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Krimis für die Bühne, Band 1 Dies ist NICHT "Sherlock Holmes", auch nicht verwandt oder verschwägert, sondern eine Figur, die ähnlich heißt und auf der Bühne Kriminalfälle mit viel Dialog löst – und es soll auch nicht die Figur von Sir Arthur Conan Doyle sein! Denn mit einem Namen wie "Shylock Holmes" kann man eigentlich nur Detektiv sein, der im Theater Fälle löst – oder umgekehrt. Dieser Band bietet drei Stücke mit dem Bühnendetektiv: heiteres Zitateraten mit Shakespeare, ein Zweipersonenstück und einen Abendessen im Restaurant mit Mord zum Nachtisch. Wer schnelle Dialoge und einen cleveren Ermittler mag, der sollte hier auf seine Kosten kommen. Und wer seine Krimis gerne mal in Form eines Theaterstückes lesen möchte, auch.
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Seitenzahl: 229
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Martin Cordemann
Shylock Holmes
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Shylock Holmes
ERSTER AKT
ZWEITER AKT
DRITTER AKT
VIERTER AKT
FÜNFTER AKT
Anhang
Kammerspiel für Shylock Holmes
ERSTER AKT
ZWEITER AKT
DRITTER AKT
Shylock Holmes und Dr. Wattsen
ERSTER AKT
ZWEITER AKT
DRITTER AKT
Impressum neobooks
Gibt es einen besseren Namen für einen Detektiv, der in einem Stück ermittelt, in dem ständig mit Shakespeare Zitaten um sich geworfen wird? Nun, möglicherweise. Aber was kann man machen? Streng genommen hieß das Stück auch eigentlich „Shakespeare“, eher aus dem Gag heraus, weil man so gerne sagt: „Wir haben Shakespeare gespielt“, was aber sehr ungenau ist, da es nie ein Stück dieses Titels gegeben hat. Damit die Leute aber nun wirklich „Shakespeare“ spielen können, gibt es also nun dieses Stück namens… „Shylock Holmes“. Ja, gut, das hat also nicht so ganz geklappt.
Nun, diese Stücke sind zwar in gewisser Weise eine Serie, aber streng genommen bauen sie nicht aufeinander auf. Nichtsdestotrotz taucht z.B. Shylocks Kollegin Dr. Wattsen im ersten Stück gar nicht auf… was verschiedene Gründe hat, die aber vor allem darin liegen, dass a) die Figur damals noch nicht Shylock Holmes hieß und es b) keinen Dr. Wattsen gab. Da sie aber in einem späteren Stück auftauchte, bot es sich an, sie rückwirkend einzuführen… was man an der Zeitlinie der Entstehung sehen kann, die nicht mit der Reihenfolge der Stücke übereinstimmt… und eigentlich interessiert Sie das auch gar nicht, oder? Aber das ist mein Vorwort, also schreib ich da rein was mir passt!
Hier sehen wir also die Reihenfolge der Stücke und wann sie entstanden:
Shylock Holmes (2009)
Shylock Holmes 2: Kammerspiel für Shylock Holmes (2011)
Shylock Holmes 3: Shylock Holmes und Dr. Wattsen (2014)
Shylock Holmes 4: Shylock Holmes im Angesicht des Buches (2012)
Shylock Holmes 5: Shylock Holmes in der Tod Show (2014)
Shylock Holmes 6: Shylock Holmes macht klar Schiff (2016)
Shylock Holmes 7: Ruin sanft, Shylock Holmes (2011)
Shylock Holmes 8: Shylock Holmes in der Todeszelle (2015)
Shylock Holmes 9: Shylock Holmes guckt in die Röhre (2013)
Da Dr. Wattsen eine tragende Rolle in „Ruin sanft“ hat, bot es sich an, sie nachträglich im „Kammerspiel“ rückwirkend einzuführen, auch wenn sie dort nicht persönlich auftritt. Das Verhältnis ein wenig auszubauen bot sich ebenfalls an – oder eigentlich bot sich die Nutzung des Titels „Shylock Holmes und Dr. Wattsen“ an, so dass man das eine mit dem anderen verbinden konnte und so haben die beiden ihren ersten gemeinsamen Fall in diesem Stück… das ich zu dem Zeitpunkt, zu dem ich dieses Vorort schreibe, noch schreiben muss… aber das merken Sie beim Lesen ja nicht. Hoffe ich.
Während dann das Verhältnis der beiden im „Angesicht des Buches“ noch relativ frisch ist, haben sie zu Zeiten von „Ruin sanft“ schon einige Jährchen der Zusammenarbeit auf dem Buckel – oder so was. In „guckt in die Röhre“ taucht sie nicht auf, was aber eher daran liegt, dass sie in diesem Stück eigentlich keinen Platz gehabt hätte.
Eigentlich hätte dies eine Sammlung von sechs Stücken werden sollen, alle in einem Band. Da aber direkt im Anschluss an „Shylock Holmes und Dr. Wattsen“ auch „Shylock Holmes in der Tod Show“ entstanden ist, war dieser Plan irgendwie vom Tisch, denn sieben ist keine schöne Zahl für so eine Serie. Also musste noch mindestens eins dazu und es würden entweder zwei Bände mit jeweils vier Stücken oder es kommen noch zwei dazu und es wird eine hübsche Trilogie mit jeweils drei Stücken… Während ich dies schreibe, weiß ich noch nicht, worauf es hinauslaufen wird (und was ich ggf. in die anderen Vorworte reinschreibe), aber wenn Sie das hier lesen, dann wissen Sie, wie es geendet hat. Also wissen Sie gerade mehr als der Autor selbst…
Und nur um ganz sicher zu sein: Dies ist NICHT „Sherlock Holmes“, auch nicht verwandt oder verschwägert, sondern eine Figur, die ähnlich heißt und auf der Bühne Kriminalfälle mit viel Dialog löst – und es soll auch nicht die Figur von Sir Arthur Conan Doyle sein! Sind das Krimis mit Humor, sind das Komödien mit einem Kriminalfall – ich weiß es nicht. In erster Linie sind es „Wortspiele“, Schauspiele, bei denen das Wort und damit der Dialog im Vordergrund steht. Was das Layout angeht, so entspricht es leider nicht der Art, wie ich es anlege, sondern wird von meinem Satz in diese Form umgewandelt – wenn Sie wissen, wie man das verhindern kann, immer heraus damit!
Diese Sammlung enthält die folgenden Theaterstücke:
Shylock Holmes
Kammerspiel für Shylock Holmes
Shylock Holmes und Dr. Wattsen
HINWEIS: Der Erwerb dieses E-Books berechtigt nicht zur Aufführung der Theaterstücke! Falls Sie Interesse daran haben, eines oder mehrere der hier vorhandenen Stücke auf die Bühne zu bringen, wenden Sie sich bitte an den Autor.
Ein zitatenreicher Krimi!
Shakespeare wird immer gerne zitiert, weil das eben unheimlich gebildet klingt. Aber machen wir uns nichts vor, die wenigsten werden viel vom ihm gelesen haben. Vielleicht die Filme gesehen, mit Keanu Reeves. Hey, da gibt es wirklich einen! Und der ist gar nicht mal schlecht… was aber nicht an ihm liegt. Nun, wie dem auch sei, während sonst vom großen Meister des Bühnenstücks immer beliebig irgendwas in die Runde geworfen wird, um den Anschein von Intellektualität vorzugaukeln, oder dass man sich was dabei gedacht hätte, lag es doch mal auf der Hand, den Meister selbst zum Teil der Handlung zu machen – oder sagen wir, seine Texte zum Teil der Dialoge. Und das nicht mit einem aufdringlichen „Hallo, wir können Shakespeare“, sondern eher elegant in den umgebenen Dialog eingewoben. Der Versuch, das umzusetzen, ist dieses Stück. Quasi Krimi meets Shakespeare… also „Shylock Holmes“!
(1992/1996/2009/2011)
Personen
SHYLOCK HOLMES
Inspektor. Er muss den Mord an Rael aufklären. Schlampig, faul, unrasiert, ganz der Marlowe... Philipp, nicht Christopher.
CLAUS TELMAH
Schauspieler. Der Star des Theaters, ein Vollblutschauspieler und sehr daran interessiert, bei der Aufklärung des Verbrechens zu helfen.
JULIETTA NAGER
Schauspielerin. Eine hübsche Frau, leider nicht nur die ehemalige Geliebte des Toten, sondern auch hochgradig tatverdächtig.
NORA DRAWIS
Schauspielerin. Wieder eine Tatverdächtige. Alternde Diva mit Sinn für Humor und einem alternden Geliebten.
MONTY OEMOR
Schauspieler. Geliebter obiger Dame, ebenfalls mit einem sonnigen Humor ausgestattet, aber potentiell verdächtig.
JULIUS RASÄC
Schauspieler. Fünfter und glücklicherweise auch letzter Verdächtiger und damit schon fast ein wenig out.
O. THELLO
Inspektor. Ein Kollege, inzwischen befördert und irgendwie immer in die Rolle des Laufburschen gedrängt.
WIRT
Ein Wirt. Ihm gehört eine goethliche Kneipe.
GEIST DES VERSTORBENEN
Gehört in jede Tragödie, geht auch wieder dorthin zurück.
(GEIST und WIRT werden vom selben Schauspieler gespielt)
Erste Szene
(Auerbachs Keller)
WIRT: (er hat ein Telefon in der Hand) Sind Sie Holmes?
SHYLOCK: Ja.
WIRT: Shylock Holmes?
SHYLOCK: Hm. (nickt)
WIRT: Seltsamer Name.
SHYLOCK: Meine Eltern waren Shakespeare Fans.
WIRT: Oh. Und Sie sind?
SHYLOCK: Bei der Polizei. Was blieb mir mit dem Namen anderes übrig? (denkt nach) Aber wie kommen Sie darauf, wie ich heiße?
WIRT: (erinnert sich, reicht das Telefon) Ihr Chef ist dran.
SHYLOCK: Sagen Sie ihm, ich bin in meinem Büro.
WIRT: Er sagt, er wäre in Ihrem Büro!
SHYLOCK: Tja... dann wird er darauf wohl nicht reinfallen. Wo bin ich hier?
WIRT: „Auerbachs Keller“.
SHYLOCK: Soll das n Scherz sein?
WIRT: Nein, eine Kneipe.
SHYLOCK: Das wird ihm nicht gefallen. Vielleicht kann ich ihm sagen, ich wäre an einem Tatort.
WIRT: Ich glaube, er weiß, wo Sie sind.
SHYLOCK: Ja? Wie kommen Sie darauf?
WIRT: Er hat hierangerufen!
SHYLOCK: Ist hier ein Verbrechen geschehen?
WIRT: Noch nicht.
SHYLOCK: Naja, der Tag ist noch jung.
WIRT: Wollen Sie Ärger?
SHYLOCK: Ich glaube, den hab ich schon.
WIRT: Warum hab ich es immer mit schwierigen Typen zu tun?
SHYLOCK: Da sind Sie nicht der einzige. Sie würden sich wundern, was für Leute ich ständig verhören muss.
WIRT: Viel schlimmer als einige von meinen Gästen können die nicht sein.
SHYLOCK: Oh, lieber Wirt, „ich kenne deren,
Die man deswegen bloß für Weise hält,
Weil sie nichts sagen; sprächen sie, sie brächten
Die Ohren, die sie hörten, in Verdammnis
Weil sie die Brüder Narren schelten würden.“
WIRT: Äh...
SHYLOCK: ‘Der Kaufmann von Venedig’, erster Akt, erste Szene.
WIRT Ich glaube, Ihr Chef hätte gerne eine Antwort. Was soll ich ihm sagen?
SHYLOCK: Sagen Sie ihm, ich bin dienstlich hier.
WIRT: (ins Telefon) Er ist dienstlich hier.
SHYLOCK: Danke. Was will er?
WIRT: Er fragt, was Sie mit dem Namen Rael verbinden?
SHYLOCK: Na, wenn er ihn sagt, offensichtlich Arbeit. Nun, da wären eine Figur aus „Raumschiff Enterprise“, ein Theaterintendant, eine Firma, die Waffen an Jugoslawien liefert, König Lear umgedreht, ein schnell wirkendes Reinigungs- oder Abführmittel... Also Rael ist mir ein Begriff, ist er tot oder was?
WIRT: Ist ihm ein Begriff. Ist er tot? (zu SHYLOCK) Könnte man so sagen.
SHYLOCK: Was soll das heißen, könnte man so sagen??? Könnte man oder kann man, ist er ein bisschen tot, röchelt er noch rum oder was?
WIRT: Er ist tot.
SHYLOCK: Aha. Gut. Ich meine schlecht. Unangenehm, unschön, Sie wissen schon. Gibt es genaueres?
WIRT: Worüber?
SHYLOCK: Über die Todesart! Oder hat er das nur aus dem Internet?
WIRT: Er wurde ermordet. Man hat ihn im Hinterhof seines Theaters gefunden – erschlagen.
SHYLOCK: Na das ist doch schon mal was. Gut. Wer hat ihn gefunden? Wer hat ihn ermordet?
WIRT: Das herauszufinden ist Ihre Aufgabe, sagt er.
SHYLOCK: Das war ja wieder klar.
WIRT: Er meint, das wäre Ihr Job bei der Mordkommission!
SHYLOCK: Sagen Sie ihm, ich kümmere mich darum.
WIRT: Er kümmert sich darum. (legt auf) Kölsch?
SHYLOCK: Gerne. (seufzt)
Ich bin faul und faul bin ich:
Arbeiten werde ich darum heut’ nich!
(verschwindet im Dienst)
BLACK
Zweite Szene
(Im Theater)
THELLO: Inspektor Shylock Holmes? Sie hier? Ist es nicht ein bisschen früh für Sie?
SHYLOCK: Oh, Thello, glauben Sie wirklich, dass Sie es sich erlauben können, frech zu werden?
THELLO: Ähm... tut mir leid.
SHYLOCK: Etwas mehr Glaubwürdigkeit, bitte.
THELLO: Es tut mir leid.
SHYLOCK: Na also, geht doch. Gut, was ist hier passiert?
THELLO: Der Mann ist...
SHYLOCK: ...tot?! Ja, soviel weiß ich auch. Hintergrundinformationen wären nett.
THELLO: Äh... Ja, also, es handelt sich um einen gewissen Rael, den Intendanten des Theaters. Man hat ihn umgebracht.
SHYLOCK: Toll, dafür hat es sich wirklich gelohnt, dass ich selbst hierher gekommen bin, weil, das hätte man mir ja nicht am Telefon sagen können.
THELLO: Sarkasmus?
SHYLOCK: Worauf Sie Ihren Arsch verwetten können.
THELLO: Informationen?
SHYLOCK: Wenn Sie so freundlich wären?
THELLO: Man hat den Mann erschlagen.
SHYLOCK: Ich weiß. Tatwaffe?
THELLO: Ein fester Holzstock oder eine Eisenstange!
SHYLOCK: „Das wären denn zweierlei Waffen; doch weiter.“
THELLO: Häh?
SHYLOCK: ‘Hamlet’, fünfter Akt, zweite Szene! Sie vergessen, dass wir es hier mit der Leiche eines Theatermenschen zu tun haben und da ist es wohl das Mindeste, Shakespeare zu zitieren. Ist son Klischee, wird in Krimis immer gemacht. Gut, wer hat ihn umgebracht? Ich nehme mal an, dass für die Rolle noch niemand vorgesprochen hat?!
THELLO: Falls Sie darauf hinaus wollen, ob wir einen Verdächtigen haben: nein! Es hat sich bislang niemand gestellt und wir haben keine Ahnung, wer ein Interesse am Tod des Intendanten gehabt haben könnte.
SHYLOCK: Autoren, Schauspieler, Regisseure, da findet sich immer was.
THELLO: Kritiker?
SHYLOCK: Nee, die hätte er umgebracht.
THELLO: Das hier hat man bei dem Toten gefunden. Eine leere Brieftasche, ein seidenes Taschentuch, eine Armbanduhr und einen Schlüsselbund.
SHYLOCK: Aha. Würden Sie deshalb auf Raubmord schließen?
THELLO: Natürlich nicht!
SHYLOCK: Und... warum das nicht?
THELLO: Welcher gescheite Dieb würde seinem Opfer schon das Geld klauen, aber eine Uhr für fünftausend Euro da lassen?
SHYLOCK: Häh? Oh. Guter Punkt, Thello. Gut aufgepasst. Teure Uhr, guter Hinweis.
THELLO: Sie wussten es nicht, oder?
SHYLOCK: Kein Stück. Modezeugs ist nicht so mein Gebiet. Gut, das ist doch schon mal ne ganze Menge? Machen wir Schluss für heute?
THELLO: Ihre Arbeitseinstellung möchte ich haben.
SHYLOCK: Unwahrscheinlich! Was sollen wir denn Ihrer Meinung nach machen? Gibt es irgendwen, den wir verhören können?
THELLO: Den Hausmeister. Er wollte gerade den Müll raus bringen, da sah er die Leiche.
SHYLOCK: Könnte er es gewesen sein?
THELLO: Leider nicht. Er hat für die Tatzeit ein Alibi.
SHYLOCK: Tatzeit? Guter Hinweis. Wann war das so ungefähr?
THELLO: Der Arzt meint, es müsste heute Nacht gewesen sein, so etwa gegen 12 Uhr.
SHYLOCK: Bleibt die unausweichliche Frage: Wer war es? Oder: Warum? Oder: Was stelle ich mir hier für bescheuerte Fragen, die ich mir ohnehin nicht beantworten kann? Hmmmmmmm, wer, um einmal den großen Meister zu zitieren, könnte Nutzen aus dem Tode des Intendanten ziehen?
THELLO: Welchen großen Meister?
SHYLOCK: Mich, ist doch egal, beantworten Sie meine Frage!
THELLO: Ich weiß nicht.
SHYLOCK: War der Mann verheiratet?
THELLO: Ich weiß nicht!
SHYLOCK: Eine Ehefrau ist eine potentielle Verdächtige, es sei denn, sie ist tot.
THELLO: Sie ist tot.
SHYLOCK: Verdammt!
THELLO: Was ist mit dem Hausmeister?
SHYLOCK: Der war es nicht.
THELLO: Aha. Und warum?
SHYLOCK: Weil der Hausmeister oder theatralisch gesprochen der Pförtner zwar eine nette kleine, aber keine Hauptrolle ist. Und die bringen meist niemanden um. Und, wer weiß, vielleicht hat man seine Rolle sogar ganz gestrichen, weil sie zu klein war.
THELLO: Kann es sein, dass Sie da ein paar ganz merkwürdige Methoden der Ermittlung anwenden?
SHYLOCK: Möglich. Also gut, er war es nicht. Hatten Sie doch selbst gesagt, Alibi und so.
THELLO: Stimmt ja.
SHYLOCK: Bleiben wohl noch ein gutes Dutzend andere.
THELLO: Sie meinen das Ensemble?!
SHYLOCK: Richtig. Wo finden sich die Hauptrollen, wenn nicht im Ensemble?
THELLO: Warten Sie mal! Wenn Ihre Theorie richtig wäre – was sehr zu bezweifeln ist – dass es hier irgendwie nach Shakespearemotiven zugeht, warum wurde Rael dann nicht nach einem solchen Beispiel ermordet?
SHYLOCK: Sie meinen Schierling im Ohr? Mit einer vergifteten Klinge anritzen? Kopf abschlagen. Wär alles n bisschen übertrieben, oder? Ich kann es Ihnen noch nicht sagen, aber warten Sie nur ab, wenn es erstmal ans Zitieren geht, werden wir schon sehen, wer der Mörder ist! War hier gestern Abend ne Vorstellung?
THELLO: Ja.
SHYLOCK: Wer vom Ensemble spielt dabei mit?
THELLO: Alle! Claus Telmah, Julietta Nager, die beiden Stars, Monty Oemor, Nora Drawis und Julius Rasäc.
SHYLOCK: Merkwürdige Namen, oder?
THELLO: Ich finde hier vieles merkwürdig. Julietta Nager... die kenn ich gar nicht.
SHYLOCK: „Schließt sich der Tanz, so nah ich ihr: ein Drücken
Der zarten Hand soll meine Hand beglücken.
Liebt ich wohl je? Nein, schwör es ab, Gesicht:
Du sahst bis jetzt noch wahre Schönheit nicht!“
THELLO: Häh?
SHYLOCK: ‘Romeo und Julia’, erster Akt, fünfte Szene.
THELLO: Und was wollen Sie damit sagen?
SHYLOCK: Dass sie ausgesprochen attraktiv ist!
THELLO: Warum kenn ich sie dann nicht aus dem Fernsehen?
SHYLOCK: Weil sie außerdem Talent hat?
THELLO: Wollen Sie damit sagen, dass im Fernsehen nur Leute ohne Talent landen.
SHYLOCK: Das überlass ich Ihrer Phantasie. Hmm, ziemlich kleines Ensemble. Was haben sie gespielt?
THELLO: Irgendwas von Ionesco.
SHYLOCK: Irgendwas, ‘Der König stirbt’ haben sie gespielt. Finden Sie nicht, dass ein solches Stück einen gewissen Schatten vorauswirft? Der König ist inzwischen tot, soviel steht fest. Vielleicht bricht ja gerade jetzt das Theater auseinander... Hmmm, gut, also kommen wir zum springenden Punkt: Wer von den fünfen war es?
THELLO: Warum muss es denn einer von den fünfen gewesen sein?
SHYLOCK: Weil... wir sonst zuviel zu tun hätten, die ganze Stadt verhören und so. Schränken wir den Kreis der Verdächtigen also einfach mal ein. Wir wissen, es war jemand, der die Sache wie einen Raubmord aussehen lassen wollte! Gut, was wissen Sie über die Schauspieler?
THELLO: (blättert in seinen Notizen) Fangen wir mit dem Star an: Claus Telmah, Schauspieler, hat beachtliche Erfolge auf der Bühne nachzuweisen, wird von der Kritik geliebt. Äh, für Julietta Nager gilt das gleiche.
SHYLOCK: Das weiß ich selbst. Was ich wissen will ist Klatsch, Tratsch, unbewiesene Behauptungen, Vorurteile, eben das, woraus man seine Anschuldigungen ziehen kann!
THELLO: Oh, äh, die Nager hat, scheint’s, ein Verhältnis mit dem Intendanten.
SHYLOCK: Gehabt! Damit ist sie potentiell verdächtig!
THELLO: Ich dachte, alle fünf sind potentiell verdächtig?
SHYLOCK: Machen Sie Ihre Arbeit und ich mache meine, okay? Also weiter!
THELLO: Oemor und die Drawis leben seit einigen Jahren zusammen.
SHYLOCK: Und Rasäc?
THELLO: Ist erst seit kurzem beim Ensemble, kommt aus Jugoslawien. Mehr weiß ich über ihn nicht.
SHYLOCK: Gut. Motiv für den Mord: Eifersucht? Aber wer war auf wen eifersüchtig? Einer der Männer, weil Rael ein Verhältnis mit der Nager hatte? Oder die Drawis aus demselben Grund? Oder die Nager, weil sie eins mit einem anderen haben wollte? Warum müssen es unbedingt fünf Verdächtige sein, hätte einer nicht gereicht? Hmmm, wer profitiert von seinem Tod, indem er die Intendantenstelle bekommt? Das sind so die Fragen, die ich bis zum Ende dieses Aktes geklärt haben möchte, am besten gleich in der nächsten Szene.
THELLO: (liest etwas) „...können wir aufgrund einer weiteren Kürzung des Kulturetats das Theater nicht weiter mit Subventionen unterstützen und müssen deshalb...“
SHYLOCK: Was haben Sie denn da?
THELLO: Lag bei der Leiche. Man sagt ihm, er kriegt keine Subventionen mehr. Und das bedeutet, wie er hier hingekritzelt hat, dass er das Theater nur dann weiter betreiben kann, wenn er eine weitere Stelle streicht.
SHYLOCK: Das heißt in Alltagsdeutsch?
THELLO: Er kriegt keine Kohle vom Staat mehr.
SHYLOCK: Soviel hatte ich bereits verstanden.
THELLO: Weniger Kohle heißt: nicht genug Geld für alle.
SHYLOCK: Also muss er…
THELLO: …einen der Schauspieler rausschmeißen.
SHYLOCK: Oder eine.
THELLO: Genau.
SHYLOCK: Ich würde sagen: das ist es!
THELLO: Das ist es?
SHYLOCK: Ja. Wir müssen jetzt nur noch herausfinden, welche Stelle er streichen wollte, damit wir wissen, welche Stelle ihn gestrichen und das Problem damit aus der Welt geschafft hat. Ganz einfach!
THELLO: Einfach?
SHYLOCK: Naja, nicht unbedingt! Aber wie ist das mit dem Nachfolger?
THELLO: Ich weiß nicht.
SHYLOCK: Finden Sie heraus, wer hier den Posten des Intendanten übernehmen wird und was es mit dieser Streichung der Subventionen und dem Weiterbestehen des Theaters auf sich hat.
THELLO: Und was machen Sie?
SHYLOCK: Ich beschäftige mich in stiller Einzelarbeit? Nein?
THELLO: Nein!
SHYLOCK: War nur so ein Gedanke. Gut, ich spreche mit dem Ensemble.
THELLO: Oder was davon noch übrig ist.
SHYLOCK: Ja. Was wollten die wohl aufführen, wenn die noch n paar Leute rauschmeißen? Bleibt ja fast nur noch ‘Der Kontrabaß’ von Süskind. Hey, vielleicht ist der es gewesen, um sie zu zwingen, wieder sein Einpersonenstück aufzuführen. Sie sehen, wenn man genau nachdenkt und Schlussfolgerungen zieht, kann man sehr gut auf die Tatverdächtigen schließen.
THELLO: Ich kümmere mich um die Subventionsgeschichte. Und Sie?
SHYLOCK: Ich kümmere mich um den leichten Teil: Ich finde heraus, wer der Täter war!
BLACK
Erste Szene
(Bühne. Es wird geprobt, RASÄC, OEMOR und die DRAWIS stellen die drei HEXEN dar. Sie sind in Anzügen wie Anwälte gekleidet und haben Handys in der Hand, in die sie sprechen.)
„Eine freie Stelle. Donner und Blitz. Drei HEXEN treten auf.
1. HEXE:Wann soll’n wir drei uns treffen wieder
Im Donner, Blitz, fällt Regen nieder?
2. HEXE: Wenn das Grau’n vorüber ist,
Wenn Ihr’s End’der Schlacht schon wisst.
3. HEXE: Das ist eh die Sonne grüßt.
1. HEXE: Welche Stell’?
2. HEXE: Den Berg hinan.
3. HEXE: Da treff’n wir mit Macbeth zusamm’n.
1. HEXE: Ich komm’, Graukätzchen!
2. HEXE: Kröte ruft.
3. HEXE: Gleich jetzt!
ALLE: Frisch ist faul, und faul ist frisch:
Schweben durch Nacht und Dunstenmisch.
(sie verschwinden im Nebel)“
AUSBLENDE
Zweite Szene
(Im Theater. Der Nebel lichtet sich, SHYLOCK tritt auf)
TELMAH: (tritt auf) Was wollen Sie hier?
SHYLOCK: Ich? Oh, äh, nur...
TELMAH: Sind Sie der neue Kritiker?
SHYLOCK: Nein, so schlimm ist es nicht. (zeigt seinen Ausweis) Shylock Holmes, Mordkommission.
TELMAH: Oh, Mordkommission?!
„Wär ich gestorben, eine Stunde nur,
Eh dies geschah, gesegnet war mein Dasein!
Von jetzt gibt es nichts Ernstes mehr im Leben:
Alles ist Tand, gestorben Ruhm und Gnade!
Der Lebenswein ist ausgeschenkt, nur Hefe
Blieb noch zu prahlen dem Gewölbe.“
SHYLOCK: ‘Macbeth’?
TELMAH: Zweiter Akt, zweite Szene.
SHYLOCK: Sie sind Herr Telmah?
TELMAH: Der bin ich.
SHYLOCK: Schauspieler, Regisseur... und immer bei der Arbeit. Ich sehe, Sie proben.
TELMAH: Ja. Finden Sie das ungewöhnlich?
SHYLOCK: Nun, das ist ein Theater, da erwartet man so was ja.
TELMAH: Da haben Sie Recht.
SHYLOCK: Oder meinen Sie, wegen des Mordes.
TELMAH: Ja, äh, wegen des Mordes. Es… Mir geht der Tod... der Mord an unserem Intendanten sehr nahe.
SHYLOCK: Natürlich. Er hat dieses Theater sehr geprägt.
TELMAH: Das hat er.
SHYLOCK: Was mag nun aus ihm werden?
TELMAH: Ich nehme an, man wird eine Autopsie an ihm vornehmen.
SHYLOCK: Ich meinte, aus dem Theater. Wer wird seine Rolle übernehmen?
TELMAH: Seine… bitte? Sie haben mich verwirrt.
SHYLOCK: Ja, das passiert hin und wieder. Er war ein eigenwilliger Intendant. Ich nehme an, Sie werden seinen Job übernehmen?!
TELMAH: Auf jeden Fall vorläufig.
SHYLOCK: Natürlich. (sieht sich um) Irgendwas war da noch...
TELMAH: Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann…
SHYLOCK: Ja, natürlich. Da sind immer irgendwelche Fragen, die man stellen muss, wenn so ein Mord passiert ist, kennen Sie wahrscheinlich aus dem Fernsehen.
TELMAH: Sicher. Sie wollen bestimmt fragen, wo ich gestern zur Tatzeit gewesen bin?
SHYLOCK: Ach, für sowas hab ich mein Personal. Das ist eine schöne Bühne. Sehr angenehm. Gute Akustik. Ich wollte auch mal... aber Sie wissen, wie das ist. Und dann bin ich auf die schiefe Bahn geraten... also zur Polizei gegangen. Traurig. Wo waren Sie zur Tatzeit?
TELMAH: Zu Hause, ich lebe allein!
SHYLOCK: Das ist schade.
TELMAH: Man gewöhnt sich daran, allein zu leben.
SHYLOCK: Das meinte ich nicht, ich lebe auch allein, aber mit einem Alibi sieht es in einem solchen Fall leider sehr schlecht aus.
TELMAH: Ich kann Ihnen leider nichts anderes sagen. Ich würde Ihnen ja gerne ein Alibi vorweisen, aber wenn man nicht darauf eingestellt ist, eins zu brauchen, ist schlecht an eins zu kommen.
„Bezeugs der arme Stumpf, die Purpurschrift,
Bezeugs dies Antlitz, tief von Gram gefurcht,
Bezeugs der traur'ge Tag, die lange Nacht,
Bezeug es alles Weh: ich kenne dich“.
SHYLOCK: Ähm?
TELMAH: ‘Titus Andronicus’, Fünfter Akt, zweite Szene.
SHYLOCK: Was haben Sie nach der Vorstellung gemacht?
TELMAH: Ich bin direkt nach Hause gefahren.
SHYLOCK: Das war?
TELMAH: Das war so gegen elf, halb zwölf.
SHYLOCK: Hmmm, ich nehme an, Sie sind alle nach der Vorstellung gefahren, nicht wahr?
TELMAH: Alle? Sie meinen dieses geschrumpfte Ensemble? Keine Bühnentechniker, keine Schneider, keine Bühnenbildner, keine Musiker!
SHYLOCK: Keine Putzfrau.
TELMAH: Nun... außer Rael sind wir alle gefahren, ja.
SHYLOCK: Frau Nager auch?
TELMAH: Ja, die auch. Wieso?
SHYLOCK: Ich meine, sie hat doch mit Rael ein Verhältnis gehabt, oder?
TELMAH: Sie lesen die Klatschseiten?
SHYLOCK: Nein. Für sowas hab ich meine Leute. Also?
TELMAH: Ja, sie hatten ein Verhältnis.
SHYLOCK: Und sie ist immer nach der Vorstellung nach Hause gefahren und Rael ist noch hier geblieben?
TELMAH: Meistens sind sie zusammen gegangen, aber Rael wollte gestern noch ein paar organisatorische Fragen klären.
SHYLOCK: Die Frage, wer gehen und wer bleiben würde?
TELMAH: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Aber ich würde es nicht ausschließen!
SHYLOCK: Okay, vielen Dank. Hmmm, könnte Frau Nager zurückgekommen sein, um ihren Geliebten umzubringen?
TELMAH: Warum sollte sie das tun?
SHYLOCK: Es gibt vielfältige Gründe, warum Menschen töten.
TELMAH: Ich habe mir noch nicht die Frage gestellt, warum jemand Rael umbringen wollte... oder wer es gewesen sein könnte.
SHYLOCK: Das ist wohl auch meine Aufgabe. Wo kann ich Frau Nager finden?
TELMAH: Sie haben Glück, da kommt sie gerade. Wenn Sie mich entschuldigen würden. (ab)
NAGER: (tritt auf) „Da ist Vergißmeinicht, das ist zum Andenken; ich bitte Euch, liebes Herz, gedenkt meiner! und da ist Rosmarin, das ist für die Treue.“
SHYLOCK: Hmmm.
NAGER: Wer sind Sie?
SHYLOCK: Hamlet.
NAGER: Bitte?
SHYLOCK: Das war aus ‘Hamlet’.
NAGER: (nickt) Vierter Akt, fünfte Szene. (blickt ins Leere) Ich habe alle meine Rollen mit ihm geprobt.
SHYLOCK: Es tut mir leid. Shylock Holmes, von der Mor... von der Polizei.
NAGER: Bitte? Oh, ja... Verzeihung, ich weiß nicht, ob ich Ihnen eine große Hilfe sein kann... im Moment.
SHYLOCK: Frau Nager, es tut mir leid, aber... Haben Sie eine Idee, wer Ihren Mann umbringen wollte?
NAGER: Er... war nicht mein Mann. Oh, nicht einmal mein Mann ist er gewesen, nicht einmal das...
„So waschen sie die Wunden ihm mit Tränen?
Ich spare meine für ein bängres Sehnen.
Nimm diese Seile auf. - Ach, armer Strick:
Getäuscht wie ich! wer bringt ihn uns zurück?
Zum Steg der Liebe knüpft er deine Bande,
Ich aber starb als Braut im Witwenstande.“ (ab)
DRAWIS: (tritt auf) ‘Romeo und Julia’, dritter Akt, zweite Szene.
SHYLOCK: Klar. Sie sind... Frau Drawis, hab ich Recht?
DRAWIS: Ja. Die kaputte Lampe hängt über dem Spiegel!
SHYLOCK: Bitte?
DRAWIS: Naja, eigentlich sind fast alle Lampen über dem Spiegel kaputt. Und im Flur. Da haben Sie eine Menge zu tun.
SHYLOCK: Das habe ich in der Tat. Aber leider bin ich nicht hier, um Licht ins Dunkel Ihrer Garderobe zu bringen.
DRAWIS: In welches Dunkel wollen Sie dann Licht bringen?
SHYLOCK: In das eines Verbrechens. (zeigt seinen Ausweis) Shylock Holmes, ich komme von der Mordkommission!
DRAWIS: Ihr Name ist Shylock Holmes?
SHYLOCK: Finden Sie nicht, dass der Name diesem Fall mehr als angemessen ist?
DRAWIS: Absolut. Wurden Sie in der Schule viel gehänselt?
SHYLOCK: Nein.
DRAWIS: Warum nicht?
SHYLOCK: Weil Kleinkinder keinen Shakespeare lesen!
DRAWIS: Gut gekontert. Sie untersuchen den Tod von Rael?
SHYLOCK: Den Mord an ihm!
DRAWIS: Mord?! Ja, wenn man umgebracht wird, wird es wohl Mord sein.
SHYLOCK: Das erscheint logisch.
DRAWIS: Haben Sie einen Verdacht?
SHYLOCK: Ja.
DRAWIS: Einer von uns? Das bedeutet wohl, dass ich potentiell verdächtig bin?!
SHYLOCK: Das sind Sie alle. Erstmal.
DRAWIS: Welchen Grund sollte ich haben, Rael zu ermorden?
SHYLOCK: Eben das möchte ich von Ihnen hören!
DRAWIS: „Es ist in mein Gedächtnis fest verschlossen,
Und Ihr sollt selbst dazu den Schlüssel führen.“
Schwebt Ihnen sowas vor?
SHYLOCK: Hmmm...
DRAWIS: Strengen Sie Ihr Gedächtnis nicht übermäßig an, es war ‘Hamlet’, erster Akt, dritte Szene!
SHYLOCK: Fangen wir also mit dem Theater an.
DRAWIS: Sehen Sie sich doch hier um. Es war mal ein großes, berühmtes, tolles Theater... Was ist daraus geworden? Eine Bruchbude, und ich bin nicht einmal mehr die Diva, die ich vor ein paar Jahren noch war. Aber es ist ja auch das Vorrecht des Intendanten, mit den jüngeren Kolleginnen zu schlafen.
SHYLOCK: Er hatte also ein Verhältnis mit Frau Nager!
DRAWIS: Lesen Sie nie die Klatschspalte? Ja, das große Liebespaar der Saison. Als sie hier anfing hatte ich noch ihre Garderobe, aber die Zeiten ändern sich. Ja, ich hätte wohl allen Grund gehabt, Rael umzubringen – vor ein paar Jahren!
SHYLOCK: Es gibt Gerüchte, dass man das Ensemble verkleinern wollte.
DRAWIS: Selbst einem Mann wie Rael muss klar gewesen sein, dass er mit vier Schauspielern nicht mehr viele große Produktionen auf die Bühne bringen kann. Früher, vor seiner Zeit, haben wir hier viele Boulevardkomödien gespielt. Als sich die Leute noch für Theater interessiert haben. Als es noch nicht tausend Programme gab.
SHYLOCK: Und doch hing das Schwert des Entlassenwerdens drohend über Ihnen allen.
DRAWIS: Sie meinen, er wollte die alte Diva streichen, die er schon in den untersten Keller verbannt hatte? Wahrscheinlich haben Sie sogar Recht. Junger Mann, ich habe früher Rollen gespielt, von denen man heute nur noch träumen kann. Sie können es sich sicher nicht vorstellen, aber ich war eine bezaubernde Julia!
SHYLOCK: Sie waren auch eine überzeugende Lady Macbeth!
