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Lustspiele, Komödien, Tragödien, Dramen – viele klassische Werke sind für die meisten Menschen heute Bücher mit sieben Siegeln. Insbesondere die altertümliche Sprache und der sprachliche Aufbau als Bühnenstück lassen nicht nur Schülerinnen und Schüler verzweifeln. Die Reihe "Kein Drama" bringt alte Klassiker in Prosa neu heraus. So werden sie endlich für jede und jeden verständlich. Inhaltlich bleiben die Neufassungen stets dicht am Original. Daher sind teilweise Begriffe enthalten, die heute gemeinhin als diskriminierend wahrgenommen werden.
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Seitenzahl: 37
Veröffentlichungsjahr: 2025
Anno Stock
Was ihr wollt - Kein Drama nach William Shakespeare
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Table of Contents
Kapitel 1: Der Sturm
Kapitel 2: Neue Identität
Kapitel 3: Die Gräfin Olivia
Kapitel 4: Verwechslungen beginnen
Kapitel 5: Sebastian lebt
Kapitel 6: Der falsche Brief
Kapitel 7: Chaos und Verwirrung
Kapitel 8: Identitätskrise
Kapitel 9: Neue Verbindungen
Kapitel 10: Was ihr wollt
Epilog: Ein Jahr später
Impressum neobooks
Was ihr wollt
Die See tobte wie ein wildes Tier. Schwarze Wellen, höher als Häuser, warfen das Schiff hin und her wie ein Spielzeug in den Händen eines zornigen Riesen. Der Wind heulte so laut, dass die verzweifelten Rufe der Matrosen kaum zu hören waren. Blitze zerrissen den Nachthimmel und tauchten das Chaos für Sekunden in grelles, weißes Licht.
Viola klammerte sich an die Reling und versuchte, ihren Bruder nicht aus den Augen zu verlieren. Sebastian stand nur wenige Meter entfernt, doch in der Dunkelheit und dem tosenden Sturm schien er unendlich weit weg zu sein. Salzwasser peitschte ihr ins Gesicht, und ihre durchnässten Kleider klebten schwer an ihrem Körper.
"Sebastian!", schrie sie, aber der Wind riss ihr die Worte von den Lippen.
Ein gewaltiger Brecher krachte über das Deck. Das Schiff ächzte und stöhnte unter der Wucht des Wassers. Holz splitterte. Menschen schrien. Viola spürte, wie ihre Finger von der nassen Reling abrutschten. Sie griff ins Leere.
Das letzte, was sie sah, bevor die schwarze See sie verschluckte, war Sebastians Gesicht – bleich vor Entsetzen, die Hand nach ihr ausgestreckt. Dann war da nur noch Dunkelheit und das eiskalte Wasser, das sie nach unten zog.
Die Welt verschwand.
Als Viola erwachte, lag sie auf warmem Sand. Die Sonne brannte auf ihrer Haut. Jeder Atemzug schmerzte. Salzwasser brannte in ihrer Kehle. Langsam öffnete sie die Augen.
Über ihr strahlte ein wolkenloser Himmel in einem Blau, das fast unwirklich schien nach der Schwärze der Sturmnacht. Das sanfte Rauschen der Wellen klang friedlich, als hätte das Meer nie gewütet. Möwen kreisten über ihr und stießen ihre rauen Schreie aus.
"Sie lebt! Gott sei Dank, sie lebt!"
Ein bärtiges Gesicht schob sich in ihr Blickfeld. Der Mann, der über sie gebeugt stand, trug die einfache Kleidung eines Seemanns. Seine Augen blickten freundlich und besorgt.
"Langsam, junge Dame", sagte er, als Viola versuchte, sich aufzusetzen. "Ihr habt viel durchgemacht. Der Sturm war einer der schlimmsten, die ich je erlebt habe."
"Sebastian", krächzte Viola. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. "Mein Bruder... wo ist mein Bruder?"
Der Seemann – er stellte sich als Kapitän vor – schüttelte traurig den Kopf. "Es tut mir leid. Ihr wart die Einzige, die wir am Strand gefunden haben. Die anderen..." Er verstummte.
Viola schloss die Augen. Tränen brannten hinter ihren Lidern, aber sie weinte nicht. Noch nicht. Vielleicht lebte Sebastian ja noch. Vielleicht war er irgendwo an Land gespült worden, genau wie sie. Sie durfte die Hoffnung nicht aufgeben.
"Wo bin ich?", fragte sie schließlich.
"In Illyrien", antwortete der Kapitän. "Ein schönes Land, regiert von Herzog Orsino. Ein guter Mann, wie man hört, wenn auch etwas... nun ja, schwermütig in letzter Zeit."
Viola nickte langsam. Illyrien. Sie hatte davon gehört – ein Land an der östlichen Küste der Adria, bekannt für seine Schönheit und seinen Reichtum. Aber sie war allein hier, ohne Familie, ohne Freunde, ohne Schutz. Eine junge Frau ohne Begleitung in einem fremden Land – das war gefährlich.
"Kapitän", sagte sie und ihre Stimme wurde fester. "Ich brauche Eure Hilfe."
Der alte Seemann betrachtete sie aufmerksam. In ihren Augen lag eine Entschlossenheit, die ihn an seine eigene Tochter erinnerte. "Was habt Ihr vor, junge Dame?"
"Ich kann nicht als Frau allein in diesem Land überleben", erklärte Viola. "Aber als Mann... als Mann könnte ich Arbeit finden, mich selbst versorgen und nach meinem Bruder suchen."
Der Kapitän runzelte die Stirn. "Das ist ein gefährliches Spiel. Wenn man Euch entdeckt..."
"Dann bin ich verloren. Aber was ist die Alternative? Betteln? Oder Schlimmeres?" Viola stand auf, wankte kurz, fand dann aber ihr Gleichgewicht. "Ich bin stark genug dafür. Und klug genug, um es durchzuziehen."
