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Vorwort. Lustspiele, Komödien, Tragödien, Dramen – viele klassische Werke sind für die meisten Menschen heute Bücher mit sieben Siegeln. Insbesondere die altertümliche Sprache und der sprachliche Aufbau als Bühnenstück lassen nicht nur Schülerinnen und Schüler verzweifeln. Die Reihe "Kein Drama" bringt alte Klassiker in Prosa neu heraus. So werden sie endlich für jede und jeden verständlich. Inhaltlich bleiben die Neufassungen stets dicht am Original. Daher sind teilweise Begriffe enthalten, die heute gemeinhin als diskriminierend wahrgenommen werden. Auch die Struktur ist jeweils abhängig von der genutzten Vorlage – daher sind missverständliche Passagen unvermeidlich.
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2025
Anno Stock
Antigone - Kein Drama
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Table of Contents
Prolog: Die Toten von Theben
Kapitel 1: Der neue König
Kapitel 2: Die Schwestern
Kapitel 3: Zeichen und Warnungen
Kapitel 4: Schatten der Vergangenheit
Kapitel 5: Die Jahre des Exils
Kapitel 6: Der nächtliche Gang
Kapitel 7: Die Konfrontation
Kapitel 8: Im Schatten des Todes
Kapitel 9: Die lebendige Tote
Kapitel 10: Der König und seine Schatten
Kapitel 11: Die Wende
Kapitel 12: Die doppelte Bestattung
Kapitel 13: Nach der Asche
Epilog: Die Überlebende
Nachwort des Autors
Impressum neobooks
ANTIGONE
Ein Roman nach Sophokles
Anno Stock
Das Blut war noch nicht getrocknet auf den Steinen der Elektra-Pforte, als der erste Rabe sich auf dem Torturm niederließ. Er war ein alter Vogel, sein Gefieder zerzaust und stumpf, und er hatte mehr Schlachten gesehen, als die meisten Männer zu zählen vermochten. Jetzt saß er auf dem zerbrochenen Mauerwerk und betrachtete mit einem seiner schwarzen Augen das Schlachtfeld, das sich vor den Mauern Thebens erstreckte.
Die Sonne stand hoch am Himmel, gnadenlos und heiß für diese Jahreszeit. Es war der dritte Tag des Monats Pyanepsion, im dreißigsten Jahr der Herrschaft des Ödipus und seiner Söhne – obwohl die Herrschaft nun vorbei war, beendet durch Stahl und Brudermord. Die Hitze ließ die Luft über dem Leichenberg flimmern, und der süßliche Gestank verwesenden Fleisches vermischte sich mit dem Rauch der noch schwelenden Zeltlager.
Zwanzig Schritte vom Tor entfernt lag ein Mann auf dem Rücken, die Arme weit ausgebreitet, als wolle er den Himmel umarmen. Sein Brustpanzer war durchbohrt worden, genau dort, wo das Herz schlagen sollte. Das Blut hatte sich um seinen Körper herum in den Staub gefressen und eine dunkle Aureole gebildet, die im Sonnenlicht fast schwarz schimmerte. Sein Gesicht, einst stolz und schön, war zur Seite gedreht, die Augen noch geöffnet und starr auf die Stadtmauer gerichtet, als könne er noch immer nicht glauben, dass Theben ihn zurückgewiesen hatte.
Das war Polyneikes, Sohn des Ödipus, Prinz von Theben, Anführer der argivischen Heere. Oder das, was von ihm übrig geblieben war.
Drei Schritte weiter lag sein Bruder.
Eteokles war auf die Seite gefallen, seine rechte Hand noch immer um den Griff seines Schwertes gekrampft. Die Waffe steckte tief in der Erde, als habe er bis zum letzten Moment versucht, sich am Leben festzuhalten. Sein Gesicht war dem seines Bruders zugewandt, und zwischen ihren ausgestreckten Händen war vielleicht ein Spalt von zwei Handbreit – so nah waren sie sich im Tod, diese beiden Männer, die sich im Leben so sehr gehasst hatten.
Der Rabe krächzte einmal, ein Laut wie das Knarren eines rostigen Tores. Dann breitete er seine Schwingen aus und glitt hinab zu den Toten. Es gab Arbeit zu tun.
Um die beiden Prinzen herum erstreckte sich das Chaos der Schlacht. Hunderte von Leichen lagen verstreut über das staubige Feld zwischen den Mauern Thebens und dem verlassenen argivischen Lager. Männer aus beiden Armeen, miteinander verwoben im Tod, als hätte der Krieg sie zu einer grausamen Umarmung gezwungen. Zerbrochene Speere ragten aus dem Boden wie die Stoppeln eines abgeernteten Feldes. Schilde lagen zerbeult und blutverschmiert im Staub. Pfeile steckten überall – in Körpern, in der Erde, in den Überresten von Zelten und Wagen.
Die Schlacht war gestern zu Ende gegangen. Vierundzwanzig Stunden, in denen die Sonne auf die Toten niedergebrannt und die Nacht keine Kühlung gebracht hatte. Schon begann der Verwesungsgeruch die Luft zu vergiften. Fliegen summten in schwarzen Wolken. Weitere Raben kamen, kreisten am Himmel, senkten sich herab. Und in der Ferne, am Rand des Schlachtfeldes, tauchten die ersten streunenden Hunde auf, angelockt vom Geruch des Todes.
In der Stadt Theben selbst herrschte eine seltsame, erdrückende Stille. Die Menschen bewegten sich leise durch die Straßen, als fürchteten sie, die Götter an das Blutbad zu erinnern, das ihre Söhne, Brüder und Väter hinweggerafft hatte. Frauen in schwarzen Gewändern saßen vor verschlossenen Türen und weinten. Kinder versteckten sich in Häusern und wagten nicht, zu spielen. Die Märkte waren geschlossen, die Tempel überfüllt mit Menschen, die verzweifelt nach Antworten suchten, nach Trost, nach irgendeinem Sinn in diesem Wahnsinn.
Das Onka-Tor lag in Trümmern. Die massive Holztür war von einem Rammbock zerschmettert worden, die Torflügel hingen schief in ihren Angeln. Die Mauer daneben zeigte tiefe Risse, und ein ganzer Abschnitt war eingestürzt, sodass eine Bresche klaffte, notdürftig mit Balken und Steinen gestopft. Hier hatte die härteste Schlacht getobt. Hier waren die argivischen Truppen am weitesten vorgedrungen, bis sie schließlich von den verzweifelten Thebanern zurückgeschlagen wurden.
Die Krenäa-Pforte war kaum besser dran. Brandspuren zogen sich die Mauern hinauf, wo die Angreifer versucht hatten, das Tor in Brand zu setzen. Auch hier lagen Tote, aufgestapelt wie Brennholz, noch nicht geborgen, noch nicht identifiziert.
Aber das Schlimmste war nicht die Zerstörung der Gebäude. Das Schlimmste war die Zerstörung der Seelen.
Theben hatte überlebt, ja. Die Stadt stand noch. Die Mauern waren beschädigt, aber nicht gefallen. Die Argiver hatten sich zurückgezogen, geschlagen, demoralisiert nach dem Tod ihrer Anführer. König Adrastos war geflohen mit den kümmerlichen Resten seiner einst stolzen Armee. Die Belagerung war vorbei.
Aber zu welchem Preis?
Die Stadt hatte ihre beiden Könige verloren. Die beiden Söhne des Ödipus, die letzten männlichen Erben des Hauses der Labdakiden, hatten sich gegenseitig erschlagen. Die alte Königslinie war erloschen. Und mit ihr starb auch etwas von der Seele Thebens.
Denn dieser Krieg war kein gewöhnlicher Krieg gewesen. Es war ein Bruderkrieg. Polyneikes hatte argivische Truppen angeführt, ja – Fremde, Barbaren, wie die Thebaner sie nannten. Aber sein Anspruch war nicht unbegründet gewesen. Er war Prinz von Theben, Sohn des Königs, Bruder des Herrschers. Er hatte ein Jahr lang gemeinsam mit Eteokles regiert, wie es vereinbart worden war. Dann hatte Eteokles sich geweigert, die Macht abzugeben.
War Polyneikes ein Verräter? Oder ein betrogener Prinz, der nur sein Recht einforderte?
Die Stadt war in dieser Frage gespalten gewesen. Viele hatten Eteokles unterstützt, den König, der die Stadt verteidigte. Aber andere hatten Polyneikes Recht gegeben, hatten geflüstert, dass Eteokles ein Usurpator war, ein Eidbrecher.
Jetzt waren beide tot. Und die Frage nach Recht und Unrecht lag unbeantwortet auf dem Schlachtfeld, zwischen ihren blutigen Leibern.
Der alte Rabe hatte seine Mahlzeit beendet. Er saß auf Polyneikes' Brust und putzte seine Federn. Andere Vögel kamen jetzt, weniger zurückhaltend. Sie stießen herab, pickten, rissen. Der tote Prinz konnte sich nicht mehr wehren.
Auf der Stadtmauer erschien eine Gestalt. Ein Mann, groß und breitschultrig, in der purpurnen Chlamys eines Herrschers. Er stand regungslos und blickte auf das Schlachtfeld hinab, auf die beiden Leichname, auf die kreisenden Vögel.
Das war Kreon, Bruder der verstorbenen Königin Iokaste. Seit drei Stunden König von Theben. Und in seinen Händen lag jetzt die Entscheidung über Leben und Tod, über Ehre und Schande, über die Zukunft dieser verwundeten Stadt.
Er beobachtete die Raben. Er sah, wie sie ihre Arbeit verrichteten. Und er lächelte nicht, aber er schickte auch niemanden, um sie zu vertreiben.
Denn Kreon hatte bereits entschieden, was mit Polyneikes geschehen sollte.
Kreon stand auf den Zinnen des Palastes und blickte auf seine Stadt hinab. Das Wort "seine" fühlte sich noch fremd an. Noch vor drei Tagen war er nur der Regent gewesen, der Stellvertreter, der Mann im Schatten der Macht. Jetzt war er König. Nicht weil er danach gegriffen hatte, sondern weil es sonst niemanden gab.
Die Stadt lag in der Morgensonne wie ein verwundetes Tier. Von hier oben konnte er die Schäden sehen, die die Belagerung angerichtet hatte. Rauchsäulen stiegen noch immer von einigen Vierteln auf, wo Brände in der Schlacht ausgebrochen waren. Die großen Tore – sieben an der Zahl, die berühmten sieben Tore von Theben – waren beschädigt, manche mehr, manche weniger. Arbeiter hatten bereits begonnen, die gröbsten Schäden zu reparieren, aber es würde Monate dauern, vielleicht Jahre, bis die Stadt wieder so stark war wie vor dem Krieg.
Wenn sie jemals wieder so stark werden würde.
Kreon war ein Mann von sechzig Jahren, aber er fühlte sich an diesem Morgen wie hundert. Sein Körper war noch immer kräftig – ein Leben als Soldat und Feldherr hatte ihn hart gemacht – aber seine Seele war müde. Er hatte zu viele Kriege gesehen, zu viele Tote begraben, zu viele Könige kommen und gehen sehen.
Sein Gesicht war wettergegerbt und von tiefen Falten durchzogen. Sein Haar, einst dunkel wie die Nacht, war jetzt grau meliert und zurückweichend. Seine Augen, grau wie Winterhimmel, hatten den distanzierten Blick eines Mannes gesehen, der gelernt hatte, Gefühle zu unterdrücken, weil Gefühle in der Politik nur Schwäche bedeuteten.
Er trug die purpurne Chlamys, den Königsmantel, den man ihm vor drei Stunden umgelegt hatte. Der Stoff war schwer, kostbar, mit goldenen Fäden durchwirkt. Er hatte einst Laios gehört, dann Ödipus, dann Eteokles. Jetzt lag er auf Kreons Schultern, und er fühlte sich an wie eine Last aus Blei.
"Mein König."
Die Stimme kam von hinten. Kreon drehte sich nicht sofort um. Er kannte die Stimme – es war Menoikeus, sein Vater, sein engster Berater. Der alte Mann hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, genau wie Kreon selbst.
"Nenne mich nicht König", sagte Kreon leise, ohne sich umzudrehen. "Nicht wenn wir allein sind."
"Du bist König", erwiderte Menoikeus mit seiner krächzenden Stimme. "Der Rat hat dich gewählt. Einstimmig. Das Volk akzeptiert dich. Du trägst die Chlamys. Was bist du sonst, wenn nicht König?"
Kreon drehte sich nun um. Sein Vater stand in der Tür zum Wachturm, gestützt auf einen dicken Eichenstock. Menoikeus war über siebzig Jahre alt, ein uralter Mann nach griechischen Maßstäben. Sein Gesicht war so zerfurcht wie altes Leder, sein weißer Bart reichte bis auf die Brust. Aber seine Augen waren noch klar, scharf, wachsam.
"Ich bin ein Mann, der eine Aufgabe übernommen hat, weil es sonst niemanden gab", sagte Kreon. "Das macht mich zum Herrscher, ja. Aber zum König?"
"Was ist der Unterschied?"
Kreon lächelte bitter. "Ein Herrscher hat Macht. Ein König hat Legitimität. Ich habe die Macht, ja. Aber die Legitimität..." Er schüttelte den Kopf. "Ich bin kein Labdakide. Ich bin nicht aus dem Blut der Könige."
"Du bist aus dem Blut der Spartoi", sagte Menoikeus. "Die gesäten Männer, die Theben gegründet haben. Dein Blut ist genauso alt, genauso edel wie das der Labdakiden. Älter vielleicht."
"Die Menschen sehen das anders."
"Die Menschen", sagte Menoikeus mit leichter Verachtung, "sind froh, dass überhaupt noch jemand regiert. Nach dem, was sie durchgemacht haben, ist ihnen die Blutlinie egal. Sie wollen Ordnung. Sicherheit. Einen starken Mann, der die Stadt wieder aufbaut."
Kreon trat vom Fenster weg und ging zum Tisch in der Mitte des Raumes. Dort lag eine Karte von Theben und der Umgebung, mit kleinen Spielsteinen markiert – die Positionen der Truppen, die Schäden an den Mauern, die strategischen Schwachpunkte.
"Die Argiver sind wirklich abgezogen?", fragte er.
"Ja. Unsere Späher haben es bestätigt. König Adrastos ist über den Ismenus gezogen mit dem, was von seiner Armee übrig ist. Sie werden nicht zurückkommen. Nicht bald jedenfalls."
"Wie viele haben wir verloren?"
Menoikeus zögerte. Dann sagte er leise: "Die genauen Zahlen haben wir noch nicht. Aber die Schätzungen liegen bei achthundert bis tausend Toten. Und mindestens noch einmal so viele Verwundete."
Kreon schloss die Augen. Tausend Tote. In einer Stadt von vielleicht fünfzehntausend Einwohnern. Das bedeutete, dass fast jede Familie jemanden verloren hatte.
"Die Begräbnisse werden Wochen dauern", murmelte er.
"Ja. Die Priester sind bereits überfordert. Und die Scheiterhaufen..." Menoikeus brach ab.
"Sprich weiter."
"Wir haben nicht genug Holz. Nicht für so viele. Wir werden einige der Toten in Massengräbern bestatten müssen."
Kreon nickte langsam. Es war eine pragmatische Notwendigkeit, aber er wusste, dass die Menschen protestieren würden. Die Griechen legten großen Wert auf ordentliche Bestattungen. Ein Massengrab war eine Schande.
Aber was sollte er tun? Die Toten konnten nicht ewig unbestattet bleiben.
"Und die beiden Prinzen?", fragte Kreon, obwohl er die Antwort bereits kannte.
"Eteokles wurde gestern Abend in den Palast gebracht. Sein Körper liegt jetzt in der großen Halle, aufgebahrt. Die Frauen haben ihn gewaschen und in Leinen gehüllt. Morgen können wir ihn bestatten."
"Und Polyneikes?"
Menoikeus schwieg einen Moment. Dann sagte er vorsichtig: "Niemand hat ihn angerührt. Die Soldaten warten auf deine Anweisungen."
"Gut", sagte Kreon.
"Du hast also entschieden?"
"Ja."
Menoikeus wartete, aber Kreon sagte nichts weiter. Schließlich fragte der alte Mann: "Und was hast du entschieden?"
Kreon wandte sich vom Tisch ab und trat wieder ans Fenster. Von hier aus konnte er das Schlachtfeld nicht sehen – es lag auf der anderen Seite des Palastes – aber er konnte es sich vorstellen. Die Leichen. Die Vögel. Den Gestank.
"Eteokles war König", sagte er langsam. "Er hat Theben verteidigt. Er starb auf thebanischem Boden, mit dem Schwert in der Hand, gegen die Feinde seiner Stadt kämpfend. Er wird mit allen Ehren beigesetzt, die einem Helden gebühren. Morgen bei Sonnenaufgang. Mit Opfern, mit Spielen, mit Trauerreden. Das ganze Volk soll daran teilnehmen und sehen, wie Theben seine Könige ehrt."
"Das ist angemessen", sagte Menoikeus. "Und Polyneikes?"
Jetzt drehte sich Kreon um. Seine Augen waren hart wie Stein.
"Polyneikes war ein Verräter."
Die Worte fielen wie Axthiebe in die Stille.
"Er kam mit fremden Armeen", fuhr Kreon fort, und seine Stimme wurde härter. "Mit argivischen Barbaren. Er legte Feuer an die Felder seiner eigenen Heimat. Er befahl seinen Soldaten, die Tempel zu plündern, die Häuser zu verbrennen. Er wollte Theben vernichten, nur um auf einem Thron zu sitzen, der ihm nicht gehörte."
"Er war auch Prinz von Theben", wagte Menoikeus einzuwenden. "Und manche sagen, Eteokles hatte ihm Unrecht getan."
"Manche sagen vieles", erwiderte Kreon scharf. "Aber ich bin jetzt König, und ich sage: Wer seine Heimat angreift, ist ein Verräter. Und Verräter verdienen keine Ehre."
Menoikeus wurde blass. "Du meinst..."
"Polyneikes wird nicht bestattet werden", sagte Kreon, und seine Stimme duldete keinen Widerspruch. "Sein Leichnam bleibt liegen, wo er gefallen ist. Als Fraß für Vögel und Hunde. Als Warnung für jeden, der jemals daran denken sollte, Theben zu verraten."
"Kreon", sagte Menoikeus, und zum ersten Mal seit langer Zeit sprach er seinen Sohn mit dem Namen an, nicht mit dem Titel. "Das ist gegen alle Gesetze. Die Götter..."
"Die Götter", unterbrach Kreon ihn kalt, "haben diesem Haus nichts als Fluch und Verderben gebracht. Ich habe genug von Göttern und Orakeln und Prophezeiungen. Jetzt regieren die Gesetze der Menschen. Meine Gesetze."
"Die Priester werden protestieren."
"Dann werden sie lernen, wer in Theben das Sagen hat."
"Die Familie..."
"Welche Familie?", höhnte Kreon. "Ödipus ist tot oder im Exil, ich weiß es nicht und es interessiert mich nicht. Iokaste ist tot. Die beiden Söhne sind tot. Es bleiben nur zwei Mädchen – Antigone und Ismene. Und die werden gehorchen, wie alle anderen auch."
Menoikeus schüttelte langsam den Kopf. "Du machst einen Fehler, mein Sohn."
"Ich treffe eine notwendige Entscheidung", korrigierte Kreon. "Theben ist schwach jetzt. Verwundet. Wenn ich Schwäche zeige, wenn ich Milde walten lasse, dann werden die Menschen das als Zeichen werten, dass sie tun können, was sie wollen. Ich muss Stärke zeigen. Von Anfang an. Und diese Stärke beginnt hier."
"Indem du einen Toten schändest?"
"Indem ich zeige, dass Verrat Konsequenzen hat. Auch über den Tod hinaus."
Menoikeus seufzte tief. Er sah plötzlich sehr alt aus, sehr müde. "Ich hoffe, du weißt, was du tust."
"Das tue ich", sagte Kreon mit einer Überzeugung, die er nicht ganz fühlte.
Einen Moment lang herrschte Schweigen zwischen Vater und Sohn. Dann sagte Menoikeus leise: "Der Rat wartet."
"Ich weiß. Lass uns gehen."
Sie verließen den Wachturm und stiegen die steinernen Treppen hinab in den Palast. Die Gänge waren kühl und dunkel, erleuchtet nur von vereinzelten Fackeln. Diener huschten vorbei, senkten die Köpfe vor dem neuen König. Soldaten standen an den Türen, in poliertem Bronze, die Speere aufrecht.
Kreon bemerkte, wie sie ihn ansahen. Mit Respekt, ja. Aber auch mit einer gewissen Vorsicht. Er war noch kein König in ihren Augen, nicht wirklich. Er war der Mann, der König geworden war, weil alle anderen tot waren.
Er musste ihnen beweisen, dass er es verdiente.
Sie erreichten die große Halle. Die Türen waren geschlossen, aber Kreon konnte die Stimmen von innen hören – zwanzig Männer, die miteinander stritten, diskutierten, argumentierten.
"Bereit?", fragte Menoikeus leise.
Kreon nickte. Dann stieß er die Türen auf und trat ein.
Die Diskussionen verstummten augenblicklich. Alle Köpfe drehten sich zu ihm um. Zwanzig Gesichter, alt und jung, wohlwollend und skeptisch, hoffnungsvoll und ängstlich.
Der Rat von Theben.
Kreon schritt in die Mitte der Halle, den Kopf erhoben, die Schultern gestrafft. Die purpurne Chlamys floss hinter ihm her wie ein Banner.
"Meine Herren", sagte er, und seine Stimme hallte durch den Raum. "Danke, dass ihr gekommen seid. Wir haben viel zu besprechen."
Er wartete nicht auf eine Antwort. Er setzte sich auf den Thron am Ende der Halle – einen einfachen Stuhl aus dunklem Holz, noch ohne die Verzierungen eines richtigen Königsthrons – und ließ seinen Blick über die versammelten Männer wandern.
"Theben hat eine schwere Zeit hinter sich", begann er. "Wir haben zwei Könige verloren. Wir haben Hunderte von Soldaten verloren. Unsere Mauern sind beschädigt, unsere Vorräte erschöpft, unsere Menschen traumatisiert. Aber wir haben überlebt. Und jetzt müssen wir wieder aufbauen."
Zustimmendes Gemurmel. Einige der Männer nickten.
"Dafür brauchen wir Ordnung", fuhr Kreon fort. "Disziplin. Einheit. Wir können es uns nicht leisten, in alte Fehler zurückzufallen. Wir können es uns nicht leisten, dass jeder tut, was er will. Es muss klare Regeln geben. Und diese Regeln müssen durchgesetzt werden."
"Mit allem Respekt, König Kreon", meldete sich plötzlich eine Stimme. Es war Eurydamas, der Oberpriester des Zeus-Tempels, ein hagerer Mann mit asketischem Gesicht. "Was genau meinst du damit?"
Kreon richtete seinen Blick auf den Priester. "Ich meine, dass jeder, der diese Stadt liebt, nach denselben Regeln leben muss. Und dass jeder, der diese Stadt verrät, die Konsequenzen tragen muss."
"Du sprichst von Polyneikes", sagte Eurydamas.
"Ich spreche von jedem Verräter", erwiderte Kreon. "Aber ja, ich beginne mit Polyneikes."
Die Spannung im Raum war plötzlich greifbar.
"Was hast du entschieden?", fragte Apollodoros, der Kommandant der Stadtgarde, ein bulliger Mann von fünfzig Jahren.
Kreon erhob sich vom Thron. Er schritt langsam durch die Halle, während alle Augen ihm folgten.
"Eteokles", sagte er, "wird morgen bei Sonnenaufgang mit allen königlichen Ehren beigesetzt. Sein Scheiterhaufen wird am Heiligtum des Dionysos errichtet. Das ganze Volk ist eingeladen, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Priester werden die Riten durchführen. Sein Name wird in den Annalen der Stadt als Held verzeichnet werden."
"Das ist angemessen", sagte Phaedimos, ein schmaler Mann mit scharfen Zügen, der die Handelsgilden vertrat.
"Und Polyneikes", sagte Kreon, und seine Stimme wurde eisig, "wird nicht bestattet werden."
Ein kollektives Keuchen ging durch die Versammlung.
"Er war ein Verräter", fuhr Kreon fort, bevor jemand protestieren konnte. "Er kam mit feindlichen Truppen. Er wollte seine eigene Heimat zerstören. So einen Mann ehrt man nicht. Man lässt ihn liegen, wo er gefallen ist. Als Warnung. Als Abschreckung."
"Das ist Wahnsinn!", rief Eurydamas und sprang auf. "Du kannst nicht die heiligen Gesetze brechen! Jeder Tote hat Anrecht auf Bestattung, egal was er im Leben getan hat! Das verlangen die Götter!"
"Ich bin König", sagte Kreon kalt. "Nicht die Götter."
"Die Götter sind über allen Königen!", erwiderte der Priester hitzig. "Du bist im Begriff, Hybris zu begehen – Hochmut gegenüber den Göttern! Das wird schreckliche Folgen haben!"
"Die einzige Folge wird sein", sagte Kreon, "dass die Menschen von Theben lernen, dass Verrat nicht toleriert wird. Das ist keine Hybris. Das ist Gerechtigkeit."
"Du nennst es Gerechtigkeit, einen Toten zu schänden?"
"Ich nenne es notwendig."
Die Diskussion entbrannte. Mehrere Ratsmitglieder redeten gleichzeitig, einige unterstützten Kreon, andere griffen ihn an. Die Stimmen wurden lauter, die Argumente hitziger.
Aber Kreon blieb ruhig. Er hatte mit Opposition gerechnet. Und er war bereit, sie zu überwinden.
"Genug!", rief er schließlich, und seine Stimme übertönte alle anderen. "Ich habe nicht um eure Meinung gebeten. Ich habe euch meine Entscheidung mitgeteilt."
"Aber der Rat...", begann jemand.
"Der Rat berät mich", unterbrach Kreon. "Aber ich entscheide. Das ist das Wesen der Monarchie. Und meine Entscheidung steht fest: Polyneikes wird nicht bestattet. Sein Leichnam bleibt liegen. Und um sicherzustellen, dass diese Anordnung befolgt wird, erlasse ich ein Edikt."
Er nickte einem Schreiber zu, der in der Ecke saß. Der junge Mann begann hastig zu schreiben, während Kreon diktierte:
"Im Namen des Königs Kreon von Theben wird hiermit verkündet: Der Leichnam des Polyneikes, Verräter an seiner Stadt, darf nicht bestattet werden. Wer versucht, ihm die Totenriten zu gewähren, wer seinen Körper wäscht oder mit Erde bedeckt, wer Gebete für seine Seele spricht – wird mit dem Tod bestraft. Die Strafe ist öffentliche Steinigung vor den Toren der Stadt. Dies gilt für jeden Bürger, ungeachtet seines Standes oder seiner Familie. Das Edikt tritt sofort in Kraft."
Totenstille.
Dann sagte Menoikeus leise: "Du weißt, was du damit tust?"
"Ich errichte eine Ordnung", antwortete Kreon. "Eine neue Ordnung für eine neue Zeit."
Eurydamas schüttelte den Kopf. "Du errichtest eine Katastrophe. Die Götter werden dich strafen, Kreon. Mark meine Worte."
"Ich habe deine Worte gehört", sagte Kreon kühl. "Und ich ignoriere sie. Gibt es noch weitere Einwände?"
Niemand sprach. Die Männer sahen sich unbehaglich an, aber keiner wagte es, weiter zu widersprechen.
"Gut", sagte Kreon. "Dann sind wir hier fertig. Das Edikt wird in der ganzen Stadt verkündet. Wachen werden bei Polyneikes' Leichnam aufgestellt, Tag und Nacht. Und morgen werden wir Eteokles die Ehre erweisen, die ihm gebührt."
Er wandte sich zur Tür. Die Diskussion war beendet. Die Entscheidung gefallen.
Aber als er den Saal verließ, spürte er die Blicke in seinem Rücken. Skeptische Blicke. Besorgte Blicke.
Und irgendwo, tief in seinem Inneren, regte sich ein erster, winziger Zweifel.
Aber er schob ihn beiseite. Er war König jetzt. Könige durften nicht zweifeln.
Das Haus, in dem Antigone und Ismene lebten, lag im östlichen Viertel der Stadt, nahe dem alten Palast, den ihre Familie einst bewohnt hatte. Es war ein bescheidenes Gebäude aus grauem Kalkstein, zweistöckig, mit einem kleinen Innenhof in der Mitte. Einst hatte es einem Cousin ihrer Mutter gehört, aber nach dessen Tod im Krieg war es an die königliche Familie zurückgefallen. Ödipus hatte es seinen Töchtern überlassen, als er Theben verließ – ein letztes Geschenk, bevor er sich ins Exil begab.
Von außen wirkte das Haus unscheinbar, fast ärmlich. Die Fassade war verwittert, der Putz an manchen Stellen abgeblättert. Das Holz der Fensterläden war ausgeblichen von der Sonne. Ein eisernes Gitter schützte die Tür – notwendig in diesem Viertel, wo die Armut näher rückte als den Schwestern lieb war.
Aber im Inneren war das Haus sauber und ordentlich. Ismene sorgte dafür. Sie war diejenige, die die Diener anwies, die Böden zu schrubben und die Wände zu weißen. Sie war diejenige, die frische Kräuter auf die Fensterbretter stellte, um den Gestank der Stadt fernzuhalten. Sie versuchte, aus diesem Haus ein Zuhause zu machen – auch wenn es niemals wirklich eines werden würde.
