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Ida zieht voller Vorfreude in das Studentenwohnheim, um endlich Literatur zu studieren. Dort lernt sie nicht nur ihre neue Freundin kennen, sondern auch Benedikt von Alvensleben, einen Kommilitonen, der mit auf dem Gelände wohnt. Bald schon merkt sie nicht nur, dass er sich sehr gut in deutscher Literatur auskennt, oder dass er sehr altmodisch spricht, sondern dass er auch noch in Besitz von Gedichtbändern ist, die eigentlich in einem Museum sein sollten. Benedikt wiederum kennt jeden Studiengang in und auswendig. Denn was sonst keiner weiß: er hat sie alle in den letzten zweihundert Jahren schon studiert. Während Ida und Benedikt langsam beginnen sich anzunähern, droht nicht nur sie hinter sein Geheimnis zu kommen, sondern auch ein ehrgeiziger Literaturprofessor.
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Seitenzahl: 109
Veröffentlichungsjahr: 2025
Simone Lilly
Die WG der unsterblichen Mitbewohner
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1 – Ein neuer Anfang
Kapitel 2 – Im Kreis der Neuen
Kapitel 3 – Zwischen den Seiten
Kapitel 4 – Die Party
Kapitel 5 – Im Schatten der Laternen
Impressum neobooks
Ida stand vor dem Gebäude und fragte sich ernsthaft, ob es eine gute Idee gewesen war, hier einzuziehen.Das Studentenwohnheim erhob sich vor ihr wie ein Relikt aus einer anderen Zeit – nicht, weil es besonders alt oder ehrwürdig war, sondern weil es eindeutig seit den Siebzigerjahren niemand mehr für nötig gehalten hatte, es zu renovieren. Der graue Beton wirkte porös wie altes Toastbrot, die Fenster waren in leicht unterschiedlichen Brauntönen gerahmt, und über der Eingangstür hing ein Schild, auf dem in verblassten Lettern „Haus A“ stand. Daneben hatte jemand mit Edding „Albtraum“ ergänzt.„Na toll“, murmelte Ida und wuchtete ihre Reisetasche über die erste Stufe. „Haus A. Wie einladend.“Der Wind wehte ein paar welke Blätter über den Hof, und irgendwo klapperte ein loses Regenrohr. Ida zog die Schultern hoch.Immerhin – es war ein neuer Anfang. Ihr eigenes Leben. Keine Eltern, die ihr vorschrieben, was sie essen, wann sie schlafen sollte und dass Germanistik „doch keine richtige Zukunft“ habe. Hier konnte sie endlich das studieren, was sie liebte: Geschichten, Literatur, Worte.Sie betrat die Eingangshalle.Das Erste, was ihr auffiel, war der Geruch: eine Mischung aus Putzmittel, Curry und einer undefinierbaren Note, die nur Wohnheime hervorbringen konnten. Rechts ging eine Treppe nach oben, links ein breiter Flur mit Türen, die alle gleich aussahen. Ein Korkbrett hing an der Wand, übersät mit Zetteln: „WG sucht Mitbewohner (bitte ohne Schlagzeug)“, „Mathebuch günstig abzugeben“, „Party Freitag 21 Uhr – alle eingeladen“. Jemand hatte darunter in krakeliger Schrift ergänzt: „Außer Prof. Reichenbach.“ Ida runzelte die Stirn und lächelte.Ihr Zimmer lag im zweiten Stock. Mit jeder Stufe wurde ihr Herz ein bisschen leichter.Es war aufregend – so eigenartig, so fremd, so … neu.Vor Zimmertür 2.14 blieb sie stehen. Ein schmales Schild verriet: Ida H. in frischer Handschrift. Darunter noch zwei weitere Namen, durchgestrichen, mit verblasster Tinte. Ida schluckte, steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn.Das Zimmer war kleiner, als sie gehofft hatte.Aber es war hell: Ein großes Fenster öffnete den Blick auf den Innenhof, wo zwei Studenten versuchten, einen Grill zum Laufen zu bringen, während ein dritter mit einer Ukulele daneben stand. In der Ecke stand ein schlichtes Bett, daneben ein Schreibtisch, der schon bessere Tage gesehen hatte. Auf dem Regal thronte ein vergessener Blumentopf, in dem ein völlig vertrockneter Kaktus wohnte.„Charmant“, sagte Ida, ließ die Tasche fallen und setzte sich auf die Matratze. Sie quietschte verräterisch. „Aber immerhin – mein eigenes Reich.“Noch während sie den Raum mit Blicken abtastete, fiel ihr auf, dass die Wände erstaunlich … lebendig wirkten.Nicht wegen der Farbe – das war ein leicht vergilbtes Weiß –, sondern wegen der vielen Kratzer, eingeritzten Initialen und winzigen Zettel, die jemand mit Klebeband zurückgelassen hatte. Auf einem davon stand in schwungvoller Handschrift:„Die Wörter sind unser einziges Zuhause. – BvA“Ida runzelte die Stirn.BvA? Wer hinterließ schon solche Notizen im Studentenwohnheim?Sie beugte sich näher, als draußen im Flur plötzlich eine Tür krachend ins Schloss fiel. Schritte näherten sich, und eine tiefe Männerstimme murmelte etwas, das Ida kaum verstand. Sie richtete sich auf, ein wenig überrascht – die Stimme klang … eigenartig. Altmodisch.Da klopfte es an ihrer Tür.
Ida war noch unschlüssig, ob sie die Tür öffnen sollte oder nicht, da flog sie von selbst auf. Eine junge Frau mit wirrem, rötlich-blondem Haar stürmte herein, als gehöre ihr der Raum schon seit Jahren. In der Hand hielt sie zwei Kaffeebecher, von denen einer gefährlich überlief.„Da bist du ja!“ rief sie, als hätte sie Ida schon ewig gesucht. „Neue Mitbewohnerin, oder? Ich hab gleich zwei Kaffees geholt, falls du Koffein brauchst, um diesen Anblick hier zu ertragen.“ Sie warf einen bedeutungsvollen Blick auf das quietschende Bett und den toten Kaktus.Ida blinzelte. „Ähm … ja. Hallo?“„Grete“, stellte sich die Fremde vor, als sei das vollkommen ausreichend. Sie drückte Ida den Becher in die Hand, ließ sich dann schwungvoll aufs Bett plumpsen, das sofort empört quietschte. „Oh Gott, das Geräusch wird dich fertig machen. Aber egal! Endlich, endlich fängt’s an – unser neues Leben! Uni, Freiheit, Partys!“ Sie streckte die Arme aus, als würde sie das ganze Gebäude umarmen wollen.Ida setzte sich vorsichtig neben sie. „Du bist auch Erstsemester?“„Jaa! Literaturgeschichte, genau wie du. Wir sind quasi Leidensgenossinnen!“ Grete grinste breit, als hätte sie gerade einen Sechser im Lotto gezogen. „Ich hab gehört, das Wohnheim hier ist legendär. Ein bisschen schräg, klar, aber es soll nie langweilig sein. Letzte Woche gab’s eine Kissenschlacht auf dem Flur, die bis drei Uhr morgens ging. Angeblich. Ich bin schon gespannt, ob das stimmt!“Ida nippte an ihrem Kaffee und musste lachen. „Das klingt … laut.“„Laut ist gut! Laut heißt, man lebt.“ Grete zwinkerte. „Und zwischen uns: Ich hab keine Lust, nur über alte Bücher zu brüten. Ich will all das mitnehmen: Nächte durchmachen, verrückte Leute kennenlernen, mich verlieben – das volle Paket. Und du?“Ida zuckte ein wenig mit den Schultern. „Ich wollte eigentlich … erstmal ankommen.“„Papperlapapp!“ Grete hakte sich bei ihr ein, als wären sie schon die besten Freundinnen. „Wir schaffen das. Wir werden die coolsten Studentinnen des Jahrgangs! Und vielleicht verlieben wir uns sogar beide. Wer weiß?“Noch bevor Ida antworten konnte, hörten sie Schritte im Flur. Langsame, gemessene Schritte, als würde jemand jede Stufe bewusst setzen. Dann ein kurzes Räuspern, tief und altmodisch, und ein Schatten fiel durch den Türspalt.„Ah, der erste Nachbar,“ flüsterte Grete aufgeregt. „Mal sehen, was für Gestalten hier so wohnen …“Das Klopfen an der Tür war höflich, fast schon feierlich.
Das Klopfen klang fast zu feierlich für ein Studentenwohnheim, als er die Tür öffnete.Im Rahmen stand ein junger Mann, der so gar nicht in die Kulisse passte. Während die meisten Studenten in Jogginghosen und mit zerzausten Frisuren unterwegs waren, trug er ein frisch gebügeltes weißes Hemd, eine dunkle Weste darüber und dazu eine Haltung, die jedem Theaterintendanten Ehre gemacht hätte. Seine Haare waren dunkelbraun, fast schwarz, ein wenig länger als üblich, und seine graublauen Augen wirkten aufmerksam – als sähen sie mehr, als man ihnen zutraute.„Verzeihen Sie die Störung“, begann er mit einer Stimme, die tief und melodisch klang. „Ich hörte Geräusche und wollte die neue Nachbarin willkommen heißen. Benedikt von Alvensleben.“ Er machte eine kleine Verbeugung, als wäre das hier eine höfische Audienz und nicht ein Flur mit abblätternder Wandfarbe.Ida starrte ihn an.Grete dagegen sprang sofort auf, als hätte sie nur auf diesen Moment gewartet. „Ohhh, hallo! Ich bin Grete. Und das hier ist Ida. Sie ist frisch eingezogen.“ Sie legte beinahe schwärmerisch die Hand auf die Brust. „Von Alvensleben, was für ein Name! Klingt ja fast poetisch.“Ein kaum wahrnehmbares Schmunzeln huschte über Benedikts Gesicht. „Ihre Begeisterung ehrt mich, gnädige Frau.“Grete kicherte, Ida biss sich auf die Lippe, um nicht loszulachen. Gnädige Frau? Wer redete denn so? Und warum klang es bei ihm nicht lächerlich, sondern … charmant?„Freut mich sehr, dich kennenzulernen“, brachte Ida schließlich hervor. Sie wollte die Hand ausstrecken, doch er verbeugte sich nur leicht und nickte ihr respektvoll zu. Ihre Wangen wurden heiß.In diesem Moment wanderte sein Blick an ihr vorbei, direkt an die Wand über dem Schreibtisch.Er verharrte. Dann trat er einen Schritt ins Zimmer, die Hände auf dem Rücken verschränkt, und betrachtete den Zettel, den Ida kurz zuvor entdeckt hatte. Ein sanftes Lächeln huschte über sein Gesicht, beinahe nostalgisch.„Ah“, sagte er leise. „Haben Sie meine Notiz gefunden?“Ida blinzelte überrascht. „Deine Notiz?“Er nickte, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. „Ja. Dieses Zimmer gehörte mir vor einiger Zeit. Offenbar habe ich den Zettel hier zurückgelassen.“ Er strich mit den Fingerspitzen sanft über das Papier, fast ehrfürchtig, und las die Worte noch einmal: Die Wörter sind unser einziges Zuhause.Grete sog hörbar die Luft ein. „Das … klingt wunderschön! Du schreibst Gedichte?“„Mitunter“, erwiderte Benedikt ruhig. „Es ist ein Zeitvertreib, dem ich seit Langem fröne.“Ida war sich nicht sicher, was sie mehr faszinierte: die poetische Antwort oder die Selbstverständlichkeit, mit der er so sprach, als lebte er in einem völlig anderen Jahrhundert.Grete stieß sie an und flüsterte: „Der ist ja wie aus einem Roman entsprungen!“Und Ida musste sich eingestehen: Ganz unrecht hatte ihre neue Freundin nicht.
Der Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss des Wohnheims war kein Ort, an dem man Gemütlichkeit erwartete. Die Sofas hatten ihre besten Tage in einer längst vergangenen Ära gesehen, die Farbe der Wände war schwer zu definieren – irgendwo zwischen Beige und dem Ton von altem Bananenbrot –, und der Fernseher in der Ecke zeigte stumm einen Dokumentarfilm über Biber, weil niemand die Fernbedienung finden konnte.Doch an diesem Abend war der Raum voll. Überall saßen neue Studenten, auf Sofas, auf dem Teppich, auf Stühlen, die aus den Küchen zusammengetragen worden waren. Es roch nach Chips, Cola und dieser merkwürdigen Mischung aus Aufregung und Unsicherheit, die immer entsteht, wenn zwanzig Fremde so tun, als wären sie schon eine eingeschworene Gruppe.Ida saß neben Grete, die – wie erwartet – das Gespräch an sich gerissen hatte.„… und am Freitag gibt’s die Semesterauftakt-Party!“ rief sie begeistert und warf die Arme hoch, als hätte sie sie selbst erfunden. „Mit Musik, mit Bier, mit … allem! Ich schwöre, das wird legendär. Wir müssen da alle hin!“Zustimmendes Gemurmel, ein paar Pfiffe. Jemand rief: „Wer bringt den Wodka?“ – und Gelächter ging durch die Runde.Ida lächelte schüchtern und nippte an ihrer Cola. Sie war froh, Grete an ihrer Seite zu haben, die jede Stille sofort mit Euphorie füllte. Aber während ihre Freundin schwärmte, wanderte Idas Blick unwillkürlich zu einer Person am anderen Ende der Sofaecke.Benedikt.Er saß mit der Gruppe, das ja – doch er wirkte, als sei er gleichzeitig nicht wirklich da. Sein Rücken war gerade, beinahe elegant, die Hände lagen gefaltet auf dem Knie, und während die anderen lachten und dazwischenriefen, blieb er still, hörte zu, lächelte nur hin und wieder kurz. Als gehörte er in ein anderes Bild, eine andere Zeit.Ida konnte nicht anders, als ihn heimlich zu beobachten.Etwas an ihm war … anders. Nicht nur seine altmodische Sprache, nicht nur sein Name oder sein Kleidungsstil – es war diese Aura, als hätte er schon mehr erlebt, als er jemals erzählen würde.Und als sie dachte, er habe es nicht bemerkt, hob er den Blick.Seine graublauen Augen trafen ihre, nur für einen kurzen Moment.Es war, als würde die Zeit einen winzigen Augenblick stillstehen. Ida spürte, wie ihr Herz schneller schlug, und sie blickte hastig zur Seite, als wäre sie gerade beim Schummeln erwischt worden.Doch sie war sich sicher:Er hatte sie ebenso beobachtet.„Idaaa!“ rief Grete plötzlich in ihr Ohr. „Sag mal, kommst du Freitag mit zur Party? Das wird doch super, oder?“Ida blinzelte, brauchte einen Moment, um zurück in die Gegenwart zu finden. „Äh … ja. Klar. Vielleicht.“„Vielleicht!?“ Grete schlug empört die Hände zusammen. „Das ist nicht vielleicht-würdig, das ist ein Muss!“Die Gruppe lachte, und wieder war Benedikts Blick da. Ruhig. Prüfend. Fast so, als wolle er herausfinden, ob Ida wirklich dazugehören wollte – oder ob sie genauso wie er ein wenig abseits stand.
Die Universitätsbibliothek war für Ida ein Ort voller Magie.Nicht, weil er besonders schön gewesen wäre – die Neonröhren summten leise, die Regale standen in endlosen Reihen, und die Teppichböden waren stellenweise abgewetzt –, sondern weil hier ganze Welten darauf warteten, entdeckt zu werden.Schon nach wenigen Minuten hatte Ida einen Stapel Bücher zusammengetragen, den sie kaum tragen konnte: alte Gedichtbände, vergilbte Ausgaben von Sagen und Erzählungen, Texte, deren Sprache längst aus der Mode gekommen war. Genau das liebte sie.In einer abgelegenen Ecke ließ sie sich nieder, im Schneidersitz direkt auf den Boden, das schwerste Buch aufgeschlagen vor sich. Die Worte flossen wie Musik: geschwungen, ernst, voll von Bildern, die man heute kaum noch so finden würde. Ida fuhr mit den Fingern über die Seiten, als könnte sie die Gedanken der Autoren direkt spüren.Hier, so dachte sie, war sie ganz sie selbst.Hier konnte niemand sie stören.„Ein schöner Ort für eine Andacht.“Die Stimme kam so unerwartet, dass Ida erschrocken aufsah.Vor ihr stand Benedikt von Alvensleben. Er wirkte, als sei er geradewegs aus der Seite des Gedichtbandes getreten: dunkel gekleidet, aufrecht, mit diesem merkwürdig zeitlosen Ausdruck, der in dieser nüchternen Bibliothek völlig fehl am Platz war.„Sie … du hast mich erschreckt“, stammelte Ida und schlug das Buch ein Stück zu.„Verzeihen Sie“, erwiderte er mit einem kaum merklichen Lächeln. „Ich wollte nicht stören. Doch selten sieht man jemanden, der ein Gedichtband so ehrfürchtig behandelt. Es zog mich förmlich hierher.“Ida merkte, wie sie errötete. „Ich … mag die Sprache. Sie ist so reich. Voller Bilder. Heutzutage schreibt keiner mehr so.“
