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Mit "Zwerge der Meere" wird das gewohnte Bild der Zwerge auf spannende und zugleich sympathische Weise auf den Kopf gestellt. Hier lebt das kleine Volk auf schwimmenden Städten und arbeitet unter der Meeresoberfläche. Mit dem pragmatischen Humor und dem typischen Einfallsreichtum der Zwerge bestehen sie manches Abenteuer auf und unter dem Wasser.
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Seitenzahl: 641
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Michael Schenk
Zwerge der Meere
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Inhaltsverzeichnis
Titel
01 Die Stadt auf dem Meer
02 Ein altes Schiff, ein alter Freund
03 In letzter Sekunde
04 Benderskart
05 Am Hof des Reiches Telan
06 Ein bemerkenswerter Fund
07 Massaker in Benderskart
08 Verhängnisvolle Begegnung
09 Ein weiser Rat
10 Des Königs Admiral
11 Ein Ort des Todes
12 Der zweite Name
13 Die Sendar
14 Ihrer Majestät Schlachtkreuzer Envaar
15 Rettung in Sicht
16 Im Sturm
17 Waffentest
18 Beutestücke
19 Der Seefalke
20 Ein Gespräch unter Männern
21 Die Heilerin
22 Das treibende Wrack
23 Wünsche und ein offener Schädel
24 Eine katastrophale Fehlfunktion
25 Gefährlicher Landausflug
26 Die Jäger
27 Kampf um das Zwergenschiff
28 Der einsame Seefalke
29 In der Admiralität des Reiches Telan
30 Das Herz eines Zwerges
31 Die Säule aus Kristall
32 Die Envaar im Gefecht
33 Die Überlebende
34 Zwergenwerk
35 Die Unbarmherzigen
36 Landgang
37 Zu Gast in der schwimmenden Stadt der Zwerge
38 Der Rat des Clans
39 Das Können der Zwerge
40 Die Herrin der Sendar
41 Eine Stadt wird verlegt
42 Feind in Sicht
43 Das fremde Schiff
44 Unerwartete Freunde
45 Der Zwerge Mut und Findigkeit
46 Atempause
47 Eine Frage der Ehre
48 Die Schlacht
49 Eine letzte Ehre
50 Rechenschaft
51 Erfüllung
52 Hinweis: Zwerge der Meere 2 – „Velara“
53 Weltkarte „Zwerge der Meere“
Impressum neobooks
Die Zwerge der Meere
Fantasy
von
Michael H. Schenk
© Michael H. Schenk 2010
Printausgabe Arcanum Fantasy
© Michael H. Schenk 2018
Erstmalige e-Book-Ausgabe
Varnum nahm seine beiden Bartzöpfe nacheinander in die Hände und folgte aufmerksam jeder Flechtung des Haarverlaufes, bis hinunter zu den kleinen Lederbeuteln, welche die Enden verhüllten. Er war stolz auf seine Zöpfe. Trotz seiner Jugend reichten sie ihm bereits bis zu den Knien, genau das richtige Maß für einen Zwergenmann. Nur die blassen Spitzen an den ansonsten tiefroten Haaren verrieten, das Varnum gerade erst an der Schwelle stand, ein richtiger Mann zu werden. Wenn sie gleichmäßig tiefrot gefärbt waren, dann konnte er damit rechnen, Eindruck auf die Frauen und Mädchen zu machen. Tiefrote Zöpfe und den zweiten Namen, das brauchte er, um im Rang aufzusteigen und eine Frau suchen zu dürfen. Gefunden hatte er sie eigentlich schon. Besana, die hübsche junge Zwergin, die in der Heilerstube arbeitete. Sie ahnte wohl auch, dass Varnum mehr als nur ein Auge auf sie geworfen hatte, doch es war ihm noch nicht gestattet, sich ihr ernsthaft zu nähern. Man legte Wert auf die Traditionen des Zwergenvolkes, im Clan der Eldont´runod.
Er seufzte leise und legte die Zöpfe in den Nacken, um sie dort sorgfältig zu verknoten.
Oldrum, sein Freund, hatte das leise Seufzen gehört. Besorgt runzelte er die Stirn. „Ist alles in Ordnung? Oder müssen wir schneiden? Ich habe ein gutes Messer.“
„Ich habe selbst ein gutes Messer“, erwiderte Varnum und legte die Hand unbewusst an den Griff der stählernen Klinge, die in der rechten Beinscheide steckte. „Nein, Oldrum, alles ist in Ordnung.“
„Na schön, es ist deine Luft, um die es geht.“ Oldrum strich über einen seiner eigenen Zöpfe. „Ich pumpe ja nur und du weißt, du kannst dich auf mich verlassen, aber wenn deine Zopfhaare in das Atemventil geraten…“
„Ich weiß. Ich tauche ja nicht zum ersten Mal.“
„Heute Morgen scheinst du ein bisschen gereizt, Varnum. Wenn du dich nicht wohl fühlst…?“
„Es ist alles in Ordnung“, bekräftigte Varnum. Entschuldigend sah er seinen Freund an und lächelte. „Wirklich. Ich habe schlecht geschlafen, das ist alles.“
Oldrum nickte und stützte sich auf den Schwengel der großen Luftpumpe, die am Rand der Taucherplattform stand. „Du musst ausgeruht sein und dich konzentrieren können.“ Er sah Varnums Gesicht und grinste breit. „Schon gut, ich weiß, alles ist in Ordnung.“
„So ist es.“ Varnum prüfte die Schnallen und Dichtungen seines Tauchanzugs. Er tat das, wie alles, was mit dem Tauchen zusammenhing, sehr sorgfältig. Sein Leben hing davon ab und nicht nur seines, denn sie würden in der Gruppe „unten“ sein und schürfen.
Der Tauchanzug ähnelte einer Rüstung, die den Oberkörper vollständig umhüllte. An der Hüfte und den Armen befanden sich breite Ledermanschetten, die gut gefettet waren und mit Riemen eng geschlossen wurden. Es schnitt ein wenig ins Gewebe, aber nicht so, dass es besonders schmerzhaft gewesen wäre oder gar den Blutkreislauf unterbrochen hätte. Jeden Tag mussten die Teile überprüft werden. Eine Undichtigkeit konnte fatale Folgen haben. Natürlich ließ sich das nie ganz ausschließen, denn man musste sich ja in den Tauchanzügen bewegen. Meist waren es nur wenige Schlucke Wasser, die in den Helm sickerten, bis das Leder in der Nässe ausreichend gequollen war. Im Süßwasser war das unproblematisch. Wenn es nicht zu viel wurde, konnte man es vielleicht aufsaugen. Im Salzwasser hingegen musste man den kleinen Schwamm benutzen, der vor dem Kinn befestigt war. Ein paar Tropfen Wasser im Helm musste man einfach hinnehmen. Wurde es wirklich zu viel, dann blieb einem nur die Möglichkeit aufzutauchen und es erneut zu versuchen. Natürlich war das zeitraubend und umständlich, von der Gefahr einmal ganz abgesehen, und so versuchten die Zwergentaucher dieses Risiko so gering wie möglich zu halten. Dafür gab es die „Tonne“, die Varnum bald benutzen würde.
„Warte, ich helfe dir.“ Oldrum packte den schweren, mit Metall gefassten, gläsernen Kugelhelm und hob ihn auf die Schultern des Freundes. „Moment, deine Zopfenden… Alles klar.“
Eine leichte Drehbewegung im Halsring, das metallische Schnappen der Scharniere und der Helm saß fest. Ab diesem Augenblick musste Varnum auf die Handreichungen des Freundes verzichten, denn nun war er auf die Luftzufuhr des Schlauches angewiesen.
Oldrum packte den Pumpenschwengel, begann ihn langsam auf und ab zu bewegen. Durch den dicken, noch aufgerollten Schlauch, drang ein Schwall abgestandener Luft. Es schmeckte nach Gummi, der in der Sonne aufgeheizt war. Dann wurde die Luft kühler und frischer.
Varnum zeigte dem Freund die Faust, zum Zeichen, dass alles funktioniere und ging an die Tonne.
Neben ihm traten noch fünf andere Zwerge an ebensolche Behälter, schritten die wenigen Stufen der Leitern hinauf und ließen sich langsam in die engen und hohen Fässer hinein gleiten. Das Wasser schlug über ihren Köpfen zusammen. Dunkles, gefärbtes Wasser, das ihnen sofort die Sicht nahm. Schon mancher Anfänger, der zu seinem ersten Tauchgang angetreten war, scheiterte an dieser Prüfung. Die Dichtigkeit der Helme hätte man auch im Meer prüfen können, nicht jedoch die Eignung zur Arbeit in ewiger Dunkelheit. Einige Zwerge hielten die Enge und Dunkelheit nicht aus und tauchten dann aus der „Tonne“ auf, rissen sich panisch den Helm vom Kopf. Nein, die Arbeit unter Wasser war nicht jeden Zwerges Sache.
Der Helm schien dicht zu sein, aber Varnum hatte inzwischen Erfahrung genug, dass sich das letztlich erst in größerer Tiefe herausstellen würde. Sobald der Wasserdruck stieg, würden die Dichtungen und Anschlüsse erheblich belastet werden. Varnum drehte sich in der Tonne, kam nahezu zeitgleich mit den anderen Schürfern ans Tageslicht zurück. Erneut zeigte er Oldrum die Faust und trat dann, endlich, an den Rand der Plattform.
Die Stadt des Eldont´runod-Clans schwamm, durch ihre Treibanker fixiert, auf dem Südmeer. Das war ein Glück für die Zwerge, die an diesem Tag tauchen würden. Hier war das Wasser glasklar und an dieser Stelle befand sich der Meeresboden in kaum zwanzig Metern Tiefe. Sie würden einen kurzen Weg und gute Sicht bei der Arbeit haben. Zumindest solange, bis ihre Arbeit den Schlamm und die Sedimente des Bodens aufwirbelte.
Die Tauchplattformen mit den Luftpumpen befanden sich rings um die schwimmende Stadt. Sie waren an den äußersten Flößen befestigt und auf jeder dieser Plattformen bereiteten sich nun Schürfergruppen darauf vor, in die Tiefe zu sinken und ihre Arbeit aufzunehmen.
Varnum nickte seinem Freund nochmals zu und vergewisserte sich, dass der Luftschlauch lose gerollt war und frei bewegt werden konnte. Dann ein letzter Griff an den Werkzeuggurt, an dem Hammer und Meißel hingen. Alles war an seinem Platz und in Ordnung und Oldrum würde darauf achten, dass ihm die Luft nicht zu knapp wurde. Natürlich würde Oldrum bald abgelöst werden, denn das Pumpen war schwere Arbeit. Varnum wusste, dass sein Freund die Plattform aber nicht verlassen würde, bis er selbst wieder gesund an die Oberfläche gelangt war. Oldrum war allzeit bereit einzuspringen, wenn er Varnum in Gefahr wähnte. Nicht umsonst waren die meisten Pumper und Schürfer in tiefer Freundschaft verbunden.
Varnum spürte die Kälte des Wassers an den Füßen, als er sich langsam ins Meer gleiten ließ. Kalt, aber nicht zu kalt. Er fragte sich, wie es wohl die Clans im eisigen Nordmeer anstellten, unter Wasser zu arbeiten, ohne zu erfrieren. Mit einem leichten Ruck kam er endgültig frei, das Wasser schlug über ihm zusammen. Er genoss diesen Moment, der ihm die Schwere nahm, spürte die Metallgewichte an den Füßen, die ihn nach unten zogen. Sorgsam berechnet, damit es nicht zu schnell ging. Die Gewichte waren mit großen Schnallen versehen, damit man sie mit einem kurzen Griff lösen konnte.
Varnum konnte sich noch erinnern, wie man einst, als er noch ein kleiner Hüpfling des Clans gewesen war, seinen Vater aus den Fluten zog. Er war ertrunken, da sein Helm undicht gewesen war. Sein Vater hatte es nicht mehr geschafft, die Gewichte zu lösen und frei zu kommen. Sie hatten ihn auf dem Meeresboden festgehalten und so hatte der Tote auf makabre Weise auf dem Grund gestanden, bis man ihn entdeckte und ihn endlich nach oben brachte. Damals war Varnum zum Waisen geworden, denn seine Mutter war schon zuvor an Gelbsaftmangel gestorben. Die Fürsorge des Clans war es gewesen, die ihm Halt gegeben hatte. Trotz oder gerade wegen des schrecklichen Todes seines Vaters, war Varnum ebenfalls Schürftaucher geworden.
Er drehte sich leicht um die Achse und blickte nach oben. In dem kristallklaren Wasser sah er die Segmente der Stadt über sich und die Säcke der Treibanker, die sie in Position hielten.
Der Clan der Eldont´runod war relativ klein und zählte nur wenige tausend Häupter. Varnum wusste, dass es eine ganze Reihe sehr viel größerer Clans gab. Alle zehn Jahre trafen die Zwerge der Meere sich an einem zuvor vereinbarten Punkt irgendeines Meeres und dann war das Wasser von den schwimmenden Städten bedeckt. Man handelte miteinander und tauschte Erfahrungen und Geschichten aus. Die jungen Männer und Frauen im heiratsfähigen Alter wechselten dann oft den Clan, damit das Blut der Städte frisch blieb und vielfältig war. Varnum hoffte, er werde die Einwilligung zur Heirat mit Besana erhalten, bevor die nächste Zusammenkunft in zwei Jahren stattfand. In den anderen schwimmenden Städten würde man sich um die hübsche junge Frau reißen. Wenn Varnum ihr Herz bis dahin nicht erobert hatte, konnte es gut sein, dass sie in eine andere Stadt wechselte und ein anderer Mann sie in sein Heim führte.
Jeder Zwergenclan lebte in seiner eigenen Stadt, wie es auch die Clans an Land taten. Aber im Gegensatz zu den „Landfüßen“, betraten die Zwerge der Meere selten festen Boden. Eigentlich nur, um dort das kostbare Holz zu schlagen und das lebenswichtige Trinkwasser zu holen, wenn sie das Wasser des Meeres nicht nutzen konnten, auf dem ihre Stadt ankerte.
Die schwimmende Stadt bestand aus dutzenden riesiger fünfeckiger Flöße. Sie waren mit Tauen und Ketten miteinander verbunden, die sich im Falle der Gefahr voneinander lösen ließen. Bequeme Stege führten von einem Floß zum nächsten und alles war, durch den Wellengang, in einer stetigen Bewegung. Das Auf und Ab waren die Zwerge der Meere gewöhnt, Landfüßen hingegen bekam es nur selten und ihre Besuche waren meist nur kurz. Die Flöße bewegten sich beim Schwimmen stärker, als der Rumpf eines Schiffes. Als Varnum zum ersten Mal an Land gewesen war, hatte er die stetigen Bewegungen des Meeres unter seinen Füßen vermisst und war wie ein Betrunkener getorkelt und sogar gestürzt. Keiner hatte deswegen gelacht. Den Landfüßen erging es umgekehrt nicht viel besser, wenn sie erstmals auf See waren.
Auf den Flößen standen die Gebäude der Stadt und da die Flöße riesig waren, konnte man erstaunlich große und robuste Häuser errichten. Das mussten sie auch sein, um schwerem Wetter und Stürmen zu trotzen. Jedes Floß hatte einen Mast, an dem sich notfalls ein Segel setzen ließ, aber meist wurden sie geschleppt, wenn die Stadt ihren Ankerplatz wechselte. Dann glitt die Stadt, unter der Kraft zahlloser Ruder und ziehender Rammboote, behäbig über die See. Die inneren Flöße waren dem gesellschaftlichen Leben und der Unterkunft der Zwerge gewidmet. Dort schliefen die verheirateten Paare und die unverheirateten Frauen. Dort gab es Wohnhäuser und Schänken, Läden und das Haus des Ältestenrats.
Alle unverheirateten Zwerge männlichen Geschlechts hatten ihr Heim im äußeren Ring der Stadt. So waren sie schnell auf Posten, wenn Gefahr drohte. Hier lagen auch die Küchen und Werkstätten des Clans, in denen offene Feuerstellen unterhalten werden mussten. Kein Feuer durfte auf den inneren Flößen brennen, wo es außer Kontrolle geraten und verheerende Wirkung haben mochte. Die Flöße der Stadt waren, in des Wortes wahrstem Sinn, die Lebensgrundlage des Clans. Auch wenn man von Wasser umgeben war, so konnte ein unkontrollierbarer Brand wichtige Flöße vernichten, bevor man die Stadt auflösen konnte. So richteten die Wächter der Nacht ihr Augenmerk besonders auf die wenigen Lampen der nächtlichen Beleuchtung.
An den äußeren Flößen lagen die Tauchplattformen, die Anlegestellen der Boote und Schiffe und die Lager mit den Handelswaren.
Tag und Nacht waren Boote unterwegs, um nach Gefahr und Fisch zu spähen. Manche Fischarten gingen tagsüber ins Netz, andere kamen erst in der Nacht an die Oberfläche. Den Zwergen war es gleich, wann der Fisch gefangen wurde, der ihre Mägen füllte.
Neben Fisch gehörten Getreide und Fleisch zu ihren Hauptnahrungsmitteln. Einige der Flöße waren dafür eingerichtet, auf ihnen Getreide zu ziehen und kleines Nutzvieh zu halten. Selbst Obst gedieh unter der sorgsamen Obhut der Frauen, aber es war nicht viel und seine Pflege war schwierig. Vor allem an der empfindlichen Gelbfrucht konnte rasch Mangel entstehen. Der Saft der Gelbfrucht schmeckte bitter und sauer zugleich und keiner hätte ihn ohne Notwendigkeit getrunken. Aber dieser Saft versorgte den Körper der Zwerge mit wichtigen Substanzen. Wenn er länger als drei Monate fehlte, begannen sich die Zähne zu lockern und fielen aus und wenn das geschah, war der Leib schon stark geschädigt. Der Betroffene konnte oft keine Nahrung mehr bei sich behalten und war damit dem Tod geweiht. Die Gelbfrucht gehörte also zu jenen Gütern, welche die Zwerge der Meere bevorzugt einhandelten. Das zweitwichtigste Gut war Gummi, gefolgt von Holz, das man jedoch notfalls selbst auf einer Insel schlagen konnte.
So bedeutsam die Gelbfrucht für die Gesundheit der Clans war, so kostbar war Gummi für ihre Arbeit. Es war teuer und selten und man sparte es ein, wo immer es ging. Daher bestanden die Dichtungen der Tauchanzüge aus Leder und nicht jenem viel flexibleren Material, das man für die Luftschläuche, Ventile und Pumpen brauchte.
Ein Luftschlauch musste sehr lang sein. Meist maß er knapp zweihundert Meter und war dick genug, damit die Pumpen Luft hindurch pressen konnten. Dabei musste er stabil und zugleich flexibel sein. In den Werkstätten des Clans wurde ein hervorragender Draht hergestellt, der in enge Spiralen gedreht wurde. Über diese Drahtspirale zog man eine Haut aus Gummi. Darüber kam eine Schutzschicht aus Stoff. Es waren die sensibleren Hände der Frauen, die das Wunder vollbrachten und einen solchen Atemschlauch herstellten. Die Schlauchmacherinnen genossen daher bei Schürfern und Pumpern hohes Ansehen. Alle Pflege des Materials konnte aber nicht verhindern, dass die Schläuche im Lauf der Zeit porös wurden.
Während Varnum dem Meeresboden entgegen sank, musterte er daher aufmerksam seinen Schlauch, ob irgendwo verräterische Luftblasen aufstiegen. Noch war Zeit zur Umkehr. War man unten auf dem Grund, konnte sich jeder Zeitverlust als tödlich erweisen.
In diesen Minuten des Abstiegs hatte keiner der Schürftaucher einen Blick für das Umfeld. Seine Aufmerksamkeit galt nun ganz der Funktionstüchtigkeit seines Tauchanzuges und des Schlauches.
Keiner von ihnen achtete, von einem flüchtigen Blick abgesehen, auf die Schönheit, die ihn umgab. Die Reflexe des Sonnenlichtes spiegelten sich an der Oberfläche. Im kristallklaren Wasser bewegten sich Fische in erstaunlicher Vielfalt. Manche davon waren prächtig in ihrer Farbenvielfalt und Form, andere wirkten farblos und unscheinbar, suchten Schutz in der Größe ihres Schwarms. Hier gab es Jäger und Gejagte, aber die meisten Fische wurden einem Zwerg nicht gefährlich. Doch es gab auch die großen Dornfische und andere Räuber, die gelegentlich die Nähe der großen Schwärme suchten, um ihre Beute zu schlagen. Sie machten keinen Unterschied, wessen Fleisch sie kosteten. Diese Jäger waren der Grund, warum die Abfälle des Clans weitab der Stadt von Booten ins Wasser geworfen wurden. Dort sammelten sich dann die ewig hungrigen Schwärme und diese wurden von den Fischern der Zwerge und den Raubfischen gleichermaßen gejagt.
Unterhalb der schwimmenden Stadt befanden sich über den Schürftauchern noch andere Zwerge im Wasser. Axtschläger nannte man die Kämpfer der Zwergenclans, auch wenn sie keinesfalls nur mit der Axt kämpften. Sie waren ausgewählte Krieger, für den Kampf trainiert und beherrschten jede Waffe, über die das Zwergenvolk verfügte. Die sich nun als Wachen im Wasser befanden, trugen keine Tauchrüstungen, die ihre Beweglichkeit gefährlich eingeschränkt hätten und sie konnten ihre Luft gut einteilen. Sie hielten lange Speere in ihren Händen bereit. Ein schwacher Schutz, wenn die Räuber der Tiefe ernstlich angriffen.
Varnum spürte, wie der Wasserdruck anstieg. Wenigstens würden sie in einer bequemen Tiefe arbeiten, von der aus sie leicht und ohne Zwischenpausen an die Oberfläche aufsteigen konnten. Er blickte nach unten und sah den Meeresboden näher kommen.
Auch hier herrschte die Vielfalt der Farben. Riesige Korallenbänke erstreckten sich vor Varnums Augen, teilweise mit anderen Pflanzen bedeckt, zwischen denen Fische umher huschten oder sich verbargen. Dazwischen waren einige Stellen mit Sand zu sehen. Inmitten dieser Farbenpracht war eine rechteckige Fläche zu erkennen. Hier war der Grund aufgewühlt worden, zerhackt von Meißeln und Beilen.
So reich die Meere an Pflanzen und Tieren waren, so reich waren sie auch an anderen Rohstoffen. Die erfahrenen Zwerge hatten einen Instinkt dafür entwickelt, wo sich unter der Oberfläche Adern von Erzen, Gold oder Kristall finden ließen. Eisen war leicht zu finden. Die Pflanzen über einer solchen Ader sogen es über ihre Wurzeln auf und hatten meist eine rötliche Färbung. Auch Kristalle ließen sich rasch finden, denn ihre Strukturen erhoben sich über den Meeresboden. Manchmal nur Zentimeter, oft jedoch mehrere Meter hoch. Auch in der Nähe der momentanen Schürfstelle ragten ein paar Kristalle empor, wie die schimmernden Blüten einer Pflanze. Aber diese hoch wachsenden Kristalle waren meist von minderer Qualität und das Zwergenvolk nahm sie nur, wenn nichts Lohnenderes lockte.
Als die Stadt hier ihre Anker auswarf, da hatte der alte Birunt Hammerschlag sich höchstpersönlich ins Wasser begeben. Er hatte seinen Körper in einen Tauchanzug gequält, um mit seinen untrüglichen Instinkten festzustellen, ob sich hier der Abbau lohnte. Er war der älteste und erfahrenste Schürfer des Clans und trug den Ehrentitel des Schlagführers. Zusammen mit dem Ältesten und dem Axtführer, dem bedeutendsten Kämpfer, bildete Hammerschlag das Triumvirat, welches den Clan führte.
Birunt Hammerschlag hatte sich schließlich wieder aus seinem Anzug helfen lassen, einen Blick ins Wasser geworfen und ein leises „Kein goldener Grund, aber eine akzeptable Stelle“, gemurmelt. Wenn seine Instinkte nicht trogen, was sie sehr, sehr selten taten, versprach das einen guten Ertrag für den Clan. Ertrag, der sich in kostbare Handelsgüter umsetzen ließ.
Die Zwerge der Meere handelten mit den Zwergenstädten auf dem Land und mit den Reichen der Menschen. Das Menschenreich Telan war für den Clan der Eldont´runod der wertvollste Handelspartner, da es reichlich Gelbfrüchte besaß. Während die Zwerge der Lande über keine nennenswerten Schiffe verfügten und aufgesucht werden mussten, kamen die großen Handelsschiffe des Reiches Telan immer wieder zur schwimmenden Stadt, um Gold, Erze und Kristalle gegen Gelbfrucht, Gummi und andere Waren zu tauschen. Ein für beide Seiten gewinnbringendes Geschäft und auch hier achtete Birunt Hammerschlag mit Argusaugen darauf, dass der Clan nicht übervorteilt wurde.
Der alte Schlagführer hatte behauptet, an dieser Stelle gäbe es „akzeptable“ Eisenerzvorkommen und die Schürftaucher hatten nun schon etliche Tage geschlagen und gegraben, aber nur wenige Erzbrocken hervor geholt. Die Ausbeute wurde in Körbe gelegt, die man rasch zu den Booten an der Oberfläche zog und zur Schmelzerei brachte.
Varnum federte leicht in den Knien, als seine Füße den Boden berührten. Etwas Sand wirbelte auf, nahm kurz seine Sicht, um sich dann rasch wieder zu legen. Er schüttelte sich heftig, um festzustellen, ob sich an Helm, Schlauch oder Anzug etwas lockerte. Jetzt konnte er sich darauf konzentrieren, nachher, wenn er arbeitete, achtete er auf seine Hände und bemerkte einen Schaden vielleicht erst verspätet. Alles war in Ordnung. Ein wenig Sickerwasser im Helm, nicht einmal genug, um sich mit dem Schwamm vor seinem Kinn abzumühen.
Er sah sich um. Vor seinem Gesicht war der gläserne Helm abgeflacht und erlaubte eine passable Sicht. Zu den Seiten hingegen verzerrte die Rundung die Perspektive. Man musste sich daran gewöhnen und lernen, Entfernungen und Bewegungen richtig einzuschätzen.
Die anderen Schürfer waren längst auf dem Weg zur Schürfstelle und Varnum setzte nun einen der metallbeschwerten Füße vor den anderen. Langsam und stetig näherte er sich dem Arbeitsplatz.
Er blickte nach oben. Die Wachen schwammen noch immer dicht unter der Oberfläche und es würden immer einige von ihnen im Wasser sein, um die Schürfer vor Gefahr zu warnen oder sie, so gut es ging, zu verteidigen. Die Schürftaucher waren unbewaffnet, von dem obligatorischen Messer am rechten Bein abgesehen, auch wenn sich Beil und Meißel notfalls verwenden ließen. Aber kein vernünftiger Zwerg hatte das Verlangen, einem Dornfisch auf solch kurze Distanz zu begegnen. Speere wären hingegen zu hinderlich gewesen. Die Räuber der Meere waren so schnell, dass man sich kaum nach der Waffe bücken konnte, bevor der Jäger heran war.
Staub schien über dem Schürfgrund aufzuwirbeln. Die ersten Männer waren bereits an der Arbeit. Varnum beeilte sich, zu ihnen aufzuschließen. Erneut musterte er die Umgebung. Ein kleiner Schwarm Silberlinge teilte sich hastig, um sich hinter ihm wieder neu zu gruppieren. Keine Gefahr in Sicht. Kein Dornfisch und kein Beilkopf und auch keiner der seltenen Riesenkrebse, gegen die auch ein Speer nicht half, es sei denn, er traf durch das Maul ins Gehirn der Bestie.
In den letzten Tagen hatten die Schürftaucher eine beachtliche Grube ausgehoben und sie hofften, an diesem Tag endlich auf eine gewinnbringende Ader zu stoßen. Das Pochen ihrer Meißel drang durch das Wasser und sie ignorierten die Gefahr, dass dieses Geräusch die Dornfische anlocken könnte. Stetig fraßen sich die Werkzeuge in das Gestein, drangen immer tiefer.
Gelegentlich klang das Pochen heller und der betreffende Schürfer machte sich hoffnungsvoll daran, den getroffenen Brocken zu untersuchen. Immerhin, den einen oder anderen Erzklumpen fanden sie, aber noch immer nicht die lohnende Ader, die Birunt Hammerschlag hier vermutete.
Sie verständigten sich durch Handzeichen, die seit Generationen überliefert waren, und bemühten sich um den richtigen Rhythmus zwischen körperlicher Arbeit und dem begrenzten Angebot an Atemluft. Hier, zwanzig Meter unter der Oberfläche, konnte man nicht einfach kurz nach Luft schnappen, wenn sie knapp wurde. Jetzt, wo sie in dieser Tiefe waren, arbeiteten oben mehrere Männer an jeder Pumpe, denn es erforderte Kraft, die Luft bis nach unten zu pressen. Die kleinen Ventildeckel an den Halsverschlüssen bewegten sich im Takt und entließen überschüssigen Druck nach außen. Das Perlen aufsteigender Luftbläschen begleitete die Arbeiten ebenso, wie das Pochen der Werkzeuge.
Die Schürfgrube war inmitten eines Korallenfeldes angelegt und Varnum war es, der die Gefahr für einen der Schürftaucher erkannte.
Der Luftschlauch des Mannes war bei der Arbeit zwischen zwei Korallenstöcke gerutscht und rieb nun an einem davon entlang. Es war eine der abgestorbenen Korallen, die hart und scharfkantig waren und einen Schlauch rasch aufschlitzen konnten, wenn man nicht darauf achtete. Der Schürfer sah diese Gefahr nicht und Varnum konnte ihn ja nicht durch einen Zuruf warnen. Auch eine Geste hätte der andere Taucher nicht wahrgenommen, da er ihm den Rücken zuwandte.
In einer fließenden Bewegung warf er seinen Meißel. Der schwere Stahlbolzen glitt durch das Wasser, zielsicher zu dem gefährdeten Mann hinüber und schlug unmittelbar neben ihm in den Grund. Varnum sah, wie der Mann für einen Augenblick erstarrte und dann herumfuhr. Sofort gab er das Zeichen für Gefahr, deutete mit einer Hand auf seinen Atemschlauch und mit der anderen auf die Gefahrenstelle. Die hoch gereckte Faust des Schürfers verriet, dass er verstanden hatte. Mit langsamen Bewegungen ging er zu den Korallenstöcken und befreite seinen Luftschlauch. Als er sich Varnum zuwandte, grinste er unter seinem Kugelhelm und nickte.
Nach zwei Stunden Schürfarbeit waren sie erschöpft und dies traf sicher ebenso auf die Pumper an der Oberfläche zu. Von dort erklang der Rückruf, als man an ein in das Wasser ragendes Eisen hämmerte. Drei langsame Schläge für den Rückruf, schnelle Schläge für den Fall drohender Gefahr. Der Schürfmeister der Gruppe gab ein Handzeichen und sie schoben die Werkzeuge in die Gürtel. Kein Schürfer ließ sein Werkzeug im Wasser zurück. Am Abend würden sie es sorgfältig säubern und ölen, damit ihm kein Rost zusetzte und sie würden die Schneiden der Meißel schleifen, damit sie ihre Schärfe behielten. Die Schürftaucher gingen schwerfällig zu den Netzen hinüber, schnallten die Fußgewichte ab und während die Netze mit den Gewichten nach oben gezogen wurden, machten sich auch die Schürftaucher an den Aufstieg.
Varnums Schürfstelle war nicht die einzige. Um die Stadt herum erhoben sich nun auch andere Gruppen an die Oberfläche.
Fische stoben zur Seite, dann durchbrach Varnums Helm die Oberfläche. Ohne die Fußgewichte trieb er, einem Korken ähnlich, ohne große Kraftanstrengung auf die Stadt zu, gezogen von dem Luftschlauch, der langsam eingeholt wurde. Der junge Zwergenmann hielt den Schlauch fest, denn der war zwar stabil genug, aber er wollte das Anschlussstück entlasten.
Erleichtert erreichte er die Plattform, spürte die Hände, die unter seine Arme griffen und ihn endgültig hinaufzogen. Die Verschlüsse schnappten, der Helm wurde gedreht und Varnum sog gierig die frische Meeresluft in seine Lungen. Er liebte ihren Geruch und den leichten Wind, der über das Wasser strich und er konnte sich nicht vorstellen, an Land zu leben, wo es stets nach irgendwelchen Pflanzen stank.
Sein Freund und Pumper Oldrum war da und beugte sich besorgt zu ihm. „Und, wie war es? Habt ihr etwas gefunden?“
„Ein paar Brocken“, erwiderte Varnum ächzend. „Nicht der goldene Grund, würde ich sagen.“
Oldrum legte ihm die Hand auf die Schulter. „Birunt Hammerschlag hat sich noch nie geirrt. Ihr werdet schon noch etwas finden.“
Er benutzte kostbares Süßwasser, um das Salz von Varnums Körper zu spülen und half ihm, die Verschlüsse des Tauchanzuges zu öffnen. Er prüfte rasch, ob es im Bereich der Dichtungsmanschetten Verletzungen gegeben hatte. Varnum sah, wie sich ein älterer Zwerg von einer der anderen Plattformen näherte. Er war, wie alle Taucher, bis auf die knielange Hose nackt, hatte seine Bartzöpfe entknotet und drückte ein paar Tropfen Wasser aus ihnen heraus. Mit breitem Grinsen trat er zu Varnum.
„Du hast gute Augen, Jungschürfer. Sie haben mir meinen Schlauch und vielleicht auch mehr gerettet.“ Er legte Varnum die Hand auf die Schulter. „Von Schürfer zu Schürfer, so wahr ich Heimur Sichelhieb bin, an diesem Abend gieße ich dir den Schlauch mit Gerstensaft voll. Das bin ich dir schuldig.“
Varnum lächelte. „Ein anderes Mal achtest du auf meinen Schlauch, Heimur Sichelhieb.“
„Wie es üblich ist, von Schürfer zu Schürfer.“ Der Zwerg lachte und sah Oldrum dann freundlich an. „Und da deine gute Atemluft diesem feinen Schürfer den scharfen Blick ermöglicht hat, will ich auch deinen Schlauch füllen.“
„Die einzige Gelegenheit, bei der ich es zulasse, dass die Luft durch etwas anderes ersetzt wird.“ Oldrum lächelte erfreut.
„Gut, dann ist es abgemacht. Bei Einbruch des Nachtdunkels im „Goldenen Grund“, ihr Herren.“ Der alte Schürfer nickte ihnen zu und ging dann zu seiner Plattform zurück.
Ihr Arbeitstag war noch nicht vorbei. Nach einer längeren Pause, in der es das Material zu überprüfen galt, würden sie sich erneut zum Meeresboden hinunter sinken lassen. Es lohnte nicht, in die Stadt zu gehen, also saßen sie nebeneinander, ließen die Füße ins Wasser hängen und genossen ihre Mahlzeit, die aus hartem Brot, Käse und gebratenem Fisch bestand. Das alles wurde mit Wasser hinunter gespült, dem man, des besseren Geschmacks wegen, einen kleinen Spritzer Wein zugegeben hatte.
Es war noch nicht ganz Mittag und die Sonne brannte unbarmherzig herunter. Varnum war, wie die anderen Männer, braungebrannt und genoss ihre Wärme.
Dann ging es wieder hinab.
Zwei Mal noch, unterbrochen durch eine Pause und als sie ihre Tagesarbeit erledigt hatten, war die erwartete Ader noch immer nicht gefunden. Wenigstens hatten zwei andere Schürfgruppen mehr Glück gehabt. Etwas Gold und Schwarzkristall waren gefunden worden.
Die beiden Freunde waren erschöpft und ausgelaugt. Varnum sehnte sich nach einer kurzen Mahlzeit und seiner Hängematte und hatte kein Verlangen, der Einladung des älteren Schürfers zu folgen.
„Natürlich gehen wir in den Goldenen Grund“, erwiderte Oldrum entschieden. „Du kannst den braven Heimur Sichelhieb nicht enttäuschen. So einer lädt nicht jeden Tag ein paar junge Hüpfer wie uns auf einen Schlauch Wein ein.“
Varnum seufzte entsagungsvoll und nickte dann zögernd. „Für mich reicht ein halber Schlauch. Den Rest kannst du haben. Nein, besser nicht“, fügte er grinsend hinzu, „ich brauche morgen meine Luft und will nicht, dass du an der Pumpe zusammenbrichst. Eigentlich solltest du auch nur einen halben Schlauch trinken, du verträgst ja nicht viel.“
Sie lachten sich an und stießen sich gegenseitig, bis sie die gerunzelte Stirn eines alten Schürfers sahen. Varnum räusperte sich und sie schritten mit betont ernsten Gesichtern an dem Mann vorbei, nur um dann in schallendes Gelächter auszubrechen.
Sie gingen über eines der Werkstattflöße und blieben einen Moment stehen. Es war noch Zeit bis zum Einbruch der Dunkelheit. Hier befand sich die Glaserei, in der Gebrauchsgegenstände aus Glas und die Taucherhelme gefertigt wurden. Der Glasbläser hatte gerade sein Blasrohr angesetzt und drehte einen glühenden Klumpen auf einer wertvollen Steinplatte. Es war ohnehin schon heiß und die zusätzliche Hitze machte den Aufenthalt in dem Raum nahezu unerträglich. Dem alten Mann lief der Schweiß über den Körper, während er Luft in den Klumpen blies, ihn gekonnt drehte und in die Form eines großen Topfes brachte. Genau im richtigen Moment, nahm er das Rohr von den Lippen und ein Gehilfe sprang hinzu, drückte mit einem Metall eine flache Stelle ins Material, die spätere Sichtfläche des Helmes.
Als der Mann das Rohr endgültig absetzte, wischte er sich Schweiß von der Stirn und sah die beiden Freunde an. Er wies auf Varnums Werkzeuggürtel, den er erst zu Hause abschnallen würde. „Schürfer, nicht wahr? Das hier wird einer eurer Helme. Auf meine Helme ist Verlass, ich nehme nur den besten Quarzsand, vom Strand von Hesgan. Einen feineren gibt es nicht, das könnt ihr glauben.“
Oldrum zog seinen Freund mit sich. „Komm schon. Wenn der seine Helme anpreist, wird er am Ende noch erwarten, dass wir ihm den Schlauch füllen.“
Gegenüber saßen mehrere Frauen und strichen kostbaren Gummi auf die Metallspirale eines neuen Schlauches. An anderer Stelle wurden gerade Fische abgeschuppt und entgrätet. Das Hämmern von Werkzeugen war zu hören, Stimmen, die durcheinander wirbelten und dazwischen huschten die kleinen Kinder entlang, immer neugierig, was es zu entdecken gab und bereit, sich die Zeit mit Spielen zu vertreiben. Nicht immer zum Vergnügen der Großen, aber meist sah man über ihren Unfug hinweg, erinnerte sich lächelnd an die eigene Jugend und dachte daran, dass Kinder die Zukunft eines jeden Clans waren.
Allmählich wurden die ersten Lampen entzündet. Sie wurden mit dem leicht zu gewinnenden und reichlich vorhandenen Fischöl betrieben. Mit Beginn des Abends würde man die Arbeiten an offenen Feuerstellen beenden und nur noch die Kochstellen betreiben.
Sie strauchelten einen Moment, als sie gerade über einen der Stege auf das nächste Floß gingen, denn eine unerwartet kräftige Welle bewegte sich unter der Stadt entlang und ihre Flöße hoben und senkten sich im Gleichklang, bevor sie wieder zur Ruhe kamen. Keine Gefahr, sonst hätte einer der Ausguckposten längst Alarm geschlagen. Glücklicherweise kündeten sich Unwetter und Wellenstürme an und wer sich auskannte, wusste ihre Anzeichen früh zu deuten.
Sie erreichten die inneren Flöße mit den Wohnungen der Frauen und Mädchen und Oldrum begann unbewusst an seinen Bartzöpfen zu zupfen. Sie waren noch nicht ganz so lang und auch etwas heller, als die von Varnum, der sein Lächeln unterdrücken musste. Oldrum war ein wenig eitel, vor allem, seit er versuchte, die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts auf sich zu ziehen. Varnum beobachtete das leicht amüsiert und fand es eher lächerlich, wie der Freund die Zopfenden in die Hände nahm und lockend kreisen ließ, wobei er sich bemühte, die helle Farbe zu verdecken. Leider hatte er in der letzten Zeit festgestellt, dass Besana immer wieder auf die Zöpfe Oldrums blickte und das machte Varnum, wenn er ehrlich zu sich war, doch ein wenig eifersüchtig.
Besana gefiel sicherlich jedem Zwergenmann. Eine frisch erblühte, frauliche Figur, ein langer Nackenzopf, der ihr bis zu den Knöcheln reichte und kupferrote Haare, die in kaskadenartigen Wellen über ihre Schultern fielen. Ein Anblick, der jeden Mann zu bestimmten Begehrlichkeiten verführen musste, zumindest, wenn noch eine Spur von Leben und ein Rest von Luft in seinem Atemschlauch waren.
Es gab eine Reihe von Schänken in der schwimmenden Stadt des Eldont´runod-Clans, aber keine war so berühmt und gleichermaßen berüchtigt, wie der „Goldene Grund“.
Eigentlich gehörte der „Goldene Grund“ zu den Mythen des Zwergenvolkes, zumindest dem des Meeres. Der sagenhafte „Goldene Grund“, der endlosen Reichtum verhieß und wohl ebenso zum Reich der Legenden gehörte, wie Elfen oder Orks, obwohl die Landzwerge standhaft behaupteten, es gäbe sie. Aber Landfüße behaupteten viel, vor allem, wenn sie ihren Schlauch mit Wein gefüllt hatten.
Der Goldene Grund der Stadt war ebenfalls legendär. Hier kehrten sonst nur die Männer ein, die sich im Clan einen Namen erworben hatten. Hier war auch der Brauch entstanden, den Schlauch zu füllen. In allen Schänken wurde Wasser, Wein, Gerstensaft oder Brennwasser in Bechern, Pokalen oder Gläsern ausgeschenkt, nicht jedoch im Goldenen Grund. Irgendwann einmal, die Legende besagte, es sei der sagenumwobene Bislipur Keulenhieb selbst gewesen, hatte ein Schürftaucher alle Pokale, Becher und Gläser vom Tresen gewischt und ein abgeschnittenes Stück seines Atemschlauchs hochgehalten. Er war an jenem Tag nur knapp dem Tode entronnen, da der Schlauch gerissen war und so ließ er sich das abgeschnittene Stück mit Wein füllen, um auf sein Überleben anzustoßen. Die Schürftaucher, trotz oder wegen ihrer harten Arbeit immer für einen Spaß oder eine gute Geschichte zu haben, hatten die Idee begeistert aufgenommen. Seitdem wurden im Goldenen Grund die Schläuche gefüllt. In der überschwänglichen Art des Zwergenvolkes hatte man versucht, sich in der Länge der Schläuche zu übertreffen, bis der Ältestenrat eingeschritten war. So wurden nur noch Schläuche von einem halben Meter Länge zugelassen.
„Gerade genug, die Kehle anzufeuchten“, hatte der Wirt gemurmelt und zum Ausgleich ein paar Halbmeterschläuche besorgt, deren Durchmesser eine gewisse Verbesserung aufwies.
Auch Mantur Scherentod, der Wirt der Schänke, war eine Legende und das weit über den eigenen Clan hinaus. Er gehörte zu den wenigen Zwergen, welche die Begegnung mit einem Riesenkrebs nicht nur überlebt sondern den Gegner auch besiegt hatten. Scherentod wurde nicht müde, immer wieder davon zu berichten, wie er dem Schalentier seinen Meißel durchs offene Maul ins Gehirn gestoßen hatte. Größe des Meißels und des Tieres variierten durchaus, aber die Tat selbst war unbestritten. Später hatte der einstige Axtschläger sich im Kampf gegen Menschen bewährt, welche ein Schiff des Clans überfallen hatten. Menschlicher Abschaum, dessen schwarzes Schiff mit roten Segeln die erbosten Zwerge auf den Meeresgrund geschickt hatten.
Das Volk der Zwerge war kein kriegerisches Volk. Sicherlich, man schätzte eine zünftige Rauferei, vor allem, wenn man über einen längeren Zeitraum keinen Schürfgrund fand und sich die Zeit vertreiben musste, aber dabei begnügte man sich mit ein paar zerschlagenen Einrichtungsteilen und Zähnen. Bei einem wirklich ernsthaften Streit, bei dem Blut fließen könnte, schritten sofort die Axtschläger ein und brachten den Fall vor den Ältestenrat, dessen Entscheidung unumstößlich war.
Dennoch waren die Zwerge auch sehr wehrhaft. Sie verstanden es, zu kämpfen und scheuten sich nicht, ihr Leben in die Waagschale zu werfen, wenn der Clan oder einer der ihren bedroht war.
Varnum und Oldrum waren erst ein einziges Mal im Goldenen Grund gewesen. Vor etwas über einem Jahr, als man sie in den Kreis der Schürftaucher aufnahm. Eine besondere Feier, bei der Varnum seinen Werkzeuggürtel und Oldrum seinen Pumpenschwengel erhalten hatten, zusammen mit prall gefüllten Schläuchen und den besten Wünschen für die Zukunft und den Clan. Dieser Besuch war jedoch eine Ausnahme gewesen, denn hierher kam nur, wer zwei Namen trug oder von einem solchen Zwerg eingeladen war.
Als die beiden Freunde die Plattform erreichten, auf der sich die Schänke befand, ging die Sonne gerade unter. Ihr letztes Strahlen tauchte die Dächer der Häuser in rötlichen Schein und bald würden die Öllampen und das Licht der Sterne und des Mondes die einzige Helligkeit spenden.
Die Schänke war zweigeschossig erbaut und im unteren Geschoss gab es, wie in jeder schwimmenden Stadt üblich, keine Fenster, sondern nur die Tür. Sie ließ sich wasserdicht verschließen und das galt auch für die Fensterläden, denn die Kraft eines Sturmes mit seinen riesigen Wellen war überaus beachtlich.
Als die beiden Freunde die Tür öffneten, verstummten bei ihrem Anblick alle Gespräche. Die Blicke waren neugierig, denn den Anwesenden war klar, dass kein einfacher Schürfer ohne Grund eingetreten wäre. Hinter dem Tresen hatte Mantur Scherentod bereits die Stirn in Falten gelegt, als sich Heimur Sichelhieb umdrehte, herzlich auflachte und die Arme ausbreitete.
„Herein, ihr Herren. Ihr seid willkommen. Mantur, fülle uns drei neue Schläuche mit gutem Wein und achte mir auf den richtigen Durchmesser. Ohne die aufmerksamen Augen dieses jungen Schürftauchers stünde ich sonst ohne Atemschlauch auf dem Meeresboden.“
Die Gesichter der anderen Gäste wurden sofort freundlich und man nickte und prostete den Freunden zu, während sie an den Tresen traten. Mantur Scherentod hatte bereits drei beachtliche Schläuche in die Armbeuge geklemmt und begann sie aus einem noch beachtlicheren Krug zu füllen. Die Art, wie er dies tat, verriet, dass der Mann noch immer über ungewöhnliche Kräfte verfügte.
„Auf reichen Grund und langen Atem“, prostete Sichelhieb ihnen zu.
Nach wenigen Augenblicken schwirrte der Goldene Grund wieder von Gesprächen. Hier saßen erfahrene Schürfer mit alten und sehr alten Schürfern zusammen und tauschten Erfahrungen und Geschichten aus. Einer von ihnen kam zum Tresen herüber und sah den Wirt nachdenklich an.
„Sag einmal, Mantur Scherentod, du bist einer unserer erfahrensten Krieger und weit herumgekommen. Beantworte mir eine Frage, ja? Hast du je von Luft in Flaschen gehört?“
Oldrum lachte spontan, was ihm einen bösen Blick des Fragestellers eintrug. „Entschuldigt, aber das kann sogar ich beantworten.“
„Ah, du?“
„Aber ja. Wenn der Wirt die Flasche Wein geleert hat, dann ist sie voller Luft.“
Die Anwesenden lachten vergnügt und Sichelhieb schlug sich auf den Schenkel. „Eine Flasche voller Luft. Ha, das ist gut, sehr gut sogar. Ich fürchte, da wird es im Handel nicht viele Abnehmer geben.“
„Unsinn“, knurrte der Fragesteller. „Ich spreche von Luftflaschen für die Taucher. Nun, wenigstens für die Axtschläger, die im Wasser Wache halten.“
Sichelhieb fiel fast von seinem Schemel. „Ha, ich sehe es vor mir. Axtschläger, die an der Flasche nach Luft nuckeln, wie unsere Hüpflinge an der Brust ihrer Mütter. Flaschenhüpflinge!“
Es gab ein krachendes Geräusch, als der Fragesteller auf den Tresen hieb. „Nochmals, Unsinn! Man erzählt sich, der Clan der Tanae´runod hätte Flaschen erfunden, in die man Luft hinein presst. Damit könnten die Wachen lange unter Wasser bleiben. Ganz ohne Schlauch und ohne zum Luftholen auftauchen zu müssen.“
„Selber Unsinn“, brummte Sichelhieb. „So etwas gibt es nicht und wird es niemals geben.“
„Das werden wir ja sehen, so wahr ich hier stehe.“
„Nun, besonders sicher stehst du nicht mehr.“ Sichelhieb grinste breit und duckte sich rasch, als der andere Mann ausholte. „Langsam, Schürfer. Ich bin nicht auf Streit aus. Ich kann mir nur keine Flaschen mit gepresster Luft vorstellen.“
Mantur Scherentod beugte sich vor. „Hier, mein Freund, nimm einen frischen Schlauch. Statt die Fäuste anzustoßen, sollten wir lieber die Schläuche bewegen. Eine Flasche mit Luft ist kein Grund zum Streit. Oder hast du so ein Ding schon einmal gesehen?“
Der Fragesteller atmete ein paar Mal tief durch und zuckte dann die Schultern. „Hast recht, Wirt. Morgen gilt es wieder, auf die Steine einzuschlagen, schonen wir also unsere Fäuste.“
Sichelhieb lächelte versöhnlich. „In zwei Jahren ist die Zusammenkunft der Clans. Wenn wir dann eine solche Flasche mit gepresster Luft sehen, bekommst du von mir einen extragroßen Schlauch gefüllt.“
„Ah, das nenne ich ein Wort.“ Der andere lächelte nun ebenfalls. „Also dann, auf reichen Grund und langen Atem.“
Varnum nippte an seinem Schlauch und gähnte dann herzhaft. Er war einfach müde und wollte sich endlich in seine Hängematte begeben. Oldrum seufzte entsagungsvoll, leerte hastig seinen Schlauch und die beiden Freunde verließen die Schänke.
Oldrums Schritt war nicht besonders sicher, als sie die Stadt zum Außenring mit ihren Schlafstellen durchquerten. Ein Streife gehender Axtschläger, der vor allem auf Feuergefahr achten sollte, beäugte sie misstrauisch und folgten ihnen eine Weile, um sicher zu sein, dass sie ihren Weg fanden. Schließlich erreichten sie das Floß, auf dem ihre Unterkunft stand. Ein lang gestrecktes, zweigeschossiges Gebäude, mit der hoch angesetzten Tür im unteren Bereich und Oldrum stolperte prompt über die Schwelle und weckte einige der anderen Schläfer.
Varnum musste ihm in die Hängematte helfen und war froh, endlich die eigene ersteigen zu können. Er hatte sich kaum hingestreckt und die ersten, sanften Schaukelbewegungen gespürt, da fielen ihm auch schon die Augen zu. Seine letzten Gedanken galten mit Luft gefüllten Flaschen und ein stilles Lächeln lag über seinem Gesicht, während das Schnarchen der Schläfer den Raum erfüllte.
„Wenn sie die Wellen nimmt, hat sie die Eleganz eines Schmiedehammers“, seufzte Pernat und klammerte sich an der Brückenreling fest. „Oder meinethalben auch die einer Dampframme.“
Soeben hob sich der Bug der Beovanaal erneut über einen Wellenkamm und als das Schiff ihn genommen hatte, wuchtete es mit der Gewalt seines Rumpfes ins Meer zurück. Ein Schwall Wasser fegte vom Bug herüber und während Pernat instinktiv den Nacken einzog, lachte Herios-Lar gutgelaunt auf. „Sie ist eben alt und kein junges Mädchen mehr. Aber dafür robust wie die Anstandsdamen der Königin.“
Herios-Lar liebte seine Beovanaal. Lange vor seiner Geburt hatte ihr Kiel zum ersten Mal Salzwasser gekostet und viele Jahre hatte sie zu den modernsten und schnellsten Schiffen der königlichen Marine gehört. Sie war der erste Kreuzer gewesen, den man mit Segeln und einer zusätzlichen Dampfmaschine versehen hatte. Damals hatten die Brennsteinkessel und das mächtige Schaufelrad am Heck ihr die enorme Geschwindigkeit von 25 Kilometern in der Stunde verliehen und sie war unabhängig von der Kraft des Windes gewesen.
Als Herios sie zum ersten Mal erblickte, hatte er sich auf Anhieb in sie verliebt, obwohl sie da schon fast 110 Jahre alt gewesen war und längst nicht mehr in der Flotte Telans diente. Die Konstruktion des Rumpfes, ihre Maschinen und ihre Waffen waren längst veraltet und hielten einem Vergleich mit den Flottenneubauten nicht stand. Nur ihr Name erinnerte noch an die ruhmreiche Vergangenheit, denn nur die Kriegsschiffe des Königs durften das doppelte „a“ in der Namensendung führen. Sie war in Privatbesitz übergegangen und diente einem neuen Herren, dem Handelshaus Tar. Eigentlich hieß sie nun Tar-Beovanaal, aber niemand, nicht einmal der Handelsherr selbst, nannte sie so. Trotz ihres langen Lebens war sie robust und zuverlässig. Jetzt befuhr sie seit 150 Jahren die Meere der Welt, hatte viele Kapitäne kommen und gehen sehen und vielleicht würde auch Herios-Lar nicht der letzte Kommandant auf ihrer Brücke sein.
„Mit allem gebührenden Respekt, Kapitän“, rief Pernat gegen den Lärm der schweren See an, „Sie ist alt, robust, schwerfällig und...“
„Ja, ja, ich weiß. Sie ist das älteste noch schwimmende Schiff im Reich Telan.“ Herios-Lar beugte sich weit vor, als die Beovanaal sich den nächsten Wellenkamm empor arbeitete, lachte erneut auf, als sie auf dem Kamm abkippte, lehnte sich weit zurück und jauchzte vergnügt, als der runde Bug ins Wasser zurück klatschte. Die See ergoss sich in mächtigem Schwall über das einsame Buggeschütz vor der Brücke, letztes Zeugnis einer glorreichen Vergangenheit. „Und sie wird noch lange schwimmen, Pernat, noch sehr lange.“
Der hölzerne Rumpf ächzte in seinen Verbänden und vom Heck war das Rauschen des Schaufelrades zu vernehmen, das einen Moment leer drehte, bevor es wieder in sein Element griff.
Pernat hatte seinen Entschluss, zur See zu fahren, nie bereut. Er liebte sie, wie sein Kapitän sie liebte. Nur die innige Verbindung von Herios-Lar mit dem alten Schiff konnte er nicht nachvollziehen. Es war nicht nur das älteste Schiff Telans sondern auch, nach seiner festen Überzeugung, das unbedeutendste des Handelshauses Tar.
Rund sechzig Meter lang, eine maximale Breite von zwölf Metern am Heck, dazu der hölzerne Rumpf, der nur unterhalb der Wasserlinie mit Kupfer beschlagen war, um dem Bewuchs mit Algen und Muscheln entgegen zu wirken. Ein runder, bauchig wirkender Bug, wo die neuen Schiffe eine schnittige Form aufwiesen, die das Wasser zu zerteilen schien. Nein, Pernat träumte von einer Position auf einem der modernen Handelsschiffe, wenn er schon nicht auf einem der Flottenkreuzer dienen konnte.
Die Brücke der Beovanaal befand sich am Ende des vorderen Drittels auf dem Oberdeck, dahinter folgten die beiden Ladeluken mit ihren Kränen. Am Heck ragte der dünne, pfeifenartige Schornstein der Dampfmaschine auf, deren ewig hungriger Kessel mit Brennstein und Wasser gefüttert werden musste. Hinter dem Heck wirbelte ein steter Vorhang von Spritzwasser auf, begleitet vom Klatschen des Schaufelrades. Die modernen Schiffe verfügten über Propeller, die sich rasch und effektiv unter Wasser drehten.
Nein, die Beovanaal war nicht Pernats Traum aber ihr Kapitän Herios-Lar gehörte unbestritten zu den erfahrensten Seefahrern des Reiches und wenn Pernat sich einem Mann in Freundschaft verbunden fühlte, dann diesem schlanken und kauzigen Seeoffizier, der in diesem Augenblick seiner Freude freien Lauf ließ und nur wenig Würde zeigte. Das Schiff hätte Pernat jederzeit gegen ein anderes getauscht, nicht jedoch seinen Kommandanten und solange Herios-Lar auf der Brücke der Beovanaal stand, würde Pernat ihm und dem Schiff gleichermaßen dienen.
„Das Wetter beruhigt sich, Kapitän“, brüllte der Steuermann. Er stand an dem großen Steuerrad auf der Brücke und war ebenso nass, wie die beiden Offiziere. Das Schiff verfügte nicht einmal über ein Brückenhaus, nur über ein kleines Regendach, das von Pfosten gehalten wurde. Direkt hinter der Brücke erhob sich der Vordermast mit den Rahen des Großsegels. Der Hintermast stand vor dem Schornstein und seine Rah und eingeholten Segel waren vom Ruß der alten Maschine geschwärzt.
Die grauen Wolken am Himmel rissen auseinander und das erste, goldgelbe Licht der Sonne warf blitzende Reflexe auf die Wellen, die sich langsam beruhigten und an Kraft verloren. So schnell, wie der Sturm entstanden war, flaute er auch wieder ab und nach wenigen Minuten glitt die Beovanaal, scheinbar bedächtig, über ihrem Spiegelbild dahin.
„Wenigstens konnten wir die Ladeluken rechtzeitig schließen“, brummte Pernat. „Die verdammten Gelbfrüchte sind enorm empfindlich. Ein Spritzer Salzwasser und sie sind verdorben.“
„Das wäre verdammt übel für unsere kleinen Freunde“, seufzte Herios-Lar. Er sah seinen Ersten Offizier lächelnd an. „Das ist übrigens auch einer der Vorteile unseres alten Mädchens. Kein anderes Handelsschiff fährt die schwimmende Stadt der Zwerge an. Du genießt das Privileg, Pernat, als einer der wenigen im Reich, die Herren Zwerge zu kennen.“
„Hm.“ Pernat empfand das als zweifelhaftes Privileg. Zwar fand er die Zwerge durchaus beeindruckend, aber fühlte sich zwischen ihnen eher unwohl. Sie reichten ihm gerade bis zum Bauchnabel, obwohl Pernat kein ungewöhnlich großer Mann war. Sich in ihren Gebäuden zu bewegen, war eine Qual, da sie nicht für die Bedürfnisse eines Menschen eingerichtet waren. Immerhin, die kleinen Herren waren herzliche und liebenswürdige Geschöpfe, wenn man ihnen nicht auf die Füße trat oder sie zu übervorteilen trachtete. Er fand ihre Weise, auf dem Meer zu leben und unter seiner Oberfläche zu arbeiten, höchst bemerkenswert und bewunderte sie für den Mut, den sie dabei unzweifelhaft bewiesen. Er selbst hingegen war froh, immer wieder festen Boden betreten zu können. Die Vorstellung, sein Leben einem gläsernen Helm und einem Schlauch anzuvertrauen, erschreckte ihn zutiefst.
„Nun komm schon, Pernat, alter Freund, gib es zu, die Beovanaal hat auch ihre Vorzüge.“
„Wenigstens sind wir auf See“, grunzte der Erste Offizier und sah seinen Kommandanten dann lächelnd an. „Und das Schiff bewegt sich immerhin.“
Herios-Lar warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend. Dann schlug er seinem Freund auf die Schulter. „Eines Tages wirst du an Deck eines anderen Schiffes stehen, Pernat, aber ich garantiere, dann wird dir bewusst, dass du die alte Beovanaal vermissen wirst.“ Die See war nun glatt und ruhig und der Kapitän beschattete seine Augen. „Reich mir einmal das Teleskop, Pernat. Ich glaube, wir nähern uns der Zwergenstadt.“
Klickend glitten die Segmente des Teleskops auseinander und Herios-Lar suchte den Horizont ab. Dann verharrte die Linse an einem festen Punkt. „Na also“, brummte der Kapitän zufrieden. „Fast genau über dem Bug. Rudergänger, zwei Strich Rechtsweisend und dann gerade darauf zu.“
„Zwei Strich Rechtsweisend und gerade darauf zu“, bestätigte der stämmige Rudergänger und legte den neuen Kurs durch Drehung am Rad.
„Keine zwei Stunden mehr und wir sind bei unseren kleinen Freunden“, sagte Herios-Lar. „Sie werden sich freuen, uns und unsere Gelbfrüchte zu sehen. Die können sie immer brauchen.“
„Auch der Handelsherr Tar wird sich darüber freuen.“ Pernat stützte sich auf die Reling und registrierte, wie rasch sich das Holz nach dem Regensturm trocken und heiß anfühlte. „Es ist ein gutes Geschäft für den Herrn. Billige Früchte für kostbare Metalle und Kristalle.“
„Ja“, knurrte Herios-Lar unbehaglich. „Wenn ich nicht wüsste, wie notwendig die kleinen Herren die Gelbfrüchte brauchen, würde ich glatt behaupten, der Handelsherr zieht die Zwerge über den Tisch.“
„Angebot und Nachfrage bestimmen nun einmal den Preis.“
Erneut lachte Herios-Lar, doch diesmal klang es weniger froh. „Du gehörst wirklich auf ein Handelsschiff und nicht auf einen Flottenkreuzer. Weißt du, ich habe nichts gegen einen guten Gewinn, Pernat, aber ich weiß, unter welchen Umständen die Zwerge das Metall und die Kristalle aus dem Meer holen. Tapfere kleine Kerle, dass muss ich schon sagen. Ich fände nicht den Mut, unter Wasser zu arbeiten.“
Pernat sah auf die hölzernen Planken des Schiffes. „Auch ich fühle mich über Wasser wohler.“ Er löste die Hände vom Handlauf. „Ich werde nach der Ladung sehen, um sicher zu sein, dass alles in Ordnung ist, wenn wir anlegen.“
Herios-Lar nickte und hörte, wie sein Erster Offizier die kleine Treppe zum Deck hinunter stieg. Über eine weitere Treppe betrat Pernat dann das Frachtdeck. Alles wirkte eng, zweckgebunden und ein wenig schmutzig, aber die zwölfköpfige Mannschaft der Beovanaal hatte meist andere Sorgen, als sich um Sauberkeit zu kümmern. Die Maschine war ebenso alt, wie das übrige Schiff. Sie verschlang mehr Brennstein, als die modernen Kreuzer, ihre Kolben hatten zu viel Spiel und die Dampfleitungen mussten immer wieder geflickt werden. Einige Schaufeln des mächtigen Heckrades waren ausgetauscht, bei anderen schien dies dringend erforderlich. Hin und wieder ging eine Stange oder Welle entzwei und die Maschine musste gestoppt werden, damit die erforderlichen Reparaturen ausgeführt werden konnten. Dann kamen gelegentlich doch noch die Segel zum Einsatz.
Vorne im Bug befanden sich die Mannschaftsquartiere. Zwei lange Kammern, in denen jeweils vier der Männer untergebracht waren. Daran schlossen sich die kleine Küche, die Vorratskammer und der Aufenthaltsraum an. Eine Krankenstube gab es nicht mehr, seit das Schiff unter der Handelsflagge des Hauses Tar fuhr. Der Handelsherr hatte den Platz für Brennsteinvorrat nutzen wollen. Pernat war erleichtert, dass es während seiner Dienstzeit bislang zu keiner ernsten Verletzung gekommen war.
Direkt unter der Brücke befanden sich die Kammern der Schiffsoffiziere und da die Beovanaal nur Kommandant und Ersten Offizier hatte, waren es zwei bescheidene Räume. Im Anschluss folgten die beiden Frachträume und diese glänzten vor Sauberkeit. Das Schiff mochte wenig reinlich sein, aber auf die Ladung wurde geachtet und Pernat ließ nicht die geringste Schlamperei durchgehen.
Hinter den Laderäumen, zum Heck hin, lagen die Vorratsräume für den Brennstein und der kleine Maschinenraum, in dem zwei Maschinisten ihrer Arbeit nachgingen. Die alte Anlage war hungrig nach Brennstein und Wasser und benötigte ständig die Schmierung durch Fette und Öle. Ihr Stampfen und Hämmern hatte längst das Gehör der Maschinisten geschädigt und der Rest der Besatzung war froh, nur selten ins Heck gehen zu müssen und das ihre Unterkünfte im Bug lagen.
Pernat kontrollierte in den Lagerräumen zunächst die Luken an der Decke, dann die Wände. Nirgends war Feuchtigkeit zu erkennen. Er ging sehr sorgfältig und gewissenhaft vor, trat mit seiner Öllampe dicht an das Holz, danach überprüfte er jede der gestapelten Kisten. Schließlich nickte er zufrieden und ging wieder zur Treppe, als er von oben die Befehle des Kapitäns hörte. Offensichtlich waren sie nun nahe der Stadt und bereiteten sich auf das Anlegemanöver vor.
Als Pernat ins grelle Sonnenlicht zurückkehrte, sah er die schwimmende Stadt der Zwerge nur wenige hundert Meter voraus. Rechts der Beovanaal glitt eines der Kampfschiffe der Zwerge durch die Wellen und gab ihnen das Ehrengeleit. Es war kaum vier Meter breit und zwanzig Meter lang und mit geringem Freibord über dem Wasser. Ein scharf geschnittener und nach oben gebogener Bug und ein hoher Aufbau am Heck. Keine Masten und Segel, aber auf jeder Seite eine Reihe Ruder, die das Fahrzeug sehr schnell und gefährlich machten. Seine Hauptwaffe war ein stählerner Rammsporn unterhalb der Wasserlinie. Einem hölzernen Schiff konnte ein solches Ruderkampfschiff sehr gefährlich werden. Es konnte jeden Segler ausmanövrieren und wenn das Rammen nichts half, würden die Zwerge, mit ihrer typischen Agilität, den Gegner entern und niederkämpfen.
Dennoch gehörte dieses Zwergenschiff einer vergehenden Epoche an. Gegen einen metallenen und hochbordigen Kreuzer der Flotte Telans würde es keine Chance haben, selbst wenn dessen Lichtdruckkanonen es nicht zuvor aus dem Wasser brannten.
„Ich dachte, sie hätten wenigstens Segel.“ Pernat wies zu den Ruderern hinüber. „Stattdessen mühen sie sich mit den Rudern ab.“
„Unterschätz die kleinen Herren nicht“, ermahnte Herios-Lar. Er winkte den Zwergen zu und lachte fröhlich. „Das da, zwischen den Ruderbänken, das ist ein Mast. Wenn sie wollen, können sie durchaus ein Segel setzen und die Burschen verstehen sich aufs Segeln.“ Er drehte sich kurz zum Steuermann um. „Zudem sind diese Rammboote sehr gefährlich. Nicht nur für gesetzte Damen wie unsere Beovanaal. Sieh dir den Rammsporn an. Scharf geschnitten und massiv. Er würde selbst der stählernen Seitenwand eines modernen Kreuzers zusetzen.“ Der Kapitän grinste, als er Pernats zweifelnden Blick bemerkte. „Maschine Viertelkraft zurück, Dormos, sonst rammen wir die Stadt und unsere Kunden würden darüber nicht sehr erfreut sein.“
Dormos grinste breit und zwischen seinem Vollbart zeigte sich ein lückenhaftes Gebiss. „Viertelkraft zurück, Kapitän.“
Die Beovanaal rüttelte sich, als das Schaufelrad gegen ihre Fahrt ankämpfte und sie verlangsamte. Herios-Lar und Dormos waren erfahren und hatten den richtigen Moment abgepasst. Mit einem unmerklichen Ruck und begleitet vom Ächzen des Rumpfes, legte sich das Schiff mit der linken Seite an eine der Plattformen der Stadt. Herios-Lar stieß seine Hand in die Luft, aber Dormos kuppelte bereits die Maschine aus und zog an der Schnur, die durch ein Rohr zum Maschinenraum führte. Dort klingelte ein Glöckchen und die Maschinisten legten Hebel um. Dampf entwich pfeifend aus den seitlichen Entlastungsrohren und das Schaufelrad kam endgültig zum Stillstand.
Der Rumpf des Frachtschiffes ragte hoch über die Plattform auf und die Brücke war auf gleicher Höhe mit den meisten der Dachgiebel in der Zwergenstadt. Die Beovanaal rieb sich an den polsternden Säcken, die zum Schutz der Plattform an ihren Seiten hingen. Matrosen warfen Leinen hinüber und Zwerge fingen sie auf und machten sie gekonnt an den metallenen Pollern fest. Erst als einer der Zwerge die Hand hob, wurde der breite Steg des Schiffes auf die Plattform gesenkt.
Herios-Lar nickte zufrieden. „Lass uns die kleinen Herren begrüßen, Pernat. Und verhalte dich respektvoll. Sie können empfindlich sein.“
Pernat nickte. „Keine Sorge, Kapitän, das tue ich. Aber ich will ein Auge auf die Lademannschaft haben. Wir haben zwei Matrosen, die noch nie Zwerge gesehen haben und du kennst das lose Mundwerk unserer Seefahrer.“
Ein Zwerg in knielanger Jacke aus weichem rotem Leder, die mit goldenen Fäden bestickt war, trat auf die Plattform und breitete seine Arme aus. Über sein breites Gesicht glitt ein freudiges Lächeln. „Kapitän Herios-Lar, es ist mir eine Freude, dich und deine Beovanaal zu sehen.“
„Die Freude ist auf meiner Seite, Herr Klugweil.“ Der Kapitän meinte dies ehrlich, denn an dem Lächeln des Zwerges war nicht die Falschheit, die typisch für viele Händler war. „Ich komme früher als erwartet, ich weiß.“
„Du und deine Mannschaft, ihr seid willkommen“, versicherte Theon Klugweil, Handelsherr der Stadt. Da Theon entschieden kleiner als sein menschlicher Geschäftspartner war, ging dieser vor ihm in die Hocke, so dass sie sich zum Gruß die Hände auf die Schultern legen konnten. „Sei auch du gegrüßt und willkommen, Pernat, und auch du, Steuermann Dormos.“ Theon winkte dem grinsenden Seemann. „Dein Anlegemanöver war gekonnt wie immer.“
Dormos strich sich erfreut über den Vollbart. Er hatte schon manchen Becher mit dem freundlichen Herrn Theon Klugweil geleert und freute sich auf den kommenden Abend, denn die Ankunft des Schiffes war stets ein Grund für ein kleines Fest des Zwergenclans.
„Ich vermute, du hast wieder Gelbfrüchte für uns?“ Theon strich eine Falte aus seiner Jacke und warf einen Blick auf das Schiff, der gleichgültig wirkte. Aber Herios-Lar wusste, dass der Handelsherr den Tiefgang und die Zuladung der Beovanaal einschätzte. „Wir haben immer Bedarf an Gelbfrüchten, wie du weißt.“
„Und das Handelshaus Tar hat immer Bedarf an Metallen und Kristallen.“
Theon schlug dem Kapitän freundschaftlich an die Hüfte. „Wir werden uns schon einig werden.“
„Und wie üblich“, seufzte Herios-Lar, „wird der Handel nicht ganz fair sein.“
Der Zwerg nickte verständnisvoll. „Glaube mir, ich kenne deine Sorge. Wir Zwerge sind nicht dumm und wissen, dass dein Handelsherr uns gerne übervorteilt. Aber wir nehmen es hin, denn Metall und Kristall finden wir oft genug, auch wenn es mühsam ist. Aber die Gelbfrucht ist ein Mangel, den wir beheben müssen. Das weiß dein Handelsherr, Kapitän.“ Theon nickte zu seinen Worten. „Er wird dir einen Preis aufgetragen haben, nicht wahr?“
„Es wäre leichter für euch, wenn ihr mehr mit Weißkristall handeln würdet, Freund Theon. Der ist nämlich bei uns eine Mangelware. Zumindest, seitdem die königliche Flotte ihn für den Bau der Lichtdruckkanonen benötigt.“
„Guter Weißkristall ist schwer zu finden“, seufzte Theon. „Sicher, kleinere Kristallstrukturen finden wir häufig, aber ihr braucht Säulen von beachtlicher Größe.“
„Zwei Meter und mehr, mein Freund.“ Herios-Lar kratzte sich im Nacken. „Sonst lässt sich nicht genug Lichtkraft darin speichern, um ein Schiff zu brennen.“
Der kleine Handelsherr schüttelte melancholisch den Kopf. „Es ist seltsam, wie oft ihr Menschen von Krieg sprecht und ihn führt. Wir Zwerge sind da anders. Wir wollen in Frieden leben und gestehen dies auch Anderen zu.“
„Aber das nützt nichts, wenn man euch den Frieden nicht lässt.“
„Das Meer ist gewaltig, mein menschlicher Freund, und lässt Raum für jeden.“
„Manchmal beneide ich dein kleines Volk, Theon Klugweil. Und ich glaube, mein Freund, dass die Welt nicht so friedlich ist, wie du es dir wünschen magst. Denk an die Kristallstädte deines Volkes. Sie stehen in ständigem Kampf gegen Orks und andere Feinde. Auch mein Volk muss kämpfen.“
Theon nickte. „Vielleicht muss es das. Immerhin seid ihr ein Landvolk und Landmänner sind stets neidisch aufeinander. Die Clans der See hingegen sind nicht neidisch und niemand erhebt Anspruch auf die See. Dafür ist sie einfach zu gewaltig und erhaben. Zudem wäre es schwer für ein Landvolk, uns anzugreifen. Das Meer ist für uns wie ein riesiger Festungsgraben.“
„Ich hoffe, es wird so bleiben und dein Volk kann weiter in Frieden leben“, wünschte Herios-Lar von ganzem Herzen. „Bislang ist kein Feind aufgetreten, der die Freiheit der Meere bedroht.“
„Aber ich weiß, dass euer Reich Telan eine mächtige Kriegsflotte unterhält.“
„Ja, das tun wir, mein Freund. Wir sind gerne vorbereitet, verstehst du?“
„Schiffe kosten Geld und ihr Unterhalt ist aufwändig“, brummte der Zwerg. „Eine Kriegsflotte ist ein kostspieliges Vergnügen.“
„Auch ihr habt Kriegsschiffe.“ Herios-Lar wies auf das Ruderschiff neben der Beovanaal.
„Oh, man kann mit ihnen kämpfen“, bestätigte Theon und lächelte verschmitzt. „Sehr gut sogar. Aber eigentlich nutzen wir sie zum schleppen der Stadtflöße. Aber unsere Herren Axtschläger, welche die Rammboote bemannen, schätzen es gar nicht, wenn wir sie als Stadtschlepper bezeichnen. Sie haben ihren Stolz, die Freunde der Axt.“
Herios-Lar nickte. „Lass uns auf den Grund meines Besuches zurückkommen. Je eher wir die Gelbfrüchte umgeladen haben, desto besser. Über den Preis werden wir uns schon einig.“ Er sah sich kurz um. „Bei meinem letzten Besuch sagtest du, ihr versucht, die Gelbfrüchte selbst zu ziehen.“
