1,99 €
Unter den angehenden Krankenschwestern des Elisabeth-Krankenhauses ist die hübsche Jenny Lorenz ein kleiner "Star". Jeder möchte die aufgeschlossene und stets fröhliche junge Frau in seinem Team haben. Wie anstrengend ihr Alltag ist, ahnt kaum jemand, denn es kostet Jenny große Mühe, ihre Ausbildung mit der Sorge um die vierjährige Tochter Melissa, die sie allein erzieht, in Einklang zu bringen. Doch seit Kurzem ist auch wieder die Liebe in ihr Leben eingezogen - seit sie auf einem Entspannungsseminar den einfühlsamen Benjamin Ziegler kennengelernt hat. Er versteht sich blendend mit Melissa, und Jenny träumt von einer gemeinsamen Zukunft zu dritt ...
Doch als das Schwesternexamen näher rückt und der Prüfungsdruck steigt, sucht Jenny Hilfe bei dem Esoteriker Hari Narayan. Er gibt ihr Pillen, die ihr helfen sollen, sich zu konzentrieren!
Mit Jenny geht eine schockierende Veränderung vor, die sich ihr Umfeld nicht erklären kann ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Eine falsche Dosis
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: shutterstock / Photographee.eu
Datenkonvertierung eBook: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-5182-8
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Was ist bloß mit Jenny Lorenz los? Seit einigen Wochen ist unsere stets fröhliche, engagierte Schwesternschülerin gar nicht mehr wiederzuerkennen. Jenny, die sonst für jeden Patienten ein offenes Ohr und ein liebes Wort hat, wirkt fahrig und angespannt. Gestern habe ich sogar mitbekommen, wie sie eine ältere Patientin grundlos angefahren hat! Und Jennys vierjährige Tochter Melissa, normalerweise ein quirliges kleines Persönchen, macht auf mich einen ängstlichen, ja, verstörten Eindruck. Meinen Fragen weicht Jenny entschieden aus. Alles sei in Ordnung, sagt sie. Nur das bevorstehende Schwesternexamen bereite ihr Stress und Sorgen …
Gerade ist während meines Nachtdienstes ein verstörender Notruf eingegangen. Ein kleines Mädchen hat die 112 gewählt! Es sagt, seine Mama sei im Flur der Wohnung zusammengebrochen und atme nicht mehr! Das Mädchen am Telefon konnte nicht sagen, wo es wohnt – nur wie es heißt: Melissa Lorenz
Jenny Lorenz streckte sich mit einem müden Gähnen. Seit einer halben Stunde hatte die Frühschicht begonnen, jetzt hatte sie Feierabend.
Sie zog ihren Kasack und die dazugehörige weiße Hose aus und schlüpfte in ihre Jeans und den kuscheligen Baumwollpullover. Jenny bürstete sich kurz durch ihr dunkelbraunes Haar, ehe sie es zu einem Pferdeschwanz zusammenband, und zog sich ihren Lidstrich und den Lippenstift nach. Sie warf einen letzten, zufriedenen Blick in den Spiegel, dann nahm sie ein dickes Lehrbuch vom oberen Regal.
Im Inhaltsverzeichnis suchte sie nach dem Schlagwort »Nierenschmerzen« und vertiefte sich in das Kapitel. Jenny bemerkte gar nicht, dass Andrea Bergen, die Notärztin des Elisabeth-Krankenhauses, den Personal-Umkleideraum betrat.
»Guten Morgen, Jenny«, grüßte die dunkelblonde Ärztin freundlich. »Was machen Sie denn noch hier?«
Jenny zuckte zusammen. »Hallo, Frau Dr. Bergen. Entschuldigen Sie, ich habe Sie gar nicht hereinkommen hören. Ich war so in das Kapitel vertieft.«
»Was lesen Sie denn?«, wollte Andrea Bergen wissen. »Ist es spannend?«
Jenny wiegte den Kopf hin und her und zeigte der Notärztin das Cover ihres Lehrbuches.
»Innere Medizin, Band 5: Niere und Blase«, las Andrea Bergen. »Nach der Nachtschicht? Donnerwetter! Von Ihrem Engagement könnten sich so manche Anfänger eine Scheibe abschneiden.«
Die junge Frau lächelte verlegen. »Danke. Es interessiert mich einfach, wieso Frau Wilberg trotz der OP an Unterleibsschmerzen leidet. Ich habe das Gefühl, dass vielleicht eine Nierenerkrankung mit hineinspielen könnte. Aber das kleine Blutbild war so weit in Ordnung. Meinen Sie, dass ich Herrn Dr. Kranz einmal darauf ansprechen sollte? Ich will nicht unhöflich wirken, und er als Chefarzt könnte vielleicht denken, dass ich mich in seine Arbeit einmische. Immerhin bin ich ja noch in der Schwesternausbildung.«
»Da müssen Sie sich überhaupt keine Sorgen machen, Jenny«, tat die Notärztin ab. »Dr. Kranz ist ein guter Arzt, und er legt Wert auf den Austausch mit Kollegen. Wenn Sie einen Verdacht haben, dann besprechen Sie diesen auf jeden Fall mit ihm. Ich weiß übrigens, dass er große Stücke auf Sie hält. Erst neulich hat er Sie und Ihre Fähigkeiten in einer Konferenz gelobt.«
»Vielen Dank, Frau Dr. Bergen, aber ich mache doch nur meine Arbeit.«
»Und diese machen Sie sehr gut. Da dürfen Sie auch gern mal ein Lob annehmen.«
»Für mich ist das einfach selbstverständlich«, erklärte Jenny. »Ich möchte den Patienten helfen, und ich wünsche mir so sehr, dass ich die Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin bestehe. Mit einem guten Zeugnis könnte ich mich vielleicht sogar hier am Elisabeth-Krankenhaus bewerben. Ich habe gehört, dass zum Jahresende wieder Stellen ausgeschrieben werden.«
»Ich werde Sie auf jeden Fall empfehlen«, versprach die Notärztin.
»Danke schön! Es wäre so toll, wenn ich endlich mein eigenes Geld verdienen könnte.« Jenny seufzte tief. »Im Moment bin ich ja noch immer auf die Unterstützung meiner Mutter angewiesen, aber ich würde so gern auf eigenen Beinen stehen. Ich möchte sie stolz machen und ihr zeigen, dass es sich gelohnt hat, mich und meine Tochter zu unterstützen.«
»Das werden Sie auch ganz bestimmt.« Andrea Bergen lächelte Jenny zuversichtlich an. »Wie geht es Melissa denn?«
»Gut so weit.« Jennys Augen begannen zu leuchten, wie immer, wenn sie von ihrer Tochter sprach. »Für sie ist es zum Glück immer noch das Größte, wenn sie bei ihrer Oma übernachten kann. Das macht für mich vieles leichter, denn eigentlich mag ich die Kleine überhaupt nicht allein lassen.«
»Das ist verständlich. Ich hab meine Franzi ja auch am liebsten um mich, aber mit zwölf Jahren hat sie oft andere Interessen, als mit mir, ihrer Mutter, etwas zu unternehmen. Da sind meistens die Freundinnen wichtiger.«
Jenny musste lachen. »Zum Glück dauert das bei Melissa noch ein bisschen. Aktuell freut sie sich jedes Mal unbändig, wenn ich nach Hause komme. Für sie ist es auch schwer zu verstehen, warum ich so lange lernen muss und so wenig Zeit für sie habe. Glücklicherweise kann meine Mutter sich oft um sie kümmern.«
Die Notärztin nickte verständnisvoll. Sie wusste von Jennifer Lorenz, dass sie alleinerziehend war, doch nach den Gründen wollte sie die junge Frau nicht fragen. Die beiden verband seit zweieinhalb Jahren eine gute Freundschaft und Andrea Bergen unterstützte Jenny im Beruflichen, so gut sie konnte. Dadurch hatte sich zwischen ihnen schnell eine Freundschaft entwickelt, die sich auch über die Arbeit hinaus erstreckte.
»So, ich mache mich jetzt auf den Nachhauseweg«, entschied Jenny nach einem Blick auf die Uhr. »Die Kleine ist ein richtiger Morgenmensch und hält ab sieben Uhr alle auf Trab. Sie kann es bestimmt kaum erwarten, bald zu frühstücken.«
»Um die Ecke hat eine Bäckerei aufgemacht, die die besten Croissants der Stadt verkauft«, verriet Andrea Bergen schmunzelnd.
»Danke für den Tipp.« Jenny schlüpfte in ihre Jacke und verabschiedete sich von Andrea Bergen. Sie mochte die Notärztin, die immer ein offenes Ohr für sie hatte. Andrea Bergen war ihr eine große Hilfe und ein Vorbild, und insgeheim wünschte sich Jenny, dass auch sie einmal so viel Wissen haben und gleichzeitig so liebevoll mit ihren Patienten umgehen würde wie Dr. Bergen.
Ganz im Gegensatz zu Dr. Anger, der zwar ein glänzender Chirurg, menschlich jedoch eine absolute Niete war. Die meiste Zeit drangsalierte er junge Assistenzärztinnen und Krankenschwestern, und zu seinen »Opfern« gehörte leider auch Jenny. Es war kein Zuckerschlecken, mit ihm zusammenzuarbeiten, und sie war jedes Mal erleichtert, wenn sie auf dem Dienstplan las, dass sie in eine andere Schicht eingeteilt war.
Aber Jenny blieb trotzdem zuversichtlich. Sie wusste, dass sie nur die Zeit der Ausbildung überstehen und einen guten Abschluss machen musste. Mit einem guten Zeugnis würde sie eine Arbeit finden, und mit einem geregelten Einkommen würde sie es schon schaffen, für sich und Melissa zu sorgen. Dann würde sie nicht wieder einen Unterhaltsstreit mit ihrem Exfreund anfangen müssen, der sich keinen Pfifferling um sie oder die gemeinsame Tochter scherte.
Jenny lief den Krankenhausflur entlang auf den großen Hauptausgang zu. Sie spürte, dass sie Kopfschmerzen bekam, wenn sie an Felix dachte. Sie musste sich ablenken, denn sie wollte ihre Zeit nicht damit verbringen, sich über Felix zu ärgern. Stattdessen wollte sie sich lieber auf das gemeinsame Frühstück mit ihrer Mutter und ihrer Tochter freuen. Überhaupt konnte sie es kaum erwarten, Melissa endlich wiederzusehen.
Sie hatte mit ihrer Mutter vereinbart, dass Melissa und sie nach dem Frühstück auf den Wochenmarkt gingen, sodass Jenny sich ein paar Stunden hinlegen und schlafen konnte. Danach wollte sie noch einmal ihre Notizen durchgehen und für die Prüfungen lernen. Sie würde also erst am Nachmittag mit Melissa spielen können.
Jenny seufzte. Es fiel ihr schwer, dass sie sich nicht die Zeit nehmen konnte, die sie gern für Melissa gehabt hätte. Vielleicht hatte sie sich mit der Ausbildung doch zu viel vorgenommen. Und dann immer wieder diese Streitereien mit Felix …
Vor dem großen Schwarzen Brett blieb Jenny stehen. Sie überflog die Anzeigen, die andere dort angebracht hatten. Vielleicht war ja dieses Mal ein Sofa oder ein Kleiderschrank dabei. Während sie einzelne Blätter und Karten beiseiteschob, um die Anzeigen darunter zu lesen, entdeckte sie einen schön aufgemachten Flyer. Er war in zartem Grün gehalten, über das sich sanft geschwungene Bögen zogen. Darauf war mit einer klaren Schrift zu lesen:
Sind auch Sie im Stress? Sehnen Sie sich nach Entspannung, Ruhe und Erholung?
In unserem Wochenendseminar haben Sie die Möglichkeit, individuelle Entspannungstechniken zu erlernen. Unsere Kursleiter gehen auf Sie und Ihre Bedürfnisse ein und zeigen Ihnen kleine Übungen zur Entspannung, die Sie jederzeit durchführen können. Es erwartet Sie ein Verwöhnpaket mit Massagen und geführten Meditationen.
Nehmen Sie sich eine Auszeit vom Alltag, und kehren Sie mit neuer Kraft und besserer Leistungsfähigkeit an Ihre Aufgaben zurück.
Jenny entfernte die Pinnnadel und steckte sie an den leeren Platz zurück. Sie hielt den Flyer unschlüssig in der Hand. Warum nicht?, überlegte sie dann, faltete den Flyer zusammen und schob ihn in die Hosentasche. Ich kann zu Hause ja noch einmal in Ruhe darüber nachdenken.
Jetzt aber wollte sie erst einmal zu ihrer Tochter.
***
Jenny schloss ihr Rad am Gartenzaun an und nahm die Brötchentüte aus dem Gepäckkorb. Sie ging durch den kleinen Vorgarten und stieg die wenigen Stufen zur Haustür hinauf. Schon als sie den Schlüssel im Schloss umdrehte, hörte sie von drinnen Kinderjubeln. Sie öffnete die Haustür, und sofort rannte ihr Melissa entgegen und fiel ihr mit einem lauten Freudenschrei in die Arme.
»Mami!«, jauchzte sie glücklich und ließ sich von Jenny einmal im Kreis herumwirbeln.
Jenny gab Melissa einen dicken Kuss, was das Mädchen mit glucksendem Lachen quittierte. »Hallo, meine Kleine. Hast du schon auf mich gewartet?«
»Au ja, und wie! Ich und Oma haben sogar schon den Tisch gedeckt! Ich hab einen riesen Hunger!«
»Du meinst Oma und du«, verbesserte Jenny die Kleine liebevoll und streichelte dem Mädchen über den Kopf. »Na, dann komm.«
Sie stellte Melissa behutsam wieder auf die Füße, und das Kind stürmte auf direktem Weg in die Küche, in der der kleine Esstisch bereits mit allerlei Leckereien gedeckt war. Barbara Lorenz goss gerade den Kaffee auf. Ein herrlicher Duft schwebte Jenny entgegen.
»Hm, das riecht aber lecker!«, stellte die junge Frau fest. Eine heiße Tasse Kaffee nach der Nachtschicht war jetzt genau das Richtige. Jenny umarmte ihre Mutter von hinten und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Guten Morgen, Mama.«
»Hallo, Jenny, Liebes. Wie war die Nachtschicht?«
»Anstrengend«, entgegnete Jenny mit einem Seufzen. »Aber keine besonderen Vorkommnisse.« Sie half ihrer Mutter dabei, die restlichen Dinge auf den Esstisch zu stellen, und berichtete dabei kurz, was sich in der letzten Nacht ereignet hatte.
»Dass du das so schaffst!«, staunte Barbara. »Und nebenher kümmerst du dich noch so fürsorglich um Melissa und lernst so fleißig. Ich frage mich, woher du für das alles die Kraft nimmst.«
Jenny zuckte mit den Schultern. »Melissa ist für mich das Wichtigste in meinem Leben. Da ist es doch nur selbstverständlich, dass ich mich um sie kümmere. Und die Ausbildung möchte ich machen, damit ich für die Kleine und mich sorgen kann. Also liegt es auf der Hand, dass ich jetzt meine Chance nutze und lerne. Ich will schließlich gut abschneiden.
Abgesehen davon haben es die Patienten verdient, dass ich mich gut um sie kümmere. Ich habe erst neulich eine Studie gelesen, in der stand, dass Erkrankte viel schneller gesund werden, wenn sie eine liebevolle Pflege erhalten.«
Barbara sah ihre Tochter stolz an. »Ich bin zuversichtlich, dass du das schaffen wirst, Jenny«, bestärkte sie die junge Frau, als sie sich an den Frühstückstisch setzten. »Pass nur auf, dass du auch Zeit für dich hast und dich nicht übernimmst.«
Jenny nickte und goss ihrer Mutter und sich Kaffee ein. »Ich gebe schon auf mich acht, keine Sorge. Heute Morgen, nach Dienstschluss, habe ich am Schwarzen Brett einen interessanten Flyer für ein Entspannungsseminar gesehen.«
»Willst du hingehen?«
»Ich weiß es noch nicht«, gab Jenny zu. »Der Kurs ist sicherlich recht teuer, aber ich glaube, dass es mir bestimmt guttun würde, wenn ich eine kleine Pause vom Alltag machen könnte.«
»Der Meinung bin ich auch«, stimmte Barbara ihr zu. »Vor allem nach den zehn Tagen Nachtschicht hast du dir eine Auszeit wirklich verdient. Ich habe etwas Geld von der Heizkostenabrechnung zurückbekommen. Wenn du willst, kannst du es nehmen, um den Kurs zu bezahlen. Ich gebe es dir gern.«
»Oh, Mama.« Jenny legte gerührt ihre Hand auf die ihrer Mutter. »Das musst du wirklich nicht machen. Du brauchst das Geld doch auch.«
»Ich gebe es dir gern, Jenny. Wenn ich könnte, würde ich dich noch viel mehr unterstützen.«
»Das tust du doch schon.« Jenny lächelte ihre Mutter dankbar an. »Wenn ich mit der Ausbildung fertig bin und alle Prüfungen bestanden habe, lade ich dich richtig chic zum Essen ein.«
»Oje!« Jennys Mutter winkte ab. »Ich weiß gar nicht, ob ich dafür überhaupt ein Kleid hätte.«
»Das schenke ich dir noch dazu, weil du die ganze Zeit für mich da warst und an mich geglaubt hast.«
Barbara drückte sanft die Hand ihrer Tochter. »Dann nimm jetzt auf jeden Fall das Geld für das Seminar, einverstanden?«
Jenny atmete tief durch. »Ich überlege es mir. Lass uns erst in Ruhe essen, und danach lege ich mich hin. Wenn ich dann immer noch glaube, dass es eine gute Idee ist, melde ich mich heute Nachmittag dort an. Vorausgesetzt, es ist überhaupt noch ein Platz frei. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Seminar komplett überlaufen ist.«
»Dann kannst du ja fragen, ob sie dich schon für den nächsten Kurs vormerken«, schlug Barbara vor. »Dir wird es sicherlich guttun, wenn du mal ein bisschen abschalten kannst.« Sie musterte ihre Tochter kurz. »Oder wo ist das Problem?«
Jenny gab sich geschlagen. Es war nicht nur die Kursgebühr, die ihr Bauchschmerzen bereitete, sondern auch die Tatsache, dass sie dann noch weniger Zeit für ihre Tochter hatte. »Weißt du, ich sehe Melissa so selten, und wenn ich dann doch mal zu Hause bin, muss ich lernen. Ich möchte die Kleine nicht schon wieder allein lassen.«
»Und wie wäre es, wenn Melissa an dem Wochenende bei einer Kindergartenfreundin übernachtet? Ricardas Mama hat mich schon letzte Woche gefragt, ob Melissa nicht mal bei ihnen über Nacht bleiben will. Ricardas Papa hat ein Zelt im Garten aufgebaut, und sie wollen ein Lagerfeuer machen und Würstchen und Marshmallows grillen.«
»Genau, Mami! Bitte, sag Ja!«, bettelte Melissa und sah ihre Mutter mit großen Augen an.
»Also gut. Ich rufe heute Nachmittag bei den Seminarleitern an und höre, ob es noch einen Platz gibt. Und dann fragen wir Ricarda, ob du an dem Wochenende bei ihr übernachten kannst. Bist du damit einverstanden, Melissa?«
Die Kleine nickte. »Können wir jetzt essen?«, fragte sie dann und zappelte dabei ungeduldig auf ihrem Stuhl herum. »Ich möchte endlich meinen Kakao trinken!«
»Aber natürlich, Liebes.« Jenny streichelte dem Mädchen über die braunen Locken. »Ich habe frische Brötchen und leckere Croissants mit Nougatfüllung gekauft.«
»Oh, lecker!«, freute sich Melissa und klatschte in die Hände.
Barbara öffnete die Tüte und legte die Brötchen in den Brotkorb. »Hm, die duften ja herrlich! Es riecht wie in einer Bäckerei. Wo hast du denn so gute Brötchen gekauft?«
»Das war ein Tipp von Dr. Bergen«, verriet Jenny mit einem verschmitzten Lächeln.
»Grüß sie doch mal lieb von mir. Das ist ja wirklich eine nette Frau«, erwiderte Barbara.
***
»Das kommt überhaupt nicht infrage, dass wir der Fusion mit Alexanders Kleinbackwaren zustimmen!«, polterte Hans Ziegler ungehalten. »Ich werde nicht zulassen, dass meine Firma ein Teil dieses Keks-Imperiums wird!«
Mit einem tiefen Schnaufen ließ sich der untersetzte Mann in seinen weich gepolsterten Ledersessel fallen, der mit leisem Ächzen nachgab. Hans nestelte an seiner Krawatte und öffnete mit zitternden Fingern den oberen Knopf seines Hemdes, das ihm in seinen fleischigen Hals schnitt. Sein Kopf war rot angelaufen, Schweißperlen standen auf seiner Stirn.
»Absagen wirst du! Hast du gehört, Benjamin? Absagen!«, donnerte Hans weiter und hieb mit der Faust auf die blank polierte Eichentischplatte seines Schreibtischs, dass sowohl die Kaffeetasse als auch der Stifteköcher einen kleinen Sprung machten und sofort wieder klirrend zum Stehen kamen.
