Nilgötter, Inselmönche und Beduinen - Harald Stöber - E-Book

Nilgötter, Inselmönche und Beduinen E-Book

Harald Stöber

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Beschreibung

Es ist ein großes Wagnis, den Afrikanischen Kontinent mit kritischem Verstand zu bereisen, lauern doch fast überall unkalkulierbare Gefahren für Leib und Leben. So entkam unser Autorenehepaar in Westafrika nur knapp räuberischen Armeepistolen und feststehenden Messern! Altägypten inspirierte zum Werk »Herr der Götter« und Äthiopien bewegt sich ungeachtet seiner fesselnden Religionskultur am Rand des Niederganges. Landschaften und die Geschichte der Kap Verden beeindrucken, doch ist das typisch afrikanische Unvermögen allgegenwärtig. São Tomé ist bitterarm, aber unendlich reich an Kindern, für die sich die Erste Welt verantwortlich fühlt – nicht etwa Afrika selbst. – Dieses Buch wird Interesse wecken und zum Nachdenken anregen.

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EPUB

Seitenzahl: 488

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Harald Stöber

Nilgötter, Inselmönche und Beduinen

– Afrikanische Zeitdokumentation –

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

Copyright (2012) Engelsdorfer Verlag

Alle Rechte beim Autor

Titelfoto: In der Sahelzone ist Jung und Alt vom Islam überzeugt.

www.engelsdorfer-verlag.de

eISBN: 978-3-86268-794-7

Ein einziges Blättchen

Erfahrung ist mehr wert,

als ein Baum voll guter

Ratschläge.

Anonymus

Gewidmet meiner lieben Familie, die in Gedanken stets mit dabei war.

Inhaltsverzeichnis

Gesamtüberblick

1. Kapitel - Historische Stationen entlang des Nils

Allgemeines

Im Banne Kairos

Aug in Aug mit Pharaonen

Alt-Kairo und Helwân

Mystisches Faiyûm

Zum einsamen Qârûn-See

Über Kairo nach Alexandria

Fast legendär: El Alamein

Via Kairo nach Suez

Sinai und Mosesberg

Erkämpftes Ziel: El Minya

Beni Hassan und Hermoupolis

In Asyût und El Khârga

Über Asyût nach Sohâg

Götterstätte Abydos

Von Qena nach Dandara

Im kolossalen Luxor

Wo Sethi und Tutanchamun ruhen

Gigantisches Karnak

Das Tor zum Süden: Aswân

Bei Isis auf Philae

Kom Ombo, Stätte der Krokodilsgottheiten

Bei Horus in Edfu

Von Aswân nach Abu Simbel

In Aswân und Kairo

Rückreise und Nachwort

2. Kapitel

Äthiopien am Rande des Niederganges

Allgemeines

Addis Abeba – Stadt der Diebe und Betrüger

Zum Kloster Debre Libanos

Als Fatalisten mit Ziel Bahir Dar

Bei den Blue Nile Falls

Mystische Klosterinseln im Tana See

Mittelalterliches feudales Gondar

Aksum – Bundeslade und Königin von Saba

»Zuckerbrot und Peitsche« bis Weldiya

Das Ziel vieler Nationen: Lalibela

Dessie, Addis Abeba und Rückreise

3. Kapitel

Kapverdische Inseln – Traum oder Albtraum

Allgemeines

Auf der Salzinsel, die keine mehr ist

»Versteckte Priesterkinder« auf Santiago

Pseudo-Lissabon und bizarre Vulkanwelt

Atemberaubende Natur und Freundlichkeit

4. Kapitel

Gefährliche Tour durch Westafrika

Allgemeines

Mauretanische Wüsten und viel Chaos

Gefahren, Architektur und Niger in Mali

Wo Bin Laden ein Volksheld ist: Niger

Burkina Faso – Land der Unbestechlichen?

Togos deutsche Vergangenheit ist tot

Benin sollte gemieden werden!

»Grüner Jesus«, Nkrumah und Annan in Ghana

Todesängste in Abidjan

5. Kapitel

São Tomé, das kleine Portugal am Äquator

Allgemeines

In der Cidade São Tomé

Trindade

Nach Guadelupe und Morro Peixe

Von Neves bis zur Lagoa Azur

Von Santa Catarina bis Batepa

Santana und zurück nach São Tomé

Bildnachweise:

Gesamtüberblick

Der sogenannte Schwarze Kontinent – Afrika – beschäftigt mich zusammen mit meiner Frau bereits seit Jahrzehnten beziehungsweise seit 1965, als wir das erste Mal mit dieser »fernen Welt« in direkten Kontakt kamen, aber aufgrund widriger Umstände scheiterten. Uns war es jedoch – nach diversen Individualreisen durch Nordafrika – ab Ende der 80er Jahre vergönnt, als akkreditierte Foreign Media abermals diesen Kontinent mit dem Ergebnis zu studieren, drei bedeutende Bücher veröffentlicht zu haben: »Herr der Götter« und »Mosaica Africana I und II«. Diese Werke haben hoffentlich mit dazu beigetragen, die faszinierende Altgeschichte Ägyptens etwas verständlicher werden zu lassen und die enorm breite Palette der afrikanischen Wirklichkeiten schnörkellos beziehungsweise wahrheitsgemäßkritisch darzustellen; denn nicht von ungefähr lautet einer der Untertitel »Die Wahrheit macht frei«, denn wem soll es helfen, ständig die tausend Missstände in Afrika schönzureden?!

Das vorliegende Buch mit seinen fünf Afrikanischen Zeitdokumenten beziehungsweise fünf Reisekapiteln versteht sich als nicht ganz unkritische Ergänzung zu den oben genannten Titeln. Dargestellt ist unser direktes Erleben als Individual-Explorer, die sich verpflichtet fühlten, meist abseits ausgetretener Touristenpfade die Wirklichkeiten mit geübten Blicken konkret zu erfassen und zu Papier zu bringen. Dass dies nicht immer ohne einen Schuss Leidenschaft möglich war, sei mir als erfahrenen Reisepraktiker bitte nachgesehen. Aber warum sollte man sich nicht die Vielfalt unserer Welt mit Leidenschaft und Verstand unter die Haut gehen lassen?!

Im ersten Kapitel sind dreißig historische Stationen von Alexandria bis hinunter nach Abu Simbel beschrieben, wo ich die maßgeblichen Impulse zu den Arbeiten am »Herrn der Götter« verspürte. – Auf dem sogenannten Dach Afrikas, in Äthiopien, erlebten wir Chaos, Armut und Mystisches beziehungsweise ein kaum zu verstehendes Land, dessen fortdauernder Niedergang tagtäglich erlebbar war. – Die geographisch zur Sahelzone gehörenden Atlantikinseln der Kap Verden erstaunten ob ihrer historischen Vielfalt und landschaftlichen Schönheiten, enttäuschten jedoch aufgrund typisch afrikanischen Unvermögens. – Als höchst gefährlich und gesundheitsschädigend erwies sich unsere Tour durch acht westafrikanische Länder – von Mauretanien über Niger bis zur Elfenbeinküste, wobei sich nur ein Land, nämlich Mali, als halbwegs akzeptabel erwies. In Abidjan waren wir nur knapp Räuberpistolen und Messern entkommen! – Schließlich besuchten wir die ehemals portugiesische Insel São Tomé im Golf von Guinea, deren Bewohner von ihren einstigen Kolonialherren offensichtlich gelernt haben, dass die Weißen nicht deren Feinde sind. Erschreckend ist auch hier der unverantwortliche Kinderreichtum, der für Europa eines Tages noch zum Verhängnis werden dürfte. Afrikanische Familien und Alleinerziehende, die es in Massen gibt, können sich jedoch darauf verlassen, dass deren Kinder – nicht nur in São Tomé – von allen möglichen Hilfsorganisationen versorgt werden, so dass die Bevölkerungsexplosion ungebremst – trotz Aids! – weitergehen kann.

Die Welt, insbesondere aber Afrika, sollte man sich also ohne Scheuklappen ansehen und frei von ideologischem Geschwätz unter die Haut gehen lassen, also möglichst fernab organisierter Besuche, deren Verantwortliche es nämlich glänzend verstehen, touristische Massen an den jeweiligen Wirklichkeiten – nicht nur in Afrika – geschickt vorbeizuschleusen. Hätten wir uns fremdbestimmt leiten lassen, wäre dieses Buch nicht entstanden.

1. Kapitel

Historische Stationen entlang des Nils

Allgemeines

Auf über 320 Schreibmaschinenseiten hatte ich schon vor Jahren ausführlich über meine Reisen durch nordafrikanische Länder berichtet und dabei des öfteren unterstrichen, dass ich – so Gott will – noch mehrmals Gast dieser faszinierenden orientalischen Welt sein würde. Von 1971 bis 1976 besuchte ich als Pauschal- und Individualtourist die Maghreb-Staaten Marokko, Algerien und Tunesien und schließlich auch Ägypten, jenes Land der Götter und des Nils also, das ich zusammen mit Hilde noch einmal bereisen wollte, diesmal allerdings stolze fünf Wochen lang und sehr intensiv – von Alexandria bis Sinai und Abu Simbel.

Damit wollte ich sozusagen ein Versprechen einlösen, das ich im November 1974 gegenüber diesem Land abgegeben hatte: »Auf Wiedersehen, du Land der Pyramiden, Pharaonen, des Nils und der Wüste!« Schon damals hatte mich dieses überaus orientalische Land in seinen Bann gezogen, zumal ich spürte, dass ich hier keine nennenswerten Probleme mit den Menschen haben würde. Irgendwie glaubte ich, diese uralte und vielerorts rätselhafte Welt über mein Herz verstehen zu können.

Meinen Lesern möchte ich auch diesmal nicht verschweigen, dass ich noch immer berufstätig bin und mich außerstande sehe, sehr detailliert meine unzähligen Reiseeindrücke zu schildern; mir fehlt dazu leider die Zeit. Das ist auch der Grund dafür, dass ich diesen Bericht in erster Linie als Tagebuch verstanden wissen möchte, wenngleich ich mich bemühen werde, die wesentlichen Eindrücke festzuhalten; auf den Konsum tiefschürfender Gedankengänge muss der Leser also verzichten. Aber der Zeitpunkt ist gottseidank absehbar, zu dem ich frei genug sein werde, mich eingehender mit den Dingen unserer Welt befassen zu können.

Unsere Idee war, das »Land der Götter und des Nils« – es wird auch die »Wiege der Menschheit« genannt – so intensiv wie nur möglich innerhalb von fünf Wochen zu bereisen. Oberstes Gebot war, individuell dieses Vorhaben abzuwickeln, also ohne Mitglied einer Touristengruppe zu sein beziehungsweise so zu reisen, wie wir es schon seit Jahren gern tun. Wir hatten längst gelernt, dass man auf diese Art und Weise ein Land viel besser kennen- und verstehen lernen kann und dass der Individualreisende viel weniger Gefahr läuft, von profitgierigen Reiseunternehmen und -führern übers Ohr gehauen zu werden; Letzteres ist in Ägypten leider eine besonders gravierende Erscheinung und oft der Anlass zum Schwarzärgern!

Ich beschaffte mir zunächst das übliche Informationsmaterial, das es über dieses angeblich älteste Reiseland der Welt in der Tat reichlich gibt. Schon Plato und Herodot besuchten Jahrhunderte vor der Zeitwende die Pyramiden! Dass das vom Ägyptischen Reisebüro in Frankfurt herausgegebene Material und selbst der Große Polyglott ziemlich oft unrichtige Informationen enthält, steht auf einem anderen Blatt. – Anhand meines inzwischen zur Hobby-Lektüre gewordenen Times Atlas’ und etlichen sonstigen Materials kam schließlich ein ansehnlicher Reiseplan zustande, den wir im Großen und Ganzen auch einhalten konnten: Hin- und Rückflug mit Egypt Air München – Kairo – München, Kosten pro Person ganze 900 DM. Von Kairo aus große Pyramidentour (El Gizeh, Saqqâra und Memphis), Alt-Kairo, Helwân, Alexandria, El Alamein, Suez, Ismailiya, Sinai und das Faiyûm. Reise per Zug, Bus und Flugzeug über El Minya, Asyût, El Khârga, Qena, Luxor, Aswân bis Abu Simbel – um nur die wichtigsten Stationen zu benennen. – Die Gesamtkosten für unsere außerordentlich inhaltsreiche Fünf-Wochen-Reise darf ich vorwegnehmen: Ganze 1.675,70 DM pro Person! Zum Vergleich: Eine in Deutschland gebuchte Pauschalreise für 2 Wochen (ohne Alexandria und Sinai) bekommt man kaum unter 3.000 DM! Wieso das? Nun, der Gruppentourist zahlt für’s Hotel kaum weniger als 70 DM und eine Coca Cola erhält er nur selten für nur 80 Piaster. Der Individualreisende hingegen zahlt selbst im verhältnismäßig teuren Kairo für ein Doppelzimmer mit Frühstück nur zirka 15 bis 20 Mark und für eine eisgekühlte Cola 20 Piaster, und außerdem hat er keine deutschen Fremdenführer um sich herum, die oft ihre ägyptischen Kollegen noch übertreffen und fleißig den ahnungslosen Touristen bis zum Zehnfachen überfordern.

Die Flüge buchte ich rechtzeitig beim Reisebüro Tannan in Schwabing, in jenem Büro also, das mich schon mehrmals zur Zufriedenheit bedient hatte. Der Hinflug MS 776 von München nach Kairo war für Freitag, den 16. September 1983 und der Rückflug MS 775 von Kairo nach München war für Sonntag, den 23. Oktober vorgesehen. – Da ich Hilde versprochen hatte, diesmal möglichst akzeptable Hotels zu frequentieren, bemühte ich mich bereits zwei bis drei Monate vorher um direkte Reservierungen per Luftpostbriefe mit internationalem Rückporto, aber von zehn Hotels reagierte nur das in Aswân! In Ägypten heißt es fast immer: »Selbst ist der Mann/die Frau.«

Die Nacht vor dem großen Sprung über die Alpen und übers Mittelmeer nach Nordafrika war ausgesprochen unruhig für mich, und gegen 4 Uhr morgens gab ich es endgültig auf, fest einschlafen zu wollen. Während wir gestern bei starkem Föhn noch 25 Grad Celsius hatten, war das Wetter über Nacht umgeschlagen. Unser Abreisetag war kalt, verregnet und windig, also genau jenes Wetter, das einem den Abschied leicht macht.

Am Vormittag musste ich noch meinen Dienstpflichten in der Münchener Rück nachkommen, doch gestehe ich, in den Stunden bis gegen 12 Uhr nicht viel Produktives geleistet zu haben. Meine Gedanken waren längst am Nil, bei den historischen Stätten und Ägyptern! Gegen 13 Uhr nach dem Mittagessen verließ ich die Königinstraße 107, fuhr wie üblich per komfortabler U-Bahn nach Hause zum Karl-Preis-Platz in Ramersdorf und wurde hier schon längst von meiner ungeduldig herumsitzenden Hilde erwartet.

Nachdem wir uns in Khaki-Sachen geworfen und die Papiere noch einmal überprüft hatten, konnte es losgehen, zumal auch diesmal wieder sichergestellt war, dass die guten Nachbarn ihre Argusaugen stets auf unserer geliebten Wohnung halten würden.

Es regnete in Strömen. Per Bus Nummer 198 fuhren wir bis zum Ostbahnhof, wo wir nach einer Wartezeit von etwa einer halben Stunde um 14.45 Uhr die nach Erding fahrende S6 bestiegen, die uns zuverlässig und schnell wie immer bis Riem brachte. Auch der Zubringerbus bis zum Flughafen war sogleich zur Stelle, so dass wir bereits gegen halb vier am Schalter der Egypt Air standen und völlig problemlos und zügig abgefertigt wurden. Gate A14 – das war unser Nadelöhr nach Nordafrika! Unser Gepäck, das wieder einmal nur aus je einer leichten Leinentasche mit äußerst spärlicher Füllung bestand, brauchten wir nicht aufzugeben, so dass wir die Hoffnung hegen konnten, dem legendären Chaos auf dem Kairoer Flughafen ohne Verzug entkommen zu können.

Als stolze Besitzer von grünen Boarding Cards mit den uns zugeteilten Sitznummern 20 A und B konnten wir’s uns jetzt gemütlich machen, denn bis zum Abflug sollte noch zirka eine Stunde vergehen. Nachdem wir uns kurz mit einer jüngeren Frau, die Mitglied einer nach Ägypten reisenden Höltl-Gruppe war (Rotel-Tours, Passau), unterhalten hatten, genehmigten wir uns an der Bar noch ein »Schwarzwälder Obstwässerli«, das 0,2-Liter-Gläschen zu stolzen 2,60 DM, und nahmen uns die Zeit, noch einmal etwas in uns zu gehen.

Nach der wie üblich reibungslosen Passkontrolle entschlossen wir uns für den Kauf eines wohlschmeckenden altbayerischen Kartoffelschnapses zu bescheidenen 7,60 DM im duty free shop – sozusagen als Seelentröster, wenn’s mal nötig sein sollte! Das Warten in einer höchst unkomfortablen, mit Presspappe vernagelten Ecke ging uns bald auf die Nerven, zumal wir nichts weiter sahen als langweilige Pauschalreisende und reichlich unsympathische junge Ägypter – Privilegierte, die, wie wir später erfuhren, mit dem Fußball umgehen können und als ägyptische Nationalmannschaft soeben ein paar Freundschaftsspiele absolviert hatten. Der einzige deutsche Individualist, der so aussah, als hätte er einen Wettbewerb für spleenige Oberbekleidung gewonnen und wollte halb Ägypten aufkaufen, war kaum der Beachtung, aber nichtsdestoweniger eine Notiz im Tagebuch wert.

Kaum hatten wir die uns zugedachten Plätze im hinteren Teil der Boeing 737 eingenommen, kamen wir mit unserem Sitznachbarn ins Gespräch, einem Ägypter mittleren Alters mit deutschem Reisepass, der schon seit vielen Jahren Angestellter des Weltkonzerns Siemens ist. Er zeigte uns ohne Umschweife ein paar Farbfotos von seiner Familie und wies stolz darauf hin, dass sein jetzt 13-jähriger Sohn die zweite schwere Herzoperation gut überstanden hätte. Dass er nach Kairo fliege, hinge in erster Linie mit dem zur Zeit stattfindenden Hammelfest zusammen, zu dem seine zahlreichen ägyptischen Verwandten eingeladen hätten.

Dieses Fest würden wir also miterleben können, dessen Attraktion darin besteht, dass drei Tage lang hauptsächlich in den Altstadtstraßen Hammel geschlachtet, stückweise gebraten, verkauft und meist an Ort und Stelle verzehrt werden. In diesen Tagen, so meinte der gute Geist mahnend, könne man sich in Kairo kaum eine Stunde Ruhe gönnen; Diebe und Betrüger hätten Hochsaison und Hotelzimmer wären vermutlich nicht zu haben. Schöne Aussichten! Und trotzdem freuten wir uns, zufällig in diesen Trubel hineinzugeraten.

Der um eine Dreiviertelstunde verspätete Start der bis auf den letzten Platz besetzten Boeing erfolgte um 17.45 Uhr. Die ganz überwiegend ägyptischen Passagiere wurden sofort in ihrer Landessprache und die Europäer auf Englisch darüber informiert, dass die Maschine in zirka 9.000 Metern Höhe mit einer Geschwindigkeit von rund 850 Kilometern pro Stunde Kurs auf Athen nehme, wo in etwa zwei Stunden und 15 Minuten eine Zwischenlandung vorgesehen sei. Als die stehkragenvolle Maschine nach sehr wackligen Minuten endlich die dichten Wolken durchflogen hatte, konnten wir uns einer reizvollen, von der untergehenden Sonne abenteuerlich rot beschienenen Wolkendecke erfreuen, die aber sehr bald grau wurde, flogen wir doch der Nacht entgegen. – Abendessen: Fleisch, Gemüse, Kartoffeln, Pudding, Semmeln, Käse, Butter und Saft. Ein Zettel informierte die Fluggäste arabisch, englisch und deutsch darüber, dass diese Mahlzeit kein Schweinefleisch enthalte, also getrost von gläubigen Moslems und ähnlich streng fixierten christlichen Sektierern verzehrt werden könne.

Herrlicher Anflug auf Griechenlands Hauptstadt Athen, die als riesiges Lichtermeer unter uns wegglitt, es war genau 20 Uhr. Zeit zum Aussteigen wurde uns leider nicht eingeräumt, so dass wir uns bis zum Start um 20.45 Uhr anderweitig beschäftigen mussten. Dabei hatten wir Gelegenheit, die Ballkünstler zu studieren, die sich immer wieder mit dem Personal anlegten und, wie uns der Nachbar gern übersetzte, auf unerfüllbaren Forderungen bestanden. Beispielsweise wollten einige partout die Toiletten benutzen, und als man das ihnen verbot, drohten sie vulgär-arabisch damit, sich im Gang zu entleeren – so ziemlich genau vor unseren Nasen! Nur gut, dass so wenige Deutsche des Arabischen mächtig sind, soll es doch so sein, dass das primitivste Kohlenpottdeutsch im Vergleich zum Vulgärarabisch geradezu eine feine Gebildetensprache ist.

Nach dem Start gen Kairo wieder gutes Essen: kaltes Fleisch, Kartoffelsalat und Pudding. Alles was recht ist: Die seit 1932 bestehende Egypt Air tut wirklich alles, um fürs leibliche Wohl zu sorgen, aber ansonsten muss man natürlich erhebliche Abstriche machen – jedenfalls im Vergleich zu den meisten anderen internationalen Airlines.

Im Banne Kairos

Glatte Landung in Kairo um 23.30 Uhr Ortszeit, also mit nur halbstündiger Verspätung. Da wir noch kein Visum im Pass hatten, galt es, dies zunächst einmal zu besorgen, und wir hofften, dass wir dabei keine Schwierigkeiten haben würden. Aber erst jetzt erfuhren wir, dass es dieses Visum nur in Verbindung mit dem Umtausch von 400 DM pro Kopf in ägyptische Pfund gibt, eine Tatsache, die keinem Reiseführer zu entnehmen war. Uns half aber spontan der Siemens-Ägypter, der es sogar fertigbrachte, die einzutauschende Menge auf 300 DM pro Kopf herunterzuhandeln. So nebenbei gab er uns zu verstehen, dass man überall in Ägypten ohneweiteres und gefahrlos schwarz tauschen könne und dabei zirka 30 Prozent besser abschneiden würde. Für 600 DM erhielt ich 183 ägyptische Pfund. Ein Pfund offiziell getauscht kostete also 3,30 DM, schwarz kostete im September/Oktober 1983 ein Pfund aber höchstens 2,50 DM.

Als Gegenleistung übernahm ich von unserem eifrigen Helfer gern einen schweren Koffer, der sich angesichts seiner drei großen Gepäckstücke beim Zoll Probleme ausgerechnet hatte. Ich fühlte mich zwar nicht wohl dabei, denn was wäre passiert, wenn eine Kontrolle heiße Schmuggelware gefunden hätte?! Aber es ging alles glatt, so dass wir bereits binnen einer halben Stunde nach der Landung das turbulente Flughafengelände verlassen konnten.

Nun erlebten wir die erste angenehme Überraschung, lehnte es der Ägypter doch wie selbstverständlich ab, dass wir per Bus in die Stadt fahren, denn, so klärte er uns auf, seine Familie hole ihn mit dem Pkw ab und wir könnten natürlich mitfahren. Angesichts dieser Nachtstunde konnte uns das gerade recht sein, zumal die Situation wegen des verrückten Hammelfestes ohnehin ziemlich unüberschaubar für uns war.

Wir machten die Bekanntschaft mit keinem Geringeren als mit Youssef Saleh, dem Generalbevollmächtigten für Grundig im ganzen Nahen Osten und seinem Bruder, der in Paris erst kürzlich den Archäologie-Doktor gemacht hatte und von zwei 11-jährigen Zwillingsbuben, die uns ebenso überraschten wie Vater Youssef, sprachen sie doch alle ein ausgezeichnetes Deutsch! Youssef hatte in Deutschland studiert, und seine Söhnchen besuchen die als Eliteanstalt geltende Deutsche Schule in Kairo, in die natürlich auch die Kinder Mubaraks gehen – des Sadat-Nachfolgers auf dem Sessel des Staatspräsidenten. Erstaunlich für uns, dass wir mit diesen nun wirklich nicht kleinen Leuten so schnell und ohne, dass man über uns Näheres wusste, einen derart vertrauensvollen Kontakt herstellen konnten. Dieser hatte sich eigentlich ganz von selbst ergeben.

Kilometerlange Fahrt im völlig überladenen alten Pkw zunächst über die autobahnähnliche Salah Salem Street, dann zunehmend engere belebtere Straßen des Altstadtviertels, wo an jeder Ecke tatsächlich Hammelschlachtereien und -bratereien noch voll in Aktion waren. Wir passierten die mir noch sehr gegenwärtig gewesene Riffai- und Sultan-Hassan-Moschee – also Kairos markanteste Gebetshäuser – und steuerten dann über die Al Qalaa und Sabri Abu Alam Street direkt auf Kairos Stadtzentrum zu.

Natürlich war unseren guten Geistern das Ambassador-Hotel in der Straße des 26. Juli Nummer 31 ein Begriff, jenes Hotel also, das ich versuchte, bereits von München aus für ein paar Tage zu buchen, das aber nicht reagiert hatte. Entsprechend skeptisch waren wir natürlich, als wir die ziemlich heruntergekommene Vorhalle betraten und die beiden müden Angestellten sahen.

Nächste Überraschung: Als der junge Manager angesichts der Nachtstunde zwar langsam, aber doch immerhin begriff, dass ich derjenige war, der per Brief vorbestellt hatte, funkte man ein herzliches Willkommen mit Händedruck und himmelhohe Ehrfurchtsbezeugungen. »Für dich, bester Freund aus Deutschland, steht mein Haus immer offen.« So war’s tatsächlich, denn auch später brauchten wir niemals um eine Bleibe betteln. Dass wir die Reservierung trotz teuren internationalen Rückportos nicht bestätigt bekommen hatten, war in diesem Moment schon wieder vergessen.

Nach der umständlichen Eintragung ins riesige Gästebuch und der Passabgabe (die Hotels übernehmen die erforderliche polizeiliche Anmeldung) verabschiedeten wir uns sehr herzlich von unseren Begleitern und versprachen, uns erforderlichenfalls bei ihnen telefonisch zu melden. Dies aber war nicht notwenig, weil wir gottseidank mit keinem Problem konfrontiert wurden, das einen Hilferuf gerechtfertigt hätte.

Unser Doppelzimmer zur relativ ruhigen Seitenstraße hin kostete einschließlich Frühstück 7 Pfund, also rund 23 DM und war damit für uns das mit Abstand teuerste Hotel in Ägypten! Die Betten waren mit sauberen Laken überzogen, das Mobiliar uralt und ziemlich verstaubt, die Fenster himmelhoch und kaum zu schließen, die Dusche aber funktionierte gut. Das Hotel selbst dürfte um 1870 erbaut und seither nie mehr renoviert worden sein. Doch der 1874 installierte Schindler-Lift tut heute noch seinen Dienst, hält bis zum 10. Stock allerdings nur zweimal und hat weder Türen noch ein Dach. Der Liftschacht ist seit Jahrzehnten die Mülltonne des Hotels und das Personal streng darauf bedacht, möglichst wenig zu arbeiten und Devisen zum möglichst profitablen Schwarzmarktkurs zu ergattern. An diese und ähnliche Zustände mussten wir uns also gewöhnen.

Es mag die Umstellung und Übermüdung gewesen sein, was uns einen nur leichten Schlaf bis gegen 7 Uhr ermöglichte, aber dennoch waren wir zuversichtlich, unser für heute vorgesehenes Programm ohne Abstriche absolvieren zu können. Der Blick vom Balkon aus ließ nun keinen Zweifel mehr zu: Wir residierten im 9. Stock hoch über Kairos Dächern! Die sich vor uns ausbreitenden Flachdächer waren voller Gerümpel; Hühner und Tauben sorgten ebenso für eine Geräuschkulisse, wie der ununterbrochen fließende Straßenverkehr; dickliche Frauen mit schwarzen Kopftüchern und bodenlangen einfachsten Gewändern verließen ihre Dachbuden und kümmerten sich um Brot, Tee und Wäsche; linker Hand in einiger Entfernung die Tahrir-Brücke, der Cairo Tower, das Rundfunkgebäude, ein riesiger Hotelkomplex. Aus Lautsprechern drang plärrende arabische Musik, die nur selten einmal die zum Morgengebet mahnenden Stimmen der Muezzine durchdringen ließ.

Unser Frühstücksraum lag im 7. Stock, der Lift aber sauste durch und hielt erst im sechsten. Bedient wurden wir von einem alten Mann, der hier vermutlich schon seit Jahrzehnten arbeitet und uns prompt mit schwer im Magen liegenden Brötchen, etwas Marmelade, salzigem Ziegenkäse und gutem Tee versorgte. Das Restaurant, in dem wir zu dieser frühen Stunde die einzigen Gäste waren, hatte man mit modernisierten altägyptischen Motiven bemalt, es war relativ sauber, die weißen Tischdecken frisch. – Wir verließen das Hotel gegen viertel nach acht.

Nun hatte uns also wieder einmal der Orient mit allem, was dazugehört: Krach, Staub, Hitze, Menschen, Geplärr, Gerüche, arabisch. Ich hatte ja bereits 1974 das Vergnügen, diese zig-Millionenstadt Kairo, die mit weitem Abstand größte Stadt Afrikas, kennengelernt zu haben. Daher konnte mich nichts mehr allzu sehr überraschen, doch für Hilde dürften die ersten Stunden und Tage sicherlich alles andere als angenehm gewesen sein. Da ich ihr jedoch nichts Informelles vorenthalten hatte, war sie zumindest theoretisch gut präpariert, doch merkte sie sehr bald, dass zwischen Theorie und Praxis eben doch eine ganze Welt liegt. Ich möchte aber gleich an dieser Stelle sagen, dass sich meine liebe Reisebegleitung in den vor uns liegenden Wochen ganz hervorragend gehalten hat und mehr als einmal dazu beitrug, kritische Situationen, die wir dutzendweise zu meistern hatten, mit dem ihr typischen Frohsinn und ihrem unbeugsamen Optimismus wieder ins rechte Lot zu bringen – eine geradezu ideale Eigenschaft einer Begleiterin, die auch mal ein nicht so sauberes Hotel akzeptiert und auf die Zähne beißt, wenn Sturm, Hitze, Hunger und Durst das Leben etwas beschwerlich machen.

Über Fußwege, die – vollgestopft mit Menschen – oft gefährlich große, selbstverständlich nicht gesicherte Löcher aufweisen, gelangten wir zunächst auf die Ramses Street, eine der größten Verkehrsstraßen zwischen dem Tahrir-Platz und dem Hauptbahnhof. Vorbei an ansehnlich sauberen Autoläden – der Mercedes residiert friedlich neben Mazda und BMW – erreichten wir den Tahrir-Platz, Kairos modernes Herz, das aber zur Zeit wegen des U-Bahnbaues eine einzige riesige Baustelle ist. Dieser Zustand wird nach all dem, was man so liest und hört, noch Jahre andauern, denn Kairos U-Bahnprojekt drohte schon mehrmals im Chaos vollends zusammenzubrechen. Dass hier schon mehrere europäische Bauleiter mit totalen Nervenzusammenbrüchen aufgeben mussten, wundert niemanden, der sich diese Verhältnisse einmal näher betrachtet hat.

Um wenigstens einmal kurz den Nil gesehen und unter unseren Füßen gehabt zu haben, ließen wir das altehrwürdige Ägyptische Museum und das pompöse Hilton-Hotel rechter Hand liegen, querten den quirligen dieselvermieften großen Omnibusbahnhof und standen alsbald auf der Tahrir-Brücke, der größten und wichtigsten Verkehrsbrücke der Stadt. Vor uns das moderne Wahrzeichen Kairos, der 187 Meter hohe Cairo Tower in Form eines Lotosblütenstengels, der behäbig dahinfließende Nil mit seinen typischen weißbesegelten Booten, linker Hand der Blick bis zur Insel Rôda mit ihrem mondänen Meridian-Hotel und vor uns schließlich das überragende Gebäude des neuen Sheraton-Hotels, das angeblich teuerste der Stadt: Preis für eine Übernachtung mindestens ein Monatslohn eines ägyptischen Lehrers, nämlich rund 100 Pfund (ein normales Doppelzimmer im Hilton kostet dagegen nur 30 bis 50 Pfund).

Da es zu dieser Morgenstunde noch sehr diesig war (Kairo ist erschreckend stark versmogt), verzichteten wir vorerst darauf, unseren ersten Programmpunkt – die Liftfahrt hoch zum Tower-Restaurant – zu realisieren, ahnten wir doch, dass Kairos berühmte Zitadelle wegen des starken Smogs heute Morgen vermutlich nicht zu sehen sein würde.

Wieder auf dem Tahrir-Platz, fragten wir uns zunächst einmal zum Büro der Egypt Air durch, denn ich wollte mir auf jeden Fall so früh als möglich den Rückflug am 23. Oktober bestätigen lassen, wusste ich doch aus leidvoller Erfahrung, wie kritisch diese Airline sein kann. Das mit modernen Sichtgeräten, aber mit reichlich müden Angestellten bestückte Büro war schnell gefunden und die gewünschte Bestätigung erhielt ich prompt, so dass wir jetzt daran denken konnten, uns den touristischen Sehenswürdigkeiten der Stadt zuzuwenden, die ich mir Hilde zuliebe gern noch einmal anschauen wollte.

Auf dem Weg in Richtung des bereits in der letzten Nacht tangierten Moscheen-Viertels kehrten wir zunächst in ein kleines Eckrestaurant ein, in welchem wir als seltene europäische Gäste sofort mit heißem Tee und kühlem 7up bedient wurden. Es war sehr schwül, das mitgenommene Thermometer zeigte gegen 10 Uhr vormittags bereits 32 Grad Celsius an – entsprechend groß und ziemlich maßlos war natürlich auch unser Durst.

Das Bild von Staatspräsident Mubarak hängt hoch über unseren Köpfen, die Sägespäne auf dem mit Platten belegten Boden absorbieren Heruntergeworfenes und Ausgekipptes, die Bedienung ist auffallend tollpatschig, aber nichtsdestoweniger freundlich, und die paar übrigen Gäste – alles Wasserpfeife rauchende, bärtige, Tee schlürfende und meist dickbäuchige Landestypen – nehmen von uns aufmerksam, aber dennoch zurückhaltend Kenntnis. Dieser erste Restaurant-Test schien auch im Sinne von Hilde gut verlaufen zu sein, so dass ich mir gottseidank in dieser Hinsicht keine großen Sorgen zu machen brauchte, wusste ich doch, dass die Restaurants hierzulande mehr oder weniger alle in diesem Stil sind.

Nachdem wir genügend Flüssigkeit getankt und lange genug dem bunten Straßentreiben mit klapprigen alten Straßenbahnen, von Maultieren gezogenen hölzernen Müllwagen und unzähligen Menschen zugeschaut hatten, rafften wir uns auf, den Gang hoch zur Zitadelle fortzusetzen.

Zunächst gelangten wir über die Sabri Abu Alam Street zur Sultan-Hassan-Moschee, deren Inneres ich vor neun Jahren aus Zeitgründen leider nicht besichtigen konnte. Dieses als schönste Moschee Kairos geltende Gotteshaus wurde 1356 bis 1362 errichtet und weist das mit 86 Metern höchste Minarett ganz Kairos auf; insgesamt gibt es in dieser Stadt über 400 Minarette! Der Grundriss beinhaltet nicht weniger als 7.906 Quadratmeter, ist für uns jedoch insofern »ungleich«, weil dieser ein unregelmäßiges Fünfeck bildet, doch der Gläubige meint auch hier: »Nur Allah ist vollkommen«, weshalb übrigens auch Orientteppiche absichtlich niemals ganz exakt geknüpft sind.

Wir schlossen uns dreist gleich einer gerade per Luxusbus angekommenen französischen Reisegruppe an, kamen daher ohne Eintrittsgeld hinein (Ersparnis à 2 Pfund) und stießen sogleich auch auf eine deutsche Reisegruppe, die von einem denkbar schlecht deutsch sprechenden Ägypter in die Geschichte dieser berühmten Moschee eingeführt wurde. Als wir die üblichen dümmlichen Touristenfragen hörten (zum Beispiel: Gibt es im Islam eine Kirchensteuer?), wandten wir uns ab und eroberten uns das Innere auf eigene Faust, eine immer wieder sich bewährende Methode, wirklich persönliche Eindrücke unter die Haut zu bekommen.

Ich schätze den von über 20 Meter hohen Mauern umgebenen Brunnenhof auf zirka 30 mal 30 Meter, in dessen Mitte sich der überkuppelte Waschbrunnen befindet. Die Kuppel ruht auf acht relativ dünnen Säulen, das Dach selbst ist mit Suren bedeckt. Die seitlich liegenden Kreuzarme sind im Gegensatz zum Brunnenhof überwölbt, die hohen Wände sind mit Koransuren in kufischer Schrift überzogen, aber ansonsten ziemlich schmucklos. An überlangen Ketten hängen alte Lampen. Das gen Mekka gerichtete Mihrab – die Gebetsnische – ist mit schönen syrisch inspirierten Marmor-Einlegearbeiten verziert, und die Böden sind ausgelegt mit weißen und blauen Marmorplatten. Dieser Teil der Moschee macht leider einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck, dies trotz sprudelnder hoher Einnahmen.

Links vom Mihrab gelangten wir zum Sultansmausoleum, das von einer 28 Meter hohen, sehr kunstvoll ornamentierten Kuppel überwölbt ist. In der Mitte dieses dunklen Raumes steht der Sarkophag seines Sohnes Ahmed aus weißem surenverziertem Marmor, umgeben von einem etwa 2 Meter hohen schön geschnitzten Marmorgitter. Faszinierend ist insbesondere auch der Blick durch ein massiv vergittertes Fenster an der Ostseite dieses Raumes bis hoch zur Zitadelle – ein Prospektbild!

Das Innere der gegenüberliegenden Rifai-Moschee, die erst im Jahr 1912 im Mameluckenstil errichtet wurde, besichtigten wir nicht, zumal sie kunsthistorisch unbedeutend ist. Hier ruhen viele Verstorbene berühmter Familien – Prinzessinnen, Sultan Kanut, König Fuâd und nicht zuletzt der Schah von Persien! Heute glaube ich, dass es auch diese Moschee verdient hätte, von uns besucht zu werden. Jahre später holten wir das nach!

Die nun vor uns auf einer felsigen Anhöhe liegende Zitadelle umgingen wir links auf steiler, sehr staubiger und heißer Straße bis zum Eingang, wo von uns pro Person glatt 2 Pfund verlangt wurden. Wir protestierten angesichts dieses Wuchers und versuchten glaubhaft zu machen, dass wir doch ärmliche Studenten seien, die ein Recht auf den halben Preis hätten. Kopfschütteln. Ich zog meinen internationalen Jugendherbergsausweis mit schöner Gebührenmarke, Stempel, Unterschrift, Passfoto und mit der Bezeichnung »Student« heraus – und alles war klar. Ich erhielt die Eintrittskarte zu einem Pfund und Hilde, die ihren Ausweis bedauerlicherweise vergessen hatte (in Wirklichkeit besaß sie gar keinen), erhielt nach einigem Hin und Her ebenfalls ein Studenten-Ticket. – Spätestens jetzt hatten wir begriffen, dass für Europäer die Eintrittspreise in Ägypten horrend sind und man auf einer wochenlangen Reise gut und gerne einige Hundert Mark loswerden kann, sofern man kein »Student« ist.

Im Mittelpunkt unseres Interesses standen hier oben zwei Moscheen: die En-Nasir- und die Mohammed-Ali-Moschee, beides herausragende, unbedingt zu besuchende Bauwerke von größter Bedeutung.

Als wir den Eingang passiert hatten, standen wir zunächst im quadratisch angelegten Vorhof, dessen weißer, höchst kunstvoll gestalteter Marmor unsere Augen blendete. Es war sehr heiß und die Sonne schien fast senkrecht in den Hof hinein. – Die Säulengänge sind prächtig überkuppelt. Der genau in der Hofmitte platzierte Reinigungsbrunnen erfreut durch seinen betont osmanischen Zopfstil (Architekt der ganzen Anlage war der türkische Baumeister Boschno), und der in Ägypten einmalige 82 Meter hohe Uhrturm – ein Geschenk des französischen Königs Louis-Philippe im Jahr 1845 – beeindruckt nicht zuletzt durch seinen konträren Stil. Der Blick hinunter ins Dunkel der Zisterne erinnert daran, dass hier einst Köpfe rollten, für die jenes dunkle Loch zum ewigen Grabe wurde.

Abseits dieses von plärrenden Kindern belagerten Hofes wurde es ruhiger. Wir betraten wie immer barfüßig das Innere und lernten das Staunen: Die Dekoration besticht durch effektvolles türkisches Rokoko und überschwänglicher Alabastertäfelung, weshalb dieses Bauwerk auch »Alabaster-Moschee« genannt wird. Teppiche, Golddekor, Zedernholz, goldene Suren, riesige Kristalllüster und das sich hinter einem Bronzegitter befindliche reich beschriftete Grab Mohammed Alis imponieren sehr, nicht zuletzt natürlich auch die phantastische Kuppelhöhe von 52 Metern. Das ganze Kuppelsystem ruht auf mächtigen viereckigen Säulen, deren Seiten zirka 2,50 Meter messen. Eindrucksvoll auch die Farbgestaltung: gold, rot, grün und blau.

Nachdem wir uns den eindrucksvollen Blick auf Kairo mit seinen unzähligen Minaretten gegönnt hatten, wandten wir uns der Nasir-Moschee zu, jenem links neben der Hauptmoschee liegenden Gottesbau, der zu Ehren dieses turkmenischen Mamelucken von 1318 bis 1335 errichtet wurde; sein vollständiger Name lautet: Nasir Mohammed Ibu Qualaun.

Diese Moschee gäbe es unter Umständen gar nicht, wenn Ägypten nicht noch viel ältere historische Bauten gehabt hätte, die man seinerzeit bedenkenlos abtrug. An und in dieser Moschee fallen allenthalben antike Säulen mit römischen und byzantinischen Kapitellen auf, was für Besucher ein durchaus interessanter und nicht zuletzt fotogener Aspekt ist. Die Minarette sind unterschiedlich hoch und auch verschieden gestaltet, nämlich rund und eckig. Sehr schön sind auch die holzgeschnitzten Decken über den Säulengängen und die surenbeschrifteten Lampen.

Das sich ebenfalls auf dem Gelände der Zitadelle befindliche Kriegsmuseum, in welchem die 1974 noch unter freiem Himmel gestandenen abgeschossenen israelischen Panzer bewundert werden können, mieden wir nicht nur wegen des horrenden Eintrittspreises in Höhe von 7 Pfund pro Person, denn Kriegsgerät hassen wir.

Auf dem Programm stand nun die namhafte Al-Azhar-Moschee mit der gleichnamigen islamischen Universität. Nachdem wir uns in einem Straßen-Café – umgeben von Wasserpfeife rauchenden und Domino spielenden Ägyptern – wieder gestärkt hatten, gingen wir in Richtung des Islamischen Museums und hielten uns dann rechter Hand, um alsbald vor dem oben genannten Komplex zu stehen. Aus Richtung der gegenüber dem Hauptportal befindlichen Marktstände freuten wir uns über den schönen doppelbögigen Eingang, über die darüber leuchtend bunten Suren und über die schlanken Minarette, ärgerten uns aber maßlos über das auch hier verlangte Eintrittsgeld. Nachdem hier auch der »Studentenausweis« nichts half, verzichteten wir auf eine Besichtigung, wissend, dass das Innere ohnehin nicht sehr sehenswert sein würde.

Stattdessen schlenderten wir durch mehrere, teils sehr enge und finstere Basarstraßen nahe der Al-Azhar-Moschee, genehmigten uns wohlschmeckende Mango- und Zuckerrohrsäfte zu 15 beziehungsweise 5 Piaster, passierten auf unserem Rückweg den von vielen Soldaten bewachten Republic Palace und landeten schließlich wieder in jenem Restaurant, das wir heute Morgen schon einmal besucht hatten. Zwei gute Tees richteten uns, die wir unter der drückenden Hitze dieses Septembertages ziemlich zu leiden hatten, wieder auf.

Gegen 17 Uhr waren wir wieder im »Ambassador«, erhielten gegen eine angebliche Meldegebühr von zusammen 4 Pfund unsere Reisepässe mit dem erforderlichen Dreiecksstempel wieder zurück und besuchten dann jenes Speiselokal in unmittelbarer Hotelnähe, das den beziehungsreichen Namen »München« führt. Es war spärlich beleuchtet und dessen weibliches Personal sauber und aufmerksam. Die für hiesige Verhältnisse saftigen 10 Pfund für ein europäisches Essen, von dem wir beide alles andere als gesättigt wurden, zahlte ich widerwillig, wissend, dass man anderswo ganz erheblich billiger und reichhaltiger, wenn auch auf einheimische Art, speisen konnte. Aber, was soll’s, denn heute Abend war »Einstand« in Ägypten und zudem der Namenstag von Hilde!

Um noch einen Eindruck vom abendlichen Kairo der näheren Umgebung zu bekommen, spazierten wir die Straße des 26. Juli bis hoch zum Azbakia Garden, jenem großen öffentlichen Park, in dessen Nähe früher einmal die weltberühmte Kairoer Oper stand, in der 1871 Verdis »Aida« uraufgeführt wurde. Der Weg bis zu diesem Park war angesichts des knatternden Straßenverkehrs, der abertausend Menschen und des allgemeinen Lärms wegen nicht gerade erholsam, aber durchaus interessant, begegnet man doch Typen jeder denkbaren Schattierung – von waschecht-ägyptisch bis hin zu modern-europäisch. Unsere Meinung hierzu war in den meisten Fällen, dass die Ägypter gut beraten wären, das ungelenke Nachmachen zu vergessen und sich wieder verstärkt seiner eigenen Traditionen zu besinnen. Denn: Eine junge Ägypterin in hochhackigen Stöckelschuhen verleitet entweder zum Grinsen oder Wegschauen, während eine mit buntem knöchellangem Gewand und mit schönem Kopftuch bekleidete Einheimische es durchaus wert ist genauer betrachtet zu werden. Beispiele dieser Art ließen sich Dutzende nennen.

Der Park selbst war voller Leute, fast dunkel und überaus dreckig, schade, denn Kairo hätte es verdient, einen gepflegten Park sein Eigen zu nennen, doch das verhindern die Kairoer selbst, denen es auf einen Müllhaufen mehr oder weniger in Parks und an den Straßen weißgott nicht ankommt. – Die meisten Geschäfte und auch das Kino waren gegen 21 Uhr noch immer geöffnet, der Andrang groß, zumal hier in teils sehr guten Geschäften alles feilgeboten wird, was ein Verdienender sich nur wünschen kann – einschließlich aller Alkoholika, und das in diesem angeblich streng islamischen Land – ein Betätigungsfeld für Fundamentalisten!

Bevor wir uns unter der Dusche vom Straßenstaub befreiten, genossen wir noch vom 10. Stockwerk aus das eindrucksvolle Lichtermeer Kairos und waren uns einig, heute einen sehr ergiebigen Tag hinter uns gebracht zu haben. Wir fielen totmüde auf unsere Betten.

Aug in Aug mit Pharaonen

Als wir am nächsten Morgen gegen 7 Uhr aufwachten, fühlten wir uns bestens ausgeschlafen, obwohl Hilde klagte von bösartigen Mücken belästigt worden zu sein. Das Wetter war wieder optimal, der Himmel wies im Gegensatz zu gestern Morgen nicht eine einzige Wolke auf. Wir verließen das Hotel nach einem Frühstück, das sich nur durch gelbe statt rote Marmelade vom gestrigen unterschied. Unser Tagesziel waren die historischen Stätten von El Gizeh, Saqqâra und Memphis, nicht wissend allerdings, ob und wie man als Individualreisender das ziemlich abgelegene Saqqâra und Memphis würde erreichen können. Aber da machten wir uns keine großen Sorgen, denn notfalls gibt es hier ja das Taxi, das allerdings allzu gern nur zu kriminell überhöhten Preisen dem europäischen Reisenden zur Verfügung gestellt wird.

Aber zunächst galt es, per Stadtbus nach El Gizeh zu kommen, ein insofern für uns neuartiges Unternehmen, als wir beide in Nordafrika bisher noch nie einen »local bus« benutzt hatten. Wer in Kairo schon einmal die brechend vollen Vehikel gesehen hat und sie gar am eigenen Leibe verspürte, wird nachfühlen können, was in uns vorging.

In einer kleinen Holzbude am Busbahnhof tut seit vielen Jahren ein alter Mann Dienst, der sich schon bei unzähligen europäischen Einzelreisenden einen guten Namen gemacht hat, denn er ist stets hilfsbereit, seine Auskünfte stimmen und er spricht recht gut Englisch – eine bei ägyptischen Busangestellten nur sehr selten anzutreffende Eigenschaft. Dieser wohlwollende »Mann in der Not« nannte uns dann auch prompt den direkt nach El Gizeh zu den Großen Pyramiden fahrenden Bus, den wir wenig später auf dem kleinen Terminal gegenüber dem großen auch schnell fanden. Das Vehikel war in Ordnung, gehörte noch nicht ganz zu den Museumsstücken, wie sie hier allenthalben herumknattern und war für die etwa 15 Kilometer lange Strecke spottbillig: pro Person 5 Piaster! Der sehr schnell voll gewordene Bus querte die Insel Rôda und schließlich den Nil über die Al-Gamaa-Brücke, um wenig später entlang des Kairoer Zoos in Richtung El Gizeh zu fahren. Nach einer guten halben Stunde war es dann soweit: Der Endpunkt »Mena-House-Hotel« war erreicht.

Da ich die Pyramiden von Gizeh, Saqqâra und Memphis 1974 bereits gesehen und über die seinerzeitigen Eindrücke ausführlich im Bericht »Am Rande der Sahara« geschrieben habe, kann ich mich kurzfassen, wenngleich ich gern unterstreiche, dass auch dieser zweite Besuch mich außerordentlich beeindruckt hat. Die Pyramiden sind nun einmal ein Weltwunder und noch immer dürften sie viele ihrer Geheimnisse nicht preisgegeben haben.

Wir lehnten die freundlichen Einladungen der Kameltreiber ab, denn auch diesmal, wenn auch neun Jahre älter, sah ich keinen Grund, mich per Kamel zum Plateau schaukeln zu lassen. Das Touristentreiben hier oben war beinahe furchterregend und zum Lachen zugleich, denn man muss mit eigenen Augen gesehen haben, wie hier ein bleichgesichtiger Pulk nach dem anderen abkassiert und herumgejagt wird und welch peinliche Probleme hier so manche Europadame mit eng sitzenden Röcken und hochhackigen Schuhen im heißen und staubigen Wüstensand hat – und dies ganz zur hellen Freude der ägyptischen Männerwelt!

Heiß, sehr heiß war’s an diesem Sonntag und umso dankbarer waren wir für eine kühle Coca Cola, die sich selbst hier lizenzierte Verkäufer bis auf normale 20 Piaster herunterhandeln ließen. In dieser erbarmungslosen Hitze dürfte hier oben schon so mancher Europäer, der es besonders eilig hatte, ein Pfund oder mehr für eine kleine Coca-Flasche bezahlt haben.

Wir passierten zunächst die sich linker Hand befindliche, heute 137 Meter hohe Cheops-Pyramide, die Pharao Cheops, der 2. König der 4. Dynastie, um 2690 v. Chr. errichtet haben soll, absolut sicher ist das jedoch nicht. Hier bekam Hilde zum ersten Mal direkt zu spüren, was es heißt, bei über 40 Grad Celsius im Schatten eine Basislänge von 230 Metern abzugehen und durch den beschwerlichen Sand auch noch die anderen Pyramiden und historischen Stätten zu erlaufen. Aber alle Achtung, sie hielt prächtig durch!

Nachdem ich bemerkt hatte, dass auch diesmal der Aufstieg hoch zum kleinen Plateau der Cheops-Pyramide leider verboten war, gingen wir weiter bis zur Pyramide des Chephren, angeblich das Werk des gleichnamigen Königs mit einer Basislänge von 210 Metern und einer Höhe von 136,5 Metern. Sie steht ein paar Meter höher als die Cheops-Pyramide und erweckt deshalb bei Besuchern den Eindruck, sie sei das größte Bauwerk hier oben.

Um die Größe der Chephren-Pyramide besser erfassen zu können, umrundeten wir sie ungeachtet der großen Hitze und des beschwerlichen Sandes. Dabei bestätigte sich wieder einmal meine Erfahrung, dass der »normale« Pauschaltourist es lediglich bis zur Cheops-Pyramide schafft, vielleicht noch das Innere der Chephren-Pyramide besucht, aber nur in seltenen Ausnahmefällen diese riesigen Bauwerke auch umrundet. An den Rückseiten der Pyramiden waren wir stets völlig allein, obwohl zu dieser Zeit gut und gern tausend Menschen auf dem Plateau weilten. Leider ist es häufig aber auch so, dass die Besuchszeiten von den Reiseleitern derart knapp bemessen werden, dass für einen privaten Rundgang gar keine Zeit mehr zur Verfügung steht.

Die Sphinx-Statue am Fuße der Chephren-Pyramide in El Gizeh (Unterägypten).

Der Weg hinüber zur kleinsten der drei Gizeh-Pyramiden, zu der des Mykerinos (Chephrens Sohn), war wieder staubig und heiß, doch lohnend, weil abseits der Besuchermassen. Ich habe den Eindruck, dass es vielleicht nur einer von zehn Touristen auf sich nimmt, in den heißen Sommermonaten bis zu dieser nur 66,5 Meter hohen Pyramiden vorzustoßen.

Da wir ein Vielfaches der Zeit hatten, die Gruppenreisenden normalerweise zugestanden bekommen (Klagen dieser Art hörten wir allzu oft von diesen Leuten), entschlossen wir uns nun für die Besichtigung des Inneren der Pyramiden. Zu diesem Zweck erwarben wir problemlos zwei Studenten-Tickets à 1,50 Pfund und nahmen uns zunächst die Cheops-Pyramide vor, jene Pyramide also, die 1974 leider nicht zugänglich gewesen war.

Der Einstieg liegt ein paar Meter über dem Niveau des Plateaus, und gleich nach dem Betreten der Pyramide führt ein nur 1,20 Meter hoher schmaler Gang etwa 20 Meter abwärts bis zu einer Knickstelle, von der es dann wieder aufwärts in die 8,50 Meter hohe, jedoch nur gut einen Meter breite Halle geht, wo wir die unglaublich genau aufeinander passenden Fugen bewunderten. Besonders diese Halle vermittelt in ihrer ganzen Konstruktion einen derart fremden und gewaltigen Eindruck, dass man fast geneigt wäre zu glauben, hier hätten »Außerirdische« ihre Hände und nicht zuletzt auch ihren Geist mit im Spiel gehabt.

Kurz darauf erreichten wir die 5,80 Meter hohe, 10,45 Meter lange und 5,20 Meter breite Grabkammer, ein außerordentlich exakt gestalteter Raum, dessen granitene Verkleidung jedoch keinerlei Beschriftung oder Bemalung aufweist; Cheops’ Name befindet sich eingraviert in einer der darüberliegenden sogenannten Entlastungskammern. Die Granitwanne, der angebliche Sarkophag des Cheops, ist nur noch teilweise erhalten, sie ist 2,30 Meter lang, einen Meter hoch und 89 Zentimeter breit. Wo sich die Mumie des Cheops befindet, ist bis heute nicht geklärt.

Da sich zur Zeit unseres Besuches gerade ein paar Hundert höchst ruppig benehmende ägyptische Schüler anschickten, ins Innere der Chephren-Pyramide zu gelangen und wir deshalb für die nächste Stunde keine Chance mehr sahen selbst hineinzukommen (ich hatte aber bereits 1974 das Vergnügen), entschieden wir uns für den Besuch der Mykerinos-Pyramide, deren Grabkammer seltsamerweise unter dem Niveau des Plateaus liegt. Aber auch hier drückende Schwüle beziehungsweise stickige Luft, und es rann der Schweiß in Strömen. – Hier in El Gizeh also, sagt man, hatte einst die Zivilisation begonnen, zu einer Zeit, als Europa noch im völligen Dunkel der Geschichte lag.

Unser nächstes Ziel war die älteste Pyramide Ägyptens: die um das Jahr 2675 v. Chr. von König Djoser errichtete Stufen-Pyramide oder Stufen-Mastaba von Saqqâra, deren Architekt der weise und später zum Gott erhobene Imhotep war. Auch Imhoteps Mumie wurde bis heute nicht entdeckt und Optimisten glauben, dass, wenn man sie finden würde, so manches Geschichtsbild der Alten Welt verändert werden müsste.

Wie wir zu unserer Enttäuschung an der Endhaltestelle des Busses erfuhren, gibt es von hier aus keinen direkten Bus ins zirka 25 Kilometer südlich von El Gizeh gelegene Dorf Saqqâra, so dass wir zum ersten Mal etwas improvisieren mussten, doch dies war gottseidank kein unlösbares Problem. Gemäß Auskunft eines Busangestellten fuhren wir zunächst ein paar Kilometer bis zu einem parallel zum Nil verlaufenden Kanal, wo aber entgegen der soeben erhaltenen Information kein weiterer Bus nach Saqqâra zu bekommen war. Hier trafen wir auf drei junge Engländer, die vor dem gleichen Problem standen. Einer von ihnen, ein hier arbeitender junger Lehrer (bevor ich arbeitslos werde, gehe ich lieber in ein Entwicklungsland – meinte er), fand auf Arabisch schnell heraus, dass es außer den relativ teuren Taxis tatsächlich keine Möglichkeit gibt, nach Saqqâra zu gelangen. Das hieß also: Anheuern und Aushandeln eines solchen Gefährts! Das übernahm in diesem Fall natürlich der bärtige Engländer in der Landessprache, sein Ergebnis: pro Kopf ein Pfund.

Hilde konnte vorn im Führerhaus sitzen, alle anderen dagegen mussten sich mit dem Eisenboden des Pritschenteiles begnügen, eine windige und sehr wacklige Angelegenheit! Die Fahrt über eine schmale, aber recht gut in Schuss gehaltene Straße entlang grüner Felder, armseliger, wenn auch sehr malerischer Dörfer und unzähliger Palmen, die hin und wieder die drei großen Pyramiden von Gizeh freigaben, verlief glatt. Als wir schließlich der mächtigen Stufen-Pyramide näher kamen, hörte urplötzlich das satte Grün auf und wir befanden uns wieder in der erbarmungslos heißen Wüste.

Am Ticketschalter hatten wir leider Pech, denn hier mussten wir den vollen Preis in Höhe von stolzen 3 Pfund pro Kopf bezahlen. Zur selben Zeit war zufällig auch eine kleine österreichische Gruppe hier, die von einem etwa 60-jährigen Ägyptologen geführt wurde, der es gut verstand, den ihm anvertrauten fünf Leuten das Allerwichtigste verständlich zu vermitteln. Es war allen anzumerken, dass die Sonne, der man hier völlig schutzlos ausgesetzt ist, stark zusetzte und wen wundert’s dann noch, dass Österreicher in einer solchen Situation nur noch kühle Bierchen vor ihren geistigen Augen haben!

Wir stapften durch den heißen Sand und durchmaßen so die ganze Anlage, die stolze 550 mal 278 Meter groß ist. Vorbei an unzähligen Tempelruinen, Säulen, Scheintüren und Mauern gelangten wir schließlich zu den Resten des einstigen Totentempels, wo man heute durch zwei Gucklöcher, durch die man ins Innere blicken kann, die Statue des Pharao Djoser sieht – eine Nachbildung, denn das Original befindet sich im Kairoer Museum. Die Stufen-Pyramide selbst macht heute einen denkbar verwüsteten Eindruck, denn frühere Materialräuber haben hier zig Tonnen behauener Steine entfernt, die später natürlich nicht mehr ersetzt wurden.

Als nächstes besuchten wir die Unas-Pyramide, das Grabmal des letzten Königs der 5. Dynastie. Sie war einmal 44 Meter hoch, heute dagegen ist sie als Pyramide nicht mehr erkennbar. Wie wir gleich sehen konnten, ist dieses äußerlich unscheinbare Bauwerk jedoch von höchster Bedeutung, denn der vom Norden her zugängliche Vorraum und die Grabkammer weisen eine Unzahl feinster Hieroglyphen beziehungsweise Totentexte auf, die dem Toten ein genussvolles und glückliches Weiterleben prophezeien.

Bei den Texten, die wir lange intensiv bewunderten, handelt es sich um die ältesten magischen Sprüche für das jenseitige Leben eines Königs. Aber nicht nur Schriften verzieren die spitzgiebelige Grabkammer mit dem Granitsarkophag, sondern auch vollendet schöne Reliefplatten mit Darstellungen von Schiffstransporten, Steinsäulen, Marktbildern, Affenhändlern, Handwerkern, Soldaten, Jagd- und Bauernszenen. – Dass ich hier unerlaubt geknipst habe, wird mir Osiris in der Totenwelt hoffentlich verziehen haben!

Durch göttliche Inspiration wurde Pharao Djoser zum Bau der Stufenpyramide zuSaqqâra in Unterägypten angeregt.

Ein Novum in Ägypten sind die Persergräber, die wir auf dem Wege zur Mastaba der Prinzessin Idut passierten. Hierbei handelt es sich um zirka 25 Meter tiefe Schächte, auf deren Böden einfache Sarkophage aus der Perserzeit stehen – geheimnisvoll und unwirklich zugleich, denn es sind weder genaue Daten bekannt noch passen diese seltsamen Gräber in die alte ägyptische Architektur.

Der Besuch der Prinzessin-Mastaba war wieder ein Höhepunkt, denn wir konnten auch dieses Mal ungehindert, also ohne lästigen Führer, die prachtvollen mit Reliefs und Schriften verschönerten Wände auf uns wirken lassen. Manche Farben sind noch so frisch, als ob sie erst vor ein paar Wochen aufgetragen worden wären. Bilder, wie »Idut bei Spazierfahrten im Kahn durch das Niluferdickicht«, Fischer, Harpunierer, Krokodile und Nilpferde beeindrucken außerordentlich!

Da die kleine österreichische Gruppe leider nicht wieder zurück nach Memphis fuhr (sie war von dort hergekommen), blieb uns nichts anderes übrig, als es per Anhalter zu versuchen, denn hier gab es weder Taxis, Busse noch Pferdedroschken. Aber das Glück war ganz auf unserer Seite, denn bereits die ersten angesprochenen jungen Leute waren spontan bereit, uns bis nach Memphis zu fahren.

Wie sich schnell herausstellte, handelte es sich bei den vier Jugendlichen um heute in Heliopolis lebende Palästinenser: ein Student mit zwei Schwestern und deren Freundin. Eigentlich wollten sie gar nicht nach Memphis, sondern zurück nach Kairo, denn ihr Ausflugsprogramm für heute war schon längst beendet, aber als sie von mir etwas über die große Bedeutung des einst prächtigen Memphis als Hauptstadt Ägyptens hörten, war es für sie selbstverständlich, über diesen altehrwürdigen Flecken zurück nach Kairo zu fahren. Von Memphis hatten sie noch keine Ahnung.

Heute ist von dieser Stadt, die in der Epoche des Alten Reiches (2900 bis 2270 v. Chr.) ihre Blütezeit hatte, so gut wie nichts mehr zu sehen: nur weit verstreut liegende kümmerliche Reste von Palästen, Tempeln und sonstigen Gebäuden. Memphis war über 3.000 Jahre lang glänzende Hauptstadt des unter Menes I. vereinigten Ober- und Unterägyptens beziehungsweise die »Wiege der beiden Länder«. Manche sagen, dass hier und nicht in El Gizeh die Zivilisation ihren Anfang genommen hatte, von hier aus soll Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Sozial-Sittliches ausgegangen sein. Bei den »memphitischen Dramen« handelt es sich um nichts Geringeres als um die angeblich ältesten Abhandlungen über Recht und Unrecht.

Im Gegensatz zu den Pyramiden liegt Memphis, oder das, was davon übriggeblieben ist, inmitten grüner Felder und zahlloser Palmen. Es berührt schon, wenn man weiß, dass bereits der berühmte Herodot über Memphis berichtete: »Eine Stadt mit Händlern aus Pyros, mit kanischen Söldnern und anderen Barbaren in den Straßen. Alle Götter Ägyptens scharen sich um den Hauptgott der Stadt, Ptah, und selbst der phönizische Baal hatte hier seine Kultstätte«. – Und nun dürfen wir dieses Memphis als interessierte Touristen betreten – sogar ohne Eintritt!

Im Mittelpunkt des sehenswerten Memphis steht jener geheimnisvoll lächelnde 80 Tonnen schwere Alabaster-Sphinx, der rund 1.000 Jahre lang im Morast gelegen hatte und deshalb einseitig starke Verwitterungsspuren aufweist. Vermutlich stellt dieser Sphinx den König Amenophis II. dar, einen Herrscher des Neuen Reiches (1550 bis 1090 v. Chr.). Der Koloss ist 8 Meter lang und 4,25 Meter hoch – schönster Hintergrund für ein prächtiges Gruppenfoto mit Hilde und den vier jungen Palästinensern.

Gleich neben diesem Sphinx kann der sogenannte Koloss besichtigt werden, eine liegende gewaltige Kalksteinstatue Ramses II. Sie ist noch 10,30 Meter lang (ursprünglich waren es 13,50 Meter) und stand einmal vor einer Tempelfront, von der heute nichts mehr zu sehen ist. Auf der Brust und am Gürtel sieht man die eingemeißelte Königskartusche mit dessen Geburtsnamen, sie bedeutet »Ewige Dauer«.

Die Fahrt zurück nach Kairo im fast neuen Japaner der jungen Palästinenser war kein wahres Vergnügen, denn die autobahnähnliche Straße war in einem denkbar miserablen Zustand. Aber alles ging glatt, so dass wir wohlbehalten bereits gegen 16 Uhr vor unserem Hotel abgesetzt werden konnten. Herzliche Verabschiedung von jungen Freunden, denen es offensichtlich viel Spaß gemacht hatte, einmal mit europäischen »Exoten« in direktem Kontakt gewesen zu sein. Dass mangels ausreichender Englischkenntnisse keine größere Konversation möglich war, hatte keineswegs gestört – wir verstanden uns dennoch, sozusagen von Herz zu Herz.

Nach dem wohltuenden Duschen – eine wahre Wohltat nach dieser Wüstenhitze! – entschieden wir uns für’s ausgiebige Abendessen in einem der zahlreichen relativ modernen Restaurants. Wir bestellten Reis, Fleisch, Kartoffeln, je ein halbes Hähnchen, Salat und Getränke – also ein sehr üppiges Mahl und zahlten für alles zusammen durchaus akzeptable 7,15 Pfund. Auffallend war in diesem mit Plastiksofas und funktionierenden Vans ausgestatteten Restaurant die überaus freundliche Bedienung, eine Tatsache, der wir in Ägypten allenthalben begegneten. – Da der Durst plagte, genehmigten wir uns ausnahmsweise in einem anderen Restaurant noch eine Flasche Stella-Bier zu 1,80 Pfund, das waren immerhin über 6 DM, ein Luxus, den sich Ägypter nur ganz selten einmal leisten.

Wir bummelten zurück ins Hotel. Die Straßen waren belebt wie immer, die Geschäfte hell erleuchtet und stark besucht, die Luft enorm benzinverpestet (hier funktioniert vermutlich nur der Vergaser des Wagens vom deutschen Botschafter), aber die Hitze hatte nun ihren Schrecken verloren. – Im Hotel angekommen, wurden wir von einem schon etwas älteren Hotelboy im Lift nachdrücklich um einen Tausch von Devisen gegen ägyptische Pfunde gebeten, aber angesichts des gebotenen Kurses – nur 40 Pfund für 100 DM – lehnte ich dankend ab, wenn ihm ein besserer Kurs einfalle, könne er mich ja ansprechen.

Als wir uns nach abermaligem Duschen gegen 22 Uhr aufs Ohr legten, waren wir zwar geschafft, aber mit dem, was wir heute sehen und erleben durften, höchst zufrieden.

Alt-Kairo und Helwân

Der heutige Tag stand im Zeichen des Besuches von Alt-Kairo, also jenem weit südlich der Stadt liegenden Viertel, das seit dem 4. Jahrhundert koptisch-christlich ist. Zu dieser in Ägypten überall anzutreffenden Religionsgemeinschaft bekennen sich etwa 10 Prozent der Bevölkerung, also fast 5 Millionen Menschen.

Den bis zur Amr-Ebn-el-As-Moschee fahrenden Bus Nummer 92 hatten wir dank der freundlichen Hilfe unseres alten Freundes am Tahrir-Platz schnell gefunden, so dass wir schon gegen 9.30 Uhr am Ziel waren. Die genannte Moschee besuchten wir nicht, ließen sie also linker Hand liegen und gingen rund 300 Meter weiter in südliche Richtung, wo sich direkt an der Helwân-Bahn das berühmte koptische Viertel befindet. – Ein Satz zur Umgebung hier: Die Straße bis zum Viertel ist ungeheuer staubig und voller Müll; die Häuser dieser Gegend sind allesamt völlig heruntergekommen; die Lebensverhältnisse spotten jeder Beschreibung.

Das Kirchenviertel ist mit einer hohen Mauer umgeben, die jedoch für Besucher durchlässig ist – und dies ohne Eintrittsgebühr! Wir gingen gleich hoch zur Basilika St. Sergius, dem absoluten Mittelpunkt des koptischen Viertels. Als wir vor dieser schönen und wuchtigen koptisch-orthodoxen Kirche standen und das große meterhohe Kreuz in der hellen Sonne gleißen sahen, glaubten wir einen Moment lang, gar nicht im arabischen beziehungsweise islamischen Ägypten zu sein. – Das Fotografieren war hier leider verboten, so dass ich mich mit nur zwei heimlich gemachten Aufnahmen zufrieden geben musste. Aber warum diese Vorsicht?

Als wir die große breite Treppe hoch zur Basilika geschafft hatten, standen wir alsbald im sehr eigenartigen, beinahe geheimnisvollen Dunkel dieser heiligen Kirche, dessen mächtige Kuppel mit Jesus-Portrait von acht braunen Marmorsäulen gestützt wird. Ehrfurchtsvoll besahen wir uns die schönen bunten Fenster, die schweren Lüster, die vielen brennenden Kerzen, die zahlreichen silber- und goldgerahmten Bilder und in einem separaten Holzpavillon an dessen Eingang ein riesiges Silber-Relief, auf dem der heilige St. Georg als Drachentöter dargestellt ist. Darüber hängt das Ewige Licht. – Leider nicht zu besichtigen war die unter dieser Kirche liegende Krypta, wobei es sich der Legende nach um jenen Platz handelt, an dem die Heilige Familie während ihres Aufenthalts in Ägypten einen Monat lang gelebt hatte.

In unmittelbarer Nähe befindet sich das koptische Museum, unser nächstes Ziel, das wir gottlob als »Studenten« für nur je ein Pfund besuchen konnten. – Der ganz eigenartig gestaltete Innenhof ist von gelblichen hohen Gebäuden umgeben, deren schöne Erker uns besonders gefielen. Im Garten stehen hohe Palmen, Kakteen und blühende Sträucher. Da Hilde Hemmungen hatte, mit ins unterirdische Gewölbe zu gehen, das in der Tat etwas furchterregend ist, ging ich mit einem Führer allein. Man zeigte mir in einem Turm eine uralte römische Mühle, eine historische Presse, einen alten Ofen, wuchtige Säulen, leider schon sehr verwitterte Ikonen und das erbärmliche Gefängnis – ein kaltes, nasses und von Fledermäusen bevölkertes Gewölbe. Wir mussten übrigens meistens über schmale Bretter balancieren, unter denen sich tiefes brackiges Wasser befindet.

Das Museum selbst ist insbesondere für Kenner, hauptsächlich aber für Altsprachler, sehr interessant, enthält es doch unzählige Schriften in altarabischer, syrischer, griechischer und koptischer Sprache. Wir besahen uns zahlreiche christlich motivierte Fresken, Papyrus-Bilder, Ikonen, ferner wertvolle alte Elfenbeinarbeiten, Ketten, Armringe, nubisches Spielzeug, Löffel aus Muscheln, Krüge, türkisches Geld, Öllampen, Kerzenständer, Insignien-Zepter, die »Tiara« des Patriarchen, Kriegerhelme, Schwerter, Säbel und altes Glasgeschirr – unmöglich, hier eine vollständige Aufzählung vorzunehmen!

Der sich anschließende Gang durch das uralte koptische Wohnviertel war von besonderem Reiz, es wird Kasr-esch-Sham genannt. Wir durchstreiften etliche der sehr schmalen Gassen, sahen überall an Balken und über Türen alte christliche Kreuze, aber auch neue Kreuze aus Stroh schmücken die Häuser oder hängen über den Gassen. Die Atmosphäre hier ist einerseits sehr eigenartig, andererseits aber auch deprimierend, zeigen doch unverhältnismäßig viele Häuser bereits starke Verfallserscheinungen und werden fehlende Glasscheiben nicht selten mit historischen Ikonen-Bildern, die in Deutschland viele hundert Mark kosten, einfach vernagelt. Besonders unangenehm war für uns die Tatsache, dass wir hier von einer alten Frau sogar hart angebettelt wurden. Armes Christentum in Ägypten!

Als wir nach unserem Besuch des koptischen Viertels, der gottseidank nicht durch eine Touristenhorde getrübt wurde, mit ansehen mussten, dass draußen vor der Basilika die ärmsten Teufel dieses Landes von frisch angekommenen Gruppenreisenden schamlos abgefilmt wurden, war’s an der Zeit für uns das Weite zu suchen, so etwas dreht einem doch den Magen herum! Wir querten die bedenklich schief liegenden Gleise, die vor lauter Abfall kaum mehr zu sehen waren, und gingen hinüber zum Bahnhof, wo wir anstandslos die gewünschten Tickets für die Fahrt nach Helwân bekamen (à 15 Piaster für die Einheitsklasse). Die blaue elektrisch getriebene Helwân-Bahn, die etwa alle 10 Minuten zwischen der Bab-el-Lug-Station in Kairo und Helwân verkehrt, war natürlich brechend voll. Aber wir kamen trotzdem mit und erhielten nach kurzer Zeit sogar Sitzplätze, die uns freundliche Kinder freigemacht hatten. Die Fahrt war heiß, staubig, laut und bot an Ausblicken nur mit Autowracks und sonstigem Unrat verhunzte Wüste, sowie riesige Industrien, deren Mief bis in den fahrenden Zug reichte.

Den Zug verließen Tausende und entsprechend chaotisch war’s dann auch. Als wir endlich draußen waren, wieder Chaos: unzählige Autos, Droschken, Menschen, Hitze und Durst. An einem Straßenrand ließen wir uns zwei Säfte geben, gewiss eine gefährliche Sache, aber der Durst bei rund 40 Grad im Schatten war fast unerträglich. Der Verkaufsbursche konnte angeblich nicht wechseln und kassierte glatt ein Pfund ohne rot zu werden, ich protestierte energisch und bekam schließlich 70 Piaster zurück. Meine Drohung mit Allah, der diese Schummelei mit Bestimmtheit gesehen habe, quittierte mir der Boy mit lautem Lachen. Wir reichten uns die Hände und waren plötzlich Freunde.

Dass es viel Sehenswertes in Helwân nicht gibt, war uns bekannt, und trotzdem wollten wir wenigstens einmal kurz in dieser seit jeher berühmten Bäderstadt gewesen sein; vermutlich war die Heilwirkung des Wassers von Helwân bei Rheuma und Hautleiden bereits im Altertum bekannt. Außerdem soll das Wüstenklima hier besonders für Nieren- und Lungenkranke heilsam sein.

Von halbwegs touristischer Bedeutung ist der Japanische Garten, der sich am linken Ende der quer zum Bahnhof verlaufenden Hauptstraße befindet. Bereits jetzt konnten wir sehen, dass Helwân namentlich für die Kairoer so etwas wie ein Ausflugsziel ist, denn die Hauptstraße war vollgestopft mit aufgelockerten, überwiegend jungen Leuten. In zahlreichen Läden gab’s Eis, kitschige Souvenire und Luftballons zu kaufen. Im Park selbst, der einstmals nur von kultivierten Leuten aufgesucht wurde, vergnügten sich Tausende, die buchstäblich jeden staubigen Quadratmeter fußballspielend, picknickend oder einfach nur dösend in Beschlag genommen hatten. Rasen war keiner mehr zu sehen.

Wir waren hier ganz offensichtlich die einzigen Europäer und wurden als solche natürlich sofort »ertappt«. Man grüßte tausendmal, lud uns immer wieder ein etwas Obst zu nehmen, einen Schluck Wasser zu trinken oder ein paar Datteln zu kauen. Hilde konnte sich ohneweiteres zusammen mit lustigen Kindergruppen fotografieren lassen, und ich freute mich, dass ihr diese sehr freimütig gezeigte, keineswegs aufdringliche Zuneigung gefiel. Leider mussten wir in Ägypten oft genug auch gegenteilige Erfahrungen machen!