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Die junge Ysara von Grünthal nimmt nach dem Tod ihrer Mutter deren Platz als Heilerin in ihrem Dorf an. Jedoch ist sie darin überhaupt nicht begabt. Niemand scheint ihre Hilfe zu benötigen und jeder scheint sie eher zu meiden. Eines Tages jedoch, taucht der deprimierte Ritter Sir Gawen von Sturmfels in ihrem Dorf auf. Nicht weil er Hilfe benötigt, sondern da er hier einfach in Ruhe zu Stein erstarren möchte - im wörtlichen Sinne, denn Gawen wurde verflucht. Jede Faser seines Körpers wird nach und nach zu Stein. Warum er verflucht wurde? Weiß er nicht genau. Was die Heilung sein könnte? Das weiß er noch weniger. Die hoch motivierte Ysara überredet ihn, sich mit ihr zusammen auf die Suche nach Heilung zu begeben, vielleicht sogar bis hin zum verhassten König. Schon bald macht sich das ungleiche Paar auf die Suche nach einer Rettung, müssen hier nicht nur sämtliche Abenteuer bestehen, sondern auch miteinander zurecht kommen. Was ihnen nach einer Weile wohl zu gut gelingt.
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Seitenzahl: 103
Veröffentlichungsjahr: 2025
Simone Lilly
Verfluchtes Herz
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Impressum neobooks
Der Abend senkte sich über das Dorf Grünthal, und der Wind trug den Duft von feuchter Erde und den Rauch der Feuerstellen durch die schmalen Gassen. Die Bauern kehrten von den Feldern zurück, das leise Muhen der Kühe mischte sich mit den Stimmen der Heimkehrenden. Inmitten des kleinen Ortes, ein Stück abseits vom Markt, stand ein schlichtes Haus, das man von alters her die Hütte der Heilerin nannte.Ysara von Grünthal, deren Mutter einst weithin gerühmt gewesen war, trat eben aus der Tür und stellte eine Schale mit frischen Kräutern auf den steinernen Sims. Ihr kastanienbraunes Haar war zu einem losen Zopf gebunden, der Wind spielte mit den Strähnen, doch sie achtete nicht darauf. Sie seufzte leise, denn wieder war ein Tag vergangen, ohne dass jemand ihre Hilfe gesucht hätte.„Hätten die Leute nur halb so viel Vertrauen in mich, wie sie es einst in Mutter hatten…“ murmelte sie, und in ihrer Stimme lag mehr Wehmut als Zorn.Es war nicht so, dass Ysara nichts verstand von den Kräften der Heilkunst – ihre Mutter hatte sie gelehrt, die heilenden Wurzeln zu erkennen, die richtigen Mischungen zu bereiten, die Wunden zu reinigen. Doch das Dorf erinnerte sich an die ältere Heilerin, deren Ruf bis in die Städte gedrungen war. Gegen dieses Bild kam die Tochter kaum an.Gerade wollte Ysara die Schale ins Haus tragen, als hastige Schritte auf dem Pfad erklangen. Ein Junge aus dem Dorf, kaum zwölf Winter zählend, kam angerannt, das Gesicht rot vor Anstrengung.„Herrin Ysara! Herrin Ysara!“ rief er, außer Atem. „Ein Fremder liegt im Gasthaus, ein Reisender von fern. Er ist übel zugerichtet, die Wirtin bittet um Eure Hilfe!“Ysaras Herz machte einen Sprung. Zum ersten Mal seit Wochen wurde nach ihr verlangt. Sie schob die Schale mit den Kräutern zurück ins Haus und griff nach ihrem Beutel, in dem sie stets einige Tinkturen, Verbände und Salben bereithielt.„Führe mich zu ihm, Eirik“, sagte sie, und der Junge rannte voraus.Das Gasthaus „Zum schwarzen Hirschen“ lag am Rande des Marktplatzes, ein stattlicher Bau mit rußgeschwärztem Gebälk. Schon von weitem sah Ysara, dass sich eine kleine Schar Schaulustiger vor dem Eingang drängte. Neugierige Blicke richteten sich auf sie, als sie durch die Menge trat – und sie spürte, wie die Leute tuschelten: Ob sie es wohl vermag?Im Innern roch es nach Bier, Rauch und nassem Leder. Die Wirtin eilte Ysara entgegen, ein schweres Weib mit roten Wangen.„Herrin Ysara, er liegt oben, im besten Zimmer. Kam heut zur Mittagszeit herein, hoch zu Ross, wie ein Edelmann. Doch kaum hatte er den ersten Krug bestellt, da brach er zusammen, als ob der Tod selbst ihn gepackt hätt’!“Ysara nickte ernst und stieg die knarrenden Stufen hinauf. Ihr Herz klopfte, eine Mischung aus Angst und Aufregung.Oben, im dämmrigen Gemach, lag er. Der Fremde. Ein Mann von hoher Gestalt, die Schultern breit, das dunkle Haar wirr über die Stirn gefallen. Selbst im fiebrigen Schlummer strahlte sein Antlitz etwas Unbezwingbares aus, und Ysara dachte unwillkürlich, dass er einem Bildwerk aus den alten Geschichten glich. Doch seine Haut wirkte unnatürlich fahl, und auf seinem Arm, der halb aus dem Wams gerutscht war, schimmerte etwas Seltsames: eine dunkle Aderung, die wie Risse im Gestein aussah.„Bei allen Göttern…“ hauchte Ysara. „Das ist keine gewöhnliche Krankheit.“Gerade da öffnete der Mann die Augen. Sie waren grau wie Sturmwolken, und der Blick, den er auf Ysara warf, war ebenso scharf wie hochmütig.„Wer seid Ihr,“ sprach er mit rauer Stimme, „dass Ihr es wagt, mich anzurühren?“Ysara hielt inne, einen Moment überrascht von dem Tonfall, dann richtete sie sich auf.„Man rief mich, Herr. Ich bin Ysara von Grünthal, die Heilerin dieses Ortes. Wenn Ihr genesen wollt, so lasst mich gewähren.“Er lachte heiser, ein Laut zwischen Hohn und Schmerz.„Heilerin? Ich brauche keine Dorfmagd, die Kräuter zerstampft. Ich bin Sir Gawen von Sturmfels – ich bin stärker als jede Krankheit.“Sein Stolz klang wie eine Mauer, und doch verriet die fiebrige Glut in seinen Augen, dass er schwer litt. Ysara legte langsam ihre Tasche ab, ließ sich nicht beirren.„Mag sein, dass Ihr stärker seid als jede Krankheit,“ erwiderte sie ruhig, „doch nicht stärker als dieses Grauen, das Euch befällt. Wollt Ihr vor Eitelkeit sterben, ehe man Euch heilt?“Für einen Herzschlag war es still im Gemach, nur das ferne Murmeln der Gäste im Schankraum drang herauf. Dann kniff Gawen die Augen zusammen, als kämpfe er mit sich selbst.„Tut, was Ihr für nötig haltet, Frau,“ sagte er schließlich mit heiserer Stimme. „Doch glaubt nicht, dass Ihr mich retten könnt.“
Ysara rückte den kleinen Tisch näher ans Bett und stellte eine Schale mit Wasser darauf, in das sie einige Blätter Eisenkraut legte. Der Duft erfüllte das Gemach, herb und belebend. Mit ruhiger Hand entkorkte sie ein Fläschchen, dessen Inhalt golden im Kerzenlicht schimmerte.Sir Gawen verfolgte jede ihrer Bewegungen, die grauen Augen voller Misstrauen.„So, Ihr haltet Euch also für fähig, mich zu heilen?“ fragte er mit schneidender Stimme. „Ein Mädchen aus einem Dorf, das wohl noch nie Schlachtfeld und Stahl gesehen hat.“Ysara hob den Blick, ließ sich nicht beirren.„Heilen heißt nicht, Schwerter zu führen, Herr Ritter. Doch wenn Ihr mich beständig verspottet, werdet Ihr die Hilfe nicht lange genießen können.“Ein spöttisches Lächeln huschte über seine Lippen.„Droht Ihr mir? Das ist kühn für eine Frau, die kaum mehr ist als eine Kräutersammlerin.“„Ich drohe Euch nicht,“ entgegnete Ysara leise, während sie ein Tuch in die Schale tauchte, „ich mahne Euch. Wollt Ihr, dass ich Euch helfe, so schweigt mit Eurem Hohn und zeigt mir, was Euch plagt.“Ein Schweigen folgte. Schließlich griff Gawen mit einer Bewegung, die mehr Kraft kostete, als er zeigen wollte, an sein Wams und zog es von der Schulter. Darunter offenbarte sich der Arm, den Ysara zuvor schon gesehen hatte – doch nun, da die Haut ganz frei lag, entfuhr ihr ein leiser Laut des Erschreckens.Dunkle Linien zogen sich über die Muskeln, als hätte Stein selbst begonnen, unter der Haut hervorzubrechen. Es sah nicht nach einer Wunde aus, nicht nach Gift – sondern nach etwas, das nicht von dieser Welt stammte.„Bei allen Sternen…“ flüsterte sie. „Dies ist kein Leiden, das ich je gesehen habe.“„Natürlich nicht,“ murmelte Gawen rau. „Denn es ist kein Leiden, sondern ein Fluch.“Ysara hob die Augen, sah ihn forschend an. „Ein Fluch? Von wem? Und warum?“Er schloss für einen Augenblick die Lider, als ringe er mit sich. Dann hob er das Kinn, als wollte er seine Schwäche verbergen.„Man nennt mich Sir Gawen von Sturmfels. Ich habe viele Schlachten geschlagen, und nie ward ich bezwungen. So kam es, dass ich Neid erweckte, wo ich dachte, Treue zu finden.“Ysara betrachtete ihn nachdenklich.„Euer König?“ fragte sie leise.Er antwortete nicht sogleich, doch das Funkeln in seinen Augen war Antwort genug. Schließlich sprach er:„Es genügt zu wissen, dass ich verraten ward, und dass dies der Preis ist. Dieser Makel, der mich Stück für Stück verzehrt, bis nur noch Stein bleibt, wo einst ein Mann stand.“Ysara legte das Tuch an die schwarzen Linien. Gawen zuckte kaum merklich zusammen, doch sein Gesicht blieb stolz erhoben.„So stark Ihr seid,“ sagte sie sanft, „gegen diesen Fluch werdet Ihr nicht allein ankämpfen können. Wisst, Sir Gawen, dass selbst die Härtesten mitunter Hilfe bedürfen.“Sein Blick ruhte einen langen Moment auf ihr, voller Trotz – und doch war da ein Schatten von Müdigkeit, fast von Hoffnung. Dann lachte er leise, bitter.„Wenn Ihr glaubt, mich retten zu können, Ysara von Grünthal, so seid Ihr törichter, als ich Euch hielt. Aber…“ er stockte, „Ihr dürft’s versuchen.“Ysara legte das Tuch beiseite und holte tief Atem. „So sei es. Doch wisst eines: Um diesen Fluch zu lösen, reicht kein Kraut aus Grünthal. Wir werden weiter gehen müssen.“Und während draußen der Wind an den Fensterläden zerrte, spürten beide, dass mit diesem Tag eine Reise begann – eine, die sie beide verändern würde.
Der Abend legte sich sanft über Grünthal. Die Dorfbewohner hatten sich in ihre Häuser zurückgezogen, nur fern klangen noch vereinzelte Stimmen, das Schlagen eines Stalltors, das Bellen eines Hundes. Am Rande des Dorfes, dort, wo die Felder begannen, loderte ein kleines Feuer. Ysara hatte einen Krug mitgebracht und etwas Brot, dazu ein Stück Käse und getrocknetes Fleisch.Sir Gawen saß neben ihr, den Rücken gegen einen Stein gelehnt. Sein Umhang war locker um die Schultern geschlagen, das Gesicht im Spiel der Flammen halb im Schatten, halb im Licht. Die grauen Augen, die tagsüber so scharf und stolz gewirkt hatten, blickten nun ins Feuer, als suchten sie dort etwas, das längst verloren war.Ysara brach ein Stück Brot, reichte es ihm.„Nehmt,“ sagte sie leise. „Ein Ritter mag ohne Furcht sein, doch nicht ohne Speise.“Ein kaum merkliches Lächeln zuckte um seine Lippen. „Ihr habt eine spitze Zunge, Ysara von Grünthal.“ Doch er nahm das Brot und biss ab.Eine Weile aßen sie schweigend, lauschten dem Knistern der Flammen und dem Zirpen der Grillen. Dann wandte sich Ysara zu ihm.„Sir Gawen… Ihr habt gesagt, es sei Verrat gewesen, der Euch in diesen Zustand brachte. Wenn Ihr wollt, erzählt mir, wie es geschah.“Er hob den Blick, musterte sie. In seinen Augen lag etwas Abwägendes, als prüfe er, ob er ihr vertrauen konnte. Schließlich stieß er einen leisen Atemzug aus, der mehr an ein Seufzen erinnerte als an ein Lachen.„Nichtsahnend war ich,“ begann er, „als mich der König selbst rief. Man übergab mir eine Botschaft, die ich dem Magier des Schlosses zu bringen hätte. Ein Auftrag wie viele andere – ich sah keinen Grund zur Arglist. Also ging ich hinab in die Gemächer des Hofzauberers.“Ysara rückte näher ans Feuer, lauschte.„Doch kaum hatte ich den Brief überbracht, ward die Tür hinter mir verschlossen. Worte, die ich nicht verstand, wurden gesprochen, und ehe ich zum Schwert greifen konnte, durchfuhr mich eine Kälte, als hätt’ der Tod selbst Hand an mich gelegt. Ich sank zu Boden – und als ich erwachte, war dies hier,“ er streifte den Ärmel zurück, und die dunklen Adern glänzten im Feuerschein, „bereits in meine Haut gegraben.“Er schwieg einen Moment, die Hand zur Faust geballt.„Seit jenem Tage irre ich umher. Von Dorf zu Dorf, von Schenke zu Schenke. Heilung suche ich nicht – denn ich weiß, dass keiner sie mir geben kann. Und selbst wenn…“ Er lachte bitter. „Was bliebe von mir? Ein Ritter ohne Ruhm, gebrochen, geächtet vom eigenen König.“Ysara legte das Brot zur Seite, sah ihn lange an. „So gebt Ihr Euch selbst auf, ehe der Kampf begonnen hat?“Er wandte den Kopf, die grauen Augen funkelten. „Ich bin es leid, zu kämpfen.“„Das glaube ich nicht,“ entgegnete Ysara sanft. „Ihr seid ein Mann, der sein Leben auf Schlachtfeldern verbrachte. Es liegt Euch im Blut, aufzustehen, wo andere niederfallen. Wenn Ihr Euch dem Fluch ergebt, dann nicht, weil Ihr nicht kämpfen könnt – sondern weil Ihr nicht glaubt, dass jemand an Eurer Seite stehen wird.“Ihre Worte hingen in der Nacht, leise, aber eindringlich.Gawen sah sie an, und für einen Augenblick wich die Härte aus seinen Zügen. Da war Müdigkeit, Schmerz, vielleicht sogar ein Hauch von Hoffnung. Doch er verbarg es sogleich hinter einem abwehrenden Lächeln.„Ihr sprecht wie eine, die keine Ahnung hat von der Welt.“„Mag sein,“ erwiderte Ysara, „doch manchmal vermag gerade Unwissen, was Erfahrung versäumt.“Sie schwiegen wieder, und das Feuer knisterte. Über ihnen spannte sich der Himmel, unendlich und voller Sterne.Und während die Flammen kleiner wurden, ahnten beide nicht, dass dieses Gespräch der erste Schritt war – hinaus aus der Finsternis des Fluchs, hinein in ein Schicksal, das sie fortan miteinander verknüpfen würde.
Die Flammen waren herabgesunken, nur rote Glut zeichnete sich noch im Kreis der Steine. Der Wind rauschte leise durch die Felder, und irgendwo in der Ferne heulte ein Hund. Ysara saß mit angezogenen Knien, die Hände um den Krug geschlungen. Ihre Augen spiegelten das Feuer, doch ihr Blick war fern.„Ihr seid weit gereist,“ sagte sie schließlich. „Von Schlacht zu Schlacht, von Land zu Land. Ihr habt Dinge gesehen, von denen ich nur in Geschichten hörte.“
