Das Porträt am See - Simone Lilly - E-Book

Das Porträt am See E-Book

Simone Lilly

0,0
1,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

In einem kleinen Dorf am Tegernsee, gezeichnet von den Narben der Nachkriegszeit, lebt ein Mann, den niemand wirklich kennt. Eine entstellende Narbe im Gesicht und eine Vergangenheit, über die er schweigt, haben ihn zum Außenseiter gemacht. Er meidet die Menschen – und sie meiden ihn. Nur eine junge Malerin beobachtet ihn immer wieder am Steg. Gegen alle Widerstände beschließt sie, ihn zu malen. Zögernd lässt er sich darauf ein, und während der Sitzungen entsteht zwischen ihnen eine vorsichtige Nähe, die mehr heilt als Worte es könnten. Als ein einflussreicher Galerist aus München auf ihre Werke aufmerksam wird – und auf sie –, gerät ihr stilles Glück ins Wanken. Das Dorf beginnt zu tuscheln, alte Vorurteile brechen auf, und eine Entscheidung verlangt Mut. Vor der Kulisse des Tegernsees erzählt dieser Roman von Schuld und Vergebung, von der Kraft der Kunst – und von einer Liebe, die stärker ist als die Narben der Vergangenheit.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 93

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Simone Lilly

Das Porträt am See

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1 – Nebel über dem Tegernsee

Kapitel 2 – Erste Worte im Nebel

Kapitel 3 – Ein Angebot aus München

Kapitel 4 – Gedanken im Atelier

Impressum neobooks

Kapitel 1 – Nebel über dem Tegernsee

Der See lag still, ein einziger Atem aus milchigem Grau. Nebelschwaden zogen in langsamen Wirbeln über das Wasser, als wollten sie alles, was je gesprochen wurde, verschlucken. Therese Hartmann – für alle nur Resi – stand auf der hölzernen Plattform vor dem kleinen Atelierhaus ihrer Tante und rieb sich die kalten Hände. Ihr kupferrotes Haar hatte sich aus dem geflochtenen Zopf gelöst und sammelte den feinen Tau wie glitzernde Pinselspitzen.Resi war an Schönheit gewöhnt, doch nie empfand sie sie als Waffe. Die Leute im Dorf nannten sie manchmal die „rote Sonne“, und vielleicht lag es nicht nur an den Haaren: Sie lachte laut, sie sah hin, wo andere wegsahen, und sie besaß jene unbekümmerte Art, die selbst den grantigsten Krämer aus der Fassung bringen konnte. Doch heute, im schwermütigen Morgenlicht, lag etwas Nachdenkliches in ihrem Blick.Denn da war er.Am Ende des alten Stegs, halb verborgen vom Nebel, stand ein Mann wie eine dunkle Silhouette gegen das fahle Wasser. Groß, hager, mit breiten Schultern unter einer abgetragenen Jacke. Friedrich Brandt. Im Dorf kannte ihn jeder, doch kaum jemand sprach ihn an. Die Alten raunten, er sei ein Kriegsheimkehrer, „innerlich so zerrissen wie die Berge nach einer Lawine“. Kinder wagten Wetten, wer ihm am nächsten kommen könne, bevor er sich umdrehte und sie mit diesen stechenden graublauen Augen ansah.Resi hatte ihn schon oft gesehen, wenn sie morgens am See skizzierte: immer allein, manchmal mit einem alten Ruderboot, manchmal nur sitzend, als lausche er einer unsichtbaren Melodie. Heute fiel ihr zum ersten Mal auf, wie das matte Herbstlicht seine Gesichtsnarben zeichnete – nicht grausam, sondern fast feierlich. Wie Skulpturen, dachte sie, wie von einem ungeduldigen Bildhauer aus Stein geschlagen.Sie sog die feuchte Luft ein. „Ein Gesicht wie eine Landschaft“, murmelte sie und kramte nach ihrem Skizzenbuch. Der Bleistift zögerte über dem Papier.Fritz – niemand nannte ihn so laut, aber der Name lag unausgesprochen in der Luft – bewegte sich kaum. Nur der Nebel wanderte, strich über seine Wangen, verhüllte und enthüllte die alten Brandmale, als wollte er sie der Welt zugleich zeigen und ersparen.Resi spürte ein Kribbeln, halb Faszination, halb Unbehagen. Die Leute mochten über ihn tuscheln: „schwieriger Mensch“, „war sicher in Russland“, „trägt seine Sünden im Gesicht“. Doch sie sah keinen Sünder. Sie sah Linien, Schattierungen, Geschichten, die nur darauf warteten, in Farbe gebannt zu werden.Ein unwillkürliches Lächeln huschte über ihre Lippen. Vielleicht, dachte sie, würde sie ihm eines Tages sagen: „Ihr Gesicht, Herr Brandt, ist reine Kunst.“Vielleicht.Denn heute, an diesem kühlen Herbstmorgen, begann etwas, das sie beide noch nicht ahnten – etwas, das leiser war als der Nebel, aber stärker als der See.

Kapitel 2 – Erste Worte im Nebel

Fritz spürte den Blick, lange bevor er ihn sah.Er drehte sich nur ein Stück, genug, um die junge Frau am Rand des Stegs zu erkennen: kupfernes Haar, Skizzenbuch an die Brust gedrückt, der Nebel wie ein Heiligenschein um sie. Ein zu schönes Bild für diese trübe Stunde.„Wenn Sie mir noch länger so auflauern,“ sagte er trocken, „versteigere ich Eintrittskarten.“Seine Stimme war tief und rau, als hätte sie den Krieg nicht verlassen, und sie trug diesen leisen Unterton von Spott, der wie ein dünnes Messer klang.Resi zuckte zusammen, ein rosiger Schimmer kroch ihr über die Wangen. „Oh! Verzeihung… ich wollte nicht—“Sie machte einen unsicheren Schritt vorwärts, das Holz unter ihren Schuhen knarrte. „Ich… ich habe nur gezeichnet. Und dann…“ Ein nervöses Lachen. „Nun, dann haben Sie mich wohl ertappt.“Fritz wandte sich ganz um. Im diffusen Licht sah sie das Netz aus Narben über seiner linken Wange, die scharf geschnittenen Züge, das kühle Blau seiner Augen. Er hielt ihren Blick fest, ohne ein Lächeln.„Ertappt, ja. Aber was genau haben Sie getan? Menschenbeobachtung als Sport?“Resi straffte die Schultern, als fände sie plötzlich den Mut in sich. „Therese Hartmann. Aber alle sagen Resi.“ Sie reichte ihm die Hand, die Finger noch vom Bleistift grau. „Und nein, kein Sport. Ich bin Malerin. Und…“Sie holte tief Luft. „Ihr Gesicht hat mich fasziniert. Ich wollte Sie fragen, ob…“ Ein Zögern. „Ob ich Sie zeichnen dürfte.“Er musterte sie, als hätte sie eben vorgeschlagen, den See zu versetzen. Ein unmerklicher Zug an seinem Mundwinkel – war das ein Lächeln oder nur Skepsis?„Mich zeichnen? Aha. Und was soll ich davon haben?“„Ein gutes Porträt. Vielleicht sogar ein schönes.“Sie hielt dem prüfenden Blick stand, auch wenn ihr Herz hämmerte. „Ich weiß, das ist eine kühne Bitte. Aber Sie… Sie haben eine Geschichte in Ihrem Gesicht. Ich würde sie gern einfangen. Wenn Sie erlauben.“Der Nebel schwieg mit ihnen. Dann schnaubte Fritz leise, ein Geräusch irgendwo zwischen Spott und Erstaunen.„Eine Geschichte also. Die meisten im Dorf behaupten, die hätten sie längst erraten.“Er steckte die Hände in die Manteltaschen. „Und wenn ich nein sage?“„Dann danke ich Ihnen für diesen Augenblick,“ sagte Resi schlicht. „Und zeichne weiter den See. Aber ich hoffe, Sie sagen nicht nein.“Er blickte über ihre Schulter hinaus auf das graue Wasser, als suchte er eine Antwort im Nebel. Schließlich zuckte er kaum merklich mit den Schultern.„Sie sind hartnäckig, Fräulein Hartmann.“„Man sagt, das sei eine Tugend.“Resi lächelte – vorsichtig, aber warm.Fritz sah sie wieder an, und etwas in seinem Blick weichte, kaum sichtbar, wie Eis, das im Morgengrauen zu schmelzen beginnt.„Vielleicht,“ murmelte er, „ist es das.“Fritz schwieg einen Moment, der so lang war, dass Resi das leise Plätschern der Wellen unter dem Steg zählen konnte. Dann zog er nur die Augenbrauen hoch, als hätte er den Wind überhört.„Ich sag jetzt nicht ja,“ sagte er schließlich. „Aber auch nicht nein.“Resi nickte langsam. „Das reicht mir fürs Erste.“Sie schloss ihr Skizzenbuch, steckte den Bleistift hinter das Ohr und lächelte ein kleines, unaufdringliches Lächeln.„Ich bin jeden Morgen hier, falls Sie es sich anders überlegen.“Mit einem letzten Blick auf sein scharfes Profil drehte sie sich um. Das Holz ächzte unter ihren Schritten, dann verschluckte der Nebel ihre Gestalt.Drinnen in ihrem Atelier war es kaum wärmer. Der Duft von Terpentin hing in der Luft, eine Tasse kalter Kaffee stand auf dem Fensterbrett. Resi schälte den Mantel von den Schultern, fror dennoch und rieb sich die Arme.Sie legte die wenigen Münzen auf den wackligen Küchentisch: das, was vom letzten Auftrag übrig war – eine Kinderporträtserie für eine Gmundner Familie. Nicht genug für die nächste Miete, geschweige denn neue Farben.Seit dem Unfall, der ihre Eltern vor drei Wintern genommen hatte, hielt sie sich mit kleineren Aufträgen über Wasser. Ihr Atelier war zugleich Wohnung, Galerie und Zuflucht. Doch die Kundschaft war spärlich geworden; die Leute im Dorf gaben ihr Anerkennung, aber kein Geld.Resi band ihr Haar hoch, wusch sich die kalten Finger und blickte auf die leere Leinwand an der Wand.„Eine Geschichte in seinem Gesicht“, murmelte sie.Und sie wusste: Wenn sie diese Geschichte malen könnte, vielleicht – nur vielleicht – wäre das Bild, das endlich alles ändern würde.

Kapitel 3 – Ein Angebot aus München

Die Sonne hatte sich am Nachmittag zaghaft durch den bleiernen Himmel geschoben und den Nebel über dem Tegernsee in glitzernde Fäden aufgelöst. Resi trug den fertigen Kinderauftrag zur Post, ein kleines Bündel Papier unter dem Arm, und hastete durch die schmalen Gassen von Rottach-Egern. Ihre Gedanken kreisten noch immer um den schweigsamen Mann vom Morgen – und um den dünnen Geldbeutel in ihrer Manteltasche.Vor dem Café am Kirchplatz stand Georg Adler, wie immer tadellos gekleidet: grauer Wollmantel, seidenes Einstecktuch, Schuhe, die selbst nach einer Wanderung glänzen würden. Er sprach gerade mit dem Bäckermeister, verneigte sich charmant und entdeckte Resi, kaum dass sie den Platz betrat.„Fräulein Hartmann!“ Seine Stimme war warm und klang ein wenig zu laut für den stillen Nachmittag. „Welch glücklicher Zufall.“Er machte zwei elegante Schritte auf sie zu, als stünde er auf einer Vernissage und nicht auf dem unebenen Kopfsteinpflaster.Resi lächelte höflich. „Herr Adler. Auch unterwegs?“„Auf der Durchreise, wie so oft.“ Er ließ den Blick prüfend über sie gleiten, blieb an dem Paket in ihrem Arm hängen. „Immer fleißig, sehe ich. Aber wenn ich so offen sein darf—“ Er senkte die Stimme, als verrate er ein intimes Geheimnis. „Ihr Tempo ist… sagen wir, sehr gemächlich. Ein Talent wie das Ihre sollte nicht in Kinderporträts und Kleinstaufträgen versanden.“Resi spürte einen kleinen Stich. „Ich arbeite, wie ich arbeiten kann, Herr Adler.“„Natürlich, natürlich.“ Georgs Lächeln blieb makellos, nur seine Augen funkelten berechnend. „Aber München wartet nicht. Nächste Woche findet im Künstlerhaus eine Soiree statt – Sammler, Galeristen, Presse. Ich würde Sie gern dabeihaben. Ich könnte Ihnen die richtigen Leute vorstellen. Ein Sprungbrett, Fräulein Hartmann.“Sie wich seinem intensiven Blick aus. „Das ist… schmeichelhaft. Aber ich habe gerade sehr viel zu tun.“„Gerade deshalb“, unterbrach er sanft, „müssen Sie sich zeigen. Wer gesehen wird, erhält Aufträge. Wer wartet, bleibt…“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause. „…hier.“Resi sah über den Platz. Alte Frauen trugen Brotkörbe, Kinder rannten lachend über das Pflaster. Hier – ihr Zuhause, ihr Atelier, ihre mühsam erkämpfte Freiheit. München war eine andere Welt. Eine verlockende, aber teure.Georg trat einen halben Schritt näher, sein Duft nach Tabak und Zedernholz wehte zu ihr. „Denken Sie darüber nach. Ich halte Ihnen einen Platz frei. Und…“ Ein Lächeln, das fast zu persönlich war. „Es wäre mir eine Freude, Sie zu begleiten.“Resi nickte langsam, unschlüssig. „Ich… überlege es mir.“„Mehr verlange ich nicht.“ Er verbeugte sich leicht, als hätte er soeben einen Vertrag besiegelt, und verschwand Richtung Gasthof, wo sein glänzender Wagen wartete.Resi blieb stehen, das Paket fester an sich gedrückt. Der Gedanke an die unbezahlte Miete stach in ihrem Magen. München. Kontakte. Vielleicht Aufträge.Und doch drängte sich das Bild von Fritz auf, wie er am Morgen im Nebel stand – still, abweisend und so viel echter als all die glänzenden Einladungen.

Kapitel 4 – Gedanken im Atelier

Der Abend legte sich schwer über Rottach-Egern. Die letzten Lichtstreifen über dem Tegernsee waren verschwunden, nur das matte Schimmern des Wassers drang durch das kleine Atelierfenster. Resi saß am Arbeitstisch, den Rücken gebeugt, das Skizzenbuch geöffnet, doch der Bleistift bewegte sich nicht.Sie dachte an den Tag. An Fritz Brandt, der so schweigsam am Steg gestanden hatte, an die Linien seines Gesichts, die sich wie Narben über die Haut zogen, und an das Licht, das sie wie eine lebendige Skulptur erscheinen ließ.Und sie dachte an Georg Adler, der sie am Nachmittag mit seiner perfekten Höflichkeit und seinen durchdachten Worten in Versuchung geführt hatte. München. Kontakte. Eine Chance, endlich aus der finanziellen Enge zu entkommen. Doch ihr Herz zog sie zurück zum See, zu diesem Mann, den jeder im Dorf mied, dessen Gegenwart aber stärker war als jeder glänzende Auftritt.