1,99 €
"Tom Tenny, Ermittlungen - siebte Etage" - dieses Schild hängt in der Halle eines mehrstöckigen Geschäftshauses in San Francisco. Tatsächlich ist besagter Tom Tenny niemand anders als Tom Prox, der diese Tarnung bisweilen nutzt, um einfach mal abzutauchen und etwas auszuspannen. Luxus, der dem Captain der Ghost Squad aber wieder einmal nicht vergönnt sein soll. Denn als eine elegant gekleidete, aufregende Frau in sein Büro platzt und um Hilfe wegen eines brutalen Schlägers fleht, der ihr nach dem Leben trachtet, da kann Prox noch nicht ahnen, dass dies allenfalls die Ouvertüre zu einem Drama ist, das buchstäblich Grenzen überschreiten wird. So tauchen auf der sprichwörtlichen Bühne schon bald weitere Spielerinnen und Spieler auf, die, angetrieben von maßloser Gier und unersättlicher Lust, skrupellos ihre Ziele verfolgen ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 169
Veröffentlichungsjahr: 2024
Cover
Den Satan im Nacken
Vorschau
Impressum
Den Satan im Nacken
Von Frank Dalton
»Tom Tenny, Ermittlungen – siebte Etage« – dieses Schild hängt in der Halle eines mehrstöckigen Geschäftshauses in San Francisco. Tatsächlich ist besagter Tom Tenny niemand anders als Tom Prox, der diese Tarnung bisweilen nutzt, um einfach mal abzutauchen und etwas auszuspannen. Luxus, der dem Captain der Ghost Squad aber wieder einmal nicht vergönnt sein soll. Denn als eine elegant gekleidete, aufregende Frau in sein Büro platzt und um Hilfe wegen eines brutalen Schlägers fleht, der ihr nach dem Leben trachtet, da kann Prox noch nicht ahnen, dass dies allenfalls die Ouvertüre zu einem Drama ist, das buchstäblich Grenzen überschreiten wird. So tauchen auf der sprichwörtlichen Bühne schon bald weitere Spielerinnen und Spieler auf, die, angetrieben von maßloser Gier und unersättlicher Lust, skrupellos ihre Ziele verfolgen ...
Tom Prox hatte vor, sich nach langer Zeit einmal wieder auszuruhen. Er befand sich in seiner Privatwohnung, was eigentlich selten vorkam. An dem Haus, in dem diese Wohnung lag, hing unten in der Halle ein Schild mit der Aufschrift »Tom Tenny, Ermittlungen – siebte Etage«.
Eben, als er die Beine ausstrecken und nach der Zeitung greifen wollte, trat seine »Sekretärin« ins Zimmer.
»Miss Ginny Munro!«, meldete sie mit einer Stimme, die sehr missbilligend klang. Sie liebte nämlich ungebetene Besucher ebenso wenig wie ihr Chef.
»Lass sie rein, in Gottes Namen«, stöhnte Tom Prox und nahm widerwillig die Beine von der Couch.
Gleich darauf trat Ginny Munro ein. Sie war groß, schlank und wundervoll gebaut. Wenn man die Gepflegtheit ihres Äußeren betrachtete, kam man unwillkürlich auf den Gedanken, rasch einmal zu überschlagen, wie viel sie im Monat für den Friseur, für Maniküre und all das wohl ausgab. Und was sie an Kleidung trug, war nicht viel, aber dafür umso teurer.
Ginny Munro lächelte bezaubernd. Sie lächelte auch noch, nachdem Tom Prox ihr einen Sessel zurechtgeschoben hatte.
»Womit kann ich dienen?«, fragte der Ghostchef liebenswürdig. »Zigarette?« Er nahm hinter seinem Schreibtisch Platz.
Ginny Munro erwies ihm die Ehre, sich aus seinem Etui zu bedienen. Anschließend holte sie ihr Feuerzeug hervor. Es war aus echtem Gold und mit Diamanten besetzt. Toms Feuerzeug dagegen war nur aus Blech. Aber es brannte zehn Sekunden früher als ihres.
»Das Schild dort unten im Hauseingang«, begann die Besucherin, als sie den ersten Zug getan hatte, »deshalb komme ich zu Ihnen!« Ihr Lächeln erstarb. »Ich werde verfolgt. Jemand will mich töten!«
»Bitte, erzählen Sie.« Tom Prox konnte Damen nicht ertragen, die sich aufgeregt benahmen.
Plötzlich stutzte er. Vom Vorzimmer her drang ein seltsames Geräusch. Er lauschte mit halbem Ohr. Plötzlich vernahm er draußen ein kräftiges Klatschen. Dann gab es einen Laut, als wäre etwas umgefallen.
Ginny Munro wurde äußerst bleich im Gesicht und sprang auf.
»Mr. Tenny!«, rief sie ängstlich. Mehr brachte sie nicht heraus. Denn schon riss jemand die Tür auf.
Groß und breit wie ein Schrank stand ein Mann im Rahmen. Auffällig an ihm waren die beiden Colts, die er in den Fäusten hielt. Ihre Läufe zeigten mit mathematischer Genauigkeit auf Mr. Tennys Bauch. Der aber liebte derartige Scherze nicht. Dieser Gent machte einen äußerst unsympathischen Eindruck, wie ein ausrangierter Boxer mit weit abstehenden Ohren und mehrfach geknickter Nase.
»Steck nur die Dinger wieder weg, Sonny!«, bat Tom liebenswürdig. »Ich könnte sonst leicht nervös werden.«
»Halt's Maul!«, erwiderte der Boxer rau. »Geh bis an die Wand zurück, nimm deine dreckigen Flossen zur Decke und rühr dich nicht mehr! Es könnte sonst sein, dass du Bauchschmerzen bekommst!«
»Aber, Sonny!«, erwiderte Tom ruhig. »Dass dir die Kinderstube fehlt, sieht man dir an. Aber dafür kannst du ja nichts. Doch dass du Angst vor mir hast, obwohl du doppelt so groß und viermal so dick bist wie ich, das gefällt mir nicht an dir.«
»Halt's Maul!«, dröhnte der Hüne noch einmal mit höchster Lautstärke. Dann wandte er sich an Mr. Tennys Besucherin. »Da ist sie ja, die Kanaille!« Er grinste breit, gab sich aber nicht lange mit dem erschrockenen Girl ab. »Gib es schon heraus, Bloody!«, befahl er dann.
»Was denn?«, fragte der Ghostchef. »Wenn ich dir gefällig sein soll, musst du mir zumindest verraten, was du willst!«
Der Boxer tat einen Schritt auf Mr. Tenny zu. Das war unüberlegt gehandelt. Dabei hätte er eigentlich wissen müssen, dass sie sich in einem großen Bürohaus befanden, das voller Menschen steckte und in dem jeder Lärm sofort auffallen würde.
Außerdem hatte er seinen Gegner unterschätzt. Der ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, sondern holte nur weit aus.
Der Hüne vergaß das Schießen und musste sich beeilen, den rechten Haken abzudecken. Dass dieser nur eine Finte war, erkannte er nicht. Das war sein zweiter Fehler! Denn unmittelbar darauf folgte ein Tritt, der ihm schlecht bekam.
Nun hätte die Sache eigentlich ein Ende haben können. Doch Miss Ginny Munro war ein Biest.
Als sie sah, dass der Boxer weich in den Knien wurde und zu Boden ging, nahm sie vom Schreibtisch einen Aschenbecher und warf ihn dann unversehens Tom an den Kopf. Vollkommen überraschend. Der Ghostchef schnappte nach Luft und musste alle seine Kräfte aufbieten, um nicht umzukippen.
Indessen hatte sich der Boxer wieder aufgerappelt. Dem Hausherrn warf er nur einen giftigen Blick zu; sein Hauptinteresse galt Miss Munro – und dem Briefkorb auf dem Schreibtisch. Auf beide ging er taumelnd zu.
In diesem Augenblick kam die »Sekretärin« ins Zimmer. Ihre Augen funkelten, in der Hand hielt sie eine Flasche. Leer natürlich. Sie war nie für unangebrachte Verschwendung.
Der Hüne merkte nicht, dass sie sich wie eine Katze heranschlich und möglichst rasch an den Schreibtisch zu gelangen suchte.
Miss Munro merkte auch nichts, weil sie derweil die Mittagspost durchwühlte, und Tom hatte ohnehin noch gar nicht wieder die Kraft, aufzublicken.
Dann aber sah er doch, wie Ruby Long Maß nahm. Zuerst mit den Augen, dann mit dem Arm, und dann krachte es. Nicht übermäßig stark, doch es reichte.
Als die Flasche mit dem Kopf des Hünen in Berührung kam, erwies es sich, dass dessen Körper sehr stabil gebaut war. Die Flasche zersprang – aber der Schädel blieb ganz.
Dennoch schien es einen kleinen Kurzschluss gegeben zu haben. Denn der Hüne machte »Pfft!«, drehte sich um sich selbst und fiel schließlich auf das Parkett.
Miss Munro wirbelte herum. Sie starrte die »Sekretärin« verwundert an. Dann stieß sie ein zartes »Huch!« aus, tat einen großen Satz zur Tür hinüber und war gleich darauf verschwunden.
Ruby Long wollte hinter ihr her. Aber in diesem Augenblick fiel ihr Chef aus der Rolle. Ihm wurde schwarz vor den Augen.
Als Tom Prox nach einiger Zeit wieder zu sich kam, lag er auf der Couch. Jemand hatte ihm das Hemd über der Brust geöffnet und war dabei, ihm etwas aus seiner Whiskyflasche auf die Lippen zu träufeln.
Er blinzelte, erkannte Ruby und sagte: »Geht schon viel besser.«
Als er aber von der Couch stieg, hatte er noch immer das Gefühl, als befände er sich auf hoher See – bei Windstärke zwölf sogar. Er starrte Ruby verwundert an.
»Schade um die Coca-Flasche«, sagte sie nur. »Kommt so ein Kerl von draußen herein – ohne anzuklopfen natürlich –, versetzt mir ganz einfach zur Begrüßung einen Kinnhaken. Fünf Minuten lang war ich hinüber. Aber ich habe es ihm ja schließlich gegeben, und das freut mich!«
Der Ghostchef sah sich im Zimmer um. Dass Miss Ginny getürmt war, hatte er noch mitbekommen. Wann aber der Boxer verschwunden war, entzog sich seiner Kenntnis.
»Die beiden hatten es auf meinen Postkorb abgesehen«, stellte er sachlich fest. Er riss einen Brief nach dem anderen heraus. »Komisch!«, sagte er schließlich, als er den letzten Brief geöffnet hatte. Der Umschlag sah aus, als sei er in einem winzigen Kaff gekauft worden, in einem Generalstore sechster Güte. Er roch auch so.
Der Brief war bestimmt mit einem Zimmermannsbleistift geschrieben. Wahrscheinlich auch von einem Zimmermann, denn er bestand aus großen, plump gemalten Druckbuchstaben. Tom las halblaut:
»SER GEHERTER MR. TENNY! KENNEN SIE NICH' MAL NACHKUCKEN? HIER STINKT'S GANZ VERDAMMLICHT! DAS PASST MICH NICHT. GOTT ZUM GRUSS, JANET.«
»Der Wagen da hinten scheint es auf uns abgesehen zu haben«, sagte die Agentin besorgt.
»Unsinn«, erwiderte Tom vergnügt. »Wer sollte hier schon hinter uns her sein. Wie kommst du nur auf solche Gedanken?«
Sie befanden sich auf dem Weg nach Silverhill, einem kleinen Ort an der Küste. Diesen Namen hatte der Poststempel auf dem Brief dieser Janet getragen, und sie wollten der Sache nun auf den Grund gehen.
»Sie halten immer denselben Abstand«, meinte sie besorgt. »Egal, ob wir langsamer fahren oder ob du einen Zahn zulegst.«
»Dann legen sie auch einen zu, ja? Bist wirklich ein schlaues Kind«, erwiderte Tom.
»Wenn ich noch eine Flasche zur Hand hätte, wäre jetzt dein Schädel dran«, versicherte ihm Ruby sehr liebenswürdig. »Wir sind längst aus dem Verkehr heraus! Kein anderes Auto auf der ganzen Landstraße als unsere beiden. Bald erreichen wir Silverhill. Für eine kleine Schießerei gibt es keine bessere Gelegenheit als den Wald dort. Gib doch noch etwas mehr Gas, Tom! Vielleicht können wir sie abhängen.«
Aber die anderen ließen sich nicht abhängen. Sie verfügten sicher über einen stärkeren Motor und legten plötzlich gewaltig zu.
Aufgeregt rief Ruby Tom die neuesten Meldungen zu: »Jetzt sind sie gleich heran! Zum Teufel, Tom, sie werden uns doch nicht rammen wollen?«
Der Ghostchef beugte sich tief übers Steuer. Das Gaspedal trat er bis zum Anschlag durch. Mehr konnte er nicht tun.
»Du, der will uns überholen, vielleicht ist es doch keine Verfolgung.«
»Überholen?«, fragte nun Tom besorgt. »Dann wird es kritisch! Pass auf, dass du mir nicht die Windschutzscheibe beschädigst!«
In diesem Moment flitzte der fremde Wagen an ihnen vorüber.
Tom konnte bei dieser Geschwindigkeit nichts ausmachen. Aber ihm war, als säße der Boxer am Steuer – und im Fond die reizende Ginny Munro.
Vorsichtshalber nahm er also den Fuß vom Gaspedal. Denn es war schon vorgekommen, dass ein Wagen, nachdem er überholt hatte, plötzlich abbremste und sich querstellte, während die Insassen rechts und links über die Straße davonrannten, damit sie möglichst weit weg waren, wenn der Zusammenstoß erfolgte.
Aber es gab keinen Zusammenstoß. Der fremde Wagen drehte immer mehr auf, als er vorüber war. Zwei Minuten später war er nur noch als kleiner Punkt zu erkennen, und bald darauf war gar nichts mehr von ihm zu sehen.
»Vielleicht planen sie etwas ganz anderes als einen Zusammenstoß«, meinte Ruby. »Hinten saß dieses blonde Biest ...« Sie stockte plötzlich und schrie dann: »Achtung, Tom!«
Der Ghostchef sah es im selben Augenblick. Es hatte wirklich einen Zusammenstoß gegeben, aber mit einem anderen Wagen, der den beiden entgegengekommen war. Da die Straße ausgerechnet in diesem Teil sehr kurvenreich war, hatte der Fahrer ihn wohl nicht rechtzeitig gesehen.
Tom trat in die Bremsen. Was vor ihnen auf der Straße lag, war ein großer Haufen Schrott. Alles war verbogen und ineinander verkeilt.
»Bleib sitzen, Ruby«, sagte Tom, als er aus dem Auto kletterte. »Ich will mir die Sache einmal von nahe ansehen. Die nächste Polizeistation anrufen – mehr können wir wahrscheinlich nicht tun.«
Natürlich folgte ihm Ruby trotzdem, und in der nächsten Sekunde betrachtete sie die Überreste der beiden Autos mit Bestürzung.
»Um den Boxer brauchen wir uns nicht mehr zu kümmern«, sagte sie dann. »Das Steuer hat ihm die Brust eingequetscht. Er ist tot.« Sie riss zunächst vergeblich an den verbogenen Blechen herum, die früher einmal Türen gewesen waren.
Den zweiten Wagen hatte es noch schlimmer erwischt. Nur ein Mann war darin, er musste sofort tot gewesen sein.
Ruby bekam nun tatsächlich eine der beiden Fondtüren auf. Dann stand sie vornüber gebeugt und starrte hinein.
»Das Girl atmet noch«, sagte sie verwundert, aber auch erleichtert.
Ginny Munro war tatsächlich wie durch ein Wunder am Leben geblieben. Sie war bewusstlos, aber sie atmete noch!
»Fahr los!«, verlangte Tom. »Fahr wie der Teufel! Irgendwo hier wird es wohl eine richtige Stadt geben. Dort gibt es dann auch eine Polizeistation. Sie sollen sich aber beeilen.«
Aber Ruby brauchte sich nicht zu bemühen.
Der Ton, den sie plötzlich hörten, war ihnen nur allzu vertraut: die Sirene eines Polizei-Streifenwagens. Das Ding kam von Frisco her und bremste direkt auf Höhe der Unfallstelle.
Gleich darauf standen zwei Polizeibeamte neben ihnen. Sie sagten zunächst gar nichts, sondern musterten Ruby und Tom nur, als hätten sie zwei Morde auf dem Gewissen.
Dann knurrte der eine von ihnen: »Was war hier los?« Er trug ein so lächerliches Bärtchen unter der Nase, dass er wie ein Salon-Italiener aussah.
»Das sehen Sie doch!«, entgegnete der Ghostchef. »Wieder zwei, die wie die Wilden gefahren sind.«
Der Mann warf Tom einen misstrauischen Blick zu. »Kennen Sie die Leute?«
»Möchten Sie sich nicht lieber um die Frau kümmern? Soweit wir feststellen konnten, lebt sie noch.«
Der eine der beiden Beamten warf einen kurzen Blick in den Wagen.
Gleich darauf wandte er sich an seinen Kameraden: »Schick mal einen Funkspruch los, Fred, sie sollen alles herschicken, was in solchen Fällen üblich ist.« Dann wandte er sich wieder Tom zu. »Wer sind Sie?«, fragte er scharf. »Was haben Sie mit dieser Sache zu tun?«
Der Ghostchef griff in die Tasche und hielt ihm seine Erkennungsmarke unter die Nase. Der Mann besah sie von allen Seiten und wurde sofort äußerst liebenswürdig.
»Excuse, Sir!«, bat er betont höflich.
In diesem Augenblick gab ihm Tom einen kräftigen Stoß. Im Bruchteil einer Sekunde ging der Mann zu Boden, rollte wie ein Ball über die Straße, um möglichst schnell in den Straßengraben zu gelangen.
Der Ghostchef und Ruby folgten.
Die Schüsse, die plötzlich über die Straße hinwegfegten, kamen aus einer Maschinenpistole. Wo der Schütze stand, wusste im ersten Moment keiner.
Dann aber erkannte Tom, dass der Kerl, der so sehr darauf bedacht war, sie ins Jenseits zu schicken, hinter einem niedrigen, sehr dichten Gebüsch steckte, nicht weiter als zehn Meter von ihnen entfernt.
Plötzlich aber raste ein großes schwarzes Auto heran. Die Maschinenpistole schwieg, der Wagen hielt. Man zerrte Ginny aus dem Schrotthaufen und lud sie in den schwarzen Straßenkreuzer, der dann sofort wieder abbrauste. Dann war alles wieder still.
Plötzlich bemerkte Tom hinter dem Gebüsch, in dem der Maschinenpistolenschütze sitzen musste, eine hastige Bewegung. Gleichzeitig heulte in der Ferne die Sirene eines zweiten Streifenwagens auf.
Tom schoss ein paarmal aufs Geratewohl ins Gebüsch hinüber, bekam jedoch keine Antwort. Der Kerl war schon getürmt.
Dann war der Polizeiwagen heran. Acht Beamte sprangen heraus, schwärmten sofort aus und suchten den Waldstreifen ab. Außer Patronenhülsen aber fanden sie nichts.
Eine Stunde später langten die beiden Ghosts in Silverhill an. Dieser Ort, der auf den Klippen lag, die steil zum Meer hin abfielen, war eines der gottvergessensten Käffer, in das sie je einen Fuß gesetzt hatten.
Vor dem ersten Store machte Tom halt, kaufte ein Päckchen Zigaretten und erkundigte sich bei dem schmuddeligen Dicken, der hinter der Ladentheke stand, ob er schon jemals etwas von einer Person namens Janet gehört hätte, die hier in Silverhill wohnen sollte.
Während der Keeper erst den Kunden, dann dessen Begleiterin misstrauisch musterte, ließ sich von der Straße her schauriger Gesang vernehmen. Es war ein sehr deftiges Seemannslied. Der Keeper führte seine Besucher zur Ladentür. Draußen torkelte ein altes Weib vorüber. Die Alte war vollkommen betrunken.
»Please«, meinte er grinsend, »da ist Ihre Janet!«
Die Alte hörte ihn gehört und stierte böse zu ihm herüber.
»Halt dein ungewaschenes Maul, du dreimal enthäuteter Salzmolch!«
So blau sie auch war, ihre Ohren schienen noch in Ordnung. Dann sie wandte ihre Aufmerksamkeit Tom Prox zu. Sie haschte nach seiner Hand, und er bekam dadurch Gelegenheit, das Weib genauer zu betrachten. Alles war an ihr dran, was an einer Frau eigentlich nicht hätte dran sein sollen – einschließlich der daumengroßen Warze auf der Nase.
»Haben Sie mir diesen komischen Brief hier geschrieben?«, erkundigte sich Tom misstrauisch.
In die Augen der Frau trat ein listiges Funkeln.
»Schreckliches Dasein, wenn man alt wird!«, jammerte sie. »Ich habe ein verdammt schlechtes Gedächtnis. Behalte nichts, wenn man meinen Gedanken nicht mit einem Schuss Whisky auf die Beine hilft. Wie wäre es mit einem Fläschchen? Dieser Fettwanst hat die richtige Sorte für mich.«
»Zuerst eine Frage, Janet. Schrieben Sie diesen Brief oder nicht?« Tom wurde energisch.
»Natürlich tat ich das!«
Tom ließ eine Flasche von dem Fusel einpacken. Die Alte drückte dankbar seine Hand. Dann zogen sie los.
»Wohin?«, fragte Tom.
»Gehört das Wägelchen dort Ihnen? Ich habe mir schon lange einmal gewünscht, Auto zu fahren. Steigen wir also ein!«
Es wurde eine lustige Fahrt. Ruby saß hinten, die Alte hatte neben Tom Platz genommen; sie musste ihm den Weg zeigen. Jedem Vorübergehenden winkte sie mit beiden Armen zu, und wer sie nicht sehen wollte, den grölte sie an. Zum Glück war Silverhill nicht groß. Dann ging es auf die Küste zu.
Schließlich hielten sie vor einem verwahrlosten Haus.
»Meine Villa!«, erklärte die Alte. »Kommen Sie nur rein, Gent! Wenn das Girl mitkommen will, kann sie das gerne tun.«
»Ich bleibe lieber draußen!«, sagte Ruby hastig. »Gib acht, Tom, dass sie dich nicht in den Backofen steckt!«
Tom betrat die sehr dreckige Stube. Die Alte torkelte auf eine wackelige Kommode zu, riss eine Schublade auf und kam mit einem Korkenzieher zurück. Mit einer Schnelligkeit, die auf jahrzehntelange Übung schließen ließ, holte sie den Pfropfen aus dem Flaschenhals. Dann setzte sie die Flasche an den Mund. Als sie sie wieder auf den Tisch stellte, war sie nur noch halb voll.
»Das tut gut, Boy! Jetzt frag! Leg dir keinen Zwang auf!«
»Warum schrieben Sie mir diesen Brief? Und warum kamen, noch ehe ich Zeit hatte, ihn zu lesen, gleich Leute, um ihn mir wieder abzunehmen?«
»Da kamen welche?«, rief sie triumphierend. »Hätte nicht gedacht, dass die es so eilig damit hätten!«
Tom beschrieb die schöne Ginny. Die Alte nickte vergnügt.
»Das ist sie! Ein Aas, was? Natürlich bist du gleich auf sie hereingefallen, Kleiner?«
»Ich hatte keine Gelegenheit dazu. Noch ehe wir nähere Bekanntschaft miteinander schließen konnten, tauchte so ein Schläger mit einem schiefen Boxergesicht auf. Dann ging es gleich lustig her.«
»Vor dem musst du dich vorsehen«, meinte die Alte. »Der ist verdammt rasch mit dem Schießeisen.«
»Der kann mir nicht mehr gefährlich werden.« Tom berichtete ihr von dem Umfall.
»Du fackelst wohl nicht lange, wie?« Das Weib kicherte. »Ginny auch? Viel hat die Welt nicht an ihr verloren.«
»Als ich sie das letzte Mal sah, lebte sie noch«, erwiderte er. »Aber was haben diese Leute mit der Sache zu tun? Woher kannten Sie überhaupt meine Adresse?«
»Ging neulich mal an deinem Haus vorbei. ›Tom Tenny – Ermittlungen‹. Das Schild gefiel mir. ›Tom Tenny ist der richtige Mann für uns‹, sagte ich zu Maud.«
»Wer ist das nun wieder?«, unterbrach Tom sie.
Sie bückte sich, nahm einen Knüppel vom Boden auf und warf ihn mit voller Wucht gegen die geschlossene Tür. Zwei Minuten später steckte ein Mädel sehr vorsichtig den Kopf herein. Womöglich flogen in Janets Haus noch andere Dinge durch die Luft!
»Komm her und gib Pfötchen!«, rief die Alte.
Ein Mädchen trat ins Zimmer und blickte drein, als wollte sie erst mal feststellen, ob auch die Luft sauber war. Sie war ungefähr sechzehn und steckte in schmierigen Kleidern.
»Erzähl dem Gent, was los ist!«, forderte die Alte sie auf.
»Ich weiß nicht, ob überhaupt was los ist«, erwiderte das Mädchen zurückhaltend.
»Und dass sich immer diese komischen Männer gerade hier herumtreiben, ist wohl gar nichts?«, fuhr die Alte sie an. »Dass sie meine Schlingen und Fallen zerstören ...?«
»Was für Fallen?«, fragte Tom interessiert.
»Von etwas muss der Mensch ja schließlich leben! Viele Kaninchen kriechen hier herum, an den Klippen und im Sand, und noch viel mehr im Wald. Ich fange sie und verkaufe sie. Gibt gewisse Wirtschaften, die servieren sie ihren Gästen gern als Hasen. Und nun wollen sie mir das verbieten! Die Männer dulden das einfach nicht.«
»Was sind das für Männer?«
»Die aus ›Jumping Horse‹, einer ehemaligen Besitzung in der Nähe des Wassers. War mal eine Ranch, aber das ist schon lange her. Jetzt haben sie ein modernes Lokal daraus gemacht – mit Hintertreppen!« Sie lachte. »Die feinen Leute kommen bis von Frisco hier heraus und amüsieren sich.«
In diesem Augenblick hörte man draußen einen Aufschrei und gleich darauf eine empörte Männerstimme: »Sie brauchen doch nicht gleich handgreiflich zu werden, Lady! Das war gar nicht böse gemeint! Wenn ich ein hübsches Girl sehe, juckt es mich in den Fingern.«
»Verduften Sie, und zwar rasch!«
