Maddrax 675 - Kolja van Horn - E-Book

Maddrax 675 E-Book

Kolja van Horn

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Beschreibung

Dem Truckfahrer Ruudy Dultrey rennt ein scheinbar verwirrter Mann in Uniform direkt vor den Laster. Er schafft es nicht mehr, seinen Dreißigtonner rechtzeitig zum Stehen zu bringen, und überfährt den Mann. Kurz darauf tauchen weitere fünf Uniformierte aus den Büschen am Straßenrand auf: Elitesoldaten der Dark Force. Sie wirken wie hirngewaschen, als sie ihn fragen, wo sie hier sind. Kein Zweifel: Sie haben ihr Gedächtnis verloren - doch wie? Wer oder was steckt dahinter?

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Seitenzahl: 152

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

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Canyon des Vergessens

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Impressum

Cover

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Am 8. Februar 2012 trifft der Komet »Christopher-Floyd« die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse, und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert.

In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Fliegerstaffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 versetzt wird. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn »Maddrax« nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler, der sich als lebende, schlafende Entität entpuppt – zur Erde gelangten und schuld sind an der veränderten Flora und Fauna und der Verdummung der Menschen. Nach langen Kämpfen mit den Daa'muren erwacht der Wandler, weist sein Dienervolk in die Schranken und zieht weiter. Mit zwei Daa'muren, die auf der Erde zurückblieben – Grao und Ira – haben sich Matt und Aruula sogar angefreundet.

Bei einem Abstecher zum Mars, auf dem sich eine Expedition aus dem Jahr 2010 zu einer blühenden Zivilisation entwickelt hat, erfährt Matt von der Spezies der Hydree, die vor 3,5 Milliarden Jahren hier lebten und mittels eines Zeitstrahls zur jungfräulichen Erde umzogen, als ihr Planet seine Atmosphäre und Ozeane verlor. Mit ihren Nachkommen, den telepathisch begabten Hydriten, die von den Menschen unentdeckt am Meeresgrund leben, hatte Matt schon Kontakt und nennt einen von ihnen, Quart'ol, einen guten Freund.

Diese »Tunnelfeldanlage«, die wie ein Transporter funktioniert, in dem die Zeit unendlich gedehnt werden kann, ist bis heute in Betrieb und verursachte auch den Zeitsprung von Matts Flugstaffel um 504 Jahre, als die den Strahl querte. Dabei legt der Strahl einen Tachyonenmantel um lebende Zellen, der den Altersprozess fünfzig Jahre lang drastisch verlangsamt.

Seither ist viel Zeit vergangen – wir schreiben inzwischen das Jahr 2555 –, und all die Erlebnisse unserer Helden an dieser Stelle zu schildern, wäre unmöglich. Es gibt sogar eine Erdkolonie in einem fernen Ringplanetensystem, zu dem allerdings der Kontakt abgebrochen ist. Ihre Freunde Tom, Xi und deren Tochter Xaana (die eigentlich Matts Kind ist) leben dort auf dem Mond Novis.

Nicht nur einmal haben Matthew Drax und Aruula die Erde vor dem Verderben gerettet und mächtige Feinde bekämpft – zuletzt die vampirhaften Nosfera, die die WCA (World Council Agency, kurz: Weltrat) übernehmen wollten. Auf diese Organisation traf Matt schon früh. Momentan steht ihr General Aran Kormak vor, ein in der Vergangenheit eher zwielichtiger Charakter, der sich aber gewandelt und großes Interesse zu haben scheint, Meeraka (ehem. USA) und danach andere Länder friedlich zu einen.

Auch um Kormak weiterhin im Auge zu halten, geht Matt auf seinen Vorschlag ein, zusammen mit Aruula im Auftrag des Weltrats eine schnelle Eingreiftruppe zu bilden und für ein Bündnis unter dem Dach der WCA zu werben.

Dies sind ihre Abenteuer...

Weitere Informationen und Hintergründe zur Serie findet ihr unter https://de.maddraxikon.com im Internet!

Canyon des Vergessens

von Kolja von Horn

Das Schlafgemach des Meisters war überraschend karg und schmucklos eingerichtet. Angesichts der Bedeutung dieses Mannes, der blass und ausgezehrt im Bett in der Ecke lag, hatte Mordequai etwas Pompöseres erwartet. Immerhin war das Zimmer Teil eines schmucken Schlösschens, dem Genie vom französischen König Franz I. höchstselbst als Ruhesitz überlassen.

Lautlos zog Mordequai die Tür hinter sich zu und schlich durch die Kammer zum Bett hin. Er zog das Objekt über die linke Hand. Eine Berührung des silbern glänzenden Kreises an der Stulpe über dem Gelenk erweckte die Maschine zum Leben.

Der Atem des Alten war ruhig gewesen, bis die Finger des Handschuhs sich über seine Stirn legten. Als die Blitze aus den linsenförmigen Erhebungen traten und sich wie ein Gazenetz aus Licht um den Schädel des Sterbenden wanden, riss der die Augen auf und begann zu schreien.

»Wosse-FOGG?«

Ruudy Rubber Duck Dultrey stieg mit Macht in die Eisen, und die Hydraulikbremsen seines Dreißigtonner-Diesels gaben ihr Bestes. Dennoch ahnte der Trucker, dass es zu spät war. Also kniff er die Augen zu gequälten Schlitzen zusammen, während die Kraft der Trägheit – und das Gewicht von vierundzwanzigtausend Litern Rapsöl im Tank hinter der Zugmaschiin – ihn unaufhaltsam auf den gebeugt schlurfenden Schlafwandler zurutschen ließen. Wie aus dem Nichts hatte der Mann im sandfarbenen Overall durch das Buschwerk am Rand des Overland Trails die Piste betreten und schaute auch jetzt nicht nach links oder rechts, sondern taumelte wie in Trance in sein Verderben.

Schon knallte es, und Rubber Duck biss sich auf die Unterlippe, als Blut über seine Windschutzscheibe spritzte. Die Knöchel seiner ansonsten sonnengebräunten Hände traten schneeweiß hervor, während er krampfhaft das Steuer umklammerte und den Sechsachser in der Spur hielt, wobei sich vor seinen Augen blutige Spritzer und kleine Fleischfetzen mit dem Staub auf der Frontscheibe mischten.

Ein hektischer Schlag auf den Hebel setzte die Scheibenwischer in Gang, doch die machten es nur noch schlimmer, weil der Wassertank für die Spritzdüsen leer war.

Es rumpelte ordentlich, als er mit der hinteren Doppelachse über den Leichnam fuhr, und Ruudy musste krampfhaft die Zähne zusammenbeißen, um die aufsteigende Übelkeit zurückzuzwingen.

Wie froh war er gewesen, endlich diese Route zugeteilt zu bekommen, die von den Soja-‍, Raps- und Maisfeldern Virginias hinauf nach Waashton führte. Weniger Lohn, längere Touren, aber dafür erholsame Eintönigkeit auf der fast durchgehend kerzengeraden Strecke von gut fünfhundert Kilometern durch einsame, von Wäldern, Wiesen und Äckern geprägte Landschaften.

Zuvor war er jahrelang durch das Areal nördlich der Citypole gezuckelt, durch die Alleghenys, Pennsylvania, manchmal sogar bis hinauf nach Nuu'ork. Doch da oben wimmelte es von Pistenpiraten und anderem Gesocks, welches einem ständig das Leben schwer machte – wenn sie es nicht gar beendeten, wie im Falle seines Kumpels Barton. Dessen Tod hatte Ruudy als Scheidepunkt betrachtet und sich entschlossen um etwas anderes bemüht.

Diese ländliche, menschenarme Gegend hier hatte ihn nicht enttäuscht; die Farmer waren wortkarg, aber friedlich, Raststätten rar gesät, dafür freuten sich die Betreiber über jeden zahlenden Gast. Kein einziger unangenehmer Zwischenfall in sieben wunderbar öden Monaten. Bis heute.

Endlich kam der Truck zitternd zum Stehen, und die Bremsen stießen mit jammernden Lauten Pressluft aus, während er zwischen Schwaden aufsteigenden Straßenstaubs etwas im Rückspiegel zu erkennen versuchte.

Teufel auch, da kommen noch mehr!

Die mannshohen Sträucher, die den Pistendamm überwucherten, teilten sich und gaben erst drei, dann noch weitere zwei Soldaten preis, die ein paar Schritte weit auf die Straße traten, ehe sie stehenblieben und die Überreste des Zivilisten anstarrten, die sich blutig über mehrere Meter des Highways hinweg verteilten.

Rubber Duck erkannte die Uniformen. Es schien sich um Mitglieder der Dark Force zu handeln, einer Elitetruppe, die direkt dem Weltrat unterstellt war und teilweise auch zivile Schutzaufgaben in Waashton übernahm, für die eigentlich die City Police zuständig war. Doch die befand sich in stetiger Personalnot, sodass diese Aufgabenteilung, die eigentlich nur als Übergangslösung gedacht gewesen war, mittlerweile schon Monate überdauerte seit dem Sieg über die Nosfera.

Der Kerl, den er gerade überfahren hatte, war offensichtlich wichtig genug für eine Eskorte Elitesoldaten gewesen – selbst wenn es ihm am Ende nicht geholfen hatte.

Rubber Duck schluckte erschrocken, als erst einer, dann weitere der Soldaten in seine Richtung schauten. Bisher hatte er mit den uniformierten Ordnungshütern nie Probleme gehabt, selbst wenn sie bei Kontrollen an den Checkpoints der Stadtgrenze von Waashton ab und an ziemlich nassforsch mit Truckern wie ihm umgingen.

Aber er hatte gerade einen Schutzbefohlenen in Hackfleisch verwandelt – da fragten sie womöglich nicht lange, wer an dem Schlamassel schuld war.

Nachdem sich der Staub auf der Piste zu Boden senkte, waren die Pistools an den Gürteln der Soldaten nicht zu übersehen.

Für einen Moment war Ruudy versucht, den Gang einzulegen und das Gaspedal durchzutreten. Einfach abhauen, den Truck abliefern und untertauchen, bis Gras über die Sache gewachsen war.

Aber das würde nicht funktionieren. Die Soldaten hatten den Schriftzug der Firma seines Bosses auf dem Tank sicher längst registriert, und es wäre ein Kinderspiel, herauszufinden, wer der Fahrer des Sattelzugs gewesen war.

Ruudy blinzelte. Die Soldaten schienen ihn jetzt alle durch den Rückspiegel anzustarren. Doch warum zum Henker rührten sie sich nicht?

Er sah auf seine Hände, die das Steuer umklammerten, als wollten sie es erwürgen. Er zwang sich, die Finger zu lösen, atmete tief ein, schloss die Augen und legte den Kopf gegen die Nackenlehne des Fahrersitzes, ehe er die Luft langsam und leicht zitternd wieder aus den Lungen ließ. »Okee ... okee ... okee.«

Ruudy zog am Griff und ließ die Tür weit aufschwingen. Er wartete einen Moment, dann streckte er winkend die Hand hinaus und hoffte, sie würde ihm nicht in der nächsten Sekunde weggeschossen.

»Ha-hallo?«, rief er, wobei seine Stimme viel kläglicher klang als beabsichtigt. »Es tut mir verdammt noch mal leid, Fooks! Ich schwöre, ich hatte keine Chance. Der Mann, er ...« Ruudy hielt inne, beugte sich zaghaft hinaus und spähte an der Kabine der Zugmaschiin vorbei nach hinten.

Die Soldaten befanden sich nun unmittelbar neben dem Heck des Dreißigtonners. Sie waren etwas näher gekommen und hatten dabei die Überreste des toten Zivilisten im Overall hinter sich gelassen, standen jetzt aber wieder so reglos da wie zuvor. Die Gesichter lagen im Halbschatten, doch ihre Augen schienen zu leuchten – und wirkten dabei farblos und leer.

Was Ruudys pochenden Herzschlag ein wenig beruhigte, war der Umstand, dass keiner von ihnen die Hand in Richtung Waffe bewegte oder gar seine Pistool aus dem Holster zog. Nur wie sie schauten, hielt ihn nervös.

»Also, ähm ... ich steige jetzt aus, okee? Wenn Sie nichts dagegen haben! Ich bin unbewaffnet, mein Wort darauf ...« Ruudy hielt beide Hände hinaus, um sein Versprechen zu untermauern. »Und dann reden wir, in Ordnung?«

Er fasste sich ein Herz und kletterte aus der Fahrerkabine. Als er mit beiden Stiefeln auf der Straße stand, spürte er, wie weich seine Knie waren; um ein Haar wäre er eingeknickt und zu Boden gesunken. Die Handflächen vorgestreckt, sagte er mit leicht schwankender Stimme: »Es tut mir ehrlich leid. Aber Ihr Begleiter kam so plötzlich aus den Büschen ...«

Der Soldat, der vor den anderen stand und ihm am nächsten war, bewegte die Lippen, aber Ruudy konnte nichts hören. Zwei Streifen auf den Schulterklappen wiesen den Mann als Offizier aus. Er hatte rotblondes Haar, oben etwas länger, an den Kopfseiten und im Nacken raspelkurz geschnitten. Im Schnurrbart über der Oberlippe glänzten Schweißperlen, und im Licht der Nachmittagssonne glaubte Rubber Duck zu erkennen, dass sich der Offizier einen ordentlichen Sonnenbrand auf Stirn, Wangen und Nase zugezogen hatte.

Die Gesichter der anderen Soldaten sahen nicht besser aus; es schien, als wäre der Trupp über Stunden unter der sengenden Sommersonne unterwegs gewesen. Das brachte ihn auf eine naheliegende Frage.

»Wo ist Ihr Fahrzeug, Sir?« Stirnrunzelnd musterte Ruudy den Schnurrbartträger. »Man hat Sie doch nicht zu Fuß hier im Nirgendwo abgesetzt?«

Ein merkwürdiger Ausdruck trat auf die Züge des Uniformierten, den Ruudy zunächst nicht recht einzuordnen wusste. Verblüffung? Fast sah der Mann aus, als hätte er ihn gar nicht verstanden, aber er drehte sich zu den anderen um und schien sie ratsuchend anzublicken, ohne dass auf deren Mienen auch nur der Hauch einer Erkenntnis auszumachen war.

Allmählich ging Ruudy auf, dass diesen Burschen etwas Einschneidendes, wirklich Übles widerfahren sein musste.

Der Offizier drehte sich wieder zu ihm um und schaute ihn sekundenlang an, bevor ein zögerliches Lächeln auf seine Lippen trat, das ihn um Jahre jünger erscheinen ließ.

Zu viele Jahre, und das trieb Ruudy einen Schauer über den Rücken, während der Soldat fragte: »Wer bist du? Und wo sind wir?«

Der elegant gekleidete Gentleman schenkte den beiden Wachleuten, die die Sicherheitsschleuse flankierten, ein entwaffnendes Lächeln, bevor er sich als Latifer Boyd vorstellte und Einlass in den Sicherheitsbereich III begehrte.

»Ich müsste dringend in das Büro von Trevor Armistad«, erklärte er mit einer angenehm sonoren, melodischen Stimme, den linken Arm lässig in die Hüfte gestützt. »Ich denke, Sie wissen, wer das ist.« Dabei hob sich seine linke Augenbraue, und er nahm den Posten zu seiner Rechten, einen stämmigen Schwarzen mit Schnauzbart und bärbeißiger Miene, auf eine Weise in den Blick, die man fast als Flirt hätte deuten können, wäre dieser Gedanke nicht völlig absurd gewesen.

Der Schwarze verzog keine Miene, während er entgegnete: »Natürlich ist uns Mr. Armistad bekannt, Sir. Im Gegensatz zu Ihnen, und Sie wurden uns auch nicht angekündigt. Mr. Armistad befindet sich nicht im Haus. Ohne Akkreditierung, oder wenn Sie hier sonst niemand mit Befugnis von drinnen abholt, fürchte ich ...«

Latifer Boyds Lächeln gewann noch an Strahlkraft, als er dem Wachmann ins Wort fiel: »Oh, klar. Sehr gut! Trevor wusste, dass Sie das sagen würden ...« Er unterbrach sich und schien kurz nachzudenken, »... Barton, richtig? Nun, Barton, mein Freund, die Sache ist die: Trevor hat's böse erwischt. Der Darm ... ich will da nicht ins Detail gehen.«

Er nickte, als der Schwarze das Gesicht verzog. »Und dennoch duldet die Sache, wegen der er mich hergeschickt hat, keinen Aufschub. Ich bin ohnehin ab kommender Woche Mitglied im Club, glauben Sie's oder nicht. Egal; jedenfalls benötigt Minister Hailey – Sie wissen schon, im Grunde sein, Ihr und bald auch mein Boss – also, der braucht die Protokolle der Sitzung von vorgestern, verstehen Sie? Bei der es um die Expedition nach Virgi ...« Er hielt inne, legte sich kurz die Hand vor den Mund und grinste ein wenig schuldbewusst, bevor er fortfuhr: »Sorry, das ist vertraulich. Aber der kleine Generalstab war dabei ... Sie erinnern sich bestimmt, das war vorgestern Nachmittag, gegen drei Uhr. Im Konferenzraum sieben. Ist ja nur drei Minuten von hier.«

Barton blinzelte, doch sein Kollege auf der anderen Seite, ein schlaksiger Rothaariger, antwortete statt seiner: »Barton hatte frei, aber ich habe die Gentlemen durchgelassen, Mr. Boyd.« Er lächelte verbindlich, verzog aber im nächsten Moment bedauernd das längliche Pferdegesicht. »Dennoch fürchte ich, wir müssen Sie abweisen. Ohne Passwort und Codenummer ...«

Boyd hob die Hand und zwinkerte entschuldigend. »Oh, sorry! Natürlich, Leute. Wo muss ich das eingeben? Dort, nicht wahr?« Er trat näher an die Schleuse, die aussah wie ein Türrahmen ohne umgebende Wand, und drückte die Taste, um das Display an der Seite zu aktivieren, ehe er flink und ohne Zögern einen zwölfstelligen Code eintippte.

Die Wachmänner registrierten perplex die selbstsicheren Bewegungen des Besuchers, der zum ersten Mal vor ihnen stand und sich dennoch benahm, als würde er diese Prozedur täglich und seit Monaten absolvieren. Als es leise piepte, lächelte er Barton zu und murmelte mit vertraulich gesenkter Stimme: »Das Passwort für heute lautet El Condor pasa.« Seine Augenbrauen bewegten sich schelmisch ein paar Mal die Stirn auf und nieder. »Dürfte ich jetzt ...?«

Barton und sein rothaariger Kollege tauschten einen kurzen Blick, dann ließen sie Latifer Boyd achselzuckend passieren. Der Mann im korallenfarbenen Dreiteiler tippte sich zum Abschied mit zwei Fingern an die Stirn und schlenderte durch das Foyer, bis es sich am Ende in zwei abzweigende Korridore teilte. Ohne zu zögern bog er nach links ab und war im nächsten Moment aus dem Sichtfeld der Wachleute verschwunden.

Boyd nickte zwei jungen Männern in schlichter muschelgrauer Einheitskluft höflich zu, die ihm entgegenkamen. Eine hübsche Frau im hellen Kleid, die gerade aus einem der angrenzenden Räume trat und einen Schlüsselbund hervorholte, um abzuschließen, grüßte er munter mit »Guten Morgen, Miss Brazznut«, worauf die Blondine verblüfft den Kopf wendete und mechanisch erwiderte: »Morgen, Mister ... ähm ...«

»Boyd. Latifer Boyd.« Er grinste charmant und zwinkerte ihr zu. »Trevors Nachfolger.«

Miss Brazznut schaute überrascht. »Trevor ... aber was ist denn mit Mr. Armistad?«

»Unpässlich«, gab Boyd leichthin zurück. »Dauerhaft. Aber Sie und die anderen Kollegen werden bald informiert.« Er legte den Finger kurz über die Lippen. »Bis dahin bleibt die Sache unter uns, einverstanden?«

Die Frau mit der komplizierten Turmfrisur sah jetzt beunruhigt aus, nickte aber. »Natürlich, Mister ...«

»Boyd«, wiederholte er geduldig und präsentierte ein weiteres Mal zwei perfekte weiße Zahnreihen, ehe er an ihr vorbei ging. »Schönen Tag noch, Miss Brazznut.«

Auf den nächsten zwanzig Metern des schmucklosen Korridors begegnete ihm niemand mehr, bis er vor der Tür des Büros mit der Nummer 3078 stand. Es gab keinerlei weitere Informationen auf der Tür oder der Wand daneben, nur das schwarze Metallschild mit den vier Ziffern darauf.

Latifer Boyd wusste trotzdem, dass er hier richtig war. So wie er das Passwort und den Nummerncode gekannt hatte und die Namen der Angestellten. Der vorletzte Tag mit der Sitzung war lebhaft und detailliert in seinem Gedächtnis gespeichert, so wie unzählige Tage zuvor, obwohl er selbst sie gar nicht erlebt hatte, sondern Trevor Armistad.

Er tippte einen weiteren Code ein, damit sich das Türschloss entriegelte. Nach einem kurzen Blick in beide Richtungen des Flurs trat er ein und zog hinter sich zu.

Das Büro des ausgewiesenen Experten für Energiegewinnung und Netzsicherheit mit einer Akkreditierung der Stufe III war bescheiden: gerade sieben mal vier Meter blassrote Auslegeware aus antiken Zeiten mit einem kleinen Schreibtisch darauf. Ein winziges Fenster wies auf einen Lichthof hinaus, von dem kaum genug Helligkeit hereinkam, um die Bilder in den Rahmen auf der Schreibtischplatte erkennen zu können: Ein Doggar (Flash, dreizehn Jahre alt und so gut wie blind), ein älteres Ehepaar (Armistads Eltern, vor drei Jahren bei einem Überfall ermordet worden), Sue Ellen und Joosh (die Schwester und sein Neffe, die im mittleren Westen lebten; kein Kontakt mehr seit der Beerdigung der Eltern). Keine Ehefrau oder Kinder – der bedauernswerte Trevor war eine einsame arme Sau gewesen. Ein Arbeitstier in Ermangelung eines Privatlebens.

Aktenschränke, wuchtig und dunkelgrau wie Burgmauern, die Boyd bis zum glattrasierten Kinn reichten, säumten alle Wände außer der zum Flur mit der Tür und dem Schreibtisch.

Boyd fand das Ambiente armselig angesichts von Armistads gehobener Position im Pentagon – immerhin hatte der Mann die Oberaufsicht über große Teile der Kraftwerke und Stromnetze.

Nun, bei Armistad handelte es sich eben um einen bescheidenen und anspruchslosen Charakter. Nichts Neues für ihn seit der Transmission; langweilig war es trotzdem.

Er machte sich sofort an die Arbeit, denn er wollte kein unnötiges Risiko eingehen, erwischt zu werden. Bisher hatte die Frechheit obsiegt, aber das musste nicht so bleiben. Ohnehin ging es nur um eine Handvoll amtlicher Dokumente, und er wusste ganz genau, wo sie zu finden waren. Genauso gut, wie der Besitzer dieses Büros es einmal gewusst hatte.

Außerdem galt es, die Personaldaten eines Mannes dahingehend zu frisieren, dass er zwangsläufig Teil einer Mission werden würde, die für Boyds Auftraggeber von höchster Bedeutung war.