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Der junge Kommissar Levin Marti muss in einem Entführungsfall ermitteln. Zuerst ist alles unklar. Was genau ist passiert? Wer wurde entführt, und, handelt es sich überhaupt um eine Entführung? Um die erste Befragung durchzuführen, fährt er ausgerechnet in sein Heimatdorf in der Schweiz, um die Schwester der vermeintlich Entführten zu befragen: Noelle Whyss. Schon bei der ersten Begegnung, bei der Levin versucht, sachlich zu bleiben, merkt er, dass Noelle so ganz anders ist. Quirlig, leicht hysterisch und ganz und gar nicht dazu bereit ihn in Ruhe ermitteln zu lassen. Und schon bald sieht er sich (leider) damit konfrontiert, dass Noelle überall ungefragt auftaucht, ihn einfach begleitet, und auch so immer in seine Ermittlungen funkt. Zwischen endlosen Diskussionen finden sie jedoch tatsächlich brauchbare Spuren, die Richtung Ex-Freund des Opfers führen. Bald schon müssen sie sich nicht nur ernsthaft mit dem immer gefährlicher werdenden Fall und mit der Vergangenheit auseinandersetzen, sondern auch mit aufkeimenden Gefühlen zwischen ihnen.
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Seitenzahl: 98
Veröffentlichungsjahr: 2025
Simone Lilly
Ein gefährliches Geheimnis
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1 – Der Anruf
Kapitel 2 – Tränen in Latschberg
Kapitel 3 – Das Gästezimmer
Kapitel 4 – Fahrt ins Unvermeidliche
Kapitel 5 – Fabian Ritter, der Künstler
Impressum neobooks
Das Summen des Telefons schnitt durch die Stille im Büro wie ein Skalpell. Levin Marti hob den Kopf von seinem Notizbuch, in dem er gerade mit ordentlicher Handschrift die Eckpunkte des letzten Falls zusammengetragen hatte. Es war kurz nach neun Uhr morgens, draußen hing der Nebel über Zürich wie eine schlecht gelaunte Decke, und er hatte gehofft, der Tag würde so unspektakulär verlaufen wie sein Frühstückskaffee: stark, schwarz, unkompliziert.„Marti“, murmelte er, griff nach dem Hörer – doch sein Vorgesetzter, Kommissar Gmür, war schneller.„Kriminalpolizei Gmür. Ja? … Ja. Verstehe.“Levin beobachtete, wie die Stirn des Kommissars immer tiefer in Falten fiel. Das bedeutete nichts Gutes. Gmür, ein gemütlicher Mann Ende fünfzig, der aussah, als hätte er sich die letzten Jahre hauptsächlich von Buttergipfeli und Filterkaffee ernährt, war selten so ernst.Nach einer Weile legte er auf und seufzte, als hätte er soeben persönlich den Weltuntergang bestätigt bekommen. Dann drehte er sich zu Levin.„Wir haben einen Anruf, Marti. Mutmaßliche Entführung. Eine junge Frau.“Levin richtete sich auf. „Wo?“„Im Kanton Graubünden. Dorf namens Latschberg, vielleicht sagen Ihnen die Berge dort was.“Natürlich sagten sie ihm was. Er hatte halbe Kindheitssommer dort verbracht, mit Wanderschuhen, Kuhglocken und dem Duft von Heu. Und jetzt also ein Fall dort.„Wer hat angerufen?“ fragte er knapp.„Die Schwester der Vermissten. Sie klang … aufgebracht. Heißt Wyss, Noëlle. Scheint eine von der Sorte, die lieber gleich die Polizei auf der Matte hat, als einmal tief durchzuatmen. Aber so was nimmt man ernst. Packen Sie Ihre Sachen.“Levin nickte, schob das Notizbuch in die Innentasche seiner Jacke. Er war nicht der Typ, der Fragen stellte, bevor er am Ort des Geschehens war. Auf dem Weg ergab sich das Nötige.Der Polizeiwagen rollte wenig später auf die Autobahn Richtung Süden. Gmür hatte ihm den Fall allein übertragen, mit der knappen Bemerkung: „Sie haben ein Händchen für Vermisste.“Levin hielt das Lenkrad fest, der Motor brummte gleichmäßig, und während die grauen Fassaden Zürichs zurückblieben, dachte er an die Worte des Kommissars.Ein Händchen für Vermisste. Ja, vielleicht. Aber kein Händchen für komplizierte Familienkonstellationen, und genau das roch er hier schon. Schwestern, die anrufen, Tränen am Telefon, kleine Dörfer, in denen jeder Nachbar das halbe Leben mitbekam – das bedeutete Ärger.Er war korrekt, er war gründlich, er war pünktlich. Aber er war auch nicht blind dafür, dass Fälle wie dieser selten nach Lehrbuch verliefen. Er dachte an die Notiz in seiner Manteltasche, an die klare Handschrift, die ihm Sicherheit gab. Vielleicht brauchte er heute mehr als Ordnung.Die Landschaft wurde langsam offener, die Berge erhoben sich wie graugrüne Wächter, und ein vertrautes Gefühl breitete sich in ihm aus. Hier war er groß geworden, hier hatte er gelernt, auf Brettern über Schnee zu rasen und mehr Respekt vor Lawinen als vor Lehrern zu haben. Und jetzt fuhr er zurück – nicht als Junge, sondern als Ermittler.Einmal blickte er auf die Uhr. Er war auf die Minute im Zeitplan. Wenn die Schwester Wyss ihn also gleich mit tränenreichen Ausbrüchen begrüßen würde, konnte er immerhin sagen, dass er pünktlich gekommen war. Man musste schließlich mit dem arbeiten, was man hatte.
Das Gästezimmer wirkte weniger wie ein Schlafplatz und mehr wie eine explodierte Garderobe. Überall lagen Kleider – kurze, glitzernde, bunte, mit Pailletten, mit Rüschen. Dazwischen ein halboffenes Schminktäschchen, von dem Lidschattenkrümel auf die Kommode gestäubt waren.Levin blieb an der Tür stehen, verschränkte die Arme und hob eine Augenbraue. „So … sieht also das Zimmer aus, in dem Sie Ihre Schwester untergebracht haben?“Noëlle verschluckte ein trockenes Lachen. „Das sieht nach Elodie aus. Sie ist … na ja … immer ein bisschen dramatisch. Sie wollte Abstand. Mal wieder. Von ihrem Ex-Freund.“„Mal wieder?“„Ja.“ Noëlle seufzte, strich sich die Haare aus dem Gesicht. „Es ist nicht das erste Mal. Wenn’s mit einem Mann nicht klappt – und glauben Sie mir, es klappt nie –, zieht sie für ein paar Wochen hier ein. Herzschmerz, Rotwein, Glitzerkleider. Und dann … schwupps, ist sie wieder weg.“Levin nickte knapp, zog sein Notizbuch hervor und schrieb ein paar Worte auf. Ex-Freund. Wiederholungstäterin im Drama. Potenziell impulsiv.„Name des Ex-Freundes?“ fragte er.„Ach … ein Künstler aus Zürich. Fabian. Fabian Ritter. Maler, oder so was. Ich weiß nicht, ob sie den jetzt wirklich endgültig abgeschossen hat oder ob das wieder eine dieser ‚Pausen‘ ist.“Levin schrieb weiter, dann trat er in den Raum. Er schob mit der Schuhspitze ein paar Kleiderberge beiseite, inspizierte den Fenstersims. Kein Kratzer, kein abgebrochener Lack. Sieht nicht nach einem Einbruch aus.Er kniete sich hin, beugte sich unter das Bett, die Taschenlampe in der Hand. Etwas Weißes blitzte im Lichtstrahl.Levin runzelte die Stirn, griff danach – und hielt plötzlich einen Spitzen-BH in der Hand. Schwarze Spitze, leicht zerknittert, definitiv nicht sein Fachgebiet.Einen Moment lang verharrte er, dann schob er das Ding so schnell wie möglich zurück. Als hätte er sich verbrannt, richtete er sich auf, klopfte sich imaginären Staub von den Knien und räusperte sich.Noëlle, die neben der Tür stand, sah ihn mit einem Blick an, der irgendwo zwischen Empörung und unterdrücktem Kichern pendelte.„Sie durchsuchen also … sehr gründlich.“Levin presste die Lippen zusammen. „Routine.“„Aha.“ Sie verschränkte die Arme. „Wenn Sie noch mehr Beweismaterial brauchen, ich bin sicher, irgendwo hier liegt noch die passende Unterhose.“Er ignorierte den Kommentar demonstrativ, schrieb stattdessen in sein Notizbuch: Zimmer chaotisch. Keine Spuren von Gewalt. Fenster offen, keine Einbruchsspuren.„Frau Wyss“, sagte er betont sachlich, „Ihr Schwester hat also in letzter Zeit wiederholt Trennungen erlebt. Gab es Drohungen vom Ex-Freund?“„Wenn Sie Drohungen meinen im Stil von ‚Ohne dich bin ich nichts‘ oder ‚Du bist die einzige Muse meines Lebens‘ – dann ja. Ständig. Fabian ist … ein bisschen … melodramatisch.“„Künstler eben.“ Levin klappte das Notizbuch zu, ganz so, als hätte er damit die gesamte Psychologie eines Menschen erklärt.Noëlle starrte ihn an. „Sie sind ja ein richtiger Romantiker.“„Ich bin Polizist.“Sie schnaubte und schüttelte den Kopf, während Flocke im Flur bellte, als wolle er die Spannung kommentieren.Levin sah sich ein letztes Mal im Zimmer um, dann blickte er Noëlle fest an. „Gut. Als Nächstes möchte ich mir Ihre Schwester genauer beschreiben lassen. Kleidung, Uhrzeit des Verschwindens, alles. Und dann fahre ich nach Zürich. Ich will mit diesem Fabian Ritter sprechen.“„Wir?“ wiederholte sie.„Sie bleiben hier.“„Ha! Ganz bestimmt nicht.“ Ihre Stimme klang plötzlich wieder fest, fast trotzig. „Das ist meine Schwester. Wenn Sie glauben, ich sitze hier und warte, bis Sie irgendwann zurückkommen, dann kennen Sie mich schlecht.“Levin spürte, wie sich seine Stirn in Falten legte. Es war das erste Mal seit Langem, dass er ernsthaft das Gefühl hatte, die Kontrolle über eine Ermittlung gleich am Anfang zu verlieren.Und er ahnte: Diese Frau würde ihm noch graue Haare bescheren.
Der Polizeiwagen rollte über die Landstraße, die sich wie eine schmale Schlange durch die Bündner Hügel schlängelte. Nebel hing noch zwischen den Wiesen, ab und zu huschte ein Traktor vorbei.Im Auto jedoch herrschte alles andere als Stille.„… und dann gab es noch Janik. Gott, Janik war der Schlimmste!“, plapperte Noëlle vom Beifahrersitz. „Er hat behauptet, er sei Musiker, aber in Wahrheit konnte er nur Smoke on the Water auf der Gitarre. Immer wieder. Tagelang. Ich schwöre, Elodie hat nach drei Wochen angefangen, im Schlaf zu schreien, sobald sie die ersten Töne gehört hat.“Levin hielt den Blick stur auf die Straße gerichtet. Die Hände lagen fest am Lenkrad, die Kiefermuskeln angespannt. Er fuhr exakt im Tempolimit. Kein Kilometer zu schnell, keiner zu langsam.
