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Frankreich zur Zeit der Revolution: Sofia Montfort ist jung, aber nicht naiv. Sie hinterfragt das Vorgehen der Politik kritisch und veröffentlicht heimlich politisch-kritische Schriften. Julian de Montreux hat durch die Revolution alles verloren. Einst von einem alten Adelshaus abstammend, wurde die Familie enteignet und ermordet. Seitdem versucht er als einfacher Dieb zu überleben. Als er eines Abends bei einer Verfolgung zufällig in das Versteck von Sofia stolpert, beginnt eine ungewöhnliche Zusammenarbeit. Eigentlich können sie sich nicht leiden, doch als Sofia droht aufzufliegen, beginnt für die beiden eine Flucht der anderen Art.
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Seitenzahl: 111
Veröffentlichungsjahr: 2025
Simone Lilly
Geheimnisse der Nacht
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Impressum neobooks
Der Nachmittag hing schwer über Montreuil-sur-Rêve, dieser Stadt aus grauem Stein und noch dunkleren Gerüchten. Durch die hohen, schmalen Fenster der kleinen Werkstatt sickerte ein fahles Licht, das den Staub in der Luft wie winzige Funken tanzen ließ. Die Druckerpresse knarrte leise im Rhythmus von Sofias Bewegungen: Griff lösen, Walze drehen, Papier auflegen. Wieder und wieder, bis die Finger schwarz von Tinte waren.Sofia Montfort liebte den Geruch von frischer Druckerschwärze – herb, beinahe metallisch. Er war für sie ein Versprechen: dass Worte stärker sein konnten als Schwert oder Gewehr. Ihr dunkles Haar hatte sie zu einem unordentlichen Knoten gebunden; einzelne Strähnen fielen ihr über die Stirn, als sie die nächste Seite prüfte. „Freiheit kennt kein Dekret“, stand dort in sauber gesetzten Lettern, darunter ein kurzer Aufruf zum Widerstand gegen das neu eingesetzte Komitee für Öffentliche Ordnung.Draußen pochten Stiefel auf dem Pflaster, und in der Ferne erklang das scharfe Trillern einer Pfeife. Die Bürger Montreuils waren an dieses Geräusch gewöhnt. Jede Woche wurden Häuser durchsucht, nach Schriften wie diesen, nach Menschen wie ihr. Sofia spürte ein kurzes Ziehen in der Brust, doch ihre Hände zitterten nicht. Angst war für sie wie ein alter Bekannter, der ungebeten auftauchte, aber dem man kein Zimmer mehr herrichtete.„Du atmest zu laut, Mädchen.“Die Stimme ihres Mentors zerschnitt die Stille. Étienne Marchand stand in der Tür, ein sehniger Mann mit grauem Haar und scharfem Blick. Er trug eine Lederschürze, die mit Flecken übersät war, als wäre sie selbst ein Geschichtsbuch aus Tinte.„Und du redest zu viel“, erwiderte Sofia, ohne aufzusehen.Étienne zog eine Augenbraue hoch. „Wenn die Stadtwache dich hört, helfen dir deine schönen Buchstaben nicht. Sie werden dich auf den Platz zerren, und dein hübscher Hals—“„—ist nicht dein Anliegen.“ Sie lächelte dünn.Er lachte trocken. „Sarkasmus liegt dir nicht. Du bist zu ernst für dein Alter.“Er trat näher, wischte sich mit einem rußigen Tuch über die Hände und blickte zum Fenster hinaus. „Hast du die Kutschen gesehen? Schon wieder ein Herrenhaus leergeräumt. Die de Montreux gestern, heute die Familie Renaud. Ein Wappen nach dem anderen verschwindet von den Mauern. Bald weiß niemand mehr, dass sie je existiert haben.“Sofia legte den nächsten Bogen ein, der schwere Hebel der Presse ächzte. „Sie haben lange genug über uns gestanden. Vielleicht ist es gerecht.“Étienne nickte langsam, doch seine Augen blieben ernst. „Mag sein. Aber Gerechtigkeit hat viele Gesichter. Nicht alle von ihnen schön.“Er stützte sich auf den Rahmen der Presse. „Ich habe gesehen, wie sie den alten Grafen Renaud abführten. Kein Stolz mehr, nur ein alter Mann, der seine Tochter bat, ihm den Mantel nachzureichen. Es war … still. Kein Aufruhr, nur Leere.“Ein Moment des Schweigens dehnte sich zwischen ihnen, erfüllt vom leisen Knacken der Holzbalken.„Manche von ihnen sind keine Engel, Sofia. Aber auch sie sind Menschen. Ich frage mich manchmal, was aus uns wird, wenn wir vergessen, das zu sehen.“Sie hielt inne, das frisch gedruckte Blatt in der Hand. „Wir vergessen es nicht. Wir kämpfen nur dafür, dass niemand mehr über den anderen steht.“„Vielleicht.“ Étienne zuckte mit den Schultern, sein Blick noch immer zum Fenster gerichtet, wo ein grauer Himmel sich über die Dächer spannte. „Aber ich fürchte, am Ende bleiben nur andere, die über uns stehen.“Ein ferner Glockenschlag drang herein, dumpf und mahnend. Sofia wischte sich die Hände an einem Tuch ab, das nach Tinte und altem Lavendel roch. Draußen zogen Wagen vorbei, beladen mit Möbeln – wieder ein Haus der alten Noblesse, das geplündert wurde. Die Adligen, die man nicht hingerichtet oder verbannt hatte, fristeten ein Schattendasein. Manche, so hieß es, hätten sich ins Diebeshandwerk geflüchtet.Julian de Montreux. Der Name tauchte unwillkürlich in ihrem Kopf auf wie ein längst vergessenes Lied. Sie hatte ihn als Kind einmal bei einem Sommerfest gesehen, hoch oben in den Gärten seines Familiensitzes, bevor das Regime alles verschlang. Damals war er ein lächelnder junger Mann mit makelloser Kleidung und einem Blick, der mehr versprach, als die höfische Etikette erlaubte. Jetzt war das Anwesen geplündert, die Wappen abgeschlagen, und niemand wusste, ob die de Montreux noch lebten.Étienne bemerkte ihren abwesenden Blick. „Träumst du?“„Nur einen Moment.“„Träumen ist gefährlich geworden. Bewahr dir’s für die Nacht – da hört es niemand.“Sofia stapelte die Blätter sorgfältig. Jede Seite war ein stiller Aufschrei, ein Stück Freiheit, das sie heimlich in Tavernen und auf Märkten verteilen würde, oft bei Dämmerung, wenn die Stadt in Gaslicht getaucht war. Sie wusste, dass die Wachen patrouillierten – allen voran Leutnant Armand Delacroix, dessen Blicke sie zuweilen verfolgten, warm und forsch zugleich. Zu gefährlich, zu nah.Die Glocke der Kathedrale schlug viermal. Ein weiterer Tag im Schatten des Regimes, ein weiterer Tag, an dem ihre Worte wie Funken in die Nacht fliegen würden. Und irgendwo da draußen, so hoffte sie, würden sie Feuer fangen.
Der Mond hing wie ein stumpfer Silbertaler über Montreuil-sur-Rêve, und die Dächer glitzerten feucht vom Regen des Abends. Julian de Montreux bewegte sich lautlos über die schmalen Schieferplatten, als wäre er selbst nur ein Schatten. Unter ihm lag ein Gewirr aus Gassen, deren Kopfsteinpflaster das fahle Licht der Gaslaternen spiegelte.Ein Sprung, ein kurzes Knirschen des Leders – und er stand auf dem Sims eines alten Patrizierhauses. Das Herz der Stadt schlug unter ihm, leise, angespannt. Hier, wo früher Kutschen der Adeligen rollten, patrouillierten nun Trupps der Bürgerwache. Sie jagten Diebe, Schmuggler – und solche wie ihn: einen Mann, der einst Bälle und Opernhäuser füllte, nun aber in der Dunkelheit nach Wertgegenständen suchte.Julian atmete den Geruch von nassem Stein und fernen Kaminfeuern ein. Er hätte nie geglaubt, dass er eines Tages auf Dächern umherschleichen würde, die Finger taub vor Kälte, den Magen leer. Noch immer trug er unter dem abgetragenen Mantel den Siegelring seiner Familie – ein letzter Rest von Würde, den er nicht zu verpfänden wagte.„Ein Montreux, der sich von Dach zu Dach stiehlt“, murmelte er leise zu sich selbst, ein spöttisches Lächeln um die Lippen. „Was würden die Ahnen sagen?“Die Antwort war nur der Wind.Er zog das kleine Lederetui hervor, in dem seine Dietriche lagen – blank poliert, gut geölt. Vor ihm erhob sich das nächste Ziel: ein stattliches, aber halb verlassenes Stadthaus, das einst einem Seidenhändler gehört hatte. Gerüchten zufolge bewahrte die Witwe des Händlers noch immer Schmuck und Silber auf, versteckt hinter den Wänden, zu stolz oder zu ängstlich, um sie dem neuen Regime zu übergeben.Julian prüfte den Hof unter sich. Zwei Wachen patrouillierten in trägem Rhythmus. Er konnte ihren Weg beinahe im Schlaf nachzeichnen, so oft hatte er die Bewegungen der Stadtwache studiert. Er wartete, bis sie in der nächsten Gasse verschwanden, dann sprang er geschmeidig hinab in den Schatten eines Kastanienbaums.Das Schloss gab nach wenigen Herzschlägen ein leises Klicken von sich. Er schob die Tür sachte auf – und hielt inne. Ein Geräusch, kaum hörbar, aber fremd: das Rascheln von Papier, das Kratzen einer Feder.Jemand war hier.Julian glitt durch den dunklen Flur, jeder Schritt so lautlos wie ein Atemzug. Hinter einer angelehnten Tür flackerte Kerzenlicht. Er spähte hinein – und sah sie.Eine junge Frau, allein an einem schweren Holztisch, über einen Stapel Papiere gebeugt. Das Kerzenlicht malte goldene Ränder in ihr dunkles Haar. Sie schrieb mit rascher, flüssiger Hand, ganz vertieft, als gehöre die Welt draußen nicht zu ihr. Auf dem Tisch lagen Bündel von Flugblättern, die Schlagworte verrieten: Freiheit, Gleichheit, Kein Schweigen mehr.Julian erstarrte. Nicht nur, weil sie schön war. Sondern weil er sie kannte.Sofia Montfort.Er erinnerte sich an Sommerlicht auf weißen Marmorstufen, an ihr junges Gesicht in einem Meer von Festtagsgästen. Damals war sie ein Mädchen mit neugierigem Blick gewesen, kaum zwölf Jahre alt, während er in feinster Uniform an den Champagnergläsern vorbeigeschlendert war. Dass sie ihn jetzt erkennen könnte, war so unwahrscheinlich wie dieser nächtliche Zufall selbst.Er machte einen Schritt zurück, überlegte zu fliehen – doch ein loses Brett knarrte unter seinem Stiefel.Sofias Kopf fuhr herum. Ihre Augen weiteten sich, dunkel und scharf wie frischer Tintenstrich.„Wer ist da?“Julian hob instinktiv die Hände, ein schiefes Lächeln auf den Lippen. „Nur ein Freund der nächtlichen Literatur.“Ein Moment der Stille, nur das Knacken der Kerze zwischen ihnen. Dann stand sie auf, eine Hand nahe an der Kante des Tisches, wo ein kleiner Brieföffner lag.„Ich rufe die Wache,“ sagte sie, ihre Stimme ruhig, aber fest.„Das glaube ich nicht,“ erwiderte Julian leise. „Sofia Montfort, nicht wahr?“Ihr Blick verengte sich. „Woher wissen Sie meinen Namen?“„Weil ich Sie kenne. Wenn auch aus… besseren Zeiten.“Sie trat aus dem Schatten der Kerze, musterte ihn mit forschendem Blick. „Julian… de Montreux?“Es war weniger eine Frage als ein Erkennen, ein Erstaunen.Julian verbeugte sich leicht, eine Geste aus einer Welt, die nicht mehr existierte. „In eigener Person. Nun ja, was von ihm übrig ist.“
Sofia blieb reglos stehen, nur das Kerzenlicht flackerte über ihre Züge. „Ich hätte nie gedacht, Sie noch einmal zu sehen.“ Ihre Stimme klang kontrolliert, doch ein kaum merkliches Zittern schlich sich in die letzten Silben.Julian zog einen Mundwinkel hoch. „Ich bin selbst überrascht. Vor allem … hier.“Er ließ den Blick über die Flugblätter gleiten. „Das ist ein gefährlicher Ort für eine Wiedersehensfeier.“„Gefährlicher als Einbruch?“ Sie verschränkte die Arme, der Brieföffner schimmerte in ihrer Hand.„Gewöhnlich stehle ich nur Dinge, keine Begegnungen“, sagte er mit einem Anflug von Ironie. „Aber man lernt nie aus.“„Stehlen also. Von Adel zu… Dieb?“„Ich nenne es Überleben. Klingt weniger melodramatisch.“Sofia trat einen Schritt näher, suchte in seinem Gesicht nach der vertrauten Gestalt des jungen Mannes von damals. Die Schatten der letzten Jahre hatten seine Züge schärfer gemacht; das Lächeln war noch da, aber es trug einen Hauch von Müdigkeit.„Sie waren der Liebling jeder Gesellschaft,“ murmelte sie. „Bälle, Musik, glänzende Säle. Und nun schleichen Sie nachts durch fremde Häuser.“Julian hob leicht die Schultern. „Glänzende Säle brennen schnell, wenn man ihnen das Fundament nimmt. Ich nehme an, Sie haben davon gehört.“„Von der Enteignung Ihrer Familie? Natürlich. Es ging durch die ganze Stadt.“ Sie senkte den Blick kurz, dann fixierte sie ihn wieder. „Erst gestern, so hörte ich, sei Ihr Anwesen erneut geplündert worden. Und jetzt brechen Sie bei einer Witwe ein, die kaum genug hat, um selbst zu leben?“„Ich war auf der Suche nach Silber.“ Er lächelte schmal. „Stattdessen fand ich … Pamphlete.“ Er tippte mit dem Finger auf einen der Bögen. „Und eine Montfort, die anscheinend gern den Löwen reizt.“Sofia straffte die Schultern. „Diese Worte hier bedeuten mehr als Silber. Sie bedeuten Hoffnung.“„Hoffnung kann man nicht essen.“„Vielleicht nicht. Aber ohne sie isst bald niemand mehr.“Einen Moment lang herrschte nur das Knistern der Kerze. Draußen erklang das ferne Schlagen von Stiefeln auf Pflaster, ein mahnendes Echo.Julian neigte leicht den Kopf. „Die Wache.“Sofia lauschte, dann nickte knapp. „Sie patrouillieren jede halbe Stunde. Wenn Sie nicht entdeckt werden wollen, sollten Sie gehen.“„Und Sie? Wenn sie diese Schriften finden…“„Ich weiß, was ich riskiere.“Etwas in ihrer Stimme – unbeirrbar, furchtlos – ließ Julian innehalten. Er sah sie an, wirklich an, und für einen Augenblick schien das dumpfe Dröhnen der Stadt zu verstummen.„Sofia,“ sagte er leise, „Sie spielen ein gefährliches Spiel.“„Manche Spiele muss man spielen.“„Und wenn Sie verlieren?“„Dann weiß ich wenigstens, dass ich nicht geschwiegen habe.“Julian schmunzelte, ein Hauch von Bewunderung in seinem Blick. „Sie waren schon als Kind eigensinnig.“„Und Sie schon immer ein Charmeur.“Ein leiser Schlag gegen die Außentür ließ beide zusammenzucken. Sofias Augen weiteten sich.Julian reagierte sofort, griff nach dem Mantel, den er hängen sah. „Ich nehme den Hinterausgang. Den gibt es doch?“Sie zögerte einen Herzschlag, dann nickte. „Durch die Küche, hinter dem Regal.“Er bewegte sich zur Tür, wandte sich jedoch noch einmal um. „Wir sehen uns wieder, Sofia Montfort.“„Das entscheiden nicht Sie,“ entgegnete sie.Julian lächelte verschmitzt. „Wollen wir wetten?“Mit einer geschmeidigen Bewegung verschwand er im Dunkel des Flurs, lautlos wie ein Schatten. Sofia stand noch lange da, den Brieföffner in der Hand, während draußen die Stiefel der Wache näherkamen und das Kerzenlicht zitterte.
Die Werkstatt roch noch nach Tinte, als Sofia das letzte Licht löschte. Nur der schmale Mond schien durch das hohe Fenster, und in der Stille hörte sie jeden Herzschlag wie das leise Pochen einer Druckerpresse, die nicht zur Ruhe kommen wollte.Julian de Montreux.Der Name lag wie eine verbotene Melodie auf ihren Lippen, und so sehr sie sich bemühte, ihn zu verdrängen, kehrte er immer wieder. Sie lehnte sich gegen den kühlen Stein der Wand, die Finger umklammerten das Tuch mit den Spuren der Druckerschwärze.Ein Dieb. Ein ehemaliger Adliger. Und doch hatte sein Blick mehr Wahrheit getragen, als sie von vielen ihrer Mitstreiter kannte. Wieso hatte er sie nicht verraten, wieso war er überhaupt dort gewesen? Fragen, die so hartnäckig brannten wie die Kerze, die sie gelöscht hatte.
