Lassiter 2796 - Kolja van Horn - E-Book

Lassiter 2796 E-Book

Kolja van Horn

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Beschreibung

Zuerst war ein Lichtblitz zu sehen am südlichen Horizont; wie Wetterleuchten, ein monumentales Unwetter oder gar ein Vulkanausbruch in Südamerika, wie manche vermuteten, die die laue Nacht auf der Terrasse noch mit ein paar Drinks genießen wollten. Sekunden später folgte dumpfes Grollen, das so gar nicht nach Gewitterdonner klang, sondern eher wie Sprengkörper, oder als würden ganze Batterien von Geschützen abgefeuert. Der ein oder andere fühlte sich an den Bürgerkrieg erinnert, doch auch dieser Gedanke schien absurd. Der große Mann und seine Begleiterin, die an einem Tisch in der Ecke der Terrasse saßen, blickten sich in die Augen. Beide ahnten sofort, wer für das Spektakel, das sich einige Meilen südlich von ihnen gerade abspielte, verantwortlich sein musste.

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Seitenzahl: 152

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

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Mein ist die Rache

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Impressum

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

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Mein ist die Rache

Teil 2von Kolja van Horn

Zuerst war ein Lichtblitz zu sehen am südlichen Horizont; wie Wetterleuchten, ein monumentales Unwetter oder gar ein Vulkanausbruch in Südamerika, wie manche vermuteten, die die laue Nacht auf der Terrasse noch mit ein paar Drinks genießen wollten. Sekunden später folgte dumpfes Grollen, das so gar nicht nach Gewitterdonner klang, sondern eher wie Sprengkörper, oder als würden ganze Batterien von Geschützen abgefeuert. Der ein oder andere fühlte sich an den Bürgerkrieg erinnert, doch auch dieser Gedanke schien absurd.

Der große Mann und seine Begleiterin, die an einem Tisch in der Ecke der Terrasse saßen, blickten sich in die Augen. Beide ahnten sofort, wer für das Spektakel, das sich einige Meilen südlich von ihnen gerade abspielte, verantwortlich sein musste.

Fillmore war chancenlos, als die Bande von La Roja die Stadt am Rio Grande heimsuchte. Ein arbeitsreicher Tag lag hinter den Bewohnern, und die meisten von ihnen gingen früh zu Bett. Zwar gab es Wachen an den Kais und auch auf einigen der Lastkähne, doch keine von ihnen sah einen Anlass zu erhöhter Aufmerksamkeit.

Dabei war noch kurz zuvor ein Kavallerietrupp in der Stadt gewesen und hatte Donovan Doubleday, den Sheriff von Fillmore, vor der Gefahr eines Überfalls gewarnt. Dem Sternträger, obschon er von der Serie brutaler Verbrechen einer mexikanischen Bande gehört hatte, schien es aber abwegig, dass ein Haufen Desperados es wagen könnte, eine wehrhafte Gemeinde wie Fillmore ins Visier zu nehmen. Deshalb hatte er die Aufgabe, wenigstens die Sicherheitskräfte im Hafen zur Wachsamkeit anzuhalten, kurzerhand auf den nächsten Tag verschoben und sich zu einem Abendessen beim Bürgermeister begeben.

Eine Fehleinschätzung, die Doubleday mit dem Leben bezahlen sollte. So wie Hunderte seiner schutzbefohlenen Mitbürger.

Die von der Bandida La Roja geführte Horde Desperados, die bereits eine blutige Spur quer durch die südlichen Staaten der USA an der Grenze zu Mexiko gezogen hatte, war wild entschlossen, Fillmore zu einem vorläufigen Höhepunkt des Schreckens werden zu lassen. Wie immer gingen die Gesetzlosen dabei strategisch klug, schnell und erbarmungslos effizient vor.

Während zwei als Kurpfuscher getarnte Männer ihren Planwagen unbehelligt zum Platz im Zentrum von Fillmore steuerten, auf dessen Ladefläche eine schussbereite Gatlin Gun montiert war, schlichen sich zwei Trupps Meuchelmörder mit Taschen voller Sprengstoff in die Stadt. Einer kam über den Fluss, der andere von den Bergen herab. Sie töteten lautlos; mit Macheten, Dolchen, Würgeschlingen schalteten sie die bewaffneten Wachposten aus, die starben, noch ehe sie der heimtückischen Angriffe überhaupt gewahr wurden.

Danach bereiteten sie die Sprengsätze vor. Das Inferno sollte als konzertiertes Höllenspektakel losbrechen, deshalb musste man sich miteinander verständigen. Alle trugen Uhren bei sich, die vor dem Beginn des Unternehmens miteinander verglichen worden waren. Außerdem hielt man Lockpfeifen parat.

Das verhaltene Quaken draußen neben dem Office ließ Deputy Mike Summers die Stirn runzeln. Nicht für eine Sekunde kam ihm der Gedanke an die Banditen in den Sinn, obwohl er dabei gewesen war, als die Soldaten seinen Boss gewarnt hatten. Er hob die Stiefel vom Schreibtisch, stemmte sich aus dem Lehnstuhl hoch und durchmaß gemächlich das Büro. Die Jalousien vor Fenster und Tür waren herabgelassen, weshalb er nicht erkennen konnte, ob sich draußen ein Scherzbold oder tatsächlich verirrtes Geflügel bemerkbar gemacht hatte. Also riss er die Tür auf, um nach dem Rechten zu sehen. Die spitze Messerklinge schien aus dem Nichts zu kommen und wurde so heftig in seinen Hals gerammt, dass der Dolch bis zum Heft darin verschwand.

Summers sah noch ein bärtiges Gesicht vor sich, doch da wurde die Welt bereits unscharf und verdunkelte sich. Mit einem kräftigen Stoß beförderte der Bandido ihn zurück ins Büro. Der Deputy ging zu Boden, und während die Tür geschlossen wurde und sein Mörder das Schild »CLOSE« ins Fenster hängte, tat er seinen letzten Atemzug.

Der Bandit schloss die Tür von innen ab, überzeugte sich davon, dass kein weiterer Deputy anwesend war, und verließ das Sheriff's Office durch die Hintertür, ehe er die Pfeife noch einmal benutzte. Diesmal lauter und dreimal hintereinander zum Zeichen, dass von seiner Seite aus alles erledigt war.

Die anderen antworteten, und es klang, als wäre eine ganze Schiffsladung lebender Wasservögel ihren Käfigen entkommen, um nun durch die nächtliche Stadt zu flattern – obwohl derartiges Federvieh in dieser Region nur sehr selten umgeschlagen wurde.

Nicht ungewöhnlich hingegen war es, in der Stadt fremden Gesichtern zu begegnen, schließlich war Fillmore einer der bedeutendsten Handelsposten im Süden, Anlaufpunkt für Flussschiffer und zwei Eisenbahngesellschaften, eine Drehscheibe für den Handel mit Mexiko. Auch deshalb hatten sich weder die Wachposten noch späte Passanten in der Stadt über die Unbekannten gewundert, die, wenn sie denn überhaupt jemand bemerkte, freundlich grinsten und sogar mal den Sombrero lüpften, bevor sie weitergingen.

Es traf die arglosen Bürger der Stadt unvermittelt wie Blitze aus heiterem Himmel. Sah man einmal von Sheriff Doubleday ab.

Als die ersten Schüsse krachten, servierten die beiden dunkelhäutigen Hausdamen ihm und seinen Gastgebern gerade das Dessert. Bürgermeister Leon Underwood, seine Frau Patricia und nicht zuletzt deren reizende Tochter Fedora waren bis zu diesem Moment in ausgesprochen aufgeräumter Stimmung gewesen. Dasselbe hatte auch für ihn gegolten, nachdem die beiden großen Gläser Rotwein seine Nervosität gedämpft und Fedoras stetiges Wimpernklimpern und ihr betörendes Lächeln sein Selbstbewusstsein beflügelt hatten.

Natürlich war dieses Dinner im Grunde nur eine Formalie, ein offizieller Rahmen, seit vier Wochen geplant, um die Verlobung offiziell zu machen und per Handschlag zu besiegeln. Im Gespräch unter vier männlichen Augen hatte ihm Bürgermeister Underwood längst seinen Segen erteilt, und Fedora konnte ohnehin kaum verbergen, wie zugetan sie ihm war.

Das junge Ding war zwar nicht die hellste Kerze am Baum, doch darüber zerbrach sich Don Doubleday nicht den Kopf. Fedora hatte andere, offensichtlichere Vorzüge, die dafür sorgten, dass der Stoff ihres malvenfarbenen Taftkleids sichtlich unter Spannung geriet, sobald sie sich vorbeugte oder auch nur die Schultern straffte. Ihre Blicke waren so verheißungsvoll wie ihr Lächeln, weshalb sich Doubleday fast darüber wunderte, dass die junge Frau noch nicht von ihrer Mutter ermahnt worden war. Doch vielleicht hatte sich das ja unter dem Tisch abgespielt, durch einen Tritt oder Kniff, den er nicht hatte sehen können.

Immerhin hielt sich Fedora ein wenig zurück damit, ihm schöne Augen zu machen, seit der Hauptgang abgeräumt worden war, und überließ es der neben ihr sitzenden Mutter, mit dem Gast Konversation zu machen. Was Doubleday weit weniger in Wallung zu bringen vermochte, denn Mrs. Underwood plapperte in einem fort über ihre Probleme mit dem Küchengarten, kommende Veranstaltungen zum Sammeln mildtätiger Spenden und Klatschgeschichten aus der Hauptstadt; ein zusammenhangloser Cocktail aus Geschwätz, der ihn schnell anödete. Mrs. Underwoods Gatten schien es ähnlich zu gehen, denn der Bürgermeister zwinkerte ihm bereits zu und schien ihn zu einem Drink auf die Veranda bitten zu wollen, weil er sein graumeliertes Haupt verschwörerisch in Richtung der offenstehenden Tür neigte.

Dann drang durch eben diese Tür ein scharfer Knall an ihre Ohren. Sie schauten sich entgeistert an, gleichzeitig krachte es wieder, und Sekunden später, als hätten zwei lockere Steine eine Lawine ausgelöst, hob unten in der Stadt offenbar eine ausgewachsene Schießerei an.

»Was um Gottes Willen ist da los, Donald?« Mrs. Underwood legte sich eine Hand aufs Dekolleté, ihre länglichen Züge hatten deutlich an Farbe verloren.

Doubleday, das ernste Gesicht von Corporal Tim Hunter plötzlich wieder vor Augen, schüttelte langsam den Kopf. »Ich habe keine Ahnung«, log er und erhob sich. »Aber Sie und Ihre Tochter gehen besser hinauf und schließen die Tür hinter sich ab.«

Auch Underwood stand auf, ein Muskel zuckte nervös in seinem rechten Augenwinkel, und er schob das massige Kinn vor. »Das hört sich nach einem Überfall an, Sheriff. Zu den Waffen!«

Er umrundete den Tisch und nickte seiner Frau auffordernd zu, ehe er Doubledays Arm packte und ihn mit sich ins Vestibül zerrte. Dort kamen ihnen die beiden Hausmädchen und Jonas, das Faktotum der Underwoods, entgegen. Jonas hatte die Augen weit aufgerissen und rang mit den Händen. »Es brennt unten im Hafen, Messieurs«, rief er. »Und überall wird geschossen!«

»Ist nicht zu überhören, Jonas«, erwiderte Underwood trocken, trat an den Waffenschrank und zog einen Schlüssel aus der Hosentasche, mit dem er die Vitrine öffnete. Er holte einen Karabiner heraus, den er dem Schwarzen in die Hand drückte. »Geht in eure Kammern und verbarrikadiert euch. Wenn jemand eindringen will und sich nicht zu erkennen gibt, schießt du. Verstanden?«

Jonas umklammerte das Gewehr, während die beiden Mädchen sich links und rechts an ihn drängten. Als er beklommen nickte, befahl Underwood: »Dann bewegt euch, na los!«

Doubleday hatte sich mittlerweile den Revolvergurt um die Hüfte gebunden, nahm aber auch das Gewehr, welches der Bürgermeister ihm reichte, mit dankbarem Nicken entgegen. Underwood selbst griff sich eine silberfarbene Winchester neuester Bauart und schob routiniert Patronen ins Magazin. Es dauerte nur Sekunden, bis das Magazin gefüllt war. Er schob die Lade mit der Munition zurück und warf den Gewehrschrank zu, bevor er zur Tür der Villa stiefelte. Der Sheriff folgte ihm nach kurzem Zögern. Sie hatten die Tür fast erreicht, als eine Explosion Boden und Wände zum Erzittern brachte.

»Goddam!« Die Männer tauschten einen Blick, und Underwood fragte: »Halten Sie es für möglich, dass das diese Bande von Bohnenfressern ist, die schon seit Wochen im Süden ihr Unwesen treibt?«

Doubleday langte nach dem Türknauf und vermied es, den Bürgermeister anzusehen, während er antwortete: »Wer weiß? Vielleicht sollten Sie lieber bei den Ladys bleiben, Sir. Es ist nicht Ihre Aufgabe ...«

»Und ob es das ist«, widersprach Underwood, schob den Sheriff brüsk beiseite und stürmte ins Freie. Er betätigte den Repetierhebel und hob den Karabiner, auf dessen silbernem Lauf das Licht des aufgehenden Mondes schimmerte.

Doubleday spähte an ihm vorbei über den Weg, der in einer sanften Kurve zur Poststraße hinabführte. Er sah sich nähernde Gestalten, dunkle Schatten unter den Platanen, die die Strecke zum Haus des Bürgermeisters säumten.

»Vorsicht, Sir«, rief er noch, doch im selben Moment explodierte Underwoods Kopf in einer Wolke aus Blut, Knochen und Gehirnmasse. Eine Menge davon besudelte Doubledays Schultern, sein Gesicht und den Stetson. Er schnappte nach Luft, dann warf er sich nach vorn, in die Deckung eines Pflanzenkübels, der die Brüstung der kurzen Freitreppe schmückte.

Der Gewehrkolben prallte ihm schmerzhaft gegen die Rippen, als er auf der Waffe landete, doch er biss die Zähne zusammen, zog die Waffe an die Schulter und legte den Lauf neben dem Blumenkübel auf das Sims. Er nahm sich nur eine Sekunde zum Anvisieren, dann zog er den Stecher durch.

Einer der Angreifer ging schreiend zu Boden, Doubleday schwenkte den Lauf, feuerte und traf abermals. Der Bandido brüllte und führte einen kurzen einbeinigen Tanz auf, als das Projektil sein Knie zerschmetterte, dann fiel er jammernd auf den Rücken. Doubleday visierte den dritten Gegner an, zielte auf dessen Kopf und drückte ab. Der Kopf verschwand in einer schwarzen Wolke, und der Rest des Mannes verharrte kurz, ehe er in sich zusammensackte.

Doubleday schrie auf, als ein großkalibriges Geschoss den Pflanzenkübel traf und regelrecht explodieren ließ. Tonscherben flogen, eine traf seine Wange und hinterließ dabei einen tiefen Riss, ein Splitter verletzte sein linkes Auge. Er blinzelte heftig, doch das verschlimmerte das Brennen noch. Mit einem Fluch auf den Lippen ließ er das Gewehr sinken und rieb sich mit dem Jackenärmel vorsichtig über die Augenhöhle, um im nächsten Moment gequält aufzustöhnen. Es fühlte sich an, als würde ein Dorn in seinem Auge stecken.

Er konnte damit nichts mehr sehen, und auch das andere Auge tränte wegen der stechenden Schmerzen. Dennoch nahm er noch genug wahr, um zu erkennen, dass da zwei weitere Kerle die Straße hinauf in seine Richtung stürmten.

Beim zweiten Versuch gelang es ihm, das Gewehr zu packen und sich aufzurichten. Er tat sein Bestes, die Schmerzen zu ignorieren, und riss den Lauf des Gewehres hoch. Die beiden Bandidos waren nurmehr dunkle Schemen, die auf ihn zu hetzten.

»Don!« Er erkannte Fedoras Stimme, die von irgendwo über ihm kam, wohl durch ein geöffnetes Fenster. »Vater! Wo seid ihr, um Gottes Willen?«

»Bleibt weg vom Fenster«, rief er zurück, ehe er die Männer wieder in den einäugigen Blick nehmen wollte. Doch sie waren schon da, auf der Treppe, nur wenige Yards entfernt. Einer der Bastarde riss etwas hoch, das wie ein altertümlicher Hinterlader aussah. Es krachte, blitzte, und dann wurde alles schwarz.

»Was haben Sie vor?«, rief Nancy Drew Lassiters Rücken zu, während sie Mühe hatte, dem Mann zu folgen, der über die nächtliche Mainstreet von Las Cruces rannte wie ein Feuerwehrmann angesichts eines Großbrands.

Der Vergleich mochte stimmig sein angesichts des unheilvollen Leuchtens im Süden, doch wenn sie und er mit der Vermutung Recht behielten, warum der Himmel dort in Flammen zu stehen schien, würde sie dort mehr erwarten als nur ein Großfeuer.

»Was glauben Sie wohl?« Er machte sich nicht die Mühe, sich zu ihr umzudrehen oder gar stehenzubleiben, sondern spurtete geradewegs hinüber zum Mietstall. Nancy lief ihm hinterher und sparte sich weitere Worte.

Eine Laterne brannte über den verschlossenen Torflügeln des Stalls, und sie schwankte leicht, als Lassiter mit der Faust gegen das Holz hämmerte. Nancy stemmte die Hände in die Hüften und schürzte die Lippen, während Lassiter die Stimme erhob: »Hippo! Verdammt, beweg deinen Hintern, wir brauchen die Pferde!«

Eine halbe Minute verstrich, dann wurde das Tor aufgeschoben, und Hippokrates, der grauhaarige Stallbursche, blinzelte ihnen verschlafen entgegen. »Sir, Ma'am ...«, murmelte er, »was zum Teufel ist passiert?«

»Nichts Gutes«, knurrte Lassiter und schob den schlaksigen Latzhosenträger aus dem Weg, öffnete das Tor noch etwas weiter und marschierte zur Box, in der sein Brauner untergebracht war. Nancy bedachte Hippokrates mit einem kurzen Blick und einem Schulterzucken, bevor sie Lassiter folgte.

Sie sattelten die Pferde, bevor Lassiter sich die Zeit nahm, eine Nachricht auf einem Blatt Papier zu verfassen für Rupert Wainwright. Zu dieser Stunde war das Telegrafenbüro der Wells Fargo längst geschlossen, doch der Kontaktmann der Brigade Sieben in Albuquerque musste über die neuesten Geschehnisse und ihr Ziel in Kenntnis gesetzt werden. Deshalb drückte Lassiter Hippokrates den Zettel zusammen mit einer Fünf-Dollar-Note in die Hand und beauftragte ihn damit, die Nachricht über den Heißen Draht zu senden, sobald die Poststation wieder öffnete.

»Sind wir überhaupt sicher, dass es die Bande war? Und dass dort im Süden Fillmore brennt?«, fragte Nancy den Mann der Brigade Sieben, nachdem sie in die Sättel gestiegen waren und Seite an Seite über die Mainstreet gen Süden trabten.

»Was sonst?«, gab Lassiter schmallippig zurück. »Und wer sonst?«

»Okay«, sagte Nancy. »Mal angenommen, Sie haben Recht. Wollen Sie dann einfach allein dort hinreiten und sich einer Horde mordlustiger Mexikaner stellen, die gerade eine ganze Stadt dem Erdboden gleichmachen?«

Mit Hackentritten versetzte Lassiter sein Pferd in eine schnellere Gangart, als sie die letzten Häuser von Las Cruces passierten. »Niemand zwingt Sie, mich zu begleiten, Miss Drew«, sagte er, ohne sie dabei eines weiteren Blickes zu würdigen.

Sie nötigte ihren Schimmel, mit Lassiters Braunem Schritt zu halten, und entgegnete: »Vergessen Sie's. Mich werden Sie nicht los. Diese Bastarde haben meinen Vater getötet, und ich werde dabei sein, wenn man sie zur Strecke bringt.«

Lassiter wandte sich ihr für einen Augenblick zu, sein stahlblauer Blick hielt Nancys fest. »Ihre Entscheidung. Aber besser, Sie halten Schritt. Ich werde nicht auf Sie warten, zu keiner Gelegenheit.« Er schnalzte mit der Zunge, dann versetzte er den Braunen in Galopp.

Nachdem sie einem erstickten Fluch Luft gemacht hatte, tat Nancy dasselbe und jagte Lassiter hinterher. Über mehrere Meilen hinweg verlangten sie ihren Reittieren alles ab und ließen sie über das staubige Band des Overlandtrails stürmen, wortlos und verbissen, als wären sie Rivalen. Obwohl sie doch dasselbe Ziel, dieselben Feinde verfolgten.

Von Anfang an hatte Lassiter keinen Zweifel daran gelassen, dass er La Roja und ihre Bande allein jagen wollte, keinesfalls mit einer jungen Frau als Klotz am Bein. Sie hatte wertvolle Informationen zu bieten gehabt und darauf bestanden, ihn im Tausch dagegen begleiten zu dürfen, und nach langem Murren hatte er sich darauf eingelassen.

Vielleicht, weil sie im Gegensatz zum Mann der Brigade Sieben die Gesichter mehrerer Mitglieder der Bande gesehen hatte, ohne Maske. Warum auch immer, er hatte ihr sein Wort gegeben.

Dennoch verließ sich Nancy nicht darauf. Eine günstige Gelegenheit oder ein triftiger Grund würde Lassiter reichen, sie auszubooten, da war sie sich sicher. Nicht unbedingt, weil er eine Frau als Hemmschuh betrachtete. Sondern, wie sie vermutete, weil er keine Zeugen dabei haben wollte, sobald er La Roja gegenüberstand.

Sie hatte das dunkle Feuer in seinen Augen gesehen, den lodernden Hass, die Entschlossenheit. Ob Lassiter nun dem Gesetz verpflichtet war oder nicht – das wäre bedeutungslos in dem Moment, in dem er die Chance zur Rache bekam.

Und wenn es soweit war, sollte es nur ihn und sie geben.

La Roja und ihre Bande hatten Nancys Dad umgebracht, sie selbst war nur durch Glück um Haaresbreite davongekommen und hatte ein Massaker mitansehen müssen. Also verstand sie nur zu gut, was in Lassiter vorging. Wenn es denn möglich war, hatte der große Mann wohl noch weit Schlimmeres erleben müssen. Und doch glaubte Nancy an Recht und Gesetz, so, wie es ihr beigebracht worden war. Menschen konnten nur dann friedlich miteinander leben, wenn es feste Regeln gab, auf die man vertrauen konnte. Und ein guter Christ, so übel man ihm auch mitspielte, durfte sich nicht vom Zorn zerfressen lassen. Der Rachsucht nachzugeben hieß, eine niemals endende Spirale zu verfolgen, in der auf ein Unglück immer ein neues folgte.

Nancy wollte wie Lassiter, dass die Bande gefasst wurde, und wenn ein Richter den Tod durch den Strang verhängte, dann würde sie dies zufrieden hinnehmen. Was auch immer die Justiz beschloss: die Hauptsache war, dass die Verbrecher unschädlich gemacht und das Töten beendet wurde.

Aber niemandem außer Gerichten stand es zu, Urteile zu sprechen und zu vollziehen. Ihr nicht, und auch Lassiter nicht. Es konnte ihn sogar selbst ins Unglück stürzen. Deshalb war sie nicht nur an seiner Seite, um mit ihm La Roja und ihre Bande zu stellen.

Sondern auch, um ihn vor sich selbst zu schützen.

Der breitschultrige Mann in blütenweißem Hemd erhob sich aus seinem Lehnstuhl und trat vor an die Stufen der Veranda, als er die Staubwolke bemerkte, die sich über eine langgezogene Auffahrt an Pferdecorrals und den Baracken der Arbeiter bis hinauf zu seinem Anwesen zog.