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Es war schon spät, weshalb sich außer dem Bartender nur noch ein halbes Dutzend Gäste im Wicked Dick Inn aufhielten, als der Fremde den Schankraum betrat. Doch jeder der Anwesenden, der am folgenden Morgen noch atmete, konnte im Nachhinein genau beschreiben, was sich abgespielt hatte. "Tucker Sloane", knurrte der Fremde. "Wo ist der Bastard?" Der Barkeeper deutete in Richtung des Separees, und der Fremde marschierte ohne zu zögern in die düstere hintere Raumecke. Dabei zog er seinen Revolver, und bevor noch jemand begriff, was passierte, krachten zwei Schüsse. Sheriff Mills, der ganz in der Nähe saß, sprang vom Barhocker auf und zog sein eigenes Schießeisen, bevor er rief: "Waffe fallen lassen!" Lassiter gehorchte. Der Remington fiel zu Boden, und er hob die Hände.
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Seitenzahl: 144
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Inhalt
Unter Killern
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
von Kolja van Horn
Es war schon spät, weshalb sich außer dem Bartender nur noch ein halbes Dutzend Gäste im Wicked Dick Inn aufhielten, als der Fremde den Schankraum betrat. Doch jeder der Anwesenden, der am folgenden Morgen noch atmete, konnte im Nachhinein genau beschreiben, was sich abgespielt hatte.
»Tucker Sloane«, knurrte der Fremde. »Wo ist der Bastard?« Der Barkeeper deutete in Richtung des Separees, und der Fremde marschierte ohne zu zögern in die düstere hintere Raumecke. Dabei zog er seinen Revolver, und bevor noch jemand begriff, was passierte, krachten zwei Schüsse. Sheriff Mills, der ganz in der Nähe saß, sprang vom Barhocker auf und zog sein eigenes Schießeisen, bevor er rief: »Waffe fallen lassen!«
Lassiter gehorchte. Der Remington fiel zu Boden, und er hob die Hände.
Eine Woche später, Zuchthaus Belvedere, Maryland
»Hey, Athos! Hast du schon das Neueste gehört?« Der Wärter lachte kehlig in der Vorfreude darauf, dem prominentesten Insassen des Todestraktes etwas berichten zu können, was dem sonst so stoischen Hünen endlich mal eine Reaktion abnötigen würde. Darüber war sich Luther Milestone, der fahlhäutige Schließer, der die zwölf Zellen ganz am Ende des Gebäudekomplexes beaufsichtigte, hinter dem sich aus nachvollziehbaren Gründen unmittelbar die fensterlose Halle mit dem Galgen anschloss, einigermaßen sicher.
»Wo bleiben meine Hühnchen?«, dröhnte der Gefangene mit einer Stimme so tief und volltönend wie die Dampfmaschine eines Flussdampfers. Der Blick, mit dem er Luther dabei bedachte, brachte das breite Lächeln des Wärters gehörig in Schieflage. Eine Lesebrille mit runden Gläsern, welche der breitschultrige Sieben-Fuß-Koloss auf seiner breiten, stumpfen Nase trug, machte die Worte des Mannes um keinen Deut weniger bedrohlich.
»Sind in Arbeit«, beeilte sich Milestone zu versichern. »Der Farmer hat heute später geliefert. Alle bekommen ihr Mittagessen später, verstehste?«
Der Hüne auf der anderen Seite der Gitterstäbe erweckte nicht den Eindruck, als wolle er dem zustimmen. Er legte das Buch mit dem zerlesenen Einband, das er im Schoß liegen hatte, beiseite, streckte die Beine vor und erhob sich von seiner Pritsche. Als er einen Schritt auf Milestone zumachte, fiel der schmale Streifen Sonnenlicht, der durch das Fenster in die Zelle drang, auf die schweißglänzende Schulter und den Hals, in dem sich Muskelstränge unter der kohlenschwarzen Haut bewegten wie Schlangen. Doch sein Gesicht blieb weiter in den Schatten, nur das Weiß der Augen leuchtete hervor.
»Alle?«, brummte er. »Bin ich etwa wie alle?«
Milestone wich unwillkürlich einen halben Schritt zurück und stieß ein nervöses Lachen aus. »Ich kann nichts dafür, Hombre«, beteuerte er. »Aber wenn du mir mal kurz zuhörst ...«
Der Gefangene hielt inne, blieb in der Mitte des etwa vier mal vier Yards umfassenden, von Gittern umgebenen Raumes stehen, deren daumendicke Stäbe selbst den Ansturm eines tollwütigen Stieres zu stoppen vermochten. Er hob die Hand, fuhr sich über den stiernackigen Schädel, der kahlgeschoren war bis auf einen geflochtenen, dunkelrot gefärbten Zopf, welcher dem Häftling knapp über den Kragen seines Häftlingshemds reichte.
»Was?«, knurrte der Hüne, und Milestone brauchte eine Sekunde, bevor er sich wieder daran erinnerte, wie man atmete.
»Ah ... also«, stotterte er und traute sich etwas näher zurück an das Gitter, wobei er Blicke zu den anderen Zellen warf, die sich bis zum Ende des Korridors aneinanderreihten. Doch dort schienen die Insassen den Vormittag wie üblich dösend oder schlafend zu verbringen.
Drei von ihnen stand der letzte Gang am kommenden Wochenende bevor, und Milestone, der hier seit dreizehn Jahren seinen Dienst tat, kannte das Verhalten. Wenn der Galgen näher rückte, versanken sie fast alle in Apathie. Bis man sie holte, dann konnte es schon mal laut und wild zugehen.
Nur Billy Corgan, ganz am Ende des langen Flures mit dem nackten, schmutziggrünen Boden, hatte sich erhoben und schaute zu ihnen herüber. Deshalb senkte Milestone seine Stimme, als er dem Hünen auf der anderen Seite der Eisenstäbe zuraunte: »Sloane ist tot. Jemand hat ihn abgeknallt, einfach so. Mitten in einem Saloon unten in Falstone.«
Ein leichtes Flackern in den Augen seines Gegenübers verriet Milestone, dass er einen Treffer gelandet hatte. Doch die Frage erwischte ihn auf dem falschen Fuß.
»Warum war der Hurensohn frei? Und was tat er in Falston?«
»Ähm«, erwiderte Milestone, »ich hab gehört, er wäre von zwei Typen der Staatsanwaltschaft eskortiert worden und sollte wohl eine Aussage machen. Aber frag mich nicht, worum es dabei ging.«
Der Blick des Schwarzen war bohrend, und Milestone hob die Achseln. »Tot ist er jedenfalls allemal.« Er tat sein Bestes, um sich seine Zufriedenheit darüber nicht anmerken zu lassen. Die Geschichte war schließlich noch nicht beendet, und sein Bruder Tommy, der oben auf den Showbühnen von Manhattan, New York, ein Schweinegeld verdiente, hatte ihm einige Weisheiten mit auf den Weg gegeben, wenn er sich mal in ihrem gemeinsamen Elternhaus hatte blicken lassen – was seit dem Tod des Vaters selten vorkam. Eine davon lautete: Wenn du was zu bieten hast, fall ja nicht mit der Tür ins Haus. Zeig ihnen nur ein Fitzelchen, dann warte ab. Und füttere sie stückchenweise, dann sind Wirkung und Applaus ungleich größer.
»Wer hat ihn umgelegt?« Die Stimme des Gefangenen hätte auch von einem Drachen stammen können, obwohl Milestone wenigstens nicht befürchtete, dass ihm bald heiße Flammen ins Gesicht schlagen würden.
Eine ganze Reihe ähnlich unangenehmer Torturen hingegen waren durchaus denkbar, sollte er jetzt einen Fehler begehen. Deshalb bemühte er sich um ein unterwürfiges Lächeln und antwortete bereitwillig: »Sein Name ist Lassiter. Er hat Sloane eiskalt zur Hölle geschickt. Und weigert sich partout, zu verraten, warum.« Nach kurzem Zögern ließ sich Milestone zu einem vorsichtigen, von Opportunismus geprägten Lächeln hinreißen, bevor er die zweite Rakete zündete.
»Vielleicht findest Du's ja heraus. Er wird nämlich in ein paar Stunden genau hier landen.« Milestone nickte mit dem Kopf nach links, in Richtung der leeren Zelle nebenan. »Als dein Nachbar, Athos. Da dürftet ihr 'ne Menge miteinander zu bereden haben, möcht' ich meinen.«
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Die Stadtväter hatten einen bemerkenswerten Sinn für Humor bewiesen bei der Namensgebung für das Zuchthaus vor den Toren von Louisville. Belvedere – schöne Aussicht, prangte es in geschmiedeten Lettern über dem Eingangstor der Haftanstalt, was Lassiter ein schmales Grinsen abnötigte, als man ihn in Ketten gelegt auf einem Lastkarren darunter hindurch in den Innenhof fuhr.
Er wurde von drei kräftig gebauten Wächtern in grauen Uniformen und Gesichtsfarben, die sich davon wenig abhoben, in Empfang genommen. Die Männer betrachteten ihn auf eine Weise, wie man womöglich einen Teller mit reizlosem Essen, das zudem ein paar Tage zu lange in der Sonne gestanden hatte, anschauen würde – mit einem Anflug von Abscheu, aber ohne großes Interesse. Keiner hielt es für nötig, ein Wort zu verlieren, bevor zwei ihn unter den Armen ergriffen und der dritte folgte, als sie durch eine offenstehende Tür in den dunklen Schlund des schmucklosen Gebäudes traten.
Lassiters Fußkette rasselte auf dem Boden, sie war kaum eine Elle lang und zwang ihn zu Trippelschritten. Mit den Bewachern passierte er eine Art Aufenthaltsraum, in dem weitere Wächter um zwei Tische herumhockten, rauchend, Zeitung lesend und Sandwiches verspeisend, danach mehrere geschlossene Türen, hinter denen er Büros der Gefängnisverwaltung und Versorgungsräume vermutete. Ein Beamter mit Augenklappe erwartete sie an einem vergitterten Durchgang und ließ sie durch; dieser Vorgang wiederholte sich noch zwei Mal, dann ging es eine Treppe mit Metallstiegen hinauf und noch einen Korridor entlang, der vor einer massiven Stahltür mit einem kleinen Schiebefenster in Kopfhöhe endete.
Einer seiner redseligen Begleiter zog den Schlagstock vom Gürtel und klopfte dreimal gegen die Tür, worauf das Schiebefenster zur Seite geschoben wurde und ein hageres Gesicht, ähnlich fahlhäutig wie die der Kollegen, hinaus lugte, ehe es nickte und die Tür sich öffnete.
Gerade einmal eine Woche war verstrichen seit den Schüssen auf Tucker Sloane, und schon betrat Lassiter den Zellentrakt, den man gemeinhin nicht mehr lebend verließ.
Der Prozess hatte sogar nur zwei Tage gedauert, vermutlich ein Rekord für ganz Maryland. Doch es gab auch wenig zu verhandeln. Sechs Zeugen, darunter Roy Mills, der Sheriff von Falstone sowie Sloanes Bewacher, hatten unter Eid ausgesagt, Augenzeugen eines kaltblütigen Mordes geworden zu sein. Lassiter hatte dem am Tisch in einer abgeteilten Ecke des Saloons sitzenden Tucker Sloane keinerlei Chance zur Gegenwehr gelassen und sein Opfer mit zwei gezielten Schüssen niedergestreckt. Da blieb kaum Raum für Interpretationen, und weil Lassiter nach seiner Festnahme keinerlei Aussage zu seinen Motiven getroffen hatte, war Otto Brunner, seinem jungen Anwalt, nur eine Statistenrolle geblieben, die dieser tapfer, aber glanzlos erfüllt hatte bis zum einstimmigen Urteil der Jury.
Auch der Richter hatte nicht lange gebraucht für die Entscheidungsfindung über das Strafmaß. Zwar war Tucker Sloane alles andere als ein Heiliger, man konnte ihn nicht einmal als anständigen Bürger bezeichnen. Doch Lassiters hartnäckiges Schweigen und keine Anzeichen von Reue ließen Judge Calloway kaum eine Wahl. Er verhängte die Todesstrafe, durch den Strang zu vollziehen binnen der folgenden vier Wochen.
»Lassiter?« Der Mann, der ihn hinter der Tür erwartete, musterte den Mann der Brigade Sieben auf andere Art als seine Kollegen. Taxierend, neugierig, fast schon leutselig. »Mein Name ist Luther Milestone. Geht es Ihnen gut?«
Lassiters Mundwinkel hoben sich um eine Nuance. »Soll das ein Scherz sein, Luther?«
Der hagere Wärter schüttelte den Kopf. »Keineswegs. Ich muss Sie fragen, ob Sie gesund sind. Sonst lassen wir einen Doc kommen. Bis zur Vollstreckung befinden Sie sich in unserer Obhut, deshalb ...«
»Mir geht's bestens, danke«, knurrte Lassiter, worauf Milestone nickte und an die anderen Männer gewandt sagte: »Okay, Jungs. Nehmt ihm die Eisen ab, damit ich ihm sein letztes Zuhause zeigen kann.«
Er zwinkerte Lassiter zu, und der verzog die Lippen, während sich die Burschen in Grau an seinen Fußgelenken zu schaffen machten. Danach wurde er auch von den Handschellen befreit, und zwei der Wächter verschwanden mit den Ketten, während der dritte an seiner Seite blieb.
Milestone musterte ihn noch einmal kurz, aber aufmerksam von Kopf bis Fuß, dann deutete er auf eine Tür an der gegenüberliegenden Seite des Empfangsraumes. Ein leises Lächeln umspielte seine blutleeren Lippen. »Sie haben einen ziemlich berühmten Nachbarn, Lassiter. Athos Zinger, das dürfte Ihnen etwas sagen, oder?«
Lassiter tat, als müsse er über die Frage nachdenken. Nach einigen Augenblicken schüttelte er den Kopf. »Nein. Sollte es?«
Milestones Lächeln verbreiterte sich. »Nun ja, wenn Sie mit mir nicht darüber reden wollen, dann sicher mit ihm. Folgen Sie mir.«
Die schwere Tür schwang fast lautlos auf, und der Mann an Lassiters Seite schob ihn mit einer Hand im Rücken vorwärts. Der Zellengang war rund dreißig Yards lang und vom Boden bis zur Decke aus nachlässig verputzten Ziegeln errichtet, über die sich in rund zwanzig Fuß Höhe dunkel gebeizte Tragebalken und Planken zogen. Rechts hingen in Abständen von fünf Yards Laternen an Eisenhaken von der Wand, links befanden sich Zellen, die an Raubtierkäfige erinnerten, weil sie rundum, auch nach oben von Gitterstäben begrenzt waren. Die Käfige waren Würfel mit vier Yards Kantenlänge, zwischen denen drei Yards breite Abstände lagen. Lassiter zählte zwölf davon, in der Mitte waren einige unbelegt, außerdem die erste, auf die Milestone deutete, weil diese offenbar für ihn vorgesehen war.
Der »berühmte Nachbar«, wie Milestone den dunkelhäutigen Koloss in süffisantem Tonfall genannt hatte, lag auf seiner Pritsche, die sich unter dem Gewicht durchzubiegen schien. Er hatte ein Buch aufgeschlagen über das Gesicht gelegt, als wolle er sich damit vor der Sonne schützen. Dabei waren die spärlichen Lichtstrahlen, welche durch die kleinen Gitterfenster über den Käfigen ins Innere drangen, kaum ausreichend, um das Ende des tristen langen Raumes zu erkennen. Ein Ort, der nichts bot, um seine hoffnungslosen Bewohner von dem abzulenken, was sie erwartete, sobald sie ihm den Rücken kehrten.
Milestone warf die Tür seiner Zelle zu und schloss ab, nachdem Lassiter hindurchgegangen war und sich auf der Pritsche niedergelassen hatte. »Essen um drei«, verkündete er mit verhaltener Stimme und einem kurzen Blick in Richtung der Nachbarzelle, dann war er durch die Tür verschwunden.
Lassiter lehnte sich mit dem Rücken gegen die nackte Wand, holte den Tabaksbeutel und die Zigarettenblättchen hervor, die man ihm gelassen hatte, und drehte sich einen Glimmstängel. Er hatte nur noch sechs Schwefelhölzer, von denen er eines am rauen Putz neben sich anriss, um die Zigarette anzuzünden. Rauchend verstrichen die Minuten, ohne dass er etwas sagte oder auch nur einen Blick in Richtung Nachbarkäfig warf. Er wusste, das war ein Machtspiel, und der Schwarze nebenan erwartete eine Art kleiner Unterwerfung von ihm. Aber Lassiter war fest entschlossen, darauf nicht einzugehen. Die Neugier würde siegen, es war nur eine Frage der Zeit.
Der Anflug eines Grinsens huschte für einen kurzen Moment über sein Gesicht, als der Riese schon nach wenigen Minuten knurrte: »Was zum Teufel willst du?«
Lassiter schaute zur Seite, zog an der Zigarette und knurrte, den Rauch ausstoßend: »Redest du mit mir, Hombre?«
»Mit wem denn sonst?« Der Schwarze hob den Arm, ohne sich sonst zu rühren. Auch das Buch über dem Gesicht blieb, wo es war. Mit dem Daumen deutete er hinter sich. »Der Käfig da ist leer.«
»Okaaay«, brummte Lassiter gedehnt. »Also nichts.«
»Was?«
»Na, nichts. Ich will gar nichts.« Lassiter drückte die Zigarette an der Wand aus und warf den Stummel vor sich zu Boden. »Schätze, die Zeit, Wünsche zu äußern, ist für mich vorbei.«
Der Hüne nahm das Buch vom Gesicht, ließ es fallen und richtete sich auf. »Versuch nicht, mich für dumm zu verkaufen«, sagte er mit einer Stimme, die es fertigbrachte, gleichzeitig gelassen und wie Donnerhall zu klingen. Lassiter schaute dennoch stur geradeaus. »Du hast Tucker Sloane erschossen.«
»Yep.« Lassiter legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen.
»Und jetzt pflanzt du deinen Arsch in den Käfig neben mir und tust, als wüsstest du nicht, wer zum Teufel ich bin?« Der schwarze Hüne wurde etwas lauter, was Lassiter aber nicht weiter anfocht. Er zuckte die Achseln.
»Teufel«, erwiderte er. »Sollte das so eine Art Stichwort sein?« Er lachte, doch es klang lustlos, fast gelangweilt. »Sicher kenne ich dich. Du bist Athos Zinger, der Teufel von Maryland. Hast ne ganze Latte an Überfällen begangen mit deiner Bande, bis sie dich geschnappt haben. Und dabei warst du nicht zimperlich. Angeblich gehen vierzehn Männer, drei Frauen und sogar 'n Kind auf dein Konto.«
»Das war ein Unfall«, brummte Zinger übellaunig. Im Augenwinkel sah Lassiter, dass der mächtige Schwarze jetzt im Schneidersitz auf der Pritsche hockte und ihn forschend anstarrte. »Aber du, warum hast du Sloane umgelegt?«
»Meine Sache«, gab Lassiter kurzangebunden zurück, griff nach dem Tabaksbeutel und begann, sich die nächste Zigarette zu drehen.
Zinger lachte humorlos, schwang die Beine von der Pritsche und setzte sich wie Lassiter mit dem Rücken zur Wand. »Also, falls du drauf aus warst, von mir so etwas wie eine Belohnung zu bekommen, war das eine richtig dämliche Idee. Ich bin so gut wie tot, und du würdest auch nichts mehr verjubeln können, so, wie die Dinge liegen.«
Lassiter fuhr mit der Zunge über das Papier, bevor er damit den Tabak in eine akkurate Rolle schloss. Er bedachte den Zellennachbarn mit einem beiläufigen Seitenblick und fragte: »Wovon zum Teufel redest du, Hombre?«
Zinger drehte den Kopf, doch da hatte Lassiter seinen bereits wieder abgewandt und konzentrierte sich scheinbar darauf, seine Zigarette anzuzünden.
»Willst du mir etwa weismachen, du wüsstest nicht, was Sloane gemacht hat?«, fragte Zinger ungläubig.
»Kommt darauf an, was du meinst«, erwiderte Lassiter und lehnte sich zurück, bevor blauer Qualm aus seinen Lippen hinauf zur Decke stieg.
Für einige Augenblicke herrschte Schweigen, während Zinger wohl darüber nachdachte, wie er den Mann nebenan einzuschätzen hatte. Lassiter schwieg und rauchte gleichmütig.
»Sloane hat geplappert wie ein Waschweib, als sie ihn geschnappt und in eine Zelle gesperrt haben. Dem ging der Arsch auf Grundeis, und die Sternträger haben ihn damit geködert, dass er dem Galgen entgeht, wenn er mich verrät. Da konnte er's kaum abwarten, denen das Versteck zu verraten, wo wir uns nach dem Überfall treffen wollten.«
Lassiter nickte bedächtig. »Schätze, das kannst du ihm nicht übelnehmen. Wenn's um Tod oder Leben geht, ist sich jeder selbst der Nächste.«
»Der Hundesohn hätte höchstens ein paar Jahre absitzen müssen«, erwiderte Zinger mürrisch. »Tucker hätte man keinen Mord nachweisen können, aber trotzdem hat er die Bande ans Messer geliefert. Als die Sternträger uns erwartet haben, wurden alle bis auf mich erschossen. Die Sau hat alle seine Compadres auf dem Gewissen, verstehst du das jetzt, Kleiner?«
Lassiter unterdrückte ein Grinsen. »Kleiner« hatte ihn noch nie jemand genannt, schließlich maß er vom Kopf bis zur Sohle sechs Fuß. Zinger hingegen überragte ihn vermutlich dennoch um Haupteslänge, war also gewissermaßen berechtigt, fast jeden derart zu titulieren. Bewusst gelassen hob er die Achseln und antwortete: »Denke schon. Dann hab ich dir also einen Gefallen getan, und deine Kumpane sehen Sloane in der Hölle wieder. Können ihn jetzt vermöbeln bis in alle Ewigkeit. Gern geschehen.«
»Hmm«, brummte Zinger, der diese Reihe von Fügungen offenbar nicht als zufällig abtun wollte. »Und dann landest du ausgerechnet hier?«
Lassiter blickte auf, bedachte seinen Zellennachbarn mit einem nachsichtigen Blick. »Wo denn sonst, Hombre. Ich habe den Hurensohn in diesem County erschossen, und dafür hat man mich zum Galgen verurteilt. Gibt es noch einen Platz, an den man mich hätte bringen können?«
