1,99 €
Es war eine laue Nacht, und das Camp der Rodeoreiter, Schausteller, Artisten und Gaukler so still und friedlich wie ein einsamer Bergsee im Winter, als Rocco Santo, ein wenig unsicher auf den Beinen von all den Bieren und dem Whisky, den Hang hinauf stiefelte. Ein dicker Batzen Greenbucks steckte immer noch in der Innentasche seiner Wildlederjacke - der größte Teil jenes Preisgelds, welches er am Tag zuvor gewonnen hatte. Aus drei Disziplinen war er als Sieger hervorgegangen und wähnte sich nach wie vor auf der Gewinnerstraße. Nicht ahnend, dass das Schicksal ihm in Kürze gehörig in die Suppe spucken würde.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Inhalt
Rocco Santos letzter Ritt
Vorschau
Hat Ihnen diese Ausgabe gefallen?
Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
von Kolja van Horn
Es war eine laue Nacht, und das Camp der Rodeoreiter, Schausteller, Artisten und Gaukler so still und friedlich wie ein einsamer Bergsee im Winter, als Rocco Santo, ein wenig unsicher auf den Beinen von all den Bieren und dem Whisky, den Hang hinauf stiefelte. Ein dicker Batzen Greenbucks steckte immer noch in der Innentasche seiner Wildlederjacke, der größte Teil jenes Preisgelds, welches er am Tag zuvor gewonnen hatte. Aus drei Disziplinen war er als Sieger hervorgegangen und wähnte sich nach wie vor auf der Gewinnerstraße; nicht ahnend, dass das Schicksal ihm in Kürze gehörig in die Suppe spucken würde.
Rocco grinste, als er an den Wohnwagen von Lady Lucretia vorbeischlenderte. Selbst hinter den rosafarbenen Vorhängen der beiden Bordellkutschen war das Licht mittlerweile erloschen, obwohl man sich dort manchmal bis Sonnenaufgang die Klinke in die Hand gab. Doch es lagen drei Tage an Festivitäten hinter Abilene und seinen Bürgern, was bedeutete, dass selbst in den Geldbörsen wohlhabenderer Freier inzwischen Ebbe herrschte. Im Laufe des kommenden Tages würden alle Schausteller ihre Stände abbauen und weiterziehen. Dasselbe galt für die Cowboys, auf die der nächste Viehtrieb wartete, und all die anderen, die solch ein Stadtfest mit Rodeo und Rummelplatz anzog. Das nächste große Turnier war unten in San Antonio, in zehn Tagen, aber Rocco schwankte noch, ob er teilnehmen wollte oder sich lieber eine kleine Auszeit gönnte.
Doktor Drewlee jedenfalls hatte ihm dringend dazu angeraten, nachdem er Rocco, den man am Ende auf einer Bahre aus der Arena tragen musste, gründlich untersucht hatte.
»Lass dir ein bisschen Zeit, Junge«, hatte er mit ernster Miene gesagt, obwohl Rocco keinen Laut von sich gegeben hatte – trotz der höllischen Schmerzen, die ihm allein das vorsichtige Abtasten seiner Bauchgegend verursacht hatte. »Ich hab nicht die Mittel, in dich reinzuschauen, aber du könntest beim Sturz was Ernstes abbekommen haben.«
Rocco war mit dem üblichen überheblichen Jungengrinsen darüber hinweggegangen, obwohl der Flug mit Sekunden später anschließender Landung, auf den ihn der Stier nach immerhin erst elf Sekunden geschickt hatte, tatsächlich knüppelhart gewesen war.
»Ach kommen Sie, Doc«, hatte er erwidert, »Sie kennen doch meinen Leitsatz: Zum Ausruhen ist mehr als genug Zeit, wenn man tot ist.« Alle Umstehenden im Sanitätszelt hörten den Scherz nicht zum ersten Mal aus seinem Munde, lachten aber trotzdem gern darüber. Bis auf Doc Drewlee, der kopfschüttelnd brummte: »Mag sein. Aber dieser Moment kommt bei manchen früher, als sie es erwarten.«
Ein vages, brennendes Ziehen zog sich links durch seinen Unterleib, und er rieb sich halbbewusst mit der Hand darüber. Sicher nur der Alkohol und das scharfe Essen im Pretty-Gals-Saloon, in dem er seine Triumphe mit ein paar Kumpanen gefeiert hatte. Teufel auch, er war dreiundzwanzig, stark wie Herkules, in jeder Beziehung, und stand in der Blüte seines Lebens! Außerdem: Auf den Arsch zu fallen, wenn es einem Rindvieh oder Mustang mal gelang, ihn abzuwerfen, gehörte zu seinem Broterwerb. Wenigstens seit zwei Jahren, als er und andere erkannt hatten, dass sein Talent showtauglich war und man damit deutlich mehr verdienen konnte, als wenn man Rinderherden kreuz und quer durch den Süden der USA trieb.
Natürlich machte es auch mehr Spaß, die gelegentlichen Blessuren mal ausgenommen. Der Jubel des Publikums, der Ruhm, die Reporter der Gazetten, die an seinen Lippen hingen, mochten auch noch so flache Blödheiten darüber plätschern – und für Frauen hatte er auch schon lange nicht mehr bezahlen müssen. Selbst die süße Peggy hatte es ihm umsonst besorgt, wenn auch nur in aller Eile zwischen den Wohnwagen, weil Lady Lucretia sie sonst angeblich dafür ausgepeitscht hätte, dass sie es einem Mann ohne Lohn machte.
Vorsichtig tastete Rocco über den Bauch unterhalb der Rippen. Er strich beruhigend über Haut und Leib, während er etwas langsamer weiterging. Nach einigen Sekunden verschwand das Ziehen, und er entspannte sich, wobei seine Gedanken zu einem Gespräch mit einem Gent am Tresen des Pretty-Gals zurückkehrten.
Der Typ trug einen verdammt feinen Zwirn und hatte eine weltmännische Art an sich, der Rocco stets in einer Mischung aus Faszination und aggressiver Reserviertheit begegnete, weil ihn Männer solchen Schlags verunsicherten. Aber immerhin war der Yankee, der sich als Porter Hobbs vorgestellt hatte, Rocco ausgesucht freundlich begegnet; mehr noch, er war ihm regelrecht um den Bart gegangen, bevor er sich als Scout einer Agentur vorstellte, die auf der Suche nach derartigen Talenten wie ihm, Rocco, war. Und dies im Auftrag niemandes Geringeren als Buffalo Bill Cody.
Hobbs hatte ihm ein exquisites Gehalt, einen Vertrag über mindestens ein Jahr und Reisen nach Übersee in Aussicht gestellt, weil Cody plane, seine Wildwestshow bald auch nach Europa zu bringen. Während der Mann auf ihn einredete, war Rocco ganz schwindlig geworden, und er hatte sich natürlich auch geschmeichelt gefühlt.
Aber er war ein Junge vom Land, zur Hälfte Mexikaner und im Rest ein Abkomme italienischer Bergbauern, der nur ein halbes Jahr zur Schule gegangen war, bevor er zum Lebensunterhalt der Familie hatte beitragen müssen. Niemals war er über die Grenzen von New Mexico und Texas hinausgelangt, und nun ... die Ostküste mit ihren riesigen Städten, und danach der noch riesigere Ozean? Europa?
Er hatte sich Bedenkzeit erbeten, und Hobbs hatte man die Enttäuschung für einen Moment angesehen, bevor er wieder sein gewinnendes Lächeln aufsetzte und ihm eine Visitenkarte überreichte, auf blütenweißem Karton, der sich so teuer anfühlte, wie die mit Goldbrokat durchwirkte Weste des Gentleman aussah. »Also gut, Mr. Santos. Ich bin aber nur noch für zwei Tage in Abilene. Und mein Angebot steht bis zum Ende des Monats. Sollten Sie mich nicht mehr persönlich antreffen, schicken Sie ein Telegramm an unser Büro in Memphis, okay?«
Mit einem Schulterklopfen und einem Lächeln, das Vieles versprach, war Hobbs aus dem Saloon verschwunden. Nun, ein paar Schritte vor dem Zelt am Rand des Camps, das Rocco für sich allein hatte, weil sein Mitbewohner schon vorgestern in der Vorrunde ausgeschieden und daraufhin wutentbrannt von dannen gezogen war, tastete er in der Seitentasche der Jacke herum, bis seine Finger sich um Hobbs' Karte schlossen. Sie fühlte sich verheißungsvoll an, und ein leises Lächeln hob seine Mundwinkel für einige Sekunden.
Bis der erstickte Schrei einer Frau ganz in der Nähe es schlagartig aus seinem Gesicht wischte.
Alarmiert drehte Rocco sich halb um die eigene Achse, während er versuchte, die Richtung zu bestimmen, aus der der Laut gekommen war. Er befand sich in einer Art Hohlweg zu den letzten Zelten des Camps, darunter seines, und während rechts ein Hain aus jungen Kiefern und Eschen dunkel in den sternenbedeckten Himmel ragte, erhob sich zu seiner Linken ein sanft ansteigender Hügel, auf dem nur ein großer Wohnwagen stand, und in dem brannte noch Licht.
Wieder hörte er die Stimme der Frau, sie klang verzweifelt – oder zornig? Rocco fiel es schwer, sich zu entscheiden, wohl aber wusste er, wem der Wagen gehörte.
»Du ... Mistkerl!« Es war wohl doch eher Zorn, die die Stimme der Frau erbeben ließ, aber dann stieß sie ein Schluchzen aus. Rocco zögerte nur kurz, ehe er den grasbewachsenen Hang empor eilte. Kurz strich er dabei über den Griff seines Navy-Colts im Holster.
Am Nachmittag war das Fuhrwerk mit vier Achsen und einer Länge, die einem Zugwaggon gleichkam, noch von zahlreichen anderen Wohnwagen und Zelten umringt gewesen, doch nun stand es ganz allein auf dem höchsten Punkt des Hügels. Offenbar waren schon mehr Campbewohner aufgebrochen, als Rocco es vermutet hatte, denn auch die von der Stadt zu mietenden Zelte neben seinem standen leer, wie er im Licht des fast vollen Monds von der Anhöhe aus erkennen konnte.
Ein Kojote heulte weit draußen in der Prärie, und im Wagen grunzte ein Mann etwas, das Rocco nicht verstehen konnte. Die Stimme klang verärgert, aber er erkannte sie, sie gehörte dem Besitzer des Wagens. Nur dass der sich hier eigentlich nur stundenweise und niemals in der Nacht aufhielt.
»Nein, nein, nein. Nein. Nein!« Die jammernde Stimme der jungen Frau steigerte sich zu einem Crescendo, die letzte Verweigerung war fast schon ein Kreischen.
Rocco erreichte die Stufen, die zum Eingang führten. Er sprang sie hinauf, packte den Knauf und riss die Tür auf.
Fast wäre er mit dem Kopf gegen eine niedrig von der Decke baumelnde Laterne gestoßen, und erst, als er sich duckte, wurde er der beiden Personen gewahr, die am anderen Ende der langgestreckten Kabine miteinander zu ringen schienen.
Der Mann, sicher einen Kopf größer und fünfzig Pfund schwerer als die zierliche Frau, die Rocco den Rücken zukehrte, war dabei klar im Vorteil. Er zischte etwas zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch, während er die Handgelenke der Frau gepackt hielt und sie auf eine Chaiselongue niederzuzwingen versuchte, die an der Seitenwand unter einem Fenster stand, vor dem die Vorhänge zugezogen waren.
Die Blonde wehrte sich, und dabei stieß sie die Laterne um, die auf dem Tisch neben den Kämpfenden gestanden hatte. Sie fiel auf den Teppich, ohne zu erlöschen, gab jetzt aber ihr Licht von unten ab, was der Szenerie etwas Unheimliches, Geisterhaftes verlieh. Schatten tanzten über die gewölbte Decke des Wohnwagens, während Rocco sich voranbewegte.
»Lass ... mich ...«, presste die Frau hervor, und im flackernden Licht sah Rocco plötzlich eine Messerklinge aufblitzen. Ein Fuß stieß die Laterne am Boden beiseite, Licht und Schatten wirbelten abermals durcheinander.
»Verdammt ...«, er stürmte durch die Kabine und hatte bei dem diffusen Licht Probleme, nicht zu stolpern, »aufhören – sofort!«
Der massige Mann, dem der Befehl gegolten hatte, hielt für einen Moment inne und drehte den Kopf in Roccos Richtung, während die Frau bereits halb auf dem Sofa lag, halb noch saß. »Santo?«, stieß er überrascht hervor. »Was zum Henker machst du hier?«
Jetzt, als er auf zwei Schritte heran war, fiel Rocco das zerrissene dünne Sommerkleid der Frau auf, das ihren Busen nurmehr unzureichend verhüllte und den nackten Bauch sowie die knappe Unterhose erkennen ließ. Er glaubte, einen kleinen, aber blutenden Schnitt unterhalb ihres Bauchnabels zu erkennen, und ballte die Fäuste.
»Sie Schuft!« Er trat noch näher. »Was wollten Sie der Lady gerade antun, Ratcliffe? Weg von ihr, sofort!«
»Was?« Paul Ratcliffe, Mitglied des Stadtrats von Abilene und zahlungskräftiger Veranstalter des Rodeowettbewerbs, riss die Augen auf. Sein prägnanter Adamsapfel hüpfte bis zum Doppelkinn hinauf und wieder zur Kehle herab. »Bist du noch ganz bei Trost, Rocco? Hau ab, das hier geht dich nichts an!«
Beiläufig sah Rocco im tanzenden Licht, wie das Messer zu Boden fiel, doch im nächsten Moment ging Ratcliffe auf ihn los wie ein wütender Bison.
Rocco wich der Attacke mühelos aus, indem er einen kleinen Schritt zur Seite tat und den Kopf zurückzog. Gleichzeitig schoss seine rechte Faust vor und traf Ratcliffe wuchtig an der Schläfe, just als der mit einem wütenden Grunzen an ihm vorbei taumelte.
Der Hieb fiel etwas kräftiger aus, als Rocco es eigentlich beabsichtigt hatte. Hinzu kam der Schwung, mit dem Ratcliffe ihm in den Schlag hineingestürmt war. Seine Fingerknöchel knackten, und er spürte die Wucht in den Knochen bis hinauf ins Schultergelenk. Ratcliffe ächzte, Blut spritzte ihm aus dem Mund, und er vollführte eine Pirouette auf dem Teppichboden, wobei seine kurzen, dicken Arme durch die Luft wirbelten und einer Rocco schmerzhaft in der Seite traf.
Im nächsten Augenblick rutschte der Läufer unter Ratcliffes Schuhen weg, er stürzte rückwärts und riss die Augen auf. Für eine Sekunde starrten die beiden Männer sich an, dann schlug der Stadtrat, der Rocco noch vor wenigen Stunden höchstpersönlich und mit einer vor Begeisterung fast überkippenden Stimme dem Publikum präsentiert hatte, mit einem hässlichen Laut an der Kante des Tisches aus Hartholz auf, verdrehte die Augen und sackte seitwärts zu Boden, wo er reglos liegenblieb.
Fassungslos und wie gelähmt stand Rocco vor dem fülligen Mann, den Kopf auf die Brust gesenkt, und starrte die wachsende Blutlache an, die unter der klaffenden Wunde in den hellen Teppich sickerte.
»Heilige Maria Mutter Gottes«, hauchte die junge Frau, ehe sie sich die Hand vor den Mund legte und aus großen Augen zu Rocco aufschaute. »Ist er ... ist er ...?«
Rocco ging in die Hocke und legte Ratcliffe zwei Finger auf die Halsschlagader, obwohl dessen starrer Blick im Grunde keinen Zweifel mehr ließ. Nach einem Moment drehte er sich zu der Frau um und antwortete tonlos: »Ja. Er ist tot.«
Sie nickte, ließ die Hand sinken und atmete schnell ein paar Male ein und aus, als würde ihr ein Stein vom Herzen fallen. Dabei zuckten ihre Blicke jedoch durch den Wohnwagen, als erwartete sie, dass jeden Moment die nächste Bedrohung auftauchen müsste.
»Er ... er wollte mich ...« Sie versuchte wenig erfolgreich, die Säume des Kleids, an dem fast alle Knöpfe abgerissen waren, zusammenzuhalten, um ihre Blößen zu bedecken. »Sie wissen schon.«
Er nickte und wandte ritterlich den Blick ab, während seine Gedanken im Kopf herumflatterten wie ein aufgeschreckter Hühnerhaufen.
Was sollte er jetzt tun?
Den Sheriff verständigen? Das schien ihm keine gute Idee.
Nicht nach der Auseinandersetzung, die er mit Ratcliffe gehabt hatte am späten Nachmittag. Es waren mehrere Zeugen dabei gewesen, als Rocco lautstark und ungeduldig seine Preisgelder von Ratcliffe gefordert hatte. Und der Boss der Veranstaltung ihn mit lumpigen zwanzig Dollar »Vorauszahlung« hatte abspeisen wollen. Fast wäre es zur Schlägerei gekommen, doch Jacko Blinder, einer seiner Kumpel, hatte Rocco zurückgehalten.
»Das lohnt nicht«, hatte Jacko gesagt. »Leg dich nicht mit Ratcliffe an, wenn du hier noch einmal antreten willst. Er zahlt dir morgen deine Prämien aus, wenn die Abrechnungen fertig sind.«
»Oder auch nicht«, hatte Rocco geknurrt, sich aber von Jacko fortführen lassen. Erst, als sie weit genug weg waren, hatte der mit den Schultern zuckend geantwortet: »Oder auch nicht. Wenn die Einnahmen nicht so waren, wie Ratcliffe es sich gewünscht hat, vergisst er auch gern mal, was zuvor versprochen wurde.«
»Soll das heißen, ich darf mich dann mit zwanzig Dollar zufriedengeben?« Ungläubig hatte Rocco seinen Kumpel angestarrt, denn seine hart erkämpften Preisgeldansprüche beliefen sich auf das Vierfache.
»Wenn du auf Nummer sicher gehen willst, holst du dir die Bucks einfach selbst«, war Blinders Antwort gewesen. »Zwischen zwei und drei Uhr ist Ratcliffe unten im Hauptzelt beim Abschlussbankett und lässt sich feiern. Dann ist sein Wagen auf dem Hügel verwaist. Und angeblich bunkert er sämtliche Einnahmen in den Laden unter dem Gewehrregal. Nicht mal abgeschlossen.«
»Wie bitte? Ist der Mann dämlich?«
»Nein. Nur selbstbewusst.« Blinder hatte humorlos gegrinst. »Keiner würde sich trauen, Paul Ratcliffe zu beklauen.«
»Das hab ich auch nicht vor! Ich will nur, was mir zusteht.«
Daraufhin hatte Jacko Blinder ergeben die Arme ausgebreitet und erwidert: »Na bitte. Dann hol dir dein Geld, und es wird ihm nicht mal auffallen, jedenfalls nicht gleich. Schließlich sind da wahrscheinlich zehn oder zwanzig Mal so viele Scheine in der Schublade.«
Genau das hatte Rocco getan, und es war so kinderleicht gewesen wie von Jacko behauptet. Er war sich sehr clever vorgekommen und danach mit seinem Geld und stolz geschwellter Brust runter nach Abilene marschiert.
Jetzt aber fielen ihm die Leute wieder ein, die er ganz in der Nähe bemerkt hatte und die ihn vermutlich auch beim Betreten von Ratcliffes Wagen beobachten konnten.
Bis vor ein paar Minuten hätte ihn das nicht angefochten, schließlich war er kein Dieb. Aber jetzt, mit dem Toten zu seinen Füßen, konnte man alles auch ganz anders interpretieren.
»Bitte, Rocco!« Die junge Frau riss ihn aus seinen Gedanken, und als er aufschaute, blickten ihre smaragdgrünen Augen flehentlich. »Wir müssen fort von hier! Paul ... Ratcliffe ... er ist ein mächtiger Mann in dieser Stadt. Wenn Sie uns finden, mit ihm zusammen ...« Ihre Stimme ging in ein Schluchzen über, und nachdem er ihr einige Augenblicke beim Weinen zugeschaut hatte, riss Rocco Santo sich endlich zusammen.
Er nahm ihre Hand und half ihr auf von der Chaiselongue, wobei er darauf achtete, dass ihr seine breiten Schultern den Blick auf den Toten am Boden verstellten. Als er das Gefühl hatte, sie stünde einigermaßen fest auf eigenen Füßen, ergriff er ihre Schultern und schaute ihr tief in die Augen. »Du musst keine Angst haben«, sagte er und rang sich ein Lächeln ab, obwohl die Worte selbst in seinen eigenen Ohren hohl und falsch klangen. »Wie ist dein Name, Mädchen?«
»Harriet.« Ihre Schultern bebten unter seinem Griff, doch sie lächelte tapfer. »Danke. Mein weißer Ritter. Aber die werden uns aufhängen, wenn wir nicht rasch Land gewinnen und uns in Luft auflösen.«
»Ich weiß«, sagte Rocco und nahm ihre Hand. »Meine Pferde stehen unten hinter dem Zelt. Lass uns los, so lange wir noch können.«
✰
Der frühe Morgen begrüßte Lassiter auf ausgesucht liebevolle Weise.
Als er die Berührungen seiner Bettgenossin spürte, stellte er sich noch eine Weile schlafend und hielt die Augen geschlossen, denn am frühen Morgen war die Bereitschaft auch bei schlummernden Männern nicht ungewöhnlich, wie Lilly, die sich zunächst mit ihren beiden Händen an ihm zu schaffen machte, sehr wohl wusste. Als ihre kundigen Finger jedoch seinen Atem und Herzschlag ziemlich bald auf Trab brachten, kicherte sie zufrieden und flüsterte ihm ins Ohr: »Einen guten Morgen, mein Großer ...«
»Er könnte kaum besser sein«, seufzte Lassiter und gab sich nun unverhohlen den Liebkosungen hin, die das junge Mädchen – hieß sie Cassie oder Lassie? Seine Erinnerung war in diesem Detail etwas verschwommen – ihm bereitete, bis ein erlösender Schauer seinen Körper durchfuhr und fast im selben Moment unten, vor dem Zimmerfenster, das auf den zentralen Platz von Abilene hinauszeigte, einzelne aufgebrachte Stimmen erklangen, die rasch zu Geschrei anwuchsen.
