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Luise Burger ist alles andere als eine gewöhnliche junge Dame. Sie arbeitet als Schreiberin von Artikeln in einem Verlag. Ungewöhnlich für ihre Zeit. Jedoch macht sie sich mit dem Verfassen von politisch relevanten Texten unzählige Feinde. Auf einem Ball trifft sie den Herrn Rittmeister Leopold von Hohenberg. Er hat eigentlich nichts gegen sie, bekommt aber von seinem Vorgesetzten den Auftrag, mehr über sie zu erfahren und über ihren als nächstes geplanten Artikel gegen das Kaiserhaus. Während er sich zunächst widerwillig in ihre Nähe begibt, um an Informationen zu gelangen, merkt er schon bald, was für eine faszinierende Person hinter dieser Frau steckt. Während es zu Aufständen und Intrigen kommt, müssen die beiden bald schon beweisen, was sie wirklich voneinander halten. Erst recht als Luises Verleger ein reges Interesse an ihr zeigt ...
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Seitenzahl: 93
Veröffentlichungsjahr: 2025
Simone Lilly
Feinde im Alten Wien
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1 – Luise Burger
Kapitel 2 – Leopold von Hohenberg
Kapitel 3 – Die Einladung
Kapitel 4 – Ein scharfes Wort
Kapitel 5 – Auf dem Parkett
Impressum neobooks
Wenn man Luise Burger suchte, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass man sie nicht zu Hause fand, sondern in einem der Wiener Kaffeehäuser. Nicht, weil sie den eigenen Herd verachtete – obwohl ihr kleiner Kohleofen beständig mehr Ruß als Wärme spendete –, sondern weil die Kaffeehäuser ein zweites Wohnzimmer für sie waren. Hier konnte man Menschen beobachten, Debatten führen, Zeitungen verschlingen und gelegentlich einem Gast die Meinung sagen, wenn er die seine zu laut kundtat.An diesem Vormittag saß Luise am Fenster des Café Central, eine Schreibfeder in der Hand, und kritzelte eifrig auf das grob geschnittene Papier, das ihr Verleger ihr zugeschoben hatte. Zwischen den Tintenflecken auf ihrem Notizblock stand eine Schlagzeile, die mit Sicherheit jemandem die Laune verderben würde:„Hofbälle oder Brotpreise? – Eine kleine Frage der Prioritäten.“Sie lächelte spitzbübisch. Das Lächeln einer Frau, die wusste, dass ihre Worte gleich ein Dutzend Honoratioren aus der Fassung bringen würden.„Gnädige Frau Burger, wieder ein Skandal im Anzug?“ fragte der Kellner, der ihr gerade den dritten Verlängerten brachte. Er hatte längst verstanden, dass man sie besser in Ruhe schreiben ließ, aber eine kleine Neckerei war erlaubt.„Aber selbstverständlich, Herr Franz,“ erwiderte sie, ohne den Blick von ihrem Manuskript zu heben. „Wenn man mir keinen liefert, erfinde ich einen.“Ihre Stimme war klar, ein wenig zu laut vielleicht, sodass der ältere Herr am Nebentisch missbilligend die Zeitung raschelte. Luise ignorierte ihn und schrieb weiter.Sie war zweiunddreißig, aber ihr Blick besaß die Wachheit einer Frau, die immer auf der Jagd nach einem neuen Gedanken war. Dunkles Haar, in einem Knoten festgesteckt, und Augen, die zwischen graublau und stahlblau changierten – je nachdem, ob man ihr gerade zustimmte oder widersprach. Ihre Kleidung war ordentlich, aber nicht übertrieben modisch: ein Kleid in gedecktem Blau, schlicht geschnitten, dazu ein seidenes Halstuch, das wohl eher trotzig als elegant wirken sollte.Als Tochter eines Buchhändlers hatte sie früh mehr Zeit mit Büchern verbracht als mit Puppen. Ihr Vater, der schon lange verstorben war, hatte ihr beigebracht, dass jede Seite, die man umblättert, eine Tür in eine andere Welt sei. Ihre Mutter hingegen hatte ihr beigebracht, dass man mit einem scharfen Verstand durchaus Türen eintreten konnte, wenn sie verschlossen blieben.Und so war sie Schreiberin geworden – eine der wenigen Frauen in Wien, die diesen Beruf tatsächlich ausübte. Manchmal nannten die Kollegen sie „die Feder mit dem Giftzahn“, und insgeheim gefiel ihr das.Ein leichtes Räuspern riss sie aus den Gedanken. Vor ihr stand Emil Hartmann, ihr Verleger. Wie immer trug er einen tadellosen Anzug und sah aus, als habe er sein Leben zwischen Druckerschwärze und Rosensträußen verbracht. Und wie so oft blickte er sie an, als wäre sie nicht nur seine wichtigste Autorin, sondern auch die Sonne seines Daseins.„Fräulein Burger,“ begann er, „dieser Artikel … ich fürchte, die Hofgesellschaft wird ihn nicht sehr goutieren.“Luise legte die Feder beiseite, schob das Papier demonstrativ über den Tisch und lächelte süßlich: „Dann hat er seinen Zweck erfüllt. Sie wollten doch Reichweite, Herr Hartmann.“Er seufzte, ein Seufzen, das irgendwo zwischen Verzweiflung und heimlicher Bewunderung angesiedelt war. „Reichweite, ja … aber auch Inserenten, meine Liebe. Und die lieben nun mal keine Skandale.“„Dann sollen sie weniger Skandale veranstalten,“ parierte sie trocken.Es war dieser Schlagabtausch, der ihre Zusammenarbeit bestimmte: er der vorsichtige Geschäftsmann, sie die unerschrockene Feder. Dass er heimlich mehr als nur Respekt für sie empfand, war ihr nicht entgangen – aber sie tat so, als merkte sie es nicht. Zu gefährlich, wenn der eigene Verleger plötzlich Gedichte statt Verträge schrieb.Als er gegangen war, blieb sie noch einen Moment sitzen, ließ den Blick über die hohen Decken und die goldverzierten Spiegel des Cafés schweifen und sog das Gemurmel ein, das wie eine Melodie aus Politik, Literatur und Klatsch klang.Wien war ein Theater, und sie hatte sich geschworen, nicht nur Zuschauerin zu sein.Mit einem Ruck klappte sie das Notizbuch zu, zahlte und schob den Stuhl zurück. Vor ihr lag ein Tag voller Arbeit, voller Worte, voller Ärger – genau das, was sie liebte.
Der Morgen begann für Leopold von Hohenberg stets gleich: Wecken noch vor Sonnenaufgang, ein Glas kaltes Wasser – „für die Disziplin“, wie sein Vater es schon verlangt hatte –, eine halbe Stunde Fechtübungen und schließlich der sorgfältige Griff in die Uniform.Leopold war fünfunddreißig, ein Mann, den man auf den ersten Blick für den Inbegriff militärischer Haltung halten konnte. Groß gewachsen, breitschultrig, mit dem blonden Haar akkurat gescheitelt und einem Schnurrbart, der so gewissenhaft gepflegt war wie seine Stiefel. Seine Augen – hellblau, kühl, prüfend – gaben selten preis, was in ihm vorging.Heute stand er vor dem Spiegel, den Säbel an der Seite, und kontrollierte die letzten Knöpfe an der Uniform. „Ein Offizier ist stets ein Vorbild“, hallte die Stimme seines Vaters in seinem Kopf. Leopold wusste nicht, ob er diesen Satz hasste oder längst selbst verinnerlicht hatte.Die Kaserne am Rennweg war bereits erfüllt von Geräuschen: das Klirren von Waffen, der Kommandoton eines Sergeanten, das Stampfen von Stiefeln im Gleichschritt. Hier fühlte Leopold sich daheim – oder zumindest so daheim, wie man sich fühlen konnte, wenn man einem starren System diente, das einem mehr Befehle als Freiheiten ließ.„Herr Rittmeister von Hohenberg!“ Eine Stimme riss ihn aus den Gedanken.Vor ihm stand Oberst Friedrich von Hollenstein, sein direkter Vorgesetzter. Der Mann wirkte wie eine Mischung aus höflicher Gravur und kalter Berechnung: schmaler Körper, graue Schläfen, die Lippen zu einem Lächeln geschürzt, das nicht ganz die Augen erreichte.„Ah, da sind Sie ja,“ begann Hollenstein, während er mit zwei Fingern imaginären Staub von Leopolds Schulter wischte. „Pünktlich wie immer. Man könnte meinen, Sie sind die lebende Uhr der Armee.“„Befehl ist Befehl, Herr Oberst,“ erwiderte Leopold knapp.Hollenstein nickte, musterte ihn aber mit einem Ausdruck, der nie ganz einschätzbar war. „Halten Sie sich heute Abend bereit. Ball beim Hof – und Seine Majestät schätzt es, wenn die Offiziere tadellos vertreten sind. Sie wissen ja, wie wichtig gesellschaftliche Präsenz ist.“Leopold verkniff sich einen Seufzer. Bälle waren für ihn weniger Vergnügen als Pflichtübung. Steife Gespräche über Politik, gezwungenes Lächeln, Damen, die ihn musterten, als stünde ein Preisschild an seiner Uniform.„Jawohl, Herr Oberst,“ sagte er lediglich.„Ach, und noch etwas,“ fügte Hollenstein hinzu, während er die Hände hinter dem Rücken verschränkte. „Seien Sie vorsichtig, mit wem Sie sich zeigen. Ein falsches Wort, ein falscher Tanzpartner – und schon haben Sie die Hofgesellschaft gegen sich. Manche Damen sind… wie soll ich sagen… gefährlicher als ein Bajonett.“Das Lächeln, das er dabei zeigte, war nicht freundlich, sondern eher eine Warnung. Leopold nickte stumm.Nach der Besprechung zog es ihn hinaus in die Stadt. Manchmal erlaubte er sich einen Spaziergang entlang der Ringstraße, wo elegante Damen in Kutschen vorüberglitten, Studenten debattierend an Straßenecken standen und die Kaffeehäuser brummten wie Bienenstöcke.Er ging mit straffem Schritt, doch seine Gedanken wanderten. Was wäre, wenn er nicht in diese Rolle hineingeboren worden wäre? Wenn er nicht als „von Hohenberg“ durchs Leben marschieren müsste, sondern einfach… Leopold wäre?Er schüttelte den Kopf, fast ärgerlich über den Gedanken. Träumereien waren nichts für ihn. Ein Offizier tat, was ein Offizier tun musste.Und doch, irgendwo in ihm nagte ein Gefühl: dass das Leben mehr bereithielt als Paraden, Befehle und oberflächliche Hofbälle.Am Nachmittag erwartete ihn eine Übungseinheit mit den jungen Kadetten. Leopold war streng, aber fair. Er konnte brüllen, wenn es nötig war, doch er wusste auch zuzuhören. Vielleicht war das der Teil an ihm, den Hollenstein am wenigsten verstand: dass Disziplin nicht nur aus Angst geboren werden durfte.„Aufrecht stehen! Brust raus! Sie marschieren nicht in den Prater zum Flanieren, sondern für den Kaiser!“ donnerte er – und musste sich dabei ein Schmunzeln verkneifen, als einer der Jüngeren beinahe über seine eigenen Füße stolperte.Disziplin, ja. Aber auch Menschlichkeit.Am Abend, als er in seine Wohnung zurückkehrte – ein ordentlich eingerichtetes Appartement, fast schon zu karg –, zog er die Uniform aus und ließ sich in den Sessel sinken. Auf dem Tisch lag eine Einladung: „Hofball im Palais Coburg – Anwesenheit erwünscht.“Leopold starrte sie an. Er ahnte, dass dieser Ball mehr Ärger bringen würde, als er liebte. Aber er wusste noch nicht, dass dort sein bisher geordnetes Leben zum ersten Mal richtig ins Wanken geraten sollte.
„Luise, du kannst unmöglich in diesem Kleid gehen.“„Warum nicht?“ Luise drehte sich einmal im Kreis vor dem Spiegel ihrer kleinen Wohnung. Das dunkelblaue Kleid war ordentlich, nicht abgetragen, und saß so, dass es weder zu viel noch zu wenig verriet. „Es ist ein Kleid. Es bedeckt, was es bedecken soll, und es hindert mich nicht am Atmen. Ich sehe nicht ein, warum ich—“„—weil es ein Hofball ist!“ unterbrach Gräfin Amalia von Waidhoff sie mit einer Mischung aus Entsetzen und Begeisterung. „Luise, man trägt dort keine praktischen Kleider. Man trägt eine Erscheinung!“Amalia war zwei Jahre jünger als Luise, blondgelockt, strahlend und so voller Energie, dass sie in jedem Raum sofort auffiel. Sie war das genaue Gegenteil ihrer Freundin: verspielt, romantisch, manchmal naiv – und unerschütterlich loyal. Heute Abend war sie in ein hellrosafarbenes Kleid gewandet, das funkelte, als hätte sie es mit Glitzer bestäubt.„Erscheinung, pah,“ murmelte Luise und nestelte an ihrem Halstuch. „Die einzige Erscheinung, die ich mir dort erwarte, sind gelangweilte Aristokraten und überteuerter Champagner.“„Und Tänze!“ rief Amalia begeistert. „Walzer, Polka, vielleicht eine Mazurka. Luise, stell dir vor, ein galanter Herr führt dich durch den Saal, während die Musik von Strauß erklingt—“„—und ich mir dabei den Fuß breche,“ fiel ihr Luise trocken ins Wort.Amalia verdrehte die Augen, griff dann aber entschlossen nach Luises Schultern. „Du wirst dich amüsieren. Ich habe es dir versprochen, und außerdem—“ Ihre Stimme wurde leiser, verschwörerisch: „Es könnte nützlich sein, wenn du ein wenig Gesellschaftsluft schnupperst. Deine Artikel klingen manchmal… sagen wir… als würdest du alles nur von außen betrachten.“Luise hob eine Augenbraue. „Ich bin außen, Amalia. Draußen. Und dort gefällt es mir auch.“„Trotzdem,“ insistierte Amalia und zwinkerte, „du kommst. Und wenn ich dich persönlich hineinschleifen muss.“Zwei Stunden später standen die beiden tatsächlich im Foyer des Palais Coburg. Der Saal war ein einziger Strom aus Seide, Gold und Uniformen. Kronleuchter warfen warmes Licht auf glänzende Böden, das Orchester stimmte gerade die ersten Takte an, und ein Summen aus Stimmen und Lachen füllte die Luft.Amalia strahlte wie eine Kerze, Luise hingegen wirkte, als sei sie eben in eine fremde Spezies hineingeraten.„Herrgott, Amalia,“ zischte sie und zog ihre Freundin ein Stück beiseite, „die Hälfte dieser Damen sieht aus, als hätte sie eine Tapete des Belvedere geplündert. Ich falle hier auf wie eine…“ Sie stockte und sah an sich herab. „…wie eine Frau, die keine Geduld für Federschmuck hat.“
