedererkannt, als sie sich in der Hafenmeisterei plötzlich gegenübergestanden – und sie war rasch an ihm vorbei, ehe der Drang, die Faust in sein gepudertes Gesicht mit dem affigen weißen Bart zu zimmern oder wenigstens hineinzuspucken, übermächtig wurde.