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Eine junge Restauratorin wird an einem Wochenende versehentlich in einem abgelegenen Herrenschloss eingeschlossen. Während draußen die Zeit stillzustehen scheint, wird das Schloss nachts zum Ort unheimlicher Begegnungen. Sie trifft auf den Geist des jungen Schlosserben, der vor fast zweihundert Jahren unter rätselhaften Umständen starb. Zwischen kalten Mauern und verborgenen Geheimnissen wächst eine Nähe, die Zeit und Tod überwindet. Gemeinsam versuchen sie, das Rätsel seines Todes zu lösen – und entdecken dabei eine Liebe, die nicht sein darf. Als schließlich ihr Kollege erscheint, um sie zu befreien, wird klar, dass die wahre Gefahr nicht aus der Vergangenheit stammt. Ein Roman über Einsamkeit, Besitz und eine Liebe, die stärker ist als das Leben.
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Seitenzahl: 87
Veröffentlichungsjahr: 2025
Simone Lilly
A Ghostly Love
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1 – Die letzten Pinselstriche
Kapitel 2 – Zwischen Anruf und Zweifel
Kapitel 3 – Ein Gespräch aus zwei Jahrhunderten
Kapitel 4 – Die Brosche
Impressum neobooks
Die Dämmerung hatte das Schloss Lauenstein in ein changierendes Zwielicht getaucht, als Elena Vogt den feinen Haarpinsel aus dem Lösemittel hob. Winzige Goldpartikel glitzerten auf ihrer Fingerspitze, während sie den letzten Bogen der barocken Ornamentik prüfte. Über ihr wölbte sich das Deckenfresko wie ein aufgeschlagenes Himmelsbuch, in dem Engel und Wolken in blassem Türkis und sattem Ocker miteinander tanzten.Elena liebte diese späten Stunden, wenn das Museum schon lange für Besucher geschlossen war. Dann gehörte ihr das Schloss allein – oder zumindest fühlte es sich so an. Die Luft roch nach Leim, alten Textilien und einer Spur von kaltem Stein. Ihr Handy vibrierte, eine Erinnerung an die Gegenwart: Frederik: „Kommst du nachher noch auf ein Glas Wein? Ich warte…“Elena verzog die Lippen zu einem nachsichtigen Lächeln. Frederik Albrecht, der Kurator der kommenden Ausstellung, war ein charmanter Kollege – und viel zu überzeugt von seiner eigenen Wirkung. Ein höfliches Vielleicht später tippte sie zurück und legte das Telefon beiseite.Sie stieg die Leiter hinab, wischte sich mit dem Handrücken eine blonde Strähne aus der Stirn und sah auf die Uhr. Später als gedacht. Die letzten Mitarbeiter mussten längst gegangen sein. Von draußen drang nur das ferne Rauschen des Waldes herein, der das Schloss wie ein dunkler Kragen umgab.Mit dem vertrauten Klicken schloss sie den Werkzeugkoffer. In der Stille hallte jedes Geräusch nach – das leise Knarren der Dielen, das Klirren des Pinselglases. Irgendwo tief im Flur ratterte ein altes Heizungsrohr. Elena fröstelte leicht, zog ihre Strickjacke enger und machte sich auf den Weg zum Ausgang.Als sie den Korridor entlangging, bemerkte sie, dass die Bewegungsmelder ausblieben. Nur der bleiche Schein des Mondes fiel durch hohe Fenster auf den Boden. Stromausfall? Sie beschleunigte den Schritt, doch die schwere Eichenpforte zum Vestibül ließ sich nicht öffnen. Der Schlüssel drehte sich – aber das Schloss gab keinen Millimeter nach.„Na toll“, murmelte sie und versuchte es erneut. Nichts. Offenbar war sie wirklich eingeschlossen.Sie seufzte und stützte die Stirn an das kühle Holz. Hausmeister anrufen, dachte sie. Doch das Handy zeigte keinen Empfang.Ein leises Klirren ließ sie aufhorchen. Nicht das übliche Knacken alter Mauern, sondern ein zartes, fast metallisches Klingen, als berühre jemand eine Kristallkaraffe. Es kam aus dem Westflügel, dem ältesten Teil des Schlosses. Elena drehte sich langsam um.„Hallo?“ Ihre Stimme hallte über die Marmorfliesen. Keine Antwort. Nur ein Lufthauch, der ihren Nacken streifte.Neugier und ein leiser Nervenkitzel mischten sich in ihr. Vielleicht war noch jemand hier? Ein Wachmann, der eine späte Runde drehte? Sie griff nach der kleinen Taschenlampe in ihrer Jacke und folgte dem Geräusch. Der Lichtkegel huschte über vergoldete Bilderrahmen und verstaubte Samtvorhänge.Vor der Tür zum Spiegelsaal blieb sie stehen. Von drinnen drang ein warmer Schimmer, obwohl dort weder Strom noch Kerzen brennen sollten. Langsam öffnete sie die Tür.Der Saal lag im blassen Mondlicht, Spiegel reihten sich aneinander wie ein endloser Korridor. Und doch – mitten im Raum stand eine Gestalt. Hochgewachsen, schlank, das Haar schimmerte wie Weizen im Sommer. Er trug einen langen, altmodischen Gehrock in blassem Blau, der an die Porträts aus dem 18. Jahrhundert erinnerte.Elena hielt den Atem an. Die Gestalt wandte sich zu ihr, und sein Blick – kühl und zugleich neugierig – traf den ihren.„Fräulein,“ sagte er mit einer leichten Verbeugung, die jede Bewegung des Rockes mitschwingen ließ. „Verzeiht, dass ich Euch so unvermittelt erschrecke. Doch Ihr schreitet hier umher, als wäret Ihr die Herrin dieses Hauses.“Elena blinzelte. Seine Stimme klang sanft, aber die altertümliche Wortwahl wirkte fast absurd. „Äh… ich… arbeite hier“, brachte sie hervor. „Wer… sind Sie?“Ein kaum merkliches Lächeln spielte um seine Lippen. „Julius von Lauenstein, zu Euren Diensten.“Die Taschenlampe zitterte in ihrer Hand. Ein Schauspieler? dachte sie. Oder ein kostümierter Einbrecher? Doch etwas an seiner Präsenz – ein Hauch von Unwirklichkeit – ließ ihre Haut prickeln.„Sie wissen, dass das Museum längst geschlossen ist?“ fragte sie und versuchte, fester zu klingen, als sie sich fühlte.„Geschlossen?“ Julius’ Stirn legte sich in Falten. „Wohl kaum. Für mich, Fräulein, vergehen die Nächte ohne Unterschied. Doch sagt: Was führt Euch zu so später Stund in meine Hallen?“Seine altmodische Art ließ Elena unwillkürlich kichern. Das Kichern überraschte sie fast mehr als sein Auftauchen. „Ihre Hallen? Nett, dass Sie Humor haben.“Julius neigte den Kopf, ein kleines, rätselhaftes Lächeln auf den Lippen – und das Licht des Mondes flirrte um ihn, als bestünde er halb aus Luft und Erinnerung.
Das Knistern in der Luft war kaum verklungen, da vibrierte plötzlich Elenas Handy in ihrer Jackentasche. Das grelle Licht des Displays riss sie aus der erstarrten Haltung. Frederik blinkte auf dem Bildschirm.„Hallo?“, flüsterte sie hastig.„Elena? Endlich! Ich hab schon gedacht, du ignorierst mich.“ Frederiks Stimme klang leicht übersteuert. „Wo steckst du? Ich wollte gerade Feierabend machen.“„Frederik… ich—“ Sie drehte sich um.Der Spiegelsaal war leer. Keine Spur von Julius. Nur ihr eigenes Spiegelbild sah sie an – bleich und atemlos.„…ich bin im Schloss. Eingeschlossen.“Kurzes Schweigen am anderen Ende. „Wie bitte?“„Die Tür zum Vestibül klemmt. Und ich habe hier keinen normalen Empfang. Dein Anruf kam irgendwie einfach durch.“ Sie spürte, wie ihr Herz raste. „Kannst du den Hausmeister erreichen?“Frederik räusperte sich. „Äh, ich versuche es. Aber heute ist Freitagabend, das wird nicht einfach. Die haben wahrscheinlich längst ihre Telefone ausgeschaltet.“Elena wanderte unruhig durch den Saal. Das Mondlicht zeichnete kalte Streifen über den Marmorboden. Habe ich mir das eingebildet? Der Gedanke nagte an ihr.„Vielleicht kannst du… jemanden von der Sicherheitsfirma anrufen?“„Mach ich. Keine Panik. Bleib einfach, wo du bist, ich melde mich sofort, wenn ich jemanden erreiche. Und—Elena? Pass auf dich auf, ja?“„Schon gut.“ Sie zwang sich zu einem ruhigen Ton. „Ich warte hier.“Kaum hatte sie aufgelegt, war die Stille wieder vollkommen. Elena hielt den Atem an, als lausche sie auf ein kaum wahrnehmbares Echo. Doch nur das ferne Tropfen eines undichten Rohrs antwortete.Sie fuhr sich durchs Haar und versuchte, sich zu sammeln. Vielleicht war er wirklich nur Einbildung, redete sie sich ein. Langes Arbeiten, leere Räume, Mondlicht – das kann den Kopf schon mal austricksen.Dennoch konnte sie das Bild nicht abschütteln: Julius, groß und schimmernd, der altmodische Gehrock, der höfliche Tonfall. So lebendig konnte kein Traum sein.Ein kalter Lufthauch strich an ihr vorbei, kaum spürbar, und brachte die Kerzenständer am Kamin leicht zum Klingen. Elena fröstelte.„Wenn ich halluziniere,“ murmelte sie leise, „dann ist es eine verdammt gute Halluzination.“
Elena ließ sich auf die kühle Fensterbank des Spiegelsaals sinken. Ihr Handy lag stumm neben ihr, als sei der kurze Kontakt zur Außenwelt nur ein Traum gewesen. Sie starrte auf das Mondlicht, das sich in den Spiegeln vervielfachte, bis ihr eigener Blick zu flimmern schien.Ein leiser Windzug strich durch den Raum – obwohl kein Fenster geöffnet war. Dann hörte sie hinter sich das sanfte Scharren eines Schuhs über Marmor.„Ihr seid noch hier.“Die Stimme, samtweich und altmodisch, ließ ihr Herz stolpern. Sie wirbelte herum. Julius stand nur wenige Schritte entfernt, als wäre er nie fort gewesen. Sein blauer Gehrock schimmerte im silbrigen Licht, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.„Sie—!“ Elena sprang auf. „Wie sind Sie wieder reingekommen? Wollen Sie mich veralbern?“Er zog eine Augenbraue hoch. „Ich verstehe Euer Begehr nicht. Ich bin dort, wo ich immer bin.“„Ach hören Sie auf.“ Elena stemmte die Hände in die Hüften, ihre Stimme zitterte vor Adrenalin. „Wenn Sie ein Schauspieler sind, der hier nachts Cosplay betreibt oder für irgendein Theaterstück probt, dann suchen Sie sich bitte einen anderen Ort!“Julius blinzelte. „Cos… was? Spiel? Ihr redet in Rätseln, Fräulein.“„Cosplay. Theater. Kostüm! Sie wissen schon – sich verkleiden und so tun, als wäre man jemand anderes.“„Verkleiden?“ Er wirkte ernsthaft ratlos. „Ich trage, was mir eigen ist. Warum sollte ich mich… verkleiden?“Elena presste die Lippen zusammen. „Okay. Dann erklären Sie mir, wie Sie plötzlich verschwunden sind, als mein Handy geklingelt hat.“Er senkte den Blick einen Moment, als überlege er. „Wenn das Rufen Eures kleinen Kastens ertönt, zieht sich der Schleier zusammen. Manchmal reißt er mich fort, ehe ich’s vermag zu wehren.“„Der… Schleier.“ Sie ließ die Hände sinken. „Sie meinen…“„Ich bin an dieses Haus gebunden, doch nicht immer kann ich verweilen.“ Sein Blick hob sich wieder, ernst und zugleich mild. „Glaubt mir, ich suche keinen Schabernack. Dies ist meine Heimat, wie sie es seit meinem Ende war.“Elena schwieg. Der ernste Klang seiner Stimme, der leichte Anflug von Traurigkeit – zu echt, um ein Witz zu sein. Doch ihr Verstand rebellierte.„Ihr glaubt mir nicht“, sagte Julius leise, als könnte er ihre Gedanken lesen.„Ich… weiß nicht, was ich glauben soll.“Er machte einen Schritt näher. „Dann fragt mich, was Ihr wollt. Ich werde Euch wahrheitsgetreu antworten – so weit ein Schatten wie ich’s vermag.“Sein altmodischer Ton, diese formelle Höflichkeit – sie hätte lachen können, wenn ihr nicht so schwindelig gewesen wäre. Stattdessen nickte sie vorsichtig. „Na schön. Dann… wer sind Sie wirklich?“„Julius von Lauenstein. Geboren im Jahr des Herrn 1761, gestorben im Winter 1785.“ Seine Augen leuchteten blass im Mondlicht. „Und offenbar dazu verdammt, zwischen Euren Welten zu wandeln.“Ein leiser Schauder lief ihr den Rücken hinunter. Die Spiegel ringsum reflektierten sein Bild – doch in einem der Spiegel fehlte seine Gestalt.
„Genug!“ Elenas Stimme hallte zwischen den Spiegeln. „Gehen Sie. Sofort.“Ihre Finger zitterten, doch sie hielt Julius’ Blick stand. „Ich weiß nicht, wer Sie sind oder was das hier soll, aber Sie machen mir Angst.“Julius verharrte. Der silbrige Schimmer seines Umrisses schien einen Moment dunkler zu werden. „Euch zu ängstigen war niemals mein Begehr.“„Dann verschwinden Sie. Bitte.“Er senkte den Kopf, ein Ausdruck stiller Kränkung glitt über sein Gesicht. „Wie Ihr wünscht.“Langsam, fast feierlich, drehte er sich um. Für einen Augenblick glaubte Elena, seine Konturen lösten sich im Mondlicht auf wie Nebel.„Wartet…“ Ihre Stimme war kaum ein Flüstern, doch er reagierte nicht.Noch bevor sie den Satz beenden konnte, war er fort – einfach fort.Elena blieb allein zurück, Herz und Gedanken rasten.Ich träume. Ich muss träumen.
